Politische Religion

>Hier< die spezielle Betrachtung zur Einbeziehung des modernen Kapitalismus

in die Klasse der Politischen Religionen.

>Hier< zur "politischen Psychologie.


 

Der Terminus „Politische Religion“ wurde, ähnlich wie der des Totalitarismus, in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geprägt. Die neuartigen, totalitären Regime in Europa konnten mit althergebrachten Begriffen wie "Diktatur" oder "Tyrannis" (uneingeschränkte Herrschaft eines Einzelnen gestützt auf Söldnertruppen, meistens gewaltsam zur Macht gelangt) nur unzureichend beschrieben werden. So wurden neue Konzepte zur Erklärung des Funktionierens dieser Systeme entwickelt; eines davon war das der Politischen Religion.
 

Der Begriff wurde bekannt durch die Abhandlung Die Politischen Religionen von 1938 des in Köln (als Erich Hermann) geborenen und 1985 in Palo Alto, Kalifornien gestorbenen, deutsch-US-amerikanischen Politologen und Philosophen, Eric Voegelins. Auch christliche Theologen wie Paul Johannes Tillich (der zusammen mit Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann und Karl Rahner zu den bedeutendsten deutschen Theologen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte) verwendeten dieses Konzept. Nach dem zweiten Weltkrieg tauchte der Begriff in wissenschaftlichen Diskussionen nur noch selten auf, bis er - insbesondere durch Emilio Gentile (dem 1946 geborenen italienischen Historiker und Pionier der Faschismusforschung) - 1990 wieder aufgegriffen wurde. Inzwischen ist das Konzept als ein Erklärungsversuch insbesondere totalitärer Systeme anerkannt.

 

Das soziologische Phänomen selbst wurde aber nicht erst von Voegelin im Blick auf den Totalitarismus entdeckt. So schreibt bereits Max Weber 1895: „Die alten Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf.“ Weitere Autoren, die die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts als Politische Religionen bezeichnet haben, war insbesondere der1983 verstorbene französische Philosoph und Soziologe Raymond Aron. (Seine Hauptarbeitsgebiete waren die Geschichtsphilosophie und Erkenntnistheorie, die Kritik des Totalitarismus, die Auseinandersetzung mit den Internationalen Beziehungen, vor allem mit der Dialektik von Frieden und Krieg, und die Analyse der modernen Industriegesellschaften).

 

Die Grundthese des Konzepts der Politischen Religion ist, dass totalitäre Systeme in ihrer Funktionsweise strukturelle Ähnlichkeiten mit Religion aufwiesen und die Gefolgschaft der Masse in solchen Systemen zumindest teilweise mit Hilfe religiöser Kategorien und Begriffe zu erklären sei.

 

Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus als Produkte von Säkularisierungsvorgängen

Da der alte Zusammenhalt durch Religion verloren gegangen sei, werde in totalitären Systemen neuer Zusammenhalt durch „massenwirksame Ideologien der Klasse oder Rasse, der Ökonomie oder des Blutes“ gestiftet. Die nach draußen gedrängte Religion, das nach draußen gedrängte religiöse Bedürfnis des Menschen, treten quasi durch die Hintertür wieder zurück in die Gesellschaft.

 

Das Versprechen von Heil (zu einer über die Grenzen der menschlichen Existenz hinausweisenden Dimension) und Erlösung (die Befreiung des Menschen aus seiner existenziellen Gebundenheit an die körperliche und vergängliche Welt und sein Aufgehen in einer überpersönlichen "heiligen" Wirklichkeit)
 

Anstelle des Glaubens an eine jenseitige Erlösung trete der "Mythos der Erlösung" (Hans Maier, s. unten mit mehr) im Diesseits. Fixpunkt ist nicht mehr die Beziehung zu einem außerweltlichen Gott, sondern die Erlösung wird in Teilinhalten der Welt z. B. der Klasse oder der Rasse gesucht. Die von den politischen Religionen verkündete Heilsversprechung und Erlösung habe als unmittelbare Konsequenz in der Herrschaftsausübung die absolute Gewalt und deren absolute Rechtfertigung durch eine unanfechtbare, und damit quasi religiöse Ideologie (vgl. zum Beispiel Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ als politische Religion). Rosenberg: ab 1923 Leiter des »Völkischen Beobachters«, 1933 - 1945 Reichsleiter der NSDAP, ab 1933 Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete (1941 bis 1945), im Oktober 1946 hingerichtet.

 

Der Führer als Messias

Es wird ferner darauf hingewiesen, dass durch extremen Führerkult der oder die Führer in Extremsituationen (insbesondere Kriegen) an die Stelle des übernatürlichen Heilsbringers, des Messias träten. So sei Adolf Hitler sowohl als Prophet, als auch als quasi übernatürlicher Erretter des deutschen Volkes gesehen worden. Entscheidend ist hierbei nicht die Selbstdarstellung der Führer, sondern der tatsächliche Glaube der „Geführten“ an übernatürliche Fähigkeiten oder den „schicksalhaften“ Sendungsauftrag des Führers. In vielen deutschen Haushalten seien Jesus-Bilder durch Hitler-Bilder ersetzt worden. Unter dem Vichy-Regime (Heilbad im Département Allier, Sitz der mit dem nationalsozialistischen Deutschland zusammenarbeitenden Regierung) wurde das Vater Unser auf den Führer Philippe Pétain umgedichtet. Frankreich hätte sich nach der unerwarteten und vollständigen Niederlage im Blitzkrieg in einer derart verzweifelten Lage befunden, dass es sich nach einem Erlöser aus der Not gesehnt habe. Diese Sehnsucht sei schließlich auf Pétain (starb in der Verbannung auf die Insel l'Ile-d'Yeu vor der Atlantik-Küste der Vendée mit 5000 Einwohner) >projiziert< worden.

 

Das utopische Element

Eine weitere Verbindung in der Funktionsweise von Totalitarismus und Religion wird darin gesehen, dass der Totalitarismus auf die Fiktion (etwas Erdachtes) angewiesen sei. Als Beispiel wird unter anderem die von den Nationalsozialisten propagierte Fiktion der „jüdischen Weltverschwörung“ gegen das deutsche Volk angeführt.

 

Die Rolle von Ritualen und Festen

Ferner wird darauf hingewiesen, dass sowohl der Totalitarismus, als auch die Religion auf kultische Rituale und die Feste bauten. So hätten beispielsweise Militär-Umzüge, die Inszenierung der Nürnberger Parteitage der NSDAP, oder die Jugendweihe in der DDR zur Sakralisierung von Politik beigetragen.

 

Totalitäre Bewegungen als esoterische Bewegungen

Hannah Arendt sah in totalitären Systemen dezidiert esoterische Bewegungen (mit okkulten Praktiken). So sah sie beispielsweise im Ahnenpass ein Mittel, um einen Kreis der in die Gemeinschaft (hier: in die Gemeinschaft der arischen Rasse) „Eingeschlossenen“ zu konstruieren, die sich von den „Ausgeschlossenen“ unterscheidet.

 

Der Totalitarismus als „Überwinder“ der Säkularisierung (Saeculum = Jahrhundert) bedeutet allgemein "Verweltlichung", aber insbesondere die sich stärkende Autonomie der Lebensgestaltung und Weltanschauung gegenüber früheren Bindungen an die Religion (ausgelöst durch Humanismus und Aufklärung)

Nach einer anderen Begründung sei der Totalitarismus religiös, weil er die Aufhebung der Trennung von Kirche und Staat (Laizismus) anstrebe, und somit eine Sakralisierung des politischen Lebens, wie sie aus der Antike (2000 vor bis etwa 300 nach der Zeitrechnung) bekannt ist (Raymond Aron, französischer Soziologe, insbesondere Analyse der modernen Industriegesellschaft und ihren politischen Problemen. Buch: Opium fürs Volk z.B.).

 

Obiger Text stark angelehnt an gleichnamigen Artikel bei Wikipedia, der Internet-Enzyklopädie vom 10.1.2008


Michael Ley: Holocaust als Menschenopfer - Vom Christentum zur politischen Religion des Nationalsozialismus (Münster, Hamburg, London 2002)


 

Ursprünglich sollte mit dem Begriff der Politischen Religion die Entstehung und das Erscheinungsbild totalitärer Herrschaftssysteme als Ersatz für die transzendenten (also die Grenze der Erfahrung überschreitenden, übersinnlichen, übernatürlichen) Religionen, erklärt werden: Die alten Götter bzw. der "Eingott", deren Wille, Zielsetzungen und Entscheidungen den Menschen völlig unklar sind (und manchen als Willkür erscheinen), aber dennoch hingenommen, weil die Entschlüsse doch einen Sinn haben müssen, werden wird durch einen weltlichen Potentaten (potentatus »Macht«, also der Machthaber, Herrscher) ersetzt.  Bei allgemeinen Ideologien, wie dem Kapitalismus, haben sich Regierungsmitglieder, inzwischen von einer zur Minderheit gewordenen Wählerschaft angeblich legitimiert, in Macht-Positionen gerangelt ohne Qualifikationsnachweise weder in fachlicher noch menschlicher Hinsicht. Das entspricht vielen den vorwiegend in asiatischen oder - wie es gerne gesehen den "primitiven" Religionen mit üblichen Vielgöttern.

 

„Um die politischen Religionen angemessen zu erfassen, müssen wir daher den Begriff des Religiösen so erweitern, dass nicht nur die Erlösungsreligionen, sondern auch jene anderen Erscheinungen darunter fallen, die wir nicht in der Staatsentwicklung als religiöse zu erkennen glauben; und wir müssen den Begriff des Staates daraufhin prüfen, ob er wirklich nichts anderes betrifft als weltlich-menschliche Organisationsverhältnisse ohne Beziehung zum Bereich des Religiösen,“ meinte der ehemalige bayerischer Staatsminister für Unterricht, Kultur, Wissenschaft und Kunst, Hans Maier (im Bild in erster Reihe links auf einer Fronleichnamsprozession in München. Homepage von Prof. Dr. Hans Maier: http://www.hhmaier.de/).

 

Vieles mehr ist >hier< über den "Global-Kapitalismus" als eine, allem übergeordnete politische Religion zu finden.