uBuntu
die südafrikanische Lebensphilosophie,
Grundlage der
Wahrheits- und Versöhnungskommission
>Hier< eine allgemeine Betrachtung über Schuld und Sühne,
Täter und Opfer, Strafe und Gerechtigkeit,
Verstrickung,
Wahrheit und Versöhnung
Ubuntu (uBuntu) ist eine Philosophie der Menschlichkeit, Nächstenliebe und für Gemeinsinn im Bereich der Zulu und der Xhosa (früher: Kaffern) - Bantuvölker. In der Ruandischen/Burundischen Sprache (Kinyarwanda/Kirundi, Bantu-Sprachen) bedeutet Ubuntu Gratis.
Nach Wikipedia, der Interent-Enzyklopädie:
Mit uBuntu wird eine afrikanische Grundhaltung bezeichnet, die sich vor allem auf wechselseitigen Respekt und Anerkennung, Achtung der Menschenwürde und das Bestreben nach einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft stützt, aber auch für den Glauben an ein „universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet“.
Ubuntu beinhaltet auch politische und religiös-spirituelle Aspekte, die die Verortung des Individuums innerhalb seiner Gemeinschaft betonen. Es gibt Versuche des Südafrikanischen Verfassungsgerichts, diesen afrikanischen Kulturwert bei der Auslegung der Grundrechte in der südafrikanischen Bill of Rights* einzubeziehen.
* im englischsprachigen Raum ein Gesetz, das grundlegende Bürgerrechte gewährt. Insbesondere:
In England, ein Gesetz vom 23. Oktober 1689, das die Rechte des englischen Parlaments festlegte: siehe Bill of Rights (England).
Die Virginia Declaration of Rights, häufig Virginia Bill of Rights genannt, im Unabhängigkeitsjahr 1776.
In den USA, die ersten zehn Amendments zur Verfassung der USA (Verfassungszusätze) von 1789: siehe Bill of Rights (Vereinigte Staaten).
Ein weitere Erklärung:
Ubuntu ist ein Begriff aus Afrika und bedeutet "Menschlichkeit gegenüber Anderen". Es ist "der Glaube an etwas Universelles, das die gesamte Menschheit verbindet". Dieses Konzept ist die Grundlage für die Zusammenarbeit in der Ubuntu-Gemeinschaft. Wir wollen bzw. müssen effizient zusammenarbeiten. Diese Verhaltensregeln sind die Basis für die Kommunikation unter uns.
Desmond Tutu beschreibt Ubuntu so:
"Ein Mensch mit Ubuntu ist für Andere offen und zugänglich. Er bestätigt Andere und fühlt sich nicht bedroht, wenn jemand gut und fähig ist, denn er oder sie hat ein stabiles Selbstwertgefühl, das in der Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen verankert ist. -- Erzbischof Desmond Tutu in "No Future Without Forgiveness" ("Keine Zukunft ohne Vergebung").
Nebenbei:
Der Name "Ubuntu" ist auch für die Distribution des Computerbetriebssystems Linux gewählt worden, "weil er die Grundgedanken des Miteinander-Teilens und der Kooperation perfekt trifft, die für die Open-Source-Bewegung so wichtig sind. In der Welt der freien Software arbeiten wir freiwillig zusammen, um Software zu schaffen, die allen nützt. Wir verbessern die Werke Anderer, die wir frei erhalten haben, und teilen unsere Erweiterungen auf der gleichen Basis mit Anderen." (Aus einer LINUX-Beschreibung)
Ich bin weil ihr seid
Afrikanische Tradition des "uBuntu" wird moderne Sozialethik
Erika von Wietersheim; aus afrika süd 5/2000
Zweimal ist eingetreten, was die Welt nicht erwartet hatte: ein versöhnliches Südafrika nach der Apartheid und ein friedliches Südafrika nach Mandela. Ungestört durch den Lärm westlicher Kassandrarufe, sucht das Land weiterhin seinen eigenen Weg.
Angesichts der nicht enden wollenden Bürgerkriege in Angola und im Kongo, der Landkonflikte in Simbabwe, der täglichen Schreckensmeldungen über Korruption, Miss-Wirtschaft und Menschenrechtsverletzungen und der medienwirksamen Hilflosigkeit afrikanischer Staaten bei Dürre-, Hunger- und Flutkatastrophen - kurzum, angesichts der schwindenden Hoffnungen für den "verlorenen Kontinent Afrika" gibt es ein Land, das sich wie eine Insel des politischen Friedens, des relativen Wohlstandes und einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik präsentiert: Südafrika, das Land am Kap der Guten Hoffnung, das vor sechs Jahren aus dem sozialen und politischen Trümmerhaufen der Apartheid zu einem demokratischen Staat geworden ist.

Nach 350 Jahren Fremdherrschaft sind sechs Jahre Freiheit wenig. Dennoch kann Südafrika politische und soziale Erfolge vorweisen, die nicht nur aus dem Schwung eines Neuanfangs erklärt werden können. In keiner Weise trat ein, was die Welt aufgrund der Erfahrungen mit Afrika in den letzten 5O Jahren prophezeit hatte. Schon 1994 hatte kein Blutbad stattgefunden, nachdem die brutal unterdrückte schwarze Bevölkerungsmehrheit in die Freiheit entlassen worden war; der Rücktritt des charismatischen Nelson Mandela und seine Ablösung durch Thabo Mbeki gingen ohne größere politische Unruhe vonstatten, und die zweite Wahl fand statt, als ob Südafrika schon immer im Zustand der Mehrparteiendemokratie gelebt hätte. Die Arbeit der Truth and Reconciliation Commission, die unsagbare Grausamkeiten und Menschenrechtsverletzungen zutage brachte, führte nicht zu einem Sturm des Entsetzens und Racheaktionen, sondern zu Trauer, Anteilnahme an den Opfern und zu einem Aufruf zur Versöhnung.
Woher kommt diese Versöhnungsbereitschaft, diese für Europäer schwierig nachvollziehbare Toleranz?
Unzählige Beispiele zeigen, dass westliche Instrumente auch in erfolgreich zur Unabhängigkeit gelangten afrikanischen Ländern nicht tief genug greifen: Demokratische Verfassungen und liberaler Rechtsstaat, Entwicklungshilfe, Hungerhilfe und UN-Einsätze führen zwar hier und dort zu Teilerfolgen, aber nicht zu einer stabilisierenden Transformation afrikanischer Gesellschaften. Korruption, Nepotismus und Militärdiktaturen, Bürgerkriege, Passivität und Nehmermentalität sind direkte und indirekte Folgen.
Ohnmacht des Westens
Gescheiterte polizeiliche Aktionen zur Bekämpfung der Kriminalität führen zur Ohnmacht und Resignation schwarzer Polizisten, der Spagat zwischen modernen westlichen und afrikanisch traditionellen Ansprüchen ist auf die Dauer nicht aushaltbar. Was in stabilen Situationen noch an westlich-demokratischen Strukturen zu funktionieren scheint, wird angesichts bedrohlicher Unruhen und Instabilität kurzerhand ausgeschaltet.
"Westliche Vorstellungen von Demokratie und Rechtsstaat passen zu Afrika wie das Toupet auf die Glatze. Es passt, aber es wachst nicht an", meint ein Journalist in Simbabwe, wo die Ohnmacht von Demokratie und Rechtsstaat unlängst in aller Deutlichkeit sichtbar wurde. "Wenn der Kopf wackelt, fällt das Toupet runter."
In Südafrika wächst derzeit etwas, das nicht wie ein angeklebtes Etikett abfallen kann - Seine Kraft, die inhärenter Teil der schwarzen Bevölkerung ist und mit Macht im Wirbel der Transformationsprozesse nach der Apartheid an die Oberfläche der südafrikanischen Gesellschaft dringt: die Kraft der alten Tradition des uBuntu.
Auf die Frage eines Europäers nach der Bedeutung dieses Wortes wird ein afrikanischer Philosoph antworten, uBuntu bedeute Menschlichkeit. Aber uBuntu ist mehr als diese höflich-nachsichtige Antwort: uBuntu ist Begriff für die Essenz afrikanischer Spiritualität und afrikanisch verstandener Menschenwürde; uBuntu ist afrikanische Lebenskraft und Vitalität, aber auch der Sensor für das Verständnis für andere Menschen, Kulturen und Religionen; das Gegenüber ist nach uBuntu Spiegel der eigenen Menschlichkeit oder potentiellen Unmenschlichkeit und daher wichtigstes Korrektiv meiner Haltungen und Handlungen; uBuntu bewirkt in der menschlichen Gesellschaft Stabilität und Ausgleich, aber auch Dynamik und Veränderung, es lässt menschliche Beziehungen entstehen und hält sie am Leben. In gemeinsamen Riten und Gottesdiensten oder im Rhythmus afrikanischer Trommeln und Tänze findet uBuntu seinen lebendig-sichtbaren Ausdruck.
Das "Cogito, ergo sum" der europäischen Aufklärung wird durch die zentrale Aussage der uBuntu-Philosophie ersetzt: "Ich bin, weil ihr seid, und ihr seid, weil ich bin."
"Im Strudel lebensbedrohender Umwälzungen brauchte Südafrika einen Rettungsring, zu dem wir Afrikaner ohne Angst vor erneuter Überfremdung greifen konnten", erklärt N. Koka, südafrikanischer Philosoph und persönlicher Berater des heutigen Präsidenten Thabo Mbeki. "uBuntu hat uns durch das unendliche Leid der Sklaverei, des Kolonialismus und der Apartheid getragen. Mit dem Ende der Apartheid waren wir frei, unsere afrikanischen Werte und vor allem unsere unzerstörte afrikanische Spiritualität öffentlich zu revitalisieren und für alle Bereiche der Gesellschaft zu mobilisieren. uBuntu ist ein Wort, mit, dem sich alle Südafrikaner identifizieren können, den Begriff uBuntu gibt es in allen einheimischen Sprachen des Südlichen Afrika."
Die Stärke der afrikanischen Spiritualität sei, dass sie nie institutionalisiert wurde, schreibt Cedric Mayson im Mail and Guardian (August 2000), um zu erklären, warum uBuntu Kolonialismus, Christianisierung und die Einführung der westlichen Kultur überlebt hat. "uBuntu trägt Spiritualität in die Gemeinschaft, nicht in Institutionen wie die nach Südafrika importierten Religionen des Christentums und des Islam. Institutionen kann man bekämpfen, kann man vernichten, Spiritualität nicht. Unsere afrikanische Spiritualität ließ und lässt sich nicht in Bücher binden, in Gebäude einsperren, selbst wenn viele Afrikaner sich europäischen oder östlichen Religionen angeschlossen haben. uBuntu besteht nicht aus einer Liste festgelegter Doktrinen, uBuntu ist Ausdruck gemeinschaftsstiftender Beziehungen. Nur in diesem kommunalen Ansatz können wir heute eine Antwort auf Korruption, Kriminalität und Gewalt finden - Moral nicht als individuelles Gutsein, sondern als ein gemeinschaftliches Überlebensprojekt."
Moralische Erneuerung
Es ist nicht allzu schwierig, aus europäischer Perspektive der Aufklärung und des Rationalismus die uBuntu-Philosophie zu zerpflücken, bis nur noch ein paar exotische bunte Federn übrig bleiben. Das weiß auch N. Kokas Kollege Dr. Jo Teffo, der in Belgien an der Universität Leuven über Sartre und Husserl promoviert hat, er kennt die logisch-intellektuellen Argumentationsketten.
"Es geht uns nicht um akademisches Räsonieren, sondern um die moralische Erneuerung unserer Gesellschaft, ohne die es keine Hoffnung für die Zukunft gibt. Westliche Vorgaben und Vorstellungen richten in Afrika nichts mehr aus, sie haben versagt und sind am Ende", erklärt er auf einem Kongress im Goethe-Institut Johannesburg. "Wir müssen unsere eigenen menschlichen Ressourcen aktivieren, und unsere stärkste Ressource ist die Spiritualität und Humanität von uBuntu. uBuntu ist zurzeit das einzige genuin schwarz-südafrikanische Angebot der Identifikation mit der Nation über den Tribe (Volksstamm) und Schwarz-Weiß-Denken hinaus."
"Es hat sich bereits gezeigt, dass uBuntu kein Modewort ist, auch wenn es respektlos als Aufdruck auf T-Shirts und als Name von Bustouren und Wildparks erscheint", stellt N. Koka fest und verweist auf die südafrikanische Verfassung von 1993, die die ersten freien Wahlen sowie die schwierige und risikoreiche Arbeit der Versöhnungskommission begründet hat: "Wir brauchen uBuntu", heißt es dort in der letzten Klausel.
"Ohne uBuntu wäre die erste Wahl nicht so friedlich verlaufen, wäre Versöhnung im Angesicht der schrecklichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht möglich, uBuntu will die Balance in der Gesellschaft wiederherstellen und nicht rechten und richten. Nur durch eine die ganze Gesellschaft durchdringende Spiritualität können sowohl die Opfer als auch die Täter ein Maß an Menschlichkeit zurückgewinnen."
uBuntu kommt in einer weiteren historisch einmaligen Leistung in Südafrika zum Tragen: 1997 schlössen sich die führenden Vertreter der unterschiedlichen Religionen Südafrikas (Buddhisten, Christen, Hindus, Juden und Muslime) zu einem National Religious Leaders Forum zusammen; sie wurden vom damaligen Präsidenten Nelson Mandela gebeten, sich dafür einzusetzen, dass auch die Religionen sich an der friedlichen Entwicklung Südafrikas beteiligen. uBuntu mit seiner umgreifenden, keine Religion in Frage stellenden Spiritualität ist bis heute die Basis einer erfolgreichen Arbeit dieses Forums, das u. a. dabei ist, gemeinsam mit Lehrern und Erziehungsbehörden uBuntu zu einem integralen Bestandteil der Schullehrpläne zu entwickeln.
Rituelles Bekenntnis
1999 setzte dieses Forum die gemeinschaftsstiftende Kraft des uBuntu gezielt bei den zweiten demokratischen Wahlen In Südafrika ein, als man landesweit Unruhen und Gewalt befürchtete. Am Wahltag wurde jedem Wähler in der Warteschlange vor der Wahlurne ein grüner Zettel in die Hand gedrückt mit der Aufforderung, ein sogenanntes "uBuntu Pledge", ein Versprechen für ein besseres und friedlicheres Südafrika, zu unterschreiben, wenn auch nur für sich selbst.
"Ich werde mich bemühen, gut zu sein und Gutes zu tun, für meine Mitbürger Sorge zu tragen, und mich für Frieden, Harmonie und Gewaltlosigkeit einsetzen", stand dort in allen Landessprachen. Für Europäer sicher eine etwas einfältig formulierte oder gar naive Aktion. Doch in einem Land, in dem der Alphabetisierungsprozess noch lange nicht abgeschlossen ist, haben das geschriebene Wort und die mühsam gekrakelte Unterschrift noch geradezu rituelle Bedeutung. Die Wahl verlief friedlich.
Diese wenigen Schlaglichter auf eine wachsende Präsenz von uBuntu zeigen, dass uBuntu schon lange mehr ist als ein trotziger Gegenentwurf zur westlichen Leistungsgesellschaft. uBuntu ist eine sich öffentlich und eigenständig entwickelnde afrikanische Sozialethik, der die westlich geprägten christlichen Konfessionen und die importierte Kultur des Westens im Moment nichts entgegenzusetzen haben.
Dialog mit dem Westen
Seit einigen Jahren bringen südafrikanische Philosophen die mündlich überlieferte Tradition des uBuntu in eine schriftliche und damit dynamische und diskutierbare Form. Einen Dialog mit dem Westen wünschen sie jedoch nur, wenn auch Europa bereit ist zuzuhören und von Afrika über das Folkloristische und Exotische hinaus etwas zu lernen.
"Wir wollen keinen Dialog zwischen Ross und Reiter, bei dem europäische Bevorteilungen und Erwartungen die Sporen geben; wir wollen einen gedanklichen Austausch, der auf gegenseitiger Offenheit und den Prämissen einer gemeinsamen Menschlichkeit gegründet ist", sagt in einem Gespräch der afrikanische Priester und Heiler Selby Gumbi aus Johannesburg, der eng mit afrikanischen uBuntu-Philosophen zusammenarbeitet, und zitiert den Schriftsteller Chinua Achebe, der schon 1979 die Hoffnung ausdrückte, dass "über all der vielen Neugier, mit dem der Weiße dem Schwarzen begegnet, eines Tages der Weiße tatsächlich das Zuhören lernt."
Erst heute beginnt man, sich öffentlich und über vordergründige Neugier hinaus auf solch einen Dialog einzulassen: Europäische Unternehmer in Südafrika laden uBuntu-Philosophen ein, um über neue, auch afrikanisch geprägte Formen des Corporate Managements zu diskutieren; das Goethe-Institut in Johannesburg unterstutzt und begleitet seit drei Jahren durch öffentliche Seminare die Erarbeitung der uBuntu-Philosophie im Rahmen der Bewegung der Afrikanischen Renaissance und wird gegen Ende des Jahres gemeinsam mit afrikanischen Philosophen und Politikern ein Seminar zum Thema "uBuntu und Affirmative Action" durchführen; die südafrikanischen Philosophen N. Koka und Dr. Jo Teffo wurden eingeladen, im Oktober 2000 die Philosophie von uBuntu als moderne afrikanische Sozialethik auf einem internationalen Seminar in Bonn vorzustellen. Eine schützenswerte Vertrauensbasis und eine ernst zu nehmende Offenheit auf Seiten des Westens ist im Entstehen begriffen. Vielleicht wächst in Zukunft die Bereitschaft, auch Afrika als eine Stimme im Konzert menschlicher Lebensentwürfe zu hören.
Die verschiedenen Beiträge zum Bonner Philosophieseminar werden auf der Ausstellung "Heute ist Morgen" in der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD (Juni 2000 bis 7. Januar 2001) visualisiert.
Die Autorin ist Namibianerin. Die Schulbuchautorin und freie Mitarbeiterin der Neuen Zürcher Zeitung lebt in Windhoek (Windhuk/Namibia)
* Südafrikanische Schriftstellerin, 1952 geboren, studierte Afrikaans, Anglistik und Philosophie. Weltweit bekannt wurde sie mit ihrer Dokumentation über die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in Südafrika, "The Country of my Scull". 1989 nahm sie an der Poetenkarawane von sieben afrikanischen Dichtern entlang der früheren Sklavenroute von Goa (Westküste Vorderindiens), Senegal, nach Timbuktu in Mali teil. Der vorliegende Text ist die Eröffnungsrede des diesjährigen internationalen literaturfestivals berlin. 2005 wird sie der Jury des literaturfestivals angehören.
DIESES Jahr feiert Südafrika zehn Jahre Demokratie, und bei den vielen eifrigen Journalisten, Filmemachern, Wissenschaftlern und Autoren, die im Land unterwegs sind, könnte man leicht in Zynismus verfallen. Ein vermasseltes Wunder oder eine vorgetäuschte Versöhnung eignet sich natürlich immer gut, um empört auszurufen: Das muss aufgedeckt werden! Lasst uns zu den Ärmsten der Armen gehen und zeigen, wie doppelzüngig die neue schwarze Elite ist und mit ihr die miesen rassistischen Buren! Statt kritische Fragen zu den Vereinigten Staaten und der Europäische Union zu stellen, fliegt man lieber nach Afrika, wo die Guten immer noch gut und die Bösen böse sind - zumal wenn das Wetter schön warm und der Wein süß ist.
In diesem Jahr waren viele von uns Südafrikanern, wichtige und weniger wichtige, ausgebucht mit Terminen für Interviews und Diskussionsrunden. Ich weiß noch, wie ich einmal in einem schicken Hotel, in dem auch Bill Clinton gerade logierte, darauf wartete, für einen irischen Radiosender befragt zu werden. Das Team war soeben aus Houtbay zurückgekommen, einem Dorf am Meer, nicht weit von Kapstadt, in dem Luxusvillen mit atemberaubendem Meeresblick liegen und dicht daneben wilde Siedlungen von Landbesetzern. Der Interviewer sah wütend aus. Gereizt ging er auf und ab, während seine Helfer die Mikrofonanlage aufbauten. Schließlich blieb er vor mir stehen. "Wie ist so etwas möglich?", brach es aus ihm heraus. "Eben sprach ich mit einer schwarzen Frau, die in einer Hütte unter erbärmlichen Bedingungen lebt, ohne jede Schulbildung und bitterarm, und fragte sie, was ihr Versöhnung und zehn Jahre Demokratie gebracht haben. ,Frieden und Freiheit', sagt sie mir. ,Aber ich bitte Sie', sage ich, ,schauen Sie sich doch an, wie Sie leben: Sie haben nichts. Und da drüben, ein paar Yards entfernt, steht die Prachtvilla von reichen Weißen.' Und wissen Sie, was sie mir geantwortet hat? Sie blickte mich an und sagte: ,Zehn Jahre Demokratie können nicht wieder gutmachen, was in dreihundert Jahren falsch gemacht worden ist.' Das hat sie gesagt. Ich fasse es einfach nicht. Ist sie verrückt? Ist sie bescheuert?" Er sah mich vorwurfsvoll an, als wüsste ich, welche geheime böse Macht die arme Schwarze dazu bringt, kluge Antworten zu geben. Als er dann noch erwähnte, dass das nächste Rundfunkteam schon bereitstand, um dieselbe Frau wieder auszufragen, begann ich im Stillen zu überlegen, was ich wohl machen würde, wenn der vierte oder fünfte Weiße mir ein Mikrofon vors Gesicht hielte und mit unverhohlener Empörung wissen wollte, wie ich von Versöhnung sprechen kann, wo mir doch nach wie vor nichts gehört und den Weißen immer noch alles … Früher oder später würde ich bestimmt sagen:
"Wissen Sie, ich schäme mich. Ich habe einen großen Fehler gemacht. Es war sehr dumm, zu vergeben! Wenn ich recht überlege, hasse ich die Weißen doch."
Für die ausländischen Journalisten, die sich in der letzten Zeit durch unser Land bewegt haben, scheint die Friedlichkeit der Armut ein größerer Schock gewesen zu sein als die Armut selbst. Ihren Berichten nach zu urteilen, haben sie offenbar vielen Schwarzen das Gefühl vermittelt, sie sollten sich schämen, dass sie vergeben haben und sich um Versöhnung bemühen.
Dass die Weißen eine der ihren womöglich überlegene Weltsicht nicht anerkennen können, ist in Afrika nichts Neues. Erlauben Sie mir, Ihnen ein im 19. Jahrhundert aufgezeichnetes Gedicht der /Xam, einer Untergruppe der San oder Buschmänner, vorzutragen. Es besagt: So wie ihr Bücher lest, um etwas zu wissen, lesen wir unsere Körper. Wir spüren, wie der gesamte Kosmos in unseren Körpern pulsiert. Die Buschmänner oder San haben sich einst für eine andere Existenzweise entschieden. Sie haben sich dafür entschieden, leicht zu leben auf Erden. Sie haben nichts hinterlassen außer Geschichten und Liedern, Bildern und Schnitzereien von großer Schönheit, in denen Mensch und Erde, Regen und Tier zu Visionen einer verpflichtenden Verbundenheit verschmelzen. Dennoch wurden die Buschmänner von den Weißen wie Tiere gejagt.
Vorahnungen der /Xam
das alphabet der buschleute ist unseren körpern
eingeschrieben / die buchstaben sprechen und vibrieren / die buchstaben bewegen
den körper des buschmanns
wenn deine rippen zu pochen beginnen / nimm deine pfeile / denn du hast den
springbock schon mit deinem körper gesehen / du spürst das blut in deinen
schenkeln und waden / als würdest du den springbock schon auf deinem rücken nach
hause tragen / als würde der springbock schon deine schenkel hinabbluten / daher
warte ich immer ruhig auf die worte meines körpers / ich spüre auf meinem
schädel, wenn sie die hörner der antilope absägen / ich spüre in meinen füßen,
wenn sie um die hütte streichen / wir legen uns vor unsere unterstände / wir
legen uns auf die ausgestreckten hänge der hügel / es scheint, als würden wir
schlafen / als würden wir ein nickerchen machen / doch wir lesen unsere körper /
wir lesen alles, was sich unten in den ebenen bewegt / die kehlen unserer knie
kribbeln / und dann warten wir / und dann kommt alles zu uns.
Die Vorstellung, dass Vergebung Schande sei, reicht bis zu den Anfängen des Aufarbeitungsprozesses in der Wahrheitskommission zurück. Ich weiß noch, wie mich eine australische Wissenschaftlerin auf einer der Anhörungen zu den Menschenrechtsverletzungen zornig fixierte: "Es ist unglaublich, welches Unrecht ihr Weißen den Schwarzen angetan habt, indem ihr sie gezwungen habt, diesen ganzen Wahrheits- und Versöhnungsmist zu schlucken! Was ihr jetzt macht, ist schlimmer als Apartheid. Durch Betrug und Manipulation habt ihr die Schwarzen dazu gebracht, diese Institution ohne einen einzigen Aufstand, ohne auch nur einen Akt des kollektiven Widerstands hinzunehmen." Dass sie damit vielleicht jene Menschen beleidigte, die gerade erst das übermächtige Apartheidregime zu Fall gebracht hatten, schien ihr gar nicht in den Sinn zu kommen.
Zur Behauptung von der herbeimanipulierten Versöhnung ist ein zweiter Standardkommentar hinzugekommen. So sagte ein Fernsehproduzent aus Tel Aviv letztes Jahr zu mir: "Ein wahrlich bemerkenswerter Vorgang. Ich bin eigens angereist, um eine Dokumentation darüber zu machen. Schade nur, dass so etwas in Israel nie funktionieren würde. Dazu muss man nämlich Christ sein." Zwei Jahre zuvor hatte mir ein irischer Journalist mit Tränen in den Augen bekannt: "Wahrhaftig, ein bemerkenswerter Vorgang. Ein Jammer, dass so etwas in Irland nie möglich wäre - zu viele Katholiken, verstehen Sie." Kürzlich sagte ein amerikanischer Journalist auf einer Konferenz über den Einfluss der Gewalt auf die Sprache: "Es ist wunderbar, dass die schwarzen Südafrikaner imstande waren zu verzeihen, doch als Weltmacht tragen wir Amerikaner die Verantwortung dafür, dass der Unterschied von Recht und Unrecht gewahrt bleibt." So hat sich jeder seine Begründung dafür zurechtgelegt, dass er andere töten muss: Die Wahrheits- und Versöhnungskiste ist gut für schwarze Menschen aus der Dritten Welt, aber wir Katholiken/Christen/Muslime/Amerikaner/Juden/Palästinenser lösen das Problem anders - und besser.
Die Liste derer, die den Vergebungs- und Versöhnungsprozess in Südafrika prinzipiell in Frage stellen, ist beeindruckend. Professor Mahmud Mamdani, der während der Zeit der Wahrheitskommission an der Universität von Kapstadt unterrichtete, äußerte damals die Ansicht, dass Versöhnung ein Pakt mit dem Bösen sei. Einer der wichtigsten holländischen Beobachter des Versöhnungsprozesses, Professor Afshin Ellian, schließt sich Nietzsches Auffassung an, wonach "es möglich [ist], fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben".
Bei Jacques Derrida heißt es: "Verzeihen ist also ein verrückter Akt, der - wenn auch in sich luzid (deutlich, leuchtend) - ins Dunkel des Unintelligiblen (Unverständlichen) stürzen muss." In seinem Essay über das Verzeihen geht Derrida so weit zu sagen, dass Bischof Tutu "mit ebenso viel gutem Willen wie gedanklicher Konfusion […] das Vokabular von Reue und Vergebung" in eine Institution eingeführt habe, die "ausschließlich zur Bearbeitung politisch motivierter Verbrechen bestimmt" sei. Und während einer Vorlesung an der Universität des Westkaps sagte er, dass das Unverzeihliche zu verzeihen einem Wunder gleichkomme.
Ich möchte diese Position von einem anderen Blickwinkel aus aufgreifen. Der Individualismus ist ein zählebiger moderner Mythos. Wie schon in "Robinson Crusoe" sucht die westliche Fantasie ein von aller Gemeinschaft unabhängiges Individuum zu erschaffen. Zwar muss auch Robinson eine neue Gemeinschaft gründen und zu diesem Zweck erst seinen Freitag finden. Der Mythos vom Individuum als wichtigster Bedingung für den Fortschritt blieb davon jedoch unangefochten. Ohne Individuum keine Entwicklung. Der französische Semiotiker („Zeichen“-Forscher, der Beziehungen zwischen Bezeichnetem und Zeichen) Dany-Robert Dufour merkt hierzu an: "In unserer Zeit der liberalen Demokratie […] ist der Versuch, man selbst zu sein, allen zwanghaften Bekundungen von Selbstbewusstsein zum Trotz ungeheuer mühsam. Eine ganze Reihe von Symptomen bezeugt die ,Behinderung des Individuums' in zeitgenössischen Gesellschaften. Psychische Störungen, das Unbehagen an der Kultur, die zunehmende Gewalt sowie die in großem Maßstab betriebene Ausbeutung sind allesamt Vektoren neuer Formen von Entfremdung und Ungleichheit." Das moderne Individuum ist nach Dufour nicht frei, sondern verlassen und verloren.
Im folgenden Gedicht aus der Sesotho-Sprache geht es darum, was es bedeutet, nur ein Einzelner zu sein. Es ist Teil eines Schauspiels über Senkatana, das auf ein bekanntes Basotho-Märchen zurückgeht. In ihm verschlingt der Drache Kodumodumo das gesamte Volk der Basotho und schwillt davon so gewaltig an, dass er schließlich in den Passstraßen des Hochgebirges stecken bleibt. Von allen Menschen überlebt einzig Senkatana. Er ist mutterseelenallein auf der Welt, kann tun, was er will, ist frei, und dennoch wehklagt er mit lauter Stimme:
ich kann mich selbst nicht finden / denn ich befinde mich nicht bei den anderen
/ worüber soll ich mich freuen, wenn ich ganz allein bin? / wovon soll ich
befreit werden, wenn nur ich da bin? / warum sollte irgend etwas schön sein /
wenn nur meine Augen es sehen? / ihr seid es, die mein ich hervorrufen / ich bin
es, der sein ich durch euch denkt / ihr denkt mein ich aus / ich wähle euch
nicht / dass es euch gibt, erschafft mich / wir sind gemacht, mit anderen zu
sein / oder wir werden hungrig bleiben mitten im Überfluss.
Auf der einen Seite wirft man den Schwarzen Südafrikas also vor, sie hätten sich manipulieren lassen, erklärt ihre Vergebungs- und Versöhnungsbereitschaft für primitiv, inkonsequent, ahistorisch und verrückt. Und auf der anderen Seite werden sie ausgerechnet von solchen Völkern gelobt, bewundert und anerkannt, die ein ähnliches Verhalten für sich nie in Erwägung ziehen würden. Frankreich beispielsweise spendete Millionen an die südafrikanische Wahrheitskommission, während es zur gleichen Zeit den Kriegsverbrecher Maurice Papon vor Gericht stellte. Dasselbe Amerika, das unmittelbar nach dem 11. September 2001 Vergeltung übte, ließ der Wahrheitskommission ebenfalls mehrere Millionen zukommen.
Wie ist es zu erklären, dass der Versöhnungsprozess in Südafrika so viel Beifall und Unterstützung gerade bei Leuten findet, die selbst nicht im Traum an Versöhnung denken? Doch wohl nicht, weil sie es zu schwierig finden. Und bestimmt sind sie auch nicht ernsthaft der Meinung, die Schwarzen Südafrikas seien ihnen überlegen und wüssten, wie sie ihre Leute von der Gewaltspirale abhalten können, während die Westler selbst sich nicht einmal einen Versuch in diese Richtung zutrauen. Wie anders lässt sich das erklären als durch einen Hauch von Rassismus? Schwarze sollten vergeben, Weiße müssen Rache nehmen, Versöhnung ist etwas für "minderwertige" Völker, Rache dagegen für die "richtigen" Nationen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich ein Modell für den Umgang mit den Gräueltaten von Unrechtsregimen herausgebildet. Das starke neue Modell, das die Schwarzen Südafrikas ins Leben gerufen haben, ruht im Wesentlichen auf zwei Säulen: erstens auf der Gleichbehandlung aller Opfer (die Mutter, die ihren Sohn im Kampf für die Apartheid verloren hatte, sagte neben der Mutter aus, deren Sohn im Kampf gegen die Apartheid gefallen war, womit anerkannt ist, dass beide gleichermaßen litten); und zweitens auf einem gesamtgesellschaftlichen Versöhnungsprozess, der den Kreislauf der Gewalt unterbricht. Und es ist wichtig, festzuhalten, dass damit überhaupt zum ersten Mal eine echte Alternative gewagt wurde - die sich die Erste Welt aber, so groß Lob und Auszeichnung auch waren, nie als Beispiel nehmen wollte und will.
Wie der südafrikanische Journalist und Dichter Sandile Dikeni einmal bemerkte: "Was immer wir Schwarzen auch sagen, es hat keinen Wert, eben weil wir schwarz sind. Die Philosophien der Afrikaner werden behandelt wie ihre Masken - um als Exotika an Wänden zu hängen oder Reisebroschüren zu schmücken. Niemals aber begegnet man ihnen mit dem gleichen Respekt wie den westlichen Philosophien."
Der Rassismus geht noch weiter: Staatsoberhäupter, die ohne Zögern in andere Länder einmarschieren, kommen von weit her angereist, um sich mit unserem ehemaligen Präsidenten Nelson Mandela ablichten zu lassen. In ihrem eigenen Land tun sie alles, um "Täter" vor Gericht zu zerren, Mandela aber wird umarmt, weil er den Mördern seines Volkes vergeben hat. Warum? Es sei mit der angemessenen Scham bekannt: weil der Westen Wut versteht, weil ihn die Rache fasziniert und er den Hass aus tiefstem Herzen bewundert.
Während wir hier in dieser Stadt, in diesem Jahrhundert sitzen, durchrauscht uns so vieles, dass wir nicht mehr wissen, wie die Sterne sich anhören, wie der Stein schmeckt, die Luft sich anfühlt oder wie man dem Himmel ins Herz schaut. Die Buschmänner mit ihrer vieltausendjährigen Erfahrung als Sammler und Jäger kannten den Klang der Sterne. Der Westen weiß davon erst seit 1930 - oder spätestens 1967, als die Astronomin Jocelyn Bell in Cambridge ein riesiges Radioteleskop baute, um den Klängen aus dem All zu lauschen.
was die sterne sagen
die sterne nehmen dein herz / denn sie sind nicht
hungrig / die sterne tauschen dein herz mit einem sternenherzen aus / die sterne
nehmen dein herz und geben dir dafür ein sternenherz / dann wirst du nie wieder
hungrig sein / denn die sterne sagen: "tsau! tsau!" / und die buschleute sagen,
dass die sterne die augen des springbocks verfluchen / die sterne sagen: "tsau!"
sie sagen: "tsau! tsau!"
Sind also 40 Millionen Menschen durch betrügerische Machenschaften auf einen Weg des Fortschritts bugsiert worden, oder zeigt sich hier eine so radikale Weisheit, dass der Westen Mühe hat, ihr zu folgen? Eines darf man wohl getrost annehmen: Was in Südafrika möglich war, hat nichts mit dem christlichen Glauben zu tun, denn sonst wäre das Gleiche auch in Irland oder in den USA möglich gewesen. Im Gegenteil scheinen gerade die protestantischen Fundamentalisten im amerikanischen Süden und Mittelwesten, im so genannten Bible Belt (Bibel-Gürtel), besonders oft an vorderster Front zu stehen, wenn es gilt, Rache zu nehmen. Auch mit dem Einfluss der Weißen hat das Ganze nichts zu tun, denn die Weißen (speziell die Buren) glauben bis heute nicht an die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Wenn sie unter sich sind, sagen sie eher: "Was ist nur los mit diesen Schwarzen, nicht einmal richtig hassen können sie, und mit denen müssen wir uns nun ein Land teilen."
Im Übrigen ist es unwahrscheinlich, dass die vielen meist jungen Leute, die die zehnjährige Schule der Massenbewegung durchlaufen hatten, 1994 etwas akzeptiert hätten, was ihnen gegen den Strich ging, nur weil zwei alte Männer, Tutu und Mandela, oder irgendein Weißer es ihnen gesagt hätten. Und hier möchte ich folgendes sagen: Derrida verkennt Tutu, wenn er ihn lediglich als religiösen Führer begreift. Bush begeht einen Fehler, wenn er in Mandela bloß den außergewöhnlichen Staatsmann sieht. Tutu und Mandela würden immer darauf hinweisen, dass ihr Denken seine Wurzeln in der schwarzen Gemeinde Südafrikas hat. Das Wesen ihrer Existenz ist, dass sie Schwarze in Afrika sind. Die Mutter eines der Sieben von Guguletu, die von der Polizei brutal niedergeschossen worden waren - eine gebrochene Frau mit geringer Schulbildung -, hat den für das westliche Denken unverständlichen Versöhnungsgedanken verstanden und in Worte gefasst. Cynthia Ngewu, die Mutter von Christopher Piet, sagte: "Wenn ich das, was die Leute Versöhnung nennen, richtig verstehe […], wenn es bedeutet, dass der Täter, dieser Mann, der Christopher Piet erschossen hat […], wenn es bedeutet, dass dieser Mann wieder ein Mensch wird, sodass auch ich, dass wir alle unsere Menschlichkeit wiedererlangen […], dann bin ich einverstanden damit, dann unterstütze ich alles."
Cynthia Ngewu hat gewusst - und George Bush nicht -, dass, wer den Sohn eines anderen tötet, dies tut, weil er seine Menschlichkeit verloren hat. Sie hat gewusst - und Bush nicht - dass es in ihrem (wie auch in seinem) Interesse liegt, dem Täter dabei zu helfen, seine Menschenwürde wiederzuerlangen. Cynthia Ngewu hat im Gegensatz zu Bush gewusst, dass die Chance, die eigene Menschlichkeit zurückzuerlangen, zerstört wird, wenn man den Täter mit dem Tode bestraft. Man friert dann gleichsam die Gesellschaft im Zustand der Unmenschlichkeit ein.
Die Frau in der Hütte in Houtbay hat also nicht vergeben, weil sie glaubte, sie werde nun endlich bekommen, was bisher den Weißen gehörte. Sie vergab aus der Einsicht heraus, dass die Weißen ihre Menschlichkeit verloren haben und ihre Unmenschlichkeit inmitten all ihres Reichtums auch verhindert, dass sie selbst, die schwarze Frau, ihre eigenen Möglichkeiten als Mensch voll ausschöpfen kann. Sie vergab, um die Weißen zu humanisieren. Zu befragen wären daher nicht die schwarzen Hüttenbewohner, zu befragen wären die Weißen in ihren Palästen: Was habt ihr getan, um euch erkenntlich zu zeigen für die überwältigende Güte, mit der euch verziehen worden ist? Und was tut ihr jetzt, um zu zeigen, dass ihr eure Menschlichkeit allmählich zurückgewinnt?
Diese Fragen richten sich natürlich auch an die Menschen im Westen insgesamt. An euren Händen klebt so viel Blut, die halbe Welt habt ihr geplündert und euch in eurem Wohlstand eingeigelt - ihr habt eure Menschlichkeit längst verloren. Weil ihr so unmenschlich seid, kämpfen wir darum, menschlich zu bleiben. Ihr braucht uns: nicht um uns auszubeuten, sondern damit ihr eure Menschlichkeit wiederfindet.
deutsch von Wolfgang Schlüter
und Jürgen Brôcan (Gedichte)
© internationales literaturfestival berlin
Le Monde diplomatique Nr. 7512 vom 12.11.2004, 510 Zeilen, ANTJIE KROG