Normen

sind, in der allgemeinen Bedeutung, verbindlich anerkannte Regeln, Richtlinien, Maßstäbe.

 

>Hier< zu einem Leser-Beitrag aus

dem "normalen" täglichem Leben

 

Man hat "technische Normen" und "soziale Normen". Letztere (mit denen wir uns auf dieser Seite beschäftigen und die sich "nach ihrer Verbindlichkeit unterscheiden") sind eingeteilt in:

Muss-,

Soll- und

Kann-Normen.

 

"Muss" in Form von Gesetzen (mit Strafandrohung),

"Soll" als Verordnungen (Bußgelder bzw. Verwarnungen),

"Kann" (Höflichkeitsformen - man riskiert, nicht mehr eingeladen zu werden).

 

Höflichkeit ist keine Muss-Norm, aber - je nach Gruppe- eine Soll-Norm, z.B. in der Diplomatie und Kann-Norm, wenn man als Vertreter nicht gleich vor die Tür gesetzt werden will.


 

In allen Ländern gibt es Normen-Institutionen, die bekannteste in Deutschland ist das DIN (Deutsches Institut für Normung e.V.).  Immerhin hat das DIN die Vertretung und die Federführung bezüglich internationaler Normungsarbeiten, z.B. in der ISO (internationale Standardorganisation, offiziell: International Organization for Standardization) mit Sitz in Genf. In den USA gibt es zig spezielle Normungsinstitutionen. Da die (ein)gebildeten Deutschen gerne die eigene Sprache vermeiden, wird im Rahmen der Globalisierung (gemeint ist eher der Amerikanisierung) die Filmempfindlichkeit bzw. die Aufnahmeempfindlichkeit von Kameras in ASA (American Standard-Assoziation) und Fernseh-, auch Computerbildschirmdiagonalen in Inch (=1/36yard =2,54cm) angegeben.


Wenn man sich auf keine gemeinsame Normung einigen will oder es einmal vergisst, dann kommt es durchaus zu einer Katastrophe wie beim Bau einer Mars-Sonde, einer Gemeinschaftsproduktion von der Europäischen Gemeinschaft und den USA. Europa legte das metrische System zu Grunde (Meter) und die USA irgendwelche Miles, Feets oder Inches oder Yards. Die Sonde sollte "weich" auf unserem Nachbarplaneten Mars landen, zerschellte aber, weil ihre Landegeschwindigkeit zu hoch war. Über 10 Milliarden US$ waren im A... (Dieser Körperteil fängt auch in den USA mit A an.)


 

Während es im obigen Beispiel der technischen - jedoch kulturabhängigen Normen (entsprechend der Moral >hier<) - um festgeschriebene Werte - jedoch mit ebenfalls festgelegten Toleranzen (unvermeidliche Abweichungen) geht, wie bei einer Längen- (bzw. Ausdehnungs-)Messung um eine so geringe Abweichung wie technisch möglich vom Urmeter (griechisch métron »Maß«; 1 Meter entspricht 1 650 763,73 Angström-Eeinheiten - schwedischer Astronom und Physiker Anders Jonas Angström - der Wellenlänge der orangeroten Spektrallinie des Kryptonisotops 86Krypton), haben Normen in der Psychologie unterschiedliche Bedeutung:

 

Nach Jean Delay und Pierre Pichot: "Medizinische Psychologie - Ein Kompendium", Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1968, wird der Normbegriff in dreifacher Weise verstanden (was im Prinzip auch  Eysenck (1969) übereinstimmt. Er nennt jedoch die dritte Norm: natürliche Norm):


1. Die statistische Norm - im Sinne von "normal" - oder (1965) nach Jaspers*: der Durchschnittsbegriff als „deskriptive Bedeutung von Normen," um ein Bezugssystem zu liefern, in das die einzelnen empirischen Daten (also aus Erforschung oder Bobachtung) eingeordnet werden können. "Die statistische Norm identifiziert Norm und Häufigkeit. Unter diesem Gesichtspunkt ist das normal, was am häufigsten zu beobachten ist. Man bezeichnet deshalb diejenigen Individuen als normal, die in der Nähe des arithmetischen Mittelwertes" - Gipfelpunkt der Abbildung - "liegen, als abnorm diejenigen, die sich weiter von diesem Mittelwert entfernen und an den Enden der Kurve eingeordnet werden müssten," rechts und links vom Gipfelpunkt.

*  Karl Jaspers war Philosoph und Psychiater, der 1969 im Alter von 86 in Basel gestorben ist. Er erhielt 1958 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, wurde auch bekannt durch seine »Allgemeine Psychopathologie«, 3Bände (1913). In diesem Zusammenhang (mit Psychopathie >hier<) oft erwähnt.
 

Jetzt kommt der Mathematiker und Astronom, Carl Friedrich Gauß (1855 im Alter von 78 Jahren gestorben) ins Spiel mit seiner berühmten Glockenkurve, die wahrscheinlich so bekannt ist, dass eigentlich keine weiteren Erläuterungen erforderlich sind. Dennoch ein wenig zur Auffrischung: Der Durchschnitt ergibt sich aus Ergebnissen von Versuchen, Beobachtungen, Erhebungen und bedient sich dabei vor allem der Wahrscheinlichkeitstheorie (bei der Volksbefragung ist es unwahrscheinlich, das ein 80jährige Frau einen selbst zur Welt gebrachten Säugling aufzieht oder eine Person mit 14 die Hochschulreife hat). Nach der Wahrscheinlichkeit kann man aus einer erstaunlich geringen Menge an Befragten hochrechnen, wie bei Wahlvorhersagen. (Man sollte sich die Wahlen sparen; denn die Nicht- bzw. bewusst ungültig stimmenden Wähler werden sowieso völlig missachtet.)

 

Als Statistik werden auch zahlenmäßig erfasste, sowie meist tabellarisch oder grafisch zusammengestellte Ergebnisse von Datensammlungen bezeichnet.
 

Kurz noch eine Definition zur Verteilung (von Variablen, d.h. Veränderlichen): Die Normalverteilung einer stetigen Zufallsvariablen mit dem Erwartungswert (Mittelwert) und der Standardabweichung (Varianz) ist definiert als Verteilung der Dichte: Die Dichtefunktion hat die Form obiger gaußschen Glockenkurve (Normalverteilungskurve, gaußsche Fehlerkurve); sie ist symmetrisch zum Mittelwert (oben dem Gipfel) und hat zwei Wendepunkte. Dazwischen liegt die standardisierte (normierte und zentrierte) Normalverteilung (Standardnormalverteilung).


Zitat Delay/Pichot: "Bei regelmäßiger Kurve besteht keine Möglichkeit, die Grenze zwischen Normalität und Anomalität objektiv festzulegen, weshalb man zu diesem Zweck auf nichtstatistische Begriffe zurückgreifen muss. In diesem Zusammenhange ist der Begriff der subjektiven Norm zu erwähnen, die um das geometrische Mittel herum liegt. Zwischen dem statistischen Mittelwert und dem subjektiven Durchschnitt besteht also eine weitgehende Übereinstimmung."

 

Zur Entspannung ein Verteilungsbild der Körpergrößen von Jugendlichen um 1990: Danach waren die meisten zwischen 168 und 180 cm groß (Zahl innerhalb der Wendepunkte), kaum jemand unter 152 cm. Dennoch bei einigen Millionen Heranwachsenden gab es schon einige von wesentlich kleinerem Wuchs und umgekehrt größere als 196 cm.

2. Die Idealnorm. Die Idealnorm ist so zu sehen wie die Moral (>hier<) ist in den verschiedenen Gesellschaften voneinander abweichend, so dass von Normen gesprochen werden mussd. Die Differenz zwischen Normalität und Anomalität ist bei der Idealnorm qualitativ (hinsichtlich der Qualität - Güte, Beschaffenheit) und nicht mehr quantitativ (hinsichtlich der Menge) wie bei der statistischen Norm, jedoch bezogen auf die bestimmte, jeweilige gesellschaftliche Gruppe. Andererseits hat die Verteilungskurve im Falle der Idealnorm nicht mehr die Form einer symmetrischen Glocke, sondern die Form eines gespiegelten J.

 

J-Kurve der Idealnorm als Beispiel: Verteilung der

erscheinenden Arbeiter nach ihrem Arbeitsbeginn

 (Stechen - betätigen der Stechuhr - bei Betreten

des Fabrikgeländes) (nach F.W.Allport).

Das wird Bild (rechts) gezeigt, in dem es um eine Fabrik geht, bei der ein bestimmter Arbeitszeitbeginn festgelegt wurde. Ist der Arbeitsbeginn auf 6 Uhr 45 festgesetzt worden, so haben die meisten bis dahin die Stechuhr gedrückt. Die letzten Arbeiter kommen jedoch erst um 9 Uhr 30. Das Gleiche gilt für Schulen, Kirchenbesuche, sogar die Trauung, wo eventuell eine Person vom Brautpaar zu späte kommt -  usw.

 

Zitat Delay/Pichot: "Der subjektive Eindruck des Abweichens von der Norm hängt von der Seltenheit des betreffenden Verhaltens ab. Dies konnte beispielsweise für Delikte nachgewiesen werden. Ihre subjektive Schwere - übrigens auch die Schwere der Bestrafung - steht in direkter Beziehung zu ihrer Seltenheit. Andererseits besteht auch eine Tendenz in dem Sinne, daß die Kenntnis der Häufigkeit eines bestimmten Verhaltens (d. h. seiner statistischen Norm) die Idealnorm verändert und die Häufigkeit der betreffenden Verhaltensweisen ansteigen läßt (vgl. Einwände gegen den KINSEY Report)".


3. Die funktionelle Norm bzw. (nach Eysenk) natürliche Norm: Wieder Zitat Delay/Pichot: »Als funktionell normal bezeichnet man einen Zustand, der einem Individuum auf Grund seiner Eigenart und seiner Zielgebung angemessen ist. In diesem Sinne spricht man etwa von „geistiger Gesundheit".


In der medizinischen Psychologie, die sich mit den psychischen Störungen beschäftigt mit Beratung und Therapie, gibt es praktisch zwei Arten psychischer Anomalien: Die erste besteht aus quantitativen Abweichungen. Bei numerischer Darstellung eines bestimmten Phänomens beobachtet man meist eine Verteilung nach der GAUSs'schen Kurve. Dies trifft etwa für die Intelligenz zu, aber auch für zahlreiche Persönlichkeitszüge, deren Obersteigerung die sog. Psychopathen, die Neurotiker und die Menschen mit dissozialem Verhalten oder abnormen Erlebnisreaktionen kennzeichnet. Um die Grenze zum Pathologischen (krankhaften) zu bestimmen, macht man jedoch meist von dem Kriterium der funktionellen Norm Gebrauch. In diesem Sinne wird eine Abweichung dann pathologisch, wenn der betreffende Mensch „entweder unter sich selbst oder die Gesellschaft unter ihm leidet" (K. SCHNEIDER). In diesem Sinne bezeichnen wir allerdings nur ein Ende der Verteilungskurve als pathologisch. Denn ein extrem intelligenter Mensch ist zwar vom statistischen Gesichtspunkt aus abnorm, er ist aber vom medizinischen Gesichtspunkt aus normal, weil er kein funktionell-pathologisches Kriterium aufweist. (Das Gleiche gilt für Dummheit, was selbst für Tiere gilt, für Hunde z.B. aus menschlicher Sicht.)


Eine zweite Art seelischer Anomalien besteht aus Abweichungen, die durch pathologische Faktoren« (wahrscheinlich bei den Psychopathen) »verursacht werden. Solche Abweichungen nennen wir Prozesse; sie beruhen auf verschiedenartigen, z. T. noch unbekannten Ursachen.« Zitat Ende.
 

Eysenck betont jedoch die gesellschaftliche Determiniertheit (eindeutigen Bestimmtheit allen Geschehens) der nur scheinbar absoluten natürlichen Norm und meint deshalb, dass die natürliche Norm auf die beiden erstgenannten Begriffe reduziert werden kann. Die Besonderheit des Normbegriffes der klinischen Psychologie (und in analogem Sinn wird er auch in der Persönlichkeitspsychologie >hier<  gebraucht) liegt darin, dass „Wert" (das, was sein soll) verstanden wird als eine mit wissenschaftlichen Methoden erreichte Aussage über die Möglichkeiten des Menschen (das, was sein kann bzw. könnte).

 

Damit ist eigentlich der Anschluss aufgezeigt, in wie weit Moral und Ethik mit Norm zusammenhängen. in jedem Fall ist die statistische Norm oder der Durchschnittsbegriff als deskriptive (beschreibende, erklärende) Bedeutung von „Normen" die Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten im Bereich der Psychologie/Soziologie. Die anderen Begriffe bedürfen einer Präzisierung im Hinblick auf die bereits diskutierten philosophischen Begriffe von Moral und Ethik (>hier<).

 

Wichtig ist zu erwähnen, dass Psychopathen sowohl in der statistischen Norm als auch in der Idealnorm als "unnormal" gelten. Statistisch gesehen sind - nach der heutigen Annahmen - um die 2% der Bevölkerung psychopatisch. Innerhalb des unter die abnormen Persönlichkeitsstörungen fallenden (die dissozialen, die Hysteriker usw. >hier<) sind die Psychopathen - >hier< - nicht zu therapieren; denn im Gegensatz zu den anderen Störungen gibt es für diesen Personenkreis keine ausreichenden Therapieansätze und außerdem sind sie nicht therapiewillig, weil ihnen der so genannte Leidensdruck fehlt.

 

Walter Rath Dezember 2009