Zweifel - Kritik - Meinungsfreiheit
Christliches Abendmahl

Ein etwas überarbeiteter Artikel von Daniel Schoeder vom Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums der Stadt Bonn (http://ema.bonn.de):
In der heutigen Gesellschaft gibt es immer mehr Menschen ohne Zugehörigkeit zu einer Religion oder zu einem bestimmten, gesellschaftlich festgelegten Glauben.
Eine Mitschuld daran tragen sicherlich einige berühmte Kritiker. So z.B. Ludwig Feuerbach, auf dessen Behauptung, dass der einzige Gott der Mensch selbst ist, viele Theorien aufbauen, die die Menschheit in ihrer Entwicklung maßgeblich geprägt haben. Weitere große Kritiker, deren Behauptungen jedoch auf den Theorien Feuerbachs aufbauen, waren Karl Marx, der die Religion unter politisch/gesellschaftlichen Aspekten betrachtete und für seine Propaganda missbrauchte oder Sigmund Freud, der den psychologischen Aspekt in Zusammenhang mit dem christlichen Glauben untersuchte.
Darüber hinaus zweifeln viele Leute an der Gerechtigkeit Gottes. Wie kann es einen Gott geben, wenn immer wieder schlimme Katastrophen die von Gott erschaffene Welt erschüttern?
I. Kritik am christlichen Glauben unter psychologischem/ philosophischem Aspekt
a) Ludwig Feuerbach - sein Leben und seine Ansichten
Ludwig Feuerbach starb 1872 im Alter von 68 Jahren. Er studierte zunächst evangelische
Theologie, wechselte nach seinem Examen aber zu seinem Lehrmeister Georg
Wilhelm Friedrich Hegel und studierte Philosophie. Schon bald beginnt er,
Hegel zu widersprechen und stellt seine eigenen Philosophien auf. Er gibt
seinen Lehrstuhl in Erlangen wegen Schwierigkeiten mit den Behörden auf und
arbeitet als freier Schriftsteller weiter.
Im Laufe seines Lebens entwickelt sich Feuerbach von einem religiösen, gottestreuen Menschen zu einem Religionskritiker mit viel politischem Einfluss. So ist Feuerbach nach Meinung von Karl Marx der "größte Prophet des Sozialismus".
Die Wahrheit der Religion nach Feuerbach
Ursache für die Entstehung der Religion ist das Denken des Menschen.
Religion hat ihren Ursprung im Wesen des Menschen, das durch die
Unendlichkeit des Bewusstseins bestimmt ist. Demnach ist Religion das
Verhalten des Menschen zu seinem eigenen unendlichen Wesen.
Das Wesentliche im christlichen Glauben besteht in Herzenswünschen der
Menschen. Die Grunddogmen des Christentums sind erfüllte Herzenswünsche. So
wünschen sich die Menschen z.B. ein Wesen, das von allen Schranken und Übeln
gereinigt ist. Sie finden es in Gott. Weiterhin wünschen sie sich ein
Diesseits, das von allen Schranken und Übeln gereinigt ist. Sie denken, sie
finden es im Jenseits. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Auferstehung
Christi, in der das Verlangen nach Unsterblichkeit steckt.
Feuerbach legt einen Schwerpunkt auf die Hypostasierung (Wechsel der
Wortart, z.B. die Entstehung des Adverbs "unsterblich" aus dem Substantiv
"Unsterblichkeit", gemeint ist jedoch die "Personifizierung
göttlicher Attribute"). Der Mensch sieht
Gott als absoluten Geist, dabei ist der Glaube nur eine idealisierte
Projektion des Verstandes des Menschen. Genauso ist es mit Gott als absolut
Gutes, sozusagen dem Besten auf Erden und mit der Liebe Gottes. Dahinter
stehen wieder Projektionen menschlicher Moralität und Liebe.
"Der einzige Gott des Menschen ist der Mensch selbst" (Ludwig Feuerbach)
Um das Ganze einmal psychologisch zu betrachten: Das im Gebet apostrophierte* DU Gottes ist das andere ICH des Menschen, der verwirklichte Wunsch des menschlichen Herzens und Gemüts.
* Die aus dem Griechischen stammende Apostrophe bedeutet: Hinwendung des Redners zu anderen als den bisher Angeredeten.
Negative Auswirkungen der Religion
· Der Glaube zu Gott proklamiert die Nichtigkeit der Welt und des Menschen
und führt so zu Gleichgültigkeit und Passivität Weltverneinung
· Er behindert die Wissenschaft, den Fortschritt, die Aufklärung und die
Freiheit Fortschrittsverneinung
· Man entwickelt durch ihn Intoleranz zu Nichtgläubigen Intoleranz
b) Sigmund Freud (ausführlich >hier<)
Sigmund Freud wurde am 6.5.1856 in Freiberg als Sohn eines orthodox
erzogenen, jüdischen Wollkaufmanns geboren. Die Mutter war auch Jüdin und
erzog Sigmund pflichtbewusst. Seine katholische Kinderfrau lehrte ihm Angst
vor der Kirche, indem sie ihm von Himmel und Hölle erzählte. Freud machte
sie später für seine psychischen Probleme mitverantwortlich.
Mit 17 Jahren machte er Abitur und studierte Medizin. Da er aufgrund seiner
Konfession keine Aussichten auf eine gute Anstellung als Arzt bekam, musste
er sich durch Labortätigkeiten seinen Lebensunterhalt finanzieren. 1885
erhielt er eine Privatdozentur in Wien.
1886 heiratete er Martha Bernays und wurde im Laufe der Jahre Vater von
sechs Kindern. Durch einen ehemaligen Lehrer bekam er ein Stipendium an
einer Universität in Paris und studierte dort Psychologie. Sein größtes Werk
ist die Schaffung der Psychoanalyse. Am 23.9.1939 starb er in seinem Exil
in London an Gaumenkrebs.
Vom Totemismus* zum Christentum
Die Menschen lebten anfänglich in Horden. Der Vater der Horde hatte das
Recht über alle Frauen und durfte seine Konkurrenten und Söhne töten. Eines
Tages taten sich alle Söhne zusammen und ermordeten ihren Vater. Nachdem sie
ihn gegessen hatten, realisierten sie, was sie getan hatten und lernten von
diesem Zeitpunkt an, sich untereinander zu vertragen und miteinander zu
leben. Damit so etwas nicht noch einmal vorkam, bildeten sie Brüderclans und
verboten sich gegenseitig den Besitz der Frauen. Die Religion gründet somit
im Ödipuskomplex der Gesamtmenschheit.
* Beim indianischen Totem handelt es sich um ein Tier, mit dem sich ein
Mensch seelisch verbunden fühlt. Es gilt wie blutsverwandt als Ahne,
Schützer, Helfer oder Gefährte.
Die Menschen sahen den getöteten Vater nun als Gott an. Man richtete sein Leben nach ihm aus und rang immer wieder um Kompromisse, durch welche einerseits die Tat des Vatermordes gesühnt, andererseits der Gewinn behauptet werden sollte.
Die Wahrheit der Religion nach Freud
Auch die Einschätzungen Freuds und dessen psychische Analyse beruhen auf der
Theorie von Ludwig Feuerbach. Seine Ansichten sind genau dieselben, er
begründet diese jedoch mit psychischen Aspekten, was ihn von Feuerbach
unterscheidet.
Religiöse Vorstellungen sind nicht Niederschläge der Erfahrungen oder Resultate des Denkens, sondern stellen die Erfüllung der dringendsten Wünsche der Menschheit dar. (siehe auch Feuerbach)
Schuld am starken Glauben ist die religiöse Vatergestalt (Gott). Sie ist
eine Verlängerung der Vatergestalt der Kindheit (Ödipuskomplex). Mit dem
Vater "Gott" geht eine Entlastung der Psyche einher, weil auf ihn die
Probleme der Menschheit übertragen werden.
Sozialpsychologisch haben die Götter drei Aufgaben zu erfüllen:
1) Bann des Schreckens der Natur,
2) Versöhnung mit Schicksal und Tod,
3) Entschädigung von Leiden und Entbehrungen.
Weiterhin stellt Freud die These auf, dass religiöse Praktiken neurotischen Zwangshandlungen gleichen. Der Mensch flieht in der Religion vor der Wirklichkeit, was dazu führt, dass er mit der Zeit neurotische Züge trägt.
Anders als Feuerbach und Marx will Freud mit seiner Auflösung der Religion nicht die Welt verändern oder seine Politik durchsetzen. Seine Intention ist es, die Menschen gesund zu machen. Er ist der Meinung, dass früher oder später die aufgeklärte Wissenschaft die Religion als Weltanschauung verdrängen wird. Der Mensch muss lernen, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.
II. Kritik am christlichen Glauben unter politisch/ gesellschaftlichem
Aspekt
Karl Marx - Religion als Opium des Volkes
Karl Marx (>hier< sehr
ausführlich) wurde am 5. Mai 1818 als Sohn eines Justizrates in Trier geboren.
Die jüdische Familie Marx trat später dem Protestantismus bei. Nach seinem
Abitur studierte Marx zunächst in Bonn Rechtswissenschaften, wechselte
später zu den Fächern Philosophie und Geschichte nach Berlin und Jena. Marx´
Wege führten über Köln, wo er Chefredakteur der linksorientierten
"Rheinischen Zeitung" war über Paris und Brüssel bis nach London, wo er
unter armen Bedingungen am 14. März 1883 starb. Er brachte viele kritische
Werke heraus und arbeitete sogar am Kommunistischen Manifest von 1848 mit.
Sein größter Verbündeter war Friedrich Engels, mit dem er viele Schriften
herausbrachte.
Die Wahrheit der Religion nach Marx
Sehr nahe an der Kritik von Feuerbach liegt auch die Kritik von Karl Marx.
Marx geht jedoch noch weiter über die Ansichten Feuerbachs hinaus. Während
es Feuerbach genügt, den Menschen durch Kritik an der Religion die Augen zu
öffnen und ihm seine Vollkommenheit wieder zurückzugeben, sieht Marx den
Menschen nicht so abstrakt. "Der Mensch, das ist die Welt des Menschen,
Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein
verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind."(Karl Marx).
Seiner Meinung nach hat man also mit der Aufhebung der Religion dem Menschen
keineswegs seine Vollkommenheit zurückerstattet. Die Ursachen für die
Entstehung der Religion liegen nämlich in der realen Welt. Diese muss sich
erst grundlegend ändern.
Karl Marx ist aber keineswegs für einen Kampf gegen die Religion. In der religiösen Entfremdung liegt in Wirklichkeit ein anderer Ursprung. Andere Entfremdungen, die erst den Boden für die Erstere bilden. Mit Beseitigung der Entfremdung verschwindet auch die religiöse Empfindung, so dass der Kampf gegen die anderen Entfremdungen geführt werden muss.
Seine Kritik soll also den Menschen dazu bringen, seine wahre Grundlage zu
suchen. Darüber hinaus soll ihn der von Marx aufgedeckte Widerspruch
zwischen dem illusorischen Wesen (Gott) und seinem realen Wesen belehren und
ihm so die Augen öffnen.
Opium des Volkes
Diesen berühmten Satz kennt jeder von uns. Die wenigsten wissen jedoch, was
es damit auf sich hat.
Die Zeit, in der Karl Marx lebte, war industriell sehr geprägt. Mit der
Erfindung der Dampfmaschine wurden viele Arbeitsschritte automatisiert. Als
Folge konnten sich die Arbeiter mit dem Produkt, das sie herstellten, nicht
mehr identifizieren. Sie waren ausschließlich dafür da, irgendwelche
Maschinen zu bedienen, der frühere Bezug zu dem, was sie herstellten, blieb
aber aus. Die Arbeiter wurden schnell unzufrieden und fühlten sich
ausgenutzt.
Aus dieser Zeit stammt das Zitat "Religion ist Opium des Volkes" von Karl Marx. Das Volk kann die Schmerzen nur mit Hilfe von Opium ertragen. Das sollte nicht der Aufruf sein, allen Menschen Opium zu geben, sondern Marx wollte diesen Stoff mit der Religion vergleichen. Gott hielt den Lebenssinn der Leute aufrecht und half ihnen, ihre Qualen zu ertragen. Opium löst in einem eigentlich schmerzhaften Zustand ein Gefühl des Wohlbefindens aus. Genauso ist es auch mit der Religion.
III. Ist Gott gerecht?
Schon immer gab es schlimme Naturkatastrophen, auf die die Menschen keine Antwort wussten. Sie fragten nach Gottes Gerechtigkeit. Entweder, sie verloren daraufhin ihren Glauben ganz oder er wurde eher noch bestärkt. Viele Leute haben versucht, auf die Theodizee eine Antwort zu finden.
Das Erdbeben von Lissabon
Am 1. November 1755 gab es ein schweres Erdbeben in Lissabon. Die Stadt
wurde von einer riesigen Feuersbrunst zerstört. Die Erschütterungen waren
bis nach Afrika zu spüren. Zwischen 30 000 und 60 000 Menschen kamen ums
Leben. Über die Hälfte der Stadt wurde völlig zerstört.
Nach diesen Geschehnissen war ganz Europa zutiefst bestürzt. Viele namhafte Persönlichkeiten meldeten sich auch Jahre nach der Katastrophe zu Wort und stellten die Frage nach Gottes Gerechtigkeit.
So sah z.B. Christoph Martin Wieland das Erdbeben als göttliche Mahnung an. Jakob Hermann Obereit war der Meinung, dass die Apokalypse begonnen habe. Immanuel Kant lehnte es jedoch ab, das Erdbeben als Strafe Gottes anzusehen. Und selbst Goethe sagt, dass ihm damals, er war gerade sechs Jahre alt, erste Zweifel an der Gütigkeit Gottes aufgekommen sind.
Epikur
(griechischer Philosoph, auf der Insel Samos geboren und in Athen 271 im
Alter von 60 Jahren vor der Zeitrechnung gestorben)
Den Anstoß, die Theodizee weiter zu untersuchen, gab schon der griechische
Philosoph Epikur. Er errichtete in Athen eine Schule, die seine Lehre von
einem Leben in Lust und Freude verbreiten sollte. So kam er auch
zwangsläufig mit dem Problem der Theodizee* in Kontakt und stellte folgende
Fragen auf:
* der Versuch, den Widerspruch zwischen Gottes Allmacht und Güte und dem in der Welt (des Gottes) vorhandenen physischen Übel, moralischen Bösen und vielfältigen Leiden zu erklären.
1) Gott möchte alles Übel beseitigen, doch
kann er es nicht. Also wäre Gott nicht allmächtig
2) Gott kann alles Übel beseitigen, doch möchte er es gar nicht. Also wäre
Gott nicht gütig.
3) Gott möchte, noch kann er alles Übel beseitigen. Gott wäre also weder
allmächtig noch gütig.
4) Gott ist allmächtig und gütig.
Mit der letzten Frage stand Epikur wieder am Anfang seines Problems. Dennoch brachte er mit diesen Thesen einen Stein ins Rollen, mit dem sich noch heute die Philosophen beschäftigen.
Eine der berühmtesten Theorien über die Theodizee verfasste der Philosoph, Mathematiker, Physiker, Techniker, Jurist, Sprachforscher und Schriftsteller
Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz.
Leibniz gab im Jahre 1710 ein Skript heraus, in dem er der Meinung war, dass
wir in der besten aller möglichen Welten leben. Sogar Naturkatastrophen
haben ihren Sinn. "Die Natur wirkt nicht anders als gewöhnlich", so Leibniz,
"weder verkehrt noch irrig, weder nachlässig noch kraftlos, sondern durch
eine höhere Kraft überwältigt. So behält immer das Gute Oberhand".
Leibniz unterscheidet zwischen drei Arten von Übeln:
1) natürliche Übel
2) moralische Übel
3) metaphysische Übel
Mit der dritten Möglichkeit meint er die
Endlichkeit und die daraus resultierende Unvollkommenheit der Geschöpfe
überhaupt. Da Gott Geschöpfe schaffen wollte und kein Abbild von sich
selbst, müssen diese Geschöpfe zwangsläufig unvollkommen und mit
metaphysischem Übel behaftet sein, aus dem auch die anderen Übel
hervorgehen.
Das physische Übel und das moralische Übel dient nach Leibniz dem höheren
Zweck, das Gute hervorzubringen und so das Versöhnungswerk Christi
auszulösen.
IV. Eigene Meinung (von Daniel Schroeder s.o.)
Wir leben in einer Welt, in der man, Gott sei Dank, Meinungsfreiheit ausüben kann. Es ist erlaubt, eigene Schriften zu veröffentlichen und man darf sagen, was man will. Da machen sich natürlich viele Leute Gedanken über die Gottesfrage. Der Atheismus spielt also eine große Rolle.
Auch die schlechten Erfahrungen und die ständigen Skandale, früher wie heute, lassen die Kirche nicht immer in einem guten Licht erscheinen. Auch der finanzielle Aspekt und die Diskussion um die Kirchensteuer schüren die Zweifel der Leute.
Die Meinungen der oben genannten Personen gründen alle auf der Theorie von Ludwig Feuerbach. Diese Theorie ist rational begründbar und nachvollziehbar. Sie ist ein Anziehungspunkt für Zweifler.
Dennoch ist es gefährlich, diese Theorie für seine eigene Propaganda auszunutzen, wie Marx es tat, denn das ist Beeinflussung von Menschen um Macht zu ergreifen. Das ist ja eigentlich genau das, was man verhindern will.
Die Religion für die Lösung einiger psychischer Probleme zu benutzen, finde ich gut. Leider entstehen diese Probleme auch durch den Glauben. Ist die Religion also eine Krankheit? Nein, ich denke nicht, denn jeder Mensch, der gesunde Lebenseinstellungen hat, kann ein Mittelmaß finden, mit der Religion zu leben. Wenn man krank wird, stimmte also von vorne herein schon etwas mit der Person nicht.
Jeder Mensch muss sich die Frage nach Gottes Existenz und Gerechtigkeit selbst beantworten. Man sollte darauf verzichten, die Kirche in jeder Form auszunutzen, genau wie sie darauf verzichten sollte, die Menschen auszunutzen. Niemand sollte zu einer Meinung gezwungen werden, denn dann ist die wichtigste unserer Lebensschätze, die Demokratie, gefährdet.
Erstellungsdatum unbekannt