Weltethos

>Hier< die Weltethoserklärung von Parlament der Religionen;
>hier<
zum "globalen Wirtschaftsethos".
Weiter auf der folgenden Seite direkt:
>Hier< zur "Achten Weltethosrede" des Desmond Tutu
 und
>hier< zur Friedenspolitik


Durch Klicken kommen Sie zur Seite der StiftungEs gibt die von Graf K. K. von der Gröben gegründete "Stiftung Weltethos". Graf von Gröben machte 1995 durch das Buch Projekt Weltethos auf das Thema aufmerksam und er stellte eine ausreichende Summe zur Verfügung, so dass aus den Zinsen die weitere Arbeit langfristig finanziert werden kann. Präsident der Stiftung ist Hans Küng (>hier< Besprechung seines Buchbandes: Friedenspolitik und >hier< eine .pdf-Datei zur Verleihung des Abraham-Geiger-Preises*).

* der Rabbiner und Judaist, Abraham Geiger, geboren 1810 in Frankfurt am Main, starb 1874 in Berlin. Er war der Gründer der "Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie" und der "Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben". Er galt als der führende Vertreter des Reformjudentums in Deutschland.

Die Grundüberzeugungen des Projektes Weltethos sind:

  • kein Zusammenleben auf unserem Globus ohne ein globales Ethos,
  • kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen,
  • kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen,
  • kein Dialog zwischen den Religionen und Kulturen ohne Grundlagenforschung,
  • kein globales Ethos ohne Bewusstseinswandel von Religiösen und Nicht-Religiösen.
Ein wichtiges Beispiel für die Gemeinsamkeiten in den Religionen ist das Prinzip der Goldenen Regel (das in der Bibel, Matthäus 7, 12 empfohlene sittliche Verhalten gegenüber den Mitmenschen: »Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch«. Bekannter in der verneinenden Form: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu«. Die "Goldene Regel" ist  auch Bestandteil der Ethik in vielen nicht christlicher Religionen.) Alle Kulturen und Religionen kennen dieses Prinzip der Gegenseitigkeit. (Aber ist sie - die "Goldene Regel" - wirklich realistisch zur praktischen Anwendung für uns Menschen? Volker Zotz schreibt dazu einiges in seinem Buch "Konfuzius für den Westen - Neue Sehnsucht nach alten Werten" z.B. "Christus wurde gekreuzigt, Mahadma Ghandi erschossen und viele andere haben die Beherzigung dieser "Regel" nicht überlebt. Mehr >hier<.)

Das Projekt Weltethos führt folgende Beispiele an zu den einzelnen Weltreligionen (die einzelnen Religionen >hier< zu finden in "Welt der Religionen"):

  • Judentum: Tue nicht anderen, was Du nicht willst, dass sie Dir tun. - Rabbi Hillel, Sabbat 3a
  • Christentum: Alles was Ihr wollt, dass Euch die Menschen tun, das tut auch Ihr Ihnen ebenso. - Neues Testament, Matthäus 7,12; Lukas 6,31 bzw. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst., Levitikus 19,18 AT, Lukas 10,27, Matthäus 19,19, Matthäus 22, 39, Römer 13,9, Galater 5,14.
  • Islam: Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht. - An-Nawawi, Kitab Al-Arba'in (Vierzig Hadithe), 13
  • Buddhismus: Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten? - Samyutta-Nikaya (Reden Buddhas) V, 353.35-354.2
  • Hinduismus: Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral. – Mahabharata (Geschichte Großindiens, >hier<) XIII, 114.8
Vom 28. August bis zum 4. September 1993 trafen sich in Chicago Vertreter vieler verschiedener Religionen, um ein Regelwerk zusammenzustellen, das die Menschenrechtserklärung von 1948 ethisch begründen sollte. Es beteiligten sich 6.500 Menschen aus 125 Religionen und religiösen Traditionen. Sie einigten sich in der Erklärung zum Weltethos auf vier Weisungen (Du sollst nicht töten, stehlen, lügen und Unzucht treiben), die in den Leitsätzen formuliert wurden:
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben (Unter Gewalt versteht man die Anwendung von physischem und psychischem Zwang gegenüber Menschen. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der rohen, gegen Sitte und Recht verstoßenden Einwirkung auf Personen - verletzende Gewalt genannt - und dem Durchsetzungsvermögen in Macht- und Herrschaftsbeziehungen - ordnende Gewalt genannt. Schon früh unterwarfen sich die in der Gemeinschaft eines Stammes oder Staates zusammengefassten Menschen einer ordnenden, den inneren und äußeren Frieden sichernden Gewalt: Um Gewalt zwischen den Gliedern der Gemeinschaft zu unterbinden, wurde sie als legitimes Herrschaftsinstrument beim Herrscher oder bei bestimmten Staatsorganen monopolisiert. Mit dem Versuch, das Recht des Stärkeren abzubauen, ging in einem fortschreitenden Prozess das Bestreben einher, durch Stammes- und Staatsordnungen, durch Rechts- und Gerichtswesen diese Gewalt zu kanalisieren.)
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung (Solidarität ist das Zusammengehörigkeitsgefühl von Individuen oder Gruppen in einem Sozialgefüge - im weiteren Sinn auch von Staaten in internationalen Bündnissen, das sich in gegenseitiger Hilfe und Unterstützung äußert. Neben den Formen der Solidarität der Gesinnung - gemeint ist ein Einheitsbewusstsein - und Solidarität des Handelns - d.h. gegenseitige Hilfsbereitschaft - gibt es die Interessensolidarität, die lediglich durch sachlich begründete Interessengleichheit in einer bestimmten Situation wirksam ist und nach dem Erreichen des gemeinsamen Zieles endet.)
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz (in der Psychologie die Fähigkeit, abweichende Werte und Meinungen zu ertragen - zu dulden. Toleranz ist eine wesentliche soziale Fähigkeit, die unentbehrlich ist, um in einer Gesellschaft insbesondere mit großen Vielfalt unterschiedlicher Werte, Ansichten, politischer Überzeugungen konstruktive Beziehungen aufbauen und mit unterschiedlichen Menschen zusammenarbeiten zu können) und ein Leben in Wahrhaftigkeit (die charakterliche Haltung der Aufrichtigkeit gegenüber anderen Personen, dadurch gekennzeichnet, dass die Aussagen, die man ihnen gegenüber macht, in Einklang mit der eigenen Überzeugung stehen - äußere Wahrhaftigkeit - und gegenüber dem eigenen Ich darin ausgedrückt, dass man die eigenen Motive und Verhaltensweisen hinsichtlich ihrer Wahrhaftigkeit ehrlich und selbstkritisch überprüft - innere Wahrhaftigkeit -  wie auch in der Übereinstimmung des Handelns mit der inneren Gesinnung. Mangelnde Wahrhaftigkeit kann zu Irrtümern führen, aber auch bewusste Täuschungsabsichten gegenüber anderen  sein.)
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau. (Die Gleichberechtigung besagt, dass Personen, die sich in gleicher [Rechts-]Lage befinden, gleich zu behandeln sind, ungeachtet des Geschlechts, der Herkunft, der Hautfarbe, auch des Alters. Die Gleichberechtigung gilt angefangen bei der Familie, am Arbeitsplatz, überhaupt für wirtschaftliche Positionen. Gleichberechtigung darf nicht zur Gleichmachung führen. Mehr dazu in der "Menschenrechtskonvention" >hier<, wo nach "Rechte" gesuchte werden sollte.)

Die Grundforderung lautet: Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden! Ferner gilt als Gemeinsamkeit die Goldene Regel.

Im Judentum werden diese Forderungen zum Beispiel aus den 10 Geboten hergeleitet; im Christentum ebenfalls, wobei Jesu Auslegung dieser Gebote in der Bergpredigt maßgebend ist.

Das Projekt wird inzwischen von der Stiftung Weltethos vorangetrieben. Gegründet wurde die Stiftung von Graf K.K. von der Gröben, der 1995 durch das Buch Projekt Weltethos auf das Thema aufmerksam wurde. Er stellt eine namhafte Summe zur Verfügung. Aus den Zinsen kann die weitere Arbeit langfristig finanziert werden. Präsident der Stiftung ist Hans Küng (>hier<).

Aufgaben der Stiftung:

  • Durchführung und Förderung interkultureller und interreligiöser Forschung
  • Anregung und Durchführung interkultureller und interreligiöser Bildungsarbeit
  • Ermöglichung und Unterstützung der zur Forschungs- und Bildungsarbeit notwendigen interkulturellen und interreligiösen Begegnung

Die Ziele des Weltethos sind die Umsetzung der Menschenrechte, Freiheit der Menschen vor Unterdrückung, Freiheit als solche, Beseitigung des Welthungers, Umsetzung einer gerechten Wirtschaftsordnung, Solidarität (siehe oben) zwischen den Menschen, Nachhaltigkeit (>hier< nächster Begriff) zum Schutze des Ökosystems (>hier<) und Friedens auf der Erde. Dies soll durch Dialog zwischen den Religionen und den Bewusstseinswandel eines jeden erreicht werden.

Am Projekt Weltethos wird bemängelt, dass die Grundlagen für dieses gemeinsames Ethos zu sehr westlichen Denkweisen entsprängen, und somit die Inhalte anderer Religionen nicht genug berücksichtigten. Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die Religionen gegenüber dem Weltethos an Bedeutung verlieren, und somit Jahrhunderte altes Wissen und Traditionen in Vergessenheit geraten könnten. Als einer der schärfsten Kritiker des Projekts Weltethos tat sich der Philosoph Robert Spaemann (1927 in Berlin geboren, >hier< einige seiner Werke) hervor. Aus der Sicht eines evolutiv neuen, wissenschaftlich-rational fundierten Religionsbegriffes formuliert Siegfried Pflegerl eine konstruktiv anregende Kritik.
  • Pflegerl, Siegfried: K. C. F. Krauses Urbild der Menschheit. Richtmaß einer universalistischen Globalisierung. Kommentierter Originaltext und aktuelle Weltsystemanalyse Frankfurt/M. u.a.: Peter Lang 2003, ISBN 978-3-631-50694-3
  • Werke vom Philosophen Robert Spaemann, (1927 in Berlin geboren; Arbeiten zur Naturphilosophie, praktischen und politischen Philosophie und zur Ideengeschichte der Neuzeit.Er sucht - in dem von ihm vertretenen ethischen Neuansatz - die Ethik als Lehre von der intuitiven Wahrnehmung der Wirklichkeit auffassend - den Antagonismus [Widerstreit, Gegenwirkung, Gegensatz] von eudämonistischer [nach Glückseligkeit strebender] Klugheitsethik und universalistischer Pflichtethik zu überwinden):
    Rousseau, Bürger ohne Vaterland (1980);
    Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens (1981, mit R. Löw);
    Moralische Grundbegriffe (1982); Das Natürliche und das Vernünftige (1987); Glück und Wohlwollen. Versuch über Ethik (1989);
    Personen. Versuch über den Unterschied zwischen »etwas« und »jemand« (1996);
    Töten oder sterben lassen? (1997, mit T. Fuchs);
    Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns (Aufsätze, 2001).
  • >Hier< eine .pdf-Datei: Globales Wirtschaftsethos - Konsequenzen für die Weltwirtschaft (Oktober 2009), erstellt von
    United Nations Global Compact,
    Novartis Foundation for sustainable Development,
    Schweizerische Eidgenossenschaft
    und
    Stiftung Weltethos

Wort- und Begriffserklärungen:

Mahabharata: Sanskritepos, das bedeutendste indische Erzählwerk neben dem Ramayana. (Sanskrit »Ramas Lebenslauf«), das zweite große Nationalepos ist ein Kunstepos, das einem mythischen Weisen, namens Valmiki, zugeschrieben wird, entstanden zwischen minus 4./3. Jahrhundert und plus 2. Jahrhundert, später noch stärker erweitert (24 000 Doppelverse). } Das Ramayana erzählt, wie der Königssohn Rama, eine Verkörperung des Gottes Vishnu, seine von dem Dämonenfürsten Ravana geraubte Gattin Sita mithilfe des Affenkönigs Hanuman wiedergewinnt. Die Rama-Sage ist auch im gesamten Südostasien verbreitet.

Die beiden (etwa 2 200 Jahre alten) Bilder unten aus dem fernöstlichen Kulturraum zeigen, dass auch dort nur Männer eine Rolle spielen, dass Meinungsunterschiede, dass Abweichler vom Brauchtum (also der jeweiligen Moral) überall, wo es Menschen gibt, auf die gleiche Weise behandelt werden, nämlich brutal umgebracht, und dass Entführungen, dass es also Streit um Frauen auch überall gibt, wie beim Federvieh: Hähne kämpfen bis zum Tode; die Hennen interessiert es nicht einmal.

 

 

 

 

 

Ökosystem:  Wirkungsgefüge zwischen Lebewesen verschiedener Arten und ihrem Lebensraum, das aus den Produzenten (v. a. grüne Pflanzen), den Reduzenten oder Destruenten (z. B. Bakterien) und eventuell zwischen diesen eingeschalteten Konsumenten (Pflanzenfresser, Räuber) besteht. } Ökosysteme (z. B. Laubwald, Wattenmeer, Sandwüsten) sind offene Systeme. Die natürlichen Stoffkreisläufe in einem Ökosystem sind ausgeglichen, sodass sich ein dynamisches Gleichgewicht, ein Fließgleichgewicht, einstellt. Die Änderung einzelner Komponenten eines Ökosystems kann dessen Balance empfindlich stören (z. B. Überdüngung von Gewässern) und, da Ökosysteme immer in Beziehung zueinander stehen, auch das Gleichgewicht benachbarter Ökosysteme beeinflussen.

Sustainable Development = nachhaltige Entwicklung, d.h. dauerhaft umweltgerechte Entwicklung. (Sustainable = haltbar, aufrechterhaltend, tragbar)


Achte Weltethos-Rede
von Alt-Erzbischof
Desmond Tutu, Kapstadt, Südafrika

Ja, vielleicht ist das ein etwas düsteres Bild, aber vielleicht auch nicht. Warum sollten wir glauben, dass es überhaupt etwas gibt, wonach es sich zu streben lohnt? Warum sollten wir dafür sorgen, dass die Welt sich verändert, dass wir in einer anderen Welt leben? In vielen Ländern Afrikas ist die Weltsicht der Dinge etwas, das man mit Ubuntu bezeichnet. Ubuntu, das ist im Grunde der Kern des Seins, der Kern der Persönlichkeit. Wir sagen: Du musst dich bemühen, alles zu sein, was du sein kannst, damit ich alles sein kann, was ich sein kann. Meine Menschlichkeit hängt mit deiner Menschlichkeit zusammen. Der einzelne losgelöste Mensch ist im Grunde genommen ein Widerspruch in sich. Wir sagen: Eine Person wird zur Person durch andere Personen, durch die Mitmenschen. Ich habe Gaben, die du nicht hast und du hast Gaben, die ich nicht habe. Und dann sagt Gott: »Voilà, genau darum geht's. Dadurch erkennt ihr, dass ihr euch gegenseitig braucht.« Wir sind dazu geschaffen, dass wir in einem sehr fragilen Netzwerk von gegenseitiger Abhängigkeit leben. Derjenige, der vollkommen eigenständig ist und autark ist, ist eigentlich kein Mensch, kein echter Mensch.
 
Ubuntu bedeutet auch Mitleid, Großzügigkeit, Gastfreundschaft. Wenn wir jemanden mit offenen Armen empfangen, wenn jemand großzügig ist, dann ist das größte Lob, das man ihm in unserer Weltgegend geben kann: »Lu ubuntu, una levutu«. Das bedeutet: Dieser Mensch hat Ubuntu, er ist ein Mensch. Er strebt nach gesellschaftlicher Harmonie. Rache, Zorn, Hass – all dies sind Dinge, welche die gesellschaftliche Harmonie unterlaufen. Ubuntu ermutigt alle, zu vergeben, sich zu versöhnen. Es heißt: Einander zu vergeben, ist gut für die Gesundheit, denn der Blutdruck geht runter. Es ist die beste Art und Weise, sein Eigeninteresse zu vertreten. Es verschreibt nicht die ausgleichende Gerechtigkeit, sondern die wiederherstellende Gerechtigkeit. Der Zweck liegt darin, eine Brücke zu bauen, anstatt irgendwelche Rachegelüste zu schüren. Und es überrascht daher nicht, dass Nelson Mandela, als er nach 27 Jahren aus dem Gefängnis kam, und eigentlich voller Bitterkeit und Zorn sein sollte, die Welt durch die enorme Großzügigkeit im Geiste, die er an den Tag legte, erstaunte. Er kam aus dem Gefängnis und forderte sein Volk auf, nicht Rache zu üben, sondern zu vergeben und sich zu versöhnen. Nelson Mandela aus Afrika ist zu einer Ikone der Versöhnung und der Vergebung in der Welt geworden.

Ubuntu sagt uns, dass wir so miteinander verwoben sind, dass, wenn man einen anderen nicht menschlich behandelt, man selber nicht mehr menschlich ist. Das sahen wir auch bei unserer Versöhnungs- und Wahrheitskommission. Da sagte jemand aus: »Wir haben jemand in den Kopf geschossen und seinen Körper verbrannt – es dauert acht oder neun Stunden, bis ein menschlicher Körper verbrannt ist – und während der Körper brannte, haben wir daneben ein Grillfeuer gemacht und Bier getrunken.« Da fragt man sich doch: Was mag wohl mit der Menschlichkeit von jemandem passiert sein, der in der Lage ist, so etwas zu tun? Zu töten, einen Leichnam zu verbrennen, und daneben Fleisch zu grillen?

Ubuntu war nichts, das es nur in Südafrika gab. Nach Mau-Mau in Kenia dachte man, wenn Uhuru (Freiheit) zu uns kommt, würde Jomo Kenyatta sein Volk in eine Racheorgie führen. Das ist aber nicht passiert. Als die Freiheit in Simbabwe kam, gab es keine Rache, keine Vergeltung. Ian Smith blieb im Parlament auch nach der »Befreiung«. Das war bevor sich Herr Mugabe so verändert hatte. Und das Gleiche konnten wir in Namibia sehen. Nein, sich zu rächen heißt, dass man gegen seine eigenen Interessen handelt.

Bei Ubuntu geht es um den Wert der Individuen, um ihre Würde. Bei Ubuntu geht es um die Tatsache, dass wir alle zu einer Familie gehören. Wir alle sind Teil der menschlichen Familie, der Familie Gottes. Ich werde ja auch älter und jeden Tag merke ich, dass mir Dinge ein bisschen schwerer fallen, und ich denke, ich habe etwas entdeckt, von dem ich glaube, dass es das Radikalste ist, was Jesus jemals gesagt hat. Und ich bin sicher, es wird Sie überraschen. Sie erinnern sich vielleicht: Am ersten Morgen der Auferstehung trifft unser Herr Maria Magdalena und er sagt etwas ganz Merkwürdiges zu ihr. Maria Magdalena, eine Frau. Sie erinnern sich vielleicht, dass Paulus sagte: Um als Apostel zu gelten, muss man den auferstandenen Herren gesehen haben. Demnach war der erste Apostel anscheinend eine Frau. Also, das jetzt mal in Klammern.

Und unser Herr hat etwas sehr Merkwürdiges zu ihr gesagt. Er hat gesagt: Geh hin und sage es meinen Brüdern. Das ist das erste Mal, dass er von »Brüdern« spricht. Vorher hat er sie immer nur Freunde genannt. Und jetzt sagt er: »meine Brüder«. Zu jenen, von denen einer ihn verraten hat, einer ihn sogar dreimal verleugnet hat, und alle haben sie ihn verlassen. Diese Menschen nennt er »meine Brüder«. »Sag meinen Brüdern, dass ich zu meinem Vater und zu ihrem Vater gehe.« Das war ein sehr bedeutender Moment. Und Jesus wollte mit diesen Worten etwas sagen. Er meinte, dass Sie, ich, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Brüder und Schwestern in dieser Familie, in der es keine Außenseiter gibt, nur Insider.

Sie erinnern sich vielleicht daran, dass Jesus gesagt hat: Wenn ich auffahre in den Himmel, da hat er nicht gesagt, da nehme ich ein paar von euch mit, er hat gesagt: Ich nehme euch alle mit. Alle, alle, alle. Die Reichen, die Armen, die Weißen, die Schwarzen, die Gelben, die Roten, Palästinenser, Israelis. Alle, alle, alle. Homosexuelle, Heterosexuelle, alle – können Sie sich das vorstellen? George Bush, Osama bin Laden. Alle, alle, einfach alle! Das ist doch fantastisch! Wie kann man Würde besitzen, wenn man arm ist? Wie kann man Würde besitzen, wenn man krank ist? Wie kann man Würde besitzen, wenn man unwissend ist? Oder dazu gemacht wird. Wie kann man das? Es geht um alle, alle, einfach alle.

Im Ethos der Familie fragt man nicht: Sag mal, wie viel trägst du denn zum Familieneinkommen bei? Du kriegst dann anteilsmäßig nur so viel zurück, wie du auch beiträgst. Man sagt doch nicht zu einem Baby: Und, was trägst du zur Familie bei? Das Baby trägt ja noch nichts zum Einkommen bei, soweit wir das beurteilen können. Aber das Baby wird überschüttet mit Liebe. Nein, in einer guten Familie sagen wir: Jeder soll das tun, wozu er in der Lage ist. Und dann bekommt jeder das, was er braucht.

Eines jedenfalls kann ich Ihnen sagen: Wir werden niemals einen Krieg gegen den Terror gewinnen, so lange es Menschen gibt, die unter Bedingungen leben müssen, die sie verzweifeln lassen. Wir sind eine Familie! Wie können wir so unglaublich viel Geld in so vielen Ländern für Tod und Zerstörung ausgeben? Wir produzieren Bomben, die Menschen töten werden, und dabei wissen wir doch, dass nur ein kleiner Teil dieses Geldes dafür sorgen könnte, dass Kinder auf der ganzen Welt sauberes Trinkwasser, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, gute Bildung bekommen könnten.

Wie können wir das zulassen? Wie? Und Gott sagt: Kannst du mir helfen, dafür zu sorgen, dass diese Welt mehr Mitgefühl zeigt, dass wir in einer Welt leben, in der jeder Mensch mehr bedeutet als materielle Dinge? Kannst du mir helfen, dafür zu sorgen, dass diese Welt eine Welt wird, in der jeder Mensch seine unveräußerlichen Rechte genießen kann? Und Gott sagt: Bitte, bitte hilf mir! Bitte hilf mir! Hilf mir, diese Welt in eine Welt des Mitgefühls zu verwandeln, in eine Welt der Großzügigkeit, eine Welt, in der sich jeder um den anderen kümmert, eine Welt voller Lachen und Freude, eine Welt, in der die Armut Vergangenheit ist, eine Welt, in der es keinen Krieg mehr gibt.
 
Hilf mir. Hilf mir. Hilf mir.
Vielen Dank.