Phantasie-Gefährten
Ein Fantasiefreund ist ein Freund, der nicht in der Realität, sondern nur in der Gedankenwelt, in der Fantasie eines Menschen existiert. Bisweilen wird er auch als Unsichtbarer Freund bezeichnet, weil nur die betreffende Person ihn sehen kann. Diese fiktive Person existiert nicht in der realen Welt.
>Hier< von Arne Birkenstock Phantasie-Gefährten - Familienmitglieder der dritten Art;
>hier< zu einem Kommentar;
>hier< zu Lügengeschichten;
Mein unsichtbarer Freund
Häufig sehen Kinder Wesen, die Erwachsene mit bloßem Auge nicht erkennen können. Wenn Kinder mit ihren unsichtbaren Freunden reden, sollte das für die Eltern jedoch kein Grund zur Beunruhigung sein. Sie sind keineswegs gefangen in ihrer Phantasiewelt."Ich sehe was, was du nicht siehst - und das ist mein Freund Bob", freut sich der kleine Philip. Seine Eltern stehen neben ihm und wissen, dass sie Bob nie zu Gesicht bekommen werden. Philip weiß hingegen alles über Bob und eins ist für ihn ganz klar: Bob ist einfach der Coolste. Bob kann vieles, was sich auch Philip gerne trauen würde. Er kann auf die höchsten Bäume klettern, er ist stark und feiert tolle Geburtstagspartys mit ganz vielen Freunden. Bob hat keine Mama, die ihm sagt, wann er zu Bett gehen soll, und keinen Papa, der aufpasst, dass er nicht zuviel Süßes isst und dann Bauchschmerzen bekommt. Bob kann tun und lassen was er will.
So wie bei Philip und seinen Eltern ist es in vielen Familien. Phantasiegestalten begleiten viele Kinder durch den Alltag. Sie erzählen ihren Eltern die tollsten Geschichten von ihren unsichtbaren Freunden, doch die Eltern werden diese neuen Freunde ihres Kindes niemals hören oder sehen. Doch die Kleinen profitieren von ihren neuen Bekanntschaften. Wer Phantasiefreunde hat, gilt als besonders kontaktfreudig.
Für Marjorie Taylor, Buchautorin und Psychologie-Professorin an der US-Universität Oregon, ist es nicht verwunderlich, wenn Kinder ihren Alltag mit ihren neuen Freunden verbringen. "Dass Kinder Phantasiegefährten erfinden, kommt relativ häufig vor", sagt sie. Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen "Imaginary Companions". Für ihre Untersuchungen hat sie vor allem Kinder im Alter von vier und fünf Jahren beobachtet. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass Phantasiefreunde in dieser Altersphase in der Regel etwas völlig Gesundes und Positives sind. Elterliche Bedenken gegenüber diesen Phantasiefreunden sind ihrer Meinung nach unbegründet. Entgegen früherer wissenschaftlicher Ergebnisse vertritt sie zudem die Ansicht, dass Kinder, die neben ihren realen Freunden auch Freunde in ihrer Phantasiewelt haben, keinen Realitätsverlust erleiden. "Sie gestalten sich so schlicht und einfach ihren Alltag etwas bunter", so die Sicht der amerikanischen Psychologin.
In ihren Untersuchungen konnte Majorie Taylor zudem feststellen, dass Kinder mit Phantasiefreunden oft besonders kontaktfreudig sind. Sie sind weniger schüchtern und es fällt ihnen zudem leichter, sich in die Lage anderer zu versetzen. Kinder genießen diese aktiven Spiele mit ihren unsichtbaren Freunden, denn sie bereichern ihren Alltag. Dabei sind die Phantasiegefährten der Kinder recht unterschiedlich. In ihren Untersuchungen fand die Wissenschaftlerin heraus, dass etwa 27 Prozent der unsichtbaren Freunde eigentlich ganz normale, aber unsichtbare Mädchen und Jungen sind, mit denen es sich gut spielen lässt. Es ist auch nicht ungewöhnlich, so ihre Erkenntnisse, dass die Phantasiegefährten auf wirklichen Personen basieren. In ihren Forschungsergebnissen hatten 16 Prozent der Phantasiegestalten real existierende Personen als Vorbild. Jedoch haben die unsichtbaren Freunde oft auch übermenschliche Fähigkeiten: Sie können fliegen, sich verwandeln, haben besondere Kräfte oder ungewöhnliche physische Eigenschaften. Dieses zeigte sich in 17 Prozent der Fälle von Majorie Taylors Untersuchungen. Die Freunde in der kindlichen Phantasie können aber auch Tiere sein. Dieses war in 20 Prozent der Fälle so. Jedoch besteht auch hier häufig ein wesentlicher Unterschied zur Realität. Häufig können die Tiere mit dem Kind sprechen oder auf andere Weise mit ihm kommunizieren. Manchmal verfügen sie darüber hinaus über weitere magische Fähigkeiten oder über besondere Eigenschaften.
Eine geschlechterspezifische Betrachtung zeigt, dass Mädchen vor allem bis zum Alter von sieben Jahren Phantasiefreundschaften haben. Auch Jungen lassen ihrer Phantasie beim Spielen freien Lauf. Im Gegensatz zu Mädchen übernehmen sie die Rolle der in ihrer Phantasie entstandenen Person jedoch häufiger selbst. Diese geschlechterspezifischen Charakteristika im Rollenspiel zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Wissenschaftler fanden beispielsweise heraus, dass die von Mädchen erdachten Phantasiegefährten in höherem Maße Zuwendung und Betreuung nötig haben als die Phantasiefreunde der Jungen. Die Freunde in der Phantasie von Jungen sind vor allem stark und lassen sich gut von den Jungen nachspielen.
Die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass sich Kinder häufig schon im Alter von vier Jahren mit ausführlichen Formen des Rollenspiels beschäftigen. Dabei sind den Gestalten in der Welt der kindlichen Phantasie keine Grenzen gesetzt. Obwohl viele dieser Phantasiefreunde zumindest zu einem gewissen Teil aus Büchern, Filmen und Fernsehen stammen, sind die Figuren trotzdem meist einmalig. Majorie Taylor konnte in ihrer Forschungsarbeit zudem feststellen, dass aktives Rollenspiel auch von der eigenen sozialen Entwicklung abhängig ist. Diese Ergebnisse widersprechen zwar dem gängigen Klischee, wonach sich vor allem scheue und in sich gekehrte Kinder eigene unsichtbare Freunde ausdenken, sie stimmen jedoch mit anderen neueren Forschungsergebnissen überein. "Wie sich herausgestellt hat, haben diese Kinder sogar weniger Hemmungen und genießen soziales Miteinander ausgesprochen", so die Psychologin.
Ein Abdruck aus: website/rubriken/ratgeber/ von Arne Birkenstock
Phantasie-Gefährten:
Familienmitglieder der dritten Art
Der dreijährige Anton hat einen neuen Freund: Gugu. Gugu ist unsichtbar, Antons
Eltern sind ihm noch nie begegnet. Gugu ist Antons Phantasie entsprungen. Etwa
25 Prozent bis 30 Prozent aller Kinder haben im Vorschulalter Freunde, die es in
Wirklichkeit nicht gibt, die aber bisweilen eine große Rolle im Leben der Kinder
einnehmen.
Antons Eltern müssen manchmal mit dem Essen auf Gugu warten, oder es wird
angekündigt, Gugu fahre in den Sommerurlaub mit. Oft müssen Papa oder Mama mit
Anton losziehen, um den Gugu zu suchen. Was hier so drollig klingt, macht
manchen Eltern Sorgen. Ist das Kind vielleicht verrückt und wie soll man mit dem
Phantasiegefährten der lieben Kleinen umgehen?
Ist mein Kind verrückt?
Sind Kinder nicht völlig verrückt, wenn sie sich Phantasiegefährten ausdenken,
mit ihnen sprechen, spielen und sie in ihren Alltag einbeziehen? Die Antwort
lautet ganz klar nein. Pädagogen und Psychologen sind sich einig, dass
Phantasiegefährten deutlich identitätsfördernd und nicht identitätsgefährdend
sind.
Kinder benutzen diese Phantasiegefährten ähnlich wie Rollenspiele und
Zeichnungen auch, um sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Wie bei
Rollenspielen und Zeichnungen ist auch bei den Phantasiegefährten nicht die
Form, sondern der Inhalt entscheidend.
Dass ein Kind zeichnet, ist völlig normal und auch gut so. Wenn überhaupt, kann
der Inhalt bestimmter Kinderzeichnungen auf Sorgen, Ängste oder Probleme
hinweisen. Das gleiche gilt für Phantasiegefährten. Sie sind harmlos und helfen
dem Kind, die wirkliche Welt zu erfahren und zu begreifen.
Darf man über Gugu und die anderen Phantasiegefährten spotten, sollte man sie
nicht vielleicht ganz …?
Dazu der Pädagoge und Buchautor Dr. Norbert Neuß: "Zum Umgang kann man sagen,
dass sowohl Spott, also sich darüber lustig machen, als auch Verbote in der
Regel nicht helfen. Man muss bedenken, dass die Phantasiegefährten zu der
Identität des Kindes dazugehören. Wenn wir spotten, spotten wir über das Kind.
Und wenn wir verbieten, verbieten wir Anteile des Kindes."
Soll man sich vielleicht als Gugu verkleiden und einfach mitspielen? Auch das
andere Extrem ist nicht sinnvoll. Das Kind wird die Variante des
Phantasiegefährten, die ihm die Eltern vorsetzen, nicht akzeptieren. Norbert
Neuß: "Das ist ja gerade das, was in der
Erziehung herausfordert. Dass das Kind etwas erfindet, auf das wir Erwachsenen
eben keinen Einfluss haben."
Darf ich mit meinem Kind über die Phantasiegefährten sprechen? Wenn das Kind
darüber sprechen will, natürlich. Anton zum Beispiel gibt bereitwillig Auskunft
über Gugu, sein Aussehen, seine Vorlieben und Freunde.
Um über Gugu und Co. ins Gespräch zu kommen, helfen oft Kinderbücher (siehe
Literaturhinweise). Ob "Karlsson vom Dach" oder "Jim Knopf" auf seiner Reise
durch phantastische Welten, ob Christine Nöstlingers "Zwerg im Kopf" oder die
"Wilden Kerle" von Maurice Sendak: Zahlreiche Klassiker der Kinderliteratur
handeln von Phantasiegefährten und Orten.
Und auch für Eltern gibt es jetzt Lesestoff zu den wilden und weniger wilden
Phantasiegefährten ihrer Kinder. Dr. Norbert Neuß hat ein Buch zum Thema
Phantasiegefährten herausgegeben. Es gibt dort Hilfestellungen, aber auch viele
Fallgeschichten, in denen Eltern sich und ihre Kinder vielleicht wieder erkennen
und in denen sie sehen können, wie andere Familien mit den Phantasiegefährten
ihrer Kinder umgehen.
Berühmt wurde der Film Mein Freund Harvey (ursprünglich eine
Komödie von Mary Chase). - Der liebenswerte, schrullenhafte
Elwood P. Dowd stellt einer Party seinen "Freund Harvey" vor,
den Puka (Geist in Tiergestalt aus der alten irischen Mythologie)
in Form eines ungefähr zwei Meter großen, unsichtbaren Hasen.
Auf der Basis von 94 semistrukturierten Interviews und Textanalysen von Tagebuchaufzeichnungen von 20 Jugendlichen wurden die Häufigkeit und Funktion von imaginären Gefährten und realen Freundschaftsbeziehungen verglichen. Es zeigte sich, dass imaginäre Gefährten sehr komplexe Aufgaben im Hinblick auf die Neukonturierung der eigenen Identität hatten, die die Erfahrungen in Freundschaftsbeziehungen mit Gleichaltrigen ergänzten, aber nicht kompensierten. Der phantasierte oder reale Austausch mit einem eher ähnlichen Anderen war phasenspezifisch bedeutsam. Interessanterweise hatten erwachsene Tagebuchschreiber retrospektiv (zurückblickend) wenig Erinnerungen an diesen die Entwicklung fördernden "sehr speziellen Freund". (ZPID, Fachinformationszentrum für die Psychologie in den deutschsprachigen Ländern.).
Möglicherweise ist der Glaube an Gott (und die vielen, vielen anderen "Fantasiegestalten" in den Religionen) ein Ersatz oder ein Restbestand (vielleicht eine Art von Improvisation) der Erinnerung an die übliche einbildungskräftige frühkindliche Welt.
Die religiösen "Gestalten" werden doch als Fantasiegefährten den Kindern praktisch schon vorgeburtlich beigebracht und regelrecht aufgezwungen: Wie du hast nicht gebetet? Ein Zusammenhang ist bisher nicht einmal ansatzweise untersucht worden.
In meinem Elternhaus wurden alle diesen verlogenen Sprüche als wahr sogar unter körperlichen Strafandrohungen hingestellt: Gott sieht alles, hört alles, und wenn er nicht mit dir spricht, dann nur, weil du nicht wirklich an ihn glaubst.
Echte Widersprüche:
1. Ich 5-Jahre alt musste
erfahren. dass Heiner, mein Spielgefährte, an einer Infektion gestorben war. In
meinem Umfeld, gab es viele Tränen und Klagesprüche, wie: "Warum musste der arme
Junge..." Als ich sagte, was ist denn los und ich glücklich sei, weil "der ist
doch schon im Himmel, dem ersehnte Paradies ist!", wandelte sich das Geträne und
das Gejammere nicht nur in Verblüffung und Unverständnis, sondern in Vorwürfe
um, dass ich undankbar sei, weil Gott verhindert habe, mich anzustecken, und
Sachen wurden vorgebracht, die ich nicht verstand. Aber immerhin erfuhr ich
Unstimmigkeiten, die mich in die widersprüchliche "berühmte Doppelbindnung"*
brachte, der
>hier<
ausführlich behandelt wird.
*
Beziehungsfalle, in der Psychologie: Pragmatische Paradoxie, Zwickmühle
Hierzu
eine Begebenheit: Ich kannte in Kenia eine Nonne sehr gut, die mir
berichte, wie sie von Narobi nach Kisumu, ihrem Klostersitz am Viktoria-See, durch
ein schlimmes Unwetter geflogen sei. Sie habe in Todesangst gebetet: "Lieber Gott, Du weißt,
wie gerne ich bei Dir sein möchte. Aber muss es jetzt schon sein?"
Solche Widersprüche traten immer wieder auf, wie zum Beispiel
2. Der Nikolaus kam, verprügelte mich mit seinem Besen - jedoch keineswegs schmerzhaft - wobei er behauptete, dass Kinder immer etwas ausgefressen und eine Tracht Prügel niemals etwas geschadet hätten. Als ich meine Blicke gesenkt hatte, wie es sich für ein Kind so gehörte, sah ich völlig ausgetretene Schuhe, die nur dem liebenswerten Nachbarn gehören konnten. Auch verriet ihn seine Stimme - er war kein guter Schauspieler. Ich umarmte ihn und sagte: "Du bist doch Onkel Hugo!" Er lachte, öffnete seine Verkleidung und gab mir Geschenke. Meine Mutter ohrfeigte mich und schrie: "Du musst einem immer jeden Spaß verderben!" Sie sprach danach des Längeren nicht mehr mit mir. Sie schmollte.
3. Das Gleiche passierte ein Jahr später, weil meine Mutter - eine an und für sich nicht schlechte Schauspielerin, den Weihnachtsmann mimte. Leider hatte sie diese Sprechweise mit sehr tiefer Stimme schon bei früherer Gelegenheit verwandt, um Besucher zum Lachen zu bringen. Ich musste daher auch diesmal sogleich lachen. Die Folgen brauche ich wohl nicht zu schildern.
4. Meine Diskussion unter Einbeziehung meines Vaters, ob denn der Weihnachtsmann an besagtem Abend zu allen Kindern kommen würde, verlief keineswegs zufrieden stellend; denn das laute, mit vorwurfsvollen und bösen Blicken begleitete Ja der Eltern konnte mich nicht überzeugen. Immerhin war meine als Weihnachts"frau" verkleidete Mutter hörbar aus der Nachbarschaft gekommen, hatte die Tür geöffnet, mit mir und meinem Bruder gesprochen usw. Ich argumentierte genau in diese Richtung: " Wenn also der Weihnachtsmann überall nur eine Minute braucht, dann macht das doch bei mehreren Tausend Kindern mehrere Tage..." Mein Vater lief kopfschüttelnd und lachend raus. Mein Bruder war nur an den Geschenken interessiert und das liebe Mütterlein ohrfeigte mich mehrmals, weil ich ihr wieder einmal den Spaß verdorben hatte und vor allen, weil ich ihr nicht glaubte. Ja, das war dann so eine Sache mit dem Glauben...
Walter Rath, 14.7.2011
Es erscheint mir noch folgender Artikel wichtig:
Das Kind lügt und erfindet Geschichten -
und
- die Erwachsenen übernehmen völlig unglaubwürdige Geschichten
und zwingen das Kind, diese zu glauben!
(Walter Rath - Vorspann)
Lügengeschichten
gefunden bei: http://www.ennulat-gertrud.de/luegen.htm
Wenn es Kinder mit der Wahrheit nicht so ernst nehmen
Die Wahrheit ist uns Erwachsenen wichtig. Meist kennen wir
kein Pardon, wenn wir Zeuge von Unwahrheit werden. Schnell meldet sich eine
innere Richterstimme, die Wahrheitsverdrehungen verurteilt. Wer die reine
Wahrheit sagt, nichts als die Wahrheit, ungeschminkt und nüchtern die Realität
benennt, gilt als ein wahrhaftiger Mensch.
Im Gegensatz dazu steht die Lüge. Wenn die Sonne der Wahrhaftigkeit scheint,
bleibt für die Lüge nur das dunkle und dubiose Abseits. Deshalb werden Lügner
als gemein, schmutzig und fies bezeichnet. Wer angelogen wird, fühlt sich
verkohlt, das heißt, auf den schwappt etwas über von der dunklen Qualität der
Lüge.
In diesem Beitrag geht es um den Umgang mit Lüge und Wahrheit bei Kindern, um
die Faktoren ihrer Entwicklung, aber auch um die vielfältigen Störungen im
Alltag von Kindertagesstätte und Hort. Kein Kind kommt darum herum, sich im
Spannungsfeld von Lüge und Wahrheit zu erproben, um sich seiner Kompetenz als
Lügner, Schwindler oder Aufschneider immer wieder zu versichern und auf diese
Weise die schwierige Unterscheidung von Lüge und Wahrheit zu lernen.
Da ich eines jener Kinder war, das gelogen und gestohlen hat, aber dann doch
nicht - wie die Erwachsenen prophezeit hatten - vom Teufel geholt wurde, habe
ich viel Sympathie für die Kinder, denen ihre Fantasie, ihre seelische Notlage
und ihre Freude am Fabulieren einen Weg vorgibt, der sie bei Erwachsenen immer
wieder in Misskredit bringt. Andererseits teile ich die Haltung der Erwachsenen,
die oft verunsichert vor einem Dreikäsehoch stehen, der mit ehrlichem Gesicht
standhaft leugnet, was er noch eben gesagt hat.
Erwachsene und Kinder im Spannungsfeld von Lüge und Wahrheit
Während in früheren Jahren die strikte Einhaltung des Gebotes
»Du sollst nicht lügen!« auch für Kinder galt, geht es heute mehr darum,
herauszufinden, wieso ein Kind der Forderung nach der Wahrheit nicht nachkommen
kann. Kinder werden also nicht länger mit dem Prügel eines ethischen Rigorismus
klein gemacht, denn Wahrhaftigkeit ist kein Besitz, sondern muss immer wieder
neu erworben werden. Misserfolge bleiben nicht aus und können leichter toleriert
werden, wenn sich die Erwachsenen von eigenen rigorosen moralischen Kategorien
frei machen. Was geschieht mit einem Erwachsenen, der von einem Kind angelogen
wird? In erster Linie ist er enttäuscht, oft auch wütend. Das fehlerhafte
Verhalten des Kindes konfrontiert ihn auch mit eigenen Fehlern im Umgang mit
Lüge und Wahrheit. Das gilt es zu akzeptieren.
Vor allem aber sieht er sich getäuscht. Jetzt kann ich mich nicht einmal mehr
auf dich verlassen! Die bisher verlässliche Beziehung des Erwachsenen zum Kind
hat einen Makel bekommen.
Eine Erzieherin berichtet: »Tagelang hat uns der fünfjährige Ali an der Nase
herum geführt. Er erzählte immer wieder von seinem an Krebs erkrankten Onkel in
der Türkei, und die Kinder der Gruppe nahmen viel Anteil. Als ich seine Mutter
darauf ansprach, fiel ich aus allen Wolken, als ich erfuhr, der Onkel erfreue
sich bester Gesundheit.«
Fast zwei Wochen lang hatte der Junge konsequent seine Geschichte vom
krebskranken Onkel erzählt. Damit hatte er die Erzieherin sehr verunsichert,
denn dass ein Kind aus ihrer Gruppe so gekonnt lügt, passte nicht in ihr
Selbstbild. Prompt stellte sie ihre berufliche Kompetenz in Frage, weil sie dem
Schlingel nicht gleich auf die Schliche gekommen war.
Was aber hat Ali dazu bewogen, eine Lügenstory zu erzählen? Diese Frage stellen
sich Erzieherinnen, die davon ausgehen, dass sich hinter jeder Lüge ein
bewusstes oder unbewusstes Motiv verbirgt. Ihr kriminalistisches Bemühen um
Aufklärung führt jedoch nicht immer zum Ziel; dafür steht es oft in der Gefahr,
lügenden Kindern Motive zuzuschreiben, die nur theoretisch stimmig sind. Auf das
Verhältnis von Kind und Erwachsenem fällt ein Schatten des Misstrauens. Das Kind
wird vermehrt beobachtet und seine Verhaltensweisen werden kritisch hinterfragt.
Es fühlt sich unsicher und hat Mühe, nach seinem Ausflug ins Lügenland wieder in
sein seelisches Gleichgewicht zu kommen.
Wer Alis Geschichte weniger unter dem Aspekt der Lüge anhört, sondern von einem
differenzierteren Standpunkt aus zu ihm blickt, der staunt vielleicht über die
Fähigkeit des Kindes, das zwei Wochen lang an einem inneren Plot dran bleiben
kann, erkennt aber auch, dass diese geflunkerte Story auf das Ziel hinausläuft,
entdeckt und zurechtgerückt zu werden. Die Wahrheit will am Ende ans Licht, und
die Vorstellungswelt des Jungen kann sich neuen Inhalten zuwenden. Beim nächsten
Faden, der für eine Story gesponnen wird, kann die Erzieherin mit Gelassenheit
reagieren und muss ihre fachliche Kompetenz nicht mehr in Frage stellen.
Die Entwicklung des kindlichen Unterscheidungsvermögens von Lüge und Wahrheit
Bei Kindern im Kindergartenalter gibt es noch keine stabilen
Grenzen zwischen Fantasie, Wunsch und Wirklichkeit. Sie erleben ihr kindliches
Territorium als eine Einheitswirklichkeit. Dort leben sprechende Tiere,
allmächtige Menschen und sich bewegende Gegenstände in einem lebendigen
Miteinander. Sie variieren Form und Aussehen gemäß dem Willen des Kindes, und
das Kind erlebt sich als allmächtigen Schöpfer seiner Welt.
Mit dem Vorschulalter nimmt diese Fähigkeit ab. Dabei verfügen einige Kinder
länger über die Kraft, sich die Welt nach ihrem Bilde zu schaffen, als andere.
Wenn es für sie unangenehm wird, gehen sie auf die innere Tauchstation und
stärken durch die Umdeutung der Wirklichkeit ihr Selbstbewusstsein. Im Alter bis
fünf oder sechs Jahren ist es deshalb falsch, ein Kind als Lügner zu bezeichnen.
Gibt es demnach überhaupt Lügner im Kindergarten? Aber so einfach ist es auch
nicht, denn lange bevor Kinder aus der Welt ihrer Größenfantasien
herausgewachsen sind, kommen sie in Kontakt mit dem für sie schwierig zu
begreifenden Sachverhalt der Lüge. Dieser Begriff schwirrt als Anschuldigung
durch den Raum und landet im kindlichen Gedächtnis, auch wenn es noch in dem
Alter ist, in dem Lügen kurze Beine haben dürfen.
Kinder im Vorschulalter (mit einer extra Portion Toleranz für die besonders
Fantasiebegabten) neigen zu Konfabulationen, das heißt, sie können
unterschiedliche Ereignisse zeitlich zusammenziehen. Auf die Frage: »Was hast du
gestern mit deiner Freundin gespielt?« antwortet ein Kind vielleicht mit einer
Geschichte aus dem Hier und Jetzt und überträgt diese automatisch auf gestern.
Die Freundin dagegen bastelt dank ihrer Fähigkeit zur Konfabulation eine ganz
andere Geschichte, denn wer außer den Erwachsenen ist schon an der Realität
interessiert? Taucht dann zum ersten Mal das Wort Lüge oder Wahrheit auf,
beginnt ein wichtiger Abschnitt im Prozess der Gewissensbildung.
Erste Annäherungen an den Bereich der Lüge machen Kinder mit Hilfe der Sprache.
Auf der Straße, zu Hause oder in der Kindertagesstätte kreisen sie das Phänomen
Lüge sprachlich ein. Sie schaffen sich stetig neue Anlässe, um den Begriff
anzuwenden, konkretisieren auf diesem Weg die Erscheinungsweisen der
Lügenanlässe und erweitern ihr Weltwissen um ein beträchtliches Stück. Dabei
bekommen sie auch eine erste Ahnung davon, dass Lügen, Wahrheit und alles, was
damit zusammenhängt, keine einfachen Dinge sind.
Das älter werdende Kind erfasst die Welt zunehmend realistischer. Dabei hat
jedes Kind seine ganz spezifische Übergangszeit, in der es Abschied von seiner
magisch orientierten Weltauffassung nimmt und seine Allmacht als begrenzt
erfährt. In dieser sensiblen Übergangszeit inszeniert es häufig Situationen, in
denen es in Zusammenhang mit einer Lüge ertappt wird. Es lügt in diesem Alter
jedoch nicht, um der Erzieherin eins auszuwischen. Es will vielmehr darauf
hinweisen: Ich bin dabei, eine weitere Hürde auf meinem Weg der Welteroberung zu
nehmen. Ich will verstehen, was Lüge ist und wieso es so unangenehm sein kann,
bei einer Lüge erwischt oder von anderen Kindern belogen zu werden.
In dieser Übergangszeit taucht häufig die Frage auf: »Stimmt das?« Das
Kind will bereits im Vorfeld geprüft haben, ob etwas wahr ist oder nicht. Nur
ein Kind, das diverse Misserfolge im Umgang mit dem Lügen hinter sich hat und
dadurch über eine differenziertere Unterscheidung von Lüge und Wahrheit verfügt,
kann diese Frage stellen. Häufig schließt es seine Aussagen mit dem Nachsatz:
»Das hat mein Papa gesagt!« oder »Meine Erzieherin sagt das!« Mit der Berufung
auf den wertgeschätzten Erwachsenen wappnet es sich gegen die latente Angst, als
Lügner dazustehen.
Dürfen sich Erwachsene durchs Leben mogeln?
Jeder Erwachsene hatte als Kind seine Mühe mit dem Gebot »Du
sollst nicht lügen!« Das war meistens dann der Fall, wenn sichtbar wurde, dass
die Großen ja gar nicht tun, was sie sagen. Trotzdem geht die Mehrzahl der
Erwachsenen sehr schwammig mit dieser moralischen Forderung um. Es bleibt nicht
aus, dass Kinder dies mitbekommen und dadurch verunsichert werden.
Kritische Kinder fragen dann nach, wieso aus dem Unmut des Vaters über den
drohenden Besuch eines ungeliebten Verwandten schlagartig Freundlichkeit wird,
sobald der in der Tür steht. Ganz mutige und Wahrheit suchende Kinder platzen in
solche Situationen gerne hinein und messen den Erwachsenen an seinen Worten.
»Mein Papa hat vorhin gesagt, dass er dich gar nicht mag!« Was oft als vorlaute
Ungezogenheit gebrandmarkt wird, entspringt dem Wunsch des Kindes nach
Authentizität: Ich will wissen, woran ich bin!
Eine Begebenheit wie diese beeinträchtigt das Vertrauen des Kindes. Mit
argumentativen Klimmzügen ist dagegen nicht anzukommen. Da helfen nur neue
Erfahrungen, bei denen das Kind den Erwachsenen als stimmig erlebt. Wenn
gegenseitiges Vertrauen in der Beziehung wieder die Oberhand hat, darf dem
Erwachsenen auch ein Zacken aus der Krone fallen, wenn er sein geheucheltes
Verhalten dem Kind gegenüber als nicht gut bewertet. Das hat nichts mit
Anbiederung zu tun, zeigt aber dem Kind sehr deutlich, dass auch die Großen
Fehler machen und es keine Schande ist, dies zuzugeben.
Lügen als Signale der Not
»Jetzt hat der Max doch wieder gelogen. Ich habe genau
beobachtet, wie er der kleinen Tina die Schaufel auf den Kopf geschlagen hat.
Aber der Bengel lügt und sagt, er sei es nicht gewesen. Wieso kann er nicht zu
dem stehen, was er getan hat?« Eine bemühte und entrüstete Erzieherin macht sich
Luft. Immer wieder gibt es Probleme: Max tut den anderen Kindern weh, zeigt
jedoch keinerlei Einsicht in sein Tun, sondern steht wie unbeteiligt daneben.
Max gehört zu den Kindern mit sehr geringer Frustrationstoleranz. Er kann keine
Fehlhandlungen zugeben und hält es nicht aus, wenn ihn andere kritisieren. »Max
kneift«, sagen die Kinder der Gruppe, »der verschwindet einfach aufs Klo, wenn
ihm etwas nicht passt!« Durch dieses Verhalten schützt sich der Junge vor
Situationen, die er emotional nicht aushält. Während andere Kinder lernen, sich
nach ertappten Unwahrheiten der Scham auszusetzen, ihr Vergehen vielleicht sogar
zugeben und sich nicht im Schmollwinkel verkriechen, ist Max für diesen
Lernschritt nicht bereit. Negative Befindlichkeiten sind für ihn so bedrohlich,
dass er lügen muss.
Ein solches Kind ist an manchen Tagen ein harter Brocken für die Erzieherin. Die
Dinge müssen beim Namen genannt werden - das ist sie dem betroffenen Kind und
den zuschauenden Kindern schuldig. So wird die Rolle des Erwachsenen zu der
eines Schlichters oder Richters. Das brauchen Kinder, damit sie zwischen Lüge
und Wahrheit unterscheiden lernen. Damit wächst ihre Bereitschaft zu
Verzichtsleistungen, die das Größerwerden von ihnen fordert.
Im Gespräch mit der Mutter hört die Erzieherin von den drastischen Strafen, die
Max erleidet, sobald sein Verhalten nicht in den rigiden Verhaltenskodex des
Vaters passt. Dieser spricht mit seinem Sohn tagelang nicht mehr. Seine Mutter
versucht, diese harte Behandlung auszugleichen, indem sie dem Jungen alles
durchgehen lässt. Max steckt also im Dilemma zwischen der ihn emotional
überfordernden Strenge des Vaters und der grenzenlosen Nachsicht der Mutter. Er
stellt sich cool und leugnet im Kindergarten seine Taten. Bei diesem Jungen
bewahrheitet sich der Satz »Wer lügt, der ist in Not«.
Wer als Erwachsener die Signale der Not hinter der Lüge eines Kindes sieht, ist
weit entfernt davon, es bloßstellen zu wollen. Hilfreich kann ein innerer Dialog
mit dem Kind sein: »Du hast mich angelogen, und ich lasse mich von deiner Lüge
zu deiner inneren Not führen!« Wer die Lüge eines Kindes auf diese Art und Weise
angeht, akzeptiert ihre besondere Funktion. Das Kind kann sich entlastet fühlen
und antwortet: »Ich kann es nur auf diese Weise sagen. Hilf mir, es besser sagen
zu können!«
Die Macht der Lügen
Kinder im Hort und in der Grundschule erweitern ihre
Kompetenz im Umgang mit der Lüge, indem sie diese bewusst als Mittel der Macht
einsetzen Auf der einen Seite kann ein Kind zum Opfer unwahrer Aussagen werden,
die von anderen Kindern gezielt eingesetzt werden. Wenn es auf der anderen Seite
Lüge mit Lüge beantwortet, erschweren die Lügengespinste den Umgang miteinander.
Wer in seinen Äußerungen von anderen verfälscht wird, der schämt sich, fühlt
sich ungerecht behandelt und leidet unter der eigenen Wertminderung. Wenn diese
Kinder dann auch noch zu Unrecht bestraft werden, erfahren sie schmerzhaft,
welche Macht eine Lüge haben kann. Schnell sind so Rachegefühle geweckt.
Im Umgang mit Erwachsenen greifen größer werdende Kinder manchmal zu einer Lüge
als Ausdruck ihrer zunehmenden Eigenständigkeit. Sie gehen das Risiko ein,
ausgeschimpft zu werden und bestehen auf ihrer eigenen Sichtweise. Nicht selten
ergreifen Kinder, deren Lügengeheimnis respektiert wird, nach einer Weile von
sich aus die Initiative, um die falschen Aussagen wieder zurechtzurücken. Es
macht eben auch Spaß, die Erwachsenen hereinzulegen!
Der Fantasiegefährte, das zweite Ich
Bei manchen Kindern geschieht in Umbruchzeiten etwas
Aufregendes: In ihrer Fantasie entsteht ein zweites Ich. Bei der sechsjährigen
Luisa ist es einfach die andere Luisa. Bei Unannehmlichkeiten, die eigentlich
sie zu verantworten hat, sagt sie lachend: »Das war die andere Luisa! Die hat
doch das Glas zerbrochen und gibt das nicht zu.« Ganz schön raffiniert, denkt
der Erwachsene: Da erschafft sich die kindliche Fantasie einen Gefährten, dem es
alles Fehlverhalten zuschreiben kann, um sich selbst zu entlasten.
Solche Aufspaltungen tauchen bei Kindern viel häufiger auf, als Erwachsene
denken. Aber nicht jedes Kind spricht darüber. Manches hat vielleicht Angst,
lächerlich gemacht zu werden oder ahnt die abwertende Einstellung der Großen und
hält vorsichtshalber den Mund.
Für die Entwicklung und Identitätsfindung eines Kindes können solche
unsichtbaren Freunde eine förderliche Wirkung haben. Luisa hat die andere Luisa
als innere Gesprächspartnerin und verfügt dadurch in Konfliktsituationen über
die Möglichkeit, auf Distanz zu sich zu gehen. Die andere Luisa gehört eine Zeit
lang zu den inneren Symbolen, die an der Ausbildung ihrer Identität mitarbeiten.
Da die meisten Erwachsenen vergessen haben, wie belebt ihre Fantasie im
Kindesalter war, neigen sie sehr schnell dazu, diese Dopplung des Ich als
abwegig und krankhaft anzusehen und meinen, das müsse dem Kind ausgetrieben
werden. Das ist nicht gut. Besser ist es, wenn das Kind sowohl Akzeptanz als
auch Respekt vor diesem Phänomen erfährt. Die in Umbruchsituationen
auftauchenden Fantasiegefährten helfen dem Kind, sich neu zu orientieren und
ermöglichen ihm die notwendige Anpassungsleistung. (Allerdings kann es uns
Erwachsene manchmal ganz schön nerven, wenn die andere Luisa bei
Alltagsentscheidungen ebenfalls berücksichtigt werden muss.)
Kurz vor der Einschulung erfand mein Enkel Jonas die Gestalt eines faulen
Engels, der einfach nicht tut, was er soll und es mit der Wahrheit nicht sehr
genau nimmt. Als ängstliches Kind mit einem großen Bammel vor der Schule, schuf
er sich eine Helfergestalt, die zum Sündenbock für seine schwachen Seiten wurde.
Immer, wenn in Jonas' Innerem das Lustprinzip und die Anforderungen der Realität
sich feindlich gegenüber standen, war für den Erwachsenen das Gespräch mit dem
faulen Engel sehr konstruktiv. Sobald der auf der Reihe war, musste der Junge
seine Pflichten nicht mehr verleugnen.
Besuch vom Lügenfresser
In einer Kindergruppe greift die Erzieherin das Thema Lügen
auf. Zunächst verzichtet sie auf die direkte Konfrontation. Statt dessen erzählt
sie den Kindern von einem Wesen, das sich nicht von Brot und Fleisch ernährt,
sondern am liebsten Lügen frisst. Schnell fängt ein intensives Gespräch an, denn
wer weiß, wie Lügen schmecken? Ob die alle gleich schmecken? Und wie sieht
eigentlich so ein Lügenfresser aus? Diese Frage kann nur beim Malen beantwortet
werden. Dabei wird deutlich, dass manche Kinder ein kleines Lügenfresserchen dem
großen Ungeheuer vorziehen. Für die kleinen Lügen ist dann das Lügenfresserchen
zuständig, die schlimmen Lügen verschlingt der große Lügenfresser.
Wenn dieses Fantasiewesen in der Vorstellungswelt der Kinder zu Hause ist,
bleibt die Energie der Ausdrucksverfälschungen Schwindeln, Aufschneiden und
Lügen nicht als Belastung im Raum hängen. Sobald sich mal wieder zwei Kinder
gegenseitig der Lüge bezichtigen, sorgt der große oder kleine Lügenfresser für
eine gereinigte Atmosphäre.
Pinocchio ist besser als sein pädagogischer Ruf
Er ist in die Jahre gekommen, der kleine Kerl, dessen Nase
sich verändert, sobald er lügt. Aber er fasziniert Kinder immer wieder. Auch
wenn wir heute weit weg sind von den Erziehungsnormen der Entstehungszeit
Pinocchios, haben Kinder Gefallen an dem hölzernen Bengel, weil bei allem
Spaßhaften das Element der Angst beigemischt ist. Und Angst müssen Kinder im
Umgang mit Lüge und Wahrheit immer wieder aushalten. Wer kann am besten lügen?
Der Sieger bekommt Pinocchios Nase aufgestülpt und setzt sich damit Gefühlen der
Beschämung aus. Kann darüber in der Gruppe gesprochen werden, haben Kinder viel
gelernt im Umgang mit der Lüge.
Ausblick
Kinder haben bei allen Versuchungen zu lügen, zu schwindeln, es mit der Wahrheit nicht so ernst zu nehmen, einen sicheren Instinkt für das, was wahr ist. Tief in ihrem Herzen sitzt das Wissen um das Gute und ermöglicht ihnen immer wieder, dem Bösen auf die Spur zu kommen und an das Gute zu glauben. Auch wenn sie mit dem Ende der Kindergartenzeit viel von ihrer kindlichen Unschuld verloren haben, strahlt der Stern der Wahrhaftigkeit dennoch aus ihnen heraus.
(Welt des Kindes - Spezial 4/2003)