Inhaltsverzeichnis>Versuchsaufbau und -durchführung< >Ergebnis< >Versuch von Haggard und Eimer< >Übliche Ergebnis-Interpretation< >Das Veto< >Einwände gegen übliche Interpretationen< |
>Hier<: Matthias Eckoldt (DLF) bespricht das Buches von Michael Schmidt-Salomon
"Jenseits von Gut und Böse", Pendo Verlag
Leben ohne moralisches Schuldprinzip.
>Hier< weit ausführlichere Vorstellung obigen Buches von Schmidt-Salomon
mit Kommentaren und Leseproben (auf einer getrennten Web-Seite).
Versuchsaufbau und -durchführung
Die Versuchspersonen hatten die Aufgabe, mehrmals (insgesamt vierzig Mal)
eine einfache Handbewegung der rechten Hand auszuführen. Den Zeitpunkt der
Ausführung konnten sie jeweils weitgehend frei wählen. Gleichzeitig waren
sie aufgefordert, sich genau zu merken, wann sie den bewussten "Drang" ("urge")
oder Wunsch (oder die Bereitschaft) verspürten, die geforderte
Bewegung auszuführen. Zu diesem Zweck sollten sie sich die
Position eines Punktes merken, der sich ähnlich wie ein
Sekundenzeiger mit einer Geschwindigkeit von ca. 2,5 Sekunden
pro Umdrehung auf einer Art Zifferblatt bewegte.
Wie bereits schon vorherige Experimentatoren benutzte auch Libet Hirnstrombilder (Elektro|enzephalogramme = EEG), also die (laufend verbesserten) Aufzeichnungen der vom Gehirn erzeugten elektrischen Spannungsschwankungen, die von der Kopfhaut abgeleitet und etwa millionenfach verstärkt werden. Es zeigte, dass zwischen der Vorbereitung einer einfachen Handbewegung in der Großhirnrinde (Kortex) und ihrer tatsächlichen (motorischen) Ausführung etwa eine Sekunde verstreicht. Libets Alltagserfahrung war, dass die empfundene Zeit zwischen Handlungsabsicht und -ausführung sehr viel kürzer ist.
Ziel seines Versuchs war es daher, möglichst exakt festzustellen, wann der Proband eine bewusste Handlungsentscheidung trifft, ab wann der motorische Kortex die Ausführung der Handlung vorbereitet und wann die betreffende Muskulatur tatsächlich aktiviert wird. Ein Elektromyogramm* (EMG) erlaubte eine genaue Messung der Muskelaktivität; auch zur Messung (mit dem EEG, einer etablierten Messmethode) des Bereitschaftspotentials (ein elektrophysiologisches Phänomen, das im Vorfeld willkürlicher Bewegungen in bestimmten Arealen der Großhirnrinde - im sogenannten supplementärmotorischen Kortex auftritt und als Ausdruck von Aktivierungs- und Vorbereitungsprozessen interpretiert wird) im Kortex existierte.
* Aufzeichnung des Zeitverlaufs elektrischer
Potenzial-(Spannungs-)Differenzen, die der tätige Muskel erzeugt. Bedeutung
hat das EMG in der neurologischen Diagnostik und in der Sport-
und Arbeitsphysiologie...
Eine etwas andere Beschreibung: Libet maß gleichzeitig den Anstieg des symmetrischen Bereitschaftspotentials. (Das Potential ist - grob gesagt - die elektrische Feldstärke eines elektrischen Feldes. Eine Potentialdifferenz ist die elektrische Spannung.) Das symmetrische Bereitschaftspotential ist ein im Elektroenzephalogramm (EEG) messbares negatives elektrisches Potential, das bei der Vorbereitung willentlicher Bewegungen entsteht und etwa eine Sekunde vor der Ausführung der Bewegung einsetzt. Das Potential ist sehr schwach; es kann daher nur durch Mittelung über eine Vielzahl von Versuchsdurchgängen (meistens etwa 40) festgestellt werden. Die zugrunde liegende neuronale Aktivität tritt auf im supplementären motorischen Areal, im primären motorischen Areal sowie in den primären und sekundären sensorischen Arealen. Um eventuelle Verzerrungen bei der Datierung des bewussten Willensaktes durch die Versuchsperson abschätzen zu können, ließ Libet seine Versuchspersonen mit derselben Uhr leichte elektrische Hautreize datieren. Allerdings erschien es problematisch, den Zeitpunkt der Willensentscheidung festzustellen, da jedes äußere Zeichen des Probanden zwangsläufig mit jener Latenzzeit (Zeit zwischen Reizbeginn und einsetzender Reaktion) behaftet wäre, die der Versuch ja erst ermitteln sollte. Daher der Einsatz der bereits beschriebenen relativ schnell laufenden Uhr. Nach Beendigung des Experiments sollten die Probanden die Stellung der Uhr zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung berichten.
Im eigentlichen Versuch wurden die Probanden darum gebeten, einen völlig beliebigen Zeitpunkt zu wählen, um die rechte Hand zu bewegen, sowie sich den Stand der Uhr zu jenem Zeitpunkt zu merken. In einigen Fällen sollen sie einer auftretenden Handlungsabsicht möglichst spontan nachkommen, in anderen zwischen Handlungsabsicht und Ausführung bis zu einer Sekunde verstreichen lassen, die Bewegung also gewissermaßen vorausplanen.
Ergebnis
Das Ergebnis war für Libet selbst überraschend: Das Bereitschaftspotential setzte im Mittel etwa 550 Millisekunden vor der Ausführung der Bewegung ein; der Willensakt wurde jedoch, ebenfalls im Mittel, erst 200 Millisekunden vor der Ausführung der Bewegung bewusst und damit etwa 350 Millisekunden nach dem Auftreten des Bereitschaftspotentials.
Etwas ausführlicher: Bei der Auswertung der Messergebnisse wurde der Nullpunkt der Zeitskala stets auf den Beginn der Muskelaktivierung gelegt, der anhand des EMG zweifelsfrei festzustellen war. Dieser Bezugspunkt diente der Mittelung von 40 EEG-Aufzeichnungen des jeweils gleichen Probanden. Eine solche Durchschnittsbildung ist aufgrund des geringen Signal-Rausch-Verhältnisses bei EEG-Versuchen üblicherweise nötig, um die Daten überhaupt auswerten zu können.
Relativ dazu waren die gemessenen Zeiten im Mittel wie folgt:
- Bei −1050ms trat das Bereitschaftspotential auf, wenn der Proband eine Vorausplanung der Bewegung berichtete;
- Bei −550ms setzte das Bereitschaftspotential von spontanen Handlungen ein;
- Der berichtete Zeitpunkt der Handlungsabsicht lag in beiden Fällen gleichermaßen bei −200ms.
Das Bemerkenswerte an diesem Ergebnis ist, dass der Zeitpunkt, zu dem die Handlungsabsicht bewusst wird, in jedem Fall deutlich nach dem Punkt liegt, an dem der motorische Kortex die Bewegung vorzubereiten beginnt. Akzeptiert man das Vorexperiment als Hinweis darauf, dass die Versuchspersonen in der Lage waren, die bewusst empfundene Handlungsabsicht korrekt zu datieren, so folgt daraus, dass die Absicht die Aktivierung des Motorkortex nicht kausal verursachen konnte.
Versuch von Haggard und Eimer
Libets Ergebnisse sorgten für eine kontroverse Diskussion, in deren Verlauf unter anderem die korrekte Durchführung des Experiments in Zweifel gezogen und bemängelt wurde, dass die Versuchsperson keine Möglichkeit hatte, eine echte Entscheidung zu treffen, sondern lediglich den Zeitpunkt einer bereits vor dem Starten der Uhr beschlossenen Bewegung festzulegen.
Der Neurophysiologe Patrick Haggard und der Psychologe Martin Eimer wiederholten daher 1999 den Versuch in abgewandelter Form. Sie führten eine Handlungsalternative ein (der Proband sollte erst während des Versuchs entscheiden, ob er den rechten oder den linken Zeigefinger bewegen wollte) und maßen das für die gewählte Bewegung spezifischere lateralisierte Bereitschaftspotential.
Auch im Versuch von Haggard und Eimer lag die Aktivierung des Motorkortex im Mittel vor dem berichteten Zeitpunkt der bewussten Handlungsentscheidung. Dennoch bestehen auch weiterhin methodische Einwände: Der mittlere Zeitpunkt der Handlungsentscheidung in Libets Versuch und verschiedenen Nachfolge-Experimenten variiert stark; auch innerhalb der Versuche ist die Varianz zwischen den Probanden beträchtlich. So lag die Handlungsabsicht bei Haggard und Eimer bei zwei von acht Personen vor dem lateralisierten Bereitschaftspotential.
Erklärt werden diese Abweichungen einerseits dadurch, dass die Handlungsabsicht kein hinreichend exakt beschreib- und datierbares Ereignis sei, um von den Probanden einheitlich berichtet zu werden. Außerdem ist bekannt, dass die relative Datierung von Eindrücken unterschiedlicher Sinnesmodalitäten von der Aufmerksamkeit abhängig ist: Reize, auf denen die Aufmerksamkeit lag, werden relativ zu anderen Reizen vordatiert. Derartige Effekte könnten auch die Genauigkeit der eingesetzten Uhr beeinträchtigen.
Das Nachfolgeexperiment von Haggard und Eimer (nach www.philosophieverstaendlich.de/freiheit/aktuell/libet.html )
Das wohl bekannteste Nachfolgeexperiment zu den Untersuchungen von Libet stellt die 1999 publizierte Studie von Haggard und Eimer dar. Von dem Versuchsaufbau Libets unterschied sich das Experiment in zwei Punkten: Zum einen hatten die Versuchspersonen in einer Bedingung die Möglichkeit, zwischen einer Bewegung der linken und einer Bewegung der rechten Hand zu wählen; zumindest bei dieser Bedingung hatten sie also die Wahl zwischen zwei Handlungsalternativen. Zweitens erhoben Haggard und Eimer neben dem symmetrischen Bereitschaftspotential, auf das sich Libet beschränkt hatte, auch das spezifischere lateralisierte Bereitschaftspotential. Während das symmetrische Bereitschaftspotential über beiden Hirnhälften messbar ist, tritt das lateralisierte Bereitschaftspotential nur über der Hirnhälfte auf, die für die Steuerung der jeweiligen Bewegung zuständig ist. Wenn sich also über der linken Hirnhälfte ein lateralisiertes Bereitschaftspotential nachweisen lässt, zeigt das, dass eine Bewegung der rechten Hand vorbereitet wird. Das lateralisierte Potential tritt zudem in engerem zeitlichen Zusammenhang mit der Bewegung auf und erlaubt daher genauere Rückschlüsse auf die Vorbereitung dieser Bewegung.
Die Autoren stellen fest, dass im Mittel auch die Entstehung des lateralisierten Bereitschaftspotentials vor der Wahrnehmung der bewussten Entscheidung lag; die Differenz betrug zwischen 370 und 500 Millisekunden. Haggard und Eimer stellten zudem fest, dass der Zeitpunkt der Entscheidung mit dem lateralisierten, nicht jedoch mit dem symmetrischen Bereitschaftspotential kovariierte. Trat also das lateralisierte Potential früher auf, dann fand auch die Entscheidung früher statt, trat das lateralisierte Potential später auf, dann galt dies auch für die bewusste Entscheidung. Die Autoren sind zurückhaltend in der Interpretation ihrer Ergebnisse, doch sie halten eine kausale Abhängigkeit der Bewegung (bzw. der Entscheidung) von dem lateralisierten Potential für denkbar (Haggard und Eimer 1999, 132).
Die Experimente von Haggard und Eimer würden unter diesen Voraussetzungen die übliche Interpretation der Libet-Experimente im Wesentlichen bestätigen; die einzige Korrektur bestünde darin, dass nicht das symmetrische, sondern das lateralisierte Potential die Handlung bestimmt. Da das lateralisierte Potential spezifisch für jeweils eine Körperhälfte ist, wird damit gleichzeitig der Verdacht ausgeräumt, dass die Versuchspersonen z.B. die jeweils andere Hand hätten bewegen können.
Bei näherer Betrachtung ergibt sich aber auch hier eine Reihe von Einwänden. So tritt das lateralisierte Bereitschaftspotential in den Experimenten von Haggard und Eimer keinesfalls immer vor dem bewussten Willensakt auf. Bei zwei von acht Versuchspersonen war dies umgekehrt; in einem Fall ging der bewusste Willensakt dem Bereitschaftspotential um 450 Millisekunden voran (Haggard und Eimer 1999, 132, Tabelle 2). Will man nicht die – abwegige – Annahme machen, die Wirkung trete eben zuweilen vor der Ursache auf, dann muss man die Behauptung eines Kausalzusammenhangs aufgeben.
Es kommt hinzu, dass der Versuchaufbau keine genauen Angaben darüber erlaubt, wann die Versuchspersonen sich zwischen den beiden Handlungsoptionen entschieden. Es ist möglich, dass diese Entscheidung unmittelbar nach dem jeweils vorangehenden Durchgang und damit lange vor dem Eintreten des lateralisierten Bereitschaftspotentials getroffen wurde; zu dem von Haggard und Eimer gemessenen Zeitpunkt wäre die bereits beschlossene Option nur noch ausgelöst worden. Für diese Interpretation spricht, dass die Versuchspersonen angehalten waren, beide Hände in etwa gleich häufig zu bewegen. Die Befolgung solcher allgemeinen Regeln, die u.a. einen Überblick über die bislang vollzogenen Handlungen erfordert, ist bei spontanen Entscheidungen nur schwer zu gewährleisten. Kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass die Versuchspersonen die Auswahlentscheidung schon früher getroffen hatten, dann ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Entscheidung dem Anstieg des Bereitschaftspotentials und nicht das Bereitschaftspotential der Entscheidung voraus gegangen ist.
Schließlich ist auch die Datierung des Bereitschaftspotentials selbst problematisch. Bei der dazu erforderlichen Mittelung von EEG-Wellen tritt nämlich eine seit längerem bekannte systematische Verzerrung auf, das sogenannte "Smearing-Artifact". Grob zusammengefasst, besteht das Smearing-Artifact darin, dass der Mittelwert, der sich über alle Durchgänge hinweg für das Bereitschaftspotential ergibt, im wesentlichen mit dem frühesten Wert zusammenfällt, der in einem der Durchgänge auftritt. Dadurch kann eine signifikante Vorverlegung zustande kommen. Trevena und Miller (2002), die dieses Problem genauer untersucht haben, kommen zu dem Schluss, dass diese Verzerrung die zeitliche Differenz zwischen dem bewussten Willensakt und dem Auftreten des lateralisierten Bereitschaftspotential erklären kann, schließlich tritt der Mittelungsfehler bei dem bewussten Willensakt nicht auf.
Angesichts dieser Einwände wird man auch die Untersuchungen von Haggard und Eimer kaum für eine Widerlegung der Willensfreiheit in Anspruch nehmen können.
Übliche Interpretation der Befunde
Libet selbst folgerte zunächst aus seinen Resultaten, dass der Entschluss zu handeln von unbewussten Gehirnprozessen gefällt wird, bevor er als Absicht ins Bewusstsein dringt; die bewusste Entscheidung sei somit nicht ursächlich für die Handlung. Dadurch sah er die Willensfreiheit und Verantwortlichkeit des Menschen in Frage gestellt; denn "das Gehirn 'entscheidet', eine Bewegung, oder zumindest die Vorbereitung einer Bewegung einzuleiten, bevor es irgendein subjektives Bewusstsein davon gibt, dass eine solche Entscheidung stattgefunden hat".
Kurz darauf ging Libet zu der These über, dass es ein Zeitfenster von zirka 100ms gebe, innerhalb dessen der bewusste Wille eine bereits eingeleitete Handlung noch verhindern könne (Veto-Funktion des Willens). Er untermauerte diese Position mit weiteren Experimenten die zeigten, dass ein Bereitschaftspotential nicht zwingend zu einer Handlung führt, sondern bis zirka 50ms vor der Muskelaktivierung noch abgebrochen werden kann. Die angeführten 100ms errechnete er aus den 200ms von der bewussten Absicht bis zur Muskelaktivierung, abzüglich der 50ms, innerhalb derer die Bewegung nicht mehr aufzuhalten ist, sowie korrigiert um die 50ms, die sich im Vorexperiment als systematischer Ablesefehler der Uhr ergeben hatten.
Libet spekuliert nun, dass das Veto selbst nicht unbewusst eingeleitet werde, sondern unmittelbar auf bewusster Ebene stattfinde. Diese Vermutung stützt er nicht auf experimentelle Befunde; zur Begründung weist er statt dessen darauf hin, dass ihn davon abweichende Annahmen zu Schlussfolgerungen über die Willensfreiheit führen würden, die er für unbefriedigend hält. Unter Verweis auf die prohibitive Formulierung vieler ethischer Regeln ("Du sollst nicht...") sieht er aufgrund dieser Argumentation die moralische Verantwortlichkeit des Menschen wieder hergestellt.
Viele Autoren haben hieraus weitreichende Schlussfolgerungen in bezug auf die Willensfreiheit gezogen. In ihren Augen zeigen die Libet-Experimente, dass unser Handeln nicht von unseren bewussten Entscheidungen abhängt, sondern von unbewussten Hirnprozessen. Unsere bewussten Willensakte sind, so diese Autoren, bloßes Beiwerk, das auftritt, nachdem das Gehirn längst festgelegt hat, was wir tun werden. Von Willensfreiheit kann daher keine Rede sein. In diesem Sinne bemerkt etwa Wolfgang Prinz:
Danach scheint es – um es paradox zu formulieren –, als sei die Handlungsentscheidung längst gefallen, wenn die bewußte Intention ausgebildet wird. Wenn das zutrifft, kann die Handlungsintention nicht die kausale Grundlage der Handlungsentscheidung sein. Vielmehr kommt die Handlungsentscheidung in anderen Prozessen zustande, die Libet als unbewußt bezeichnet.
Der Einwand gegen die Realität der Willensfreiheit ergibt sich also daraus, dass die Libet-Experimente zu zeigen scheinen, dass die Festlegung auf eine bestimmte Handlung nicht durch eine bewusste Entscheidung der Person, sondern durch einen unbewussten Hirnprozess erfolgt. Diese Einwand ist völlig unabhängig vom Problem des Determinismus. Die Behauptung, dass die Handlung nicht durch die Person, sondern durch unbewusste neuronale Prozesse gesteuert wird, liefert auch dann einen Einwand gegen die Willensfreiheit, wenn sich unsere Welt als nicht determiniert erweist bzw. wenn Freiheit und Determination miteinander vereinbar sind.
Das "Veto"
Libet selbst hat aus seinen Experimenten jedoch niemals eine Widerlegung der Willensfreiheit abgeleitet. Er glaubt nachweisen zu können, dass auch eine durch das Bereitschaftspotential eingeleitete Handlung noch kurz vor der geplanten Ausführung durch ein bewusstes "Veto" gestoppt werden kann. Libet hatte seine Versuchspersonen in einer weiteren Bedingung des Experiments aufgefordert, die Bewegung zwar vorzubereiten, sie jedoch kurz vor einem festgelegten Zeitpunkt zu unterbrechen. Es stellte sich heraus, dass dies noch bis zu 100 Millisekunden vor der geplanten Ausführung möglich war. Libet stellte außerdem ein Bereitschaftspotential fest, das im wesentlichen demjenigen in den normalen Versuchsdurchläufen entsprach.
Es ist jedoch unklar, ob Libet damit wirklich einen glaubhaften Nachweis für die Existenz eines solchen Vetos erbracht hat. Dies würde voraussetzen, dass in den genannten Experimenten tatsächlich eine bereits eingeleitete Handlung spontan unterbrochen wurde. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Versuchspersonen wussten nämlich schon bei der Einleitung ihrer Handlung, dass sie diese zu einem vorgegebenen Zeitpunkt unterbrechen würden.
Kritik an Interpretation
Einige Kritiker finden Libets Interpretation nicht radikal genug und gehen über sie hinaus. So stützt sich der Biologe Gerhard Roth unter anderem auf das Libet-Experiment und seine Nachfolge-Versuche, wenn er behauptet: „Das bewusste, denkende und wollende Ich ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich für dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn ‚perfiderweise‘ dem Ich die entsprechende Illusion verleiht.“
Andere Stimmen weisen dagegen darauf hin, dass der Versuchsaufbau weder konzipiert wurde, um Aussagen zu Willensfreiheit und moralischer Verantwortlichkeit treffen zu können, noch dazu geeignet ist.
Manche Kritiker meinen, dass alltäglichen Willenshandlungen nicht unbedingt eine Handlungsabsicht voraus gehe. Dass die Probanden überhaupt eine solche Absicht berichteten, sei auf die Versuchsanweisung zurückzuführen und die hohe Varianz der angegebenen Zeitpunkte (siehe oben) weise darauf hin, dass diese Absicht nicht klar greifbar sei.
So vertreten etwa Bennett und Hacker die Auffassung, dass es charakterisierendes Merkmal einer Willensentscheidung sei, dass sie unter Kontrolle der Person erfolge. Das Verspüren einer Handlungsabsicht oder eines Handlungswunsches sei hierfür weder ein notwendiges noch ein hinreichendes Kriterium. Als Beispiele führen sie das Ergreifen eines Stifts an, um etwas niederzuschreiben; dieses sei willkürlich, aber nicht von der Absicht begleitet, den Stift aufzuheben. Einem Niesen gehe dagegen ein entsprechendes Bedürfnis voraus, dennoch würde man es als unwillkürlich bezeichnen. Folglich ermögliche das Libet-Experiment keine Aussagen über Willensentscheidungen.
Andere Kritiker würden nicht einmal soweit gehen. So argumentieren etwa Batthyany und Mele, dass der aus philosophischer Sicht grundlegende Denkfehler in Libets Experiment darin bestünde, spontan auftretende Verlangen und mentale Verursachung, bzw. Willensfreiheit gleichzusetzen. Eine solche Gleichsetzung widerspreche aber dem, was traditionelle philosophische und auch zeitgenössische kognitionspsychologische Modelle der Willensfreiheit besagen. Batthyany weist vor allem darauf hin, dass die Anweisungen an Libets Versuchspersonen lauteten, diese sollten „spontan auf einen Bewegungsdrang warten“ und den Zeitpunkt ihrer vorvereinbarten Bewegung nicht bewusst vorplanen, die Versuchspersonen mit anderen Worten lediglich gebeten worden seien, eine passive Rolle gegenüber ihren spontanen Bewegungsdrängen einzunehmen. Drang und spontanes Verlangen seien aber, so Batthyany, nicht Ausdruck bewusster mentaler Verursachung. Insofern sei Libets Experiment ontologisch und kausaltheoretisch neutral – denn nicht einmal der interaktionistische Dualismus würde vorhersagen, dass spontane Verlangenserlebnisse, die ohne bewusste Vorplanung zustandekommen, durch bewusste mentale Verursachung hervorgerufen würden. Komplexen Handlungen gehe zudem eine Planungsphase voraus, die zeitlich zweifellos vor dem ersten Bereitschaftspotential der Ausführung liege.
Folgt man diesen Argumentationen, sind die philosophischen Implikationen der Ergebnisse von Libet bzw. Haggard und Eimer gering.
Ein weiterer Einwand gegen die freiheitspessimistischen Interpretationen der Libet-Experimente richtet sich an die Kausalitätsbeziehungen der betrachteten Ereignisse. Im Falle der Probanden, die vor dem Experiment über den Ablauf instruiert worden sind, erscheint es plausibel, dass sie eine gewisse Erwartungshaltung entwickelt haben und sich kognitiv mit der zuvorstehenden „Handlung“ intentional auseinandersetzen. Auf der neurophysiologischen Ebene erscheint es ähnlich plausibel, dass ein für die Fingerbewegung entsprechendes neuronales Pattern bereitgestellt wird. Dieses würde dem betrachteten Bereitschaftspotential entsprechen.
Dass irgendwann vor einer Handlung oder Aktivität ein dafür entsprechendes neurophysiologisches Bereitschaftspotential zur Verfügung gestellt wird, stellt aus logischen Gründen gar eine Notwendigkeit dar für unser Verständnis unseres Tuns. Die Libet-Experimente unterstützen eine solche These. Dass der Beginn des besagten Bereitschaftspotentials über eine kausale Wirkung auf die Körperbewegung verfügt, erscheint unwahrscheinlich. Denn es ist anzunehmen, dass unser Gehirn ständig irgendwelche Bereitschaftspotentiale entwickelt. Die Ergebnisse Libets stützen die These der kausalen Funktion des Beginns des Bereitschaftspotentials nicht ansatzweise. Kausale Kraft kann jedoch ein handlungsauslösender Wille (Grund, Intention, Wunsch) ausüben, der nach unserem Erleben quasi gleichzeitig mit der tatsächlichen Bewegung auftritt.
Hand- bzw. Fingerbewegungen sind als Ablauf im prozeduralen Gedächtnis gespeichert. Das heißt, Libets Ergebnisse können sich nur darauf beziehen. Betrachtet man die sogenannte Nahtod-Erfahrung als Ergebnis einer einzigen Gehirnfunktion (Kinseher, 2006); dann wird erkennbar, dass das Gehirn dabei ausschließlich sein episodisches Gedächtnis durchsucht und Inhalte neu bewertet. Die Diskussion um die Willensfreiheit muss daher neu und anders geführt werden, wenn das Gehirn je nach Situation einen anderen Gedächtnisspeicher auswählt. Libets Experimente gelten nicht für das episodische Gedächtnis – denn für eine Handbewegung ist keine moralisch begründete Entscheidungsfindung notwendig.
Einwände gegen die übliche Interpretation (im Folgenden nach www.philosophieverstaendlich.de/freiheit/aktuell/libet.html )
Ohne Zweifel unterscheidet sich das Grunddesign der Libet-Experimente deutlich von normalen Entscheidungssituationen, in denen es darum geht, eine Wahl zwischen einer Reihe sich ausschließender Handlungen zu treffen, die man alle ausführen könnte. Kann man bei diesen Experimenten also wirklich davon sprechen, dass die Versuchspersonen überhaupt eine Entscheidung treffen? Immerhin steht die auszuführende Handlung (Bewegung der rechten Hand) von vornherein fest; außerdem musste diese Bewegung sehr häufig wiederholt werden. Die Versuchspersonen können allenfalls den zeitlichen Ablauf geringfügig variieren. Man kann daher argumentieren, dass die einzige Entscheidung vor Beginn des eigentlichen Versuches getroffen wird – nämlich dann, wenn die Versuchsperson einwilligt, an dem Versuch teilzunehmen und im folgenden vierzig mal hintereinander eine einfache Handbewegung auszuführen. Was mit Hilfe der Uhr, die die Versuchspersonen beobachten, gemessen wird, wäre also nicht der bewusste Entschluss, die Bewegung auszuführen, sondern nur der Akt der Auslösung der Bewegung, zu der sich die Versuchsperson schon zu vor Beginn des eigentlichen Experimentes entschlossen hatte. Der Anstieg des Bereitschaftspotentials wäre auf die Erwartung zurückzuführen, dass die gleiche Bewegung kontinuierlich wiederholt werden muss. Dies stimmt mit Befunden überein, denen zufolge der Anstieg des Bereitschaftspotential durch kognitive Prozesse beeinflusst werden kann (vgl. Trevena und Miller 2002, 186).
Für diese Interpretation sprechen auch die Versuche von Keller und Heckhausen (1990). Die Autoren konnten zeigen, dass die Instruktion die Aufmerksamkeit der Versuchspersonen auf unwillkürliche Bewegungsimpulse richtet, die im Normalfall praktisch ständig vorhanden sind. Solchen Bewegungsimpulsen geht ein Bereitschaftspotential voraus, das dem von Libet gemessenen sehr ähnlich ist. Die Instruktion veranlasst die Versuchspersonen dazu, ihre Aufmerksamkeit auf diese Bewegungsimpulse zu richten, die sie dann als "Drang, sich zu bewegen" interpretieren. Natürlich stellen solche Bewegungsimpulse keine Entscheidungen in irgend einem interessanten Sinne dar; auch Keller und Heckhausen gehen daher davon aus, dass die eigentliche Entscheidung fällt, wenn die Versuchspersonen einwilligen, die Instruktion auszuführen.
Diese Interpretation deckt sich auch mit einer von Goschke (2003; 2004) vorgelegten allgemeinen Theorie der Handlungssteuerung. Dieser Theorie zufolge können bewusste Absichten nicht einfach als direkte Ursachen verstanden werden, die eine Handlung einfach wie einen Billardball anstoßen; bewusste Absichten wirken vielmehr indirekt, indem sie die Wahrscheinlichkeit für die Ausführung einer Handlung – möglicherweise über einen längeren Zeitraum – vergrößern oder verringern: Genau dies wird durch die Instruktion in den Libet-Experimenten bewirkt.
Ganz unabhängig von dem Problem, ob in den Versuchen Libets wirklich von einer Entscheidung die Rede sein kann, stellt sich die Frage, was denn durch das Bereitschaftspotential festgelegt wird. Da Libets Instruktion Handlungsalternativen – wie das Bewegen einer anderen Hand – von vornherein ausschloss, lässt der Versuch offen, ob die Versuchspersonen nicht auch nach dem Auftreten des Bereitschaftspotentials eine andere als die ursprünglich geplante Handlung hätten ausführen können. Die Existenz einer solchen Möglichkeit würde offensichtlich erhebliche Freiheitsspielräume eröffnen.
Für die Annahme eines solchen Freiheitsspielraumes spricht etwa das Nachfolgeexperiment von Haggard und Eimer (1999). In dieser Studie gab es eine Bedingung, in der die Versuchspersonen die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Handbewegungen hatten. Haggard und Eimer kamen zu den Ergebnis, dass das symmetrische Bereitschaftspotential nicht festlegt, was die Person tun wird. Zwar gibt es methodische Einwände gegen diese Schlussfolgerung (vgl. Pauen 2004, 205), derselbe Schluss lässt sich jedoch auch aus einer Untersuchung von Herrmann et al. (in Vorbereitung) ziehen. Die Autoren konnten in einem Reaktionszeitexperiment zeigen, dass Versuchspersonen auch nach dem Auftreten des symmetrischen Bereitschaftspotentials die Wahl zwischen Bewegungen beider Hände hatten.
Methodische Einwände
Abgesehen von Unklarheiten bei der Interpretation der Libet-Experimente gibt es auch Vorbehalte, die sich auf die Ergebnisse selbst beziehen, insbesondere auf die Datierung von Bereitschaftspotential und Willensakt. Fragen der Datierung sind hier von zentraler Bedeutung, weil die zeitliche Abfolge von Bereitschaftspotential und Willensakt die Basis aller Behauptungen über den Kausalzusammenhang, insbesondere über die kausale Rolle des bewussten Willens bildet.
Die Probleme der Datierung werden sichtbar, wenn man auch die Nachfolgeexperimente mit einbezieht. Beträchtliche Differenzen gibt es schon bei den Mittelwerten für den bewussten Willensakt aller Versuchspersonen eines Experimentes. Bei Libet ebenso wie bei Keller und Heckhausen liegt dieser Wert bei 200 Millisekunden vor der Handbewegung, bei Haggard und Eimer dagegen bei 350 Millisekunden und bei Trevena und Miller nur 122 Millisekunden vor der Bewegung. Wesentlich größer noch sind die Differenzen zwischen den einzelnen Versuchspersonen. Wie schon gesagt, basieren die ermittelten Daten in der Regel auf etwa 40 Durchgängen. Bei Libet liegen die Schwankungen zwischen 422 und 54 Millisekunden, bei Haggard und Eimer zwischen 984 und 4 Millisekunden vor der Handlung. Bei Keller und Heckhausen finden sich Werte zwischen 362 Millisekunden vor und 806 Millisekunden nach der Bewegung; ebenso gaben bei Trevena und Miller 40% der Versuchspersonen einen Zeitpunkt an, der nach der Ausführung der Bewegung lag.
Erklären lassen sich die Differenzen zum einen durch Unklarheiten bei der Instruktion. Nicht alle Versuchspersonen dürften also die gleiche Vorstellungen davon gehabt haben, was mit dem "Drang, sich zu bewegen" gemeint war. Hinzu kommen dürfte die seit längerem bekannte Aufmerksamkeitsabhängigkeit bei der Datierung von Reizen aus unterschiedlichen Modalitäten. Wendet die Versuchsperson ihre Aufmerksamkeit einem akustischen Reiz zu, wird sie diesen Reiz z.B. im Vergleich zu einem nicht aufmerksam beobachteten optischen Reiz vordatieren; konzentriert sich die Versuchsperson dagegen auf den optischen Reiz, wird dieser vordatiert. Offensichtlich stellt die Datierung des "Drangs, sich zu bewegen" anhand einer optischen Wahrnehmung, nämlich der Position eines Punktes auf einem Zifferblatt, ein ganz analoges Problem dar. Da nicht kontrolliert werden kann, ob die Versuchspersonen ihre Aufmerksamkeit auf ihren Bewegungsdrang oder auf die Uhr richten, könnte also ein Teil der Schwankungen hieraus zu erklären sein, zumal man annehmen kann, dass es hier individuelle Präferenzen gibt, die bei der geringen Zahl der Versuchspersonen durchaus ins Gewicht fallen dürften.
Einwände von Seiten des Naturalismus
Beckermann 2005 hat gegen die Standardinterpretation der Libet-Experimente eingewandt, dass sie von einer grundsätzlichen Entgegensetzung von Hirn und handelnder Person ausgeht, die keineswegs selbstverständlich ist. Handlungen sind meine Handlungen, wenn sie auf meine Überzeugungen, Präferenzen und Überlegungen zurückgehen. Naturalisten behaupten aber, dass Überlegungen durch neuronale Prozesse und dass Überzeugungen und Präferenzen durch neuronale Zustände realisiert sind. Wenn das richtig ist, können auch Handlungen, die von Prozessen in meinem Gehirn ausgelöst werden, meine Handlungen sein. Die Hirnprozesse, die sich im symmetrischen Bereitschaftspotential zeigen, könnten also durchaus die (mentalen) Entscheidungsprozesse sein, die wir bei der Vorbereitung willentlicher Handlungen erwarten. Dieser Interpretation zufolge zeigen die Libet-Experimente bestenfalls, dass die Entscheidungsprozesse, die einer Handlung vorausgehen, nicht vollständig bewusst sind. Dies entspricht jedoch nur einer Tatsache, die sich bei der Untersuchung kognitiver Prozesse häufig feststellen lässt: Nur das Ergebnis dieser Prozesse gelangt in unser Bewusstsein, während die Prozesse selbst weitgehend unbewusst ablaufen.
Literatur
- Beckermann, Ansgar. 2005. "Neuronale Determiniertheit und Freiheit". In: Willensfreiheit als interdisziplinäres Problem. Hrsg. v. Kristian Köchy & Dirk Stederoth. Freiburg i.Br.: Karl Alber.
- Goschke, Thomas. 2003. "Voluntary Action and Cognitive Control from a Cognitive Neuroscience Perspective." In: Voluntary Action: Brains, Minds and Sociality. Hrsg. v. S. Maasen, W. Prinz und G. Roth. Oxford: Oxford University Press, 49-85.
- Goschke, Thomas. 2004. "Vom freien Willen zur Selbstdetermination." Psychologische Rundschau 55 (4), 186-197.
- Green, Joseph B., Peter A. St. Arnold, Leonid Rozhkov, Darren M. Stroher und Nancy Garrot. 2003. "Bereitschaft (readiness potential) and Supplemental Motor Area Interaction in Movement Generation: Spinal Cord Injury and Normal Subjects." Journal of Rehabilitation Research and Development 40 (3), 225-234.
- Haggard, Patrick und Martin Eimer. 1999. "On the Relation Between Brain Potentials and the Awareness of Voluntary Movements." Experimental Brain Research 126, 128-133.
- Herrmann, Christoph S., Michael Pauen, Byoung Kyong Min, Niko A. Busch und Jochem Rieger. In Vorbereitung. "Analysis of a choice-reaction task yields a new interpretation of Libet's experiments."
- Keller, I. und H. Heckhausen. 1990. "Readiness Potentials Preceding Spontaneous Motor Acts: Voluntary vs. Involuntary Control." Electroencephalography and Clinical Neurophysiology 76, 351-361.
- Libet, Benjamin. 1985. "Unconscious Cerebral Initiative and the Role of Conscious Will in Voluntary Action." The Behavioral and Brain Sciences VIII, 529-539.
- Libet, Benjamin, Curtis A. Gleason, Elwood W. Wright und Dennis K. Pearl. 1983. "Time of Conscious Intention to Act in Relation to Onset of Cerebral Activities (Readiness-Potential): The Unconscious Initiation of a Freely Voluntary Act." Brain 106, 623-642.
- Miller, Jeff und Judy Arnel Trevena. 2002. "Cortical Movement Preparation and Conscious Decisions: Averaging Artifacts and Timing Biases." Consciousness and Cognition 11, 308-313.
- Pauen, Michael. 2004. Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung. Frankfurt a.M.: S. Fischer.
- Prinz, Wolfgang. 1996. "Freiheit oder Wissenschaft." In: Freiheit des Entscheidens und Handelns. Ein Problem der nomologischen Psychologie. Hrsg. v. M. v. Cranach und K. Foppa. Heidelberg: Asanger, 86-103.
- Trevena, Judy Arnel und Jeff Miller. 2002. "Cortical Movement Preparation before and after a Conscious Decision to Move." Consciousness and Cognition 11, 162-190.
- Walter, Henrik. 1998. Neurophilosophie der Willensfreiheit. Von libertarischen Illusionen zum Konzept natürlicher Autonomie. Paderborn: Schöningh.
Kommentar: Ich bin zum ersten Mal einem Versuch begegnet, in dem lediglich ein geringer Teil des Versuchsablaufes zu einem Beweis herangezogen wird und zwar im Libet-Versuch dazu, dass es keinen freien Willen gäbe; denn der Entschluss zu handeln würde von unbewussten Gehirnprozessen gefällt.
Erstaunlich, wie schnell Schlüsse aus wenigen - vielleicht beweisgewollt - gezogen werden können; denn es gab überhaupt keine Berücksichtigung des Folgenden:
Der Versuch war mit den Probanden (Versuchs-, Testpersonen) mehr oder weniger ausführlich besprochen worden, etwa so: "Es geht darum, dass Sie eine Hand oder einen Finger heben sollen..." Dann folgte der Versuch, in dem der Wille umgesetzt werden sollte. Dieser Wille wurde - wie viele Nachversuche tatsächlich bestätigten - gedanklich bereits vorbewusst ausgeführt, ehe der durch Gehirnstrommessung festgestellte endgültige Entschluss des Probanden gemessen werden konnte und zwar genau so, wie besprochen, nämlich, die Hand oder ein Finger taten genau das, was gewollt war. (Oder hätte man erwarten können, wenn es einen freien Willen gäbe, dass der Versuchsdurchführer in den Hintern getreten worden wäre? was mir z.B. als Testperson durchaus in den Sinn gekommen sein könnte, oder dass eine Versuchsperson mit einem Finger an der Stirn das Labor verlassen hätte. Nein, das macht man auch nicht, womit wir beim Gehorsam sind bis zu den Milgram-Versuchen >hier<).
Vorbewusst bedeutet, dass ein Prozess ohne inneren Widerstand ablaufen kann vor einer wirklichen Bewusstwerdung. Wenn ich Klavier spiele, muss ich in der Regel Noten zuhilfe nehmen. Bei einem gut eingeübten Stück, z.B. dem sogenannten Minutenwalzer von Frederic Chopin, kann ich die am schnellsten zu spielenden Noten in einer Zeit von 1/12 Sekunde hörbar machen, wenn ich "in Form bin". Also brauche ich für jede Note 83 Millisekunden und bin damit 4,2 mal schneller als die Libet-Testpersonen. Es ist sogar mein absolut freier Wille, das Walzerspiel einfach irgendwo mal abzubrechen (u.U. wegen des Läutens eines Telefons) oder langsamer (und präziser) zu spielen oder mit einem anderen Findersatz. Letzteres verlangsamt das Spiel erst einmal ganz gewaltig. Natürlich habe ich Jahrzehnte lang auf den Tasten rumgehämmert und geübt.
Diese Beispiel soll zeigen, dass es kaum messbar ist, wie unser Gehirn im Einzelnen "ein einstudiertes" Wollen (als "Befehle") umsetzt. Viele (elektro)chemische Prozesse laufen ab oder "Chemikalien" müssen erst gebildet werden, wie die Adrenalin-Produktion, als chemische Überträgersubstanz von Nervenreizen. Überhaupt sollte jeder, der Versuche am Nervensystem vornimmt, etwas über Nervenleitgeschwindigkeit wissen. In diesem Zusammenhang sind Stichworte wie Ruhe- oder Membranpotenzial von Nervenzellen und Erregung, also Spannungsänderung durch Änderung der Membrandurchlässigkeit. Das sind alles sehr komplizierte und nicht unbedingt mit Lichtgeschwindigkeit ablaufende Vorgänge. Elektroenzephalografische Potentiale, die auf Grund chemischer Reaktionen in einem mehr oder weniger trägen organischen System schließlich als elektrische Spannungen gemessen werden können, müssen nicht unbedingt in der messbaren Reihenfolge auftreten: Also - im Libet-Experiment nicht berücksichtigte Versuchsvorbereitung, indem das Gehirn schon mal trainiert worden ist, was gemacht werden soll (welche Hand, d.h. welche Muskelgruppe drankommen wird),
■ an die Muskelgruppe geleiteten Befehlsgruppe (messbar?),
■ Hand bewegt sich (als Elektromyogramm), auf grund der Befehlsgruppe (wieviele Muskeln sind beteiligt?,
■ diese Befehle werden "wie bei einer schriftlichen Rückmeldung" registriert (als, ich habe soeben die Hand bewegen lassen. Ist das gemessen worden?).
Es gibt wegen der immer stärkeren Auslese im Rahmen der Evolution wegen der besseren Überlebensaussicht (Chance zum Selbsterhalt) viele Reaktionen aus dem Tierreich, die erst einmal reflexartig ablaufen (Umweltkonstellation - Schreck - als Auslöser; Handlung wird dann durch bessere Informationsverarbeitung bestätigt oder korrigiert). Psychologen sprechen von unbewussten, vorbewussten und bewussten Vorgängen, mit - wie immer - fließenden Übergängen und Anteilen. Physiologisch sind da noch viele Aufklärungsarbeiten ausstehend, was sich S. Freud schon damals gewünscht hatte, als er einfach die Tatsache herausfand, dass es Unbewusstes, Vorbewusstes und voll Bewusstes gibt. Wie lange dauert es bis zu einer völlig klaren Bewusstwerdung irgendwelcher Prozesse und was läuft dabei alles ab. Die Libet-Versuchspersonen mussten ihre Augen auf die Uhr richten. Diese Anweisung an die Augenmuskeln sind durchaus messbar. Aber da haben wir das gleiche Problem. Warum lief denn das nicht vorzeitig ab usw. Es gibt zu viele Ungereimtheiten.
Wie oft rennen Sportler vor dem Startschuss schon los? (Sie wollen ja auch die jeweils ersten sein.)
Weiteres Beispiel: Ein sehr guter Freund von mir war ein Malaysier mit chinesischem "Migrationshintergrund" durch seinen Vater, einem Kung-Fu-Lehrer in der karateartigen Selbstverteidigungssportart ausgebildet (Karate; japanisch "Leere Hand"). Der Vater wurde im Alter von über 70 Jahren aus dem Krankenhaus als unheilbar krebskrank entlassen. Er wollte seinen letzten Sohn vor seinem Tod unbedingt verheiratet zu erleben und überwand seine tödliche Krankheit (denn der Sohn heirate nie). Mit meinem Freund waren wir mit einer alten mechanischen Schreibmaschine in einem Spezialkoffer mit der Deutschen Lufthansa ab Ankara (Hauptstadt der Türkei) auf dem Flug nach Deutschland und mussten in München umsteigen, wobei mein Freund, der besagte Schreibmaschine trug und eine kleine Plastiktüte, am Betreten des Flugzeuges durch den sich in der Tür aufbauenden "Purser" (= Zahlmeister, der Kabinenchef) gehindert, wobei dieser mit dem hin- und hergehen lassenden Finger seiner rechten Hand offensichtlich andeuten wollte, dass es kein Weiterkommen geben werde. Wenige Millisekunden später schwankte der urgermanische Recke in Richtung der Schwerkraft. Der Kung-Fu-Ausgebildete hatte trotz Behinderung durch seine Taschen zugeschlagen, mindestens so schnell wie in einem Libet-Experiment. Es gab Verhandlungen mit dem Flugkapitän, der sich vor Lachen nicht halten konnte, als er hörte, dass der ehrenwerte, unbeeindruckbare Kabinenheld einen Klaps bekommen hatte... Natürlich hatte mein Freund reflexartig zugeschlagen, aber voll willentlich und auch deterministisch (vorherbestimmbar, wenn man seine strenge Ausbildung gekannt haben würde. Dann hätte sich der Lufthanse-Purser anders verhalten müssen).
Zur Diskussion stehen nach wie vor: Willensfreiheit (Wollen), Handlungsfreiheit, Entscheidungsfreiheit, Determination.
B. Weitere psychologische Experimente:
Der Endowment*-Effekt (deutsch Besitztumseffekt) besagt, dass der wahrgenommene Wert eines Gutes höher ist, wenn man es besitzt. 1980 gab Richard Thaler diesem Effekt seinen Namen von Daniel Kahneman 1991 bestätigt. In Verhandlungssituationen kann dadurch die Bereitschaft zu zahlen (willingness to pay) geringer sein als der objektive Wert des Gutes ist. Andererseits gilt es ebenso, die Bereitschaft zu verkaufen (willingness to accept) ist geringer und es wird ein höherer Preis gefordert als das Gut objektiv Wert hat.
* Endowment wörtlich: Gründung, Stiftung, Subventionierung,
Schenkung, Ausstattung. Endowment insurance: Die Lebensversicherung auf den
Erlebensfall.
Experiment zum Gedächtnis für Schema-inkonsistente
Information von Stangor und McMillan (1992)
Experimente zur Unmöglichkeit der Gedankenunterdrückung (Ironische Prozesse) von Wegner (1994). Diese Prozesse treten beim Versuch der Gedankenunterdrückung auf. Das Objekt oder das Verhalten, das man in Gedanken zu vermeiden suchte, drängt sich gerade dann in den Vordergrund. - Nach Wegner wird jedes Bemühen, einen bestimmten Impuls zu unterdrücken, von der Besorgnis begleitet, dieser Impuls könnte trotzdem noch auftreten. Um dies zu verhindern, tritt ein innerer Monitor (eine Art Bewacherfunktion) in Kraft, die aber paradoxerweise alleine durch ihre Existenz dafür sorgt, dass der jeweilige Gedankeninhalt besonders verfügbar bleibt und einem daher auch leichter einfällt. Wenn die kognitive Belastung durch weitere Anforderungen so groß wird, dass bewusste Ablenkung behindert wird, führt der Monitorprozess dazu, dass der Gedankeninhalt wieder in den Vordergrund tritt. "Jeder Versuch, die eigenen Gedanken unter Kontrolle zu bringen, trägt schon den Keim des Scheiterns in sich".
Experiment zur unbewussten Verhaltenssteuerung durch Priming (Grundierung, Vorbereitung, Das Fertigmachen, die Zündmasse; die Bahnung, ein Begriff aus der Neurophysiologie) von Bargh, Chen und Burrows (1996). Dabei tritt in den Vordergrund: "Jeder Versuch, die eigenen Gedanken unter Kontrolle zu bringen, trägt schon den Keim des Scheiterns in sich". Das Objekt oder das Verhalten, das man in Gedanken zu vermeiden suchte, drängt sich gerade dann in den Vordergrund.Er beschreibt das Phänomen, dass eine wiederholte Erregung bestimmter Nervenbahnen den Wirkungsgrad von Reizen gleicher Stärke erhöht oder eine Erregung dieser Nervenbahn schon auf Grund schwächerer Reize ermöglicht wird. Auf einen Gedächtnisinhalt bezogen wird dieser schneller – oder gar automatisiert – abgerufen, wenn der Inhalt selbst oder die mit diesem Inhalt assoziierten kognitiven Inhalte zuvor aktualisiert worden sind (siehe auch: Summation).
In der Betrachtung einer einzelnen Nervenzelle wird zwischen räumlicher und zeitlicher Bahnung unterschieden. Bahnung findet als neurophysiologisches Konzept auch Anwendung in der Betrachtung komplexer Phänomene aus der Hirnforschung, Psychophysik, Verhaltensphysiologie und der Sozialpsychologie (siehe auch Langzeit-Potenzierung).
Praktische Bedeutung erhält das Phänomen der Bahnung in der Lerntheorie: Durch häufige Wiederholung findet eine Bahnung für bestimmte Gedächtnisinhalte statt, d.h. neuronale Korrelate mentaler Repräsentationen werden durch häufige gleichzeitige Aktivierung miteinander verbunden (assoziiert). Bahnungseffekte können als neurophysiologischer Vorläufer etwa eines Gedankens oder einer Erinnerung betrachtet werden. Der Begriff wird dem österreichischen Physiologen Sigmund Exner zugeschrieben.
Experiment zur Aggression nach Beleidigung (culture
of honor in den amerikanischen Südstaaten) von
Cohen, Nisbett, Bowdle und Schwarz (1996)
Experimente zur dualen Informationsverarbeitung:
Elaboration Likelihood Model nach Petty und
Caccioppo (1986) sowie
Heuristic Systematic Model nach Eagly und Chaiken
(1998)
Impliziter Assoziationstest (Verfahren zur Messung
von Assoziationsstärken zwischen mentalen
Repräsentationen von Objekten im Gedächtnis) von
Greenwald, McGhee & Schwartz (1998)

