Rehabilitation von Gotteskriegern

In der Ausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers vom 9./10. Januar 2010 gab es einen Artikel von Martin Gehlen unter dem Untertitel Ehemalige El-Kaida-Kämpfer werden in einem Rehabilitationszentrum umerzogen
 

Diese Zentren befinden sich in Saudi Arabien für Gefangene aus Guantanamo (auf Kuba, 1903 als Flottenstützpunkt für 99 Jahre an die USA abgetreten) und anderen Lagern (Gefängnissen wie Irak, Pakistan usw.). Von einem der Gefangenen aus Guantanamo wurde als Beispiel berichtet, dass er, gelernter Elektriker mit drei Frauen und 10 Kindern, "nach vier Jahren Nasenschlauch und fensterloser Zelle  noch ganze 49 Kilo" gewogen habe und inzwischen nach seiner Rückkehr nach Saudi Arabien wieder auf 73 kg gekommen sei.

Es geht darum, solche Leute wie ihn zu "entradikalisieren" in einem Rehabilitationscamp vor den Toren der Hauptstadt Riad und sie auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorzubereiten. Es geht natürlich um Leute, gegen die nie eine Anklage erhoben worden ist, was leider für die Mehrheit der nach Guantanamo Verschleppten zutraf. 120 Männer wurden nach Riad geflogen und in das Reha-Zentrum, mit dem Namen  „Mohammed bin Nayef Zentrums für Beratung, Behandlung und Betreuung", gebracht. Der Leiter heißt Ahmed Hamad Jelan (Bild von Katharina Eglau).

Ahmed Hamad Jelan kennt sich im Scharia-Recht aus. Seine Devise (Wahlspruch, Losung) ist:  „Wir wollen alles vermeiden, was nach Gefängnis aussieht. Wir fragen auch nicht, was die Leute angestellt haben". Von diesen "Leuten" hat er bisher die bereits erwähnten 120 aus Guantanamo-Insassen und 173 saudische El-Kaida-Kämpfer, welche vorwiegend im Nachbarstaat Irak gefasst worden waren betreut, ohne "Geistliche, Sozialarbeiter und Psychologen".

Im vorliegenden Artikel wird jedoch beschrieben, dass das " provisorische Reha-Zentrum zur sanften Resozialisierung" von "drei Meter hohen Mauern der früheren Wüsten-Datschen* teilweise mit Stacheldraht gekrönt", auffällt.

* [russisch: Datscha], Sommerhaus auf dem Land, Wochenendhaus.


Zehn von von diesen Datschen "hat die Regierung angemietet, jede hat im Inneren eine Handvoll einfacher Zimmer, in der Mitte einen kleinen Sportplatz, Sitzflächen unter Palmen, manche auch ein Schwimmbad oder Volleyballfeld. Seit drei Jahren tummeln sich hier nicht mehr Kinder mit ihren Eltern und Großeltern, die am Wochenende aus dem Gewühl der Hauptstadt entkommen wollen. Jetzt wohnen in jedem der Räume drei bis vier ehemalige Gotteskrieger, in anderen stehen Schulbänke, Tischfußball oder ein paar einfache Sessel mit einem Fernseher...Aus allen arabischen Ländern waren schon Experten hier, selbst aus Malaysia und Indonesien, um Scheich Ahfned und seinen 30 Mitarbeitern bei ihrem sogenannten „weichen Ansatz" über die Schulter zu schauen."

 

700 Lebensläufe von als militant geltenden Häftlingen, als besonders anfällig für die radikalen Werber von El Kaid einzustufen, seien bisher unter die Lupe genommen worden. Dabei konnte festgestellt werden,  dass die meisten von ihnen, ohne vernünftigen Beruf und mit einem "eher dürftigen religiösen Wissen", aus extrem großen Familien, mit einem recht alten Vater stammten.


Zitat aus dem Artikel: Und so sind es die Faktoren Familie, religiöse Aufklärung und Berufshilfen, auf denen das von ihm entwickelte Programm basiert. „Jeder Aussteiger wird verheiratet, bekommt ein Auto, und seine Sippe muss künftig auf ihn aufpassen", umschreibt ein westlicher Diplomat etwas burschikos die Eckpunkte des Konzepts. Und tatsächlich lassen sich viele Angehörige bereitwillig mit einspannen. Bahnt sich bei ihrem schwarzen Schaf wieder Ärger an, melden sie das dem Reha-Personal oder der Polizei - etwa wenn plötzlich ein Großkuvert mit Absender "von deinen Mujaheddin_Brüdern" unter der Haustüre liegt.

„Wir stehen in direkter Konkurrenz zu El Kaida, wenn wir nicht zahlen, machen sie es", heißt es dann auch im zuständigen Innenministerium. Entsprechend weich wird der Neustart ins Leben gepolstert. Eine Woche lang dürfen die Familienclans auf Staatskosten anreisen. Jeder Ex-Kämpfer erhält einen Koffer mit Hemden, Hosen und zwei Paar Schuhen. Selbst eine Dose mit Gesichtscreme und eine Armbanduhr gehören zum offiziellen Startset ins neue Leben.

Am Ende kauft der Staat jedem Entlassenen eine komplette Wohnungseinrichtung. Obendrauf kommen ein Jahr Miete sowie eine monatliche Sozialhilfe von 550 Euro, bis er Arbeit gefunden hat. Will der Reumütige wieder heiraten, steuert das Königreich 7000 Euro als Mitgift bei.

„Das Ganze kostet uns Millionen, aber das Geld ist gut angelegt", argumentiert Vordenker Abdulraham Al Hadlaq - auch wenn ihn die Rückfallzahlen bei den Guantanamo-Häftlingen sorgen. Elf sind bisher wieder zu El Kaida zurückgekehrt und haben sich wahrscheinlich in den Jemen abgesetzt. Fünf weitere wurden wieder verhaftet, fünf sind untergetaucht - damit liegt die Quote knapp unter 20 Prozent. „Sichere Aussagen über den Erfolg unseres Programms wird man erst in einigen Jahren machen können." Zitat Ende.

Erschreckend ist zu hören, dass allein in Saudi-Arabien mit etwa 22 Millionen Einwohnern "bis zu zwei Millionen Menschen im Land mit El Kaida sympathisieren und 10 000 sofort zum Kämpfen bereit wären - und zwar aus allen Schichten der Bevölkerung."

Weitere Reha-Zentren sind geplant und dabei hat "das Bauunternehmen der Familie von Osama Bin Laden wieder die besten Aussichten auf die Aufträge."

Damit ist dann wohl der Kreislauf geschlossen.


Walter Rath