1st Edition., 2010, XVI, 312 S. 77 Abb., 7 in Farbe.
Geb., ISBN 978-3-8274-2343-6
http://www.springer.com/978-3-8274-2343-6
Aus der Verlagswerbung:
Ist die Welt real – oder lediglich ein Konstrukt unseres Gehirns? Und wer ist eigentlich "Ich"?
In Ihrem Kopf gibt es eine erstaunliche Vorrichtung, die Ihnen jede Menge Arbeit erspart – und die darin effizienter ist als die modernsten High-Tech-Computer: Ihr Gehirn. Tag für Tag befreit es Sie von Routineaufgaben wie der bewussten Wahrnehmung der Objekte und Geschehnisse um Sie herum sowie der Orientierung und Bewegung in der Welt, so dass Sie sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren können: Freundschaften zu schließen, Beziehungen zu pflegen und Ideen auszutauschen.
Wie sehr all das, was wir wahrnehmen, ein von unserem Gehirn geschaffenes Modell der Welt ist, wird uns kaum je bewusst. Doch noch überraschender – und vielleicht beunruhigender – ist die Schlussfolgerung, dass auch das „Ich", das sich in die soziale Welt einfügt, ein Konstrukt unseres Gehirns ist. Indem das Gehirn es uns ermöglicht, eigene Vorstellungen mit anderen Menschen zu teilen, vermögen wir gemeinsam Größeres zu schaffen, als es einer von uns alleine könnte. Wie unser Gehirn dieses Kunststück vollbringt, beschreibt dieses Buch.
"In diesem faszinierenden Buch zeigt Chris Frith, dass die Wissenschaft heute endlich beginnen kann zu erläutern, wie und warum wir die Welt so erfahren, wie wir es tun … Frith vertieft sich in Themen wie Wahnvorstellungen, Illusionen, Vorstellungskraft und Nachahmung, und stets schreibt er verständlich und erhellend, ob es um die einfachsten Beobachtungen oder die komplexesten Experimente geht." New Scientist
"Der britische Kognitionsforscher Chris Frith beschäftigt sich mit dem vielleicht größten Rätsel überhaupt, nämlich dem Entstehen und den Eigenschaften unserer Erlebniswelt – der einzigen Welt, die uns direkt zugänglich ist. Er behandelt dieses schwierige Thema in einer souveränen, sympathischen und sehr verständlichen Weise, immer nahe an den psychologischen und neurobiologischen Forschungsergebnissen, von denen einige bedeutende aus seinem Labor stammen. Er verzichtet dabei bewusst auf jeden bombastischen philosophischen Aufwand. Das macht das Buch unbedingt lesenswert." Gerhard Roth
Dieses von einem international führenden Neurowissenschaftler geschriebene Buch liefert eine verständliche Zusammenfassung jener experimentellen Untersuchungen, die zeigen, wie das Gehirn unsere geistige Welt erschafft. Um die Beziehung zwischen Geist und Gehirn zu erkunden, greift der Autor dabei sowohl auf Befunde aus bildgebenden Verfahren zurück wie auch auf psychologische Experimente und Studien mit Patienten. Er zeigt, dass wir unser Wissen über unsere Innen- und Außenwelt mithilfe von Modellen erwerben, die unser Gehirn erstellt und im Lichte neuer Erfahrungen immer wieder anpasst. Darüber hinaus verdeutlicht das Buch, wie das Gehirn die Kommunikation von Ideen zwischen unseren Köpfen möglich macht – und damit auch die Grundlagen für die Kultur legt.
"Christopher Frith ist für sein extrem klares Denken bekannt, mit dem er komplexe psychologische Phänomene durchschaubar macht, ob es um Urheberschaft, soziale Intelligenz oder die Geisteswelt von Menschen mit Autismus und Schizophrenie geht … In Wie unser Gehirn die Welt erschafft führt er all dies in überaus verständlicher und anregender Weise zusammen." Oliver Sacks
"Ein anregendes neues Buch von einem hervorragenden Wissenschaftler, der weiß, wovon er redet." Metapsychology Online Reviews
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Stichwörter » Gehirn und Geist - Ich - Realität - Selbst - Wahrnehmung
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Inhalt
Vorwort XIII
Dank XIV
Einleitung: Richtige
Naturwissenschaftler
befassen sich nicht
mit dem Geist
Die Angst des
Psychologen vor der
Party
Harte und weiche
Naturwissenschaften
Harte
Naturwissenschaften
= objektiv, weiche
Naturwissenschaften
= subjektiv
Kann Big Science die
weiche Wissenschaft
retten?
Messung mentaler
Aktivität
Wie kann das Mentale
aus dem Physischen
erwachsen?
Ich kann Ihre
Gedanken lesen
Wie unser Gehirn die
Welt konstruiert
Teil I Die
Illusionen des
Gehirns durchschauen
1 Die Hinweise eines
geschädigten Gehirns
Die physische Welt
wahrnehmen
Geist und Gehirn
VIII Inhalt
Wenn das Gehirn
nicht Bescheid weiß
Wenn das Gehirn
Bescheid weiß, es
aber nicht sagt
Wenn das Gehirn lügt
Wie Gehirnaktivität
zu falschem Wissen
führt
Wie man das Gehirn
zum Lügen bringt
Die Echtheit unserer
Erfahrungen prüfen
Woher wissen wir,
was real ist?
2 Was uns ein
normales Gehirn über
die Welt erzählt
Die Illusion einer
bewussten
Wahrnehmung
Unser verschwiegenes
Gehirn
Unser verzerrendes
Gehirn
Unser schöpferisches
Gehirn
Was das Gehirn uns
über den Körper
erzählen kann
Privilegierter
Zugang?
Wo ist die Grenze?
Wir wissen nicht,
was wir gerade tun
Wer hat die
Kontrolle?
Mein Gehirn kann
problemlos ohne mich
auskommen
Phantome im Gehirn
Mit mir ist alles in
bester Ordnung
Wer handelt?
Wo bleibt das „Ich“?
Teil II Wie das
Gehirn das alles
macht
Durch Vorhersagen
vorankommen
Belohnung und
Bestrafung
Wie uns das
Gehirn in die Welt
einbettet und uns
dann verbirgt
Das Gefühl, die
Dinge unter
Kontrolle zu haben
Wenn das System
versagt
Der unsichtbare
Akteur im Zentrum
der Welt
Unsere Wahrnehmung
der Welt ist eine
Fantasie, die mit
der Realität in
Einklang steht
Unser Gehirn schafft
eine mühelose
Wahrnehmung der
physischen Welt
Die
Informationsrevolution
Was können
clevere Maschinen
wirklich?
Ein Problem mit der
Informationstheorie
Reverend Thomas
Bayes
Der ideale
Bayes’sche
Beobachter
Wie ein Bayes’sches
Gehirn Modelle der
Welt herstellen kann
Ist da ein Nashorn
im Zimmer?
Woher kommt das
Vorwissen?
Wie uns Handlungen
etwas über die Welt
sagen
Ich nehme nicht die
Welt wahr, sondern
das Weltmodell
meines Gehirns
Farbe steckt im
Gehirn, nicht in der
Welt
Was wir wahrnehmen,
ist ein
Fantasiebild, das
sich mit der
Realität deckt
Inhalt IX
Wir sind nicht
die Sklaven unserer
Sinne
Woher wissen wir
also, was real ist?
Sich etwas
vorzustellen, ist
außerordentlich
langweilig
6 Wie das Gehirn den
Geist modelliert
Biologische
Bewegung: Wie sich
Lebewesen bewegen
Wie Bewegungen
Absichten verraten
können
Imitation
Imitation: die Ziele
anderer erkennen
Menschen und Roboter
Empathie
Die Erfahrung von
Urheberschaft
Das Problem mit dem
privilegierten
Zugang
Illusion einer
Urheberschaft
Andere Akteure
halluzinieren
Teil III Kultur
und Gehirn
Die Gedankenwelt
anderer teilen – wie
das Gehirn Kultur
schafft
Die Problematik des
Übersetzens
Bedeutungen und
Ziele
Die Lösung des
inversen Problems
Vorwissen und
Vorurteil
Was wird er wohl als
Nächstes tun?
Andere Menschen sind
ansteckend
Kommunikation ist
mehr als nur
Sprechen
X Inhalt
Unterweisen ist
mehr als eine
Demonstration, die
imitiert werden soll
Die Schleife
schließen
Fork Handles: Die
beiden Ronnies
schließen
(letztendlich) die
Schleife
Die Schleife
vollständig
schließen
Wissen ist (mit-)teilbar
Wissen ist Macht
Die Wahrheit
Nachwort: Ich und
mein Gehirn
Chris Frith und ich
Auf der Suche nach
dem Willen im Gehirn
Wo ist oben in der
Top-down-Kontrolle?
Der Homunculus
In diesem Buch geht
es nicht um
Bewusstsein
Warum sind Leute
nett (solange sie
fair behandelt
werden)?
Selbst eine Illusion
hat
Verantwortlichkeiten
Literatur
Bildnachweise
Index
Vorwort
In meinem Kopf gibt es eine erstaunliche, arbeitssparende Vorrichtung. Besser noch als eine Geschirrspülmaschine oder ein Taschenrechner befreit mich mein Gehirn nicht nur von der langweiligen, sich ständig wiederholenden Aufgabe, die Dinge in der Welt um mich herum zu erkennen, sondern sogar von der Notwendigkeit, darüber nachzudenken, wie ich meine Bewegungen kontrolliere. Ich kann mich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren: Freunde zu gewinnen und Ideen auszutauschen. Aber natürlich bewahrt mich mein Gehirn nicht nur vor lästigen Routinearbeiten. Mein Gehirn schafft das „Ich“, das mit der sozialen Welt in Austausch steht. Und es ist mein Gehirn, das es mir ermöglicht, meine Gedanken mit meinen Freunden zu teilen, und es uns dadurch erlaubt, gemeinsam etwas Größeres zu schaffen, als es einer von uns alleine könnte. Dieses Buch beschreibt, wie das Gehirn dieses Kunststück schafft.
Was uns ein normales Gehirn über die Welt erzählt - Vom Verlag angebotene pdf.Datei als Leseprobe:
Selbst wenn all unsere Sinne völlig intakt sind und unser Gehirn normal funktioniert, haben wir keinen direkten Zugang zur physischen Welt. Es fühlt sich vielleicht so an, als hätten wir diesen direkten Zugang, doch das ist eine Illusion unseres Gehirns.
Die Illusion einer bewussten Wahrnehmung
Ich könnte Ihnen die
Augen verbinden und
Sie in einen Raum
führen, den Sie
nicht kennen. Dann
nehme ich Ihnen die
Augenbinde ab, und
Sie sehen sich um.
Selbst wenn in der
einen Ecke ein
Elefant und in der
anderen eine
Nähmaschine stünde,
was zugegebenermaßen
recht
unwahrscheinlich
ist, würden Sie die
Dinge im Raum sofort
bewusst wahrnehmen.
Diese bewusste
Wahrnehmung stellt
sich automatisch
ein, ohne dass Sie
nachdenken oder sich
besonders anstrengen
müssten.
Zu Beginn des 19.
Jahrhunderts fügte
sich diese Erfahrung
einer mühelosen und
augenblicklichen
Wahrnehmung nahtlos
und folgerichtig in
das ein, was
seinerzeit über die
Gehirnfunktion
bekannt war. Man
wusste, dass das
Nervensystem aus
Nervenfasern
besteht, die mittels
Elektrizität
funktionierten. Man
wusste, dass sich
die elektrische
Natur der
Nerv-Muskel-Funktion
experimentell
nachgewiesen. Im
Jahr 1826
entwickelte Johannes
Müller die Theorie
der
„spezielektrische
Energie
außerordentlich
rasch (mit
Lichtgeschwindigkeit)
fortbewegt, und
daher konnte auch
unsere Wahrnehmung
der Welt via
Sehnerven durchaus
beinahe
augenblicklich
erfolgen. Als junger
Student erfuhr
Hermann Helmholtz
von seinem
Professor, es sei
unmöglich, die
Fortleitungsgeschwindigkeit
in Nervenfasern zu
messen, denn diese
sei zu hoch. Aber
wie alle guten
Studenten ignorierte
er die Meinung
seines Professors.
Im Jahr 1852 gelang
es ihm, die
Fortleitungsgeschwindigkeit
in Nervenfasern zu
messen, und wie sich
zeigte, war sie eher
gering. In
sensorischen
Neuronen braucht ein
Nervenimpuls rund 20
Millisekunden, um
eine Strecke von
einem Meter
zurückzulegen.
Helmholtz bestimmte
auch die
„Reaktionszeit“,
indem er Freiwillige
aufforderte, einen
Knopf zu drücken,
sobald sie eine
Berührung an
verschiedenen
Körperteilen
spürten. Diese
Reaktionszeiten
erweisen sich als
noch deutlich länger
und betrugen mehr
als 100
Millisekunden. Wie
diese Experimente
zeigen, erfolgt
unsere Wahrnehmung
von Objekten in der
Außenwelt nicht
augenblicklich.
Helmholtz erkannte,
dass im Gehirn
verschiedene
Prozesse ablaufen
müssen, bevor ein
Objekt in der
Außenwelt im Geist
repräsentiert wird.
Er stellte die
Theorie auf, die
Wahrnehmung der Welt
erfolge nicht
direkt, sondern sei
von „unbewussten
Schlussfolgerungen“
2 abhängig. Mit
anderen Worten:
Bevor wir ein Objekt
wahrnehmen können,
muss sich das Gehirn
auf der Basis der
Information, die die
Sinne erreicht,
darüber klar werden,
was das Objekt
darstellen könnte.
Es sieht nicht nur
so aus, als nähmen
wir die Welt
augenblicklich
und mühelos wahr, es
scheint auch so, als
nähmen wir die ganze
visuelle Szene in
all ihren lebhaften
Details wahr. Das
ist ebenfalls
eine Täuschung. Wir
sehen nur die Mitte
der visuellen Szene
– das,
was im Zentrum
unserer Augen
ankommt – im Detail
und in Farbe,
denn nur im Zentrum
der Netzhaut (Fovea)
sitzen dicht gepackt
farbempfindliche
Neuronen (Zapfen).
Jenseits von rund
zehn Grad
von der Fovea liegen
die Neuronen weiter
auseinander und
nehmen
nur Licht und
Schatten wahr
(Stäbchen). Die
Ränder unserer Sicht
der Welt sind
unscharf und ohne
Farbe.

Abb.
2.1 Unsere Sicht ist
verschwommen, nur
das Zentrum des
Sehfelds
ist scharf. Links:
Was Sie zu sehen
glauben; rechts: was
Sie tatsächlich
sehen.
Normalerweise sind
wir uns dieser
Unschärfe an den
Rändern
unseres Sehfelds
nicht bewusst.
Unsere Augen sind
ständig in Bewegung,
so dass jeder Teil
der Szene in die
Mitte des Sehfelds
rückt,
wo Details
wahrgenommen werden
können. Aber selbst
wenn wir
meinen, wir hätten
die ganze Szene
betrachtet, täuschen
wir uns
noch immer selbst.
Im Jahr 1997
beschrieben Ron
Rensink und seine
Kollegen das
Phänomen der
„Veränderungsblindheit“
(englisch
change blindness ),
und seitdem gehört
dieses Phänomen am
„Tag der
offenen Tür“ zu den
bevorzugten
Demonstrationen
eines jeden
Kognitiven
Psychologen.
Das Problem für
Psychologen ist,
dass jeder Mensch
aus eigener
Erfahrung etwas über
unser Thema
berichten kann. Ich
würde nicht
im Traum daran
denken, einem
Molekulargenetiker
oder einem
Kernphysiker zu
erklären, wie sie
ihre Daten
interpretieren
sollten,
doch diese haben
keine Skrupel, mir
zu sagen, wie die
meinen zu
interpretieren sind.
Veränderungsblindheit
ist für uns
Psychologen
so faszinierend,
weil wir Leuten
zeigen können, dass
ihre persönliche
Erfahrung falsch
ist. Hier ist etwas,
das wir über ihre
mentale
Welt wissen, was sie
selbst nicht wissen.
Die
Englischprofessorin
kommt zum „Tag der
offenen Tür“ und
bemüht sich
sichtlich, nicht
gelangweilt
auszusehen. Ich
zeige ihr
unsere Demonstration
zur
Veränderungsblindheit.
Diese besteht aus
zwei Versionen einer
komplexen Szene, die
sich
in einer Hinsicht
unterscheiden. In
meinem Beispiel
zeigt das Bild ein
militärisches
Transport ugzeug,
das auf einer
Landebahn steht. In
einer der beiden
Versionen fehlt eine
der Antriebsdüsen.
Diese befindet sich direkt
in der Mitte des
Bildes und nimmt
viel Raum ein.
Ich zeige diese
beiden Bilder
wiederholt
nacheinander auf
einem
Computerbildschirm
(zwischen den
Präsentationen
erscheint stets
ein einheitlich
grauer Schirm, und
das ist wichtig).
Die
Englischprofessorin
sieht keinen
Unterschied. Nach
einer Minute deute
ich auf eine
sich ändernde Stelle
auf dem Schirm, und
die Sache wird
peinlich
offensichtlich.
„Das ist ja wirklich
ganz lustig. Aber wo
ist die
Wissenschaft?“
Was diese
Demonstration zeigt,
ist, dass man rasch
das Wesentliche
dieser Szene
wahrnimmt: ein
militärisches
Transportflugzeug
auf einer
Landebahn . Aber man
speichert nicht
automatisch
sämtliche Details
geistig ab. Damit
Sie die Veränderung
in einem dieser
Details bemerken,
muss ich Ihre
Aufmerksamkeit
darauf lenken: „
Schauen Sie sich die
Düse an .“ Sonst finden Sie
das veränderte
Detail nicht, es sei
denn, Sie richten im
Moment des Wechsels
zufälligerweise
gerade Ihre
Aufmerksamkeit
darauf. Und an
dieser Stelle führt
ein psychologischer Trick die
Veränderungsblindheit
gezielt herbei.
Wegen
dieses Tricks wissen
Sie nicht, wohin Sie
schauen sollten, um
die
Veränderung zu
bemerken.


Abb. 2.2 Veränderungsblindheit. Wie rasch finden Sie
den Unterschied zwischen diesen beiden Bildern?
Im wahren Leben
reagiert unsere
periphere Sicht,
wenn auch
verschwommen,
sehr empfindlich
auf Veränderungen.
Wenn mein Gehirn
Bewegung am Rand
meines Sehfelds
entdeckt, bewegen
sich
meine Augen sofort
so, dass ich diesen
Teil der Szenerie im
Detail
betrachten kann. Bei
der Demonstration
der
Veränderungsblindheit
wird jedoch zwischen
jede Szene ein
leerer grauer Schirm
eingeschoben.
Infolgedessen findet überall eine
starke visuelle
Veränderung
statt, denn jeder
Bereich des Schirms
verändert sich von
vielfarbig
nach grau und wieder
zurück. Mein Gehirn
erhält kein Signal,
das
ihm anzeigt, wo der
wichtige Unterschied
auftritt.
Daraus müssen wir
den Schluss ziehen,
dass unser Eindruck
falsch
ist, wir erlebten
eine visuelle Szene,
die sich vor unseren
Augen abspielt,
augenblicklich und
wir seien uns aller
Details voll
bewusst. Es
existiert eine kurze
Verzögerung, in der
unser Gehirn die
„unbewussten
Schlussfolgerungen“
zieht, durch die wir
uns der Quintessenz
der
Szene bewusst
werden. Darüber
hinaus bleiben viele
Teile der Szene
unscharf und
detailarm. Das
Gehirn weiß jedoch,
dass die Szene
nicht verschwommen
ist, und es weiß
zudem, dass
Augenbewegungen
jeden Teil der Szene
rasch scharf stellen
können. Daher ist
unsere
Erfahrung einer
detailreichen
visuellen Welt eher
eine Erfahrung der
verschiedenen
Möglichkeiten als
eine Erfahrung
dessen, was bereits
in unserem Gehirn
repräsentiert ist.
Unser Zugang zur
Außenwelt ist
so direkt, dass es
für alle praktischen
Zwecke reicht.
Dieser Zugang
hängt jedoch von
unserem Gehirn ab,
und selbst ein
intaktes, gesundes
Gehirn erzählt uns
nicht immer alles,
was es weiß.
Unser verschwiegenes Gehirn
Ist es möglich, dass
sich mein Gehirn der
Veränderungen bei
der
Demonstration zur
Veränderungsblindheit
bewusst ist, auch
wenn
mein Geist es nicht
ist? Bis vor Kurzem
war diese Frage sehr
schwer
zu beantworten.
Lassen wir das
Gehirn einmal einen
Augenblick beiseite.
Was ich wissen will,
ist, ob ich von
einem Reiz beeinflusst werden
kann, den ich nicht
bewusst gesehen
habe. In den
1960er-Jahren
bezeichnete man so
etwas als „subliminale“
(unterschwellige)
Wahrnehmung,
und sie war sehr
umstritten. Auf der
einen Seite glaubten
viele Menschen,
Werbefachleute
könnten in Filme
verborgene
Botschaften
einfügen, die uns
zum Beispiel
veranlassen könnten,
mehr
Limonade zu kaufen,
ohne zu wissen, dass
wir manipuliert
werden.
Auf der anderen
Seite glaubten viele
Psychologen, dass es
so etwas
wie unterschwellige
Wahrnehmung gar
nicht gibt. Wenn die
Experimente
richtig durchgeführt
würden, so
behaupteten sie,
fände man
nur dann Effekte,
wenn sich die Leute
auch bewusst waren,
was sie
gesehen hatten.
Seitdem sind
zahlreiche
Experimente
durchgeführt
worden, und es gibt
keinerlei Belege
dafür, dass
unterschwellige, in
Filmen verborgene
Botschaften den
Konsum von Limonade
ankurbeln
können. Dennoch
lassen sich einige
subtile Effekte
nachweisen,
die von Objekten
ausgelöst werden,
derer wir uns nicht
bewusst
sind. Diese Effekte
lassen sich jedoch
nur sehr schwer
demonstrieren.
Um sicher zu sein,
dass sich die
Versuchsperson des
Objekts
nicht bewusst ist,
wird das Objekt nur
ganz kurz
präsentiert und
dann durch ein
zweites Objekt
„maskiert“, das
direkt im Anschluss
an derselben Stelle
erscheint.
In der Regel sind
diese Objekte Wörter
oder Bilder auf
einem
Computerschirm. Wenn
das erste Objekt
hinreichend kurz
präsentiert
wird, sieht man nur
das zweite Objekt.
Aber wenn das erste
Objekt zu kurz
präsentiert wird,
hat es überhaupt
keinen Effekt.
Der zeitliche Ablauf
des Experiments muss
genau stimmen. Und
wie misst man den
Effekt des Objekts,
das von
Versuchspersonen
nicht bewusst
wahrgenommen wurde?
Wenn ich Sie
auffordere,
Vermutungen über
Objekte anzustellen,
die Sie nicht sehen
können, werden Sie
diese Aufforderung
recht seltsam finden. Sie
versuchen
möglicherweise
angestrengt, einen
Blick auf das kurz
präsentierte
Objekt zu werfen.
Mit genügend Übung
kann es sein, dass
Sie es
schließlich
tatsächlich sehen
können.
Der Trick besteht
darin, nach Effekten
zu suchen, die noch
präsent
sind, nachdem das
Objekt präsentiert
wurde. Ob man
diese
Effekte nachweisen
kann, hängt auch
davon ab, welche
Fragen man
stellt. Robert
Zajonc zeigte
Versuchspersonen
eine Folge
unbekannter
Gesichter; dabei war
jedes Gesicht von
einem Linienwirrwarr
überzogen, so dass
sie die Gesichter
nicht bewusst sahen.
Anschließend
zeigte er ihnen
jedes Gesicht
nochmals neben einem
neuen
Gesicht. Wenn er
seine
Versuchspersonen
fragte „Welches der
beiden
Gesichter habe ich
Ihnen gerade schon
einmal gezeigt?“,
lagen
die Antworten im
Zufallsbereich. Wenn
er jedoch fragte
„Welches
Gesicht bevorzugen
Sie?“, wählten mehr
Versuchspersonen das
Gesicht,
das sie vorher
„unterschwellig“
gesehen hatten.

Abb. 2.3 Visuelle
Maskierung. Zwei
Gesichter erscheinen
nacheinander
auf einem
Bildschirm. Wenn das
Zeitintervall
zwischen dem ersten
und
dem zweiten
Gesicht kürzer ist
als 40
Millisekunden, wird
man sich
des ersten Gesichts
nicht bewusst.
Mit dem Aufkommen von Hirnscannern konnten Wissenschaftler eine etwas andere Frage im Zusammenhang mit unterschwelligen Reizen stellen. „Bewirkt ein Objekt eine Veränderung der Gehirnaktivität, selbst wenn man sich dieses Objekts nicht bewusst ist?“ Das lässt sich viel leichter beantworten, weil man die Versuchsperson nicht auffordern muss, auf irgendeine andere Weise auf das nicht gesehene Objekt zu reagieren. Man muss sich nur ihr Gehirn anschauen. Paul Whalen und seine Kollegen benutzten ein ängstliches Gesicht als ungesehenes Objekt.
Wie John Morris und
seine Kollegen
bereits zuvor
gefunden hatten,
steigt die Aktivität
in der Amygdala
(Mandelkern), einem
kleinen Teil
des Gehirns, der
sich offenbar mit
der Wahrnehmung
gefährlicher
Situationen
beschäftigt, wenn
man Versuchspersonen
angsterfüllte (statt
fröhlicher oder
neutraler) Gesichter
zeigt..

Abb 2.4 Unser
Gehirn reagiert auf furchterregende
Dinge, die wir nicht
bewusst sehen
Whalen und
seine Kollegen
wiederholten das
Experiment, doch
diesmal wurden die
ängstlichen
Gesichter
unterschwellig
präsentiert.
Manchmal wurde ein
ängstliches
Gesicht präsentiert,
auf das sofort ein
neutrales Gesicht
folgte. Zu
anderen Zeiten wurde
ein glückliches
Gesicht präsentiert,
auf das ein
neutrales Gesicht
folgte. In beiden
Fällen hätten die
Versuchspersonen
bei Nachfrage
geantwortet, sie
hätten ein neutrales
Gesicht gesehen.
Wenn die ängstlichen
Gesichter
präsentiert wurden,
zeigte sich
jedoch Aktivität in
der Amygdala, obwohl
die Versuchspersonen
das
ängstliche Gesicht
gar nicht bewusst
wahrgenommen hatten.
Auch Diane Beck und
ihre Kollegen
benutzten Gesichter
als Objekte,
doch sie versteckten
diese Gesichter in
einer Demonstration
zur
Veränderungsblindheit.
Manchmal wandelte
sich das Gesicht
einer
Person in das
Gesicht einer
anderen um, manchmal
fand kein Wechsel
statt. Das
Experiment war so
angelegt, dass die
Versuchspersonen
in nur rund der
Hälfte aller Fälle,
in denen es zu einer
Veränderung
kam, diese
Veränderung auch
bemerkten. Für die
Versuchspersonen
bestand kein
Unterschied zwischen
den Situationen, in
denen keine
Veränderung
stattfand, und den
Situationen, bei
denen eine Veränderung stattfand,
die aber von der
Versuchsperson nicht
bemerkt wurde

Abb. 2.5 Unser
Gehirn reagiert auf
Veränderungen,
die
wir nicht bewusst
wahrnehmen.
Das Gehirn nimmt den Unterschied jedoch wahr: In den Situationen, in denen es zu einer Veränderung im Gesicht kommt, erhöhte sich auch die Aktivität im Gesichtsareal des Gehirns. Daher sagt uns unser Gehirn nicht alles, was es weiß. Und manchmal geht es noch weiter und führt uns aktiv in die Irre …
Unser verzerrendes Gehirn
Vor der Entdeckung
der
Veränderungsblindheit
gehörten optische
Täuschungen zu den
bei Psychologen
besonders beliebten
Tricks.
Auch mit ihrer Hilfe
lässt sich leicht
zeigen, dass das,
was wir sehen,
nicht unbedingt das
ist, was wirklich
ist. Die meisten
dieser
Täuschungen sind
Psychologen seit
mehr als 100 Jahren
bekannt,
Künstlern und
Architekten aber
schon viel länger.
Hier ein einfaches
Beispiel: die
Hering-Täuschung:
Abb. 2.6:
Hering-Täuschung.
Obwohl wir wissen,
dass die beiden
waagerechten
Linien Geraden sind,
erscheinen sie uns
dennoch gekrümmt.
(Edwald Hering,
1861)
Die waagerechten
Linien erscheinen
eindeutig gekrümmt.
Wenn
Sie jedoch ein
Lineal anlegen,
werden Sie
feststellen, dass
die Linien
vollkommen gerade
sind. Es gibt noch
viele weitere
Täuschungen
wie diese, bei denen
Geraden gekrümmt
oder Objekte
gleicher Größe
ungleich groß
erscheinen. Auf
irgendeine Weise
hindert uns der
Hintergrund, vor dem
die Linien oder
Objekte stehen, sie
so zu sehen, wie sie
wirklich sind. Diese
verzerrten
Wahrnehmungen findet
man nicht nur in
Psychologielehrbüchern,
sondern auch in der
realen
Welt. Das
berühmteste Beispiel
ist wohl das
Parthenon in Athen.
Die Schönheit des
Tempels liegt in den
idealen Proportionen
und
der perfekten
Symmetrie seiner
Linienführung. Aber
in Wirklichkeit
sind diese Linien
weder gerade noch
laufen sie parallel.
Die Architekten
haben genau
berechnete
Krümmungen und
Verzerrungen
eingebaut, damit der
Tempel gerade und
symmetrisch wirkt.

Abb. 2.7: Die
Perfektion des Parthenons beruht
auf einer optischen
Täuschung. Die
Zeichnungen, die auf
den Artikel von John
Pennethorne
(1844) zurückgehen,
zeigen den Effekt in
stark übertriebener
Weise.
Im Jahr 1846
beauftragte die
Society of Dilettanti Francis
Penrose, das
Parthenon
zu vermessen, um
John Pennethornes
Theorie zu
überprüfen: Dieser
Theorie zufolge
ist das, was in der
griechischen
Architektur der
Blütezeit als gerade
und parallel
erscheint, generell
gekrümmt oder
geneigt, weil dies
die einzige
Möglichkeit
ist, den optischen
Eindruck zu
erwecken, man sehe
eine gerade Linie.
Sofort nach
seiner Rückkehr nach
England
veröffentlichte
Penrose 1847 als
erstes Ergebnis
seiner
Untersuchungen einen
Artikel mit dem
Titel „Anomalies in
the Construction of
the
Parthenon“, in dem
er nachwies, dass
die Linien des
Stylobaten des
Tempels nach
innen gekrümmt sind.
Was ich bei diesen
Täuschungen am
erstaunlichsten finde, ist,
dass mein Gehirn
mich weiterhin mit
falschen
Informationen
füttert,
auch wenn ich weiß,
dass die
Informationen falsch
sind, und
selbst wenn ich
weiß, wie das Objekt
wirklich aussieht.
Ich kann
mich nicht dazu
bringen, die Linien
in der
Hering-Täuschung als
gerade anzusehen.
Die „Korrekturen“,
die in den
Parthenon-Tempel
eingebaut sind, funktionieren auch
nach über 2000
Jahren noch
immer.
Der Ames-Raum ist ein noch verblüffenderes Beispiel dafür, wie wenig Einfluss unser Wissen auf unser Erleben der visuellen Welt hat. Ich weiß, dass diese drei Männer tatsächlich gleich groß sind. Der Mann links sieht kleiner aus, weil er weiter weg ist. Der Raum ist nicht wirklich rechteckig. Die Rückseite links ist viel weiter entfernt als die Rückseite rechts. Die Fenster in der Rückwand sind verzerrt, so dass sie rechteckig aussehen (wie beim Parthenon). Aber dennoch zieht mein Gehirn es vor, einen rechteckigen Raum zu sehen, in dem sich Männer mit unmöglich verschiedenen Körpergrößen aufhalten, statt drei normal große Menschen in einem Raum mit einer ausgesprochen merkwürdigen Form.

Abb. 2.8 Der
Ames-Raum wurde von
Adelbert Ames Jr.
1946 nach
einer Idee von
Helmholtz
entwickelt. Die drei
Männer sind gleich
groß;
der Raum ist
verzerrt.
Es gibt jedoch
zumindest eine
Sache, die bei
diesem Beispiel
zugunsten
meines Gehirns
spricht. Der
Ames-Raum ist seinem
Wesen
nach mehrdeutig: Es
könnte sich um drei
ungewöhnliche Männer
in
einem rechteckigen
Raum oder um drei
normale Männer in
einem
merkwürdigen Raum
handeln. Mein Gehirn
wählt vielleicht die
unwahrscheinlichere
Interpretation der
Szenerie, aber es
handelt sich
zumindest um eine
mögliche
Interpretation.
„Es gibt nicht nur
eine mögliche
Interpretation“,
protestiert die
Englischprofessorin.
Ich halte dagegen,
die Tatsache, dass
die Beweislage
mehrdeutig
ist, besage nicht,
dass es keine
korrekte
Interpretation gibt.
Aber dazu
kommt, dass unser
Gehirn uns diese
Mehrdeutigkeit
verschweigt
und uns nur eine der
möglichen
Interpretationen
präsentiert.
Und manchmal nimmt
unser Gehirn sogar
überhaupt keine
Rücksicht auf die
Realität der
physischen Welt.
Unser schöpferisches
Gehirn
Eine Vermischung von
Sinnesmodalitäten
Es gibt einige
Menschen in meinem
Bekanntenkreis, die
völlig normal
erscheinen. Dennoch
sehen sie eine Welt,
die sich von der
meinen
unterscheidet.
Als Synästhetiker
lebe ich in einer
Welt, die sich ein
wenig von der
Lebenswelt
anderer Menschen
unterscheidet – eine
Welt mit
zusätzlichen Farben,
Formen und
sensorischen Emppfindungen. Meine Welt
ist ein Universum
von schwarzen
„Einsen“ und
rosafarbenen
„Mittwochs“, Zahlen,
die zum Himmel
hinaufklettern und
ein Jahr, das wie
eine Rolltreppe
geformt ist.
Bei den meisten von
uns sind die Sinne
völlig voneinander
getrennt.
Lichtwellen fallen
in unsere Augen, und
wir sehen Farben und
Formen.
Schallwellen fallen
in unsere Ohren, und
wir hören Wörter
oder Töne. Bei
manchen Menschen,
den Synästhetikern,
ist es jedoch
so, dass sie, wenn
Schallwellen in ihre
Ohren fallen, nicht
nur
Töne hören, sondern
auch Farben sehen.
D. S. sieht, wenn
sie Musik
hört, auch Objekte –
fallende goldene
Kugeln, dahinjagende
Linien,
metallische Wellen
wie die Kurven auf
einem Oszilloskop –,
die auf
einem „Schirm“ zehn
Zentimeter vor ihrer
Nase driften. Die
häufigste Form der
Synästhesie ist
farbiges Hören.
Das Hören eines
Wortes löst ein
Farberlebnis aus. In
den meisten
Fällen ist es der
erste Buchstabe, der
über die Farbe des
Wortes
entscheidet. Bei
jedem Synästhetiker*
hat jeder Buchstabe
und jede
Zahl seine eigene
Farbe, und diese
Farben bleiben ein
Leben lang konstant
(siehe Abbildung FT1
im Tafelteil).
* Etwa einer von
2000 Menschen ist Synästhetiker.
Dieses Zitat stammt
von Alison
Motluk.
Synästhetiker
wissen, dass die
Farben, die sie
sehen, nicht
wirklich
da sind, aber
dennoch bietet ihr
Gehirn ihnen eine
lebhafte und
überzeugende
Erfahrung.
Synästhetiker
stimmen in ihrer
Farbwahrnehmung von
Buchstaben nicht
überein.
Für den russischen
Romancier Vladimir
Nabokov war der
Buchstabe M rosa,
für seine
Frau hingegen blau.
Über einen
Familiendisput
hinsichtlich der
Farbe von Vokalen
erfuhr Sir Francis
Galton von Mrs. H.,
„der verheirateten
Schwester eines wohlbekannten Mannes der
Wissenschaft“: „Eine
meiner beiden
Töchter sieht Farben
ganz
anders als ich. Die
andere ist nur beim
A und beim O
heterodox
[andersgläubig].
Meine Schwester und
ich stimmten niemals
über diese Farben
überein, und ich
zweifele
daran, ob meine
beiden Brüder die
chromatische Macht
der Farben überhaupt
spüren.“
Es
stört einen
Synästhetiker, wenn
eine Zahl oder ein
Buchstabe
in der „falschen“
Farbe präsentiert
wird. Für eine
Synästhetikerin,
die als G. S.
bekannt ist,
erscheint die Zahl
drei leuchtend rot,
während
die Vier
kornblumenblau ist.
Carol Mills zeigte
G. S. eine Reihe
von farbigen Zahlen
und forderte sie
auf, so rasch wie
möglich deren
Farben zu nennen.
Wenn G. S. eine Zahl
sah, die die
„falsche“ Farbe
hatte
(beispielsweise eine
blaue Drei),
antwortete sie
langsamer. Die
synästhetische
Farbe, die von der
Zahl hervorgerufen
wurde, geriet
in Konflikt mit
ihrer Wahrnehmung
der tatsächlichen
Farbe. Dieses
Experiment liefert
einen objektiven
Nachweis dafür, dass
die Erfahrungen,
über die
Synästhetiker
berichten, ebenso
real sind wie die
Erfahrungen anderer
Menschen. Es zeigt
auch, dass sie ihre
Umwelt
so erleben, ob sie
wollen oder nicht.
Das kann in extremen
Fällen zu
Problemen führen.
Ihm zuzuhören, war,
als ob eine
Flammenzunge mit
herausragenden
Fasern
auf mich zukommt.
Ich begann mich so
für seine Stimme zu
interessieren, dass
ich dem, was er
sagte, nicht folgen
konnte.*
Aber es kann auch
hilfreich sein.
Manchmal, wenn ich
mir unsicher bin,
wie ein Wort
geschrieben werden
sollte, habe ich mir
überlegt, welche
Farbe es haben
sollte, und mich
danach
gerichtet. Ich
glaube, das hat mir
bei der
Rechtschreibung im
Englischen und in
anderen Sprachen
sehr geholfen.
„Aber warum sagen
Sie, dass die Farben
nicht wirklich da
sind?“,
fragt die
Englischprofessorin.
„Sind die Farben
dort draußen in der
physischen Welt oder
sind sie ein Produkt
des Geistes? Wenn
die
Farben ein Produkt
des Geistes sind,
warum ist dann Ihre
Version
der Welt besser als
die Ihrer Freundin
mit Synästhesie?“
Wenn meine Freundin
sagt, die Farben
seien nicht wirklich
da,
dann meint sie
vermutlich, dass ich
und die meisten
anderen Menschen
sie nicht sehen.
Die Halluzinationen des Schlafes
Synästhesie ist
ziemlich selten.
Aber wir alle
träumen. Jede Nacht,
wenn wir schlafen,
haben wir lebhafte
sensorische
Erinnerungen
und starke Gefühle.
Ich träumte, ich
käme in den Raum und
hätte keinen
Schlüssel. Ich ging
zum Gebäude, und da
stand Charles R. Ich
versuchte, durch das
Fenster
zu klettern.
Charles, der an der
Tür stand, gab mir
zwei Sandwiches. Sie
waren rot – es sah
aus wie kanadischer
Schinken, und er
hatte gekochten
Schinken. Ich konnte
nicht verstehen,
warum er mir die
schlechtesten
Sandwiches gab. Wie
dem auch sei, wir
gingen weiter in den
Raum, aber
wir waren hier
völlig falsch. Da
lief so etwas wie
eine Party. Ich
glaube, in
diesem Moment begann
ich darüber
nachzudenken, wie
ich hier möglichst
schnell wegkommen
könnte, wenn es
nötig würde. Und da
war irgendetwas
mit Nitroglycerin,
ich erinnere mich
nicht mehr genau.
Das Letzte war, dass
jemand einen
Baseball warf.
(Aus
einer Reihe von
Träumen, die von
Richard Jones
gesammelt wurden.)
Obgleich Träume
lebhaft sind,
erinnern wir uns nur
an einen kleinen
Teil von ihnen (fünf
Prozent).
„Woher wissen Sie,
dass ich so viel
träume, wenn ich
mich nicht
einmal selbst daran
erinnern kann?“
fragt die
Englischprofessorin.
In den 1950er-Jahren entdeckten Aserinsky und Kleitman ein spezielles Schlafstadium, in dem es zu raschen Augenbewegungen kommt. Schlafstadien gehen mit unterschiedlichen Mustern der Gehirnaktivität einher, die sich in einem Elektroencephalogramm (EEG) darstellen lassen. In einem dieser Schlafstadien sieht die Gehirnaktivität genauso aus wie im Wachzustand. Die Muskulatur ist jedoch vollständig gelähmt und zu keiner Bewegung fähig. Die einzige Ausnahme sind die Augen. In diesem Stadium bewegen sie sich rasch hin und her, wobei die Augenlider geschlossen bleiben. Dieses Schlafstadium wird daher als Rapid-Eye-Movement -Schlaf (kurz REMSchlaf) bezeichnet. Wird ein Schläfer im REM-Schlaf geweckt, dann berichten die meisten (90 Prozent), sie hätten gerade lebhaft geträumt, und können sich an vieles aus ihrem Traum erinnern. Weckt man ihn jedoch fünf Minuten nach Ende einer REM-Phase, erinnert er sich in der Regel an nichts. Das zeigt, wie rasch Erinnerungen an Traumerlebnisse verblassen. Wenn man nicht während oder direkt nach einer REM-Phase aufwacht, erinnert man sich nicht, was man geträumt hat. Man kann jedoch nachweisen, dass jemand träumt, indem man Augenbewegungen und Gehirnaktivität des Schläfers aufzeichnet.

Abb. 2.9:
Schlafstadien
Wachzustand: rasche,
desynchronisierte
neuronale Aktivität,
Muskelaktivität,
Augenbewegungen
Nicht-REM-Schlaf:
langsame
synchronisierte
neuronale Aktivität,
eine
gewisse
Muskelaktivität,
keine
Augenbewegungen,
wenig Träume
REM-Schlaf: rasche,
desynchronisierte
neuronale Aktivität,
Paralyse, keine
Muskelaktivität,
Augenbewegungen,
rasche
Augenbewegungen,
viele Träume
Wachzustand: Nicht-REM-Schlaf
REM-Schlaf
Gehirnaktivität
Muskelaktivität
Augenbewegungen
Was uns das Gehirn
während unserer
Träume vorspielt,
ist keine
Repräsentation der
realen physischen
Welt. Die
Erfahrung ist jedoch
so eindringlich,
dass gelegentlich
darüber spekuliert
wird, ob
Träume die Menschen
in Kontakt mit einer
anderen Realität
bringen
könnten. Vor 2400
Jahren träumte
Zhuangzi, er sei ein
Schmetterling.
„Ich träumte, ich
wäre ein
Schmetterling, der
durch die Luft flatterte und nicht
von Zhuangzi
wusste.“ Als er
aufwachte, meinte
er, er wisse nicht,
ob er ein Mann sei,
der geträumt habe,
ein Schmetterling
zu sein, oder ein
Schmetterling, der
gerade träume, ein
Mann zu sein.
Robert Frost träumt
von Äpfeln, die er
pflückt
…
und sah bereits
die Form, in die
mein Träumen floss.
Äpfel, übergroß,
erscheinen und
verschwinden,
an denen Stiel und
Blüte
und jeder Sprenkel
rotbraun klar zu
sehen ist.
Mein Spann bewahrt
nicht nur den
Schmerz,
er spürt den Druck
des runden
Leitertritts.
Ich fühl die Leiter
schwanken mit dem
Ast.
…
(Auszug aus: Nach
dem Apfelpflücken,
1914 in einer
Übersetzung
von Lars Vollert)
In unseren
Träumen, besonders
beim Einschlafen,
spielt das Gehirn
jedoch oft
nach, was wir im
Lauf des Tages getan
haben. Robert
Stickgold forderte
seine
Versuchspersonen
auf, drei Tage lang
jeweils sieben
Stunden Tetris™ zu
spielen. In den
Nächten nach dem
Spiel berichteten
sie, herumdriftende
Tetris™-Formen
gesehen
zu haben. „Ich sehe
Bilder, die auf der
Seite liegen. Ich
weiß nicht, woher
sie stammen.
Ich wünschte, ich
könnte mich daran
erinnern, aber sie
sehen wie Blöcke
aus.“
Sein Grübeln über
das Träumen brachte
Descartes dazu,
alles anzuzweifeln
bis
auf seine eigenen
Gedanken. „Endlich
erwog ich, dass uns
genau die gleichen
Vorstellungen,
die wir im Wachen
haben, auch im
Schlaf kommen
können, ohne dass
in diesem Falle auch
nur eine davon wahr
wäre, und entschloss
mich daher zu der
Fiktion, dass
nichts, was mir
jemals in den Kopf
gekommen, wahrer
wäre als die
Trugbilder meiner
Träume.“
In den meisten
unserer Träume ist
der Inhalt so
bizarr, dass wir
ihn nicht mit der
Realität verwechseln
(siehe Abbildung FT4
im
Tafelteil). So sehen
Leute im Traum oft
ganz anders aus als
in Wirklichkeit.
„Ich unterhielt mich
(in meinem Traum)
mit Ihrer Kollegin,
aber sie schaute
ganz anders aus,
viel jünger, wie
jemand, mit dem ich
zur Schule gegangen
bin, vielleicht wie
ein 13-jähriges
Mädchen.“
Dennoch sind wir, während wir träumen, überzeugt, dass alles, was uns passiert, echt ist. Erst im Moment des Aufwachens erkennen wir meist mit Erleichterung: „Es war nur ein Traum. Ich muss nicht mehr davolaufen.“
Halluzinationen bei Gesunden
Synästhetiker sind ungewöhnliche Menschen. Wenn wir träumen, befindet sich unser Gehirn in einem ungewöhnlichen Zustand. Wie kreativ ist das Gehirn einer körperlich und geistig gesunden Person, die völlig wach ist? Genau diese Frage stellte sich Ende des 19. Jahrhunderts die Society for Psychical Research: Um eine Antwort zu finden, ließ sie mehr als 17 000 Leute befragen. Ziel der Gesellschaft war dabei, Belege für Telepathie zu finden, also für die rein geistige Übermittlung von Botschaften direkt von einem Menschen zum anderen ohne technische Hilfsmittel. Damals nahm man an, solche Botschaften würden am ehesten in Zeiten großer emotionaler Belastungen übermittelt.
Heutzutage behandeln
Psychologen solche
Behauptungen mit
großer
Vorsicht. Aber
damals zählte die
Society for
Psychical Research
eine ganze Reihe
berühmter
Wissenschaftler zu
ihren Mitgliedern.
(Die
Society for
Psychical Research
wurde 1882
gegründet; ihr
damaliger Präsident
war Prof. Henry
Sidgwick von der
Universität
Cambridge. Zu den
ursprünglichen
Vizepräsidenten und
prominenten
Mitgliedern gehörten
unter anderem Prof. Balfour
Stewart, FRS, der
Right Honorable
Arthur J. Balfour,
Prof. W. F. Barrett
von der Universität
Dublin, Mr. F. W. H.
Myers, Sir William
Crookes, FRS, Sir
Oliver Lodge und
der Bischof von
Ripon. Gladstone
sagte über die
Arbeit der
Gesellschaft: „Es
ist die
wichtigste Arbeit
auf der Welt – bei
weitem die
wichtigste!“)
Das Komitee, das
diese Befragung zum
Thema
Halluzinationen
überwachte, wurde
von Professor Henry
Sidgwick geleitet,
dem
Cambridger
Philosophen und
Gründer des Newnham
College. Die
Befragung wurde sehr
sorgfältig
durchgeführt, und
der Bericht,
der 1894
veröffentlicht
wurde, enthielt eine
detaillierte
statistische
Auswertung. Die
Auswerter des
Berichts bemühten
sich,
Erfahrungsberichte
auszuschließen, bei
denen es sich um
Träume oder
Delirien im
Zusammenhang mit
körperlichen
Erkrankungen oder
um Halluzinationen
im Zusammenhang mit
psychischen
Störungen
gehandelt haben
könnte. Sie gaben
sich auch große
Mühe, zwischen
Halluzinationen und
Täuschungen zu
unterscheiden. Dies
ist der genaue
Wortlaut der Frage,
die sie ihren
Informanten
stellten:
Haben Sie jemals,
wenn Sie meinten,
völlig wach zu sein,
den lebhaften
Eindruck gehabt, ein
lebendes Wesen oder
ein lebloses Objekt
zu sehen
oder von ihm berührt
zu werden oder eine
Stimme zu hören,
welcher Eindruck,
so weit Sie
feststellen konnten,
sich nicht auf
irgendeine äußere
physische Ursache
zurückführen ließ?
Der veröffentlichte
Bericht umfasst
beinahe 400 Seiten
und besteht
zum größten Teil aus
der wörtlichen
Wiedergabe der
Aussagen, in
denen die
Informanten ihre
Erfahrungen
beschrieben. Zehn
Prozent
von ihnen hatten
Halluzinationen
erlebt, und die
Mehrzahl dieser
Halluzinationen war
visueller Natur
(mehr als 80
Prozent).
(Wie
die Autoren der
Befragung betonen,
unterscheidet sich
dieser Prozentsatz
deutlich von dem
psychischer
Erkrankungen. „Bei
den Halluzinationen
von psychisch
Kranken besteht
offenbar kein
Zweifel, dass
akustische Fälle
viel häufiger sind
als visuelle; das
Verhältnis wird von
einigen Experten auf
drei zu eins, von
anderen
auf fünf zu eins
geschätzt.“
Am interessantesten
für mich sind die
Fälle, die ganz
offensichtlich
nichts mit
Telepathie zu tun
haben.
Mrs. Girdlestone,
Januar 1891:
Ich spürte mehr, als
dass ich es sah,
viele Tiere (vor
allem Katzen), die
an
mir vorbeiliefen und
mich zur Seite
drängten, als ich
bei hellem
Tageslicht
in unserem Haus in
Clifton die Treppen
hinunterging; das
ging 1886 und 1887
mehrere Monate lang
so. (Rund
100 Jahre später
berichtete ein
Patient mit
Parkinson über eine
ähnliche Erfahrung.
„Es schienen
zahlreiche Katzen im
Zimmer zu sein. Sie
waren schwarz oder
braun und bewegten
sich leise im ganzen
Zimmer. Eine sprang
mir auf den Schoß,
und ich konnte sie
streicheln.“)
Mrs. G. schreibt:
Die Halluzinationen
bestanden darin,
dass ich eine Stimme
hörte, die meinen
Namen rief, und zwar
so deutlich, dass
ich mich umsah, um
herauszufinden, woher die
Stimme kam; die
Stimme, wenn ich sie
so nennen
soll, besaß, sei es
in der Fantasie oder
weil ich mich
erinnerte, dass dies
schon einmal
vorgekommen war,
eine
unbeschreibliche
Eigentümlichkeit,
die mich stets
aufschreckte und die
sie von jeglichem
gewöhnlichen
Geräusch
unterschied. All
dies hielt mehrere
Jahre lang an. Ich
vermag nicht
zu erklären, welche
Umstände dazu
führten.
Heute würde ihr der
Hausarzt bei solchen
Schilderungen wohl
zu
einer neurologischen
Untersuchung raten.
Auch die
Erfahrungen, die als
Täuschungen klassifiziert wurden,
finde ich
interessant. Sie
fallen deshalb in
die Kategorie
„Täuschungen“, weil diese
Erlebnisse eindeutig
auf reale Ereignisse
in der
Außenwelt
zurückgehen.
Dr. G. J. Stoney:
(George Johnstone
Stoney (1826–1911)
war ein bedeutender
irischer
Wissenschaftler,
der den Begriff
„Elektron“ prägte.)
Vor einigen Jahren
fuhr ich mit einem
Freund – er auf
einem Zweirad, ich
auf einem Dreirad –
in einer
ungewöhnlich dunklen
Sommernacht von
Glendalough nach
Rathdrum. Es
nieselte, wir hatten
keine Lampen, und
die
Straße wurde von
beiden Seiten von
Bäumen beschattet,
zwischen denen
wir gerade noch den
Horizont ausmachen
konnten. Ich fuhr
vorsichtig und
langsam zehn bis 20
Meter voraus, wobei
ich mich vom
Horizont leiten
ließ, als mein Rad
zufällig über ein
Stück Blech oder
etwas Ähnliches
fuhr,
das auf der Straße
lag und mithin ein
lautes Geräusch
verursachte.
Sogleich
war mein Freund zur
Stelle und rief
voller Besorgnis
nach mir. Er hatte
im
Dämmerlicht gesehen,
wie mein Gefährt
umkippte und ich
stürzte. Der
Lärm hatte den
Gedanken an die
wahrscheinlichste
Ursache für dieses
Geräusch
heraufbeschworen,
und das führte im
Geist zu einer
visuellen
Wahrnehmung,
die schwach war,
aber – weil sie
nicht von Objekten
überlagert
wurde, die man
gewöhnlich durch die
Augen sieht – bei
dieser Gelegenheit
für einen deutlichen
Seheindruck
ausreichte.
In dem geschilderten
Fall sah Dr. Stoneys
Freund etwas, das
nicht
tatsächlich geschah.
Wie Dr. Stoney es
formuliert, schuf
die Erwartung
eine visuelle
Wahrnehmung im Kopf,
die dem Freund
erschien,
als habe er sie mit
eigenen Augen
gesehen. Um bei
meiner Metapher
zu bleiben: Das
Gehirn von Dr.
Stoneys Freund schuf
eine plausible
Erklärung für das,
was geschehen war,
und das war es, was
der
Freund als Realität
sah.
Miss W.:
Eines Abends zur
Dämmerungszeit ging
ich in mein
Schlafzimmer, um
etwas, das ich
brauchte, vom
Kaminsims zu holen.
Durch ein Fenster
drang gerade so viel
Licht von einer
Straßenlaterne ins
Zimmer, dass ich
die schwachen
Umrisse der
wichtigsten
Möbelstücke erkennen
konnte. Ich
tastete vorsichtig
nach dem, was ich
suchte, als ich,
während ich mich ein
wenig umdrehte,
nicht weit hinter
mir die Gestalt
einer kleinen alten
Dame
wahrnahm, die ruhig
dasaß, die Hände,
die ein weißes
Taschentuch hielten,
im Schoß gefaltet.
Ich war völlig
überrascht, denn ich
hatte zuvor
niemanden
im Zimmer gesehen,
und rief „Wer sind
Sie?“, erhielt aber
keine Antwort,
und als ich mich
ganz umdrehte, um
meiner Besucherin
ins Gesicht
zu sehen, verschwand
sie …
Die meisten Berichte
über Geister und
unerwartete Besucher
enden
an dieser Stelle,
aber Miss W. war aus
anderem Holz
geschnitzt.
Da ich sehr
kurzsichtig bin,
dachte ich, meine
Augen hätten mir
einen
Streich gespielt;
daher nahm ich
möglichst genau
dieselbe Haltung ein
wie
zuvor, sah über die
Schulter, und – wer
hätte das gedacht! –
da saß die kleine
Dame wieder, genauso
deutlich wie zuvor,
mit ihrer komischen
kleinen
Haube, ihrem dunklen
Kleid, die Hände
bescheiden über
ihrem weißen
Taschentuch
gefaltet. Diesmal
wandte ich mich
rasch um und ging
auf die
Erscheinung zu. Und
sie verschwand
genauso plötzlich
wie zuvor.
Also ließ sich der
Effekt replizieren.
Aber was war die
Ursache?
Nun, da ich
überzeugt war, dass
mir niemand einen
Streich spielte, war
ich
entschlossen, dem
Geheimnis möglichst
auf den Grund zu
gehen. Nachdem
ich meine alte
Position am Kamin
wieder eingenommen
hatte und
wieder die Gestalt
sah, bewegte ich
meinen Kopf langsam
von der einen
zur anderen Seite
und stellte fest,
dass die Gestalt
dasselbe tat. Dann
ging
ich langsam
rückwärts und hielt
meinen Kopf still,
bis ich den Platz
wieder
erreichte, und als
ich mich
entschlossen
umdrehte, stieß ich
auf des Rätsels
Lösung.
Ein kleines,
poliertes
Mahagonischränkchen
in der Nähe des
Fensters,
das ich als
Aufbewahrungsort für
Kleinigkeiten
benutzte, bildete
den Körper
der Erscheinung, ein
Stück Papier, das
aus einer teilweise
geöffneten
Tür herabhing,
diente als
Taschentuch, ein
Vase oben stellte
Kopf und
Kopfputz dar, und
die schräg
einfallenden
Lichtstrahlen
vervollständigten
zusammen mit den
weißen Vorhängen die
Illusion. Ich
zerstörte die
Gestalt
mehrfach und stellte
sie wieder her und
war überrascht, wie
real sie
erschien, wenn die
relativen Positionen
exakt eingehalten
wurden.
Miss W.s Gehirn war
fälschlicherweise zu
dem Schluss
gekommen,
eine zufällige
Anordnung von
Gegenständen sei
eine kleine alte
Dame, die ruhig in
einer Ecke sitzt.
Miss W. ist davon
nicht überzeugt.
Aber es ist
bemerkenswert, wie
viel Mühe sie darauf
verwenden
muss, die Täuschung
zu entlarven.
Erstens bezweifelt
sie, dass
das, was sie sieht,
real sein kann. Sie
erwartet nicht,
jemanden in
ihrem Zimmer vorzufinden. Ihre Augen
spielen ihr manchmal
einen
Streich. Zweitens
experimentiert sie
mit ihrer
Wahrnehmung, indem
sie sich die „alte
Dame“ aus
verschiedenen
Positionen im Zimmer
anschaut. Wie leicht
kann man sich von
einer solchen
Täuschung
in die Irre führen
lassen. Allzu häufig gibt es keine
Möglichkeit, mit
der eigenen
Wahrnehmung zu
experimentieren, und
keinen Grund
anzunehmen, dass die
eigene Wahrnehmung
falsch ist.
Edgar Allen Poe wird von einer Sphinx erschreckt Ein außerordentlich warmer Tag ging zu Ende, als ich mit einem Buch in Händen am offenen Fenster saß, das hinter einem weiten Blick auf beide Flußufer einen fernen Hügel sehen ließ. … Als ich die Blicke von den Seiten erhob, fielen sie auf die kahle Bergwand und auf ein Wesen – ein lebendiges Ungeheuer von entsetzlicher Gestalt, das eilig seinen Weg vom Gipfel zur Talsohle nahm … Aus einer Vergleichung mit dem Umfang der großen Bäume, an denen das Ungetüm vorüberkam … mußte ich schließen, daß es weit größer war als irgendein vorhandenes Linienschiff. … Sein Maul befand sich am Ende eines sechzig bis siebzig Fuß langen Rüssels, der den Umfang eines normalen Elefanten hatte. An der Wurzel dieses Rüssels war ein wahrer Wald von schwarzem zottigen Haar – mehr als genügend für die Felle von ein paar Dutzend Büffeln, und aus diesem Haarwald sprangen seitlich und abwärts geneigt zwei schimmernde Stoßzähne vor, ähnlich denen des wilden Ebers, doch von ganz maßloser Größe. Gleichlaufend mit dem Rüssel und an dessen beiden Seiten streckte sich je ein riesiger, dreißig bis vierzig Fuß langer Schaft vor, der aus klarstem Kristall zu bestehen schien und ganz die Form eines Prismas hatte: – er gab eine prachtvolle Spiegelung der Strahlen der untergehenden Sonne. Der Rumpf war keilförmig, das dünne Ende am Erdboden. Aus dem Rumpf breiteten sich zwei Paar Flügel auf – jeder Flügel von fast hundert In diesem Kapitel habe ich gezeigt, dass uns selbst ein normales, gesundes Gehirn nicht immer ein wahres Bild der Welt vermittelt. Da wir keine direkte Verbindung zur physischen Welt um uns herum besitzen, muss unser Gehirn auf der Basis der unbearbeiteten sensorischen Reize, die unsere Augen, Ohren und all die anderen Sinnesorgane wahrnehmen, Rückschlüsse über diese Welt ziehen. Diese Rückschlüsse können falsch sein...