Endzeitstimmung - Naturkatastrophen

3 Sendungen vom Deutschlandfunk aus der

Serie "Weltuntergänge", Teil 1 (am 9.1.2011)

Teil 2: Nicht auszumachen, wie die neue Welt aussieht >hier< (am 16.1.),

Teil 3:  Eiszeiten und Naturkatastrophen >hier< (am 23.1.2011)

 

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>Hier< zum Artikel "Extremereignisse und Vergessen".

Auf dieser Seite:

>Hier< USA, Sinnbild) einer Welt, in der das Böse gesiegt hat;

>hier< weiße Farbe oder grüne Zweige  Zeichen des Friedens?

>hier< Stalin, Mao, Hitler: Mord an Millionen von Menschen;

>hier< Naturkatastrophen häufen sich.


Teil 1: Weltuntergangsszenarien in Vergangenheit und Gegenwart

(Fast wörtlich) von Ulrich Baron

(freier Literaturjournalist, der regelmäßig in der "Zeit" veröffentlicht. In den 1990er-Jahren war er leitender Feuilletonredakteur beim "Rheinischen Merkur" und der Tageszeitung "Die Welt".)

Weltuntergänge und apokalyptisches Denken: Globalisierung und Klimawandel, Finanzkrisen und Pandemien scheinen die apokalyptischen Reiter als Avantgarde des Weltuntergangs abgelöst zu haben. Und auch in der Literatur und im Film kommt immer öfter Endzeitstimmung auf.
 

Ein düsterer Himmel mit grauen Wolken (Bild: Stock.XCHNG / Fotograf: luc sesselle)

>Hier< zu einem realen Bild!

Näheres bei: http://www.istockphoto.com "Die älteste und stärkste menschliche Empfindung ist die Angst und die älteste und stärkste Angst ist die Angst vor dem Unbekannten," schrieb der amerikanische Schriftsteller Howard Philipps Lovecraft im Jahre 1927. Lovecraft musste wissen, was er da schrieb, denn er zählte zu den maßgeblichen Vertretern der fantastischen Literatur des 20. Jahrhunderts und leitete mit dieser Feststellung seinen Essay "Supernatural Horror in Literature" ein.

In seinen eigenen Geschichten verkündete Lovecraft eine Art negativer Offenbarung, beschwor eine Welt voller metamorpher (gewandelter Gestalt) Monstrositäten und wahnsinniger Götter, in der sich Geschichte in Unheilsgeschichte verwandelte und alle Gewissheiten der Aufklärung in Finsternis versanken.

Angst vor dem Unbekannten und Ungewissen, Todes- und Lebensangst, Angst vor der Zukunft hat den Menschen in seinem Kampf ums Dasein begleitet. Und mit dem menschlichen Bewusstsein wuchs auch das Bewusstsein seiner Bedrohtheit. Die Jäger und Sammler der Urzeit konnte jederzeit ein Unglück treffen. Wilde Tiere, feindliche Menschen, Feuer und Wasser, Kälte und Hitze, Hunger und Durst, Krankheiten und Unfälle bedrohten ihr Leben akut. Und angesichts enger Lebenshorizonte und einer geringen Weltbevölkerung kam die Vernichtung auch nur einer einzelnen Horde durch eine Naturkatastrophe einem kleinen Weltuntergang gleich.

Nachts rückte das Unbekannte greifbar nahe. In Träumen, Fieberfantasien und Räuschen brach es selbst aus dem Inneren hervor und musste gebändigt werden. Die Götter der Jagd und des Bodens mussten gnädig gestimmt, die Toten und die Dämonen, die einem nachgingen, mussten besänftigt, vielleicht auch getröstet werden. Am Ende stand aber unweigerlich der Tod, die Auslöschung des Individuums. Zum Erstaunlichsten der menschlichen Kulturgeschichte zählt deshalb, wie es den Religionen nicht nur gelang, Lebensangst in Gottvertrauen, sondern auch Todesangst in Heilserwartung zu verwandeln.

Welch einen Trost bot der Glaube, man könne aus tiefster Not des irdischen Daseins errettet, man könne auf ewig erlöst werden. Welchen Trost auch die Vorstellung, nicht in Nichts zu vergehen, sondern fröhlich und mit seinen geliebten Mitmenschen auferstehen zu dürfen. Je schrecklicher, je aussichtsloser das "De Profundis" [lateinisch »aus den Tiefen«] erschien, desto stärker wurden die Kräfte, die dieser Glaube zu entfachen vermochte - selbst wenn das offene und tätige Bekenntnis dazu Märtyrertum bedeutete.

Die Kehrseite solch bedingungslosen Glaubens war eine Entwertung des Weltlichen und der weltlichen Existenz - und ist heute auch der Selbstmordattentäter, der als Märtyrer zu sterben glaubt. Aber trotz aller Sorgen, Leiden, Nöte hängt der normale Mensch am Leben und im Leben und will nicht so bald daraus erlöst werden. Den Himmel stellt man sich am liebsten als Himmel auf Erden vor, und auch der Traum von einer anderen Welt meint doch eigentlich diese, die von einem gnädigen Gott oder von uns selbst nur besser gemacht werden soll.

Aber der Himmel blieb uns Lebenden verschlossen. Das Reich Christi war eben nicht von dieser Welt. Die apokalyptischen Erwartungen einer Wiederkehr Christi und der Vollendung der Geschichte als Heilsgeschichte wurden bei den frühen Christen, den Gläubigen des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit ebenso enttäuscht, wie die säkularen Heilsverkündungen der französischen und russischen Revolution und die des "Tausendjährigen Reichs" der Nationalsozialisten.

Aufklärung und Industrialisierung verdrängten schließlich die geistigen durch weltliche Gewissheiten und den Segen der Kirche durch die Segnungen der Technik. Fortschrittsgläubigkeit verdrängte den Gottesglauben, doch auch dabei blieben große Erwartungen unerfüllt. Wo heute die Grenzen des Wachstums sichtbar werden, droht jetzt der Fortschritt, droht das Wachstum von Weltbevölkerung und Weltwirtschaft sich ins Gegenteil zu verkehren. Fortschritt wird zur Gefahr. Aus Gewissheit wird neue Ungewissheit. Ängste vor dem Unbekannten, das die Zukunft bringen wird, erwachen neuerlich. Kollektive Weltuntergangsfantasien und Visionen apokalyptischer End- und Wendezeiten kehren in neuen, nun wahrlich globalen Dimensionen wieder. Und es geht nicht mehr allein um Prophezeiung, Deutung und Überstehen drohender Katastrophen. Es scheint bisweilen schon so, als wolle die Menschheit sich am liebsten selbst überleben.

Schon 1983 entwarf der Schriftsteller Ulrich Horstmann in seinem Buch "Das Untier "die "Konturen einer Philosophie der Menschenflucht", und wo immer heute ein Umweltschaden ruchbar wird, ist das Etikett "menschgemacht" nicht fern. Vor allem wir Menschen der westlichen Wohlstandssphäre sehen uns selbst oft als Untiere, die zu viel konsumieren und emittieren, die brachiale "ökologische Fußabdrücke" hinterlassen und überhaupt viel zu viele sind. Ja, es scheint bisweilen so, als seien wir nur eine peinliche Episode der Naturgeschichte.

Im Frühjahr 2000 veröffentlichte der Internetpionier Bill Joy im (Legendäres Technologie-)Magazin "Wired" seinen Aufsatz "Why the future doesn't need us - Warum die Zukunft uns nicht braucht". Joy postulierte, dass Nano-, Gentechnik und Robotik uns zu einer gefährdeten Art machen könnten. Im Jahre 2007 widmete sich dann sein amerikanischer Landsmann Alan Weisman in dem Buch "The World Without Us" einem Komplex von Fragen, deren Faszinationskraft durch zahlreiche begeisterte Besprechungen belegt wurde:

"Wie würde es auf der Welt ohne uns weitergehen? Wenn die Menschheit vom Antlitz der Erde verschwände, was würde dann aus unserer Zivilisation? Was würde aus Straßen, Autos, Eisenbahnen? Wie lange würden Häuser, Geschäfte, Städte dem Verfall standhalten? Und wie würde es aussehen, wenn die Natur zurückeroberte, was der Mensch ihr in Tausenden von Jahren abgerungen hatte?"

Weisman griff damit ein Motiv auf, das seit dem Erscheinen von Herbert George Wells' Roman "Die Zeitmaschine" im Jahre 1895 nicht nur Autoren der Science-Fiction beschäftigt hat. Wells befördert seinen Zeitreisenden schließlich in eine ferne Zukunft, in der eine verlöschende Sonne einen sterbenden Ozean bescheint. Arno Schmidt schickte 1949 in seiner nach dem Atomkrieg angesiedelten Erzählung "Schwarze Spiegel" einen bibliophilen und misanthropischen Radfahrer durch ein entvölkertes Norddeutschland, der grimmig verkündet: "Wir wissen durch Autopsie: Das Experiment Mensch, das Stinkige, hat aufgehört."

In Peter Roseis "Entwurf für eine Welt ohne Menschen" scheint 1975 gar kein personaler Erzähler mehr nötig, während der amerikanische Romancier Cormac McCarthy in seinem 2006 erschienenem Roman "Die Straße" einen Vater und seinen Sohn durch ein Amerika schickt, das ein großer Weltenbrand in Asche gelegt und entvölkert hat.

Fast immer also bleibt noch jemand übrig. Wir kommen von der Welt und von uns nicht los. Das gilt besonders für jene populären Katastrophenfilme, wie sie ein Roland Emmerich mit dem Eissturm in "The Day After Tomorrow" und später mit den zerbrechenden Kontinentalplatten in "2012" inszeniert hat. Der Weltuntergang wird hier zur Gruppenerfahrung und statt auf Fortschritt darf man nur noch auf die nächste Fortsetzung hoffen.

Nie gesehene bedrohliche Wolken über einem Windradpark in der Eifel am 1.9.2010.
Diese Formation blieb stundenlang unverändert bei kaum zu merkender Luftbewegung.

Bild aus einer Serie weiterer Aufnahmen vom selben TagGanz ohne uns scheint die Welt gar nicht untergehen zu können. Selbst in den schlimmsten Szenarien, in denen nicht nur die Menschheit, sondern unser ganzes Universum einem wissenschaftlichen Experiment zum Opfer fallen könnte, erscheint dieser Untergang zumindest noch selbstverschuldet. Drei Jahre nach der Jahrtausendwende beschrieb der britische Hofastronom Sir Martin Rees in seinem Buch "Unsere letzte Stunde" den zweifelhaften Fortschritt, den das Menschengeschlecht im 20. Jahrhundert gemacht hat: "Die schlimmsten Katastrophen der Menschheitsgeschichte wurden durch Naturkräfte - Überschwemmungen, Erdbeben, Vulkane und Wirbelstürme - und durch die Pest hervorgerufen. Im 20. Jahrhundert wurden die größten Katastrophen jedoch vom Menschen selbst verursacht: 187 Millionen, so eine Schätzung, sind in den beiden Weltkriegen und ihrer Folgezeit durch Krieg, Massaker, Verfolgung und politisch bedingte Hungersnot umgekommen."

Angesichts solch einer verheerenden Bilanz sind weit höhere Opferzahlen möglich, falls sich die Pandora-Büchse* atomarer, chemischer und biologischer Waffen einmal öffnen sollte, falls eine Pandemie ausbrechen oder das Klima sich katastrophal wandeln sollte. Dabei verdrängt jede neue Angst ihre Vorgänger und saugt deren Potenzial in sich auf. Während der Astrophysiker Rees nicht ohne Berufsstolz darauf verweist, dass auch die aktuelle physikalische Grundlagenforschung ein gewisses Katastrophenpotenzial in sich berge, wandte sich unlängst eine besorgte Bürgerin wegen der jüngsten Experimente am (Genfer Kernforschungszentrum) CERN an das Bundesverfassungsgericht.
* Pandora auf griechisch »Allgebende«, ursprünglich wahrscheinlich eine "verführerische" Erdgöttin, die Zeus aus Erde formen ließ, um den Feuerraub des Prometheus für die Menschen zu rächen. Zeus gab also der Pandora ein Gefäß, "die Büchse der Pandora" genannt, in der alle Übel eingeschlossen waren, und schickte sie dem Bruder des Prometheus. Als Pandora die Büchse öffnete, entwichen die Übel und verbreiteten sich über die Erde. Nur die Hoffnung, die auf dem Grund lag, blieb darin.

Aufgrund der zuvor noch nie erreichten Energieintensität dieser Versuche durch das CERN [Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire, Kernforschungszentrum in Genf] könnten ihrer Meinung nach kleine schwarze Löcher entstehen und sich zu großen auswachsen, in denen wir und unsere Welt verschwinden würden. Zwar teilen Wissenschaftler diese Besorgnis (im allgemeinen) nicht und halten einen solch fatalen Prozess für außerordentlich unwahrscheinlich, aber gegenüber dem Gericht führte die Beschwerdeführerin aus, dass sie diese Sicherheitsanalyse für unzutreffend hielte: "Vielmehr hält sie eine Zerstörung der Erde durch die geplante Versuchsreihe nicht für ausgeschlossen. Schlimmstenfalls sei von einer Restlebenszeit des Planeten von weniger als fünf Jahren auszugehen."

Am 18. Februar 2010 aber lehnte das Bundesverfassungsgericht ihre Beschwerde ab und begründete seine Entscheidung damit, dass nicht gegen alles, was zum Fürchten sei, auch der Staat einschreiten müsse: "Auch die (vermeintliche) Größe eines Schadens - hier die Vernichtung der Erde - erlaubt keinen Verzicht auf diese Mindestsubstanziierung, ob ein wenigstens hypothetisch denkbarer Zusammenhang zwischen der Versuchsreihe und dem Schadensereignis besteht. Das Ausmaß möglicher Schäden zwingt staatliche Stellen lediglich zum Einschreiten, falls substanziierte Warnungen vorliegen."

In anderen Fällen aber liegen wohl- und ausführlich begründete Warnungen durchaus vor. Claus Leggewie und Harald Welzer prophezeiten 2009 in einer gemeinsamen Buchveröffentlichung angesichts von Klimawandel und begrenzter Ressourcen "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" (>hier<), und der britische Ideenhistoriker John Gray kritisierte 2007 in "Politik der Apokalypse" ein an endzeitlichen Vorstellungen orientiertes Denken, das sich bei den christlichen Neokonservativen der USA ebenso beobachten ließe wie bei radikalen Muslimen: "Die aufklärerischen Ideologien der vergangenen Jahrhunderte bestanden zu einem sehr großen Teil aus einer verfremdeten, ins Gegenteil verkehrten Theologie. Deshalb führt das Bild eines rein säkular geprägten Fortschritts in die Irre, das linientreue Vertreter der Rechten wie der Linken gern von "ihrem" 20. Jahrhundert zeichnen. Die Machtergreifung der Bolschewiken oder der Nationalsozialisten gründete ebenso in einem Glaubenssystem wie die theokratische Revolution des Ayatollah Khomeini im Iran."

Das Ende der Sowjetunion und ihrer säkularen Heilsversprechungen habe dem keineswegs ein Ende bereitet. Im Gegenteil: "Neokonservative Theorien setzen sie fort. Denn folgt man ihnen, so mündet die Entwicklung der gesamten Welt in ein und dieselbe Regierungsform und in ein und dieselbe Wirtschaftsordnung - eine universelle Demokratie und einen globalen freien Markt."

Hier droht freilich eine Inflationierung des Begriffs der Apokalypse (griechisch »Offenbarung«, prophetische Schrift über das Weltende), denn nicht jedes säkulare Heilsversprechen folgt religiösen Mustern. Und auch ein Strenggläubiger ist noch kein Apokalyptiker. Das Problem apokalyptischen Denkens ist seine Synthese von Ängsten und Hoffnungen, seine situationsbedingte Brisanz und seine Bereitschaft zur Eskalation, die im Ernstfall tradierte Autoritäten einfach beiseite fegt.

Es geht dabei um nichts Geringeres als um Leben und Tod, um Himmel und Hölle, und dabei mischen sich Bedrohung und Verheißung, individueller Leidensdruck und kollektive Heilserwartung. Während die einen angesichts des drohenden Weltendes in Heulen und Zähneklappern ausbrechen, feiern es die anderen als Vollendung einer Heilsgeschichte, von der die Erwartungen der Rechtgläubigen erfüllt und die Ungläubigen in ewige Verdammnis gestürzt werden (siehe Bibel, Thora/Talmud, Koran).

Je konkreter apokalyptische Erwartungen waren, desto wichtiger schien es, der anstehenden Weltwende gut vorbereitet zu begegnen. Also begannen die Christen der Spätantike zu rechnen, und ihre mittelalterlichen Glaubensbrüder folgten ihnen. Orientierte man sich an biblischen Zeitangaben, so waren seit Erschaffung der Welt nur wenige tausend Jahre vergangen. Deshalb lag der Gedanke nahe, dass es mit ihr bald zu Ende gehen könnte (siehe Bibelforscher, Jehovas Zeugen).

Waren bislang rund sechstausend Jahre verstrichen, so mutmaßte man in Analogie zu den sieben Tagen der Schöpfungswoche, dass darauf bald ein langer Sabbat folgen werde, um die große Weltwoche abzuschließen. Das Jahr Tausend hätte ein guter Schlusspunkt sein können, doch die Kalenderkundigen kamen und kommen bis heute auch auf zahlreiche andere Untergangsdaten, die sich alle als falsch herausstellten.

Hofastronom Rees verweist in diesem Zusammenhang auf die Überlegungen eines amerikanischen Fachkollegen, dessen Name ihn für dieses Thema geradezu prädestiniert. Richard Gott habe argumentiert, es sei wahrscheinlich, dass etwas, was schon sehr lange existiere, auch künftig noch lange existieren werde, während ein junges Phänomen keine Garantie für eine hohe Lebenserwartung böte: "Gott erwähnt beispielsweise, dass er 1970 die Berliner Mauer (damals neun Jahre alt) und die Pyramiden (über 4000 Jahre alt) besuchte; sein Argument hatte zutreffend vorhergesagt, dass die Pyramiden sehr wahrscheinlich im 21. Jahrhundert noch stehen würden; hingegen wäre es keine Überraschung, wenn die Berliner Mauer nicht mehr stehe, und sie ist natürlich verschwunden."

Das nun ist nicht nur eine schöne Synthese von Humor und Wissenschaft, sondern zeigt auch, wie Hoffnungen und Erwartungen das Geschichtsdenken prägen. Während die DDR-Führung sich einen baldigen Fall der Mauer gar nicht vorstellen mochte, schien vielen Menschen der Gedanke unerträglich, dass die bisherige Geschichte noch einmal ein paar tausend Jahre oder gar unbegrenzt weiterlaufen könnte.

Besonders die Christenverfolgung schuf nicht nur Märtyrer, sondern auch den Nährboden für Rache- und Erlösungsfantasien, die sich an alttestamentlichen Beispielen und Prophezeiungen orientierten. Und nicht nur die Menschen der Spätantike und des Mittelalters waren angesichts von Glaubensstreit, Krieg und Pestilenz, angesichts der Leiden Unschuldiger, die unters Rad der Geschichte geraten waren, der Ansicht, dass dessen Lauf endlich Einhalt geboten werden müsse. In den 1930er-Jahren schrieb Walter Benjamin angesichts der drohenden Selbstzerfleischung Europas: "Dass es 'so weiter' geht, ist die Katastrophe."

Immer wieder wurde eine Weltwende auch als Befreiungsschlag verstanden, der reale und symbolische Mauern in Trümmer legte. Der alte Feuerkopf Friedrich Nietzsche wollte am liebsten mit dem Hammer philosophieren. Leon Bloy nannte sich gar einen "entrepreneur de démolitions", einen Abrissunternehmer, wobei den deutschen Philosophen und den französischen Schriftsteller unterschied, dass Ersterer Gottes Tod diagnostiziert hatte, während Letzter als gläubiger Katholik lediglich konstatierte: "Dieu se retire." Gott zieht sich zurück, und mit diesem Rückzug rückten auch die religiösen Heilserwartungen in weite Ferne. Was blieb, war in vielen Fällen nur eine halbe Apokalypse, nur die Lust an der Zerstörung.

Im Jahre 1979 verankerte Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse now "den Ausdruck "Apokalypse" in der Sprache der globalen Populärkultur. Dort fiel er auf fruchtbaren Boden. Ob Nato-Doppelbeschluss oder GAU [größter anzunehmender Unfall] von Tschernobyl, ob Ende des Ostblocks oder Ende der Geschichte, ob Kampf der Kulturen, Krieg gegen den Terror oder Vogelgrippe, ob Weltfinanzkrise oder Klimakatastrophe - im Zeitalter der Globalisierung fehlt es nicht an Katastrophenszenarien, die auf den stärksten möglichen Begriff gebracht werden wollen. Und was würde da machtvoller wirken als die "Apokalypse" mit ihren Posaunen, Schalen des Zorns, todbringenden Reitern, dem Tier aus der Tiefe und stürzenden Sternen und Bergen?

Ob klimatische oder tektonische Katastrophe, ob Pandemie oder Feuersturm, ob Maya-Prophezeiung oder Atomkrieg - "Apokalypse" ist zum Synonym für welterschütternde Katastrophen geworden. In wörtlicher Übersetzung aber bedeutet dieser Ausdruck nicht Weltende und nicht einmal Weltwende, sondern schlichtweg "Enthüllung" oder "Offenbarung". Als "Offenbarung des Johannes" beschließt die bekannteste Apokalypse das Neue Testament, doch schon das Alte kannte Prophezeiungen eines finalen Gerichts. So heißt es im Buch Daniel: "Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst, der für dein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seit es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich."

Was Johannes auf Patmos dann gegen Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung an sieben kleinasiatische Gemeinden sandte, schien zu signalisieren, dass die Umsetzung des göttlichen Heilsplans nun endlich beginnen werde. Doch als letzter Text des neuen Testaments verheißt die Apokalypse bis heute etwas, was die Kirche nie hat erfüllen können und wollen. Schon Augustinus beschwor die Leser seiner Schrift "Der Gottesstaat", diese Offenbarung keinesfalls wortwörtlich zu verstehen. Genau das aber ist immer wieder geschehen, denn sie war nach Angaben des Verfassers von höchster Stelle beglaubigt. War es doch die "Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll".

Dabei ging es um nichts Geringeres als um die Enthüllung des göttlichen Heilsplans in einer Zeit, als das Christentum noch schwach war und sich einem übermächtigen Rom unter der Führung gottloser Kaiser ausgeliefert sah. Und mehr noch. Auch wenn die Offenbarung nicht mit großen Zahlen geizte und ein Tausendjähriges Reich der Herrschaft Christi und der Heiligen prophezeite, verkündete sie doch auch, dass deren Anbruch schon in greifbare Nähe gerückt sei: "Denn die Zeit ist nahe", heißt es am Anfang, und am Ende wird noch einmal das baldige Kommen Jesu versprochen.

Dieses Versprechen unterscheidet die Apokalypse von reinen Untergangsprophezeiungen und Katastrophenszenarien. Die Apokalypse verheißt keine katastrophale Götterdämmerung, sondern die Vollendung der Schöpfung, einen Aufstieg aus dem Untergang. Doch im Kern ist sie auch eine Machtdemonstration, eine Rachefantasie, die an die Vorstellungswelt alttestamentlicher Texte anknüpft. Die Große Hure Babylon, das Tier mit sieben Häuptern, der Drache, die Schlange und Satan werden heraufbeschworen, um endlich der Gewalt Gottes und der Macht des Erlösers zu erliegen. Jede Zeit konnte sich auf diese Bestien ihren eigenen Reim machen - mochten die Zeitgenossen des Johannes darin die Auswüchse römischer Dekadenz erblicken, so sahen die radikalen Reformatoren und Chiliasten* der Lutherzeit in ihnen die Pervertierung christlichen Glaubens durch die päpstlichen Irrlehren vorgezeichnet.

* Anhänger der Lehre von einer tausendjährigen Herrschaft Christi auf Erden am Ende der geschichtlichen Zeit (nach der Offenbarung des Johannes 20,110)

Die betörende und bis heute ungebrochene Stärke der Johannes-Apokalypse liegt in ihrem Überschuss, in der Entfesselung einer Bild- und Gedankenwelt, die theologisch nie zu bändigen war. Mochte ein Augustinus die Auslegungen der Chiliasten oder Tausendjährler auch als Irrtümer und Irrlehren beiseiteschieben, so ließ sich das "Buch mit den sieben Siegeln", das bei Johannes geöffnet wird, nicht mehr verschließen, ließ sich der Schall der sieben Posaunen* nicht ungehört machen, blieben die sieben Schalen des Zorns fortan ausgegossen.

* Unter dem Schall von sieben Posaunen sei die Stadt Jericho gefallen, heißt es im Buche Josua

Der Text dieser Offenbarung ähnelt der Büchse der Pandora, doch daraus kommen keine Krankheiten, sondern Bilder, gegen deren faszinierende Virulenz (unterschiedliche Angriffskraft, Giftigkeit) kein Bannspruch hilft. Nach Öffnung der ersten Siegel brechen die verheerenden Apokalyptischen Reiter hervor, deren erste drei auf einem weißen, einem feuerroten und einem schwarzen Pferd durch die Welt stürmen: "Und da es das vierte Siegel auftat, hörte ich die Stimme der vierten Gestalt sagen: Komm! Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen ward Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und Hunger und Tod und durch die wilden Tiere auf Erden."

Das Bild, das hier beschworen wird - Krieg, Hunger und am Ende wilde Tiere, die sich über die Überlebenden hermachen - wirkt auch zweitausend Jahre nach seiner Formulierung beklemmend realistisch. Die apokalyptischen Reiter von Abrecht Dürer Auf den Killing Fields* des 20. und 21. Jahrhunderts darf sich der Reiter auf seinem fahlen Pferd so heimisch fühlen wie in der Epoche der Zeitenwende. Der russische Filmregisseur Andrej Tarkowski hat dies in seinem Weltkriegsdrama Iwans Kindheit unvergesslich in Szene gesetzt, als er seinen jungen Helden in einem von deutschen Truppen zerstörten Haus ein Buch mit Dürers Darstellungen der apokalyptischen Reiter (rechts das Bild von Albrecht Dürer) durchblättern lässt.

* sind eine Reihe von etwas mehr als dreihundert Stätten in Kambodscha, an denen bei politisch motivierten Massenmorden nach Schätzungen 200.000 Menschen umgebracht wurden

Als Enzyklopädie der Heimsuchungen ist die Apokalypse so bis heute anschlussfähig geblieben, weil sie alle möglichen Visionen drohenden Unheils teils vorweggenommen, teils vorgeprägt hat. Anders als die Sintflut oder die Zerstörung von Sodom und Gomorrha gibt es hier keinen bestimmten Modus operandi der Vernichtung, sondern einen ganzen Katalog, der auf fast jede Katastrophe und auf jede Zeit passt. Man kann sich die Reiter der Apokalypse als Panzerkommandanten und als Hubschrauberbesatzung vorstellen, als Kamikazepiloten und als Selbstmordattentäter, als Atom- oder Bioterroristen oder als jene maschinenhaften Monstren und monströsen Maschinen, die die Menschheit von den Schlachtfeldern einschlägiger Endzeitfilme fegen. Doch sie sind nur die Avantgarde des Untergangs, die Vorreiter einer noch tief greifenderen Zerstörung.

Auf die Öffnung der Siegel folgt der Schall der Posaunen, Hagel und Feuer werden mit Blut vermischt auf die Erde geworfen, und der dritte Teil der Erde und Bäume und alles grüne Gras verbrennen. Wie solche verbrannte Erde aussehen würde, kann man heute in der Verfilmung von Cormac McCarthys Roman "Die Straße" studieren, der offen lässt, ob ein Atomkrieg, eine Klimakatastrophe oder ein göttliches Strafgericht die Erde in Asche gehüllt hat. Auch die Folge der zweiten Posaune hat schon ihre modernen Umsetzungen gefunden: Wird bei Johannes ein feuerflammender Berg ins Meer geworfen, so brechen in Roland Emmerichs Weltuntergangspektakel 2012 die Kontinentalplatten auseinander. Nur ist die Bibel sehr viel gedanken- und bilderreicher, denn bevor die Posaune des vierten Engels eine globale Verfinsterung nach Art eines Nuclear-Winter einleitet, hat sein Vorgänger Gift vom Himmel stürzen lassen: "Und der dritte Engel posaunte und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und über die Wasserbrunnen. Und der Name des Sterns heißt ,Wermut'. Und der dritte Teil der Wasser ward Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, denn sie waren bitter geworden."

Das ist nun nicht nur exotisch, sondern schon extraterrestrisch und scheint Bedrohungen zu antizipieren, vor denen sich die Zeitgenossen eines Johannes wohl kaum ernsthaft gefürchtet haben werden. Überhaupt wird hier ein Überschuss beschworen, ein apokalyptischer Overkill*, der selbst die Prüfungen eines Hiob in den Schatten stellt. Nur sind es hier stets die anderen, denen Sterne und Berge aufs Haupt fallen, denn so schrecklich dieser Weltuntergang auch anmutet, ist er für die wahren Christen doch die ersehnte Wende zum Besseren.
* das  Potenzial, das über die nötige Vernichtung eines Gegners hinausgeht.

Die Apokalypse und das apokalyptische Denken zeigen, wie sich Ängste in Hoffnungen, Hoffnungen in Erwartungen und Erwartungen in Handlungen umsetzen lassen. Solange man sie nur als große tröstliche Allegorie darauf verstand, dass die Welt sich wandeln und das Christentum obsiegen würde, mag sie ihren Adressaten den Rücken gestärkt haben. Doch sie verführte immer wieder dazu, wörtlich genommen zu werden - und das in einer explosiven Mischung aus kritischem Impetus [Impuls, (innerer) Antrieb, Anstoß; Schwungkraft] und naiver Wortgläubigkeit, als Lehrbuch für den großen Aufstand gegen den irr- und ungläubigen Rest der Welt.

Hatte sich dieser Impetus ursprünglich gegen das kaiserliche Rom gerichtet, so nahm er später das Papsttum ins Visier, um sich dann in säkularisierter und banalisierter Form gegen das Christentum überhaupt zu richten. Im Wiedertäuferreich zu Münster, in den kommunistischen Revolutionen und in der Hybris des Dritten Reichs ging eine Saat auf, die in den Bildern der Offenbarung geschlummert hatte. Und selbst noch im gut gemeinten Kampf für die Umwelt wirken apokalyptische Unheils- und Heilvorstellungen fort, die fatale Folgen haben können, wenn sich der Konflikt zwischen Gläubigen und Andersdenkenden verschärfen sollte.

Je größer und je konkreter die Heilserwartung und je katastrophaler die aktuelle Lage, umso größer ist beim apokalyptischen Denken die Gefahr einer Eskalation. Schon Augustinus aber hat sich mit den allzu viel versprechenden Passagen der Johannes-Apokalypse nicht anfreunden können. Die Lehre von einem buchstäblich tausendjährigen messianischen Friedensreich, in dem die Heiligen mit dem Herrn herrschten, lehnt er als "lächerliche Fabel" ab, die von den "Tausendjährlern" vollends ins Weltliche verdreht worden sei: "Diese Meinung wäre erträglich, wenn man annähme, dass an jenem Sabbat den Heiligen durch die Gegenwart des Herrn allerlei geistliche Freuden beschert werden würden. Auch ich habe das früher einmal so aufgefasst. Aber wenn man sagt, die dann Auferstehenden würden ihre Muße mit maßlosen leiblichen Tafelfreuden hinbringen und solche Fülle von Speise und Trank genießen, dass von keinem Halten mehr die Rede wäre, ja ein mehr als unglaubliches Schwelgen anfinge, so können doch nur fleischlich gesinnte Menschen derartiges glauben."


Nicht auszumachen, wie die neue Welt aussieht
aus der DLF-Serie "Weltuntergänge", Teil 2

(Fast wörtlich) von Ulrich Baron

Säkulare apokalyptische Denk- und Verhaltensmuster der Gegenwart - von den münsteraner Wiedertäufern bis hin zur Ideologie des Nationalsozialismus'.

Drei eiserne Käfige hängen immer noch in Münster. Sie waren 1536 dort am Turm der Lambertikirche* emporgezogen worden, um darin 3 Männer einzusperren, zur Schau zu stellen und verrecken zu lassen. Die verwesenden Leichen "dienten den Vögeln zum Fraße und dem Volke zur Warnung, was mit Menschen geschehen werde, wenn jemand das Himmelreich auf Erden einführen wolle".
  * Lambert: 625 in Maastricht in reichem Eltern geboren, zuerst vom hl. Landoald, dann vom hl. Bischof Theodard von Maastricht-Tongern erzogen, nach dem Tod von Theodards dessen Nachfolger, jedoch schon drei oder vier Jahre später von seinem Bischofssitz durch den Tyrannen Ebroin vertrieben. Lambert wurde 705 ermordet und damit zum Märtyrer. (Mehr über Heilige in "Melchers: Das Große Buch der Heiligen - Geschichte - Legenden - Namenstage"; Verlag Ludwig, ISBN 3-7787-3685-X.)

Eine der Leichen war Prediger gewesen, der zweite Tuchhändler und Scharfrichter. Der dritte war ein niederländischer Schneider und für kurze Zeit König jenes Wiedertäuferreichs zu Münster, in dem die Prophezeiungen der Bibel Wirklichkeit werden sollten. Von feindlichen Truppen belagert, hatte ihr Regime bald groteske Züge angenommen.

Die Täufer lebten in Gütergemeinschaft und trieben Vielweiberei. Für Ostern 1534 hatte der Prophet Jan Mathys das Erscheinen Jesu Christi angekündigt, aber war nach dessen Ausbleiben von feindlichen Söldnern in Stücke gehackt worden. Der Schneider Jan van Leiden war zum "König Johannes I." ernannt worden, doch obwohl sein Reich Missionare entsandte, blieb Hilfe von oben und draußen aus. Im Juni 1535 wurde Münster gestürmt. Hunderte von Täufern wurden getötet, und die Stadt war verwüstet.

In seiner Endzeiterwartung war das Täuferreich dem mittelalterlichen Denken verhaftet; sein kritischer Impetus aber war von jenem radikalen Flügel der Reformation inspiriert, der nicht nur das geistige, sondern auch das weltliche Leben neu ordnen wollte. So schuf es sich selbst eine fatale, eine apokalyptische Perspektive, die sich nur durch eine gewaltsame Weltwende hätte erfüllen lassen.

Dass sich die Welt wandelte, war freilich offenkundig. Spanier und Portugiesen hatten den Seeweg nach Indien und eine neue Welt erschlossen. Nikolaus Kopernikus rückte statt der Erde die Sonne in die Mitte des Universums. Stand gar die Geburt des Antichrist bevor, nachdem der rebellische Mönch Martin Luther 1524 die Nonne Katharina von Bora geheiratet hatte? Oder regierte der Antichrist längst als Papst in Rom und hatte es in ein neues Babylon verwandelt, das sich am Ablasshandel schamlos bereicherte?

Zehn Jahre vor Beginn des Täuferreichs hatten Bauern gegen die infame Allianz ihrer feudalen und klerikalen Herren rebelliert. Martin Luther galt mit seiner Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" als Inspirator der Aufständischen. Er hatte 1525 "wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern" gewettert und gefordert, "man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss." Die Täufer zählten zu diesen "tollen Hunden". Sie lehnten die Kindstaufe ab und propagierten die Gütergemeinschaft. Sie warfen der römischen Kirche vor, aus der Taufe "ein Kinderwaschen" gemacht zu haben und sprachen Laien religiöse Kompetenzen zu. In Traktaten und Flugschriften denunzierten sich die Kontrahenten gegenseitig. Man begann, die endzeitlichen Prophezeiungen der Bibel wörtlich zu nehmen und weckte damit die Apokalyptischen Reiter.

Dass die Lage in Münster eskalierte, hatte auch handfeste Ursachen. Es gab Streit um politischen Einfluss und um die Übernahme des evangelischen Glaubens. Die Zuwanderung fanatischer Prediger und ihrer mittellosen Anhänger aus den Niederlanden schuf eine brisante Mischung aus bürgerlichem Ungehorsam, religiösem Überschwang und verzweifelter Armut. Arbeiter und Handwerker stießen sich an der Konkurrenz klösterlicher Manufakturen. Die Absetzung des Predigers Bernhard Rothmann erhitzte die Gemüter seiner Anhänger.

Mit der Einführung der Erwachsenentaufe im Jahre 1534 verstieß man in der Stadt gegen das auf dem Reichstag zu Speyer erlassene Mandat, das die Wiedertaufe mit der Todesstrafe bedrohte. Damit war ein gewaltsames Eingreifen legitimiert. Und nun setzte ein fataler Mechanismus der Radikalisierung ein: Indem man seine Anhänger aus Sicht der Außenwelt zu Mittätern machte, schuf man einen unüberwindlichen Graben, der die Gemeinschaft in Konfrontation mit dieser Außenwelt vereinte. Und der theologische Kopf der Münsteraner (Wiedertäufer), Bernhard Rothmann, lieferte dieser Radikalisierung einen apokalyptischen Rahmen.

Rothmann wollte sich nicht mit Luthers Reformation begnügen, sondern forderte eine radikale "Restitution (Wiederherstellung) rechter und gesunder christlicher Lehre". Der Kirche warf er vor, die Worte Gottes verdreht und durch theologische Spitzfindigkeiten "verdüstert" zu haben. Dabei seien es doch gerade die einfachen, schlichten Gemüter, denen die Worte Gottes einleuchteten. Das verwandelte kirchliche Lehrmeinungen in Makulatur*, denn gerade ihre Gelehrtheit sprach nun gegen sie. Nachdem die Theologen über Jahrhunderte hinweg die heiligen Schriften so interpretiert hatten, dass sie zum Gang der Welt passten, folgte Rothmann einer apokalyptischen Lesart, die besagte, der Anbruch einer neuen, der "dritten" Welt stünde bevor.
* lateinisch maculare »beflecken« bedeutet, fehlerhafte, beschmutzte, zerrissene oder anderweitig nicht mehr benötigte Druckerzeugnisse

Während Münster belagert wurde, suchte Rothmann nach dem Heil, das aus dem drohenden Untergang doch hervorgehen müsse. Im "Bericht von der Rache" beschwor er 1534 den Zorn des Herrn auf den "Kop der Godtloßen" herab: "Er will seinem Volk erzene Klauen machen und eiserne Hörner, Pflugscharen und Hacken sollen sie zu Schwertern und Spießen machen."

Umbarmherzige Vergeltung an den Mächten Babylons würden Gottes Streiter üben, mit wehenden Fähnlein und Posaunenschall, aber diese Überwindung der Gottlosen sollte nur eine Übergangsphase sein. In "Von Verborgenheit der Schrift des Reiches Christ" beschrieb Rothmann Anfang 1535 den Gang der Geschichte in einem klassischen Dreischritt. Dreierlei Welten gebe es: "Nämlich die erste Welt, die im Wasser untergegangen ist; die andere, die im Feuer zerschmelzen soll, und schließlich die dritte, als neuer Himmel und neue Erde, in der die Sonne zehnmal klarer und der Mond wie die Sonne scheinen soll und in der alle Kreatur frei sein soll in der Herrlichkeit der Kinder Gottes, ja worin die Gerechtigkeit herrschen und wohnen soll."

Bei aller martialischen Rhetorik wird Rothmanns Tonfall merklich sanfter, wenn er auf jene "Dritte Welt" zu sprechen kommt. Seine Lehre ähnelt den Ausführungen des Joachim von Fiore, der die Geschichte in Anlehnung an die Trinitätslehre in drei Zeitalter gegliedert und damit dem 13. Jahrhundert eine apokalyptische Perspektive eröffnet hatte. Auf die Zeit des Vaters und des Alten Testaments und die des Sohnes und des Neuen Testaments sollte schließlich das Zeitalter des Heiligen Geistes folgen. Darin würde nach Auftreten und Überwindung des Antichrist dann das Dritte Reich, die Ära des Himmlischen Jerusalems anbrechen.

Die Vorstellung, dass am Ende die menschliche Vernunft die religiöse Offenbarung übernehmen könne, dürfte auch einem Bernhard Rothmann nicht ganz ferngelegen haben. Doch er war ein Kind seiner Zeit, und die duldete weder vernünftige Aufklärer noch apokalyptisch inspirierte Gläubige. Nachdem das göttliche Strafgericht über die Feinde Münsters ausgeblieben war, veröffentlichte Rothmann Anfang 1535 in "Von Verborgenheit der Schrift" ein melancholisches Resümee, das schon wie ein Nachruf auf überzogene Hoffnungen anmutete: "Nun beschlüsslich, das Reich Christi ist noch nicht gekommen, denn Israel streitet noch und muss darum zum Teil leiden, und es gehört eigentlich auch in diese Welt nicht, sondern mehr in die Dritte Welt, in der die Gerechtigkeit wohnen soll."

Der Untergang der Wiedertäufer hat auch diesen letzten Hoffnungsfunken erlöschen lassen und die Frage aufgeworfen, wie viel apokalyptisches Denken dazu beigetragen hat. Gibt es eine apokalyptische Glaubensgewissheit, die Menschen in Scharen in den Untergang ziehen lässt? Zumindest gibt es einen fatalen Prozess der Selbstverstärkung, bei dem individuelle und kollektive Ängste und Krisenerfahrungen die Empfänglichkeit für apokalyptisches Denken erhöhen und Endzeiterwartungen erzeugen, die zur Eskalation führen. Wer mit der Todesstrafe rechnen muss, kann nur noch auf ein Wunder hoffen.

Zum apokalyptischen Glauben aber gab es da schon eine Alternative. Mit seiner "Utopia" gab Thomas Morus* 1516 jenen Gesellschaftsentwürfen einen Namen, die viele politische Diskussionen und Konzepte der Neuzeit prägen sollten. Und bereits im Denken der Täufer steckte der utopische Kern einer Gütergemeinschaft, eines urchristlich inspirierten Kommunismus.
* 1478 bis 1535 - war ein englischer Staatsmann und humanistischer Autor

Man musste vielleicht gar nicht die ganze Welt verändern, sondern nur die Eigentumsverhältnisse, um sie besser zu machen. Aber daran waren schon die rebellischen Bauern und nunmehr auch die Münsteraner Täufer gescheitert.

Man brauchte also einen mächtigen Bündnisgenossen, und wer nicht auf Gott vertrauen mochte, musste sich einen Ersatz erschaffen, einen Führer, eine Partei, eine Bewegung, die als Sachwalterin des objektiven Geschichtsprozesses erschien. Dies setzte eine Eschatologie* voraus - eine Vorstellung vom Weg, den die Geschichte nehmen würde. Und hier schieden sich erneut die Geister. Während die einen auf einen langen, mühseligen und von Rückschlägen bedrohten Weg der Vernunft und des Fortschritts setzten, lebte das apokalyptische Denken in säkularem Gewande fort.
* griechisch: éschata »letzte Dinge«, die Lehre von den letzten Dingen, in verschiedenen prophetischen Religionen die Lehre von einem neuen Zustand der Welt

Dessen radikale Anhänger gaben der Weltwende einen neuen Namen: Revolution. Und hatte die Französische Revolution im Zeichen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit das Ende des Feudalismus und den Beginn des Bürgerlichen Zeitalters eingeläutet, so folgte ihr im 19. Jahrhundert das Gespenst des Kommunismus. In ihrem "Kommunistischen Manifest" formulierten Karl Marx und Friedrich Engels 1848 ein säkulares Credo, das das Ende aller bisherigen Weltordnungen postulierte: "Die kommunistische Revolution ist das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen, kein Wunder, dass in ihrem Entwicklungsgange am radikalsten mit den überlieferten Ideen gebrochen wird."

Dieses "radikalste Brechen" gleicht der Überwindung der Mächte des Bösen in der Apokalypse mit ihren monströsen Tieren und ihrem satanischen Verführer. Marx und Engels verhehlten keineswegs, dass es dabei zu gewaltsamen Enteignungen und Zwangsmaßnahmen kommen werde, aber die wurden durch das Konzept einer dialektischen* Aufhebung vertuscht, in der die Herrschaft der letzten Klasse jede Klassenherrschaft endlich überflüssig machte: "Die politische Gewalt im eigentlichen Sinn ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht, und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes der Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf. An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung Aller ist."
* Dialektik: griechisch »Kunst der Unterredung« (als (Zwiedenken")- die logische Beweisführungstechnik, auch metaphysisches Seinsprinzip

So nüchtern lässt sich der Schritt in eine neue Weltordnung beschreiben. Auf dem Weg dahin aber geriet auch der atheistische Marxismus wieder in apokalyptisches Fahrwasser. Denn auch, wenn man Heilsgeschichte durch historische Gesetzmäßigkeiten ersetzt und den Glauben durch dialektischen Materialismus, kommt einmal die Nagelprobe. Nachdem die Berufsrevolutionäre in Russland gesiegt hatten, standen sie unter Erfolgszwang. Sie mussten ihren noch in bürgerlichen Zweifeln befangenen Genossen deshalb mit aller Gewalt einbläuen, dass ihre neue Welt jene bessere war, die sie ihnen verheißen hatten. Paradoxerweise hat dann gerade das Zwiedenken, das George Orwell ihnen in seinem Roman 1984 so treffend vorgehalten hat, ihr Sowjetreich vor einem apokalyptischen Ende und die Welt vor einer atomaren Agonie bewahrt. Auf Revolution folgte dort Stagnation, ein Nebeneinander von verordnetem Fortschritt und ungeordnetem Verfall, der in den Bankrott führen musste.

Mochte die Sowjetunion in ihren revolutionären Kampfzeiten apokalyptischen Elan aus der Synthese von Bedrohung und Erwartung geschöpft haben, so verlor sich dieser Schwung nach Anbruch des Sozialismus merklich. Angesichts seiner wissenschaftlich begründeten Überlegenheit gegenüber dem Kapitalismus und der atemberaubenden Erfolge der Planwirtschaft, die überall doch zumindest gefeiert wurden, gab es keinen Grund, seine Kräfte für etwas zu verausgaben, das ohnehin unvermeidlich sein sollte. So stand die größte Anstrengung des russischen Volkes während der Sowjetzeit nicht im Zeichen der Revolution, sondern in dem der Heimatverteidigung - im "Großen Vaterländischen Krieg". Dass das Sowjetimperium dann 1989 ohne Gegenwehr in den Staub sank, lag auch daran, dass dort Anspruch und Wirklichkeit in einem Ausmaß auseinanderklafften, das keine apokalyptischen Hoffnungen, sondern nur noch Resignation und Ratlosigkeit weckte.

Ihre Rolle in einem apokalyptischen Endkampf bekam die Sowjetunion dennoch zugeschrieben und das von einem Gegner, dessen Selbstbezeichnung als "Drittes Reich" die Überlegungen Joachim von Fiores in eine Karikatur verwandelt hatte. Dass ausgerechnet die Nazis sich mit fremden und christlichen Federn schmückten, entsprach freilich dem Stil ihrer Zeit. Wie im Zeitalter der Glaubensspaltung und der chiliastischen Schwärmer folgte auf die Revolution in Russland und die Katastrophe des Ersten Weltkriegs eine Phase der Desorientierung und Heilssuche.

Die Kaiserkronen waren gefallen. Der Weltkrieg markierte den moralischen Bankrott des bürgerlichen Zeitalters, und der Kommunismus drohte die Konkursmasse zu schlucken. Im besiegten Deutschland standen nationalistische Freikorps gegen rote Garden, und Männer wie der anarchistische Schriftsteller Theodor (Otto Richard) Plievier* zogen im Prophetengewande durchs Land, um die nahende Weltwende zu verkünden. Anknüpfend an sein bewegtes Leben als Tramp (umherziehender Gelegenheitsarbeiter, Landstreicher. Kommt von "trampen", per Anhalter fahren) und Matrose predigte Plievier einen anarchistischen Vitalismus, in dem sich Eros (Form der Liebe, die nach antiker Anschauung sinnlich, seelisch und geistig zugleich ist) und Apokalyptik verbanden: "Der Zusammenprall des Kapitalismus mit dem Sozialismus hat das Aggressive, Fieberhafte, Besinnungslose, Selbstmörderische des Zeugungsaktes. Kapitalismus und Sozialismus, diese mächtigsten Strömungen, diese ausgewachsensten Kinder der materialistischen Weltepoche, zeugen in gewaltiger Umarmung, in der Entladung hochgespannter Gegensätze das neue Zeitalter."
* (1882 - 1955) Werke: z.B. Romantrilogie über die Kämpfe an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs, bestehend aus den Werken Stalingrad, Moskau und Berlin

Plieviers krude Mischung aus apokalyptischen Endzeitvorstellungen und anarchistischer Staats- und Kirchenkritik mündete in eine Apotheose des freien Individuums, das seine Selbsterlösung sucht. In seiner Flugschrift "Aufbruch" vom Mai 1922 warf Plievier, wie vier Jahrhunderte zuvor Bernhard Rothmann, den Kirchen zunächst eine Verfälschung der fundamentalen Wahrheiten vor, um diese Wahrheiten dann tief im Inneren des Menschen wiederzuentdecken: "Die Wahrheiten aller Zeiten, die nicht erfasst, gelitten und gelebt wurden: Die verhüllten sich, versteinten, wurden Kirchen. Und dort, wo Ereignisse stehen blieben, wo sie statisch wurden, wurde der Staat. Staat und Kirche sind keine lebend gewachsenen Bäume, sind Umweg und Abweg, sind Hemmung. Aber die Stunde ist da, Hüllen und Schalen, Staaten und Kirchen zu sprengen, verschlossene Tore aufzustoßen, aufzubrechen in das Leben. Aufnehmen das Kreuz - und sei es als Hammer! Wenn aber Kultur und Zivilisation in Trümmer gehen, muss in dir die Liebe lebendig sein, wenn die Kirchen in Flammen aufgehen, muss in dir lodern, was sie beschlossen hielten."

Was Plievier hier in expressionistischer Metaphorik ausmalte, hatte der 1895 geborene (Schriftsteller) Ernst Jünger (1895 - 1998) in den Materialschlachten des Weltkriegs hautnah erlebt: eine Zivilisation, die in Trümmer gelegt wurde, Kirchen, die in Flammen aufgingen. Dass der Krieg verloren ging, musste dieser Frontkämpfer akzeptieren. Dass er vergeblich gewesen sein sollte, hat er nie akzeptiert. In "Die totale Mobilmachung" beschrieb Jünger 1930, wie der moderne Krieg sich alle Aspekte menschlichen Lebens unterwarf: "So macht es die ungeheure Vermehrung der Kosten unmöglich, die Führung des Krieges aus einem festen Kriegsschatze zu bestreiten, es ist vielmehr die Anspannung aller Kredite, die Erfassung auch des letzten Sparpfennigs notwendig, um die Maschinerie des Krieges im Gange zu erhalten. So fließt auch das Bild des Krieges als einer bewaffneten Handlung immer mehr in das weitergespannte Bild eines gigantischen Arbeitsprozesses ein. Neben den Heeren, die sich auf den Schlachtfeldern begegnen, entstehen die neuartigen Heere des Verkehrs, der Ernährung, der Rüstungsindustrie, - das Heer der Arbeit überhaupt. In dieser absoluten Erfassung der potenziellen Energie, die die kriegsführenden Industriestaaten in vulkanische Schmiedewerkstätten verwandelt, deutet sich der Anbruch des Zeitalters des vierten Standes vielleicht am sinnfälligsten an, - sie macht den Weltkrieg zu einer historischen Erscheinung, die an Bedeutung der französischen Revolution zumindestens ebenbürtig ist."

Joseph Goebbels hält eine Ansprache im Berliner Lustgarten

im August 1943 (Bild DPA)
Jünger nahm vorweg, was (der preußische General) Erich Ludendorf 1935 in einem Buch und in dessen Nachfolge auch Joseph Goebbels den "totalen Krieg" nannten. Seine im Ansatz durchaus rationale Analyse mündete in eine Mythologisierung des Krieges, die ihn als großen Transformator aller Material- und Energieströme vergötzte. Die heranbrechende Welt des vierten Standes, des Arbeiters, aber war noch nicht die erhoffte:

"Die Abstraktheit, also auch die Grausamkeit aller menschlichen Verhältnisse nimmt ununterbrochen zu. Der Patriotismus wird durch einen modernen, stark mit Bewusstseinselementen durchsetzten Nationalismus abgelöst. Im Faschismus, im Bolschewismus, im Amerikanismus, im Zionismus, in den Bewegungen der farbigen Völker setzt der Fortschritt zu Vorstößen an, die man bisher für undenkbar gehalten hatte, er überschlägt sich gleichsam, um nach einem Zirkel der künstlichen Dialektik seine Bewegung auf einer sehr einfachen Ebene fortzusetzen. Er beginnt, sich die Völker zu unterstellen in Formen, die von denen eines absoluten Regimes bereits wenig unterschieden sind. An vielen Stellen ist die humanitäre Maske fast abgetragen, dafür tritt ein halb grotesker, halb barbarischer Fetischismus der Maschine, ein naiver Kultus der Technik hervor. Gleichzeitig nimmt die Schätzung der Massen zu, das Maß der Zustimmung, das Maß an Öffentlichkeit wird zum entscheidenden Faktor der Idee. Kapitalismus und Sozialismus sind, in diesem Sinne gesehen, Gegensätze von untergeordneter Art, sie sind zwei Sekten der großen Kirche des Fortschritts*, die sich hier vertragen und dort in erbittertem Kampfe stehen."
* Goebbels: Wir ziehen in den Krieg wie zu einem Gottesdienst..."


Hier attackierte ein Konservativer, der seine Gegenwart überwinden wollte, die Enthumanisierung und Banalisierung der Welt, die Verzifferung und Vermassung, die Technik- und Kapitalismusgläubigkeit, das Quotendenken und damit auch die Gesellschaft und die Verfassung der Weimarer Republik. Von einer religiösen Offenbarung war hier keine Rede, ja der Begriff "Kirche" wurde an Instanzen abgetreten, die ganz von dieser Welt waren. Und dennoch offenbarte sich gerade hier auch ein apokalyptisches Denkmuster, das die Gegenwart samt ihren -ismen verwarf und sie als substanzlos darstellte. Wie der Anarchist Plievier suchte auch der Nationalist Ernst Jünger nach einem neuen Halt und stellte den falschen Offenbarungen ein Konzept der Verinnerlichung entgegen - freilich mit einem völkischen Beigeschmack: "Tief unter den Gebieten, in denen die Dialektik der Kriegsziele von Bedeutung ist, begegnete der deutsche Mensch einer stärkeren Macht: Er begegnete sich selbst. So war dieser Krieg ihm zugleich und vor allem das Mittel, sich selbst zu verwirklichen. Und daher muss die neue Rüstung, in der wir bereits seit Langem begriffen sind, eine Mobilmachung des Deutschen sein - und nichts außerdem."

Im Rückblick auf die Nazi-Herrschaft sollte Jünger dann feststellen, dass ausgerechnet "die Münchner Schule, das heißt die flachste" gesiegt habe. So geriet er nie in Verlegenheit, die von ihm postulierte "Mobilmachung des Deutschen" praktisch umsetzen zu müssen. Vielmehr distanzierte er sich vom NS-System und veröffentlichte 1939 mit "Auf den Marmorklippen" einen endzeitlich geprägten Roman, den man als kritische Allegorie auf Hitlers Reich und seine Konzentrationslager verstehen konnte. Deren apokalyptische Szenerie aber wurde von der Wirklichkeit in einem Ausmaß überboten, das Jünger sich nicht vorzustellen vermocht hatte.

Trotz Germanenkult und Ahnenerbe hatten sich auch die Nationalsozialisten biblischer und christlicher Vorgaben bedient. Den Begriff "Drittes Reich" hatte der Publizist und Verleger Dietrich Eckart schon 1919 für die NS-Bewegung reklamiert. 1923 lieferte Arthur Moeller van den Bruck* den Nationalsozialisten dann mit seinem Buch "Das dritte Reich" eine ideologische Untermauerung dieser Selbstbezeichnung.

* war ein deutscher Kulturhistoriker, Staatstheoretiker und völkisch-nationalistischer Publizist. Er gehörte zu den herausragenden Vertretern der sogenannten „Konservativen Revolution“ in den 1920er Jahren. Sein 1923 erschienenes Hauptwerk trägt den Titel Das dritte Reich – ein Begriff, der bereits 1919 durch Dietrich Eckart seinen Weg in die Phraseologie der NSDAP finden sollte. Hatte Joachim von Fiore ein Zeitalter des Heiligen Geistes postuliert, so wurde dieser Geist durch nationalsozialistische Politik ersetzt, die sich als Vollenderin einer historischen Entwicklung ausgab, deren erste und zweite Phase das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen und das Deutsche Kaiserreich gebildet hatten. Apokalyptische Züge nahm diese Politik umso mehr an, je stärker sie einen Krieg provozierte, der über Gelingen oder Scheitern der verheißenen Transformation entscheiden würde. Und so maßlos die Forderungen, Versprechen und Drohungen, die Bau- und Rüstungsprojekte der Nationalsozialisten waren, so maßlos war bald auch die Staatsverschuldung, mit der sie ihr Drittes Reich vorfinanzierten. Am Ende war die Ultima Ratio auch aus ökonomischen Gründen ein Krieg, aus dessen Beute man diese gigantische Zeche begleichen wollte.


Doch als Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast seine Claqueure auf den "totalen Krieg" einschwor, folgte der Hybris des Dritten Reichs schon ihre Nemesis ([griechisch »Unwille«] Rächerin des Frevels). Mit dem Untergang der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad hatte Deutschlands militärische Machtentfaltung ihren Zenit überschritten. Die Zeit der Blitzsiege und schnellen Vormärsche war vorbei, und vom Himmel fiel das Feuer der alliierten Bomber. Als Goebbels vor die Mikrofone trat, hatte sich nationalsozialistische Angriffsrhetorik in eine Rhetorik der Verteidigung und des "Heldenopfers" von Stalingrad gewandelt. Und nun folgte eine erstaunliche Verklärung des Angreifers zum Verteidiger: "Hier ist eine Bedrohung des Reiches und des europäischen Kontinents gegeben, die alle bisherigen Gefahren des Abendlandes weit in den Schatten stellt. Würden wir in diesem Kampf versagen, so verspielten wir damit überhaupt unsere geschichtliche Mission. Alles, was wir bisher aufgebaut und geleistet haben, verblasst angesichts der gigantischen Aufgabe, die hier der deutschen Wehrmacht unmittelbar und dem deutschen Volke mittelbar gestellt ist. Wäre die deutsche Wehrmacht nicht in der Lage, die Gefahr aus dem Osten zu brechen, so wäre damit das Reich und in kurzer Folge ganz Europa dem Bolschewismus verfallen."

Goebbels beschwor die Kraft allein der Deutschen, "eine grundlegende Rettung Europas aus dieser Bedrohung durchzuführen", wobei schon die Wortkombination "Rettung durchführen" tief blicken ließ, um dann zum berühmten Angelpunkt seiner Rede zu kommen: "Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?"
Doch nicht um die Rettung Europas ging es und nicht um die Deutschlands, sondern um Erteilung einer Generalvollmacht, das Dritte Reich mit fliegenden Fahnen in einen Untergang zu führen, der ohne Kapitulation unvermeidbar war. Hier erreichte dessen Hybris ihren Gipfelpunkt, und das "Ja, Ja, Ja" des fanatisierten Publikums erteilte seiner Führung die Lizenz, auch dessen Nemesis bis zur Neige auszukosten. Die erhoffte Mobilisierung aber blieb aus, und in den zerbombten Städten wuchs der Eindruck, schon alles hinter sich zu haben. In seinem Bericht über den Untergang seiner Heimatstadt Hamburg im Feuersturm beschrieb (der deutsche Schriftsteller 1901 - 1977) Hans-Erich Nossack 1943 die Zeit als eine Mutter, deren Kinder sich nach dem Bombenhagel der von den Alliierten "Operation Gomorrha" benannten Angriffe von ihr entfernt hatten: "Die Mutter hat noch viel zu tun, sie wäscht, sie kocht und sie muss zwischendurch in den Keller, um Kohlen zu holen. Als sie wieder heraufkommt, sind die Kinder fort. Sie geht ans Fenster und hört, wie die Kinder singen:

'Maikäfer, flieg,
Mein Vater ist im Krieg,
Meine Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.'

Wir sind wieder auf die Straße gelaufen und spielen mit dem Tode. Da setzt sich die Zeit traurig in einen Winkel und kommt sich nutzlos vor."

Dem totalen Krieg folgte die totale Niederlage. Und totale Ernüchterung ging ihr voraus. Nossacks nutzlos gewordene Zeit kennt keine apokalyptischen Heilsversprechen mehr, mit denen sie ihre Kinder vom Spiel mit dem Tode fortlocken könnte. Doch als Nossack diese traurige Zeit beschwor, ahnte er nicht, dass der Feuersturm von Hamburg nur ein Vorschein noch weit größerer Zerstörungen sein würde. Als das Dritte Reich sich anschickte, seine apokalyptische Namensgebung im "totalen Krieg" schreckliche Wirklichkeit werden zu lassen, war das Konzept des totalen Krieges schon dabei, ad absurdum geführt zu werden. Mit der Entwicklung und Verbreitung der Atombombe endete auch die Zeit, in der ein Weltkrieg militärisch zu gewinnen war. Ihn zu führen, kam fortan einer totalen Vernichtung auch aller Hoffnungen auf eine bessere Welt nach dem Krieg gleich.

Die Mittel der Apokalypse stehen uns heute zu Gebote, nur ihre Heilsversprechen nicht mehr. Die Hoffnung, mit dem Ende des Sowjetimperiums wäre das Happy End der Geschichte angebrochen, ist von Macht- und Geldgier ebenso demontiert worden wie von islamistischen Terroristen, die mit der Vernichtung des World Trade Centers die Allegorie unseres neuen Millenniums inszenierten. Macht haben wir vor allem über die Zerstörung. Und zudem ist eine Vorstellung ins Wanken geraten, mit der sich apokalyptisches Denken immer wieder im Zaum halten ließ: Die Hoffnung, eine zumindest etwas bessere Welt sei durch ständiges Wachstum erreichbar. An unserem Wahrnehmungshorizont nämlich sind die Grenzen des Wachstums sichtbar geworden. Und wieder scheiden sich Gläubige und Ungläubige. Wieder wird das Ende der Welt, wie wir sie kannten, prophezeit. Wieder ist nicht auszumachen, wie eine andere Welt denn aussehen könnte.


Eiszeiten und Naturkatastrophen
aus der DLF-Serie "Weltuntergänge", Teil 3

Von Ulrich Baron

Die Globalisierung, der Klimawandel und die Finanzkrisen scheinen die apokalyptischen Reiter als Avantgarde des Weltuntergangs abgelöst zu haben. Der Autor Ulrich Baron hat dies zum Anlass genommen, die religiösen, politischen und ökologischen Weltuntergangsszenarien auf ihre Ängste und Heilserwartungen hin zu untersuchen.

Eine mit Schnee bedeckte Weltkugel (Bild: AP)
Seit der Sintflut sind die Menschen nicht müde geworden, sich den nächsten Untergang der Welt auszumalen. Die Wissenschaft hat uns dazu die Abläufe der Erdgeschichte enthüllt, gewaltige Kometeneinschläge und Magma-Eruptionen, das Aussterben der Dinosaurier, die Eiszeiten, in denen die Vegetation der Nordhalbkugel von Gletschern geschleift wurde. Noch im Jahre 2004 griff Roland Emmerichs Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow" dieses zusätzliche Stück im Kanon der apokalyptischen Plagen auf und zeigte, wie Nordamerika schockgefroren wurde. Doch nach Anbruch des Atomzeitalters waren auch Naturkatastrophen nicht mehr das, was sie einmal waren. Ein Ende unserer Welt erschien nun nicht nur denk-, sondern machbar. Das Spektrum reichte vom Höllenfeuer bis zum Nuclear Winter. Im Jahre 1949 beschrieb Arno Schmidt in "Schwarze Spiegel" den Untergang einer Menschheit, die er nach Jahren als Soldat gründlich satthatte.

Zehn Jahre später veröffentlichte der zum Katholizismus konvertierte ehemalige US-Luftwaffenpilot Walter M. Miller jr. sein christlich grundiertes Epos "Lobgesang auf Leibowitz", in dem auf einen Atomkrieg ein neues Mittelalter und eine neue Renaissance folgen. Doch ein weiteres Jahrzehnt später schrieb Michael Crichton seinen Technologie-Thriller "The Andromeda Strain", in dem nicht die Atombombe, sondern ein Virus die Menschheit bedroht. Die Seuche zieht sich hier nicht mehr als Schwarzer Tod durch die Städte, sondern wird in einem medizinischen Hochsicherheitstrakt isoliert und zur Strecke gebracht.

Der Mensch schien in der Lage, die Gewalten der Natur sowohl zu entfesseln als auch zu bändigen, doch im Jahre 1972 wurde plötzlich klar, dass das Ende der Welt auch auf konventionelle Weise kommen könnte. In diesem Jahr veröffentlichte der Club of Rome seine bahnbrechende Studie über "Die Grenzen des Wachstums", und im Jahr darauf wurden die Industriestaaten durch die erste Ölkrise mit solchen Grenzen konfrontiert.

Zu den Ängsten vor einem Atomkrieg kamen neue und eigentlich alte hinzu. Ängste vor dem Kollaps einer Welt, der die Roh- und Treibstoffe auszugehen drohten, dämpften die menschlichen Allmachtsfantasien. Hatten moderne Vernichtungstechniken die alten Ängste vor Naturkatastrophen, Eis- und Hungerzeiten verdrängt, so kehrten solche Szenarien nun wieder. Schon 1973 zeigte der Film "Soilent Green - die überleben wollen" eine hoffnungslos übervölkerte Erde, deren hungernde Bewohner mit Ersatznahrung am Leben gehalten werden, ohne zu wissen, dass diese nicht aus Plankton, sondern aus Menschenfleisch hergestellt wird. In die Konjunktur von filmischen Endzeitszenarien aber mischten sich auch Ansätze eines Wandels, der dem Naturschutz und dem ökologischen Denken wachsendes politisches Gewicht verlieh.

Während die einen gegen Kernkraftwerke und Giftmüllverklappungen demonstrierten, schrieben die anderen ihre ersten Computerprogramme, die den Weg in eine neue, virtuelle Welt eröffneten. Doch in die Blütenträume mischten sich Untergangsvisionen. Kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase (Kunstbegriff aus englisch: „dot“ für Punkt und "Top-Level-Domain „.com“) an den Börsen entwarf 1999 der Film "Matrix" das Bild einer Zukunft, in der die Menschen von intelligenten Maschinen wie Haustiere gehalten werden, während ihnen eine Computersimulation das Leben in der vertrauten Welt vorgaukelt. Schon 1964 hatte der polnische Autor und Philosoph Stanislaw Lem das Konzept einer "Nekrosphäre" (nekrotisch = absterben) entworfen, eines technischen Fortschritts, der sich verselbstständigt und seine biologischen Eltern abgeschafft hat.

Hier herrscht eine Kälte des Todes, gegen die jede Eiszeit noch anheimelnd wirkt, eine technische Effizienz ohne Moral und Gefühl. Doch noch in der Vorstellung, solch eine eiskalte Welt hervorbringen zu können, liegt ein gewisser Größenwahn, und je größer die Untergangsszenarien werden, die sich die Menschheit ausmalt, desto mehr geht darin unter, dass es gar nicht der Weltuntergang ist, vor dem man sich wirklich fürchtet. Es sind die kleinen, die individuellen Probleme - Sorge um den Arbeitsplatz, um Familie, Gesundheit und unmittelbare Umwelt -, die einen tagtäglich verfolgen.

Im Jahre 2006 hat dies der amerikanische Schriftsteller Cormac McCarthy in seinem Roman "Die Straße" auf grandiose Weise gezeigt. Vordergründig entwirft er darin das Bild einer Welt, die zu Asche verglüht ist. Ein Vater durchwandert mit seinem kleinen Sohn die apokalyptische Landschaft der USA, in der Städte und Wälder verbrannt und die Reste von Toten in den Asphalt der Straßen eingeschmolzen sind. Kalt ist es hier, und immer wieder drohen die beiden Wanderer marodierenden Horden in die Hände zu fallen. Der Vater aber hat seinen Sohn ein Mantra („Instrument des Denkens, Rede“) gelehrt, das da lautet: "Wir sind die Guten. Wir tragen das Feuer." Und dann als Erklärung für die kreatürliche Angst, die beide verfolgt: "Wir essen keine Menschen."

Man kann dieses kannibalische, wüste Land als eine negative Offenbarung verstehen, als Allegorie (Sinnbild) einer Welt, in der das Böse gesiegt hat. Doch McCarthy hat seinen Helden ein Requisit mit auf den Weg gegeben, das für den Glanz und das Elend der USA und der westlichen Konsumgesellschaft gleichermaßen steht. Auf ihrem Weg durch die Aschenwelt schieben die beiden ihre Habe in einem Einkaufswagen mit sich, wie man sie in Supermärkten findet. Wer aber mit offenen Augen durch unsere Städte geht, weiß, dass es keines Weltuntergangs bedarf, um aus solchen Wagen Vehikel zu machen, in denen Obdachlose ihren schäbigen Besitz transportieren. Man kann die Vorbilder von McCarthys Helden fast an jeder Straßenecke der Innenstädte sehen, zerlumpte, bisweilen hilflos um Sauberkeit bemühte Gestalten, und das Gespenstische, das Skandalöse daran ist, dass die Welt, aus der sie gefallen sind, noch gar nicht untergegangen ist, sondern "Business as usual" betreibt.

McCarthy zeigt die USA, die sich als "God's own country", als Gelobtes Land bezeichnen, aus einer Perspektive, die deren infernalische (höllisch, teuflisch, abscheulich), barbarische und kannibalische Züge durch Überzeichnung enthüllt. Der Mensch ist hier des Menschen Wolf, und mitten im reichsten Land der Welt finden die Naturgewalten Hunger und Kälte wieder ihre Opfer. Doch lässt man die Erfolgsgeschichte des Westens Revue passieren, so verwundert das nicht. Schon Georg Christoph Lichtenberg kehrte im 18. Jahrhundert die gewohnte Entdeckerperspektive um und konstatierte: "Der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung". Das Unglück der Amerikaner wollte es, dass die Neuankömmlinge durch eine harte Schule gegangen waren. Lange bevor sich das Abendland zur Weltmacht aufschwang, waren die Christen eine kleine Minderheit im übermächtigen Römischen Reich gewesen. Ihr Erlöser war ans Kreuz geschlagen, viele Gläubige waren zu Märtyrern geworden.

Die Völkerwanderung, das Vordringen muslimischer Heere und asiatischer Reiterarmeen zählten zu den Traumata der Europäer ebenso wie die Entvölkerung ganzer Landstriche durch die Pest und das Versinken reicher Küstenregionen in den Sturmfluten des späten Mittelalters. Doch im 15. Jahrhundert begann das Blatt, sich zu wenden. Nach dem Ende der Maurenherrschaft in Spanien wurden die Helden der Reconquista (Rückeroberung) zu den Konquistadoren (Eroberern) Lateinamerikas. Die Reiche der Maya und Azteken wurden zerschlagen, und wo sich keine arbeitswilligen und arbeitsfähigen Eingeborenen mehr fanden, wurden sie durch afrikanische Sklaven ersetzt.

In Kolumbus entdeckte Lichtenbergs Amerikaner einen Vorboten des Untergangs seiner Welt. Zwischen vom Menschen verursachten und Naturkatastrophen ließ sich dabei kaum mehr unterscheiden. Die Eroberer kamen nicht nur mit eisernen Schwertern, Musketen, Kanonen und Bluthunden. Mit ihnen hielten in Amerika auch die Seuchen Europas Einzug, gegen die das Immunsystem der Eingeborenen nicht gewappnet war. Tödliche Epidemien entvölkerten die Karibik und drangen über die Küstenregionen ins Binnenland vor. Noch als die Pilgerväter Anfang des 17. Jahrhunderts nach Neuengland kamen, bot sich dort "ein sehr trauriger Anblick" - entvölkerte Orte, in denen noch die unbestatteten Schädel und Gebeine zahlloser Seuchenopfer umherlagen.

Angesichts des Geruchs von Blut und Verwesung, der das Vordringen der europäischen Eroberer begleitet hat, erscheint es fast unglaublich, dass ihre Vorboten immer wieder meinten, sie hätten den Weg ins Paradies gefunden.

"Ein Morgen war's, schöner hat ihn schwerlich je ein Dichter beschrieben, an welchem wir die Insel O-Tahiti zwei Meilen vor uns sahen. Der Ostwind, unser bisheriger Begleiter, hatte sich gelegt; ein vom Land wehendes Lüftchen führte uns die erfrischendsten und herrlichsten Wohlgerüche entgegen und kräuselte die Fläche der See. Waldgekrönte Berge erhoben ihre stolzen Gipfel in mancherlei majestätischen Gestalten und glühten bereits im ersten Morgenstrahl der Sonne."

Mit solchen Szenen aus dem Bericht über seine Reise auf Captain Cooks Schiff "Resolution" hat Georg Forster nicht nur Generationen von Forschern inspiriert, sondern auch Träume von fernen Inselparadiesen. Über drei Jahre hinweg, von England bis in die Antarktis, vom Eismeer über Neuseeland bis nach Tahiti und zur Osterinsel hatten der junge Georg und sein Vater den Entdecker als Wissenschaftler und Chronisten begleitet, hatten die Welt noch einmal so gesehen, wie sie nach ihnen bald nicht mehr sein würde.

In der neuseeländischen Dusky-Bay hätten die Eingeborenen bei ihrem Eintreffen zunächst ein "fürchterliches Geschrei" erhoben, aber dann habe eine Frau mit einem "weißen Vogelfell" gewinkt, was Forster als "Zeichen des Friedens und der Freundschaft" erschien. Das Winken erschien ihm fast wie ein Gruß aus paradiesischen Zeiten und ließ ihn über den Symbolcharakter der weißen Farbe sinnieren:

"Es war mir bei dieser Gelegenheit besonders auffallend, dass auch diese Nation, gleich wie fast alle Völker der Erden, als hätten sie es abgeredet, die weiße Farbe oder grüne Zweige für Zeichen des Friedens ansieht, und dass sie, mit einem oder dem andern versehen, dem Fremden getrost entgegen gehen. Eine so durchgängige Übereinstimmung muss gleichsam noch vor der allgemeinen Zerstreuung des menschlichen Geschlechts getroffen worden sein, wenigstens sieht es einer Verabredung sehr ähnlich, denn an und für sich haben weder die weiße Farbe, noch grüne Zweige eine selbstständige unmittelbare Beziehung auf den Begriff vom Freundschaft."

Hier scheint noch einmal die Vorstellung vom Garten Eden auf, von einer freundlichen Natur, die keine Katastrophen, von einer sündlosen Menschheit, die keine Gewalt kennt. Forsters Beschwörung eines paradiesischen Urzustandes aber wird durch seine weiteren Reiseerlebnisse konterkariert. Als auf Neuseeland ein Lagerplatz freigeschlagen wird, zeigt sich der Chronist beeindruckt:

"In wenigen Tagen hatte eine geringe Anzahl von unseren Leuten das Holz von mehr als einem Morgen Landes weggeschafft, welches fünfzig Neuseeländer, mit ihren steinernen Werkzeugen, in drei Monaten nicht würden zustande gebracht haben."

Stellvertretend für den Prozess der Zivilisation steht hier die Kultivierung eines Fleckchens neuseeländischer Erde, bei der aller Wildwuchs radikal beseitigt wird. Georg Forster beschreibt ein Stückchen Urwald, der uns heute als schützenswertes Biotop erscheinen würde. Doch für ihn hatte dieses anscheinend sich selbst überlassene Werden und Vergehen keinen Wert. War er doch in einer Zivilisation aufgewachsen, die zwar schon das Prinzip der Nachhaltigkeit entdeckt hatte - aber als Grundlage einer Bewirtschaftung der Natur, die aus wilden Wäldern geordnete Forste machte. Die Welt wollte nicht nur entdeckt, sie sollte auch in Ordnung gebracht werden, in europäische Ordnung. So begann in Neuseeland das große Roden:

Der junge Forster hatte auf seinem Segelschiff die Übermacht der Natur so heftig zu spüren bekommen, dass sein Wunsch nach etwas Ordnung verständlich ist. Selbst für den feinsinnigen und hellsichtigen Naturkundler erschien die Natur als großes Ressourcenreservoir, auch wenn er schon ahnte, dass es nicht unerschöpflich sein werde. Angesichts des Reichtums der Südhalbkugel an Walen und Robben empfahl er:

"Sollten die Walfische des nördlichen Eismeeres vermittels unserer jährlichen Fischereien jemals ganz ausgerottet werden, so würde es Zeit sein, dergleichen in der andern Halbkugel, wo sie bekanntermaßen häufig sind, aufzusuchen."

Aus den Menschen des Abendlandes, die über anderthalb Jahrtausende hinweg eine apokalyptische Weltwende teils gefürchtet, teils herbeigesehnt hatten, waren nun deren Vollstrecker geworden. Sie nahmen es auf sich, andere Völker ins Gelobte Land der Zivilisation zu führen, sofern sie ihnen nicht vorher unter den Händen wegstarben.

Welches Ausmaß und welche Geschwindigkeit dieser Prozess bald annehmen würde, konnte Forster nicht voraussehen. Von Dampfmaschinen und Dampfschiffen, von Lokomotiven und Elektrizität wusste er so wenig wie von Bombenkrieg und Giftmülldeponien. Im Eismeer hatte ihn freilich schon eine Vorahnung überfallen. Jene "düstere Traurigkeit, welche unter dem antarktischen Himmel herrscht, wo wir oft ganze Wochen lang in undurchdringliche Nebel verhüllt zubringen mussten", mag seine melancholische Vision beflügelt haben. In scheinbar ewiger Dämmerung, von gespenstischen Vögeln umflogen zählten Cooks Männer 168 Eisinseln, von denen selbst die kleinsten größer waren als ihr Schiff. Und Forster notierte:

"Dies stellte einen großen und fürchterlichen Anblick dar. Es schien, als ob wir die Trümmer einer zerstörten Welt, oder, nach den Beschreibungen der Dichter gewisse Gegenden der Hölle vor uns sähen, eine Ähnlichkeit, die um so mehr auffiel, weil von allen Seiten ein unablässiges Fluchen und Schwören um uns her tönte."

Forsters Vision von den Trümmern einer zerstörten Welt, die im Eismeer treiben, nimmt Visionen vom Weltende vorweg, wie sie ein H. G. Wells in seinem Roman "Die Zeitmaschine" und wie sie die Physik im Bild vom Kältetod des Universums entworfen hat. Und sie erinnert heute auch an das Schicksal jener Wikingerkolonie auf Grönland, die während des mittelalterlichen Klimaoptimums gegründet wurde, um dann im Laufe einer neuerlichen Abkühlung elend unterzugehen. Aber Forster steht hier auch in der Tradition maritimer Untergangsszenarien, die sich um Schiffbrüche rankten. Auf den Weiten des Ozeans war jedes Schiff eine kleine Welt, und jedes Schiffsunglück war ein kleiner, sinnbildlicher Weltuntergang.

Gegen die Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts sprach dann ein Bild, das Théodore Géricault 1819 für die Ausstellung im Pariser Salon einreichte: "Das Floß der Medusa*" griff den Untergang einer französischen Fregatte auf und zeigt deren dem Wahn, dem Hungertod und dem Kannibalismus verfallene Besatzung. Géricault malte die mit dem grausamen Meer ringenden Männer als athletische Kämpfer, die sehr wenig mit jenen gespenstischen Gestalten zu tun haben, in die sich die Überlebenden wirklicher Schiffbrüche verwandelt hatten. Umso stärker aber wirkte die Dramatik des Geschehens, die dem Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts ein Bild des Scheiterns und der Not entgegensetzte.

* war sehr schön gewesen. Als Pallas Athene sie jedoch bei einer Buhlschaft mit Poseidon in einem ihrer Tempel überraschte wurde sie von der erzürnten Athene in jene Gestalt verwandelt unter der sie allgemein bekannt ist: Ein geflügeltes Ungeheuer das statt Haaren Schlangen auf dem Kopf trug mit glühenden Augen riesigen Zähnen und einer hervorhängenden Zunge. Das Gesicht der Medusa war so hässlich dass man sofort zu Stein erstarrte wenn man sie ansah.

 

Es ist wohl kein Zufall, dass der große Aufbruch der Europäer zur Erschließung auch noch der fernsten und lebensfeindlichsten Regionen der Erde von solchen Visionen des Untergangs begleitet wurde. Mit dem Aufwand stiegen die Risiken, und mit der Zahl der Passagiere wuchs auch die Zahl der möglichen Opfer. Als Géricault sein Floß malte, hatte Thomas Robert Malthus schon sein "Bevölkerungsgesetz" formuliert, nach dem die Zahl der Menschen bald unweigerlich schneller steigen würde als der Zuwachs an Nahrung. Zwar hatte Malthus die Potenziale industrieller Landwirtschaft weit unterschätzt, doch die Explosion der Weltbevölkerung hat inzwischen stattgefunden. Géricaults Floß wurde zum Gegenbild von Noahs Arche. Aus der rettenden Arche ist ein Ort der Verzweiflung geworden. Das Floß ist zugleich voll und leer, denn es fehlt seiner Besatzung fast an allem, was zum Leben notwendig ist. Die Zeit ist nah, wo sie beginnen werden, einander zu verzehren.

Das 19. Jahrhundert erlebte viele solcher Hungertragödien. Im 20. Jahrhundert haben dann Stalin und Mao (aber auch Hitler) Millionen von Menschen ermorden lassen, indem sie den Hunger gegen die eigene Bevölkerung einsetzten. Eine Kartoffelkrankheit hat 1845/46 eine Million Iren das Leben gekostet, und noch viel verheerender wirkte sich in den Jahren 1876 bis 1879 das Ausbleiben der Monsunregen in Asien aus. Schätzungen gehen davon aus, dass wegen der Ernteausfälle allein in China und Indien unter den Augen europäischer Kolonialherren über 20 Millionen Menschen verhungert sind. In seinem Buch "Late Victorian Holocausts" beschreibt der amerikanische Journalist Mike Davis, wie mittels solcher Naturkatastrophen die "Dritte Welt" geschaffen worden sei, denn als die Menschen in Indien verhungerten, stand dort der Handel mit Getreide unter britischer Kontrolle. Doch im Vaterland des liberalen Denkens wurde entschieden, dass man die Beseitigung des Hungers lieber dem Markt überlassen sollte, was auf den Tod der Hungernden bei weiterem Nahrungsexport nach Europa hinauslief.

Im Westen gewöhnte man sich im 19. Jahrhundert daran, dass in der "Dritten Welt" gehungert und verhungert wurde, und dass sie nichts mit jener besseren Welt gemein hatte, auf die sich einst apokalyptische Hoffnungen gerichtet hatten. Aus dem Himmel auf Erden, als den sich die Apokalyptiker des Mittelalters und der frühen Neuzeit die ihnen verheißene "Dritte Welt" vorgestellt hatten, war das Synonym für ein riesiges Armenhaus geworden - ein Schauplatz für künftige Stellvertreterkriege und für die Müllexporte der Industrieländer und zugleich deren Rohstofflager.

So gerieten jene Dürrejahre in Asien wieder in Vergessenheit, aber heute muten sie wie ein Vorgeschmack auf eine globale Klimakatastrophe an. Ursache des Wassermangels war ein Phänomen, das wegen seines Auftretens zur Weihnachtszeit El Niño, das Christkind, getauft wurde. Dabei handelt es sich um Änderungen im ozeanisch-meteorologischen Strömungssystem des äquatorialen Pazifiks, die das Wetter auf großen Teilen der Erde beeinflussen. An der südamerikanischen Westküste kommt es zu sintflutartigen Regenfällen, in Südostasien und Australien bleibt der Regen aus, und vor der peruanischen Küste verschwinden die gewaltigen Planktonschwärme, die sonst für den Fischreichtum dieser Region sorgen. Dieses Christkind hinterlässt einen leeren Gabentisch, aber lange Zeit war es zu exotisch, um in Europa wahrgenommen zu werden.

Nur der anarchistische Schriftsteller und Ex-Matrose Theodor Plievier hat das Wüten El Niños schon in den 1920er Jahren beschrieben und seinen Namen zum Titel einer Erzählung gemacht. Es passte zu seinem apokalyptischen Weltbild, in dem Kapitalismus und Sozialismus sich in gemeinsamer Agonie aufheben würden. Während die Fluten El Niños eine lateinamerikanische Stadt verheeren und sich die Menschen in "Meuten hungernder Tiere" verwandeln, bricht aus dem Wüstensand anarchisch wucherndes Leben hervor:

"Wo vorher Wüste war mit sandgrauen Flächen, Geröllfeldern, Schotterhalden, wo schauerlich kahle Steinwände und nackte Felsenpiks in der Sonne badeten und nicht eine Spur von Vegetation war, wogen mannshohe Gräser, hängen saftgrüne Matten, breiten sich üppige Polster tropischer Blumen aus. Heiße, brennende Farben, wohin das Auge hinblickt! Wogen wilder leuchtender Blüten schütten sich bis an die Gestade des Ozeans aus.

Aber die jäh aus dem Boden gestiegene Schöpfung dampft noch von Blut. Mitten in diesem Pandämonium geiler, rauschender Kräfte steht die zerbrochene Stadt."


Die neue Schöpfung geht hier aus einem blutigen Geburtsakt hervor, der die Behausungen der Menschen wie eine Eierschale zermalmt. Für Plievier konnte eine weltumwälzende Offenbarung nur aus den Kräften der Natur hervorbrechen, die auch im Menschen selbst wirksam waren und ihn zur Revolte gegen Staaten und Kirchen drängten. Anders als der Aufklärer Georg Forster feierte er nicht die freigeschlagene Lichtung, sondern den Urwald, der sie zurückeroberte. Gerade in der Katastrophe zeigte sich ihm die Natur, wie sie wirklich war, offenbarte dabei jene Kräfte, von denen sich der Anarchist eine große Weltwende erhoffte.

Forster wie Plievier aber irrten sich. Die Pflanzen Neuseelands waren keineswegs so wild und sich selbst überlassen, wie der Forscher annahm. Und die Natur ist nicht so revolutionär, wie der anarchistische Schriftsteller hoffte. Pflanzen stehen in engster Wechselwirkung mit ihrer Umwelt und in beständiger Konkurrenz untereinander, doch ihr Kampf ums Dasein kennt keine anderen Ziele als ein Fortbestehen als Individuum und Art. Das Leben insgesamt hat sich stets opportunistisch verhalten, hat das Land und die Luft dadurch ebenso erobert wie Berggipfel und Tiefsee. Dabei hat es sich entwickelt und seine Umwelt ebenso, doch diese Entwicklung mündet in keinen stabilen Zustand.

In Eiszeiten verschwanden ganze Wälder und mit ihnen zahllose Pflanzenarten unter Gletschern. Seen verlanden, und gestaute Bachläufe überfluten Täler. Schwemm- und Flugsand lassen Düneninseln entstehen. Sturmfluten reißen sie erneut ins Meer. Die Natur ist kein Paradies, in das der Mensch gewaltsam eingegriffen hat. Und wenn er aus einer von ihm geschaffenen Kulturlandschaft verschwindet, gewinnt sie Terrain zurück. Aufgelassene Straßen brechen auf, Häuser verfallen, Felder werden überwachsen. Das ist keine Katastrophe. Das ist einfach so.

Nur der Mensch hat versucht, in solchen Prozessen mehr zu sehen, als es darin zu sehen gibt - einen Sinn, einen Plan, ein Ziel. Und das selbst da und gerade da, wo die Natur sich gegen ihn zu richten scheint. Je besser und schneller wir über das Geschehen in aller Welt unterrichtet werden, desto stärker nämlich wird der Eindruck, dass sich solche Katastrophen häufen. Das ist sogar wahrscheinlich, aber es wäre unsinnig anzunehmen, die geschundene Natur schlüge damit zurück. Wir messen Naturkatastrophen an der Zahl menschlicher Opfer, und je mehr Menschen an Vulkanhängen, in Wintersportgebieten und in wasserarmen Regionen leben, desto größer wird die Zahl potenzieller Opfer, die zu Katastrophenmeldungen Anlass geben könnten. Und je mehr diese Menschen miteinander kommunizieren, desto näher kommen uns solche Katastrophen.

Im Global Village passiert heute alles in unserer Nachbarschaft, und alles ist Umwelt. Der Nachbar von gegenüber kommt bei einem Tsunami in Südostasien um. In Europa sterben Jugendliche an Rauschgift, das am Hindukusch geerntet wurde. Alles ist Teil eines immer weiter zusammengewachsenen Geflechtes. So gibt es kaum ein Risiko mehr, das nicht auch uns direkt oder indirekt betrifft, keine Gefahr, die nicht auch uns bedrohlich erscheint. Der Historiker François Walter spricht deshalb von einer "Hochkonjunktur des Alarmismus", die sich selbst verstärke, weil das Warnen, Mahnen, die Risikovorsorge und die Gefahrenabwehr längst zu einem Geschäft geworden seien: "Man schwankt unablässig zwischen Risiko und Gefahr, wobei Ersteres vorhersehbar und quantifizierbar ist, und das Zweite, weniger durchsichtig, einer ökonomischen Ausbeutung das Feld bereitet. Wie der Soziologe Ulrich Beck schreibt, ist die Risikoforschung wie ein Bazillus, der von der Risikoforschung gespeist wird, die sich immer weiter in Richtung Unsicherheit ausdehnt, für deren Begrenzung sie eigentlich zuständig sein sollte."

In ständiger Vorsorge befangen, droht der Mensch sich zu verlieren. Ständig mit fernen und drohenden Katastrophen beschäftigt, schwindet sein Sinn für das alltägliche Unglück um ihn herum. Nicht nur Killerspiele stumpfen ab, sondern auch Katastrophenberichte. Hier droht Melancholie, droht jene Erkaltung, jene Trägheit des Herzens, die das Mittelalter zu den Todsünden zählte. Angesichts der neuen Unübersichtlichkeit, angesichts der zunehmenden Kälte unserer Gesellschaft scheinen sich die Menschen nach einem großen Generalthema zu sehnen, mit dem sich die Zukunft gemeinsam bewältigen ließe. Nach Rot, Schwarz und Gelb hat in der Politik plötzlich wieder Grün die größten Zuwächse.

Doch hier geht es eher um Versöhnung als um apokalyptische Eskalation. Trotz aller Katastrophenszenarien ist uns eine neue Offenbarung ferner denn je und damit auch die Hoffnung auf eine religiöse, soziale, politische oder ökologische Erlösung. Zwar hat die Klimadebatte neuerlich Weltuntergangsängste beschworen, Gläubige von Ungläubigen geschieden und einen modernen Ablasshandel mit Emissionsrechten in Gang gesetzt. Zwar kursieren wie zu Zeiten der Glaubensspaltung zahllose Traktate, die verkünden, wie man vom Klimasünder zum Klimaengel werden könne. Zwar werden Skeptiker als Irrgläubige denunziert und seriöse Mahner als korrupte Karrieristen, aber die rechte apokalyptische Stimmung mag sich nicht einstellen.

Den Ausbruch eines Vulkans auf Island wollte man unlängst keineswegs als bedrohliches Vorzeichen gedeutet wissen, sondern freute sich über ein paar Tage ohne Fluglärm. Selbst dramatische Warnungen vor dem Klimawandel ließen die allgemeine Stimmung nicht eskalieren, weil es zwar höchste Zeit zum Handeln sein sollte, aber die Zeit des Wandels noch nicht absehbar schien. Die Voraussagen steigender Temperaturen und Wasserstände bezogen sich auf Zeiträume, die die meisten Menschen nicht mehr oder nur noch zum Teil erleben würden. Ausdrücke wie "Klimawandel" und "Erderwärmung" erweckten zudem den Eindruck eines langsam voranschreitenden Prozesses und nicht den einer jähen Weltwende. Zudem leben wir noch immer in der Vorstellung, es gebe für uns noch eine "Dritte Welt", in der sich Armut und Naturkatastrophen konzentrieren und auslagern ließen.

Man will nicht wahrhaben, dass die Armut, der Hunger, die Kälte und sinkende Lebenserwartungen längst auch im Westen wieder Einzug gehalten haben. Man möchte sich den Frieden, den man mit der Welt und der Natur gemacht zu haben glaubt, nicht durch apokalyptische Mahner stören lassen. Aber die Grenzen des Wachstums werden längst nicht mehr allein von Naturschützern beschworen, sondern auch von Ökonomen und Sozialwissenschaftlern. "Und jetzt der Schock: Es gibt kein ,mehr'. Weder Geld noch Wachstum", schreibt Meinhard Miegel in einem Buch, das immerhin "Wohlstand ohne Wachstum" verheißt. Doch der Schock verpufft, denn an Katastrophenmeldungen ist man inzwischen gewöhnt.

So spart man Energie, reduziert Emissionen, macht seine Geschäfte mit Wind- und Solarenergie, plant einen klimaneutralen Urlaub auf den Malediven. Man hat ein gutes Gewissen, weil man ja tut, was man kann, und schaut weg, wenn die abgerissenen Leute mit den Einkaufswagen vorüberziehen. Nur manchmal wundert man sich über jenes leise Kältegefühl, das man in seinem Inneren verspürt. Das scheint von draußen zu kommen, von der Straße, die in unsere Zukunft führt.


Die in kleinerer Schrift (2 [10pt]) eingesetzten Zusätze in Klammern oder nach * sind im Gegensatz zu der jetzt zu sehenden Schriftgröße (3 [12]) von Walter Rath