Hanna Poddig: »Radikal mutig. Meine Anleitung zum Anderssein«

>Hier< Naturzerstörung durch DDT und Aufzählung weiterer "chemischer Kampfstoffe"
 wie Pestizide (Insektenvertilgung), Fungizide (gegen Pilze), Herbizide (gegen Pflanzen).
>Hier<
ziviler Ungehorsam, Abschaffung des Sklaverei, Leben im Wald ("Walden")


 

Hanna Poddig:

Radikal mutig - meine Anleitung zum Anderssein.

 Rotbuch Verlag, Berlin 2009,

ISBN: 978-3-86789-085-4, 14,90 Euro

224 Seiten
12,5 x 21,0 cm, brosch., Preis 14,90 €


Es besteht dringender Handlungsbedarf, die herrschenden Verhältnisse zu verändern.

Hanna Poddig, 24 Jahre alt,  belässt es dabei nicht bei Lippenbekenntnissen. Sie ist Aktivistin im besten Sinne des Wortes: Ob beim Einkauf im Supermarkt, am Ticketschalter in der U-Bahn oder beim Energiesparen: Sie geht in ihrem Alltag radikal, aber immer friedfertig »mit gutem Beispiel« voran. Und wo es nötig ist, greift sie zu deutlicheren Mitteln, kettet sich an Gleise, besetzt Bäume oder demonstriert vor Kernkraftwerken, gegen Gentechnik, Konsum und die damit einhergehende Ausbeutung. Im Bewusstsein, dass jeder Veränderung eine Einsicht vorauszugehen hat, zielt Hanna Poddig auf eine Revolution im Kleinen ab. Ihr Protest genauso wie ihre mitreißenden Ideen dienen stets dazu, ihre Mitmenschen zum Nachdenken anzuregen.

Es ist keine trockene Handlungsanleitung entstanden, sondern das authentische Zeugnis einer jungen Frau, die unsere Welt mit ungewöhnlichen Mitteln aufklärt und verändert.

Hanna Poddig war fünf Jahre lang bei "Robin Hood*" für Umweltthemen aktiv. Sie ist Globalisierungskritikerin und Militarismusgegnerin, UND all das lebt sie nicht nur auf Demos und Podiumsdiskussionen aus, sondern in jedem Winkel ihres Alltags. Und genau daran lässt sie uns nun mit ihrem Buch teilhaben: Essen z.B. kauft Hanna nicht im Supermarkt, sie holt es hinterm Supermarkt aus dem Müllcontainer.

* (angeblicher) Anführer einer Schar von Getreuen im Sherwood Forest bei Nottingham des 14. /15. Jahrhunderts, um reiche weltliche und geistliche Herren auszurauben und deren Überfluss an Arme zu verteilen.

Leseprobe: „Nehmen wir an, die Lebensmittel haben es bis zum Großhändler geschafft, und der merkt nun, dass bei einem Marmeladenglas ein falsches Etikett aufgeklebt ist. Da steht, Erdbeeren seien drin, und dabei waren es doch Kirschen. Pech für die Kirschmarmelade, denn kein Einzelhändler möchte das seinen Kunden anbieten. Pech auch für fünf weitere – korrekt deklarierte – Gläser, denn Marmelade wird beim Großhandel nur im Sechserkarton verkauft. Also: ab damit in den Müll.“

Und da holt es Hanna wieder raus und erklärt uns anhand des Marmeladenglases, anhand einer Bäuerin in Kenia und mit der Weltbank den Welthunger. Das tut sie logisch, einleuchtend, wenn auch politisch extrem links gefärbt.

 Hanna Poddig schafft es auf Basis ihrer Erfahrungen große Zusammenhänge wie Klimaschutz und Rüstung auf ein Alltagslevel runterzubrechen. Eine feine "Anleitung zum Anderssein" - manchmal selbstgefällig, oft radikal, aber immer authentisch.

In ihrer "Anleitung zum Anderssein" erzählt sie von eigenen Erfahrungen und Methoden, subversiven Herangehensweisen, bewusster Alltagsgestaltung und kontinuierlichem Hinterfragen der Dinge. Hanna beschreibt direkte Aktionen, Kommunikationsguerilla, Kampagnen, alltägliche Veränderungen und vieles mehr aus eigener Anschauung. Sie legt darauf Wert, die verschiedenen Ansätze nicht gegeneinander auszuspielen, und legt dar, dass sie "verkopfte Kampagnen" (also überlegt vom Kopf ausgehender "Feldzug" - französisch) für genauso wichtig hält wie spontan "Kröten über die Straße tragen". Ob "Containern" (Tätigkeit des Durchwühlens von Großbehälter für die Verwendung in kombiniertem Verkehr), Trampen (per Anhalter fahren) oder die Sichtbarmachung von Herrschaft - es geht immer auch um die alltäglichen Handlungsmöglichkeiten. Sie stiftet ihre Leser an, sich beim Laden nebenan bei den Mülltonnen auf dem Parkplatz umzuschauen, lockt mit der Aussage, sie könne Schoko-Osterhasen nicht mehr sehen, und wünscht "Viel Spaß, Erfolg und guten Appetit!" Auch klassische Aktionsformen bleiben nicht unerwähnt. Ob an Infoständen, auf Demos oder Aktionärsversammlungen: Mit Kreide malen, Transparente hochhalten "und ein wenig jonglieren" gehören zu den Routinetätigkeiten einer Aktivistin. Hanna erzählt von Blockaden und Kletteraktionen und vom manchmal etwas eintönigen Flyer-Verteilen. Das Erstmal-nett-rüberkommen-Müssen gehört oft dazu. Doch Hanna Poddig ist nicht immer nett.

Viele ihrer Aktionsformen können auch Repressionen nach sich ziehen. Deshalb ist es folgerichtig, dass sich dazu einiges im Buch wiederfindet: stundenlanges Fliesenzählen in Gewahrsamssituationen, Polizeiwillkür, Gerichtsverhandlungen und nicht zuletzt die Solidarität mit anderen Betroffenen.

Leseprobe (ab Seite 201):

Die Sache mit den Schubladen

»Den Stern kenne ich - du bist Kommunistin!- Was ...? Ach so, den Aufkleber auf meinem Kalender meint der Typ neben mir im Zug. Ja, da klebt tatsächlich auf meinem Kalender ein Aufkleber mit einem fünfzackigen Stern. Und was passiert, wenn Leute den sehen? Die Schublade »Kommunist« geht auf, ich werde dort einsortiert und ab jetzt ist unerheblich, was ich sage, alles stärkt die Auffassung, ich sei Kommunistin. Bestimmt gehöre ich auch zu den Menschen, die der DDR nachtrauern und für die Bananen überflüssiger Luxus sind. Und das nur, weil ich den Aufkleber irgendeines Politprojektes auf meinen Kalender geklebt hatte. Manchmal lande ich auch in der Schublade «Hippie«, weil ich barfuß laufe. Dass ich auch mit Absatzschuhen laufen kann, in meinem Schrank ein Ballkleid hängt und ich Spaß am Tanzen habe, passt nicht in dieses Bild. «Öko« ist auch so eine Kategorie, in der schnell landet, wer schon mal einen Baum besetzt hat, um ihn vor der Fällung für irgendein größenwahnsinniges Bauprojekt zu schützen. Dass ich das nicht mache, um mit dem Baum zu kuscheln und am Lagerfeuer darunter sitzen zu können, sondern um zum Beispiel die Fraport davon abzuhalten, den ohnehin schon gigantischen Flughafen AG in Frankfurt weiter auszubauen, und dass ich - hielte ich das für taktisch sinniger - ebenso das Betonterminal besetzen würde, glauben mir viele Leute dann nicht.

Und so ist es oft, Kategorien greifen zu kurz, dienen als Hilfskonstrukte, um die Realität beschreibbar zu machen. Wäre ja auch alles nur halb so wild, wenn mit der Einsortierung in Kategorien nicht meist auch eine Wertung vorgenommen würde und eine Auseinandersetzung mit den Inhalten, die Menschen vertreten, nicht mehr stattfindet, weil schon klar zu sein schein: »Die is ja schließlich Kommunistin und die sind alle so.« Selektiv wird dann nur noch wahrgenommen, was mit in die Schublade passt und das bereits gefällte Urteil untermauert.

Und noch ein Problem gibt es mit den Kategorien: Wenn ich mal ein Wort gefunden habe, in dem ich mich und meine Anschauungen wiederfinde, dann weiß ich nie, ob andere in dem Wort etwas Ähnliches sehen und mich nicht für etwas ganz anderes halten. Eine Paradebeispiel ist »Anarchistin«. Bei dem Begriff bekommen die meisten Menschen Angst, denken an ausgeraubte Supermärkte, brennende Städte, verwüstete Straßen, Chaos, Mord und Totschlag. Und dann kann ich erzählen, so viel ich will, von freien Menschen, die sich absprechen, sich aufeinander einlassen, miteinander arbeiten, wenn sie mögen, es lassen, wenn sie keine Lust mehr haben. Von Menschen, die nicht morgens um fünf aufstehen müssen, weil sie keinen Chef haben. Menschen, die gern miteinander und füreinander da sind oder sich zurückziehen - wie sie es eben selbst wollen. Von freien Menschen in freien Vereinbarungen.


Kommentar: Hanna Poddig hat offensichtlich ihren "Lebensstil" (gefunden oder tatsächlich gewollt?). Ein solcher Lebensstil lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit kaum auf einen Großteil ihrer Mitmenschen übertragen. Ist sie den ganzen Tag nur mit Überleben beschäftigt? Hat sie Zeit etwas zu lesen, sich über Weltgeschehen zu informieren, über psychologische, soziologische Erkenntnisse, über all den Reichtum an Wissen, den Mitmenschen inzwischen weitergeben können? Das sagt sie uns alles in ihrem Buch (oder auch nicht).

Walter Rah, Februar 2010