Die Grundthese des
Konzepts der Politischen Religion ist, dass totalitäre Systeme
in ihrer Funktionsweise strukturelle Ähnlichkeiten mit Religion
aufwiesen und die Gefolgschaft der Masse in solchen Systemen
zumindest teilweise mit Hilfe religiöser Kategorien und Begriffe
zu erklären sei.
Kommunismus, Faschismus und
Nationalsozialismus als Produkte von Säkularisierungsvorgängen
Da der alte
Zusammenhalt durch Religion verloren gegangen sei, werde in
totalitären Systemen neuer Zusammenhalt durch „massenwirksame
Ideologien der Klasse oder Rasse, der Ökonomie oder des Blutes“
gestiftet. Die nach draußen gedrängte Religion, das nach draußen
gedrängte religiöse Bedürfnis des Menschen, treten quasi durch
die Hintertür wieder zurück in die Gesellschaft.
Das Versprechen von Heil
(zu einer über die
Grenzen der menschlichen Existenz hinausweisenden Dimension) und Erlösung
(die Befreiung des
Menschen aus seiner existenziellen Gebundenheit an die
körperliche und vergängliche Welt und sein Aufgehen in einer
überpersönlichen "heiligen" Wirklichkeit)
Anstelle des
Glaubens an eine jenseitige Erlösung trete der "Mythos der
Erlösung" (Hans Maier, s. unten mit mehr) im Diesseits. Fixpunkt ist nicht mehr
die Beziehung zu einem außerweltlichen Gott, sondern die
Erlösung wird in Teilinhalten der Welt z. B. der Klasse oder der
Rasse gesucht. Die von den politischen Religionen verkündete
Heilsversprechung und Erlösung habe als unmittelbare Konsequenz
in der Herrschaftsausübung die absolute Gewalt und deren
absolute Rechtfertigung durch eine unanfechtbare, und damit
quasi religiöse Ideologie (vgl. zum Beispiel Alfred Rosenbergs
„Mythus des 20. Jahrhunderts“ als politische Religion).
Rosenberg: ab 1923 Leiter des »Völkischen Beobachters«, 1933 -
1945
Reichsleiter der NSDAP, ab 1933 Leiter des Außenpolitischen
Amtes der NSDAP, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete
(1941 bis 1945), im Oktober 1946 hingerichtet.

Der Führer als Messias
Es wird ferner
darauf hingewiesen, dass durch extremen
Führerkult der oder die Führer in Extremsituationen
(insbesondere Kriegen) an die Stelle des übernatürlichen
Heilsbringers, des Messias träten. So sei Adolf Hitler sowohl
als Prophet, als auch als quasi übernatürlicher Erretter des
deutschen Volkes gesehen worden. Entscheidend ist hierbei nicht
die Selbstdarstellung der Führer, sondern der tatsächliche
Glaube der „Geführten“ an übernatürliche Fähigkeiten oder den
„schicksalhaften“ Sendungsauftrag des Führers. In vielen
deutschen Haushalten seien Jesus-Bilder durch Hitler-Bilder
ersetzt worden. Unter dem Vichy-Regime
(Heilbad im Département Allier, Sitz der mit dem
nationalsozialistischen Deutschland zusammenarbeitenden
Regierung) wurde das Vater Unser auf den Führer Philippe Pétain
umgedichtet. Frankreich hätte sich nach der unerwarteten und
vollständigen Niederlage im Blitzkrieg in einer derart
verzweifelten Lage befunden, dass es sich nach einem Erlöser aus
der Not gesehnt habe. Diese Sehnsucht sei schließlich auf Pétain
(starb in der Verbannung auf die Insel l'Ile-d'Yeu vor der
Atlantik-Küste der Vendée mit 5000 Einwohner)
>projiziert< worden.
Das utopische Element
Eine weitere
Verbindung in der Funktionsweise von Totalitarismus und Religion
wird darin gesehen, dass der Totalitarismus auf die Fiktion
(etwas Erdachtes) angewiesen sei. Als Beispiel wird unter
anderem die von den Nationalsozialisten propagierte Fiktion der
„jüdischen Weltverschwörung“ gegen das deutsche Volk angeführt.
Die Rolle von Ritualen und Festen
Ferner wird darauf
hingewiesen, dass sowohl der Totalitarismus, als auch die
Religion auf kultische Rituale und die Feste bauten. So hätten
beispielsweise Militär-Umzüge, die Inszenierung der Nürnberger
Parteitage der NSDAP, oder die Jugendweihe in der DDR zur
Sakralisierung von Politik beigetragen.
Totalitäre Bewegungen als esoterische
Bewegungen
Hannah Arendt sah
in totalitären Systemen dezidiert esoterische Bewegungen (mit
okkulten Praktiken). So sah sie beispielsweise im Ahnenpass ein
Mittel, um einen Kreis der in die Gemeinschaft (hier: in die
Gemeinschaft der arischen Rasse) „Eingeschlossenen“ zu
konstruieren, die sich von den „Ausgeschlossenen“ unterscheidet.
Der Totalitarismus als „Überwinder“
der Säkularisierung (Saeculum
= Jahrhundert) bedeutet allgemein "Verweltlichung", aber
insbesondere die sich stärkende Autonomie der
Lebensgestaltung und Weltanschauung gegenüber früheren Bindungen
an die Religion (ausgelöst durch
Humanismus und Aufklärung)
Nach einer anderen
Begründung sei der Totalitarismus religiös, weil er die
Aufhebung der Trennung von Kirche und Staat (Laizismus)
anstrebe, und somit eine Sakralisierung des politischen Lebens,
wie sie aus der Antike (2000 vor bis etwa 300 nach der
Zeitrechnung) bekannt ist (Raymond Aron, französischer
Soziologe, insbesondere Analyse der modernen
Industriegesellschaft und ihren politischen Problemen. Buch:
Opium fürs Volk z.B.).
Obiger Text stark angelehnt an gleichnamigen Artikel bei
Wikipedia, der Internet-Enzyklopädie vom 10.1.2008
Michael Ley:
Holocaust als Menschenopfer - Vom Christentum zur politischen
Religion des Nationalsozialismus (Münster, Hamburg, London 2002)
Ursprünglich sollte mit dem Begriff der
Politischen Religion die Entstehung und das
Erscheinungsbild totalitärer Herrschaftssysteme als Ersatz für
die transzendenten (also die Grenze
der Erfahrung überschreitenden, übersinnlichen, übernatürlichen)
Religionen, erklärt werden: Die alten Götter bzw. der "Eingott",
deren Wille, Zielsetzungen und Entscheidungen den Menschen
völlig unklar sind (und manchen als Willkür erscheinen), aber
dennoch hingenommen, weil die Entschlüsse doch einen Sinn haben
müssen, werden wird durch einen weltlichen Potentaten (potentatus
»Macht«, also der Machthaber, Herrscher) ersetzt. Bei
allgemeinen Ideologien, wie dem Kapitalismus, haben sich
Regierungsmitglieder, inzwischen von einer zur Minderheit
gewordenen Wählerschaft angeblich legitimiert, in
Macht-Positionen gerangelt ohne Qualifikationsnachweise weder in
fachlicher noch menschlicher Hinsicht. Das entspricht vielen den
vorwiegend in asiatischen oder - wie es gerne gesehen den
"primitiven" Religionen mit üblichen Vielgöttern.
„Um die politischen Religionen angemessen zu erfassen, müssen
wir daher den Begriff des Religiösen so erweitern, dass nicht
nur die Erlösungsreligionen, sondern auch jene anderen
Erscheinungen darunter fallen, die wir nicht in der
Staatsentwicklung als religiöse zu erkennen glauben; und wir
müssen den Begriff des Staates daraufhin prüfen, ob er wirklich
nichts anderes betrifft als weltlich-menschliche
Organisationsverhältnisse ohne Beziehung zum Bereich des
Religiösen,“ meinte der ehemalige bayerischer Staatsminister für
Unterricht, Kultur, Wissenschaft und Kunst, Hans Maier (im Bild
in erster Reihe links auf einer Fronleichnamsprozession in
München. Homepage von Prof. Dr. Hans Maier:
http://www.hhmaier.de/).
Vieles mehr ist
>hier< über den "Global-Kapitalismus" als eine, allem
übergeordnete politische Religion zu finden.