Achte Weltethos-Rede
von Alt-Erzbischof
Desmond Tutu, Kapstadt, Südafrika

Ja,
vielleicht ist das ein etwas düsteres Bild, aber vielleicht auch nicht.
Warum sollten wir glauben, dass es überhaupt etwas gibt, wonach es sich
zu streben lohnt? Warum sollten wir dafür sorgen, dass die Welt sich
verändert, dass wir in einer anderen Welt leben? In vielen Ländern
Afrikas ist die Weltsicht der Dinge etwas, das man mit Ubuntu
bezeichnet. Ubuntu, das ist im Grunde der Kern des Seins, der Kern der
Persönlichkeit. Wir sagen: Du musst dich bemühen, alles zu sein, was du
sein kannst, damit ich alles sein kann, was ich sein kann. Meine
Menschlichkeit hängt mit deiner Menschlichkeit zusammen. Der einzelne
losgelöste Mensch ist im Grunde genommen ein Widerspruch in sich. Wir
sagen: Eine Person wird zur Person durch andere Personen, durch die
Mitmenschen. Ich habe Gaben, die du nicht hast und du hast Gaben, die
ich nicht habe. Und dann sagt Gott: »Voilà, genau darum geht's. Dadurch
erkennt ihr, dass ihr euch gegenseitig braucht.« Wir sind dazu
geschaffen, dass wir in einem sehr fragilen Netzwerk von gegenseitiger
Abhängigkeit leben. Derjenige, der vollkommen eigenständig ist und
autark ist, ist eigentlich kein Mensch, kein echter Mensch.
Ubuntu bedeutet auch Mitleid, Großzügigkeit, Gastfreundschaft. Wenn wir
jemanden mit offenen Armen empfangen, wenn jemand großzügig ist, dann
ist das größte Lob, das man ihm in unserer Weltgegend geben kann: »Lu
ubuntu, una levutu«. Das bedeutet: Dieser Mensch hat Ubuntu, er ist ein
Mensch. Er strebt nach gesellschaftlicher Harmonie. Rache, Zorn, Hass –
all dies sind Dinge, welche die gesellschaftliche Harmonie unterlaufen.
Ubuntu ermutigt alle, zu vergeben, sich zu versöhnen. Es heißt: Einander
zu vergeben, ist gut für die Gesundheit, denn der Blutdruck geht runter.
Es ist die beste Art und Weise, sein Eigeninteresse zu vertreten. Es
verschreibt nicht die ausgleichende Gerechtigkeit, sondern die
wiederherstellende Gerechtigkeit. Der Zweck liegt darin, eine Brücke zu
bauen, anstatt irgendwelche Rachegelüste zu schüren. Und es überrascht
daher nicht, dass Nelson Mandela, als er nach 27 Jahren aus dem
Gefängnis kam, und eigentlich voller Bitterkeit und Zorn sein sollte,
die Welt durch die enorme Großzügigkeit im Geiste, die er an den Tag
legte, erstaunte. Er kam aus dem Gefängnis und forderte sein Volk auf,
nicht Rache zu üben, sondern zu vergeben und sich zu versöhnen. Nelson
Mandela aus Afrika ist zu einer Ikone der Versöhnung und der Vergebung
in der Welt geworden.
Ubuntu sagt uns, dass wir so miteinander verwoben sind, dass, wenn
man einen anderen nicht menschlich behandelt, man selber nicht mehr
menschlich ist. Das sahen wir auch bei unserer Versöhnungs- und
Wahrheitskommission. Da sagte jemand aus: »Wir haben jemand in den Kopf
geschossen und seinen Körper verbrannt – es dauert acht oder neun
Stunden, bis ein menschlicher Körper verbrannt ist – und während der
Körper brannte, haben wir daneben ein Grillfeuer gemacht und Bier
getrunken.« Da fragt man sich doch: Was mag wohl mit der Menschlichkeit
von jemandem passiert sein, der in der Lage ist, so etwas zu tun? Zu
töten, einen Leichnam zu verbrennen, und daneben Fleisch zu grillen?
Ubuntu war nichts, das es nur in Südafrika gab. Nach Mau-Mau in Kenia
dachte man, wenn Uhuru (Freiheit) zu uns kommt, würde Jomo Kenyatta sein
Volk in eine Racheorgie führen. Das ist aber nicht passiert. Als die
Freiheit in Simbabwe kam, gab es keine Rache, keine Vergeltung. Ian
Smith blieb im Parlament auch nach der »Befreiung«. Das war bevor sich
Herr Mugabe so verändert hatte. Und das Gleiche konnten wir in Namibia
sehen. Nein, sich zu rächen heißt, dass man gegen seine eigenen
Interessen handelt.
Bei Ubuntu geht es um den Wert der Individuen, um ihre Würde. Bei
Ubuntu geht es um die Tatsache, dass wir alle zu einer Familie gehören.
Wir alle sind Teil der menschlichen Familie, der Familie Gottes. Ich
werde ja auch älter und jeden Tag merke ich, dass mir Dinge ein bisschen
schwerer fallen, und ich denke, ich habe etwas entdeckt, von dem ich
glaube, dass es das Radikalste ist, was Jesus jemals gesagt hat. Und ich
bin sicher, es wird Sie überraschen. Sie erinnern sich vielleicht: Am
ersten Morgen der Auferstehung trifft unser Herr Maria Magdalena und er
sagt etwas ganz Merkwürdiges zu ihr. Maria Magdalena, eine Frau. Sie
erinnern sich vielleicht, dass Paulus sagte: Um als Apostel zu gelten,
muss man den auferstandenen Herren gesehen haben. Demnach war der erste
Apostel anscheinend eine Frau. Also, das jetzt mal in Klammern.
Und unser Herr hat etwas sehr Merkwürdiges zu ihr gesagt. Er hat
gesagt: Geh hin und sage es meinen Brüdern. Das ist das erste Mal, dass
er von »Brüdern« spricht. Vorher hat er sie immer nur Freunde genannt.
Und jetzt sagt er: »meine Brüder«. Zu jenen, von denen einer ihn
verraten hat, einer ihn sogar dreimal verleugnet hat, und alle haben sie
ihn verlassen. Diese Menschen nennt er »meine Brüder«. »Sag meinen
Brüdern, dass ich zu meinem Vater und zu ihrem Vater gehe.« Das war ein
sehr bedeutender Moment. Und Jesus wollte mit diesen Worten etwas sagen.
Er meinte, dass Sie, ich, dass wir alle Brüder und Schwestern sind.
Brüder und Schwestern in dieser Familie, in der es keine Außenseiter
gibt, nur Insider.
Sie erinnern sich vielleicht daran, dass Jesus gesagt hat: Wenn ich
auffahre in den Himmel, da hat er nicht gesagt, da nehme ich ein paar
von euch mit, er hat gesagt: Ich nehme euch alle mit. Alle, alle, alle.
Die Reichen, die Armen, die Weißen, die Schwarzen, die Gelben, die
Roten, Palästinenser, Israelis. Alle, alle, alle. Homosexuelle,
Heterosexuelle, alle – können Sie sich das vorstellen? George Bush,
Osama bin Laden. Alle, alle, einfach alle! Das ist doch fantastisch! Wie
kann man Würde besitzen, wenn man arm ist? Wie kann man Würde besitzen,
wenn man krank ist? Wie kann man Würde besitzen, wenn man unwissend ist?
Oder dazu gemacht wird. Wie kann man das? Es geht um alle, alle, einfach
alle.
Im Ethos der Familie fragt man nicht: Sag mal, wie viel trägst du
denn zum Familieneinkommen bei? Du kriegst dann anteilsmäßig nur so viel
zurück, wie du auch beiträgst. Man sagt doch nicht zu einem Baby: Und,
was trägst du zur Familie bei? Das Baby trägt ja noch nichts zum
Einkommen bei, soweit wir das beurteilen können. Aber das Baby wird
überschüttet mit Liebe. Nein, in einer guten Familie sagen wir: Jeder
soll das tun, wozu er in der Lage ist. Und dann bekommt jeder das, was
er braucht.
Eines jedenfalls kann ich Ihnen sagen: Wir werden niemals einen Krieg
gegen den Terror gewinnen, so lange es Menschen gibt, die unter
Bedingungen leben müssen, die sie verzweifeln lassen. Wir sind eine
Familie! Wie können wir so unglaublich viel Geld in so vielen Ländern
für Tod und Zerstörung ausgeben? Wir produzieren Bomben, die Menschen
töten werden, und dabei wissen wir doch, dass nur ein kleiner Teil
dieses Geldes dafür sorgen könnte, dass Kinder auf der ganzen Welt
sauberes Trinkwasser, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, gute
Bildung bekommen könnten.
Wie können wir das zulassen? Wie? Und Gott sagt: Kannst du mir
helfen, dafür zu sorgen, dass diese Welt mehr Mitgefühl zeigt, dass wir
in einer Welt leben, in der jeder Mensch mehr bedeutet als materielle
Dinge? Kannst du mir helfen, dafür zu sorgen, dass diese Welt eine Welt
wird, in der jeder Mensch seine unveräußerlichen Rechte genießen kann?
Und Gott sagt: Bitte, bitte hilf mir! Bitte hilf mir! Hilf mir, diese
Welt in eine Welt des Mitgefühls zu verwandeln, in eine Welt der
Großzügigkeit, eine Welt, in der sich jeder um den anderen kümmert, eine
Welt voller Lachen und Freude, eine Welt, in der die Armut Vergangenheit
ist, eine Welt, in der es keinen Krieg mehr gibt.
Hilf mir. Hilf mir. Hilf mir.
Vielen Dank.
|