Endzeitstimmung - Naturkatastrophen
3 Sendungen vom Deutschlandfunk aus der
Serie "Weltuntergänge", Teil 1 (am 9.1.2011)
Teil 2: Nicht auszumachen, wie die neue Welt aussieht >hier< (am 16.1.),
Teil 3: Eiszeiten und Naturkatastrophen >hier< (am 23.1.2011)
Hinweis: Es konnte nicht geklärt werden, ob diese 3 Sendungen - im Folgenden wortgetreu wiedergegeben - urheberrechtlich geschützt und ausschließlich zu reiner privaten Information zugelassen sind. Diese Web-Seite nicht kopieren, sondern obige Verbindung zum Deutschlandfunk benutzen!
>Hier< zum Artikel "Extremereignisse und Vergessen".
Auf dieser Seite:
>Hier< USA, Sinnbild) einer Welt, in der das Böse gesiegt hat;
>hier< weiße Farbe oder grüne Zweige Zeichen des Friedens?
>hier< Stalin, Mao, Hitler: Mord an Millionen von Menschen;
>hier< Naturkatastrophen häufen sich.
Weltuntergänge und apokalyptisches
Denken: Globalisierung und Klimawandel, Finanzkrisen und
Pandemien scheinen die apokalyptischen Reiter als Avantgarde des
Weltuntergangs abgelöst zu haben. Und auch in der Literatur und
im Film kommt immer öfter Endzeitstimmung auf.
Ein düsterer Himmel mit grauen Wolken (Bild: Stock.XCHNG / Fotograf: luc sesselle)
>Hier< zu einem realen Bild!
"Die
älteste und stärkste menschliche Empfindung ist die Angst und die
älteste und stärkste Angst ist die Angst vor dem Unbekannten,"
schrieb der amerikanische Schriftsteller Howard Philipps Lovecraft
im Jahre 1927. Lovecraft musste wissen, was er da schrieb, denn er
zählte zu den maßgeblichen Vertretern der fantastischen Literatur
des 20. Jahrhunderts und leitete mit dieser Feststellung seinen
Essay "Supernatural Horror in Literature" ein.
In seinen eigenen Geschichten verkündete Lovecraft eine Art
negativer Offenbarung, beschwor eine Welt voller metamorpher
(gewandelter Gestalt)
Monstrositäten und wahnsinniger Götter, in der sich Geschichte in
Unheilsgeschichte verwandelte und alle Gewissheiten der Aufklärung
in Finsternis versanken.
Angst vor dem Unbekannten und Ungewissen, Todes- und Lebensangst,
Angst vor der Zukunft hat den Menschen in seinem Kampf ums Dasein
begleitet. Und mit dem menschlichen Bewusstsein wuchs auch das
Bewusstsein seiner Bedrohtheit. Die Jäger und Sammler der Urzeit
konnte jederzeit ein Unglück treffen. Wilde Tiere, feindliche
Menschen, Feuer und Wasser, Kälte und Hitze, Hunger und Durst,
Krankheiten und Unfälle bedrohten ihr Leben akut. Und angesichts
enger Lebenshorizonte und einer geringen Weltbevölkerung kam die
Vernichtung auch nur einer einzelnen Horde durch eine
Naturkatastrophe einem kleinen Weltuntergang gleich.
Nachts rückte das Unbekannte greifbar nahe. In Träumen,
Fieberfantasien und Räuschen brach es selbst aus dem Inneren hervor
und musste gebändigt werden. Die Götter der Jagd und des Bodens
mussten gnädig gestimmt, die Toten und die Dämonen, die einem
nachgingen, mussten besänftigt, vielleicht auch getröstet werden. Am
Ende stand aber unweigerlich der Tod, die Auslöschung des
Individuums. Zum Erstaunlichsten der menschlichen Kulturgeschichte
zählt deshalb, wie es den Religionen nicht nur gelang, Lebensangst
in Gottvertrauen, sondern auch Todesangst in Heilserwartung zu
verwandeln.
Welch einen Trost bot der Glaube, man könne aus tiefster Not des
irdischen Daseins errettet, man könne auf ewig erlöst werden.
Welchen Trost auch die Vorstellung, nicht in Nichts zu vergehen,
sondern fröhlich und mit seinen geliebten Mitmenschen auferstehen zu
dürfen. Je schrecklicher, je aussichtsloser das "De Profundis"
[lateinisch »aus den Tiefen«] erschien, desto stärker wurden die Kräfte, die dieser Glaube zu
entfachen vermochte - selbst wenn das offene und tätige Bekenntnis
dazu Märtyrertum bedeutete.
Die Kehrseite solch bedingungslosen Glaubens war eine Entwertung des
Weltlichen und der weltlichen Existenz - und ist heute auch der
Selbstmordattentäter, der als Märtyrer zu sterben glaubt. Aber trotz
aller Sorgen, Leiden, Nöte hängt der normale Mensch am Leben und im
Leben und will nicht so bald daraus erlöst werden. Den Himmel stellt
man sich am liebsten als Himmel auf Erden vor, und auch der Traum
von einer anderen Welt meint doch eigentlich diese, die von einem
gnädigen Gott oder von uns selbst nur besser gemacht werden soll.
Aber der Himmel blieb uns Lebenden verschlossen. Das Reich Christi
war eben nicht von dieser Welt. Die apokalyptischen Erwartungen
einer Wiederkehr Christi und der Vollendung der Geschichte als
Heilsgeschichte wurden bei den frühen Christen, den Gläubigen des
Mittelalters und der beginnenden Neuzeit ebenso enttäuscht, wie die
säkularen Heilsverkündungen der französischen und russischen
Revolution und die des "Tausendjährigen Reichs" der
Nationalsozialisten.
Aufklärung und Industrialisierung verdrängten schließlich die
geistigen durch weltliche Gewissheiten und den Segen der Kirche
durch die Segnungen der Technik. Fortschrittsgläubigkeit verdrängte
den Gottesglauben, doch auch dabei blieben große Erwartungen
unerfüllt. Wo heute die Grenzen des Wachstums sichtbar werden, droht
jetzt der Fortschritt, droht das Wachstum von Weltbevölkerung und
Weltwirtschaft sich ins Gegenteil zu verkehren. Fortschritt wird zur
Gefahr. Aus Gewissheit wird neue Ungewissheit. Ängste vor dem
Unbekannten, das die Zukunft bringen wird, erwachen neuerlich.
Kollektive Weltuntergangsfantasien und Visionen apokalyptischer End-
und Wendezeiten kehren in neuen, nun wahrlich globalen Dimensionen
wieder. Und es geht nicht mehr allein um Prophezeiung, Deutung und
Überstehen drohender Katastrophen. Es scheint bisweilen schon so,
als wolle die Menschheit sich am liebsten selbst überleben.
Schon 1983 entwarf der Schriftsteller Ulrich Horstmann in seinem
Buch "Das Untier "die "Konturen einer Philosophie der
Menschenflucht", und wo immer heute ein Umweltschaden ruchbar wird,
ist das Etikett "menschgemacht" nicht fern. Vor allem wir Menschen
der westlichen Wohlstandssphäre sehen uns selbst oft als Untiere,
die zu viel konsumieren und emittieren, die brachiale "ökologische
Fußabdrücke" hinterlassen und überhaupt viel zu viele sind. Ja, es
scheint bisweilen so, als seien wir nur eine peinliche Episode der
Naturgeschichte.
Im Frühjahr 2000 veröffentlichte der Internetpionier Bill Joy im
(Legendäres Technologie-)Magazin "Wired" seinen Aufsatz "Why the future doesn't need us -
Warum die Zukunft uns nicht braucht". Joy postulierte, dass Nano-,
Gentechnik und Robotik uns zu einer gefährdeten Art machen könnten.
Im Jahre 2007 widmete sich dann sein amerikanischer Landsmann Alan
Weisman in dem Buch "The World Without Us" einem Komplex von Fragen,
deren Faszinationskraft durch zahlreiche begeisterte Besprechungen
belegt wurde:
"Wie würde es auf der Welt ohne uns
weitergehen? Wenn die Menschheit vom Antlitz der Erde verschwände,
was würde dann aus unserer Zivilisation? Was würde aus Straßen,
Autos, Eisenbahnen? Wie lange würden Häuser, Geschäfte, Städte dem
Verfall standhalten? Und wie würde es aussehen, wenn die Natur
zurückeroberte, was der Mensch ihr in Tausenden von Jahren
abgerungen hatte?"
Weisman griff damit ein Motiv auf, das seit dem Erscheinen von
Herbert George Wells' Roman "Die Zeitmaschine" im Jahre 1895 nicht
nur Autoren der Science-Fiction beschäftigt hat. Wells befördert
seinen Zeitreisenden schließlich in eine ferne Zukunft, in der eine
verlöschende Sonne einen sterbenden Ozean bescheint. Arno Schmidt
schickte 1949 in seiner nach dem Atomkrieg angesiedelten Erzählung
"Schwarze Spiegel" einen bibliophilen und misanthropischen Radfahrer
durch ein entvölkertes Norddeutschland, der grimmig verkündet:
"Wir wissen durch Autopsie: Das Experiment
Mensch, das Stinkige, hat aufgehört."
In Peter Roseis "Entwurf für eine Welt ohne Menschen" scheint 1975
gar kein personaler Erzähler mehr nötig, während der amerikanische
Romancier Cormac McCarthy in seinem 2006 erschienenem Roman "Die
Straße" einen Vater und seinen Sohn durch ein Amerika schickt, das
ein großer Weltenbrand in Asche gelegt und entvölkert hat.
Fast immer also bleibt noch jemand übrig. Wir kommen von der Welt
und von uns nicht los. Das gilt besonders für jene populären
Katastrophenfilme, wie sie ein Roland Emmerich mit dem Eissturm in "The
Day After Tomorrow" und später mit den zerbrechenden
Kontinentalplatten in "2012" inszeniert hat. Der Weltuntergang wird
hier zur Gruppenerfahrung und statt auf Fortschritt darf man nur
noch auf die nächste Fortsetzung hoffen.
Nie gesehene bedrohliche Wolken
über einem Windradpark in der Eifel am 1.9.2010.
Diese Formation blieb stundenlang unverändert bei
kaum zu merkender Luftbewegung.
Ganz ohne uns scheint die Welt gar nicht untergehen zu können.
Selbst in den schlimmsten Szenarien, in denen nicht nur die
Menschheit, sondern unser ganzes Universum einem wissenschaftlichen
Experiment zum Opfer fallen könnte, erscheint dieser Untergang
zumindest noch selbstverschuldet. Drei Jahre nach der
Jahrtausendwende beschrieb der britische Hofastronom Sir Martin Rees
in seinem Buch "Unsere letzte Stunde" den zweifelhaften Fortschritt,
den das Menschengeschlecht im 20. Jahrhundert gemacht hat:
"Die schlimmsten Katastrophen der
Menschheitsgeschichte wurden durch Naturkräfte - Überschwemmungen,
Erdbeben, Vulkane und Wirbelstürme - und durch die Pest
hervorgerufen. Im 20. Jahrhundert wurden die größten Katastrophen
jedoch vom Menschen selbst verursacht: 187 Millionen, so eine
Schätzung, sind in den beiden Weltkriegen und ihrer Folgezeit durch
Krieg, Massaker, Verfolgung und politisch bedingte Hungersnot
umgekommen."
Angesichts solch einer verheerenden Bilanz sind weit höhere
Opferzahlen möglich, falls sich die Pandora-Büchse* atomarer,
chemischer und biologischer Waffen einmal öffnen sollte, falls eine
Pandemie ausbrechen oder das Klima sich katastrophal wandeln sollte.
Dabei verdrängt jede neue Angst ihre Vorgänger und saugt deren
Potenzial in sich auf. Während der Astrophysiker Rees nicht ohne
Berufsstolz darauf verweist, dass auch die aktuelle physikalische
Grundlagenforschung ein gewisses Katastrophenpotenzial in sich
berge, wandte sich unlängst eine besorgte Bürgerin wegen der
jüngsten Experimente am (Genfer Kernforschungszentrum) CERN an das
Bundesverfassungsgericht.
* Pandora auf griechisch »Allgebende«, ursprünglich
wahrscheinlich eine "verführerische" Erdgöttin, die Zeus aus Erde
formen ließ, um den Feuerraub des Prometheus für die Menschen zu
rächen. Zeus gab also der Pandora ein Gefäß, "die Büchse der
Pandora" genannt, in der alle Übel eingeschlossen waren, und
schickte sie dem Bruder des Prometheus. Als Pandora die Büchse
öffnete, entwichen die Übel und verbreiteten sich über die Erde. Nur
die Hoffnung, die auf dem Grund lag, blieb darin.
Aufgrund der zuvor noch nie erreichten Energieintensität dieser
Versuche durch das CERN [Conseil Européen pour la
Recherche Nucléaire, Kernforschungszentrum in Genf] könnten ihrer Meinung nach kleine schwarze Löcher entstehen
und sich zu großen auswachsen, in denen wir und unsere Welt
verschwinden würden. Zwar teilen Wissenschaftler diese Besorgnis
(im allgemeinen) nicht und halten einen solch fatalen Prozess für außerordentlich
unwahrscheinlich, aber gegenüber dem Gericht führte die
Beschwerdeführerin aus, dass sie diese Sicherheitsanalyse für
unzutreffend hielte: "Vielmehr hält sie eine Zerstörung der
Erde durch die geplante Versuchsreihe nicht für ausgeschlossen.
Schlimmstenfalls sei von einer Restlebenszeit des Planeten von
weniger als fünf Jahren auszugehen."
Am 18. Februar 2010 aber lehnte das Bundesverfassungsgericht ihre
Beschwerde ab und begründete seine Entscheidung damit, dass nicht
gegen alles, was zum Fürchten sei, auch der Staat einschreiten
müsse: "Auch die (vermeintliche) Größe eines
Schadens - hier die Vernichtung der Erde - erlaubt keinen Verzicht
auf diese Mindestsubstanziierung, ob ein wenigstens hypothetisch
denkbarer Zusammenhang zwischen der Versuchsreihe und dem
Schadensereignis besteht. Das Ausmaß möglicher Schäden zwingt
staatliche Stellen lediglich zum Einschreiten, falls substanziierte
Warnungen vorliegen."
In anderen Fällen aber liegen wohl- und ausführlich begründete
Warnungen durchaus vor. Claus Leggewie und Harald Welzer
prophezeiten 2009 in einer gemeinsamen Buchveröffentlichung
angesichts von Klimawandel und begrenzter Ressourcen "Das Ende der
Welt, wie wir sie kannten" (>hier<),
und der britische Ideenhistoriker John
Gray kritisierte 2007 in "Politik der Apokalypse" ein an
endzeitlichen Vorstellungen orientiertes Denken, das sich bei den
christlichen Neokonservativen der USA ebenso beobachten ließe wie
bei radikalen Muslimen: "Die aufklärerischen Ideologien der
vergangenen Jahrhunderte bestanden zu einem sehr großen Teil aus
einer verfremdeten, ins Gegenteil verkehrten Theologie. Deshalb
führt das Bild eines rein säkular geprägten Fortschritts in die
Irre, das linientreue Vertreter der Rechten wie der Linken gern von
"ihrem" 20. Jahrhundert zeichnen. Die Machtergreifung der
Bolschewiken oder der Nationalsozialisten gründete ebenso in einem
Glaubenssystem wie die theokratische Revolution des Ayatollah
Khomeini im Iran."
Das Ende der Sowjetunion und ihrer säkularen Heilsversprechungen
habe dem keineswegs ein Ende bereitet. Im Gegenteil:
"Neokonservative Theorien setzen sie fort.
Denn folgt man ihnen, so mündet die Entwicklung der gesamten Welt in
ein und dieselbe Regierungsform und in ein und dieselbe
Wirtschaftsordnung - eine universelle Demokratie und einen globalen
freien Markt."
Hier droht freilich eine Inflationierung des Begriffs der
Apokalypse (griechisch »Offenbarung«, prophetische
Schrift über das Weltende), denn nicht jedes säkulare Heilsversprechen folgt
religiösen Mustern. Und auch ein Strenggläubiger ist noch kein Apokalyptiker. Das Problem apokalyptischen Denkens ist seine
Synthese von Ängsten und Hoffnungen, seine situationsbedingte
Brisanz und seine Bereitschaft zur Eskalation, die im Ernstfall
tradierte Autoritäten einfach beiseite fegt.
Es geht dabei um nichts Geringeres als um Leben und Tod, um Himmel
und Hölle, und dabei mischen sich Bedrohung und Verheißung,
individueller Leidensdruck und kollektive Heilserwartung. Während
die einen angesichts des drohenden Weltendes in Heulen und
Zähneklappern ausbrechen, feiern es die anderen als Vollendung einer
Heilsgeschichte, von der die Erwartungen der Rechtgläubigen erfüllt
und die Ungläubigen in ewige Verdammnis gestürzt werden
(siehe Bibel, Thora/Talmud, Koran).
Je konkreter apokalyptische Erwartungen waren, desto wichtiger
schien es, der anstehenden Weltwende gut vorbereitet zu begegnen.
Also begannen die Christen der Spätantike zu rechnen, und ihre
mittelalterlichen Glaubensbrüder folgten ihnen. Orientierte man sich
an biblischen Zeitangaben, so waren seit Erschaffung der Welt nur
wenige tausend Jahre vergangen. Deshalb lag der Gedanke nahe, dass
es mit ihr bald zu Ende gehen könnte (siehe
Bibelforscher, Jehovas Zeugen).
Waren bislang rund sechstausend Jahre verstrichen, so mutmaßte man
in Analogie zu den sieben Tagen der Schöpfungswoche, dass darauf
bald ein langer Sabbat folgen werde, um die große Weltwoche
abzuschließen. Das Jahr Tausend hätte ein guter Schlusspunkt sein
können, doch die Kalenderkundigen kamen und kommen bis heute auch
auf zahlreiche andere Untergangsdaten, die sich alle als falsch
herausstellten.
Hofastronom Rees verweist in diesem Zusammenhang auf die
Überlegungen eines amerikanischen Fachkollegen, dessen Name ihn für
dieses Thema geradezu prädestiniert. Richard Gott habe argumentiert,
es sei wahrscheinlich, dass etwas, was schon sehr lange existiere,
auch künftig noch lange existieren werde, während ein junges
Phänomen keine Garantie für eine hohe Lebenserwartung böte:
"Gott erwähnt beispielsweise, dass er 1970
die Berliner Mauer (damals neun Jahre alt) und die Pyramiden (über
4000 Jahre alt) besuchte; sein Argument hatte zutreffend
vorhergesagt, dass die Pyramiden sehr wahrscheinlich im 21.
Jahrhundert noch stehen würden; hingegen wäre es keine Überraschung,
wenn die Berliner Mauer nicht mehr stehe, und sie ist natürlich
verschwunden."
Das nun ist nicht nur eine schöne Synthese von Humor und
Wissenschaft, sondern zeigt auch, wie Hoffnungen und Erwartungen das
Geschichtsdenken prägen. Während die DDR-Führung sich einen baldigen
Fall der Mauer gar nicht vorstellen mochte, schien vielen Menschen
der Gedanke unerträglich, dass die bisherige Geschichte noch einmal
ein paar tausend Jahre oder gar unbegrenzt weiterlaufen könnte.
Besonders die Christenverfolgung schuf nicht nur Märtyrer, sondern
auch den Nährboden für Rache- und Erlösungsfantasien, die sich an
alttestamentlichen Beispielen und Prophezeiungen orientierten. Und
nicht nur die Menschen der Spätantike und des Mittelalters waren
angesichts von Glaubensstreit, Krieg und Pestilenz, angesichts der
Leiden Unschuldiger, die unters Rad der Geschichte geraten waren,
der Ansicht, dass dessen Lauf endlich Einhalt geboten werden müsse.
In den 1930er-Jahren schrieb Walter Benjamin angesichts der
drohenden Selbstzerfleischung Europas: "Dass es 'so weiter' geht, ist die
Katastrophe."
Immer wieder wurde eine Weltwende auch als Befreiungsschlag
verstanden, der reale und symbolische Mauern in Trümmer legte. Der
alte Feuerkopf Friedrich Nietzsche wollte am liebsten mit dem Hammer
philosophieren. Leon Bloy nannte sich gar einen "entrepreneur de
démolitions", einen Abrissunternehmer, wobei den deutschen
Philosophen und den französischen Schriftsteller unterschied, dass
Ersterer Gottes Tod diagnostiziert hatte, während Letzter als
gläubiger Katholik lediglich konstatierte: "Dieu se retire." Gott
zieht sich zurück, und mit diesem Rückzug rückten auch die
religiösen Heilserwartungen in weite Ferne. Was blieb, war in vielen
Fällen nur eine halbe Apokalypse, nur die Lust an der Zerstörung.
Im Jahre 1979 verankerte Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse now
"den Ausdruck "Apokalypse" in der Sprache der globalen
Populärkultur. Dort fiel er auf fruchtbaren Boden. Ob
Nato-Doppelbeschluss oder GAU [größter anzunehmender
Unfall] von Tschernobyl, ob Ende des Ostblocks
oder Ende der Geschichte, ob Kampf der Kulturen, Krieg gegen den
Terror oder Vogelgrippe, ob Weltfinanzkrise oder Klimakatastrophe -
im Zeitalter der Globalisierung fehlt es nicht an
Katastrophenszenarien, die auf den stärksten möglichen Begriff
gebracht werden wollen. Und was würde da machtvoller wirken als die
"Apokalypse" mit ihren Posaunen, Schalen des Zorns, todbringenden
Reitern, dem Tier aus der Tiefe und stürzenden Sternen und Bergen?
Ob klimatische oder tektonische Katastrophe, ob Pandemie oder
Feuersturm, ob Maya-Prophezeiung oder Atomkrieg - "Apokalypse" ist
zum Synonym für welterschütternde Katastrophen geworden. In
wörtlicher Übersetzung aber bedeutet dieser Ausdruck nicht Weltende
und nicht einmal Weltwende, sondern schlichtweg "Enthüllung" oder
"Offenbarung". Als "Offenbarung des Johannes" beschließt die
bekannteste Apokalypse das Neue Testament, doch schon das Alte
kannte Prophezeiungen eines finalen Gerichts. So heißt es im Buch
Daniel: "Zu jener Zeit wird Michael, der große
Engelfürst, der für dein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird
eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seit es
Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk
errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele,
die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum
ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande. Und die da
lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur
Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich."
Was Johannes auf Patmos dann gegen Ende des ersten Jahrhunderts
unserer Zeitrechnung an sieben kleinasiatische Gemeinden sandte,
schien zu signalisieren, dass die Umsetzung des göttlichen
Heilsplans nun endlich beginnen werde. Doch als letzter Text des
neuen Testaments verheißt die Apokalypse bis heute etwas, was die
Kirche nie hat erfüllen können und wollen. Schon Augustinus
beschwor die Leser seiner Schrift "Der Gottesstaat", diese
Offenbarung keinesfalls wortwörtlich zu verstehen. Genau das aber
ist immer wieder geschehen, denn sie war nach Angaben des Verfassers
von höchster Stelle beglaubigt. War es doch die "Offenbarung Jesu
Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in
Kürze geschehen soll".
Dabei ging es um nichts Geringeres als um die Enthüllung des
göttlichen Heilsplans in einer Zeit, als das Christentum noch
schwach war und sich einem übermächtigen Rom unter der Führung
gottloser Kaiser ausgeliefert sah. Und mehr noch. Auch wenn die
Offenbarung nicht mit großen Zahlen geizte und ein Tausendjähriges
Reich der Herrschaft Christi und der Heiligen prophezeite,
verkündete sie doch auch, dass deren Anbruch schon in greifbare Nähe
gerückt sei: "Denn die Zeit ist nahe", heißt es am Anfang, und am
Ende wird noch einmal das baldige Kommen Jesu versprochen.
Dieses Versprechen unterscheidet die Apokalypse von reinen
Untergangsprophezeiungen und Katastrophenszenarien. Die Apokalypse
verheißt keine katastrophale Götterdämmerung, sondern die Vollendung
der Schöpfung, einen Aufstieg aus dem Untergang. Doch im Kern ist
sie auch eine Machtdemonstration, eine Rachefantasie, die an die
Vorstellungswelt alttestamentlicher Texte anknüpft. Die Große Hure
Babylon, das Tier mit sieben Häuptern, der Drache, die Schlange und
Satan werden heraufbeschworen, um endlich der Gewalt Gottes und der
Macht des Erlösers zu erliegen. Jede Zeit konnte sich auf diese
Bestien ihren eigenen Reim machen - mochten die Zeitgenossen des
Johannes darin die Auswüchse römischer Dekadenz erblicken, so sahen
die radikalen Reformatoren und Chiliasten* der Lutherzeit in ihnen
die Pervertierung christlichen Glaubens durch die päpstlichen
Irrlehren vorgezeichnet.
* Anhänger der Lehre von einer tausendjährigen Herrschaft
Christi auf Erden am Ende der geschichtlichen Zeit (nach der
Offenbarung des Johannes 20,110)
Die betörende und bis heute ungebrochene Stärke der
Johannes-Apokalypse liegt in ihrem Überschuss, in der Entfesselung
einer Bild- und Gedankenwelt, die theologisch nie zu bändigen war.
Mochte ein Augustinus die Auslegungen der Chiliasten oder
Tausendjährler auch als Irrtümer und Irrlehren beiseiteschieben, so
ließ sich das "Buch mit den sieben Siegeln", das bei Johannes
geöffnet wird, nicht mehr verschließen, ließ sich der Schall der
sieben Posaunen* nicht ungehört machen, blieben die sieben Schalen
des Zorns fortan ausgegossen.
* Unter dem
Schall von
sieben Posaunen sei die Stadt Jericho gefallen, heißt es im Buche
Josua
Der Text dieser Offenbarung ähnelt der Büchse der Pandora, doch
daraus kommen keine Krankheiten, sondern Bilder, gegen deren
faszinierende Virulenz (unterschiedliche
Angriffskraft, Giftigkeit) kein Bannspruch hilft. Nach Öffnung der
ersten Siegel brechen die verheerenden Apokalyptischen Reiter
hervor, deren erste drei auf einem weißen, einem feuerroten und
einem schwarzen Pferd durch die Welt stürmen:
"Und da es das vierte Siegel auftat, hörte
ich die Stimme der vierten Gestalt sagen: Komm! Und ich sah, und
siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name hieß Tod,
und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen ward Macht gegeben über den
vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und Hunger und Tod
und durch die wilden Tiere auf Erden."
Das Bild, das hier beschworen wird - Krieg, Hunger und am Ende wilde
Tiere, die sich über die Überlebenden hermachen - wirkt auch
zweitausend Jahre nach seiner Formulierung beklemmend realistisch.
Auf den Killing Fields* des 20. und 21. Jahrhunderts darf sich der
Reiter auf seinem fahlen Pferd so heimisch fühlen wie in der Epoche
der Zeitenwende. Der russische Filmregisseur Andrej Tarkowski hat
dies in seinem Weltkriegsdrama Iwans Kindheit unvergesslich in Szene
gesetzt, als er seinen jungen Helden in einem von deutschen Truppen
zerstörten Haus ein Buch mit Dürers Darstellungen der
apokalyptischen Reiter (rechts das Bild von Albrecht
Dürer) durchblättern lässt.
* sind eine Reihe von etwas mehr als dreihundert
Stätten in Kambodscha, an denen bei politisch motivierten
Massenmorden nach Schätzungen 200.000 Menschen umgebracht wurden
Als Enzyklopädie der Heimsuchungen ist die Apokalypse so bis heute
anschlussfähig geblieben, weil sie alle möglichen Visionen drohenden
Unheils teils vorweggenommen, teils vorgeprägt hat. Anders als die
Sintflut oder die Zerstörung von Sodom und Gomorrha gibt es hier
keinen bestimmten Modus operandi der Vernichtung, sondern einen
ganzen Katalog, der auf fast jede Katastrophe und auf jede Zeit
passt. Man kann sich die Reiter der Apokalypse als
Panzerkommandanten und als Hubschrauberbesatzung vorstellen, als
Kamikazepiloten und als Selbstmordattentäter, als Atom- oder
Bioterroristen oder als jene maschinenhaften Monstren und monströsen
Maschinen, die die Menschheit von den Schlachtfeldern einschlägiger
Endzeitfilme fegen. Doch sie sind nur die Avantgarde des Untergangs,
die Vorreiter einer noch tief greifenderen Zerstörung.
Auf die Öffnung der Siegel folgt der Schall der Posaunen, Hagel und
Feuer werden mit Blut vermischt auf die Erde geworfen, und der
dritte Teil der Erde und Bäume und alles grüne Gras verbrennen. Wie
solche verbrannte Erde aussehen würde, kann man heute in der
Verfilmung von Cormac McCarthys Roman "Die Straße" studieren, der
offen lässt, ob ein Atomkrieg, eine Klimakatastrophe oder ein
göttliches Strafgericht die Erde in Asche gehüllt hat. Auch die
Folge der zweiten Posaune hat schon ihre modernen Umsetzungen
gefunden: Wird bei Johannes ein feuerflammender Berg ins Meer
geworfen, so brechen in Roland Emmerichs Weltuntergangspektakel 2012
die Kontinentalplatten auseinander. Nur ist die Bibel sehr viel
gedanken- und bilderreicher, denn bevor die Posaune des vierten
Engels eine globale Verfinsterung nach Art eines Nuclear-Winter
einleitet, hat sein Vorgänger Gift vom Himmel stürzen lassen:
"Und der dritte Engel posaunte und es fiel
ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel
auf den dritten Teil der Wasserströme und über die Wasserbrunnen.
Und der Name des Sterns heißt ,Wermut'. Und der dritte Teil der
Wasser ward Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, denn
sie waren bitter geworden."
Das ist nun nicht nur exotisch, sondern schon extraterrestrisch und
scheint Bedrohungen zu antizipieren, vor denen sich die Zeitgenossen
eines Johannes wohl kaum ernsthaft gefürchtet haben werden.
Überhaupt wird hier ein Überschuss beschworen, ein apokalyptischer
Overkill*, der selbst die Prüfungen eines Hiob in den Schatten
stellt. Nur sind es hier stets die anderen, denen Sterne und Berge
aufs Haupt fallen, denn so schrecklich dieser Weltuntergang auch
anmutet, ist er für die wahren Christen doch die ersehnte Wende zum
Besseren.
* das Potenzial, das über die nötige
Vernichtung eines Gegners hinausgeht.
Die Apokalypse und das apokalyptische Denken zeigen, wie sich Ängste
in Hoffnungen, Hoffnungen in Erwartungen und Erwartungen in
Handlungen umsetzen lassen. Solange man sie nur als große tröstliche
Allegorie darauf verstand, dass die Welt sich wandeln und das
Christentum obsiegen würde, mag sie ihren Adressaten den Rücken
gestärkt haben. Doch sie verführte immer wieder dazu, wörtlich
genommen zu werden - und das in einer explosiven Mischung aus
kritischem Impetus [Impuls, (innerer) Antrieb,
Anstoß; Schwungkraft] und naiver Wortgläubigkeit, als Lehrbuch für den
großen Aufstand gegen den irr- und ungläubigen Rest der Welt.
Hatte sich dieser Impetus ursprünglich gegen das kaiserliche Rom
gerichtet, so nahm er später das Papsttum ins Visier, um sich dann
in säkularisierter und banalisierter Form gegen das Christentum
überhaupt zu richten. Im Wiedertäuferreich zu Münster, in den
kommunistischen Revolutionen und in der Hybris des Dritten Reichs
ging eine Saat auf, die in den Bildern der Offenbarung geschlummert
hatte. Und selbst noch im gut gemeinten Kampf für die Umwelt wirken
apokalyptische Unheils- und Heilvorstellungen fort, die fatale
Folgen haben können, wenn sich der Konflikt zwischen Gläubigen und
Andersdenkenden verschärfen sollte.
Je größer und je konkreter die Heilserwartung und je katastrophaler
die aktuelle Lage, umso größer ist beim apokalyptischen Denken die
Gefahr einer Eskalation. Schon Augustinus aber hat sich mit den
allzu viel versprechenden Passagen der Johannes-Apokalypse nicht
anfreunden können. Die Lehre von einem buchstäblich tausendjährigen
messianischen Friedensreich, in dem die Heiligen mit dem Herrn
herrschten, lehnt er als "lächerliche Fabel" ab, die von den "Tausendjährlern"
vollends ins Weltliche verdreht worden sei:
"Diese Meinung wäre erträglich, wenn man
annähme, dass an jenem Sabbat den Heiligen durch die Gegenwart des
Herrn allerlei geistliche Freuden beschert werden würden. Auch ich
habe das früher einmal so aufgefasst. Aber wenn man sagt, die dann
Auferstehenden würden ihre Muße mit maßlosen leiblichen Tafelfreuden
hinbringen und solche Fülle von Speise und Trank genießen, dass von
keinem Halten mehr die Rede wäre, ja ein mehr als unglaubliches
Schwelgen anfinge, so können doch nur fleischlich gesinnte Menschen
derartiges glauben."
Nicht auszumachen, wie die neue Welt
aussieht
aus der DLF-Serie "Weltuntergänge", Teil 2
(Fast wörtlich) von Ulrich Baron
Säkulare apokalyptische Denk- und Verhaltensmuster der Gegenwart - von den münsteraner Wiedertäufern bis hin zur Ideologie des Nationalsozialismus'.
Drei eiserne Käfige hängen
immer noch in Münster. Sie waren 1536
dort am Turm der Lambertikirche* emporgezogen worden,
um darin 3 Männer einzusperren, zur Schau zu stellen
und verrecken zu lassen. Die verwesenden Leichen "dienten den Vögeln zum Fraße und dem Volke zur Warnung, was
mit Menschen geschehen werde, wenn jemand das Himmelreich auf Erden
einführen wolle".
* Lambert: 625 in Maastricht in reichem Eltern geboren, zuerst
vom hl. Landoald, dann vom hl. Bischof Theodard von Maastricht-Tongern erzogen,
nach dem Tod von Theodards dessen Nachfolger, jedoch schon drei oder vier Jahre
später von seinem Bischofssitz durch den Tyrannen Ebroin vertrieben. Lambert
wurde 705 ermordet und damit zum Märtyrer. (Mehr über Heilige in "Melchers: Das
Große Buch der Heiligen - Geschichte - Legenden - Namenstage"; Verlag Ludwig,
ISBN 3-7787-3685-X.)
Eine der Leichen war Prediger gewesen, der zweite
Tuchhändler und Scharfrichter. Der dritte war ein
niederländischer Schneider und für kurze Zeit König
jenes Wiedertäuferreichs zu Münster, in dem die
Prophezeiungen der Bibel Wirklichkeit werden
sollten. Von feindlichen Truppen belagert, hatte ihr
Regime bald groteske Züge angenommen.
Die Täufer lebten in Gütergemeinschaft und trieben
Vielweiberei. Für Ostern 1534 hatte der Prophet Jan
Mathys das Erscheinen Jesu Christi angekündigt, aber
war nach dessen Ausbleiben von feindlichen Söldnern
in Stücke gehackt worden. Der Schneider Jan van
Leiden war zum "König Johannes I." ernannt worden,
doch obwohl sein Reich Missionare entsandte, blieb
Hilfe von oben und draußen aus. Im Juni 1535 wurde
Münster gestürmt. Hunderte von Täufern wurden
getötet, und die Stadt war verwüstet.
In seiner Endzeiterwartung war das Täuferreich dem
mittelalterlichen Denken verhaftet; sein kritischer
Impetus aber war von jenem radikalen Flügel der
Reformation inspiriert, der nicht nur das geistige,
sondern auch das weltliche Leben neu ordnen wollte.
So schuf es sich selbst eine fatale, eine
apokalyptische Perspektive, die sich nur durch eine
gewaltsame Weltwende hätte erfüllen lassen.
Dass sich die Welt wandelte, war freilich
offenkundig. Spanier und Portugiesen hatten den
Seeweg nach Indien und eine neue Welt erschlossen.
Nikolaus Kopernikus rückte statt der Erde die Sonne
in die Mitte des Universums. Stand gar die Geburt
des Antichrist bevor, nachdem der rebellische Mönch
Martin Luther 1524 die Nonne Katharina von Bora
geheiratet hatte? Oder regierte der Antichrist
längst als Papst in Rom und hatte es in ein neues
Babylon verwandelt, das sich am Ablasshandel
schamlos bereicherte?
Zehn Jahre vor Beginn des Täuferreichs hatten Bauern
gegen die infame Allianz ihrer feudalen und
klerikalen Herren rebelliert. Martin Luther galt mit
seiner Schrift "Von der Freiheit eines
Christenmenschen" als Inspirator der Aufständischen.
Er hatte 1525 "wider die mörderischen und
räuberischen Rotten der Bauern" gewettert und
gefordert, "man soll sie zerschmeißen, würgen,
stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie
man einen tollen Hund erschlagen muss." Die Täufer
zählten zu diesen "tollen Hunden". Sie lehnten die
Kindstaufe ab und propagierten die
Gütergemeinschaft. Sie warfen der römischen Kirche
vor, aus der Taufe "ein Kinderwaschen" gemacht zu
haben und sprachen Laien religiöse Kompetenzen zu.
In Traktaten und Flugschriften denunzierten sich die
Kontrahenten gegenseitig. Man begann, die
endzeitlichen Prophezeiungen der Bibel wörtlich zu
nehmen und weckte damit die Apokalyptischen Reiter.
Dass die Lage in Münster eskalierte, hatte auch
handfeste Ursachen. Es gab Streit um politischen
Einfluss und um die Übernahme des evangelischen
Glaubens. Die Zuwanderung fanatischer Prediger und
ihrer mittellosen Anhänger aus den Niederlanden
schuf eine brisante Mischung aus bürgerlichem
Ungehorsam, religiösem Überschwang und verzweifelter
Armut. Arbeiter und Handwerker stießen sich an der
Konkurrenz klösterlicher Manufakturen. Die Absetzung
des Predigers Bernhard Rothmann erhitzte die Gemüter
seiner Anhänger.
Mit der Einführung der Erwachsenentaufe im Jahre
1534 verstieß man in der Stadt gegen das auf dem
Reichstag zu Speyer erlassene Mandat, das die
Wiedertaufe mit der Todesstrafe bedrohte. Damit war
ein gewaltsames Eingreifen legitimiert. Und nun
setzte ein fataler Mechanismus der Radikalisierung
ein: Indem man seine Anhänger aus Sicht der
Außenwelt zu Mittätern machte, schuf man einen
unüberwindlichen Graben, der die Gemeinschaft in
Konfrontation mit dieser Außenwelt vereinte. Und der
theologische Kopf der Münsteraner
(Wiedertäufer), Bernhard
Rothmann, lieferte dieser Radikalisierung einen
apokalyptischen Rahmen.
Rothmann wollte sich nicht mit Luthers Reformation
begnügen, sondern forderte eine radikale
"Restitution (Wiederherstellung) rechter und gesunder christlicher
Lehre". Der Kirche warf er vor, die Worte Gottes
verdreht und durch theologische Spitzfindigkeiten
"verdüstert" zu haben. Dabei seien es doch gerade
die einfachen, schlichten Gemüter, denen die Worte
Gottes einleuchteten. Das verwandelte kirchliche
Lehrmeinungen in Makulatur*, denn gerade ihre
Gelehrtheit sprach nun gegen sie. Nachdem die
Theologen über Jahrhunderte hinweg die heiligen
Schriften so interpretiert hatten, dass sie zum Gang
der Welt passten, folgte Rothmann einer
apokalyptischen Lesart, die besagte, der Anbruch
einer neuen, der "dritten" Welt stünde bevor.
* lateinisch maculare »beflecken«
bedeutet, fehlerhafte, beschmutzte, zerrissene oder anderweitig nicht mehr
benötigte Druckerzeugnisse
Während Münster belagert wurde, suchte Rothmann nach
dem Heil, das aus dem drohenden Untergang doch
hervorgehen müsse. Im "Bericht von der Rache"
beschwor er 1534 den Zorn des Herrn auf den "Kop der
Godtloßen" herab:
"Er will seinem Volk
erzene Klauen machen und eiserne Hörner,
Pflugscharen und Hacken sollen sie zu Schwertern und
Spießen machen."
Umbarmherzige Vergeltung an den Mächten Babylons
würden Gottes Streiter üben, mit wehenden Fähnlein
und Posaunenschall, aber diese Überwindung der
Gottlosen sollte nur eine Übergangsphase sein. In
"Von Verborgenheit der Schrift des Reiches Christ"
beschrieb Rothmann Anfang 1535 den Gang der
Geschichte in einem klassischen Dreischritt.
Dreierlei Welten gebe es:
"Nämlich die erste Welt,
die im Wasser untergegangen ist; die andere, die im
Feuer zerschmelzen soll, und schließlich die dritte,
als neuer Himmel und neue Erde, in der die Sonne
zehnmal klarer und der Mond wie die Sonne scheinen
soll und in der alle Kreatur frei sein soll in der
Herrlichkeit der Kinder Gottes, ja worin die
Gerechtigkeit herrschen und wohnen soll."
Bei aller martialischen Rhetorik wird Rothmanns
Tonfall merklich sanfter, wenn er auf jene "Dritte
Welt" zu sprechen kommt. Seine Lehre ähnelt den
Ausführungen des Joachim von Fiore, der die
Geschichte in Anlehnung an die Trinitätslehre in
drei Zeitalter gegliedert und damit dem 13.
Jahrhundert eine apokalyptische Perspektive eröffnet
hatte. Auf die Zeit des Vaters und des Alten
Testaments und die des Sohnes und des Neuen
Testaments sollte schließlich das Zeitalter des
Heiligen Geistes folgen. Darin würde nach Auftreten
und Überwindung des Antichrist dann das Dritte
Reich, die Ära des Himmlischen Jerusalems anbrechen.
Die Vorstellung, dass am Ende die menschliche
Vernunft die religiöse Offenbarung übernehmen könne,
dürfte auch einem Bernhard Rothmann nicht ganz
ferngelegen haben. Doch er war ein Kind seiner Zeit,
und die duldete weder vernünftige Aufklärer noch
apokalyptisch inspirierte Gläubige. Nachdem das
göttliche Strafgericht über die Feinde Münsters
ausgeblieben war, veröffentlichte Rothmann Anfang
1535 in "Von Verborgenheit der Schrift" ein
melancholisches Resümee, das schon wie ein Nachruf
auf überzogene Hoffnungen anmutete:
"Nun beschlüsslich, das
Reich Christi ist noch nicht gekommen, denn Israel
streitet noch und muss darum zum Teil leiden, und es
gehört eigentlich auch in diese Welt nicht, sondern
mehr in die Dritte Welt, in der die Gerechtigkeit
wohnen soll."
Der Untergang der Wiedertäufer hat auch diesen
letzten Hoffnungsfunken erlöschen lassen und die
Frage aufgeworfen, wie viel apokalyptisches Denken
dazu beigetragen hat. Gibt es eine apokalyptische
Glaubensgewissheit, die Menschen in Scharen in den
Untergang ziehen lässt? Zumindest gibt es einen
fatalen Prozess der Selbstverstärkung, bei dem
individuelle und kollektive Ängste und
Krisenerfahrungen die Empfänglichkeit für
apokalyptisches Denken erhöhen und
Endzeiterwartungen erzeugen, die zur Eskalation
führen. Wer mit der Todesstrafe rechnen muss, kann
nur noch auf ein Wunder hoffen.
Zum apokalyptischen Glauben aber gab es da schon
eine Alternative. Mit seiner "Utopia" gab Thomas
Morus* 1516 jenen Gesellschaftsentwürfen einen Namen,
die viele politische Diskussionen und Konzepte der
Neuzeit prägen sollten. Und bereits im Denken der
Täufer steckte der utopische Kern einer
Gütergemeinschaft, eines urchristlich inspirierten
Kommunismus.
* 1478 bis 1535 - war ein englischer
Staatsmann und humanistischer Autor
Man musste vielleicht gar nicht die ganze Welt
verändern, sondern nur die Eigentumsverhältnisse, um
sie besser zu machen. Aber daran waren schon die
rebellischen Bauern und nunmehr auch die Münsteraner
Täufer gescheitert.
Man brauchte also einen mächtigen Bündnisgenossen,
und wer nicht auf Gott vertrauen mochte, musste sich
einen Ersatz erschaffen, einen Führer, eine Partei,
eine Bewegung, die als Sachwalterin des objektiven
Geschichtsprozesses erschien. Dies setzte eine
Eschatologie* voraus - eine Vorstellung vom Weg, den
die Geschichte nehmen würde. Und hier schieden sich
erneut die Geister. Während die einen auf einen
langen, mühseligen und von Rückschlägen bedrohten
Weg der Vernunft und des Fortschritts setzten, lebte
das apokalyptische Denken in säkularem Gewande fort.
* griechisch: éschata »letzte Dinge«,
die Lehre von den letzten Dingen, in verschiedenen
prophetischen Religionen die Lehre von einem neuen
Zustand der Welt
Dessen radikale Anhänger gaben der Weltwende einen
neuen Namen: Revolution. Und hatte die Französische
Revolution im Zeichen von Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit das Ende des Feudalismus und den
Beginn des Bürgerlichen Zeitalters eingeläutet, so
folgte ihr im 19. Jahrhundert das Gespenst des
Kommunismus. In ihrem "Kommunistischen Manifest"
formulierten Karl Marx und Friedrich Engels 1848 ein
säkulares Credo, das das Ende aller bisherigen
Weltordnungen postulierte:
"Die kommunistische
Revolution ist das radikalste Brechen mit den
überlieferten Eigentumsverhältnissen, kein Wunder,
dass in ihrem Entwicklungsgange am radikalsten mit
den überlieferten Ideen gebrochen wird."
Dieses "radikalste Brechen" gleicht der Überwindung
der Mächte des Bösen in der Apokalypse mit ihren
monströsen Tieren und ihrem satanischen Verführer.
Marx und Engels verhehlten keineswegs, dass es dabei
zu gewaltsamen Enteignungen und Zwangsmaßnahmen
kommen werde, aber die wurden durch das Konzept
einer dialektischen* Aufhebung vertuscht, in der die
Herrschaft der letzten Klasse jede Klassenherrschaft
endlich überflüssig machte:
"Die politische Gewalt
im eigentlichen Sinn ist die organisierte Gewalt
einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen. Wenn
das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich
notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution
sich zur herrschenden Klasse macht, und als
herrschende Klasse gewaltsam die alten
Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit
diesen Produktionsverhältnissen die
Existenzbedingungen des Klassengegensatzes der
Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft
als Klasse auf.
An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft
mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine
Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden
die Bedingung für die freie Entwicklung Aller ist."
* Dialektik: griechisch »Kunst der
Unterredung« (als (Zwiedenken")- die logische
Beweisführungstechnik, auch metaphysisches
Seinsprinzip
So nüchtern lässt sich der Schritt in eine neue
Weltordnung beschreiben. Auf dem Weg dahin aber
geriet auch der atheistische Marxismus wieder in
apokalyptisches Fahrwasser. Denn auch, wenn man
Heilsgeschichte durch historische Gesetzmäßigkeiten
ersetzt und den Glauben durch dialektischen
Materialismus, kommt einmal die Nagelprobe. Nachdem
die Berufsrevolutionäre in Russland gesiegt hatten,
standen sie unter Erfolgszwang. Sie mussten ihren
noch in bürgerlichen Zweifeln befangenen Genossen
deshalb mit aller Gewalt einbläuen, dass ihre neue
Welt jene bessere war, die sie ihnen verheißen
hatten. Paradoxerweise hat dann gerade das
Zwiedenken, das George Orwell ihnen in seinem Roman
1984 so treffend vorgehalten hat, ihr Sowjetreich
vor einem apokalyptischen Ende und die Welt vor
einer atomaren Agonie bewahrt. Auf Revolution folgte
dort Stagnation, ein Nebeneinander von verordnetem
Fortschritt und ungeordnetem Verfall, der in den
Bankrott führen musste.
Mochte die Sowjetunion in ihren revolutionären
Kampfzeiten apokalyptischen Elan aus der Synthese
von Bedrohung und Erwartung geschöpft haben, so
verlor sich dieser Schwung nach Anbruch des
Sozialismus merklich. Angesichts seiner
wissenschaftlich begründeten Überlegenheit gegenüber
dem Kapitalismus und der atemberaubenden Erfolge der
Planwirtschaft, die überall doch zumindest gefeiert
wurden, gab es keinen Grund, seine Kräfte für etwas
zu verausgaben, das ohnehin unvermeidlich sein
sollte. So stand die größte Anstrengung des
russischen Volkes während der Sowjetzeit nicht im
Zeichen der Revolution, sondern in dem der
Heimatverteidigung - im "Großen Vaterländischen
Krieg". Dass das Sowjetimperium dann 1989 ohne
Gegenwehr in den Staub sank, lag auch daran, dass
dort Anspruch und Wirklichkeit in einem Ausmaß
auseinanderklafften, das keine apokalyptischen
Hoffnungen, sondern nur noch Resignation und
Ratlosigkeit weckte.
Ihre Rolle in einem apokalyptischen Endkampf bekam
die Sowjetunion dennoch zugeschrieben und das von
einem Gegner, dessen Selbstbezeichnung als "Drittes
Reich" die Überlegungen Joachim von Fiores in eine
Karikatur verwandelt hatte. Dass ausgerechnet die
Nazis sich mit fremden und christlichen Federn
schmückten, entsprach freilich dem Stil ihrer Zeit.
Wie im Zeitalter der Glaubensspaltung und der
chiliastischen Schwärmer folgte auf die Revolution
in Russland und die Katastrophe des Ersten
Weltkriegs eine Phase der Desorientierung und
Heilssuche.
Die Kaiserkronen waren gefallen. Der Weltkrieg
markierte den moralischen Bankrott des bürgerlichen
Zeitalters, und der Kommunismus drohte die
Konkursmasse zu schlucken. Im besiegten Deutschland
standen nationalistische Freikorps gegen rote
Garden, und Männer wie der anarchistische
Schriftsteller Theodor (Otto Richard)
Plievier* zogen im
Prophetengewande durchs Land, um die nahende
Weltwende zu verkünden. Anknüpfend an sein bewegtes
Leben als Tramp (umherziehender
Gelegenheitsarbeiter, Landstreicher. Kommt von
"trampen", per Anhalter fahren) und Matrose predigte Plievier einen
anarchistischen Vitalismus, in dem sich Eros
(Form der Liebe, die nach antiker Anschauung
sinnlich, seelisch und geistig zugleich ist) und Apokalyptik verbanden:
"Der Zusammenprall des
Kapitalismus mit dem Sozialismus hat das Aggressive,
Fieberhafte, Besinnungslose, Selbstmörderische des
Zeugungsaktes. Kapitalismus und Sozialismus, diese
mächtigsten Strömungen, diese ausgewachsensten
Kinder der materialistischen Weltepoche, zeugen in
gewaltiger Umarmung, in der Entladung hochgespannter
Gegensätze das neue Zeitalter."
* (1882 - 1955) Werke: z.B.
Romantrilogie über die Kämpfe an der Ostfront des
Zweiten Weltkriegs, bestehend aus den Werken
Stalingrad, Moskau und
Berlin
Plieviers krude Mischung aus apokalyptischen
Endzeitvorstellungen und anarchistischer Staats- und
Kirchenkritik mündete in eine Apotheose des freien
Individuums, das seine Selbsterlösung sucht. In
seiner Flugschrift "Aufbruch" vom Mai 1922 warf
Plievier, wie vier Jahrhunderte zuvor Bernhard
Rothmann, den Kirchen zunächst eine Verfälschung der
fundamentalen Wahrheiten vor, um diese Wahrheiten
dann tief im Inneren des Menschen wiederzuentdecken:
"Die Wahrheiten aller
Zeiten, die nicht erfasst, gelitten und gelebt
wurden: Die verhüllten sich, versteinten, wurden
Kirchen. Und dort, wo Ereignisse stehen blieben, wo
sie statisch wurden, wurde der Staat. Staat und
Kirche sind keine lebend gewachsenen Bäume, sind
Umweg und Abweg, sind Hemmung.
Aber die Stunde ist da, Hüllen und Schalen, Staaten
und Kirchen zu sprengen, verschlossene Tore
aufzustoßen, aufzubrechen in das Leben.
Aufnehmen das Kreuz - und sei es als Hammer! Wenn
aber Kultur und Zivilisation in Trümmer gehen, muss
in dir die Liebe lebendig sein, wenn die Kirchen in
Flammen aufgehen, muss in dir lodern, was sie
beschlossen hielten."
Was Plievier hier in expressionistischer Metaphorik
ausmalte, hatte der 1895 geborene
(Schriftsteller) Ernst Jünger
(1895 - 1998) in
den Materialschlachten des Weltkriegs hautnah
erlebt: eine Zivilisation, die in Trümmer gelegt
wurde, Kirchen, die in Flammen aufgingen. Dass der
Krieg verloren ging, musste dieser Frontkämpfer
akzeptieren. Dass er vergeblich gewesen sein sollte,
hat er nie akzeptiert. In "Die totale Mobilmachung"
beschrieb Jünger 1930, wie der moderne Krieg sich
alle Aspekte menschlichen Lebens unterwarf:
"So macht es die
ungeheure Vermehrung der Kosten unmöglich, die
Führung des Krieges aus einem festen Kriegsschatze
zu bestreiten, es ist vielmehr die Anspannung aller
Kredite, die Erfassung auch des letzten Sparpfennigs
notwendig, um die Maschinerie des Krieges im Gange
zu erhalten. So fließt auch das Bild des Krieges als
einer bewaffneten Handlung immer mehr in das
weitergespannte Bild eines gigantischen
Arbeitsprozesses ein. Neben den Heeren, die sich auf
den Schlachtfeldern begegnen, entstehen die
neuartigen Heere des Verkehrs, der Ernährung, der
Rüstungsindustrie, - das Heer der Arbeit überhaupt.
In dieser absoluten Erfassung der potenziellen
Energie, die die kriegsführenden Industriestaaten in
vulkanische Schmiedewerkstätten verwandelt, deutet
sich der Anbruch des Zeitalters des vierten Standes
vielleicht am sinnfälligsten an, - sie macht den
Weltkrieg zu einer historischen Erscheinung, die an
Bedeutung der französischen Revolution zumindestens
ebenbürtig ist."
Joseph Goebbels hält eine Ansprache im Berliner Lustgarten
im August 1943
(Bild DPA)
Jünger nahm vorweg, was
(der preußische General) Erich Ludendorf 1935 in
einem Buch und in dessen Nachfolge auch Joseph
Goebbels den "totalen Krieg" nannten. Seine im
Ansatz durchaus rationale Analyse mündete in eine
Mythologisierung des Krieges, die ihn als großen
Transformator aller Material- und Energieströme vergötzte. Die heranbrechende Welt des vierten
Standes, des Arbeiters, aber war noch nicht die
erhoffte:
"Die Abstraktheit, also
auch die Grausamkeit aller menschlichen Verhältnisse
nimmt ununterbrochen zu. Der Patriotismus wird durch
einen modernen, stark mit Bewusstseinselementen
durchsetzten Nationalismus abgelöst. Im Faschismus,
im Bolschewismus, im Amerikanismus, im Zionismus, in
den Bewegungen der farbigen Völker setzt der
Fortschritt zu Vorstößen an, die man bisher für
undenkbar gehalten hatte, er überschlägt sich
gleichsam, um nach einem Zirkel der künstlichen
Dialektik seine Bewegung auf einer sehr einfachen
Ebene fortzusetzen. Er beginnt, sich die Völker zu
unterstellen in Formen, die von denen eines
absoluten Regimes bereits wenig unterschieden sind.
An vielen Stellen ist die humanitäre Maske fast
abgetragen, dafür tritt ein halb grotesker, halb
barbarischer Fetischismus der Maschine, ein naiver
Kultus der Technik hervor. Gleichzeitig nimmt die
Schätzung der Massen zu, das Maß der Zustimmung, das
Maß an Öffentlichkeit wird zum entscheidenden Faktor
der Idee. Kapitalismus und Sozialismus sind, in
diesem Sinne gesehen, Gegensätze von untergeordneter
Art, sie sind zwei Sekten der großen Kirche des
Fortschritts*, die sich hier vertragen und dort in
erbittertem Kampfe stehen."
* Goebbels: Wir ziehen in den Krieg
wie zu einem Gottesdienst..."
Hier attackierte ein Konservativer, der seine
Gegenwart überwinden wollte, die Enthumanisierung
und Banalisierung der Welt, die Verzifferung und
Vermassung, die Technik- und
Kapitalismusgläubigkeit, das Quotendenken und damit
auch die Gesellschaft und die Verfassung der
Weimarer Republik. Von einer religiösen Offenbarung
war hier keine Rede, ja der Begriff "Kirche" wurde
an Instanzen abgetreten, die ganz von dieser Welt
waren. Und dennoch offenbarte sich gerade hier auch
ein apokalyptisches Denkmuster, das die Gegenwart
samt ihren -ismen verwarf und sie als substanzlos
darstellte. Wie der Anarchist Plievier suchte auch
der Nationalist Ernst Jünger nach einem neuen Halt
und stellte den falschen Offenbarungen ein Konzept
der Verinnerlichung entgegen - freilich mit einem
völkischen Beigeschmack:
"Tief unter den
Gebieten, in denen die Dialektik der Kriegsziele von
Bedeutung ist, begegnete der deutsche Mensch einer
stärkeren Macht: Er begegnete sich selbst. So war
dieser Krieg ihm zugleich und vor allem das Mittel,
sich selbst zu verwirklichen. Und daher muss die
neue Rüstung, in der wir bereits seit Langem
begriffen sind, eine Mobilmachung des Deutschen sein
- und nichts außerdem."
Im Rückblick auf die Nazi-Herrschaft sollte Jünger
dann feststellen, dass ausgerechnet "die Münchner
Schule, das heißt die flachste" gesiegt habe. So
geriet er nie in Verlegenheit, die von ihm
postulierte "Mobilmachung des Deutschen" praktisch
umsetzen zu müssen. Vielmehr distanzierte er sich
vom NS-System und veröffentlichte 1939 mit "Auf den
Marmorklippen" einen endzeitlich geprägten Roman,
den man als kritische Allegorie auf Hitlers Reich
und seine Konzentrationslager verstehen konnte.
Deren apokalyptische Szenerie aber wurde von der
Wirklichkeit in einem Ausmaß überboten, das Jünger
sich nicht vorzustellen vermocht hatte.
Trotz Germanenkult und Ahnenerbe hatten sich auch
die Nationalsozialisten biblischer und christlicher
Vorgaben bedient. Den Begriff "Drittes Reich" hatte
der Publizist und Verleger Dietrich Eckart schon
1919 für die NS-Bewegung reklamiert. 1923 lieferte
Arthur Moeller van den Bruck* den Nationalsozialisten
dann mit seinem Buch "Das dritte Reich" eine
ideologische Untermauerung dieser Selbstbezeichnung.
* war ein deutscher Kulturhistoriker, Staatstheoretiker und völkisch-nationalistischer Publizist. Er gehörte zu den herausragenden Vertretern der sogenannten „Konservativen Revolution“ in den 1920er Jahren. Sein 1923 erschienenes Hauptwerk trägt den Titel Das dritte Reich – ein Begriff, der bereits 1919 durch Dietrich Eckart seinen Weg in die Phraseologie der NSDAP finden sollte. Hatte Joachim von Fiore ein Zeitalter des Heiligen Geistes postuliert, so wurde dieser Geist durch nationalsozialistische Politik ersetzt, die sich als Vollenderin einer historischen Entwicklung ausgab, deren erste und zweite Phase das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen und das Deutsche Kaiserreich gebildet hatten. Apokalyptische Züge nahm diese Politik umso mehr an, je stärker sie einen Krieg provozierte, der über Gelingen oder Scheitern der verheißenen Transformation entscheiden würde. Und so maßlos die Forderungen, Versprechen und Drohungen, die Bau- und Rüstungsprojekte der Nationalsozialisten waren, so maßlos war bald auch die Staatsverschuldung, mit der sie ihr Drittes Reich vorfinanzierten. Am Ende war die Ultima Ratio auch aus ökonomischen Gründen ein Krieg, aus dessen Beute man diese gigantische Zeche begleichen wollte.
Doch als Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im
Berliner Sportpalast seine Claqueure auf den
"totalen Krieg" einschwor, folgte der Hybris des
Dritten Reichs schon ihre Nemesis
([griechisch »Unwille«] Rächerin des Frevels). Mit dem Untergang
der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad hatte
Deutschlands militärische Machtentfaltung ihren
Zenit überschritten. Die Zeit der Blitzsiege und
schnellen Vormärsche war vorbei, und vom Himmel fiel
das Feuer der alliierten Bomber. Als Goebbels vor
die Mikrofone trat, hatte sich
nationalsozialistische Angriffsrhetorik in eine
Rhetorik der Verteidigung und des "Heldenopfers" von
Stalingrad gewandelt. Und nun folgte eine
erstaunliche Verklärung des Angreifers zum
Verteidiger:
"Hier ist eine Bedrohung
des Reiches und des europäischen Kontinents gegeben,
die alle bisherigen Gefahren des Abendlandes weit in
den Schatten stellt. Würden wir in diesem Kampf
versagen, so verspielten wir damit überhaupt unsere
geschichtliche Mission. Alles, was wir bisher
aufgebaut und geleistet haben, verblasst angesichts
der gigantischen Aufgabe, die hier der deutschen
Wehrmacht unmittelbar und dem deutschen Volke
mittelbar gestellt ist. Wäre die deutsche Wehrmacht
nicht in der Lage, die Gefahr aus dem Osten zu
brechen, so wäre damit das Reich und in kurzer Folge
ganz Europa dem Bolschewismus verfallen."
Goebbels beschwor die Kraft allein der Deutschen,
"eine grundlegende Rettung Europas aus dieser
Bedrohung durchzuführen", wobei schon die
Wortkombination "Rettung durchführen" tief blicken
ließ, um dann zum berühmten Angelpunkt seiner Rede
zu kommen:
"Ich frage euch: Wollt
ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig,
totaler und radikaler, als wir ihn uns heute
überhaupt noch vorstellen können?"
Doch nicht um die Rettung Europas ging es und nicht
um die Deutschlands, sondern um Erteilung einer
Generalvollmacht, das Dritte Reich mit fliegenden
Fahnen in einen Untergang zu führen, der ohne
Kapitulation unvermeidbar war. Hier erreichte dessen
Hybris ihren Gipfelpunkt, und das "Ja, Ja, Ja" des
fanatisierten Publikums erteilte seiner Führung die
Lizenz, auch dessen Nemesis bis zur Neige
auszukosten. Die erhoffte Mobilisierung aber blieb
aus, und in den zerbombten Städten wuchs der
Eindruck, schon alles hinter sich zu haben. In
seinem Bericht über den Untergang seiner Heimatstadt
Hamburg im Feuersturm beschrieb (der
deutsche Schriftsteller 1901 - 1977) Hans-Erich Nossack
1943 die Zeit als eine Mutter, deren Kinder sich
nach dem Bombenhagel der von den Alliierten
"Operation Gomorrha" benannten Angriffe von ihr
entfernt hatten:
"Die Mutter hat noch
viel zu tun, sie wäscht, sie kocht und sie muss
zwischendurch in den Keller, um Kohlen zu holen. Als
sie wieder heraufkommt, sind die Kinder fort. Sie
geht ans Fenster und hört, wie die Kinder singen:
'Maikäfer, flieg,
Mein Vater ist im Krieg,
Meine Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.'
Wir sind wieder auf die Straße gelaufen und spielen
mit dem Tode. Da setzt sich die Zeit traurig in
einen Winkel und kommt sich nutzlos vor."
Dem totalen Krieg folgte die totale Niederlage. Und
totale Ernüchterung ging ihr voraus. Nossacks
nutzlos gewordene Zeit kennt keine apokalyptischen
Heilsversprechen mehr, mit denen sie ihre Kinder vom
Spiel mit dem Tode fortlocken könnte. Doch als
Nossack diese traurige Zeit beschwor, ahnte er
nicht, dass der Feuersturm von Hamburg nur ein
Vorschein noch weit größerer Zerstörungen sein
würde. Als das Dritte Reich sich anschickte, seine
apokalyptische Namensgebung im "totalen Krieg"
schreckliche Wirklichkeit werden zu lassen, war das
Konzept des totalen Krieges schon dabei, ad absurdum
geführt zu werden. Mit der Entwicklung und
Verbreitung der Atombombe endete auch die Zeit, in
der ein Weltkrieg militärisch zu gewinnen war. Ihn
zu führen, kam fortan einer totalen Vernichtung auch
aller Hoffnungen auf eine bessere Welt nach dem
Krieg gleich.
Die Mittel der Apokalypse stehen uns heute zu
Gebote, nur ihre Heilsversprechen nicht mehr. Die
Hoffnung, mit dem Ende des Sowjetimperiums wäre das
Happy End der Geschichte angebrochen, ist von Macht-
und Geldgier ebenso demontiert worden wie von
islamistischen Terroristen, die mit der Vernichtung
des World Trade Centers die Allegorie unseres neuen
Millenniums inszenierten. Macht haben wir vor allem
über die Zerstörung. Und zudem ist eine Vorstellung
ins Wanken geraten, mit der sich apokalyptisches
Denken immer wieder im Zaum halten ließ: Die
Hoffnung, eine zumindest etwas bessere Welt sei
durch ständiges Wachstum erreichbar. An unserem
Wahrnehmungshorizont nämlich sind die Grenzen des
Wachstums sichtbar geworden. Und wieder scheiden
sich Gläubige und Ungläubige. Wieder wird das Ende
der Welt, wie wir sie kannten, prophezeit. Wieder
ist nicht auszumachen, wie eine andere Welt denn
aussehen könnte.
Eiszeiten und Naturkatastrophen
aus der DLF-Serie "Weltuntergänge", Teil 3
Von Ulrich Baron
Die Globalisierung, der Klimawandel und die Finanzkrisen scheinen die apokalyptischen Reiter als Avantgarde des Weltuntergangs abgelöst zu haben. Der Autor Ulrich Baron hat dies zum Anlass genommen, die religiösen, politischen und ökologischen Weltuntergangsszenarien auf ihre Ängste und Heilserwartungen hin zu untersuchen.
Eine mit Schnee bedeckte Weltkugel
(Bild: AP)
Seit der Sintflut sind die Menschen nicht müde geworden, sich den
nächsten Untergang der Welt auszumalen. Die Wissenschaft hat uns
dazu die Abläufe der Erdgeschichte enthüllt, gewaltige
Kometeneinschläge und Magma-Eruptionen, das Aussterben der
Dinosaurier, die Eiszeiten, in denen die Vegetation der
Nordhalbkugel von Gletschern geschleift wurde. Noch im Jahre 2004
griff Roland Emmerichs Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow"
dieses zusätzliche Stück im Kanon der apokalyptischen Plagen auf und
zeigte, wie Nordamerika schockgefroren wurde. Doch nach Anbruch des
Atomzeitalters waren auch Naturkatastrophen nicht mehr das, was sie
einmal waren. Ein Ende unserer Welt erschien nun nicht nur denk-,
sondern machbar. Das Spektrum reichte vom Höllenfeuer bis zum
Nuclear Winter. Im Jahre 1949 beschrieb Arno Schmidt in "Schwarze
Spiegel" den Untergang einer Menschheit, die er nach Jahren als
Soldat gründlich satthatte.
Zehn Jahre später veröffentlichte der zum Katholizismus konvertierte
ehemalige US-Luftwaffenpilot Walter M. Miller jr. sein christlich
grundiertes Epos "Lobgesang auf Leibowitz", in dem auf einen
Atomkrieg ein neues Mittelalter und eine neue Renaissance folgen.
Doch ein weiteres Jahrzehnt später schrieb Michael Crichton seinen
Technologie-Thriller "The Andromeda Strain", in dem nicht die
Atombombe, sondern ein Virus die Menschheit bedroht. Die Seuche
zieht sich hier nicht mehr als Schwarzer Tod durch die Städte,
sondern wird in einem medizinischen Hochsicherheitstrakt isoliert
und zur Strecke gebracht.
Der Mensch schien in der Lage, die Gewalten der Natur sowohl zu
entfesseln als auch zu bändigen, doch im Jahre 1972 wurde plötzlich
klar, dass das Ende der Welt auch auf konventionelle Weise kommen
könnte. In diesem Jahr veröffentlichte der Club of Rome seine
bahnbrechende Studie über "Die Grenzen des Wachstums", und im Jahr
darauf wurden die Industriestaaten durch die erste Ölkrise mit
solchen Grenzen konfrontiert.
Zu den Ängsten vor einem Atomkrieg kamen neue und eigentlich alte
hinzu. Ängste vor dem Kollaps einer Welt, der die Roh- und
Treibstoffe auszugehen drohten, dämpften die menschlichen
Allmachtsfantasien. Hatten moderne Vernichtungstechniken die alten
Ängste vor Naturkatastrophen, Eis- und Hungerzeiten verdrängt, so
kehrten solche Szenarien nun wieder. Schon 1973 zeigte der Film "Soilent
Green - die überleben wollen" eine hoffnungslos übervölkerte Erde,
deren hungernde Bewohner mit Ersatznahrung am Leben gehalten werden,
ohne zu wissen, dass diese nicht aus Plankton, sondern aus
Menschenfleisch hergestellt wird. In die Konjunktur von filmischen
Endzeitszenarien aber mischten sich auch Ansätze eines Wandels, der
dem Naturschutz und dem ökologischen Denken wachsendes politisches
Gewicht verlieh.
Während die einen gegen Kernkraftwerke und Giftmüllverklappungen
demonstrierten, schrieben die anderen ihre ersten Computerprogramme,
die den Weg in eine neue, virtuelle Welt eröffneten. Doch in die
Blütenträume mischten sich Untergangsvisionen. Kurz vor dem Platzen
der Dotcom-Blase (Kunstbegriff aus englisch: „dot“
für Punkt und "Top-Level-Domain „.com“) an den Börsen entwarf 1999 der Film "Matrix" das
Bild einer Zukunft, in der die Menschen von intelligenten Maschinen
wie Haustiere gehalten werden, während ihnen eine Computersimulation
das Leben in der vertrauten Welt vorgaukelt. Schon 1964 hatte der
polnische Autor und Philosoph Stanislaw Lem das Konzept einer "Nekrosphäre"
(nekrotisch = absterben) entworfen, eines technischen Fortschritts, der sich
verselbstständigt und seine biologischen Eltern abgeschafft hat.
Hier herrscht eine Kälte des Todes, gegen die jede Eiszeit noch
anheimelnd wirkt, eine technische Effizienz ohne Moral und Gefühl.
Doch noch in der Vorstellung, solch eine eiskalte Welt hervorbringen
zu können, liegt ein gewisser Größenwahn, und je größer die
Untergangsszenarien werden, die sich die Menschheit ausmalt, desto
mehr geht darin unter, dass es gar nicht der Weltuntergang ist, vor
dem man sich wirklich fürchtet. Es sind die kleinen, die
individuellen Probleme - Sorge um den Arbeitsplatz, um Familie,
Gesundheit und unmittelbare Umwelt -, die einen tagtäglich
verfolgen.
Im Jahre 2006 hat dies der amerikanische Schriftsteller Cormac
McCarthy in seinem Roman "Die Straße" auf grandiose Weise gezeigt.
Vordergründig entwirft er darin das Bild einer Welt, die zu Asche
verglüht ist. Ein Vater durchwandert mit seinem kleinen Sohn die
apokalyptische Landschaft der USA, in der Städte und Wälder
verbrannt und die Reste von Toten in den Asphalt der Straßen
eingeschmolzen sind. Kalt ist es hier, und immer wieder drohen die
beiden Wanderer marodierenden Horden in die Hände zu fallen. Der
Vater aber hat seinen Sohn ein Mantra („Instrument
des Denkens, Rede“) gelehrt, das da lautet: "Wir
sind die Guten. Wir tragen das Feuer." Und dann als Erklärung für
die kreatürliche Angst, die beide verfolgt: "Wir essen keine
Menschen."
Man kann dieses kannibalische, wüste Land als eine negative
Offenbarung verstehen, als Allegorie (Sinnbild) einer Welt, in der das Böse
gesiegt hat. Doch McCarthy hat seinen Helden ein Requisit mit auf
den Weg gegeben, das für den Glanz und das Elend der USA und der
westlichen Konsumgesellschaft gleichermaßen steht. Auf ihrem Weg
durch die Aschenwelt schieben die beiden ihre Habe in einem
Einkaufswagen mit sich, wie man sie in Supermärkten findet. Wer aber
mit offenen Augen durch unsere Städte geht, weiß, dass es keines
Weltuntergangs bedarf, um aus solchen Wagen Vehikel zu machen, in
denen Obdachlose ihren schäbigen Besitz transportieren. Man kann die
Vorbilder von McCarthys Helden fast an jeder Straßenecke der
Innenstädte sehen, zerlumpte, bisweilen hilflos um Sauberkeit
bemühte Gestalten, und das Gespenstische, das Skandalöse daran ist,
dass die Welt, aus der sie gefallen sind, noch gar nicht
untergegangen ist, sondern "Business as usual" betreibt.
McCarthy zeigt die USA, die sich als "God's own country", als
Gelobtes Land bezeichnen, aus einer Perspektive, die deren
infernalische (höllisch, teuflisch, abscheulich), barbarische und kannibalische Züge durch
Überzeichnung enthüllt. Der Mensch ist hier des Menschen Wolf, und
mitten im reichsten Land der Welt finden die Naturgewalten Hunger
und Kälte wieder ihre Opfer. Doch lässt man die Erfolgsgeschichte
des Westens Revue passieren, so verwundert das nicht. Schon Georg
Christoph Lichtenberg kehrte im 18. Jahrhundert die gewohnte
Entdeckerperspektive um und konstatierte: "Der Amerikaner, der den
Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung". Das Unglück
der Amerikaner wollte es, dass die Neuankömmlinge durch eine harte
Schule gegangen waren. Lange bevor sich das Abendland zur Weltmacht
aufschwang, waren die Christen eine kleine Minderheit im
übermächtigen Römischen Reich gewesen. Ihr Erlöser war ans Kreuz
geschlagen, viele Gläubige waren zu Märtyrern geworden.
Die Völkerwanderung, das Vordringen muslimischer Heere und
asiatischer Reiterarmeen zählten zu den Traumata der Europäer ebenso
wie die Entvölkerung ganzer Landstriche durch die Pest und das
Versinken reicher Küstenregionen in den Sturmfluten des späten
Mittelalters. Doch im 15. Jahrhundert begann das Blatt, sich zu
wenden. Nach dem Ende der Maurenherrschaft in Spanien wurden die
Helden der Reconquista (Rückeroberung) zu den Konquistadoren
(Eroberern) Lateinamerikas. Die
Reiche der Maya und Azteken wurden zerschlagen, und wo sich keine
arbeitswilligen und arbeitsfähigen Eingeborenen mehr fanden, wurden
sie durch afrikanische Sklaven ersetzt.
In Kolumbus entdeckte Lichtenbergs Amerikaner einen Vorboten des
Untergangs seiner Welt. Zwischen vom Menschen verursachten und
Naturkatastrophen ließ sich dabei kaum mehr unterscheiden. Die
Eroberer kamen nicht nur mit eisernen Schwertern, Musketen, Kanonen
und Bluthunden. Mit ihnen hielten in Amerika auch die Seuchen
Europas Einzug, gegen die das Immunsystem der Eingeborenen nicht
gewappnet war. Tödliche Epidemien entvölkerten die Karibik und
drangen über die Küstenregionen ins Binnenland vor. Noch als die
Pilgerväter Anfang des 17. Jahrhunderts nach Neuengland kamen, bot
sich dort "ein sehr trauriger Anblick" - entvölkerte Orte, in denen
noch die unbestatteten Schädel und Gebeine zahlloser Seuchenopfer
umherlagen.
Angesichts des Geruchs von Blut und Verwesung, der das Vordringen
der europäischen Eroberer begleitet hat, erscheint es fast
unglaublich, dass ihre Vorboten immer wieder meinten, sie hätten den
Weg ins Paradies gefunden.
"Ein Morgen war's, schöner hat ihn
schwerlich je ein Dichter beschrieben, an welchem wir die Insel
O-Tahiti zwei Meilen vor uns sahen. Der Ostwind, unser bisheriger
Begleiter, hatte sich gelegt; ein vom Land wehendes Lüftchen führte
uns die erfrischendsten und herrlichsten Wohlgerüche entgegen und
kräuselte die Fläche der See. Waldgekrönte Berge erhoben ihre
stolzen Gipfel in mancherlei majestätischen Gestalten und glühten
bereits im ersten Morgenstrahl der Sonne."
Mit solchen Szenen aus dem Bericht über seine Reise auf Captain
Cooks Schiff "Resolution" hat Georg Forster nicht nur Generationen
von Forschern inspiriert, sondern auch Träume von fernen
Inselparadiesen. Über drei Jahre hinweg, von England bis in die
Antarktis, vom Eismeer über Neuseeland bis nach Tahiti und zur
Osterinsel hatten der junge Georg und sein Vater den Entdecker als
Wissenschaftler und Chronisten begleitet, hatten die Welt noch
einmal so gesehen, wie sie nach ihnen bald nicht mehr sein würde.
In der neuseeländischen Dusky-Bay hätten die Eingeborenen bei ihrem
Eintreffen zunächst ein "fürchterliches Geschrei" erhoben, aber dann
habe eine Frau mit einem "weißen Vogelfell" gewinkt, was Forster als
"Zeichen des Friedens und der Freundschaft" erschien. Das Winken
erschien ihm fast wie ein Gruß aus paradiesischen Zeiten und ließ
ihn über den Symbolcharakter der weißen Farbe sinnieren:
"Es war mir bei dieser Gelegenheit
besonders auffallend, dass auch diese Nation, gleich wie fast alle
Völker der Erden, als hätten sie es abgeredet, die weiße Farbe oder
grüne Zweige für Zeichen des Friedens ansieht, und dass sie, mit
einem oder dem andern versehen, dem Fremden getrost entgegen gehen.
Eine so durchgängige Übereinstimmung muss gleichsam noch vor der
allgemeinen Zerstreuung des menschlichen Geschlechts getroffen
worden sein, wenigstens sieht es einer Verabredung sehr ähnlich,
denn an und für sich haben weder die weiße Farbe, noch grüne Zweige
eine selbstständige unmittelbare Beziehung auf den Begriff vom
Freundschaft."
Hier scheint noch einmal die Vorstellung vom Garten Eden auf, von
einer freundlichen Natur, die keine Katastrophen, von einer
sündlosen Menschheit, die keine Gewalt kennt. Forsters Beschwörung
eines paradiesischen Urzustandes aber wird durch seine weiteren
Reiseerlebnisse konterkariert. Als auf Neuseeland ein Lagerplatz
freigeschlagen wird, zeigt sich der Chronist beeindruckt:
"In wenigen Tagen hatte eine geringe
Anzahl von unseren Leuten das Holz von mehr als einem Morgen Landes
weggeschafft, welches fünfzig Neuseeländer, mit ihren steinernen
Werkzeugen, in drei Monaten nicht würden zustande gebracht haben."
Stellvertretend für den Prozess der Zivilisation steht hier die
Kultivierung eines Fleckchens neuseeländischer Erde, bei der aller
Wildwuchs radikal beseitigt wird. Georg Forster beschreibt ein
Stückchen Urwald, der uns heute als schützenswertes Biotop
erscheinen würde. Doch für ihn hatte dieses anscheinend sich selbst
überlassene Werden und Vergehen keinen Wert. War er doch in einer
Zivilisation aufgewachsen, die zwar schon das Prinzip der
Nachhaltigkeit entdeckt hatte - aber als Grundlage einer
Bewirtschaftung der Natur, die aus wilden Wäldern geordnete Forste
machte. Die Welt wollte nicht nur entdeckt, sie sollte auch in
Ordnung gebracht werden, in europäische Ordnung. So begann in
Neuseeland das große Roden:
Der junge Forster hatte auf seinem Segelschiff die Übermacht der
Natur so heftig zu spüren bekommen, dass sein Wunsch nach etwas
Ordnung verständlich ist. Selbst für den feinsinnigen und
hellsichtigen Naturkundler erschien die Natur als großes
Ressourcenreservoir, auch wenn er schon ahnte, dass es nicht
unerschöpflich sein werde. Angesichts des Reichtums der Südhalbkugel
an Walen und Robben empfahl er:
"Sollten die Walfische des nördlichen
Eismeeres vermittels unserer jährlichen Fischereien jemals ganz
ausgerottet werden, so würde es Zeit sein, dergleichen in der andern
Halbkugel, wo sie bekanntermaßen häufig sind, aufzusuchen."
Aus den Menschen des Abendlandes, die über anderthalb Jahrtausende
hinweg eine apokalyptische Weltwende teils gefürchtet, teils
herbeigesehnt hatten, waren nun deren Vollstrecker geworden. Sie
nahmen es auf sich, andere Völker ins Gelobte Land der Zivilisation
zu führen, sofern sie ihnen nicht vorher unter den Händen
wegstarben.
Welches Ausmaß und welche Geschwindigkeit dieser Prozess bald
annehmen würde, konnte Forster nicht voraussehen. Von Dampfmaschinen
und Dampfschiffen, von Lokomotiven und Elektrizität wusste er so
wenig wie von Bombenkrieg und Giftmülldeponien. Im Eismeer hatte ihn
freilich schon eine Vorahnung überfallen. Jene "düstere Traurigkeit,
welche unter dem antarktischen Himmel herrscht, wo wir oft ganze
Wochen lang in undurchdringliche Nebel verhüllt zubringen mussten",
mag seine melancholische Vision beflügelt haben. In scheinbar ewiger
Dämmerung, von gespenstischen Vögeln umflogen zählten Cooks Männer
168 Eisinseln, von denen selbst die kleinsten größer waren als ihr
Schiff. Und Forster notierte:
"Dies stellte einen großen und
fürchterlichen Anblick dar. Es schien, als ob wir die Trümmer einer
zerstörten Welt, oder, nach den Beschreibungen der Dichter gewisse
Gegenden der Hölle vor uns sähen, eine Ähnlichkeit, die um so mehr
auffiel, weil von allen Seiten ein unablässiges Fluchen und Schwören
um uns her tönte."
Forsters Vision von den Trümmern einer zerstörten Welt, die im
Eismeer treiben, nimmt Visionen vom Weltende vorweg, wie sie ein H.
G. Wells in seinem Roman "Die Zeitmaschine" und wie sie die Physik
im Bild vom Kältetod des Universums entworfen hat. Und sie erinnert
heute auch an das Schicksal jener Wikingerkolonie auf Grönland, die
während des mittelalterlichen Klimaoptimums gegründet wurde, um dann
im Laufe einer neuerlichen Abkühlung elend unterzugehen. Aber
Forster steht hier auch in der Tradition maritimer
Untergangsszenarien, die sich um Schiffbrüche rankten. Auf den
Weiten des Ozeans war jedes Schiff eine kleine Welt, und jedes
Schiffsunglück war ein kleiner, sinnbildlicher Weltuntergang.
Gegen die Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts sprach dann
ein Bild, das Théodore Géricault 1819 für die Ausstellung im Pariser
Salon einreichte: "Das Floß der Medusa*" griff den Untergang einer
französischen Fregatte auf und zeigt deren dem Wahn, dem Hungertod
und dem Kannibalismus verfallene Besatzung. Géricault malte die mit
dem grausamen Meer ringenden Männer als athletische Kämpfer, die
sehr wenig mit jenen gespenstischen Gestalten zu tun haben, in die
sich die Überlebenden wirklicher Schiffbrüche verwandelt hatten.
Umso stärker aber wirkte die Dramatik des Geschehens, die dem
Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts ein Bild des Scheiterns und
der Not entgegensetzte.
* war sehr schön gewesen. Als Pallas Athene sie jedoch bei einer Buhlschaft mit Poseidon in einem ihrer Tempel überraschte wurde sie von der erzürnten Athene in jene Gestalt verwandelt unter der sie allgemein bekannt ist: Ein geflügeltes Ungeheuer das statt Haaren Schlangen auf dem Kopf trug mit glühenden Augen riesigen Zähnen und einer hervorhängenden Zunge. Das Gesicht der Medusa war so hässlich dass man sofort zu Stein erstarrte wenn man sie ansah.
Es ist wohl kein Zufall, dass der große Aufbruch der Europäer zur
Erschließung auch noch der fernsten und lebensfeindlichsten Regionen
der Erde von solchen Visionen des Untergangs begleitet wurde. Mit
dem Aufwand stiegen die Risiken, und mit der Zahl der Passagiere
wuchs auch die Zahl der möglichen Opfer. Als Géricault sein Floß
malte, hatte Thomas Robert Malthus schon sein "Bevölkerungsgesetz"
formuliert, nach dem die Zahl der Menschen bald unweigerlich
schneller steigen würde als der Zuwachs an Nahrung. Zwar hatte
Malthus die Potenziale industrieller Landwirtschaft weit
unterschätzt, doch die Explosion der Weltbevölkerung hat inzwischen
stattgefunden. Géricaults Floß wurde zum Gegenbild von Noahs Arche.
Aus der rettenden Arche ist ein Ort der Verzweiflung geworden. Das
Floß ist zugleich voll und leer, denn es fehlt seiner Besatzung fast
an allem, was zum Leben notwendig ist. Die Zeit ist nah, wo sie
beginnen werden, einander zu verzehren.
Das 19. Jahrhundert erlebte viele solcher Hungertragödien. Im 20.
Jahrhundert haben dann Stalin und Mao (aber auch
Hitler) Millionen von Menschen ermorden lassen, indem sie den Hunger gegen die eigene Bevölkerung
einsetzten. Eine Kartoffelkrankheit hat 1845/46 eine Million Iren
das Leben gekostet, und noch viel verheerender wirkte sich in den
Jahren 1876 bis 1879 das Ausbleiben der Monsunregen in Asien aus.
Schätzungen gehen davon aus, dass wegen der Ernteausfälle allein in
China und Indien unter den Augen europäischer Kolonialherren über 20
Millionen Menschen verhungert sind. In seinem Buch "Late Victorian
Holocausts" beschreibt der amerikanische Journalist Mike Davis, wie
mittels solcher Naturkatastrophen die "Dritte Welt" geschaffen
worden sei, denn als die Menschen in Indien verhungerten, stand dort
der Handel mit Getreide unter britischer Kontrolle. Doch im
Vaterland des liberalen Denkens wurde entschieden, dass man die
Beseitigung des Hungers lieber dem Markt überlassen sollte, was auf
den Tod der Hungernden bei weiterem Nahrungsexport nach Europa
hinauslief.
Im Westen gewöhnte man sich im 19. Jahrhundert daran, dass in der
"Dritten Welt" gehungert und verhungert wurde, und dass sie nichts
mit jener besseren Welt gemein hatte, auf die sich einst
apokalyptische Hoffnungen gerichtet hatten. Aus dem Himmel auf
Erden, als den sich die Apokalyptiker des Mittelalters und der
frühen Neuzeit die ihnen verheißene "Dritte Welt" vorgestellt
hatten, war das Synonym für ein riesiges Armenhaus geworden - ein
Schauplatz für künftige Stellvertreterkriege und für die Müllexporte
der Industrieländer und zugleich deren Rohstofflager.
So gerieten jene Dürrejahre in Asien wieder in Vergessenheit, aber
heute muten sie wie ein Vorgeschmack auf eine globale
Klimakatastrophe an. Ursache des Wassermangels war ein Phänomen, das
wegen seines Auftretens zur Weihnachtszeit El Niño, das Christkind,
getauft wurde. Dabei handelt es sich um Änderungen im
ozeanisch-meteorologischen Strömungssystem des äquatorialen
Pazifiks, die das Wetter auf großen Teilen der Erde beeinflussen. An
der südamerikanischen Westküste kommt es zu sintflutartigen
Regenfällen, in Südostasien und Australien bleibt der Regen aus, und
vor der peruanischen Küste verschwinden die gewaltigen
Planktonschwärme, die sonst für den Fischreichtum dieser Region
sorgen. Dieses Christkind hinterlässt einen leeren Gabentisch, aber
lange Zeit war es zu exotisch, um in Europa wahrgenommen zu werden.
Nur der anarchistische Schriftsteller und Ex-Matrose Theodor
Plievier hat das Wüten El Niños schon in den 1920er Jahren
beschrieben und seinen Namen zum Titel einer Erzählung gemacht. Es
passte zu seinem apokalyptischen Weltbild, in dem Kapitalismus und
Sozialismus sich in gemeinsamer Agonie aufheben würden. Während die
Fluten El Niños eine lateinamerikanische Stadt verheeren und sich
die Menschen in "Meuten hungernder Tiere" verwandeln, bricht aus dem
Wüstensand anarchisch wucherndes Leben hervor:
"Wo vorher Wüste war mit sandgrauen
Flächen, Geröllfeldern, Schotterhalden, wo schauerlich kahle
Steinwände und nackte Felsenpiks in der Sonne badeten und nicht eine
Spur von Vegetation war, wogen mannshohe Gräser, hängen saftgrüne
Matten, breiten sich üppige Polster tropischer Blumen aus. Heiße,
brennende Farben, wohin das Auge hinblickt! Wogen wilder leuchtender
Blüten schütten sich bis an die Gestade des Ozeans aus.
Aber die jäh aus dem Boden gestiegene Schöpfung dampft noch von
Blut. Mitten in diesem Pandämonium geiler, rauschender Kräfte steht
die zerbrochene Stadt."
Die neue Schöpfung geht hier aus einem blutigen Geburtsakt hervor,
der die Behausungen der Menschen wie eine Eierschale zermalmt. Für
Plievier konnte eine weltumwälzende Offenbarung nur aus den Kräften
der Natur hervorbrechen, die auch im Menschen selbst wirksam waren
und ihn zur Revolte gegen Staaten und Kirchen drängten. Anders als
der Aufklärer Georg Forster feierte er nicht die freigeschlagene
Lichtung, sondern den Urwald, der sie zurückeroberte. Gerade in der
Katastrophe zeigte sich ihm die Natur, wie sie wirklich war,
offenbarte dabei jene Kräfte, von denen sich der Anarchist eine
große Weltwende erhoffte.
Forster wie Plievier aber irrten sich. Die Pflanzen Neuseelands
waren keineswegs so wild und sich selbst überlassen, wie der
Forscher annahm. Und die Natur ist nicht so revolutionär, wie der
anarchistische Schriftsteller hoffte. Pflanzen stehen in engster
Wechselwirkung mit ihrer Umwelt und in beständiger Konkurrenz
untereinander, doch ihr Kampf ums Dasein kennt keine anderen Ziele
als ein Fortbestehen als Individuum und Art. Das Leben insgesamt hat
sich stets opportunistisch verhalten, hat das Land und die Luft
dadurch ebenso erobert wie Berggipfel und Tiefsee. Dabei hat es sich
entwickelt und seine Umwelt ebenso, doch diese Entwicklung mündet in
keinen stabilen Zustand.
In Eiszeiten verschwanden ganze Wälder und mit ihnen zahllose
Pflanzenarten unter Gletschern. Seen verlanden, und gestaute
Bachläufe überfluten Täler. Schwemm- und Flugsand lassen Düneninseln
entstehen. Sturmfluten reißen sie erneut ins Meer. Die Natur ist
kein Paradies, in das der Mensch gewaltsam eingegriffen hat. Und
wenn er aus einer von ihm geschaffenen Kulturlandschaft
verschwindet, gewinnt sie Terrain zurück. Aufgelassene Straßen
brechen auf, Häuser verfallen, Felder werden überwachsen. Das ist
keine Katastrophe. Das ist einfach so.
Nur der Mensch hat versucht, in solchen Prozessen mehr zu sehen, als
es darin zu sehen gibt - einen Sinn, einen Plan, ein Ziel. Und das
selbst da und gerade da, wo die Natur sich gegen ihn zu richten
scheint. Je besser und schneller wir über das Geschehen in aller
Welt unterrichtet werden, desto stärker nämlich wird der Eindruck,
dass sich solche Katastrophen häufen. Das ist sogar wahrscheinlich,
aber es wäre unsinnig anzunehmen, die geschundene Natur schlüge
damit zurück. Wir messen Naturkatastrophen an der Zahl menschlicher
Opfer, und je mehr Menschen an Vulkanhängen, in Wintersportgebieten
und in wasserarmen Regionen leben, desto größer wird die Zahl
potenzieller Opfer, die zu Katastrophenmeldungen Anlass geben
könnten. Und je mehr diese Menschen miteinander kommunizieren, desto
näher kommen uns solche Katastrophen.
Im Global Village passiert heute alles in unserer Nachbarschaft, und
alles ist Umwelt. Der Nachbar von gegenüber kommt bei einem Tsunami
in Südostasien um. In Europa sterben Jugendliche an Rauschgift, das
am Hindukusch geerntet wurde. Alles ist Teil eines immer weiter
zusammengewachsenen Geflechtes. So gibt es kaum ein Risiko mehr, das
nicht auch uns direkt oder indirekt betrifft, keine Gefahr, die
nicht auch uns bedrohlich erscheint. Der Historiker François Walter
spricht deshalb von einer "Hochkonjunktur des Alarmismus", die sich
selbst verstärke, weil das Warnen, Mahnen, die Risikovorsorge und
die Gefahrenabwehr längst zu einem Geschäft geworden seien:
"Man schwankt unablässig zwischen Risiko
und Gefahr, wobei Ersteres vorhersehbar und quantifizierbar ist, und
das Zweite, weniger durchsichtig, einer ökonomischen Ausbeutung das
Feld bereitet. Wie der Soziologe Ulrich Beck schreibt, ist die
Risikoforschung wie ein Bazillus, der von der Risikoforschung
gespeist wird, die sich immer weiter in Richtung Unsicherheit
ausdehnt, für deren Begrenzung sie eigentlich zuständig sein
sollte."
In ständiger Vorsorge befangen, droht der Mensch sich zu verlieren.
Ständig mit fernen und drohenden Katastrophen beschäftigt, schwindet
sein Sinn für das alltägliche Unglück um ihn herum. Nicht nur
Killerspiele stumpfen ab, sondern auch Katastrophenberichte. Hier
droht Melancholie, droht jene Erkaltung, jene Trägheit des Herzens,
die das Mittelalter zu den Todsünden zählte. Angesichts der neuen
Unübersichtlichkeit, angesichts der zunehmenden Kälte unserer
Gesellschaft scheinen sich die Menschen nach einem großen
Generalthema zu sehnen, mit dem sich die Zukunft gemeinsam
bewältigen ließe. Nach Rot, Schwarz und Gelb hat in der Politik
plötzlich wieder Grün die größten Zuwächse.
Doch hier geht es eher um Versöhnung als um apokalyptische
Eskalation. Trotz aller Katastrophenszenarien ist uns eine neue
Offenbarung ferner denn je und damit auch die Hoffnung auf eine
religiöse, soziale, politische oder ökologische Erlösung. Zwar hat
die Klimadebatte neuerlich Weltuntergangsängste beschworen, Gläubige
von Ungläubigen geschieden und einen modernen Ablasshandel mit
Emissionsrechten in Gang gesetzt. Zwar kursieren wie zu Zeiten der
Glaubensspaltung zahllose Traktate, die verkünden, wie man vom
Klimasünder zum Klimaengel werden könne. Zwar werden Skeptiker als
Irrgläubige denunziert und seriöse Mahner als korrupte Karrieristen,
aber die rechte apokalyptische Stimmung mag sich nicht einstellen.
Den Ausbruch eines Vulkans auf Island wollte man unlängst keineswegs
als bedrohliches Vorzeichen gedeutet wissen, sondern freute sich
über ein paar Tage ohne Fluglärm. Selbst dramatische Warnungen vor
dem Klimawandel ließen die allgemeine Stimmung nicht eskalieren,
weil es zwar höchste Zeit zum Handeln sein sollte, aber die Zeit des
Wandels noch nicht absehbar schien. Die Voraussagen steigender
Temperaturen und Wasserstände bezogen sich auf Zeiträume, die die
meisten Menschen nicht mehr oder nur noch zum Teil erleben würden.
Ausdrücke wie "Klimawandel" und "Erderwärmung" erweckten zudem den
Eindruck eines langsam voranschreitenden Prozesses und nicht den
einer jähen Weltwende. Zudem leben wir noch immer in der
Vorstellung, es gebe für uns noch eine "Dritte Welt", in der sich
Armut und Naturkatastrophen konzentrieren und auslagern ließen.
Man will nicht wahrhaben, dass die Armut, der Hunger, die Kälte und
sinkende Lebenserwartungen längst auch im Westen wieder Einzug
gehalten haben. Man möchte sich den Frieden, den man mit der Welt
und der Natur gemacht zu haben glaubt, nicht durch apokalyptische
Mahner stören lassen. Aber die Grenzen des Wachstums werden längst
nicht mehr allein von Naturschützern beschworen, sondern auch von
Ökonomen und Sozialwissenschaftlern. "Und jetzt der Schock: Es gibt
kein ,mehr'. Weder Geld noch Wachstum", schreibt Meinhard Miegel in
einem Buch, das immerhin "Wohlstand ohne Wachstum" verheißt. Doch
der Schock verpufft, denn an Katastrophenmeldungen ist man
inzwischen gewöhnt.
So spart man Energie, reduziert Emissionen, macht seine Geschäfte
mit Wind- und Solarenergie, plant einen klimaneutralen Urlaub auf
den Malediven. Man hat ein gutes Gewissen, weil man ja tut, was man
kann, und schaut weg, wenn die abgerissenen Leute mit den
Einkaufswagen vorüberziehen. Nur manchmal wundert man sich über
jenes leise Kältegefühl, das man in seinem Inneren verspürt. Das
scheint von draußen zu kommen, von der Straße, die in unsere Zukunft
führt.
Die in kleinerer Schrift (2 [10pt]) eingesetzten Zusätze in Klammern oder nach * sind im Gegensatz zu der jetzt zu sehenden Schriftgröße (3 [12]) von Walter Rath