Tiere sind nicht anders
Auf dieser Seite: Erfahrungen mit Elstern, einer Ente, einem Pferd, Katzen
danach:
>Hier< 9 Bilder von Katzen;
>hier< Intelligenz von Tieren;
"Charaktertest im Tierreich - Von feigen Löwen und mutigen Läusen":
>hier< zur Individualität der Tiere;
>hier< über die Neugier bei Tieren.
Verhaltensforschung: "Primaten" >hier<;
insbesondere den Bonobos >hier<
(Übersicht Evolution >hier< direkt);
Erfindungsbegabung >hier<;
zur Intelligenz von Graupapageien >hier<;
und von Rabenvögeln >hier<;
Tiere verständigen sich auch durch "Sprache" >hier<;
Lernen von Sprachverstehen >hier<.
>Hier< auf einer getrennten Seite: zu den Insekten
(zuerst den Bienen und von da zu den Ameisen
mit einigen Bildern u.a. von einer traditionell
chinesischen Beerdigung).
Vor sehr vielen Jahren schenkte mir jemand ein Buch betitelt: "Tiere sind ganz anders!" Damit sollte ich von meiner Zuneigung zu meinen Mitlebewesen "geheilt" werden. Selbst konnte ich jedoch nur feststellen, dass Tiere nicht viel anders sind als Menschen in der ganzen Bandbreite von Charaktereigenschaften, Verhaltensformen und Gefühlen. Meine Erlebnisse und Erfahrungen wären jedoch Buchbände füllend. Einiges nur kurz:
Im Frühjahr 1945 hatte ich das Glück, zwei, von Mitmenschen aus dem Nest geworfene, noch federlose Elstern aufziehen zu können. Wegen des erst im Herbst des Jahres wieder beginnenden Schulbetriebes widmete ich mich den Tieren sehr intensiv. Sie konnten Stimmen imitieren, jedoch habe ich nie gehört, dass sie menschenähnliche Worte oder Töne von sich gaben. Sie konnten Amselgesang, Spatzen, die Katze, den Gockelhahn kaum unterscheidbar nachahmen und dazu eindeutig in einem Zusammenhang, meistens in Gegenwart dieser Tiere. Sie wussten offensichtlich ganz genau, wer welche Stimme von sich gab. Sie ärgerten den Hahn, indem sich eine vor ihm und die andere hinter ihm postierte. Die hintere zupfe den Hahn am Schwanz, der sich sofort herumdrehte, was diesmal die daraufhin hinter ihm stehende Elster dazu bewegte, ihm jetzt an die Federn zugehen. Nach einer Weile dieses Spiels krähte der Hahn hoch aufgerichtet und mit den Flügeln schlagend, wobei die Elstern ihm dieses Gehabe naturgetreu nachmachten, also auch krähten und mit den Flügeln schlugen. Meine Malutensilien wurden versteckt, aber nach einiger Zeit vollständig wiedergebracht. Sie öffneten die Schürze meiner Mutter während der Gartenarbeit. Sie bewachten den Garten. Spaziergänger ergriffen die Flucht wegen des lauten Gekreisches der Elstern. Sie wetteiferten im Flug mit mir, wenn ich auf dem Fahrrad saß...
Wie gesagt, die Erlebnisse mit Tieren wären Bände
füllend, wie mit der zahmen Ente auf meinem Schoss, die versuchte, meine Haut mit
ihrem breiten Schnabel wasserabweisend einzureiben, wie ihr eigenes Gefieder,
wobei sie ständig "Nachschub" aus ihrer Zirbeldrüse oberhalb des Afters holte.

Noch ein Beispiel: Eine Kuh öffnete mit ihren Hörnern die Weideumzäunung immer wieder, wenn die Fläche abgegrast war. Sie nahm den mit elektrischen Stromschlägen eingespeisten relativ dünnen Draht so zwischen ihre Hörner, dass diese als Isolator wirkten, sie also nichts von den Stromschlägen spüren konnte. Wurde jetzt ihr Kopf auf den Betrachter zu gedreht, spannte sie den Draht bis zum Bersten. Dann führte sie die ganze Herde zu "neuen Gefilden" und brachte sie nach Sättigung laut muhend zum Stall. Sie entwickelte sich als ein ganz seltenes und außergewöhnliches Exemplar zu einer ausgezeichneten "Führungskraft", was sie jedoch nicht vor ihrer Ermordung durch einen Schlächter schonte...
Ein Pferd, das ich in nahezu völliger Dunkelheit im Galopp durch einen Wald ritt, blieb plötzlich stehen. Nachdem ich abgestiegen war, bemerkte ich einem dicken Baumast, der mich auf dem Pferd sitzend genau am Kopf getroffen haben würde.
Über meine Erfahrungen mit Katzen kann ich kaum berichten, da es zu weit führen würde. Jedenfalls war ich im Laufe meines Lebens insgesamt mit über dreißig ausprägten Individuen zusammen. Jedes Tier unterschied sich von jedem anderen durch Aussehen, Charakter und vor allem Intelligenz mit besonderem Hervortun gegenüber anderen aus der Rasse. Ein kastrierter Kater zog ein verwaistes Jungtier auf, was vor allem zur Sauberkeit erzogen wurde. Diese Katze hatte als einzige so etwa wie Humor, biss mich durch Bettdecke vorsichtig immer stärker in einen der großen Zehen. Wen es mir weh tat und ich "Auah!" rief, sprang sie runter auf den Teppich, an dem sie heftig kratzte, wie immer wenn sie sich erfolgreich fühlte. Sie rannte offensichtlich freudig umher. Diese Verhaltensweise zeigte sie auch, wenn sie mir von hinten einen meiner offenen Sandalen nach vorne vom Fuß geschlagen hatte und ich stolperte.
Wenn ich hinter ihr her ging und anbot: "ich trage dich", lief sie so weit vor mir her, dass es mir nicht gelang, sie zu packen. Nach einiger Zeit dieses Spiels rannte sie davon und warte in Lauerstellung wie bei einer Angriffvorbereitung, mit dem Hinterteil wackelnd, so wie es Katzen tun, um den Untergrund auf Festigkeit für einen Sprung zu testen. Der Angriff erfolgte. Aber das Tier sauste an mir vorbei mit einer sanfte Berührung und einem Laut wie "Brummm". Es war eine sehr sprechfreudige Katze. Erst, wenn ich fragte: "mußt du wieder das letzte Wort haben?", endete sie unser Gespräch mit einem deutlichen "Ühümm". Die soeben beschriebenen Verhaltensweisen konnte ich nur bei diesem Tier beobachten.
Eine andere Katze kannte mich so gut, dass nur dann sie aus dem Garten ins Haus kam, wenn ich vollkommen aufgeregt wurde, weil ich dringend fort musste und das Haus abschließen wollte. Ich konnte sie nicht täuschen.
Katzen können Autos ab einer Entfernung von fast einem Kilometer unterscheiden. Sie springen dann schon auf das Fensterbrett und warten auf die Ankunft dieses Autos, das sie kennen. Ich wollte doch wenigstens ein paar Beispiele anzumerken.
Es gibt inzwischen sehr viele Forschungen an völlig unterschiedlichen Tierarten, angefangen bei Blattläusen über Haustiere bis zu den Primaten, zu denen auch wir Menschen gehören. Selten wird erwähnt, dass insbesondere eine wichtige Rolle spielt, in wie weit die Erfüllung von Grundbedürfnissen der Tiere - sprich keine Ernährungssorge - eine Rolle spielen. Rabenvögel - meine Erfahrungen mit Elstern - unterscheiden sich von Kleinkindern grundsätzlich nicht nach dem Verschwinden der Sorge um die Ernährung. Sie werden verspielt und neigen zu Streichen, wie Gegenstände verstecken (diebische Elster), die sie aber immer nach einiger Zeit wieder bringen. Anschließend einige Beispiele für Katzen:
Katze namens Imprévu beim Umhertollen
Katze namens Igel wird zum Spiel aufgefordert - und Willensbekundung

Das Sozialverhalten verändert sich, nachdem die Grundbedürfnisse erfüllt sind

Die Zuneigung der Zwillinge war nicht so besonders groß
Papier wird zerrissen - einmal hatte die Katze den ganzen Boden mit Fetzen gefüllt. Leider wurde das nicht fotografiert.
Solche Beschreibungen wie von mir sind von allen Haustierbesitzern zu hören, meist in Verbindung mit schmeichelhaften Beschreibungen wie "schlau", "anhänglich" und "treu", "mutig", was von vielen Wissenschaftlern für unzulässige Vermenschlichungen gehalten wurden (und noch werden, insbesondere von den "Käfig-Beobachtern").
Die Intelligenz von Tieren wird inzwischen ganz systematisch untersucht, wobei es wichtig ist, mit den Tieren, also den Probanden (= Testtieren) möglichst so viel wie möglich zusammen zu sein in einem zwanglos und spielerisch wirkenden Umfeld. Käfigtierbeobachtungen sind nicht aussagekräftig. Ferner ist Voraussetzung, dass die zu untersuchenden Tiere von der Not der Nahrungssuche befreit sind.
Unverkennbar gibt es ja auch den gewaltigen Verhaltensunterschied zwischen "Fronarbeitern" und satten, sowie gut ausgebildeten Menschen. Mir sagte zum Beispiel einmal ein Akademiker (also jemand mit abgeschlossener Hochschulausbildung), dass sein in einem Bergwerk (also "unter Tage") arbeitender Vater einen großen Fehler gemacht habe, indem er seinen Sohn auf die Uni ließ. Spätestens nach seinem Examen habe er sich kaum noch mit seinem Vater unterhalten können. Aus diesem Beispiel kann abgeleitet werden, dass die Lebensqualität eines Menschen auch von seinem Bildungsniveau beeinflusst wird.
Eine statistische Aussage über eine Rasse bzw. eine Art einer Lebensform muss nach den vorher genannten Beispielen genauso breit in der Verteilungskurve von individuellen Beobachtungen angelegt sein wie bei Menschen, wo man einen Albert Einstein an einem Ende und einen Adolf Hitler an dem anderen einordnen kann. Bauarbeiten, Führungskräfte (wie Durchschnittsbanker) liegen dann, was intelligentes Verhalten betrifft, genau in der Mitte.
Die Monatszeitschrift PM 12/2011 brachte einen Artikel zur Individualität von Tieren unter der Überschrift: "Charaktertest im Tierreich - Von feigen Löwen und mutigen Läusen" und weiter: Eine neue Forschungsdisziplin untersucht die Persönlichkeit von Tieren. Ob Raubkatze oder Erbslaus - alle zeigen erstaunliche Ähnlichkeiten mit menschlichem Verhalten. Aber warum eigentlich? Nicht alle Löwen sind gleich. Die einen zeigen die Zähne und stürzen sich furchtlos in den Kampf, währen die anderen abwartend reagieren. Wozu braucht ein Löwe Persönlichkeit? Ist der tierische Charakter ein Irrtum der Natur?
Es wird berichtet: Spielt man einem Rudel Löwen Gebrüll von Artgenossen vom
Band vor, so stürmt ein Teil der Tiere unverzüglich los, um sich in den Kampf zu
stürzen. Andere halten sich dagegen auffällig im Hintergrund. Nur wenn die
Vorangestürmten signalisieren, dass sie Hilfe benötigen, wagen sich auch einige
der abwartenden Löwen aus der Deckung. Es gibt also eindeutig unterschiedliche,
aber für das Individuum zeitlebens beibehaltene Charakterzüge: die Mutigen und
die Zögerlichen (als Extreme). Sind letztere nur feige oder klüger? Das ist die
Frage.
Mehr als 100 Tierarten sind inzwischen (als bekannt) untersucht worden, darunter
nicht nur unsere artverwandteren Säugetieren, sondern auch Eidechsen,
Einsiedlerkrebse, Tintenfische, Stichlinge und beispielsweise Meisen, ja sogar
Läusen, worüber vor Kurzem eine Studie von der Biologin Wiebke Schütz von der
Universität Osnabrück erschien.
In den 1970er Jahren galt es bereits als Verstoß gegen die wissenschaftlichen Regeln, wenn Primatenforscher ihren Affen Namen gaben – Affen, mit denen sie jahrelang Seite an Seite im Dschungel lebten. Außerdem hatte man schon genug Schwierigkeiten damit, das Verhalten einer ganzen Tierart in das enge Korsett der wissenschaftlichen Sprache und Messgrößen zu zwängen. Müsste man auch noch individuelle Unterschiede bei seinen Untersuchungsobjekten beachten, würde man nie zu eindeutigen Aussagen Über das Verhalten einer Tierart kommen, so glaubten die Wissenschaftler lange.
Der Ornithologe Jakob Müller vom Max-Planck-Institut im oberbayerischen Seewiesen berichtete in einer Presse-Information vom 9.2.2010, dass es ähnlich wie bei Menschen-Individuen auch bei Tieren unterschiedliche Persönlichkeiten gibt. "Ein wichtiger Teil dieser individuellen Unterschiede basiert auf der Variation der zugrunde liegenden Gene. So beeinflusst das so genannte Dopamin Rezeptor D4-Gen das Erkundungsverhalten einer ganzen Reihe von Arten, einschließlich des Menschen und der Vögel." So gesteht er Kohlmeisen zu, dass sie »einen Charakter ähnlich wie Menschen haben«. Kohlmeisen sind geschickte Kletterer und Flugakrobaten. Individuen mit einer bestimmten Genvariante sind darüber hinaus noch besonders neugierig - allerdings nur in manchen Populationen...
Sam Gosling leitet an der University of Texas in Austin das Institut für Tierpersönlichkeit und gibt folgende Beschreibung: »Ein introvertierter Mensch verzieht sich auf einer Party allein in eine Ecke – ein schüchterner Tintenfisch versteckt sich in seiner Tintenwolke.« Er sieht vor allem die Schwierigkeit, Tierpersönlichkeiten verlässlich zu messen und einzuordnen. Man kann ja keine Fragebögen austeilen und ist nur auf Beobachtungen angewiesen und diese benötigen unendlich viel Zeit.
Dazu meine Meinung: Unter Laborbedingungen kann man natürlich herausfinden,
ob ein Lebewesen sehr neugierig ist. Aber das kann gleichzeitig verdeckt werden
durch die Anpassungsschwierigkeiten an eine völlig unbekannte Umgebung, in der
es keine Rückzugsmöglichkeit in einen bekannten Raum gibt - eine glatte
Überforderung. Bei meinen vielen Umzügen mit meinen Katzen konnten letztere
ihrer fast unstillbaren Neugierde nachgehen (ein englisches Sprichwort:
Neugierde tötet die Katze), aber - bitte schön - wenn ich in der Nähe war; denn
von mir erwarteten sie Schutz. Letzteres fehlt bei den
Versuchen und Beobachtungen der Glaskastenwissenschaftlern. Beobachten konnte
ich sogar, dass einige Individuen als fremde Tiere, ob Vögel oder sogar
Giraffen in Kenia (Bild rechts) in mein Haus zumindest schauten, wenn ich
Türen oder Fenster aufließ.
Wie interpretieren nun unsere Wissenschaftler die Ergebnisse vom Standpunkt der Evolution aus, wonach noch der am besten angepasste, der fitteste überlebt: Es gibt beispielsweise bei von der bereits oben erwähnten Biologin Wiebke Schütz die Beobachtung, dass ihre ängstlichen Blattläuse sich beim ersten Anblick von ihren Todfeinden, den Marienkäfern, einfach zu Boden oder sonst wohin fallen ließen. Andere warteten ab und wurden als mutig eingestuft. Sie riskierten zwar ihr Leben, behielten jedoch ihre Futterstelle, wenn alles gut ging, während die "Feiglinge" sich neue Futterplätze suchen mussten. Frau Schütz hat nicht beobachtet, ob die Läuse nicht vielleicht beide Strategien beherrschten: abwarten oder fallen lassen. Ich könnte keine Blattlaus von einer anderen unterscheiden. Dennoch wird ein Trennungsstrich gezogen zwischen den mutigen und den ängstlichen, und die Frage gestellt: Warum folgen dann alle Läuse ihrem jeweiligen festen Programm – entweder immer zu fliehen, oder immer »mutig« zu bleiben? und gibt als Antwort: Auf jeden Fall hätte eine Laus, die beide Strategien beherrscht, deutliche Vorteile.
"Außerdem", so fragt sich die mit Stichlingen arbeitende Forscherin Alison Bell (Bell Laboratories - Evolution und Verhalten / Genen und Verhalten)) von der University, Illinois, "wenn sich ein einzelner Fisch dank seiner Unerschrockenheit die beste Nahrung und die besten Fortpflanzungschancen sichert, warum haben dann nicht alle Fische den gleichen mutigen Charakter?" Bei PM. ist daraufhin zu lesen: "Dass dominante Tiere bei Futter oder Sex eher zum Zug kommen, haben Studien belegt. Warum es dennoch auch schüchterne Vögel, Fische und Schafe gibt – das versteht man erst, wenn man den Blick vom Individuum auf die Gruppe erhebt.
So veröffentlichte Franjo Weissing von Universität zu Groningen, Niederlande, vor einiger Zeit ein Computermodell, mit dem er den evolutionären Vorteil belegte, den eine Population einer beliebigen Tierart hat, wenn sie sowohl aus schüchternen wie aus dreisten Individuen besteht. Letztere erkunden als Erste die besten Nahrungsquellen, finden schnell einen Fortpflanzungspartner und leiden nicht unter dem sozialen Stress, den rangniedrige Gruppenmitglieder oft aushalten müssen.
Irgendwann aber wird ihnen die eigene Unverfrorenheit zum Verhängnis: Sie verletzen sich auf ihren Streifzügen oder werden in einem unvorsichtigen Moment gefressen. Dann kommt der große Moment der vermeintlich Benachteiligten: Nun erhalten auch die Zaghaften Zugang zu guten Nahrungsquellen und einem Partner.
Die optimale Strategie für das Uberleben einer Gruppe liegt also darin, möglichst verschiedene Persönlichkeitstypen zu enthalten. Auf die richtige Mischung kommt es an – dann kann sich jedes Mitglied der Gruppe fortpflanzen und was wie ein Trost für schrullige Einzelgänger oder Angsthasen klingt, lässt sich mit Feldstudien belegen. »Entscheidend ist, dass es nicht zu viele Individuen des gleichen Typs geben darf«, sagt Weissing... Ein einzigartiger Charakter kann also selbst dann wertvoll sein, wenn er auf den ersten Blick ungünstig erscheint. Die simple Weisheit, dass nur die Großen, Starken und Mutigen überleben, mag sich zur Untermauerung kruder Ideologien eignen. Der Wirklichkeit entspricht sie nicht. Denn auch der kann sich trösten, der keinen heldenhaften Charakter besitzt: Einzigartigkeit ist Trumpf, und ist jemand auch noch so schrullig – möglicherweise tut er der Gesellschaft als Ganzer damit etwas Gutes."
Kommen wir jetzt schließlich doch noch zu den Untersuchungen von unseren Mit-Primaten, den Affen mit ein paar betrachtenden Sätzen aus der Zeitschrift Focus, 2/2006:
"Tiere meiden Neuerungen – jedenfalls so lange es irgendwie geht“, sagt Carel van Schaik* und lächelt: Als wenn das bei Menschen anders wäre. Aber auch wenn es oft so scheint, als wäre Homo sapiens genauso innovationsfeindlich wie das Alphamännchen einer Berggorilla-Sippe, gibt es einen entscheidenden Unterschied. „Der Mensch muss irgendwann Anreize für Innovationen geschaffen haben“, sagt der Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich. Denn sonst würden wir uns heute wohl kaum von unseren nächsten Artverwandten, den Menschenaffen, unterscheiden.
* geboren 1953 (Niederlande), seit 2004 Prof. am Antropologischen Institut & Museum in Zürich
Auch Tiere schaffen Innovationen. Wild lebende Schimpansen nutzen Steine als Hammer und Amboss, um Nüsse zu zerschlagen. Artgenossen in Gefangenschaft lernen schnell, Kisten übereinander zu stapeln, um an hoch hängende Früchte zu gelangen. Die berühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall beobachtete, wie Schimpansen Stöckchen verwenden, um Termiten aus ihren Bauten zu angeln. Gorilladamen im nördlichen Kongo loten mit Stöcken die Wassertiefe von Tümpeln aus und stützen sich beim Waten darauf wie auf eine Gehhilfe. Galapagos-Finken stochern mit Kaktusstacheln nach Insekten in Astlöchern. Delphine wickeln sich Schwämme um ihre Schnauzen, um sich beim Stöbern nach Fressbarem am Meeresgrund nicht zu verletzen.
Aber Tiere ersinnen neue Verhaltensweisen nicht aus freien Stücken, sondern nur unter einem gewissen ökologischen Druck. Dem sind vor allem jüngere oder rangniedere Tiere ausgesetzt oder alle, wenn das Leben aufgrund veränderter Umweltbedingungen nicht mehr wie vorher verlaufen kann. Dann sind neue Verhaltensweisen plötzlich überlebenswichtig – wer sich nicht anpassen kann, stirbt aus.
Menschen sind anders. Sie bekommen Anerkennung, wenn sie etwas Besonderes geleistet oder eine Erfindung gemacht haben. Unter Tieren, auch unter Menschenaffen, habe Anerkennung jedoch keinen Wert, „weil man sie nicht essen kann“, sagt van Schaik. Nur beim Menschen scheint es so was wie eine Innovationskultur zu geben, die sozial und nicht ökologisch motiviert ist. Warum Erfinden plötzlich zu einer prestigeträchtigen Sache wurde, vermag der gebürtige Holländer nicht zu sagen. Aber er vermutet, dass sich das Sozialverhalten unserer Vorfahren aufgrund widriger Umweltbedingungen veränderte. „Es gab mehr Kommunikation und mehr Zusammenhalt.“Im Tierreich verschwinden Innovationen rasch wieder, weil es kaum Wege gibt, die neuen Erfahrungen auch nur von einem Individuum zum nächsten oder gar über Generationen hinweg weiterzugeben. Van Schaik entdeckte allerdings auf der Insel Sumatra in Indonesien eine Gruppe von Orang-Utans, die neben vielen weiteren Neuerungen eine Methode hatte, um mit Stöckchen nahrhafte Samen aus ihrer Hülle zu brechen. Die Samen sind durch Haare geschützt, die bei Berührung schmerzhafte Verletzungen verursachen. Bei benachbarten Populationen konnte der Forscher dieses Verhalten nicht beobachten. „Dafür gab es nur eine Erklärung: Einer der Affen muss diese Technik erfunden haben, und sie hat sich in der Gruppe verbreitet“ – nicht genetisch, sondern durch soziales Lernen.
Bis zu van Schaiks Beobachtungen auf Sumatra ging man davon aus, dass Orang-Utans nur in Gefangenschaft Werkzeuge gebrauchen. Und dann das: Sie benutzen nicht nur Werkzeuge in freier Wildbahn – sie verwenden sie auch an verschiedenen Orten unterschiedlich. „Wenn wir Kultur als innovative Verhaltensweisen, die sozial weitergegeben werden, definieren, dann haben wir es bei den Affen mit verschiedenen Kulturen zu tun“, sagt van Schaik, der früher drei bis vier Monate pro Jahr auf Sumatra unter Orang-Utans lebte. Dass diese Menschenaffen in freier Wildbahn normalerweise keine Werkzeuge benutzen, erklärt van Schaik so: „Diese Fertigkeit wurde entweder nicht erfunden, oder sie wurde nicht richtig weitergeben.“ Jetzt will er untersuchen, welche Umstände innovatives Verhalten bei Primaten in freier Wildbahn begünstigen. Eine Studentin soll dafür nach Borneo reisen, um dort Orang-Utan- und Schimpansen-Populationen zu beobachten. Seit der Bürgerkrieg 1999 das Arbeiten auf Sumatra unmöglich gemacht hat, forschen van Schaik und seine Kollegen auf der Nachbarinsel.
Eigentlich sind Orang-Utans Einzelgänger und nicht sehr sozial veranlagt. Die Gruppen, die van Schaik auf Sumatra entdeckt hatte, unterschieden sich jedoch von diesem Stereotyp. „Die Populationen, die Werkzeug gebrauchen, sind viel geselliger als die Affen, die nicht offen sind für Innovationen.“ Viel Zeit miteinander verbringen, wenige Auseinandersetzungen, Toleranz, gelegentlich neue Reize von außen: Dies ist laut van Schaik das optimale soziale Umfeld, um innovative Verhaltensweisen in einer Population zu fördern und zu erhalten. Van Schaik sieht in der geselligen Orang-Utan-Sippe im Sumpfland Sumatras eine Art Hochkultur, in deren friedlicher Sozialstruktur Innovationsversuche riskiert werden können. „Auf Borneo haben wir bestätigen können, dass alle Populationen ihre einzigartigen Innovationen haben, dass sie aber nur unter sehr günstigen Transferbedingungen, wie sie auf Sumatra herrschen, ein großes Repertoire aufbauen können. Viele werden also wieder verlorengehen.“
In Gefangenschaft scheinen ähnlich günstige Innovationsbedingungen vorzuliegen wie im Sumpf von Sumatra. Jedenfalls erklärt sich van Schaik so den Erfindungsreichtum von in Gefangenschaft aufgewachsenen Primaten: „Wir bieten auch eine Art Hochkultur. Sie lernen vom Menschen, weil sie Gehirne haben, die unseren ähneln.“ So können junge Menschenaffen sogar ein gewisses Sprachverständnis entwickeln. Der Bonobo Kanzi kann 500 englische Vokabeln verstehen, sie mit einer speziellen Tastatur oder Kreide zur Kommunikation darstellen und komplexe Aufgaben ausführen, etwa einen Ball aus einem Versteck holen, von dem er vorher nichts gewusst hat. „Das heißt, das geistige Potenzial ist bei den Menschenaffen vorhanden, nur wird es normalerweise nicht genutzt“, sagt van Schaik. Allerdings versuchte Kanzi nicht, seine Sprachfähigkeiten an Nachkommen weiterzugeben.
Drei Faktoren begünstigen also offensichtlich Ausbrüche aus den gewohnten Verhaltensmustern: die Veranlagung eines Individuums, das soziale Umfeld und die ökologischen Umstände. Aber damit Innovationen auch in einer Gesellschaft erhalten bleiben, muss noch etwas hinzukommen: „Wir Menschen haben besondere Mechanismen für soziales Lernen, über die Menschenaffen nicht verfügen. Wir können viel besser imitieren, und wir haben das Unterrichten erfunden“, sagt van Schaik.
Vielleicht gab es einst auch eine der Orang-Utan- Gesellschaft Sumatras ähnliche frühmenschliche Hochkultur, aus der sich dann der moderne Mensch entwickelt hat, spekuliert van Schaik. „Die ersten Menschen gebrauchten Werkzeuge, verhielten sich kooperativ und waren in Gruppen organisiert.“ Unsere Vorfahren mussten sich gemeinsam verteidigen, gemeinsam jagen und die Beute dann unter sich aufteilen. „Diese Art von kooperativem Verhalten gibt es unter Affen nicht.“ Es ähnelt eher dem von Löwen, Hyänen oder Wölfen, die in Gruppen jagen. Ob das freundliche Sozialgefüge der jungen Menschheit Ursache oder Effekt einer wachsenden Intelligenz war, wird schwer nachzuvollziehen sein – vielleicht war es beides gleichzeitig.
Zurück zu einzelnen Tieren:
* hoch stehende Säugetiere mit den Unterordnungen Halbaffen und Affen. Auch Menschen zählen dazu.
Frühere Tierpsychologen waren sich sicher, herausgefunden zu haben, dass nur der Mensch imstande sei,
- vorsätzlich und planvoll zu handeln, sowie
- Werkzeuge herzustellen,
beruht auf Unkenntnis. Diese veraltete menschliche Ansicht wird mit den Beobachtungen belegt, die beispielsweise in den nächsten Sätzen im Zusammenhang mit der Primatenforschung, aber auch im daran anschließend aufgeführten Buch von Reichholf zu finden sind aus dem Bereich der Ornitologie (Vogelkunde); >hier< schon direkt zu erreichen (Beobachtungen am Graupapagei).
Die US-amerikanischen Psychologen Allen und Beatrice Gardner an der "University of Nevada" in Reno (Reno in Nevada: bekannt durch großzügige Eheschließungs- und Scheidungsbedingungen) haben sich mit Schimpansen beschäftigt, die physisch (also wegen ihrer Mängel in den lautgebenden Organen) keine menschliche Sprache nachahmen können. Er war jedoch gelungen, einer Probandin die Taubstummensprache, also eine Gebärdensprache, welche die Psychologen selbst erst erlernt hatten, beizubringen. Die Schimpansin beherrschte schließlich 300 Wörter, und zur allergrößten Verblüffung, konnte diese Affendame assoziativ neue Wortkombinationen "erfinden". Es wird berichtet, dass bei einem Spaziergang der beiden Psychologen mit ihrer Schimpansin letztere einen Schwan auf einem See sah und die Zeichen für "Wasser - Vogel" gestikulierte.
Sue Savage-Rumbaugh und Duane Rumbaugh entwickelten Symbole für eine - man könnte sagen - Affenschreibmaschine. (Bei einer japanischen Schreibmaschine muß man wenigstens 2-Tausend Silbensymbole beherrschen, einschließlich von zusammengesetzten.) Nachdem die Versuchstiere die Symbole begriffen hatten, die, wie im Bild zu sehen ist, keineswegs von einem Menschen ohne Erklärung verstanden werden können, konnten sie Fragen beantworten (ohne den Fragenden zu sehen). Die Anordnung der Symbole wurde immer wieder verändert, damit die Tiere sich nicht die Positionen anstatt die Symbole selbst merken konnten.

Im Buch:
Sue Savage-Rumbaugh:
Kanzi
Droemer-Knaur Verlag München
wird berichtet, wie ein Affe, ein junger Bonobo in der Tierstation des (250-Tausend Quadratmeter großen) Sprachforschungszentrums der Georgia State University in Atlanta (USA) eigentlich nichts mit der Computerei zu tun haben wollte. Aber er tippte gerne auf das Symbol für "Fangen", um dann, vielleicht schnell noch einen Apfel grapschend, grinsend davonzulaufen. Auch betätigte er Tasten, die für Futter im Kühlschrank standen. Während seine Mutter systematisch "Sprachunterricht" bekam, schaute der Junge manchmal zu. In zwei Jahren hatte Mama gerade mal 6 Symbole verstanden, und dann stellte sich, völlig verblüffend heraus, dass ihr Sohn (Kanzi genannt) sich zum Sprachgenie entwickelt hatte und das in der Form des bloßen Zuschauens, was bisher nur bei Menschen beobachtet werden konnte. Sue Savage-Rumbaugh schreibt: "Wenn Affen Sprache auf die gleiche Art lernen können wie Menschen - das heißt ohne besonderen Unterricht, dann bedeutet dies, daß der Mensch keine einzigartige Intelligenz besitzt, die sich grundlegend von der aller Tiere unterscheidet... Offenbar zeigte Kanzis Leistung auf höchst dramatische Weise, daß Spracherwerb zuerst und vor allem eine Frage des Verstehens ist. Das Hervorbringen der Laute ist dann nur noch davon abhängig, ob man die richtigen körperlichen Hilfsmittel besitzt. Das Verstehen der Sprache aber bedeutet das Erfassen der beabsichtigten Bedeutung hinter den Lauten, und dazu war Kanzi offensichtlich in der Lage."
Für das Tier wurde ein spezielle Tastatur entwickelt, die er immer bei sich tragen konnte, um Fragen zu stellen und Antworten geben zu können. Er wurde sogar bei Selbstgesprächen beobachtet. Er tippte für sich eine Frage und gab sich die Antwort. Im Alter von eineinhalb Jahren gab der Bonobo, Knazi, den Eindruck, dass er gesprochenes Englisch verstand. Seine auf der Tastatur eingegebenen Fragen begleitete er durch Mimik, durch Grimassen, Gesten und Laute, durchaus dem Menschen bekannte bzw. verständlich.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Affen, von Forschern in der Natur beobachtet, das Heranwinken mit gekrümmtem Zeigefinger, so wie wir Menschen auch, verstehen.
Übrigens, Bonobos wurden erst 1929 als letzte Affenart erkannt. Man hatte diese, nach dem niederländischen Primatenforscher Frans de Waal "stilvoll und elegant aussehenden" Affen immer für Schimpansen gehalten. Ihre Besonderheit in Bezug auf Empfindsamkeit wurde an der traurigen Katastrophe erkannt, als sie im Hellabrunner Zoo in München den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt waren. Sie starben im Gegensatz zu den Schimpansen aus purer Angst.
Schimpansen wurden schon lange den Menschen als ziemlich ähnlich angesehen, weil sie Werkzeuge anfertigen und gebrauchen, weil gemeinsam jagen, Nahrung miteinander teilen, eine Rangfolge aufweisen, Kampfstrategien zeigen und auch eine Art Kriegführung, männliche Tiere sich niemals einem weiblichen Tier fügen würden. Bonobos verhalten sich darüber hinaus anders. Sie behalten alle eine starke, lebenslange Bindung zu ihren Müttern. Ihre Gesellschaftsform entspricht eher einem Matriarchat*. Männliche Tiere haben kaum Bindung untereinander, streiten oft, lassen sich von Genossinnen leicht besänftigen, insbesondere durch sexuelle Angebote. Bei ihnen spielt eine außergewöhnliche Sexualität eine wichtige Rolle ("Sex gegen Banane im Angebot"), welche so oft wie möglich praktiziert wird, angefangen von Entspannung zur Konfliktlösung bis zum vergnüglichen Ausleben dieses Naturtriebes.
* in der die Frau, insbesondere die Mutter, die Vorherrschaft innehat (Mutterrecht). Gegensatz: Patriarchat.
Das folgende Bild zeigt die Verzweigungen der Primaten im Laufe der evolutionären
Entwicklung:
Vor etwa 2 Millionen Jahren verließ der
Mensch den Verzweigungsablauf,
Schimpansen und Bonobos etwas später.
Der Gorilla saß auf seinem eigenen Ast
vor vielleicht 8 Millionen Jahren,
der Urang-Utan vor 16 Millionen,
die Gibbons noch früher.
Paviane und Makaken verließen
den Entwicklungsablauf der Primaten
schon vor etwa 25 Millionen Jahren
und sind damit unsere entferntesten
Verwandten.
Noch etwas mehr zu den Untersuchungen von unseren Mit-Primaten, den Affen mit ein paar betrachtenden Sätzen aus der Zeitschrift Focus, 2/2006:
"Tiere meiden Neuerungen – jedenfalls so lange es irgendwie geht“, sagt Carel van Schaik* und lächelt: Als wenn das bei Menschen anders wäre. Aber auch wenn es oft so scheint, als wäre Homo sapiens genauso innovationsfeindlich wie das Alphamännchen einer Berggorilla-Sippe, gibt es einen entscheidenden Unterschied. „Der Mensch muss irgendwann Anreize für Innovationen geschaffen haben“, sagt der Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich. Denn sonst würden wir uns heute wohl kaum von unseren nächsten Artverwandten, den Menschenaffen, unterscheiden.
* geboren 1953 (Niederlande), seit 2004 Prof. am Antropologischen Institut & Museum in Zürich
Auch Tiere schaffen Innovationen. Wild lebende Schimpansen nutzen Steine als Hammer und Amboss, um Nüsse zu zerschlagen. Artgenossen in Gefangenschaft lernen schnell, Kisten übereinander zu stapeln, um an hoch hängende Früchte zu gelangen. Die berühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall beobachtete, wie Schimpansen Stöckchen verwenden, um Termiten aus ihren Bauten zu angeln. Gorilladamen im nördlichen Kongo loten mit Stöcken die Wassertiefe von Tümpeln aus und stützen sich beim Waten darauf wie auf eine Gehhilfe. Galapagos-Finken stochern mit Kaktusstacheln nach Insekten in Astlöchern. Delphine wickeln sich Schwämme um ihre Schnauzen, um sich beim Stöbern nach Fressbarem am Meeresgrund nicht zu verletzen.
Aber Tiere ersinnen neue Verhaltensweisen nicht aus freien Stücken, sondern nur unter einem gewissen ökologischen Druck. Dem sind vor allem jüngere oder rangniedere Tiere ausgesetzt oder alle, wenn das Leben aufgrund veränderter Umweltbedingungen nicht mehr wie vorher verlaufen kann. Dann sind neue Verhaltensweisen plötzlich überlebenswichtig – wer sich nicht anpassen kann, stirbt aus.
Menschen sind anders. Sie bekommen Anerkennung, wenn sie etwas Besonderes geleistet oder eine Erfindung gemacht haben. Unter Tieren, auch unter Menschenaffen, habe Anerkennung jedoch keinen Wert, „weil man sie nicht essen kann“, sagt van Schaik. Nur beim Menschen scheint es so was wie eine Innovationskultur zu geben, die sozial und nicht ökologisch motiviert ist. Warum Erfinden plötzlich zu einer prestigeträchtigen Sache wurde, vermag der gebürtige Holländer nicht zu sagen. Aber er vermutet, dass sich das Sozialverhalten unserer Vorfahren aufgrund widriger Umweltbedingungen veränderte. „Es gab mehr Kommunikation und mehr Zusammenhalt.“Im Tierreich verschwinden Innovationen rasch wieder, weil es kaum Wege gibt, die neuen Erfahrungen auch nur von einem Individuum zum nächsten oder gar über Generationen hinweg weiterzugeben. Van Schaik entdeckte allerdings auf der Insel Sumatra in Indonesien eine Gruppe von Orang-Utans, die neben vielen weiteren Neuerungen eine Methode hatte, um mit Stöckchen nahrhafte Samen aus ihrer Hülle zu brechen. Die Samen sind durch Haare geschützt, die bei Berührung schmerzhafte Verletzungen verursachen. Bei benachbarten Populationen konnte der Forscher dieses Verhalten nicht beobachten. „Dafür gab es nur eine Erklärung: Einer der Affen muss diese Technik erfunden haben, und sie hat sich in der Gruppe verbreitet“ – nicht genetisch, sondern durch soziales Lernen.
Bis zu van Schaiks Beobachtungen auf Sumatra ging man davon aus, dass Orang-Utans nur in Gefangenschaft Werkzeuge gebrauchen. Und dann das: Sie benutzen nicht nur Werkzeuge in freier Wildbahn – sie verwenden sie auch an verschiedenen Orten unterschiedlich. „Wenn wir Kultur als innovative Verhaltensweisen, die sozial weitergegeben werden, definieren, dann haben wir es bei den Affen mit verschiedenen Kulturen zu tun“, sagt van Schaik, der früher drei bis vier Monate pro Jahr auf Sumatra unter Orang-Utans lebte. Dass diese Menschenaffen in freier Wildbahn normalerweise keine Werkzeuge benutzen, erklärt van Schaik so: „Diese Fertigkeit wurde entweder nicht erfunden, oder sie wurde nicht richtig weitergeben.“ Jetzt will er untersuchen, welche Umstände innovatives Verhalten bei Primaten in freier Wildbahn begünstigen. Eine Studentin soll dafür nach Borneo reisen, um dort Orang-Utan- und Schimpansen-Populationen zu beobachten. Seit der Bürgerkrieg 1999 das Arbeiten auf Sumatra unmöglich gemacht hat, forschen van Schaik und seine Kollegen auf der Nachbarinsel.
Eigentlich sind Orang-Utans Einzelgänger und nicht sehr sozial veranlagt. Die Gruppen, die van Schaik auf Sumatra entdeckt hatte, unterschieden sich jedoch von diesem Stereotyp. „Die Populationen, die Werkzeug gebrauchen, sind viel geselliger als die Affen, die nicht offen sind für Innovationen.“ Viel Zeit miteinander verbringen, wenige Auseinandersetzungen, Toleranz, gelegentlich neue Reize von außen: Dies ist laut van Schaik das optimale soziale Umfeld, um innovative Verhaltensweisen in einer Population zu fördern und zu erhalten. Van Schaik sieht in der geselligen Orang-Utan-Sippe im Sumpfland Sumatras eine Art Hochkultur, in deren friedlicher Sozialstruktur Innovationsversuche riskiert werden können. „Auf Borneo haben wir bestätigen können, dass alle Populationen ihre einzigartigen Innovationen haben, dass sie aber nur unter sehr günstigen Transferbedingungen, wie sie auf Sumatra herrschen, ein großes Repertoire aufbauen können. Viele werden also wieder verlorengehen.“
In Gefangenschaft scheinen ähnlich günstige Innovationsbedingungen vorzuliegen wie im Sumpf von Sumatra. Jedenfalls erklärt sich van Schaik so den Erfindungsreichtum von in Gefangenschaft aufgewachsenen Primaten: „Wir bieten auch eine Art Hochkultur. Sie lernen vom Menschen, weil sie Gehirne haben, die unseren ähneln.“ So können junge Menschenaffen sogar ein gewisses Sprachverständnis entwickeln. Der Bonobo Kanzi kann 500 englische Vokabeln verstehen, sie mit einer speziellen Tastatur oder Kreide zur Kommunikation darstellen und komplexe Aufgaben ausführen, etwa einen Ball aus einem Versteck holen, von dem er vorher nichts gewusst hat. „Das heißt, das geistige Potenzial ist bei den Menschenaffen vorhanden, nur wird es normalerweise nicht genutzt“, sagt van Schaik. Allerdings versuchte Kanzi nicht, seine Sprachfähigkeiten an Nachkommen weiterzugeben.
Drei Faktoren begünstigen also offensichtlich Ausbrüche aus den gewohnten Verhaltensmustern: die Veranlagung eines Individuums, das soziale Umfeld und die ökologischen Umstände. Aber damit Innovationen auch in einer Gesellschaft erhalten bleiben, muss noch etwas hinzukommen: „Wir Menschen haben besondere Mechanismen für soziales Lernen, über die Menschenaffen nicht verfügen. Wir können viel besser imitieren, und wir haben das Unterrichten erfunden“, sagt van Schaik.
Vielleicht gab es einst auch eine der Orang-Utan-Gesellschaft Sumatras ähnliche frühmenschliche Hochkultur, aus der sich dann der moderne Mensch entwickelt hat, spekuliert van Schaik. „Die ersten Menschen gebrauchten Werkzeuge, verhielten sich kooperativ und waren in Gruppen organisiert.“ Unsere Vorfahren mussten sich gemeinsam verteidigen, gemeinsam jagen und die Beute dann unter sich aufteilen. „Diese Art von kooperativem Verhalten gibt es unter Affen nicht.“ Es ähnelt eher dem von Löwen, Hyänen oder Wölfen, die in Gruppen jagen. Ob das freundliche Sozialgefüge der jungen Menschheit Ursache oder Effekt einer wachsenden Intelligenz war, wird schwer nachzuvollziehen sein – vielleicht war es beides gleichzeitig.
Die Biologin Irene Pepperberg von der University of Arizona in Tucson beschäftigte sich insbesondere mit Graupapageien, welche menschliche Sprache nicht nur nachahmen, sondern auch mit einem Wortschatz aus mehr als 100 Vokabeln verstehen und begreifen können - "wie ein vierjähriges Kind" - das ist doch schon viel. Irene Pepperberg berichtet, dass ihr Proband einmal vergeblich versuchte, eine Nuss unter einer Tasse hervorzuholen. Plötzlich forderte er mit klarer Stimme: "Geh und heb die Tasse hoch!" (Go pick up cup!).
Ich selbst ging einmal morgens in der Frühe in ein Geschäft mit Artikeln für Tiere. Jemand rief laut, offensichtlich eine Frauenstimme: "Guten Morgen! Kann ich Ihnen helfen?" Ich sah niemanden und fragte: "Wo sind Sie denn?" Antwort: "Hier! Guten Morgen! Kann ich Ihnen helfen?" Dann kam eine Dame und wiederholte denselben Wortlaut mit demselben Tonfall. Ich wollte fragen, ob sie mich verulken wolle, erhielt jedoch die Erklärung: "Wahrscheinlich hat Sie bereits unser Beo* schon begrüßt..."
*ein indonesischer Vogel, der zu den Staren zählt
Als ich einer alten Dame ein Wohnzimmerfenster reparierte, setzte sich ihr frei
umherfliegender blauer Wellensittig auf meine Schulter, kreischte in der
üblichen Wellensittichart, sagte aber plötzlich mit der verrauchten Stimme
besagter älteren Dame: "Alles Driss hier!" Ich wunderte mich: "Wie, du kannst
sprechen?" Antwort: "Dat wor op Kölsch!" (heißt: Das war in Mundart der Stadt
Köln. Das Wort "Driss" heißt auf Hochdeutsch "Dreck"). Ich hatte selbst einmal
ein Wellensittichpaar geschenkt bekommen, aber noch nie einen solchen Vogel
sprechen gehört.
Zur Intelligenz von Rabenvögeln (Kolkraben, Krähen, Dohlen, Elstern, Eichelhähern) gibt es Untersuchungen von "Prof. Dr. Josef H. Reichholf, Zoologe und Ornithologe. Er hatte als Kind eine zahme Dohle, später eine Rabenkrähe und sammelte auch umfangreiche Erfahrungen mit Kolkraben.An der Zoologischen Staatssammlung in München leitet er die Hauptabteilung Wirbeltiere. 20 Jahre lang hielt er Vorlesungen über Ökologie und Evolutionsbiologie der Vögel an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für seine Forschung und seine Publikationen wurde er mit zahlreichen Preisen, zuletzt mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. Josef H. Reichholf zählt zu den prominentesten Naturwissenschaftlern Deutschlands" (zitiert aus seinem Buch). Seine Beobachtungen sind veröffentlicht in:
München,
4. Auflage 2009
Auf der Umschlaginnenseite ist zu lesen: "Wer mag sie schon, die Raben und die Krähen? Nicht genug, dass in der Mythologie die gefiederten Ratgeber des germanischen Gottes Wotan zu Totenvögeln wurden, ihr Name muss auch heute noch für Schimpfwörter herhalten. Jäger schießen das »Raubzeug« als Todfeinde von Niederwild und Singvogelbruten noch immer im großen Stil ab - ohne erkennbare Erfolge, wie der Ornithologe Josef H. Reichholf in diesem Buch nachweist.
Dabei sind Kolkraben und ihre Verwandten, die Raben-, Nebel- und Saatkrähen,
Dohlen, Elstern und Eichelhäher, so intelligent, dass sie es mitunter sogar mit
der Intelligenz von Primaten aufnehmen können. Reichholfs Studien über
freilebende und von Hand aufgezogene Rabenvögel belegen, dass die ungeliebten
Vögel fähig sind, ihre tierischen und menschlichen Partner sowie alle anderen
Vögel im Schwarm genau zu erkennen, unfreundliche Lebewesen zu bestrafen, ihre
Konkurrenz beim Verstecken von Aas zu täuschen oder Wölfe gekonnt in Schach zu
halten. Im Boden versteckte Walnüsse finden Rabenkrähen auch nach Monaten
mühelos wieder. Kein Mensch könnte diese höchst bewundernswerte
Gedächtnisleistung vollbringen. In Japan kann man sogar beobachten, dass Krähen
Nüsse bei Rot an Ampelanlagen vor Autos platzieren, um sie in der nächsten
Rotphase frisch geknackt wieder abzuholen. Kaum ein Mensch hätte dem ungeliebten
»schwarzen Gesellen« solche Findigkeiten zugetraut. Tut sich der Mensch mit den
Rabenvögeln vielleicht gerade wegen ihrer unglaublichen Intelligenz so schwer?
Der Erfolgsautor Josef H. Reichholf hat auch auf diese Frage überzeugende
Antworten gefunden."
Die Rückseite bringt: "Raben und Krähen sind die intelligentesten Vögel. Sie schwindeln, unterscheiden Freund und Feind und passen sich erstaunlich gewitzt an die Menschenwelt an. Obgleich sie Singvögel sind, können sie nicht singen, aber die menschliche Stimme so täuschend ähnlich nachahmen wie kein anderes Tier. Sie bestechen durch ihre Gedächtnisleistung derart, dass Forscher weltweit mehr über ihre Intelligenz herausfinden wollen. Nicht wohl gesonnen sind ihnen manche Jäger und vermeintliche Vogelfreunde. Durch Massenabschuss wollen sie die Krähen, Elstern und Häher »kurz halten«, um Niederwild und Singvögel zu schützen.

In seinem neuen Buch (mit 33 Abbildungen) erzählt der renommierte Biologe Josef
H. Reichholf von den erstaunlichen Verhaltensweisen der Schwarzfedrigen, die -
vielleicht sogar aus ungewolltem Respekt vor ihrer Schläue - von den Menschen
bekämpft und als Unglücksraben verschrien werden.
»Reichholf vermittelt sein Wissen kompakt, interessant und immer gut
verständlich.« Bild der Wissenschaft
»Ein Querdenker, der liebgewordene Wahrheiten als Vorurteile
entlarvt.« Hessischer Rundfunk
»Rabenschwarze Intelligenz heißt das wunderbare, fabelhafte, in grandioser
Wissenschaftsprosa verfasste Buch von Josef Reichholf. Ein Buch gegen das
Schwarz-Weiß-Denken im Umgang mit Raben.« DenisScheck /Druckfrisch
Linguisten (lingua: Zunge) meinen teilweise immer noch, dass tierische Ausdrucksweise nicht mit menschlicher Sprache vergleichbar seien. Überhaupt: Sprache könne man das gar nicht nennen, was die Tiere da von sich geben als schnattern, bellen, grunzen, piepen, das wir nicht verstehen. Aber da ist mehr als eine instinktgetriebenes Verhalten. Affen, Papageien oder Hunde verstehen menschliche Wörter, verständigen sich untereinander mit einer Methode, die durchaus mit menschlicher Kommunikation vergleichbar ist.
Wenn jemand, wie sich ein US-amerikanischer Professor für Semiotik* Thomas Albert Sebeok (2001 im Alter von 81 gestorben) in Sätze auslässt z.B.: »Die Affenforschung ist prallvoll mit Persönlichkeiten, die sich am besten gleich selbst mit hinter die Gitter ihres Affenzirkus einschließen sollten«; dann hat er nie einen Umgang mit Tieren gehabt. Dennoch gibt es immer noch viele Biologen die der Meinung sind, menschliche Sprache sei etwas, was uns grundsätzlich vom Tier unterscheide. Eine Ansicht, die Philosophen und Naturwissenschaftler jahrhundertelang teilten.
* die Lehre von den Zeichen (griechisch sema »Zeichen«)
»Der prinzipiellste Unterschied ist aber, dass die Tiersprache im Gegensatz zu der menschlichen nichts mitteilen kann«, formulierte der Biologe Johan Bierens de Haan noch 1930 in der Zeitschrift »Naturwissenschaften« ferner »Tiere benutzen ihre Stimme nur, um Gefühle auszudrücken.« Nur der Mensch könne durch Sprache Wünsche und Gedanken formulieren und Informationen über Personen und Gegenstände weitergeben, die gerade nicht anwesend sind. Nur Menschen würden eine Sprache beherrschten, die über unbegrenzte Kombinationsmöglichkeiten verfüge. Sprache folge Regeln, die erst erlernt werden müssten, da sie nicht angeboren sind. Der Philosoph Johann Gottfried Herder (18tes Jahrhundert, studierte Theologie und Philosophie, von Kant und Hamann gefördert; Prediger in Riga) behauptete, erst die Sprache mache den Menschen zum Menschen. Sie sei jeglicher tierischen Kommunikation überlegen.
Es gibt ja auch immer noch
Dogmatiker, die menschliche Rassenunterschiede behaupten, ja sogar ausgeforscht
und nachgewiesen zu haben meinen. Ich habe in Afrika zur Vorbereitung meiner Kurse in
automatisierter Datenverarbeitung (fälschlich meist EDV, also elektronische
Datenverarbeitung genannt) einen sogenannten IBM-Test (International
Business Machines Corporation, weltgrößter Computerhersteller,
bereits 1911 gegründet) angewandt, bis mir
mal Afrikaner in Kenia sagte: "Wir haben als Kind nie oder kaum Spielzeug gehabt,
wie in Form eines Puzzles (Problem auf Englisch, meint Geduldspiel, z.B. Zusammenleg-, Verschieb-,
Kombinationsspiel, v.a. das Zusammensetzen eines Bildes aus vielen kleinen
Einzelteilen). Auch könne man kein Buch mit nach Hause bringen; denn durch die
Vielzahl der Kinder würden Seiten zerrissen, bemalt oder beschmutzt." Nachdem
wir einen abgewandelten "Intelligenz"-Test entwickelt hatten, schnitten die
Einheimischen besser ab als Ausländer aus den sogenannten entwickelten Ländern.
In den letzten Jahrzehnten wurden viele Thesen widerlegt: Tierlaute würden keine
Informationen transportieren stellt sich als falsch heraus. Wenn eine Meerkatze
(Langschwanzaffe) Leoparden sichtet,
schlägt sie Alarm: Ein Gurgeln tönt aus ihrem Rachen. Sämtliche Mitglieder der
Affenhorde flüchten sich sofort auf Bäume. Bei Adleralarm dagegen geben die
Tiere ein schrilles Zwitschern von sich - so wissen die anderen Tiere, dass sie besser in
dichte Büsche flüchten statt in die Höhe.
Amseln trällern in unterschiedlichem Ton und Rhythmus - je nachdem, ob sie vor
einer Katze am Boden warnen oder einem Greifvogel am Himmel. Matthew Betts von
der Oregon State University in Corvallis entdeckte (bekannt u.a. durch seine
Publikation im Juni 2008 "Der große
Vogellauschangriff - Singvögel beurteilen einen guten Nistplatz anhand des
Gesangs ihrer Artgenossen"), dass sich
Blaurückenwaldsänger durch Vorspielen des Zwitscherns über einen Lautsprecher
getäuscht wurden, wo die besten Nistplätze sind. Sie geben also tatsächlich
Informationen weiter; denn die Artgenossen bauten nun ein Nest an einem völlig
ungeeigneten Ort. Sie ließen sich täuschen und lieferten damit den Beweis, dass
tatsächlich Informationen weitergegeben wurden.
Die Behauptung, Tiere könnten nicht kreativ mit ihrem Wortschatz umgehen und sich
auch nicht über ihre
Identität austauschen, stimmt ebenfalls nicht. Delfine erfinden für sich
selbst Namen - einen individuellen Pfeifton. Forscher der schottischen
University of St. Andrews stellten fest, dass sich Delfine so über abwesende
Dritte unterhalten. Auch Kolkraben oder einige Papageienarten rufen sich bei
einem individuellen
Namen.
Tierische Kommunikation wird bei manchen Tierarten erlernt. Elefanten, Meerkatzen, viele Vogelarten wie Rotkehlchen lernen erst in der Kindheit miteinander zu kommunizieren. Der US-Forscher Michale Fee vom Massachusetts Institute of Technology in Campbridge entdeckte kürzlich, dass Zebrafinken als Küken nur brabbeln; den richtigen Gesang lernen sie in der Jugend. Beim Lernen benutzen sie einen anderen Hirnbereich als später beim Erwachsenen-Singen.
Das Lernen von Sprache funktioniert - zumindest bei Hunden - ähnlich wie bei Kindern: Ein schottischer Schäferhund konnte aus einem Berg von Spielzeugen fast immer das richtige heraussuchen - seine Trefferquote entsprach der eines dreijährigen Kindes. Über 250 Vokabeln beherrschte der Hund. Selbst wenn er den Begriff zuvor nicht gelernt hatte, wählte er den richtigen Gegenstand aus: Der Schäferhund begriff, dass das unbekannte Wort zu dem neuen Spielzeug gehören musste, das er noch nicht kannte. Das nennt man Lernen über Ausschlussverfahren.
Die Forscher, d.h. Tierpsychologen, haben heute viel mehr Möglichkeiten durch die Hilfe von technischen Geräten:
- Tonaufzeichnungen in allen Frequenzbereichen, also nicht nur solchen, die wir als Menschen hören. Damit kann man Vergleiche machen und immer wieder abhören, um eine Bedeutung zu erkennen. Wie lange hat es gedauert, bis die ägyptische Schrift (Hieroglyphen) erkannt wurden. (Die Entzifferung der ägyptischen Schrift gelang J.F. Champollion erst 1822.)
- Bildaufzeichnungen, insbesondere in Form von Filmen zum Ablaufen als Zeitraffer oder -dehner.
Immer neue Entdeckungen werden gemacht: Dialekte bei Tiersprachen. Stare verstehen sogar "Schachtelsätze". Aus der Schallwellenforschung von sehr tiefen Tönen (Infraschall), die wir gar nicht hören können, wurde herausgefunden, dass der Finnwal das Schnauben eines Artgenossen aus 4 Tausend Metern noch hören kann. Es wird getrampelt ähnlich wie bei Buschtrommeln. Manche Tiere kommunizieren mit chemischen Mitteln (Düften z.B.) oder elektrischen Impulsen wie die Zitteraale. Sumatra-Nashörner binden mit Horn und Zunge Knoten ins Schilf: Botschaften für Artgenossen, deren Bedeutung die Wissenschaft noch nicht entschlüsselt hat. Gesten und Körperhaltungen, Wechsel der Hautfarbe, alles das sind Möglichkeiten der Kommunikation. Ein Hund kann riechen, welcher Nachbarhund vor Kurzem an der Haustür vorbeigekommen ist. Spinnenmännchen zupfen in einem bestimmten Rhythmus am Netz eines Weibchen, um zu fragen: "Darf ich zu dir kommen?" Würden sie einfach auf die Dame zukrabheln, hielte sie den Besucher schlicht für Beute. Deswegen lässt der Herr in einem bestimmten Rhythmus die äußeren Fäden vibrieren - wie ein Harfespieler. Erst wenn die Dame eine Antwort zupft, traut sich das Männchen an die Angebetete heran. >Hier< wird einiges über Bienensprache gesagt: Da ist noch sehr viel zu entdecken!
Noch ein wenig Literatur:
Wissenschaftsautor Volker Arzt:
Haben Tiere ein Bewußtsein?
Goldman Verlag, München
Primatenforscher Frans de Waal:
Wilde Diplomaten
Hanser Verlag, München
(Versöhnungsgesten bei Rhesusaffen, Bärenmakaken, Schimpansen und Bonobos; Schimpansen umarmen einander nach einem Kampf und küssen sich. Verhalten, das nur mit Bewußtsein einhergehen kann.)
Zum Buch des Systembiologen Hanno Charisius
Evolution der Innovation
Thieme Verlag Stuttgart, 2007
Walter Rath, September 2009