Hirnforschung (Epileptologie)
Samstag/Sonntag, 24./25.- Juli 2010 Kölner Stadt-Anzeiger PANORAMA 17
„Der Mensch ist gut"
Der Epileptologe Christian Elger über Schuld und Sühne,
gierige Banker und den neurologischen Reiz von Rabattschlachten
Warum erfahren wir von Ihnen, einem Epileptologen, nicht nur etwas über die
Beschaffenheit des menschlichen Hirns, sondern auch etwas darüber, wie wir
denken und handeln?
CHRISTIAN ELGER: Die Epilepsie ist eine große Gruppe von Erkrankungen mit
vielfältigsten Ursachen. Ursachensuche und Therapie zwingen uns, ganz tief in
die Hirnfunktion der Patienten einzudringen.
Das Studium des Krankheitsbildes
erlaubt Ihnen also Rückschlüsse darauf wo und wie wir denken?
ELGER: Ja. Und was das Gehirn leisten kann. Das Gehirn ist ja ein relativ
kleines Organ mit einer unglaublichen Dynamik und Plastizität. Die Nervenzellen
sind nicht wie bei einem Computer fest verschaltet, sondern da gibt es dauernd
neue und auch wechselnde Verknüpfungen.
Wie können Sie dem Gehirn beim Denken zusehen?
ELGER: Um Epilepsieherde zu lokalisieren, führen wir Elektroden in das Gehirn
ein. Da viele schwer behandelbare Epilepsien in emotions- oder
gedächtnisrelevanten Strukturen ablaufen, beschäftigen wir uns sehr intensiv
mit dem Gedächtnis. Wir müssen die Frage beantworten, was geschieht, wenn wir
den Epipelsieherd entfernen. Aber wir können die implantierten Elektroden auch
für die Beantwortung anderer Fragestellungen nutzen. Zum Beispiel: Welche
Hirnstrukturen sind relevant für eine vage oder eine sehr konkrete Erinnerung?
Wie funktioniert denn Erinnerung?
ELGER: Wir schieben ein enormes Wissen in unser Gehirn hinein, das darin
irgendwo mit großer Haltbarkeit abgelagert wird. Sogar Alzheimerpatienten können
ganz frühe Erinnerungen immer noch abrufen. Das „Hineinschieben" verstehen wir.
Es geschieht über eine Struktur, die wir wegen des Aussehens (Seepferdchen)
Hippocampus nennen. Wir wissen aber nicht, wie das Gehirn dann solche
Langzeitinformationen speichert und abrufbar macht.
Wenn wir es wüssten, könnten wir dann Menschen programmieren?
ELGER: Das glaube ich nicht, weil das Gehirn viel zu komplex ist. Es sind
immerhin 100 Milliarden Nervenzellen. Aber wir lernen dazu. Jeder weiß, wo er
während der Angriffe auf das World Trade
Center in New York am 11. September 2001 war. Wenn Emotionalität mit Erinnerung
verknüpft wird, steigt die Erinnerungsleistung. Gleiches gilt für einen
Kurzschlaf von wenigen Minuten. Das verbessert ebenfalls das
Erinnerungsvermögen.
Gleichwohl haben Sie eine Menge Erkenntnisse über den menschlichen Alltag
gesammelt.
ELGER: Da hat uns der technologische Fortschritt geholfen - mit dem neuen
Verfahren der Magnetresonanztomographie, speziell der funktionellen
Kernspintomographie. Wir können jetzt sehr genau feststellen, welche Hirnregion
bei welcher Aufgabe aktiv ist - also beispielsweise, wo ein Proband Sympathie oder
Antipathie empfindet, wenn er sich etwa eine Reihe von Gesichtern anschaut.
In Ihrer Arbeit spielt das Belohnungssystem eine große Rolle.
ELGER: Das
Belohnungssystem ist eines der ganz zentralen Organe des zentralen
Nervensystems, was die Entscheidungshierarchie angeht. Es springt unmittelbar
bei einem geeigneten Reiz an. Beispielsweise wird es bei Rabattangeboten stark
aktiviert.
Menschen kaufen eher etwas, wenn sie ein Rabattzeichen sehen?
ELGER: Genau. Obwohl sie das Produkt wahrscheinlich nicht wirklich brauchen.
Das liegt eben daran, dass im Gehirn das Belohnungssystem aktiviert wird und so
der Entscheidungsprozess – brauche ich das Produkt, ist es nicht doch zu teuer –
stark herabgesetzt wird. Das Gehirn verhält sich oft regelrecht unökonomisch.
Funktioniert das nur bei Rabatten?
ELGER: Fahren mit einem Sportwagen, Besuch einer Kunstausstellung, Kauf
neuester Elektronikartikel – da gibt es viele Gelegenheiten, bei denen das
Belohnungssystem über den Entscheidungsprozessen steht. Das Meisterbeispiel des
unökonomischen Handelns ist das altruistische Bestrafen.
Worum geht es dabei?
ELGER: Stellen Sie sich vor, ich hätte 100 Euro und muss mit Ihnen teilen.
Wenn mir die Höhe der abgegebenen Summe gefällt, stimmen Sie zu und ich kann den
Rest behalten. Das passiert im Prinzip in einer normalen Geschäftsbeziehungen.
Streng ökonomisch gedacht, sollten Sie mit keiner kleinen Summe zufrieden sein,
da jeder Euro ein Gewinn für Sie ist. Was ich behalte, könnte Ihnen egal sein.
In der Regel wollen Sie, wie auch alle Naturvölker, die Hälfte. Dies ist
natürlich ökonomisch völlig unsinnig. In Wirklichkeit ist dies aber ein
sinnvolles archaisches Prinzip, das genetisch festgelegt ist, weil sich in der
Evolution herausgestellt hat, dass man mit „Fairplay" weiter kommt als mit
aggressivem, rein kapitalistischem Verhalten. Der Mensch ist also ein „Homo
non-oeconomicus".
Menschen versuchen also nicht, sich einen Vorteil auf Kosten anderer zu
verschaffen?
ELGER: Wir haben im Gehirn eine Vorstellung von sozialem Verhalten. In dem
Augenblick, in dem sich dies nicht einstellt, fühlen Sie sich über den Tisch
gezogen. Dieses Prinzip bestimmt unser Handeln. Erinnern Sie sich an die alte
Weisheit, wie mit einem Erbe umzugehen ist: Der eine teilt's, der andere sucht
aus.
Das heißt, der Mensch ist per se gut.
ELGER: Ja, das denke ich.
Von Fairplay war aber bei der jüngsten Finanzkrise wenig zu spüren.
ELGER: Das Problem bei den Banken ist: Sie handeln per Mausklick und sehen
nicht die Menschen als Person vor sich, deren Geld sie gerade möglicherweise
verspielen. Damit fehlt die emotionale Komponente. Ich will Ihnen ein Beispiel
geben: Ein Wagen hat sich auf einem Rangierbahnhof selbstständig gemacht und
rast auf fünf Gleisarbeiter zu. Sie können die Gruppe retten, wenn Sie eine
Weiche umlegen. In diesem Fall würde ein einziger Arbeiter auf einem anderen
Gleis getötet. Die meisten Menschen würden dies sofort tun. Jetzt erweitere ich
das Beispiel: Sie stehen auf einer Brücke neben einem Menschen. Wenn Sie ihn von
der Brücke stürzen, dann stoppt dies auch den Waggon. Die Mehrzahl der Probanden
entscheidet sich dagegen – die fünf Gleisarbeiter werden überrollt. Sie können
den einen Menschen, den sie leibhaftig vor sich sehen, trotz der tödlichen
Gefahr für fünf anonyme Personen nicht opfern. Das Gehirn führt oft zu einem
irrationalen Handeln.
An Ihrem Institut wurde eine Korrelation zwischen dem Testosteron-Spiegel
und Börsengewinnen hergestellt.
ELGER: Wenn Sie Menschen Testosteron geben, dann springt das Belohnungssystem bei entsprechenden Reizen
besser an. Sie kriegen einen besseren Kick. Sie riskieren einfach mehr.
Macht das Belohnungssystem süchtig?
ELGER: Ja. Alle untersuchten Süchte laufen auch darüber - Kokain, Heroin und
anderes.
Was beeinflusst unser Verhalten denn noch von der Geburt an derart bestimmend
wie das Belohnungssystem?
ELGER: Ganz wesentlich: Unser Sozialverhalten, das im Vorhirn fixiert ist. Ich
hatte einen Patienten mit einer sehr negativen Karriere. Schon als Kind war er
straffällig geworden. Er hatte eine geringfügige Veränderung im Frontalhirn, so
groß wie eine Johannisbeere. Wir haben ihn wegen seiner Epilepsie an dieser
Stelle operiert und den Herd der Erkrankung beseitigt. Das Ergebnis: Er hatte
nicht nur keine Epilepsien mehr, sondern normalisierte unmittelbar nach der
Operation auch sein Sozialverhalten, übernahm den elterlichen Betrieb und machte
seine Meisterprüfung.
War es Zufall, dass die Region im Gehirn dieses Mannes, die verantwortlich war
für seine Epilepsie, auch für sein Sozialverhalten zuständig war?
ELGER: Ich glaube nicht, dass dies ein Zufall war. Es gibt Untersuchungen an
zum Tode Verurteilten in den USA, die in der Regel Gewaltverbrechen begangen
haben, die alle eine Frontalhirndysfunktion hatten.
Ist Mord ein physiologisches Problem, das wir operativ beseitigen können?
ELGER: Ich weiß nicht, ob wir das operieren können. Aber ja, ich glaube,
dass wir ein dissoziales Verhalten bei Patienten, bei denen wir physiologische
Ursachen erkennen, durch Operationen beeinflussen können.
Was bedeutet das für Schuld und
Sühne?
ELGER: Schwer zu beantworten. Die Gesellschaft muss auch funktionieren. Wer
soziale Regeln nicht einhält, muss aus diesem Regelsystem herausgenommen werden,
um die Gesellschaft zu schützen – ob er dann vor dem beschriebenen Hintergrund
schuld ist oder nicht.
Das Gespräch führten Peter Pauls und Lutz Feierabend.
Bemerkung: In obigem Interview sind keine Vergleichszahlen zu finden, darüber, welche Menschen wie reagieren. >Hier< ein Hinweis auf einen Seite des Internetbuches über unser Gedächnis.
W. Rath, September 2010