Probleme der rein wirtschaftlichen
Globalisierung

Tobias Kröll für Attac: Paradigmenwechsels in der Wirtschaft
>hier<
und ebenso von Kröll:
Kapitalismus
als kulturelles Kapital - Zur Kritik des wirtschaftlichen Liberalismus
>hier<
>Hier< Kritik an Wirtschaftswissenschaften als "neue Theologie" mit
Artikel über
staatliche Verschuldung..
Zuerst einige Begriffe und Definitionen die Wirtschaft betreffend:
Es gibt den Begriff der
Wirtschaftswissenschaften (also mehr
als eine Wissenschaft, ähnlich wie katholische, islamische, fernöstliche
Theologien als Formulierung von Glaubensaussagen), die, nach © 2003
Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG "sich mit Wesen, Ordnung,
Aufbau, Ablauf und Ziel der Wirtschaft beschäftigt. Die wichtigsten
Teildisziplinen sind Betriebswirtschaftslehre und
Volkswirtschaftslehre einschließlich Finanzwissenschaft,
aber auch Statistik und Ökonometrie*. Enge Beziehungen bestehen zur Soziologie,
Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft, Philosophie, Psychologie,
Arbeitsphysiologie, Geschichte (Wirtschafts- und Sozialgeschichte), Geographie,
Informatik und Mathematik."
* wendet die Wahrscheinlichkeitstheorie auf
wirtschaftsstatistische Daten im Rahmen wirtschaftstheoretischer Modelle, v.a.
in Form simultaner Gleichungssysteme (ökonometrischer Modelle) an, zur
Bestimmung wirtschaftlicher Größen, Prüfung wirtschaftstheoretischer Hypothesen
und Prognose wirtschaftlicher Erscheinungen.
Als Wirtschaftssystem wird nach
Gabler-Wirtschaftslexikon "die Wirtschaftsweise einer Gesellschaft, determiniert
durch Wirtschaftsgesinnung (Zwecksetzung und Verhalten der Wirtschaftssubjekte),
Ordnung und Organisation des Wirtschaftslebens (Rechts-, Sitten- und
Konventionalordnung) und realisierte Produktionstechnologien" bezeichnet.
Walter Eucken - 1891 bis 1950 - trat für eine Wirtschaftsordnung ein, die
(nach Gabler-Wirtschaftslexikon) "durch staatliche, marktkonforme Maßnahmen
(z.B. Monopolkontrolle) gesichert ist ein (Ordoliberalismus,
>hier< zum Ahlener Programm der CDU):
Idealtypische Art und Weise der Lenkung des Wirtschaftens.
Klassifikationskriterium ist für Eucken, ob die Planung des
Wirtschaftsgeschehens dezentral von den einzelnen privaten und öffentlichen
Haushalten (Verkehrswirtschaft) oder von einer Zentralinstanz
(Zentralverwaltungswirtschaft) durchgeführt wird. Zusammen mit den Marktformen
(vollständige Konkurrenz, Teiloligopol, Oligopol, Teilmonopol, Monopol), den
Formen der Geldentstehung (Warengeld, Kreditgeld) und den Hauptformen der
Geldwirtschaft determiniert das Wirtschaftssystem (Form der Planung) die
(marktwirtschaftliche) Wirtschaftsordnung.
Wirtschaftsordnung
ist definiert als die Gesamtheit der jeweils realisierten Formen, in denen
Haushalte und Unternehmen miteinander verbunden sind. Sie setzt sich aus
verschiedenen Teilordnungen zusammen: Ordnung der Landwirtschaft, der
gewerblichen Wirtschaft, des Verkehrswesens, der Arbeitsverhältnisse und des
Geldwesens. Spätere Begriffserweiterung um die sittlichen und rechtlichen
Determinanten (Bestimmungszahlen) des Wirtschaftsgeschehens (Karl Paul Hensel*)
zusammen.
* Buch/Heft: Das Profitprinzip. von K. P. Hensel,
K. Wessely, U. Wagner, Schriften zum Vergleich von Wirtschaftsordnungen , H. 19
Im Rahmen des heute vorherrschenden
systemtheoretischen Ansatzes der Sozialwissenschaften bildet das
Wirtschaftssystem den analytischen Oberbegriff. Unter einem System werden eine
Menge von Elementen, die in einem System- und Sinnzusammenhang stehen, die
zwischen ihnen bestehenden Interdependenzen und die hieraus folgenden Abläufe
verstanden (Systemtheorie). Das Wirtschaftssystem ist ein Teil des
Gesellschaftssystems. Als Mindestklassifikation wird zwischen
wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Teilsystem unterschieden. Die
Menschen, Grundelemente eines jeden Gesellschaftssystems, werden je nach
Handlungszweck ihrer Aktivitäten den einzelnen Teilsystemen zugeordnet; sie sind
gleichzeitig Element aller drei Teilsysteme und diese gegenüber ihrer Umwelt
jeweils offen, so dass Interdependenzen zwischen diesen einzelnen
gesellschaftlichen Teilstrukturen bestehen. Handlungszweck des
Wirtschaftssystems ist die Produktion von Gütern und Diensten. Die von den
Menschen in ihrer Eigenschaft als Produzenten und/oder Konsumenten
durchgeführten Aktivitäten formen den Wirtschaftsprozess; dieser wird
bestimmt durch:
(1) die Wirtschaftsordnung, die die realisierte Form theoretisch möglicher
Systemregelungen repräsentiert. Sie setzt sich zusammen aus der rechtlich
fixierten und der gewachsenen kulturellen und sittlich-moralischen Ordnung;
(2) die Wirtschaftsfaktoren, welche vorhandene Ressourcen, Humankapital (Unwort
des Jahres 2004 nach einer Jury aus Sprachwissenschaftlern. Es degradiere
Menschen) und daneben wirtschaftsrelevante Daten (Klima, Größe eines Landes u.
a.) umfassen.
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Horst Albach, geboren 1931; Professor an
Humboldt-Universität zu Berlin, weitere Funktionen: Mitglied des
Sachverständigen-Rats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung, Mitglied des Board of Directors ProLogis European
Properties Fund, Kanzler des Ordens
»Pour le mérite
« für Wissenschaften
und Künste, schreibt in
"Gabler-Wirtschaftslexikon - Das Wissen der
Experten" über:
Gegenstand der
Wirtschaftswissenschaften ist die Erforschung der Wirtschaft.
Unter Wirtschaft wird der rationale Umgang mit knappen Gütern
verstanden. Güter sind sowohl reale Güter als auch Dienstleistungen, die
zur Befriedigung menschlichen Bedarfs dienen. Ist der Vorrat an Gütern
hinreichend, um den gesamten darauf gerichteten Bedarf stets zu
befriedigen, dann handelt es sich um freie Güter. Übersteigt dagegen der
Bedarf den Vorrat an Gütern oder Dienstleistungen, dann wird von knappen
Gütern und Dienstleistungen gesprochen. Nur diese bilden den Gegenstand
der Wirtschaftswissenschaften. Ein Anliegen der
Wirtschaftswissenschaften ist demnach die Erforschung wirtschaftlicher
Erscheinungen und ihrer Zusammenhänge bei der Verteilung der knappen
Güter auf die einzelnen Individuen und Gemeinschaften sowie der
Auswirkungen historischer Verteilungen auf die Gegenwart. Ein zweites
Anliegen der Wirtschaftswissenschaften betrifft die Analyse der Ziele
und Mittel zur Gestaltung wirtschaftlicher Prozesse und Strukturen.
Eigentlich sollte das ausreichen zur Beurteilung der
"Wirtschaftswissenschaften" als eine moderne Form der Theologie"; denn
die moderne Wirtschaft hat wie bei den traditionellen Religionen einigen Menschen maßlosen
Reichtum verschafft oder der Mehrheit ihrer mit Scheuklappen
ausgestatteten und "mitlaufenden" Mitmenschen Verarmung, Verdummung bis
zur Verblödung verbreitet.
Auch die Wirtschaft bietet Propheten: Ein "stattlicher"
(Schreiberin für Kölner Stadt-Anzeiger) Dominique Strauss-Kahn, Chef des
Internationalen Währungsfonds (IWF), 2% Inflation wird angestrebt
>hier<. Dieser Strauss-Kahn wurde noch kurz vor (oder sogar nach)
seiner Affäre mit einer seiner Angestellten in einem New Yorker Hotel
von der deutschen Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel, als (einziger?)
Retter der Weltwirtschaft bezeichnet. Damit ist der Wirtschaftsmessias
tot? Also geht es weiter drunter und drüber wie während der Zeit der
jahrhundertelangen Alleinherrschaft der katholischen Kirche in Europa.
Erstaunlich ist, dass urplötzlich alles
aus der Wirtschaft - insbesondere das unbedingt erforderliche Wachstum
infrage gestellt wird, was schon sehr viele vorher getan haben. Zitiert
sei ein Artikel aus dem Kölner Stadt-Anzeiger aus dem August 2011,
nachdem die Börsen nicht mehr Gewinne machen und die USA von
sogenanntern Rating-Agenturen als pleite eingestuft worden sind:
Panik wegen staatlicher Verschuldung
VON JÖRG WAGNER
"Ludwig Erhard (>hier<) war der Erste. Mit ihm ging im
Nachkriegs-Deutschland das Schuldenmachen auf Bundesebene los. Vier
Milliarden Mark betrug die Lücke im Haushaltsplan für 1967 — aus
heutiger Sicht ein geradezu läppischer Betrag. Seitdem haben die
deutschen Parteien am Schuldenmachen Gefallen gefunden — und die
deutschen Bürger haben sich daran gewöhnt, mit absurden
Milliardenbeträgen in der Kreide zu stehen. Es tat ja keinem weh,
solange alle ruhig hielten.
Mehr als 40 Jahre später starren Regierungen, Bürger und
Finanzexperten weltweit mit schreckgeweiteten Augen auf die
aufgelaufenen Schuldenberge. Insbesondere die Politik verhält sich so,
als sei eine Naturgewalt plötzlich entfesselt und auf sie losgelassen
worden. Dabei ist es die gesammelte Leistung ihrer Vorgänger, die nun
als Schuldenwelle über sie her-schwappt. Auch die ach so
vernunftbasierten Investmentprofis treten gerade den nächsten Beweis an,
dass auch sie nur Menschen sind, die ' impulsivem Verhalten nicht
entsagen können. Obwohl sich an den fundamentalen Verschuldungsdaten
kaum etwas geändert hat, folgen sie dem Herdentrieb und misstrauen heute
dem Euro, morgen dem Dollar, übermorgen dem Yen. Vor wenigen Monaten
waren sie diesen Währungen noch zugetan.
Die daraus resultierenden wirtschaftlichen Verwerfungen haben bei aller
Dramatik zwei gute Seiten. Erstens ist die oft als kleingeistig abgetane
Auffassung, dass man auf dauerhaftem Schuldenwachstum kein
funktionierendes Gemeinwesen aufbauen kann, in der Gesellschaft
angekommen. Zweitens lernen Politiker, dass man auch mit ernsthaftem
Sparwillen Wahlen gewinnen kann."
Solche Meinungen (und reichlich späte Erkenntnisse) werden in
Kommentaren und Diskussionen über alle Medien verbreitet (August 2011).
Erstaunlich ist, dass alles in das "Irrationale" hineingebracht wird.
Der evangelische Theologe Adolf von Harnack (1851-1930) hat die
theoretischen Physiker als die wahren Philosophen des 20. Jahrhunderts
bezeichnet. Die Notwendigkeit zu philosophieren ergab sich vor allem
durch die Schlüsselposition, die der Beobachter in der Quantentheorie
einnimmt (ist
http://www.weltderphysik.de/de/1519.php zu lesen).
"Andere Welt II",
M. C. Escher, 1947. In M. C.
Eschers Bild existieren drei
scheinbar
identische Welten nebeneinander.
Drei Kopien eines rätselhaften
Wesens sind zu
sehen, die offenbar nichts
voneinander mitbekommen. Eine
Interpretation
der Quantentheorie geht davon
aus, dass weit mehr als drei,
nämlich fast
unendlich viele Welten parallel
zueinander bestehen.
(© Photo: 2001
Cordon Art B.V.-Baarn, Holland.
All rights reserved)

Die Quantenphysik macht alles
möglich, wird von einigen behauptet:
Der US-amerikanische Physiker Hugh
Everett meinte 1957 zur
Interpretation von Messprozessen im
Microkosmos, dass der Beobachter
sich in mehrere Kopien seiner selbst
aufspalte könne und dadurch jeden
möglichen Ausgang eines Experiments
sähe. Dabei muss auf das vom
Physiker Werner Karl Heisenberg
(1901 bis 976) formulierte
quantenmechanische Prinzip
hingewiesen werden, wonach Ort und
Impuls eines Teilchens
(eines Quants, "Wirkchens"
nach Prof. Dr. Hans-Peter Dürr:
Geist und Materie. Die Quantenphysik
erschüttert unseren
Realitätsbegriff!...)
nicht zugleich mit beliebiger
Genauigkeit bestimmt werden können
(Unschärferelation).
Der Beobachter merke nur deshalb
nichts davon, meint Everett, weil
jede Kopie nach der Beobachtung in
ihrem eigenen, parallel
existierenden Universum weiterlebe.
Da für jedes denkbare Ergebnis jeder
quantenmechanischen Wechselwirkung
Kopien des jeweiligen Beobachters
entstünden, existiere eine fast
unendliche Zahl paralleler Universen
nebeneinander.
Umstritten ist im Rahmen dieser
Theorie die Frage, ob wir andere
Universen besuchen könnten. Der
britische Physiker David Deutsch
bejaht dies und kommt zu dem
überraschenden Schluss, dass
Zeitreisen in Everetts "Viele-Welten-Theorie"
ohne Widersprüche möglich wären.
Eines der wichtigsten Argumente
gegen Ausflüge in die Vergangenheit
ist nämlich, dass der Zeitreisende
in der Vergangenheit seine eigene
Geburt verhindern und somit ein
Paradoxon erzeugen könnte. Dieses
Argument ist aber in einem "Multiversum"
nicht stichhaltig: Denn ein
Zeitreisender könnte sich in die
Vergangenheit jedes parallelen
Universums begeben und dort die
Geburt seines "Doubels" verhindern,
ohne dass ein logischer Fehler
auftreten würde usw. usw.

Schweizerisch-amerikanischer
Physiker österreichischer Herkunft,
Wolfgang Pauli* (1900 - 1958)
meinte: "Ob etwas, worüber man
nichts wissen kann, doch existiert,
darüber soll man sich ... doch wohl
ebensowenig den Kopf zerbrechen, wie
über die alte Frage, wieviele
Engel auf einer Nadelspitze
sitzen können."
* Sein
"Pauli-Prinzip" erklärt die
Gesetzmäßigkeiten des Atombaus:
Niemals können zwei oder mehr
Elektronen eines Atoms für alle ihre
vier Quantenzahlen übereinstimmende
Werte haben, und darauf beruht der
Schalenbau der Elektronenhülle der
Atome und damit auch das
Periodensystem der Elemente.
Da gab es den ernst genommen
Streit um die Zahl von Engeln auf einer Nadelspitze:
Antworten
(irgendwo aus dem Internet):
(1) "Alle" ist die richtige Antwort, weil "weiß nicht" oder eine konkrete
Zahl ein Zweifeln an der Allmacht Gottes bedeutet hätte.
(2) Unendlich viele, aber sie machens nicht weils tierisch unbequem ist.
(3) pro Nadelspitze ein Engel. Mehr hat das kraftfahrzeugtechnische
Bundesamt wegen Verletzungsgefahr nicht zugelassen. Es sind aber schon
Klagen dagegen höheren Ortes auf den Weg gebracht worden. Der Himmels-TÜV
wurde schon als Sachverständigenorganisation dazu geladen. Das wahre Problem
steckt aber in der Geheimhaltung. Sollten die Engel sehen, dass ein Kamel
tatsächlich durch ein Nadelöhr geht, wenn sie gerade auf der Nadelspitze
rumlümmeln, könnte das zu Verwicklungen in höchsten Himelskreisen führen.
Dann wäre nämlich einem Streitobjekt jeglicher Boden der Unrealität
entzogen.
Die Notwendigkeit eines
Paradigmenwechsels in der Wirtschaft hat Tobias
Kröll für Attac ausgearbeitet. Entscheidend ist dabei die immer weitere
Vergrößerung der Unterschiede zwischen Armen und Reichen, sowohl innerhalb der
Staaten als auch zwischen den nördlichen und südlichen Ländern der Erde.
Was passiert bei der Marktöffnung? Fallen alle Handelsbarrieren zwischen
einem reichen und einem armen Land, übernehmen die reichen Firmen die Industrie
des armen Landes, weil sie dort günstiger produzieren können. Oder die großen
Firmen des reichen Landes eröffnen neue Zweigstellen im armen Land, wo sie dann
Arbeitsplätze schaffen, was erstmal positiv zu werten ist. Allerdings haben die
heimischen Firmen des armen Landes im freien Wettbewerb kaum Chancen sich gegen
die neue, besser kapitalisierte Konkurrenz durchzusetzen. Müssen die alten
Firmen dann Konkurs anmelden, sind deren Arbeitsplätze dann verloren.
Zudem werden die Arbeitnehmer im reichen Land mit der Drohung der Auslagerung
ihrer Arbeitsplätze zur Aufgabe von Sozialleistungen oder niedrigeren
Lohnabschlüssen genötigt. Ein Teil der Arbeitsplätze wird auch tatsächlich
abgebaut.
Wer sind also die Gewinner dieser Liberalisierung?
Das Bruttoinlandsprodukt des armen Landes wird steigen, weil die neuen Firmen
produktiver wirtschaften als die alten heimischen. Dieses Geld geht aber
komplett in den Besitz der Investoren dieser Firmen. Durch niedrigere
Lohnabschlüsse und Sozialabbau im reichen Land steigt der Gewinn dieser
multinationalen Firmen noch weiter. Auch in dem ärmeren Land gibt es einige
Menschen, die durch geschickte Investitionen ihr Geld vermehren können.
Investieren kann aber nur der, der schon Geld anzulegen hat. In beiden Ländern
gewinnen also die Investoren und Geldbesitzer, während die Arbeitnehmer
verlieren. Sichtbar ist dieser Effekt in den Statistiken, in denen die
Unterschiede zwischen armen und reichen Menschen eines Landes immer weiter
auseinanderdriften. Die Menschen des ärmeren Landes profitieren zwar auch von
der Liberalisierung (allerdings nicht gleichmäßig), die mit Abstand größten
Profiteure sind aber die multinationalen Firmen des reicheren Landes und deren
Investoren.
Nicht umsonst setzen sich vorwiegend Arbeitgebervereinigungen,
Investorengruppen und die Leiter großer Firmen für eine immer weitere
Liberalisierung ein.
Verstärkter Raubbau an der Natur zur Profitmaximierung. Durch
den Wegfall von Zöllen wird weltweit nur in den billigsten Ländern produziert
und die Produkte weltweit verschickt. Aus Umweltgesichtspunkten ein Irrsinn.
Eine Theorie, die auf
unendliches Wirtschaftswachstum setzt, wird irgendwann
die sehr wohl
begrenzten natürlichen Ressourcen
zerstören. Außer es würde irgendwann gelingen, Wirtschaftswachstum bei
gleichbleibendem Ressourcenverbrauch zu erzeugen. Dieser Verbrauch dürfte dann
auch nicht größer sein, als die Regenerationsfähigkeit der Natur (Prinzip der
Nachhaltigkeit).
Fortschreitende Monopolisierung der Wirtschaftszweige. Es
entstehen immer größere und mächtigere transnationale Konzerne, die den gesamten
Weltmarkt unter sich aufteilen. Illegale Preisabsprachen zwischen diesen wenigen
Firmen (Oligopolen) können immer schwerer nachgewiesen werden. Die freie
Marktwirtschaft zerstört sich dadurch selbst.
Der freie Markt hat die Aufgabe, die Wirtschaft effizienter
zu gestalten. Die Marktwirtschaft an sich ist allerdings ineffizient, denn es
gibt mehrere Firmen, die das gleiche Produkt herstellen. Durch die
Zusammenlegung (Fusion) von Firmen können immer Kosten gespart werden, indem
dann doppelt vorhandene Teile aufgelöst werden ("Synergie-Effekte nutzen"). Auf
lange Sicht zerstört der freie Markt sich dadurch selbst, wenn er nicht
eingeschränkt wird.
Globale Absenkung der Rechte und Einkommen von
Arbeitnehmern. In den Industrieländern hatte sich ein Gleichgewicht
zwischen starken Arbeitgeber- und starken Arbeitnehmervertretungen eingestellt.
In den Ländern der Südhalbkugel waren beider Seiten weniger mächtig.
Mittlerweile fallen aber die Vertreter der transnationalen Konzerne in den am
wenigsten entwickelten Ländern ein, um ihre Produkte so billig wie möglich
herzustellen. In diesen Ländern sind Gewerkschaften so gut wie gar nicht
vorhanden und die Menschen müssen teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen
für einen Hungerlohn schuften. Die Arbeitnehmer in den reicheren Ländern werden
dann über die großen Kostenunterschiede erpresst.
Anstatt dass der Staat die Rahmenbedingungen für die
Wirtschaft festlegt, können die transnationalen Firmen die Staaten
gegeneinander ausspielen und erpressen . Dieser Effekt ist durchaus
gewollt, um die Staaten zu mehr Effizienz zu treiben. Die verringerten Einnahmen
zwingen die Staaten allerdings zum Abbau von Sozialleistungen, während die
Firmen und deren Investoren immer reicher werden.
Verschlechterung der Situation vieler Menschen durch die
Privatisierung ihrer lebensnotwendigen Grundversorgung, z.B. des Trinkwassers,
durch erhöhte Preise. Diese entstehen dadurch, dass den Privateigentümern keine
Konkurrenz entgegensteht, und sie darum die Preise unkontrolliert erhöhen
können, um ihre Profite zu vermehren. Es wird nur ein öffentliches Monopol durch
ein privates ersetzt.
Investitionskapital ist ausreichend vorhanden, aber es fehlt
die Kaufkraft bei der Masse der Bevölkerung
Stattdessen dürften die internationalen Wirtschaftsregeln nicht schwerer wiegen
als internationale Umwelt- oder Sozialabkommen. Internationale Umwelt- und
Sozialgesetze müssen den Rahmen bilden, innerhalb dessen freier Handel erlaubt
ist.
Die neoliberalen Lösungen beziehen sich nur auf die wirtschaftlichen Probleme.
Die Probleme* 3, 4 und 5 der Südländer und der Umwelt, werden nicht gelöst. (
>Hier<
die Aufzählung der Probleme - nach unten gehen!). Im
Gegenteil, werden diese Probleme durch die neoliberale Wirtschaftsweise noch
verstärkt. Während politisch in einigen Ländern immer stärkere Umweltgesetze
verabschiedet wurden, und auch die UNO Beschlüsse zur Bekämpfung der Armut und
zu Nachhaltigem Wirtschaften verabschiedet hat, werden diese Beschlüsse aber
nicht realisiert, weil sie der rein profitmaximierenden Wirtschaftsweise des
Neoliberalismus entgegen stehen.
* 3. Großes Ungleichgewicht zwischen reichen
Ländern im Norden und armen Ländern im Süden der Erde.
4. Steigende soziale Unterschiede zwischen armen und reichen Menschen innerhalb
der Länder.
5. Zu hoher Verbrauch der natürlichen Resourcen der Erde und zu hohe Belastung
der Umwelt.
Der Abbau aller Zölle und Handelsschranken führt zwar zu einer Angleichung der
Verhältnisse weltweit, aber auf einem Niveau der Frühindustrialisierung mit
mächtigen Konzernlenkern und rechtlosen Arbeitnehmern, ohne Sozial- und
Umweltschutzregelungen. Die globalen Firmen verlagern ihre Produktionen und
Entwicklungen in Länder möglichst ohne solche Regelungen, wodurch in den
heutigen Industrieländern der Druck entsteht, ebenfalls
wirtschaftseinschränkende Sozial- und Umweltschutz-Gesetzgebungen abzubauen. Das
führt dann zu den steigenden sozialen Unterschieden zwischen den immer reicher
werdenden Investoren, und denjenigen, die durch diese Entwicklung ihren
Arbeitsplatz verlieren.
In dem resultierenden frühindustriellen Zustand könnten sich die
Arbeitsbedingungen global dann wie in der Industrialisierungsphase Europas
wiederholen, wenn sich weltweite Arbeitnehmervertretungen entwickeln. Allerdings
werden für die heutige weltweite Produktion viel weniger Mitarbeiter benötigt,
als es noch vor 100 Jahren der Fall war. Die Druckmittel der Arbeitgeber sind
also weitaus größer. Ob die Natur eine weltweite Frühindustrialisierungsphase
durchstehen würde, ist ebenfalls stark zu bezweifeln.
Die Produktionstechnik ist zwar durch staatlichen Druck viel umweltschonender
geworden, bei einem Wegfall dieses Drucks, wird sie sich aber auch nicht in
diese Richtung weiter entwickeln. Und eine weitere Entwicklung hin zu einer
nachhaltigen Produktion, bei der nicht mehr natürliche Ressourcen verbraucht
werden, als sich wieder regenerieren können, ist zwingend notwendig, damit die
Menschheit auf diesem Planeten überleben kann.
Darum muss diese Phase der Wirtschaftsentwicklung unbedingt übersprungen werden.
Stattdessen müssen die heute in den Industrieländern etablierten Sozial- und
Umweltstandards weltweit durchgesetzt, und weiter verbessert werden.
Die Theorie der freien Marktwirtschaft geht von einem
unbegrenzten Wachstumspotenzial aus, ohne zu berücksichtigen, dass die
natürlichen Ressourcen, die für dieses Wachstum benötigt werden, sehr wohl
begrenzt sind.
Wohin soll diese Entwicklung führen?
Firmen fusionieren um Synergieeffekte zu nutzen, also um diejenigen
Angestellten, die in dann doppelt vorhanden Bereichen arbeiten, entlassen zu
können. Soll es bis zum Schluss nur noch eine globale Firma geben, die aber nur
0,1% der Weltbevölkerung beschäftigt, und alle anderen sind arbeitslos? Ist
das die Vision der freien Marktwirtschaft? Und wer soll die Produkte kaufen,
wenn fast niemand mehr Geld hat?
Die Wirtschaft wird sich immer mehr auf die Produktion von Luxusgütern für die
Superreichen umstellen. Auch bei den Produkten wird die Schere immer extremer
werden, zwischen absoluten Billigprodukten für die Massen, die unter
lebensunwürdigen Bedingungen in Billiglohnländern hergestellt werden, und immer
teureren Luxusgütern für die Superreichen.
Die zwar immer reicher, aber auch immer geringer werdende Zahl der Superreichen
kann den Verlust der Kaufkraft bei den Massen der Bevölkerung auf Dauer nicht
ausgleichen.
Einige der Probleme kommen allerdings auch daher, dass eben nicht alle
Handelsschranken beseitigt wurden, sondern die mächtigen nördlichen
Industrieverbände und Länderregierungen ihre Produkte weiterhin schützen und
subventionieren. Aber das kommt eben dabei heraus, wenn man alle Kontrolle
abschaffen und den Markt alles entscheiden lassen will. Dann setzen sich eben
nur die Stärksten durch, und alle anderen gehen vor die Hunde.
Diese Geisteshaltung führt auch dazu, dass in allen Bereichen einfach blind der
Leistungsdruck erhöht wird. Dabei kann die Effektivität der Arbeit mit
intelligenten Modellen, die die Motivation der Angestellten erhöhen, viel besser
gesteigert werden.
Ausgearbeitet von Global Society
Letzte Anpassung:
11. Jan. 2011
Tobias Kröll, Tübingen
Mai 2007
Kapitalismus als kulturelles Kapital
Zur Kritik des wirtschaftlichen Liberalismus im
Anschluss an Pierre Bourdieu
1 Einleitung
........................................................................................1
2 Wirtschaftsliberalismus als kulturelles
Kapital....................................2
3 Komplizen der Sachzwänge
............................................................4
4 Von einer Theorie der Realität zur Realität der Theorie.................... 5
5 Wider die Immunisierung des Wirtschaftsliberalismus gegen Kritik ...7
6
Literatur:........................................................................................11
1 Einleitung
„Einer der theoretischen und praktischen Irrtümer vieler Theorien –
angefangen bei der marxistischen – hat darin bestanden, die Wirksamkeit von
Theorien außer Acht zu lassen. Diesen Fehler dürfen wir nicht mehr begehen. Wir
haben es mit Gegnern zu tun, die sich mit Theorien wappnen, und es geht meines
Erachtens darum, ihnen geistige und kulturelle Waffen entgegenzusetzen.“
Pierre Bourdieu, GF 61
Bei der Analyse des Kapitalismus hat Karl Marx bestimmte Regelmäßigkeiten
festgestellt, so zum Beispiel dass sich die Profitrate nur zu Lasten des
variablen Kapitals, d.h. der „Ware Arbeitskraft“ steigern lässt. Dies geschieht
entweder direkt durch Entlassungen oder Lohnkürzungen (zum Beispiel durch
Outsourcing und neue Arbeitsverträge) oder relativ durch Verlängerung der
Arbeitszeit ohne Lohnausgleich.
Beide Varianten sind zurzeit populäre von Spitzenmanagern angewandte Maßnahmen.
Mit Pierre Bourdieu kann der Wirtschaftsliberalismus (als Theorie des
Kapitalismus1) – jenseits beobachtbarer gesellschaftlicher und
ökonomischer Gesetzmäßigkeiten, „die nur dann wirksam werden können, wenn man
sie gewähren lässt“ (GF 63) – als kulturelles Kapital betrachtet werden. Nach
Bourdieu hat der Wirtschaftsliberalismus im Diskurs zwei Erscheinungsformen. Zum
einen als doxa (d.h. als Vorurteil und Meinung) in einer
populärwissenschaftlichen bzw. populistischen Variante und zum anderen als
legitimes wissenschaftliches Wissen bezüglich des Wirtschaftsgeschehens. In
beiden Formen kann er verinnerlicht werden. Diese zweifache Erscheinungsform, so
die These, erschwert Kritikern das Greifen des zu kritisierenden Gegenstands.
Der Wirtschaftsliberalismus immunisiert sich dadurch, er ist inzwischen zu einem
„starkem Diskurs“ geworden (GF 110). Werden die praktischen Folgen
wirtschaftsliberaler Politik kritisiert, so wird von Wirtschaftsliberalen auf
die Theorie verwiesen, deren Modelle nur ceteris paribus (siehe Abschnitt 5)
funktionieren, wenn der Staat nicht eingreift. Dem Staat wird von
Wirtschaftsliberalen immer der Schwarze Peter zugeschoben, sei es, weil es zu
viele Markteingriffe gibt oder weil der Staat Marktversagen nicht angemessen
ausgleicht.
1
Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 1997:19
Der freie Markt an sich und die Eigentumsverhältnisse im Besonderen werden von
den Wirtschaftsliberalen nicht in Frage gestellt.
2
Wirtschaftsliberalismus als kulturelles Kapital
»Um das zu beschreiben, was wir unter
Marktwirtschaft in reiner Form verstehen, muss man die verschiedenen Punkte
addieren: Dezentralisierung, Subsidiarität, Wettbewerb, Selbstregulierung,
Privatisierung, Privateigentum, Individualismus. Wer das Wort nicht scheut, mag
das Ganze „Kapitalismus“ nennen, genauer: Wettbewerbskapitalismus«
Herbert Giersch 1991:
15f
Das (wissenschaftlich fundierte) gesellschaftlich legitime Wissen wird mit
Bourdieu als kulturelles Kapital bezeichnet. Der Wirtschaftsliberalismus als
legitimes ökonomisches Wissen erscheint dabei in allen drei Formen des
kulturellen Kapitals:
(1.) verinnerlicht im Habitus, d.h. in Köpfen von Professoren, Zentralbankchefs,
JournalistInnen und Studierenden, aber auch als doxa (siehe unten.) im
Alltagsdenken;
(2.) vergegenständlicht in Wirtschaftsabkommen, in Lehr- und Schulbüchern sowie
in Tageszeitungen oder den täglichen Meldungen der Börsenkurse vor der
Tagesschau
(3.) institutionalisiert
in akademischen Titeln und Preisen für Wirtschaftsfachleute.
Gleichzeitig stellt der akademische Wirtschaftliberalismus als „legitimes Wissen
bezüglich Wirtschaft“ auch symbolisches Kapital dar. Herausragendes Beispiel ist
das „ökonomische Fachwissen“ von Bundespräsident Horst Köhler 2.
Analog zur bewussten, aktiven Weitergabe kulturellen Kapitals in Schule und
Universität gibt es auch beim wirtschaftsliberalen Denken „verborgene
Mechanismen“ der Übertragung kulturellen Kapitals (vgl. Bourdieu: VM). So wird
wirtschaftsliberales Denken weitergetragen und verfestigt, wenn Bankangestellte
Aktienfonds als Geldanlage zur Ergänzung der staatlichen Rente empfehlen und die
Anleger dann ihre Zukunftshoffnungen mit dem Aktienkurs verknüpfen. Auch wenn
neoliberale Lobbyisten Fernsehsendungen zum „Reformbedarf“ produzieren, aber
nicht als Urheber genannt werden3, wird die verborgene Übertragung
wirtschaftsliberaler Gedanken gefördert.
2
Köhler studierte an der als wirtschaftsliberalen ökonomischen Fakultät in
Tübingen, wo er auch als Honorarprofessor tätig ist.
3
So z.B. die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Verinnerlicht ist der Wirtschaftsliberalismus in den Köpfen einflussreicher
neoliberaler Wissenschaftler und Akteure, wie dem ehemaligen Bundesbankpräsident
Hans Tietmeyer, dessen wirtschaftsliberales Denken Bourdieu in einem Vortrag mit
dem Titel „Warnung vor dem Modell Tietmeyer“ an der Universität Freiburg im
Oktober 1996 (WMT 1997: 171f) analysierte. Nach Bourdieu sind heute
wirtschaftsliberale Begriffe und Gedanken in aller Munde und laufen „wie
Kleingeld“ überall herum:
„dauerhaftes Wachstum, das Vertrauen der Investoren, öffentliche Haushalte,
Sozialsysteme, Erstarrung, Arbeitsmarkt, Flexibilität, aber auch Globalisierung,
Flexibilisierung, Senkung der Abgabenlast, Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität,
Deregulierung und so weiter und so fort.“ (WMT: 173).
Vergegenständlicht zeigt sich der Wirtschaftsliberalismus in wirtschaftlichen
Grundlagen der Europäischen Union (zum Beispiel Dienstleistungs- /bzw.
Bolkesteinrichtlinie) oder den Stabilitätskriterien. Bourdieu kritisiert
„Bankleute und Finanzbeamte“, die sagen, wir müssten uns den Notwendigkeiten der
internationalen Finanzmärkte beugen (GF 47). Sie „vergessen den Hinweis darauf,
dass sie sich zu Komplizen dieser Zwänge gemacht“ haben (a.a.O., Hervorh. T.K.).
Die Öffnung der Märkte leiste dem Kräftespiel des ungezügelten Kapitalismus
Vorschub (GF 9).
„Experten“ vom Typ Weltbank oder Internationaler Währungsfonds helfen mit, die
Gesetze dieses „neuen Leviathan“, speziell der Finanzmärkte, durchzusetzen (GF
36). Gruppen von wirtschaftsliberalen Intellektuellen haben über Jahre „anfangs
gegen den Strom, unermüdlich jene Vorstellungen produziert, die nach und nach
wie selbstverständlich geworden sind“ (GF 39f). Bourdieu nennt hier insbesondere
die Mont Pelerin Society4.
4
Siehe dazu ausführlich: Walpen 2004
3 Komplizen der Sachzwänge
Auch der ehemalige Bundesbankchef Hans Tietmeyer wirkte an den Veränderungen
mit. Anlässlich eines wirtschaftsliberalen Symposiums im November 1998 („Soll
und Haben – 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft“) in Tübingen begrüßte ihn der
Ökonom Joachim Starbatty:
„Sie haben als Leiter der berühmten
Grundsatzabteilung im Bundeswirtschaftsministerium im Jahre 1982 das
Lambsdorff-Papier 5 mitformuliert, das – gewissermaßen als
Lackmustest – das Ende der SPD-FDP-Koalition besiegelte“
5 Im Lambsdorff-Papier
sind die wirtschaftliberalen Ideen für die Regierung Kohl ausformuliert. Im
Wortlaut zu finden als PDF-Datei auf der Homepage der
Friedrich-Naumann-Stiftung:
http://admin.fnst.org/uploads/644/Lambsdorffpapier-2.pdf.
(…) „Auch an der Entstehung des Maastricht-Vertrages haben sie Anteil.
Insbesondere der Bundesbank ist es zu verdanken, dass das Statut des
Maastricht-Vertrages nach dem Vorbilde der Deutschen Bundesbank geformt wurde.“
Starbatty 1999:4
Des weiteren würdigt Starbatty Tietmeyers Tätigkeit während seiner Zeit im
Wirtschaftsministerium als so genannter Sherpa für Bundeskanzler Kohl und
Finanzminister Waigel bei der Vorbereitung der Weltwirtschaftsgipfel: „Wir
erinnern uns:
Im Himalaya schleppen die Sherpas das Gepäck in die jeweiligen Basislager. Von
berühmten Sherpas berichtet man, dass die bisweilen auch die Hauptdarsteller –
also die Bergsteiger und Gipfelteilnehmer – nach oben geschleppt haben“ (a.a.O.).
Heute ist Hans Tietmeyer u.a. Vorsitzender des Kuratoriums der „Initiative Neue
Soziale Marktwirtschaft“, die seit einigen Jahren arbeitgeberfinanziert auf
breiter Ebene in Medienkampagnen für wirtschaftsliberale Ziele wirbt (vgl. Kröll
2003). Der INSM geht es darum, die gesamte Bevölkerung von der Richtigkeit des
Wirtschaftsliberalismus zu überzeugen (Rodenstock 2001: 31).
Unter den Unterstützern der Initiative sind einflussreiche Wirtschaftsliberale:
u.a. Hans D. Barbier, Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, Roland Berger,
Milton Friedman (2000, 128), 1970-72 Präsident der Mont Pelerin Society,
bezeichnete die Reformen unter Kanzler Gerhard Schröder (u.a. die Agenda 2010)
als perfekte Umsetzung der (neoliberalen) Ideen der Regierung Kohl,
Unternehmensberater, Lüder Gerken, Vorsitzender der Friedrich-August-von-Hayek
Stiftung, Martin Kannegießer, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall,
Hans-Dietrich Winkhaus, Präsident des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Dieter
Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin und Mitglied des Aktionsrats
Bildung, Lothar Späth, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Jenoptik AG, Randolf
Rodenstock, Vorsitzender des Verbands der Bayerischen Wirtschaft, Jürgen B.
Donges, Professor an der Universität zu Köln und Direktor des Instituts für
Wirtschaftspolitik, Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen
Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), sowie der Soziologe Lord Ralf Dahrendorf,
Mitglied im Kuratorium der Freiburger Friedrich-August-von Hayek-Stiftung.
Alle Genannten setzen sich dafür ein, sich den vermeintlichen Sachzwängen des
Marktes zu beugen. Manchmal weisen sie indirekt auf die „Komplizenschaft“
wirtschaftsliberaler Akteure mit den „Zwängen der Globalisierung hin, wie in dem
folgendem Zitat. Nicht zuletzt dank langjähriger Arbeit wirtschaftsliberaler
„Fachleute“ in Zollsenkungsrunden internationaler Gremien seien die heutigen
Zwänge der Globalisierung („Anpassungsdruck“) entstanden:
„Heutzutage sind die meisten ökonomischen Grenzen dank vieler Zollsenkungsrunden
und der Fortschritte in der Informationstechnologie weitgehend eingerissen.
Wirtschaften findet schon lange nicht mehr im nationalen Rahmen statt, die
Märkte sind grenzenlos geworden. Diesen Umstand nennt man Globalisierung.
Nationale Regulierungen, Vorschriften, steuern und Abgaben enden nicht an den
Grenzen des jeweiligen Landes, sondern reichen in der globalisierten Wirtschaft
weit über diese hinaus – sie sind quasi in die Exportprodukte eingebunden.
Globalisierung bringt so einen Zuwachs an Chancen, verstärkt aber gleichzeitig
den Wettbewerbs- und Anpassungsdruck – auch für die Wirtschaftspolitik.“
Rodenstock 2001: 30
4 Von
einer Theorie der Realität zur Realität der Theorie
Liberale Ökonomen beschreiben „Regeln“ liberaler Märkte in Form von als
natürlich angenommenen bestmöglichen Strukturen. In diesem Sinne kritisiert
Bourdieu die moderne Wirtschaftswissenschaft auch als strukturalistische
Theorie. Er lehnt theoretische Modelle nicht ab, weist jedoch auf ihre Grenzen
hin. Die Theorie freier Märkte mag vieles erklären können. Ein theoretisch
erarbeitetes Schema ist jedoch das „Modell einer Praxis, deren Grundlage dieses
Modell nicht ist“ (SoSi: 26) Die Realität richtet sich nach einer komplexeren
Logik, die mit starren Modellen nicht fassbar ist. Wird ein abstraktes (Markt-)-Modell
auf die Praxis übertragen (wie zum Beispiel das berühmte Theorem der
komparativen Kostenvorteile Ricardos, das von Ökonomen immer wieder zur
Legitimierung des Freihandels herangezogen wird, z.B. Starbatty 2000), dann
besetzt die theoretisch erdachte Regel einen doppelten Platz:
„den der theoretischen Matrix und der praktischen Matrix, des theoretischen
Modells und des praktischen Sinns, und verhindert so, dass die Frage nach deren
Verhältnis gestellt wird.“ (SoSi 189). Alle „Gegensätze, Äquivalenzen und
Analogien“ die ein theoretisches Modell auf einen Blick sichtbar macht, gelten
deshalb nur so lange, „wie sie für das genommen werden, was sie sind, also für
logische Modelle, die die größtmögliche Zahl von beobachteten Fällen am
schlüssigsten und sparsamsten erklären“. Solche Modelle werden jedoch falsch und
gefährlich, „sobald man sie als reale Grundlagen dieser Praktiken behandelt“ (SoSi:
26f). Genau dies tun jedoch wirtschaftsliberale Politiker und ihre ökonomischen
Berater. Sie wollen das Modell, das zur Erklärung der (ökonomischen) Praktiken
konstruiert worden ist, „tendenziell zu der Macht machen, die diese Praktiken
tatsächlich bestimmen kann.“ (vgl. SoSi: 71). So wird ein theoretisch erdachtes
Modell zur Norm (vgl. SoSi: 73) für die Praxis (bzw. Politik)und es kann ein
schleichender Übergang „vom Modell der Realität zur Realität des Modells“
stattfinden (vgl. SoSi: 75). Dies wird heute überall gefördert und praktiziert,
wo wirtschaftsliberale Fachleute als Berater Einfluss auf die ökonomische
Infrastruktur nehmen, sei es in wissenschaftlichen Beiräten und Gremien in der
Politik, sei es als Mitarbeiter der Zentralbanken, auf dem G8-Gipfel, im
Sachverständigenrat (den fünf Wirtschaftsweisen) oder im „Aktionsrat Bildung“.
Die Grundlagen der
Theoriekritik entwickelte Bourdieu in der Auseinandersetzung mit
strukturalistischen Modellen und übertrug sie später auf den politischen
Neoliberalismus: „Im Namen dieses zum politischen Aktionsprogramm gewandelten
wissenschaftlichen Ansatzes vollzieht sich eine ungeheure politische Arbeit, die
darauf zielt, die Betriebsbedingungen dieser »Theorie« herzustellen: es ist ein
Programm der planmäßigen Zerstörung der Kollektive“ (GF: 110).
So sehen es die Vertreter der „Neuen Sozialen Marktwirtschaft“ als notwendig an,
„dass die Deutschen im 21. Jahrhundert ihre kollektiv organisierten Systeme
zurückfahren“ (Rodenstock 2001: 79).
»Manches spricht
dafür, dass sich die Neue Soziale Marktwirtschaft schrittweise aus ihrer von
kollektivistischen Vorstellungen geprägten Vergangenheit löst«, meint Rodenstock
(a.a.O.: 83). Das Individuum suche nur da den Schulterschluss mit anderen, wo es
allein nicht klarzukommen meine. Da sich heute viele Chancen und Möglichkeiten
böten, würde sich das Schutzbedürfnis verringern (a.a.O.: 71). Zur „Zerstörung
der Kollektive“ zählen die zunehmende Aushöhlung von Tarifverträgen oder die
Aushöhlung der gesetzlichen Krankenversicherung sowie die Privatisierung der
Rente, des öffentlichen Verkehrswesens, aber auch die Aushöhlung des
„Normalarbeitsverhältnisses“ und die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse
(Zeitarbeit, befristete Arbeit, Praktika) usw.
Damit deutet Bourdieu den Kapitalismus aber nicht in einem einfachen
Ursache-Wirkungs-Schema zur bloßen Folge wirtschaftsliberaler Ideologie um,
sondern zeigt auf, dass es Wechselwirkungen gibt, dass ökonomische Sachzwänge
menschliche Komplizen haben, die diese gewähren lassen:
„Bei dem, was man ständig als ein von den unwandelbaren »Naturgesetzen« des
Gesellschaftlichen regiertes Wirtschaftssystem hinstellt, scheint es sich meines
Erachtens vielmehr um eine politische Ordnung zu handeln, die nur mittels der
aktiven oder passiven Komplizenschaft der im eigentlichen Sinne politischen
Mächte errichtet werden kann.“ Bourdieu, GF: 101
5 Wider die Immunisierung des Wirtschaftsliberalismus gegen
Kritik
Um wirksam kritisiert zu werden, muss der Wirtschaftsliberalismus heute als
Gesamt gefasst werden. Das geht nur, wenn die Verfechter des
Wirtschaftsliberalismus als Teil des betrachteten Gegenstands, d.h. des
Kapitalismus betrachtet werden.
Ebenso muss aufgezeigt werden, dass journalistische, politische und
wissenschaftliche Akteure als Vertreter derselben Ideologie zu sehen sind. Dazu
müssen Verbindungen zwischen ihnen aufgezeigt werden. Bourdieu schlägt dazu vor,
die Unterzeichner von Experten-Petitionen aufzuzeigen.6 Auch
Wechselwirkungen zwischen ökonomischer Theorie und Praxis (zum Beispiel durch
wirtschaftsliberale Politikberatung des Sachverständigenrats) müssen aufgezeigt
und in diesem Zusammenhang gesehen werden.7 Der
Wirtschaftsliberalismus erscheint im Diskurs in zweifacher Form: als Meinung und
als Wissen. Die Grenzen sind jedoch fließend. So kann ein
Wirtschaftswissenschaftler in einer Talkshow den Wirtschaftsliberalismus als
floskelhafte Meinung vertreten.
6 Hierzu bieten sich aktuell die Initiative Neue
Soziale Marktwirtschaft an, sowie das Institut der Deutschen Wirtschaft und die
Stiftung Marktwirtschaft (Kronberger Kreis).
7 Eine Pionierarbeit bezüglich neoliberaler
Lobbyarbeit leisteten Günter Bachmann und Dirk Kotzur (1997), die den Kronberger
Kreis der Stiftung Marktwirtschaft als wichtiges Bindeglied zwischen
neoliberaler Wirtschaftstheorie und Politik analysieren.
Die Schwierigkeit der wissenschaftlichen Kritik ist, dass der
Wirtschaftsliberalismus schwer zu fassen ist. Kritisiert man die praktischen
Folgen neoliberaler Politik, dann wird auf die Theorie verwiesen, nach der die
Segnungen der Marktwirtschaft nur unter weitgehendem Ausschluss des Staates
erreicht würden, es aber immer noch zu viele Markteingriffe gebe. Kritisiert man
die theoretische Grundannahme rational handelnder Egoisten, die sich auf Adam
Smith´ “unsichtbare Hand“ beruft, so wird man darauf verwiesen, dass in der
Praxis soziales Handeln notwendig ist. Manche Autoren schwanken bisweilen
zwischen verschiedenen sich widersprechenden Annahmen hin und her. Da sie sich
dabei nicht explizit auf eine einzige umfassende Theorie berufen, führt dies im
Diskurs letztlich zu einer Immunisierung gegen Kritik.
Den Kritikern zerrinnt der kritisierte Gegenstand zwischen den Händen, wenn die
wirtschaftsliberalen Autoren nicht als wesentlicher Bestandteil eines
Gesamtzusammenhangs eingeordnet werden in dem sie aktiv oder funktional den
„archaischen Kräften des Marktes“ (GF 8) Vorschub leisten So schreibt Randolf
Rodenstock frei nach Adam Smith: „Aber sozial heißt eben nicht, dass man aus
lauteren und gemeinwohlorientierten Motiven handelt, sondern, dass das Ergebnis
des Handelns – und sei es noch so egoistisch motiviert – der Gesellschaft nutzt.
Dafür, dass dies so kommt, sorgt der Wettbewerb am Markt“ (Rodenstock 2001: 23),
um ein paar Seiten weiter zu formulieren: „Friedrich August von Hayek
(1899-1992), Nobelpreisträger, glühender Verfechter der Freiheit und großer
liberaler Ökonom des vorigen Jahrhunderts, erinnerte an drei Werte, ohne die die
Menschen ihre Chancen nicht wahrnehmen könnten: das private Eigentum, die
Familie und die Rechtschaffenheit aller Beteiligten.“ (Rodenstock 2001: 36). Am
Ende des Buches wird eine Utopie formuliert, wie die Gesellschaft nach der
wirtschaftsliberalen Umgestaltung zur Neuen Sozialen Marktwirtschaft als
„Lebensentwurf der Freiheit“ aussehen soll: „Leitbild ist dabei nicht die
selbstsüchtige Ich-Gesellschaft. Die sich öffnenden Freiheitsräume lassen
vielmehr eine Gesellschaft erkennen, in der Arbeit für alle, die arbeiten
wollen, möglich ist, und in der Arbeit vor allem als Dienst am Mitmenschen
verstanden wird“ (Rodenstock 2001: 190).
Im Selbstverständnis des Wirtschaftsliberalismus ist der Gegenstand der
Wirtschaftstheorie die Beschreibung, Erklärung und Vorhersage der
wahrscheinlichen Wirklichkeit (Starbatty 2000). Die Sätze der Theorie sind
„analytisch und empirisch“. Die wirtschaftliche Wirklichkeit sei allerdings zu
komplex, um sie gedanklich vollständig zu erfassen. Deshalb bedient sich die
Volkswirtschaftslehre der vereinfachten Modellbildung und sogenannter
Ceterisparibus-Modelle (vgl. Starbatty 2000: 27ff). Die von Alfred Marshall
(1842-1924) eingeführte »Ceteris-Paribus-Klausel« bedeutet „unter sonst gleichen
Bedingungen“. Gemeint ist damit die (gedankliche) Konstanz aller Zusammenhänge
und Einflussfaktoren, die in der Realität vorkommen, im Modell aber nicht
explizit berücksichtigt werden, wenn jeweils eine Variable verändert und deren
Wirkung durchgespielt wird. Die Ceteris-Paribus-Klausel dient also der
gedanklichen Ausschaltung von allen Einflüssen, die in einem Modell nicht
erfasst werden Die Verwendung von Ceteris-paribus-Modellen baut letztlich auf
eindimensionalen Ursache-Wirkungs-Ketten auf und widerspricht vernetztem Denken.
Ausführlich beschäftigen sich auch die Ökonomen Horst Hanusch und Thomas Kuhn
(1998: 44ff) mit dem Problem der Ceteris-paribus Modelle: Wissenschaftliche
Theorien können keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Sie gelten nur, sofern
sichergestellt ist, dass die in ihnen enthaltenen Angaben in der Realität
wenigstens annähernd erfüllt sind.
Die Anwendbarkeit einer Theorie setze einen gewissen empirischen Gehalt voraus,
den man überprüfen könne. Wenn eine Theorie dieser Überprüfung nicht standhalte,
gelte sie als falsifiziert (a.a.O.: 44). Bourdieu kritisiert, dass viele
Ökonomen tief überzeugt von Modellen seien, die nie auch nur in Verlegenheit
kamen, sich einer experimentellen Prüfung unterziehen zu müssen (GF 115). Es
kann letztlich keinen empirischen Beweis für die Richtigkeit und Wahrheit einer
Theorie geben. Selbst wenn eine Theorie empirisch schon bestätigt wurde, kann in
der Realität immer ein Fall auftreten, der die Theorie widerlegt. Nach dem
»Popper-Kriterium solle man nicht nach Fakten suchen, die eine Theorie stützen,
sondern diese ganz gezielten Versuchen der Falsifizierung aussetzen. Die
Möglichkeit des Scheiterns einer Theorie sei dabei umso größer, je mehr
Realitätsbezug und Informationsgehalt sie besitzt (a.a.O.: 45):
»Allerdings existieren mittlerweile in der Volkswirtschaftslehre eine Reihe von
Theorien, die gegen solche Falsifizierungsversuche als quasi immun gelten. Sie
beruhen zumeist auf Annahmen, die so realitätsfern und idealisierend formuliert
sind, dass man fast nie eine reale Situation finden wird, auf die sie zutreffen
könnten«
Hanusch/Kuhn 1998: 45
Die Immunisierung der
Theorie gegen Kritik liege in erster Linie in der Anwendung der
Ceteris-paribus-Klausel, so Hanusch/Kuhn (a.a.O.). Wenn man auf die
Ceteris-Paribus-Klausel zurückgreife, ergebe sich einem stets die Möglichkeit zu
argumentieren, dass diese nicht erfüllt war, sobald eine Theorie nicht mit der
Realität übereinstimmt. Also könne dies noch nicht als Beweis für ihre
endgültige Falsifikation gelten (a.a.O.). Da es in der Ökonomie zudem kaum
möglich sei, Theorien unter Laborbedingungen zu testen, die genau den Annahmen
des benutzten Modells entsprächen, müsse die Ceteris-paribus-Klausel
letztlich dazu führen, dass ökonomische Theorien gegenüber Falsifizierungen
immun werden. Die theoretische Legitimierung des neoliberalen Freihandels und
Wettbewerbs als wohstandssteigernd 8 lässt sich nicht unter
Laborbedingungen testen und mit alternativen Modellen vergleichen. Auf die
Ceteris-paribus-Klausel bezieht sich auch Starbatty (2000: 113f). Da
Wenn-dann-Beziehungen nur dadurch als widerlegt gelten können, wenn keine
unerwarteten Größen von außen (exogene Größen) auftreten, müsse man prüfen, ob
im Falle falscher Prognosen unerwartete exogene Größen aufgetreten seien. In
diesem Falle folge aus der Widerlegung der Prognose nicht unmittelbar die
Widerlegung der Theorie (a.a.O.: 114). Auch Milton Friedman bezieht sich
implizit auf die Ceteris-paribus Klausel wenn er sagt, seine Ideen seien nie
konsequent umgesetzt worden (vgl. Heuser 1993: 102). Die wirtschaftsliberalen
Modelle der modernen ökonomischen Theorie können so nicht widerlegt werden, es
sei denn, man kritisiert schon die mangelnde Abbildung der komplexen
Wirklichkeit auf der konstitutiven und methodischen Ebene der Theorie. Zudem
wird der Realitätsgehalt der Theorien bezüglich der Grundannahmen höher, je mehr
sich der Wirtschaftsliberalismus durchsetzt: immer mehr Kollektive werden
zerstört.
8 Zum Beispiel Gilles (2000: 95): »Angelpunkt
vieler Missverständnisse ist das Bild vom Wettbewerb, der inneren Logik der
Globalisierung. Er vergrößert die Märkte aller - und zum Wohle aller.«
Die Umsetzung wirtschaftsliberaler Politik gefährdet solidarisches Handeln. Von
Arbeitnehmern wird bedingungslose Flexibilität gefordert und gleichzeitig der
Zusammenhalt der Familie beschworen. Der wirtschaftsliberalen Ideologie, „die
ein schlicht und einfach konservatives Denken unter dem Deckmantel reiner
Vernunft präsentiert, gilt es vernünftige Gründe, Argumente, Widerlegungen,
Beweise entgegenzusetzen, kurzum: es gilt wissenschaftliche Arbeit zu leisten“
(GF 62).
Brennende Aufgabe bleibt, „im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale
Invasion“, die Widersprüche wirtschaftsliberaler Argumentationen ebenso
allgemeinverständlich darzustellen, wie die angeblichen Segnungen derselben in
Randolf Rodenstocks Buch „Chancen für Alle“.
6 Literatur:
ABÖ: Bourdieu, Pierre
1997: Für einen anderen Begriff von Ökonomie. In: Der Tote packt die
Lebenden. Schriften zu Politik & Kultur 2. Hamburg, S. 79-100.
GF: Bourdieu, Pierre 1998: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des
Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz.
WMT: Bourdieu, Pierre 1997: Warnung vor dem Modell Tietmeyer. (Nachdruck
aus der ZEIT vom 1.11.1996) In: Der Tote packt die Lebenden. Schriften zu
Politik & Kultur 2. Hamburg, S. 171-177.
Bachmann, Günter/Kotzur, Dirk 1997: Der Kronberger Kreis. Think-Tank der
Politikberatung und der Parteien.
In: Schui, Herbert
u.a.1997: Wollt ihr den totalen Markt? Der Neoliberalismus und die extreme
Rechte. S. 239-270.
Friedman, Milton 2000: „Alle Steuern sind zu hoch“. Der amerikanische
Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Milton Friedman, 88, über
Gerhard Schröders Reformen, soziale Gerechtigkeit und den Segen der Anarchie.
In: Der Spiegel 41/2000; S. 128-132.
Giersch, Herbert 1991: Ordnungspolitische Aufgaben in Ost und West. Mit
einem Vorwort von Gert Dahlmanns. Bad Homburg.
Gillies, Peter 2000. marktwirtschaft.de. Bad Homburg.
Hanusch,Horst/Kuhn, Thomas 1998: Einführung in die Volkswirtschaftslehre.
4. überarbeitete Auflage Berlin u.a.
Heuser, Uwe Jean 1993: Geld, Freiheit, Ideologie - Milton Friedman hat
mit seinem Monetarismus die Welt verändert. Die Bilanz des Chicagoer
Wirtschaftsprofessors ist zwiespältig. In: ZEITPUNKTE 3/93. Zeit der Ökonomen -
Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens. Hamburg. S. 100- 102.
Kröll, Tobias 2003: Randolf Rodenstock: Chancen für Alle – Die Neue
Soziale Marktwirtschaft. Rezension. In: Das Argument 252 , Heft 4/5 2003, S.
270ff.
http://www.linksnet.de/rezension.php?id=1446
Rodenstock, Randolf 2001: Chancen für Alle – Die Neue Soziale
Marktwirtschaft. Köln.
Starbatty, Joachim 1999: Begrüßung. In: Hasse, Rolf/Starbatty, Joachim
(Hg.) 1999: Soll und Haben – 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft. Stuttgart. S.
3-5.
Starbatty, Joachim 2000: Einführung in die Volkswirtschaftslehre /
Sommersemester 2000, Vorlesungsskript. Universität Tübingen.
VGWL (Vahlens Großes Wirtschaftslexikon) 1994. 4 Bände, herausgegeben von
Dichtl, Erwin/Issing, Otmar. 2. Überarbeitete und erweiterte Auflage. München.
Walpen, Bernhard 2004: Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft. Eine
hegemonietheoretische Studie zur Mont Pèlerin Society. Hamburg.