NSDAP-Finanzierung
Aus Kölner Stadt-Anzeiger vom 26. und 27. Januar 2008:
DAS TODESSPIEL
Plausibel, aber unbewiesen: Die Mitschuld der Wirtschaft an Hitlers Aufstieg
von Markus Schwering
Der Sinn des
Hitlergrußes: "Millionen stehen hinter mir. Kleiner Mann bittet um große Gaben."
So ist John Heartfields (eigentlich: Helmut Herzfeld) bekannte, auf dieser
Seite abgebildete Fotomontage vom Oktober 1932 unterschrieben. Man sieht Hitler
mit nach hinten abgewinkelter rechter Hand, in die eine graue, offensichtlich
großindustrielle Eminenz Tausend-Mark-Scheine hineinlegt. Die Botschaft ist
klar: Es ist das deutsche „Kapital", das Hitler stützt, das seinen Aufstieg
finanziert - weil er dessen Interessen bedient, sprich: dem Marxismus und der
Arbeiterbewegung einen bedingungslosen Vernichtungskampf liefert.
Diese sogenannte Agenturtheorie, eine der frühesten Faschismustheorien
überhaupt, hat 1935 der bulgarische Genosse Georgi Dimitroff auf dem siebten
Weltkongress der Kommunistischen Internationale auf eine klassische Formel
gebracht: „Der Faschismus an der Macht ist die offene, terroristische Diktatur
der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen
Elemente des Finanzkapitals." Bertolt Brecht hat diese Definition dann einige
Jahre später in seinem „Arturo Ui" in Dramenform gekleidet.
Diese Agenturtheorie ist modifiziert worden, hat auch im linken Lager Konkurrenz
bekommen - etwa durch die Bonapartismustheorie, die ein prekäres Gleichgewicht
zwischen aufsteigender Arbeiterklasse und absteigender bürgerlicher Klasse als
Voraussetzung einer faschistischen Machtübernahme definiert: Um ihre soziale
Machtstellung zu erhalten, ist die (noch) herrschende Klasse bereit, ihre
politische dranzugeben. Aber im Wesentlichen lieferte sie bis 1989 den
Interpretationsrahmen für Entstehung und Etablierung des Nationalsozialismus.
Gerade auch die Geschichtswissenschaft der DDR kultivierte diese Theorie, und
weil das „bürgerliche" Lager sich lange schwertat, ihr etwas ähnlich
Schlagkräftiges entgegenzusetzen, wurde sie auch bei Linken im Westen attraktiv.
Aus Sicht der DDR hatte die Agenturtheorie einen besonderen Charme. Da in der
BRD die gesellschaftlichen Bedingungen fortbestanden, die einst den Faschismus
ermöglicht hatten, ließ sich mit dieser Theorie auch die bürgerlich-liberale
Demokratie grundsätzlich in Frage stellen. Als „Formen bürgerlicher Herrschaft"
beschrieb der Marburger Politologe Reinhard Kühnl Liberalismus und Faschismus in
einem Bestseller der 70er Jahre.
Diese Zeiten sind
vorbei, aber die Frage bleibt virulent: Wie viel Schuld trugen die damaligen
Eliten (die Großunternehmer und andere) an der Zerstörung der Weimarer Republik
und an der nationalsozialistischen Machtübernahme? Rekapitulieren wir das
Geschehen. Das „Berliner Tageblatt" läutete zur Jahreswende 1932/33 in einem
fiktiven Rückblick das Totenglöcklein für die Karriere des „Führers": „Überall,
in der ganzen Welt sprachen die Leute von ... wie hieß er doch mit Vornamen:
Adalbert Hitler?" Bekanntlich saß der Autor einem Irrtum auf: Einen knappen
Monat später geschah das, was niemand für möglich gehalten hatte: Hitler wurde
Reichskanzler.
Dabei hatte er durchaus einiges für sich gehabt, der Optimismus der
Republikfreunde, dass Hitler allenfalls eine Fußnote der Historie sein würde.
Die Investitionstätigkeit stieg nach mehrjähriger Flaute wieder - was
mittelfristig den Rückgang jener Massenarbeitslosigkeit erwarten ließ, die der
NS-Agitation bislang den Brennstoff geliefert hatte. Die Partei selbst zeigte
Auflösungserscheinungen, wurde von Flügelkämpfen zerrissen. Massive Verluste der
NSDAP in der Reichstagswahl vom November 1932 zeigten, dass der „Führer" sein
manipulatives Fluidum einzubüßen begann. Vor allem aber: Der greise
Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte es bislang strikt abgelehnt, den
„böhmischen Gefreiten" zum Kanzler zu ernennen - mit dem Hinweis, dass dieser
die Macht dazu missbrauchen werde, eine „Parteidiktatur" zu errichten.
Warum gab Hindenburg seine Weigerung doch noch auf? Diese Frage führt in einen
Sumpf von bauernschlauen Schachzügen, von Lügen, Intrigen und privaten
Racheaktionen. Schlüsselfigur in diesem Todesspiel war der Zentrumsabtrünnige
und im Parlament nur von der republikfeindlichen DNVP (rechtskonservative
"Deutsche Nationale Volkspartei") unterstützte frühere
Reichskanzler Franz von Papen. Er konnte es nicht verwinden, von seinem
einstigen Förderer, General Kurt von Schleicher, aus dem Amt gedrängt und beerbt
worden zu sein.
Gezielt unterminierte Papen Hindenburgs Vertrauen in den Nachfolger und
sondierte Möglichkeiten einer Koalition mit den Nazis. Zur Hilfe kamen ihm dabei
der politisch minderbegabte Präsidentensohn Oskar von Hindenburg sowie der
wendige Staatssekretär Otto Meißner, die beiden wichtigsten Berater des
Präsidenten.
Im Lauf des Januar zog sich das Netz um Schleicher zu. Seine Bemühungen, mit SPD
und Gewerkschaften ins Geschäft zu kommen, schürten das Misstrauen der
Konservativen. Auch die Sozialdemokraten, die den Kanzler des geplanten
Verfassungsbruchs verdächtigten, übten bedingungslose Opposition. So scheiterte
der General mit dem Vorhaben, seiner Regierung politischen Rückhalt zu
verschaffen. Als in Berlin Gerüchte über einen Militärputsch Schleichers
kursierten, war es um diesen geschehen. In frostiger Atmosphäre weigerte sich
Hindenburg, dem Kanzler die gewünschte Order zur Reichstagsauflösung zu geben.
Das war de facto der Rausschmiss.
Mittlerweile war es Papen gelungen, den Widerstand des Reichspräsidenten gegen
einen Kanzler Hitler zu beseitigen. Der hatte für seinen Eintritt in die
Regierung die eigene Kanzlerschaft und die Übernahme zweier Schlüsselressorts
durch Gefolgsleute zur Bedingung gemacht. Um seiner eigenen Zukunft als Hitlers
Vizekanzler war Papen bereit gewesen, diesen mörderischen Preis zu zahlen.
„»Feine Leute« und drei Nazis - Kabinett des Großkapitals", titelte dazu die
SPD-Zeitung „Vorwärts". Am Montag, 30. Januar 1933, gegen halb zwölf Uhr
vereidigte Hindenburg Adolf Hitler auf die Reichsverfassung - also einen Mann,
der stets glaubhaft versichert hatte, diese Verfassung unter allen Umständen
beseitigen zu wollen.
Wir kommen auf die Eingangsfrage zurück: Hat das Großkapital, wie es die
kommunistische Agenturtheorie will, die „Machtergreifung" bewerkstelligt - mit
Hitler als Marionette seiner ökonomischen Interessen? Es gibt in diesem
Zusammenhang eine exemplarische Debatte aus den heißen 70er Jahren zwischen dem
„bürgerlichen" US-Historiker Henry A. Turner und seinem marxistischen deutschen
Kollegen Dirk Stegmann. Gegenstand ihrer Diskussion war vor allem eine Petition
vom November 1932, in der 23 Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft an den
Reichspräsidenten appellierten, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Die
Eingabe war auf Initiative des Keppler-Kreises* zustande gekommen, in dem sich
NS-freundliche Industrielle und Bankiers zusammengefunden hatten. In dieser
Auseinandersetzung siegte Turner auf ganzer Linie - ihm gelang der Nachweis,
dass der Initiative mehr oder weniger ein Misserfolg beschieden war: Von den
Angehörigen der mächtigen „Ruhrlade" unterschrieb nur Fritz Thyssen, der für
seine einschlägigen Sympathien bekannt war. Gerade die einflussreichsten
Industrievertreter aber - Krupp, Siemens, Bosch - zeigten den Bittstellern die
kalte Schulter. Und eine Wirkung der Eingabe in dem Sinne, dass sich Hindenburg
von ihr habe beeindrucken lassen, ist nirgendwo nachzuweisen.
* der deutsche mittelständische Unternehmer und nationalsozialistische Politiker, Wilhelm Karl Keppler, 1960 im Alter von 78 Jahren gestorben, hatte diesen Kreis gegründet, um Kontakte zwischen Hitler und Industriellen herzustellen.
Der entscheidende Nachteil der Agenturtheorie ist ihre empirische Schwäche. Wer
sie vertritt, muss nachweisen, dass große Teile des deutschen „Kapitals" Hitler
und seine Partei von Anfang an unterstützt, ihren Durchbruch zur Massenbewegung
gesteuert, schließlich die „Machtergreifung" geplant und durchgesetzt haben.
Dieser Nachweis kann auf all den genannten Stufen nicht erbracht werden.
Das entlastet die Wirtschaftseliten kaum - die Zerstörung der Weimarer
Demokratie geht auch auf ihr Konto. Zweifellos wünschte sich die Mehrheit der
deutschen Großunternehmer eine Regierung, die mit Gewerkschaften und Sozialisten
aufzuräumen und eine autoritäre Transformation des politischen Systems - samt
der Rückkehr zur Monarchie - versprach. Aber die marxistische Theorie wird
dadurch nicht richtiger. Außerdem vernachlässigt sie, dass neben einem
nazifizierten Mittelstand und Teilen der Armee starke vorindustriell geprägte
Kräfte eine NS-Regierungsübernahme wünschten.
Die Katastrophe des 30. Januar 1933 war nicht zwangsläufig - bis zuletzt gab es
Alternativen. Als konkretes Ereignis war sie das Resultat der Fehlentscheidungen
von naiv-intriganten, unfähigen, verantwortungslosen Politikern und grauen
Eminenzen - und eines Staatsoberhauptes, das seiner Aufgabe nicht gewachsen war.
Die Rede von der „Machtergreifung" ist irreführend: Die Macht wurde Hitler auf
einem silbernen Tablett serviert.