Bionik* und auf diesem Gebiet
tätige Personen:

*
Kurzwort aus Biologie und Technik mit dem Ziel, die
belebte Natur auf Grund ihrer im Laufe der Evolution erfolgten "technischen"
Umwelt-Anpassung und Verbesserung der Überlebensstrategien im Hinblick auf technische
Verwertbarkeit zu untersuchen, zumindest als Anregung für technisch Nutzung zu nehmen.
(c) wissenmedia GmbH, 2010 führt aus:
- Die Strukturbionik untersucht den strukturellen
Aufbau,
- die Konstruktionsbionik die Funktionsweise der
unterschiedlichen Organe von Lebewesen.
- Die Baubionik erforscht die Übertragbarkeit
natürlicher Baumaterialien und Baukonstruktionen auf die Architektur. -
- Die Sensorbionik untersucht die Mechanismen zur
Aufnahme, Leitung, Speicherung und Verarbeitung von Information,
- die Neurobionik befasst sich mit der Funktion der
Neuronen und des Nervensystems, um Erfahrungen für die Entwicklung und den Bau
von elektronischen Informationssystemen zu gewinnen.
Weitere Teildisziplinen sind Klima- und Energiebionik,
Bewegungsbionik, Gerätebionik, Anthropobionik, Verfahrensbionik und
Evolutionsbionik.
Beispiele bionischer
Forschung sind u. a. der Lotuseffekt (>hier<),
Nachahmung widerstandsarmer Fisch- und Pinguinrümpfe z. B. in der Luftfahrt,
Flügelklappen nach Vogelvorbild, Überdachungskonstruktionen nach dem Bauprinzip
der Schneckenhäuser, Schwingflossenvortrieb nach Art der Fischflosse,
Bilderkennung nach Art des Insektenauges (Insekten sollen sogar menschliche
Gesichter erkennen können) und technische Laufapparate nach dem
Vorbild laufender Tiere.
>Hier< zu einigen weiteren
Beispielen aus dem Gebiet der Bionik
Aus (bzw. stark angelehnt an)
http://www.3sat.de/page/?source=/delta/107434/index.html :
Prof. Dr. Antonia Kesel,
"Internationaler Studiengang Bionik (ISB)", Hochschule Bremen, BIOKON e.V.
Frau Kesel ist Biologin und Bionikerin und lehrte nach ihrem Studium
der Biologie an der Universität des Saarlandes. 1997 kam sie an die Hochschule
der Künste zu Berlin, an der sie in einem Bionik-Design-Projekt mitwirkte.
Inzwischen leitet sie das Bionik-Innovationszentrum und den Internationalen
Studiengang Bionik (ISB) an der Hochschule Bremen. Zu ihren
Forschungsschwerpunkten gehören die Biomechanik, die sich mit
Materialeigenschaften, Strukturstabilität und Aerodynamik des Insektenflügels
sowie Strukturstabilität pflanzlicher Achsensysteme in Abhängigkeit von der
Materialkonfiguration beschäftigt, im Rahmen der "Bionik".
Frau Kesel ist Vorstandsmitglied im 2009 gegründeten Dachverband
BIOKOLA international, der derzeit als ein Vorhaben zum Netzwerkaufbau vom
deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.
Prof. Kesel referierte auch im Juni 2010 in Bonn
>hier<, wobei sie folgenden Kreislauf aufzeigte:
Problem ─►Abstraktion ─►Suchfeld! Biologie
─►Analyse ─►Prinzip-Verständnis ─►Lösung: Idee ─►technische Umsetzung ─►Prototyp
─►industrielle Produktion ─►Markteinführung ─►Marktakzeptanz ─►zurück zum
Problem
Beispiel: Lotus-Effekt >hier<
Etwa 20 Millionen Spezies sind analysierbar.
Prof.
Dr. Jürg Stöcklin
Botanisches Institut der Universität Basel.
Der Botaniker, Evolutionsbiologe und Populationsökologe Jürg Stöcklin ist
(u.a.) Verfasser der Studie "Moderne Konzepte in der Biologie zum Wesen von Pflanzen
und ihrer Unterscheidung von Tieren". Darin spricht er sich für eine neue Taxonomie
[griechisch: táxis = (An)ordnung, Klassifikationssystematik]
der Lebewesen aus und fordert eine kritische Neudefinition der Intelligenz von Pflanzen und der
sich daraus ergebenden Postulate für ihre Stellung im belebten Raum.
Mehr Informationen >hier< aus seiner .pdf-Datei.
Dr. Andreas Weber
Philosoph und Autor, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Andreas Weber studierte Biologie und Philosophie in Berlin, Freiburg, Hamburg
und Paris. Heute ist er als freier Autor, Journalist und Redakteur tätig, und
schreibt regelmäßig Beiträge für Magazine und Zeitungen, darunter zum Beispiel
GEO. Weber ist der Autor des Buches "Alles fühlt", in dem er Empfindungen und
Werte als Basis aller Lebensprozesse beschreibt und die Anerkennung dieser
Tatsache als Voraussetzung für eine globalökologische Ethik fordert.
Am Mittwoch, 16. Juni 2010, fand im
Kunstmuseum der "Bundesstadt" Bonn eine Veranstaltung der Leibnitz-Gemeinschaft
- Geisteswissenschaften im Dialog (DGIA) - statt über das Thema "Forschen im
Einklang mit der Natur? Chancen und Risiken der Bionik".

Statements und Positionen (Behauptungen, öffentliche Erklärungen und
Stellungen, d.h. Stand der Dinge):
"Artenvielfalt und technische Innovation*"
*
eigentlich nur Erneuerung, Umgestaltung; wird aber heute als Neuerung, Erfindung
und Fortschritt gebraucht. (Wir lieben die Amerikanismen! Laptop = auf Schoß ist
ein tragbarer "Computer"...)
von
Prof. Dr. Wilhelm Barthlott (links im
Bild als Redner),
geboren 1946, seit 2003 Geschäftsführender Direktor des von ihm gegründeten Nees-Instituts für Biodiversität der Pflanzen und gleichzeitig Direktor der
Botanischen Gärten der Universität Bonn und auch Leiter der Forschungsstelle „Biodiversität
im Wandel", einem Vorhaben der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu
Mainz und des Landes Nordrhein-Westfalen. Als erster Botaniker setzte er die
Raster-Elektronenmikroskopie in seinen Forschungen ein und entdeckte 1975 damit
den Selbstreinigungs-Effekt von pflanzlichen Oberflächen, der unter dem
Markennamen „Lotus-Effekt" ab 1998 technisch umgesetzt wurde, eine Bezeichnung
für Wasser und Schmutz abweisende Eigenschaft fein genoppter Oberflächen.
Zeigt sich besonders deutlich an den sich selbstreinigenden Blättern der
Indischen Lotosblume (Nelumbo nucifera), auf deren mikro- und nanostrukturierten
Blättern Schmutzpartikel nicht anhaften und mit Regentropfen abrollen. "Die
Lotusblume ist das Symbol der Reinheit in asiatischen Religionen, weil sich ihre
Blätter vollkommen sauber aus dem Schlamm der Gewässer erheben. Die Blattoberfläche ist nicht glatt, sondern strukturiert und das
in zweifacher Weise. Sie besitzt kleine papillöse (Warze in der Medizin) Erhebungen auf der Oberfläche,
die wiederum mit einer Schicht extrem feiner Wachskristalle überzogen ist. Die
erstaunlichen Eigenschaften der Lotuspflanze sind eine Folge dieser Strukturen
und der wasserabweisenden Chemie der Wachskristalle. Die Entwicklung und
Übertragung des Lotus-Effektes führte bereits zu einer Vielfalt technischer
Produkte, wie etwa Fassadenfarben für Häuser, Dachziegel oder Sprays zur
Beschichtung von Oberflächen."
Barthlott führte aus, dass es fast 15 Jahre
brauchte, um zu einem Angebot auf dem Markt zu kommen. Die Begeisterung über
seine Neuerung war zwar groß; aber dann gab es Widerstände, wie Aussagen: "Wir
arbeiten auch schon lange auf diesem Gebiet. Wenn da etwas funktioniert, dann
wüssten wir das längst..." Die Industrie brauchte unendlich lange, um
sich für Neuerungen zu entschließen, für eine Produktionsumstellung. (Warum
überhaupt etwas Neues?) Dazu kamen immer wieder patentrechtlichen
Auseinandersetzungen.
Weitere Ausführungen
von Prof. Barthlott:
"Artenvielfalt
Leben mit seiner Vielfalt ist die einzige spezifische Qualität des Planeten Erde
und bildet in vielerlei Hinsicht die Grundlage des menschlichen Daseins. In
einer atemberaubenden Fülle von Formen, Farben, Strukturen und Funktionen
besiedeln etwa 20 Millionen Arten von Pflanzen und Tieren unsere Welt. Aber nur
weniger als zehn Prozent der Arten von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen sind
bis heute bekannt. Die tatsächliche Vielfalt können wir für viele
Organismengruppen nur erahnen-, täglich werden neue Arten entdeckt.
Der anthropogene, das heißt vom Menschen verursachte Wandel der Artenvielfalt
spielt allerdings zunehmend eine wichtige Rolle in der Forschung und
öffentlichen Diskussion. Um die Basis für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung
von Biodiversität zu schaffen, bedarf es erheblicher Anstrengungen in der
Grundlagenforschung.
Technische Innovationen
Die Erforschung der Biodiversität eröffnet uns aber auch neue Perspektiven. Die
Artenvielfalt hat sich in Millionen von Jahren an ihren Lebensraum angepasst und
so Lösungen für eine Vielzahl von Problemen geschaffen. Diese Lösungen zu
untersuchen, die Prinzipien zu verstehen und für neue technische Innovationen zu
nutzen stellt die Grundlage der Bionik dar. Das bekannteste Beispiel hier ist
wohl die Lotusblume (siehe oben).
Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft solcher superhydrophoben (Phobie:
Furcht, Angst) Oberflächen ist
die Fähigkeit unter Wasser eine Luftschicht zu halten. Diese Luftschicht kann
bei Umströmung die Reibung erheblich reduzieren. Das Potential der technischen
Umsetzung einer solchen lufthaltenden Oberfläche wird ersichtlich, wenn man
bedenkt, dass in der Schifffahrt bis zu 70% der Antriebsenergie durch Reibung
des Wassers am Schiffsrumpf verloren gehen. Dieser Energieverlust lässt sich
deutlich reduzieren, indem Rumpf und Wasser durch eine Gleitschicht aus Luft
voneinander getrennt werden. Der Großteil der heute produzierten Güter wird mit
Hilfe von Schiffen rund um den Globus transportiert. Da die Vorräte fossiler
Brennstoffe rapide abnehmen und bisher keine wirtschaftlichen Alternativen
existieren, ist das Einsparen von Treibstoff von zentraler Bedeutung. Bei einer
Reibungsreduktion von 10% könnten pro Jahr 20 Millionen Tonnen Treibstoff (l %
des weltweiten Gesamtverbrauchs) eingespart werden. Das entspricht ungefähr der
25-fachen Menge des Öls, das täglich aus den Lecks der ehemalig BP-Ölplattform „Deepwater
Horizon" ausströmt."
Prof. Dr. Arnim von Gleich (oben im Bild
nur sein Profil erkennbar)
ist Professor für das Lehrgebiet Technikgestaltung und Technologieentwicklung an
der Universität Bremen. Forschungsschwerpunkte des studierten Biologen und
promovierten Politologen sind Risikofrüherkennung und Vorsorge mit Fokus auf
Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsaspekten der chemischen, biologischen und
Nanotechnologien sowie Technikgestaltung. Er ist Mitglied der Nanokommission der
Bundesregierung und engagiert sich seit 1983 auf Landes- und Bundesebene als
Wissenschaftler, Berater und Gutachter für eine nachhaltige und
sozialverträgliche Technikgestaltung.
Prof. von Gleichs
Beitrag:
Lernen von der
Natur?
Zu Möglichkeiten und Grenzen einer leitbildorientierten
Technikgestaltung Podiumsdiskussion, 16. Juni 2010, Kunstmuseum Bonn
Thesen
1. Umgang mit Komplexität
Organismen haben in der Regel nur begrenzte Möglichkeiten ihre
„Rahmenbedingungen" zu kontrollieren und konstant zu halten. Die in Wissenschaft
und Technik seit Galileo Galilei (1564 – 1642) und Isaac Newton (1642 – 1727)
übliche „Störfaktorenabstraktion" ist ihnen weitgehend verwehrt."Fitness" ist so
gesehen eine Mischung aus Anpassung und Gestaltung, mit Schwerpunkt auf dem
ersteren. Die Orientierung am „Vorbild Natur" bei der Suche nach technischen
Lösungen bietet vor diesem Hintergrund an mehreren Punkten Vorteile:
1. Dort, wo wir Schwierigkeiten haben mit der „praktisch-technischen
Realisierung der Störfaktorenabstraktion" im Sinne einer Aufrechterhaltung
stabiler und hochgereinigter Randbedingungen. Letztendlich lassen sich
Störfaktoren als Quelle von Neben- und Folgewirkungen nicht völlig ausschließen.
2. Dort, wo die wissenschaftliche Komplexitätsreduktion mit unserem
experimentellen und mathematischen Instrumentarium weder theoretisch noch
praktisch angemessen durchführbar ist. So sind in der Aero- und Hydrodynamik
derzeit immer noch Versuche im Windkanal die entscheidende Instanz vor der
technischen Umsetzung.
3. Dort, wo der „evolutionäre Optimierungsprozess" zu einer Lösung geführt hat,
auf die wir selbst nicht gekommen wären.
4. Dort, wo die stoffliche Evolution koevolutiv neben Synthesewegen immer auch
Abbauwege entwickelt hat. Überraschungen wie bei Persistant Organic Pollutants
(POPS) und FCKWs sind dann wenig wahrscheinlich.
2. Entwicklungsrichtung und -stand der Bionik
Der Schwerpunkt der bisherigen bionischen Entwicklungen lag - neben
Optimierungsalgorithmen - auf „Form-Funktions-Zusammenhängen" sowie auf
Biokybernetik, Sensorik und Robotik. Ein Problem lag darin, dass sowohl die „bionischen
Formen" als auch die Sensor- und Regelungstechnik nicht durch besonders „bionische"
Werkstoffe realisiert wurden, wie die Beispiele von Flugzeugflügeln oder
Lotusoberflächen zeigen. Zwar wurde im Flugzeug der Auftrieb „bionisch" gelöst,
leider aber nicht der Vortrieb. Erst mit den Bottom-up Nanotechnologien eröffnen
sich technische Möglichkeiten, hierarchisch strukturierte anisotrope Werkstoffe
wie Knochen, Perlmutt oder Spinnenseide, wachsen zu lassen.
3. Neue Möglichkeiten –
Neue Risiken
Die Möglichkeiten eines Zusammenwirkens mit Selbstorganisationsprinzipien in der
Natur auf molekularer Ebene, wie SAMS, Mizellen oder Templat gesteuerte
Kristallisation, eröffnen hochinteressante Perspektiven einer Gestaltung
komplexer technischer Systeme. Auf dieser Ebene werden aber auch Ziele einer
Top-down-Totalisierung der Naturbeherrschung verfolgt, z. B. von bestimmten ganz
und gar dem mechanistischen Weltbild verpflichteten Entwicklungslinien der
„Synthetischen Biologie". Mit der Eingriffstiefe in die natürlichen Systeme, mit
dem technischen Ansetzen an zentralen Steuerungsstrukturen in Organismen
(Gehirn, Hormone, Gene), mit dem Umschlag von der Selbstorganisation zur
Selbstreplikation wachsen allerdings auch die technischen Risiken.
4. Übergang zur leitbildorientierten Technikgestaltung
Innovationsprozesse sind in den vergangenen Jahrzehnten offener und öffentlicher
geworden, wie u. a. am Beispiel der Nanokommission der Bundesregierung deutlich
wird. Die Berücksichtigung der Anliegen von Umwelt, Gesundheit und Sicherheit
schon im Forschungs- und Entwicklungsprozess - und nicht erst bei der
Markteinführung - findet breitere Unterstützung. Die Orientierung am Vorbild
Natur könnte als Leitbild im Forschungs- und Entwicklungsprozess den Stellenwert
und die Realisierungschancen dieser Anliegen weiter verbessern. Sie kann aber
selbstverständlich die Erreichung des Ziels einer nachhaltigeren Technik nicht
garantieren.
BMBF geförderte Bionik-Aktivitäten:
1. Sieger im BMBF-Ideenwettbewerb „Bionik – Innovationen aus der Natur" ist das
Projekt „Perlmutt - Vorbild für nachhaltig zukunftsfähige Werkstoffe" zusammen
mit PD Dr. Monika Fritz (Biophysik), DrAng. Meinhard Kuntz und Prof. Dr.-Ing.
Georg Grathwohl (Keramische Werkstoffe und Bauteile), Dr. Klaus Zinsmeister von
der Firma Remmers, Baustofftechnik GmbH, Löningen.
http://www.biokon.net/news/auszeichnunqBionikwettbewerb.htmi
2. Anschließende zweijährige Fortsetzung dieses Forschungsprojekts
http://www.tecdesi,qn.uni-bremen.de/FG1O/dokumente/PerlmuttBericht.doc
3. Projekt „Potenziale und Trends in der Bionik" im Rahmen des Förderprogramms
zur l,Innovations- und Technikanalyse"
Endbericht: Gleich, A. von, Pade, C., Petschow, U., Pissarskoi, E. (2010):
Potentials and Trends in Biomimetics, Springer Heidelberg, New York.
http://www.springer.com/engineering/biomedical+eng/book/978-3-642-05245-3
Prof. Dr. Dr. Mathias Gutmann
(oben im Bild rechts)
hat seit 2008 eine Professur für Technikphilosophie am Karlsruher Institut für
Technologie (KIT) inne. Er promovierte in Philosophie sowie in Biologie und
habilitierte sich 2004 an der Philipps-Universität Marburg. Seine
Forschungsschwerpunkte sind Technikphilosophie, Anthropologie und
Wissenschaftstheorie. Er leitet ein philosophisches Teilprojekt des vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes „Die
forschungsleitende Funktion informationswissenschaftlicher Metaphern".
Ralf Krauter
(oben im Bild dritter von rechts neben Frau Prof. Kesel)
arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist und Hörfunkmoderator überwiegend für
den Deutschlandfunk, bei dem er u.a. fast drei Jahre als Redakteur und Moderator
die tägliche Wissenschaftssendung "Forschung Aktuell" betreute. Der studierte
Physiker liefert außerdem Beiträge für den Westdeutschen Rundfunk, den
Südwestrundfunk und schreibt für überregionale Printmedien wie DIE ZEIT und
Technology Review.
(Weitere) Beispiele für "technische" Vorbilder aus unserer Natur:
Extremophile
sind
Mikroben, also kleinste Lebewesen wie Bakterien, die extreme Lebensbedingungen
nicht nur aushalten, sondern sich darin wohl fühlen, also gedeihen und sich
vermehren. Dr. rer.nat. Garabed Antranikian (1951 in Jordanien als Sohn einer
armenischstämmigen Familie geboren) ist Leiter des Instituts für für Technische
Mikrobiologie der Technischen Universität von Hamburg-Harburg. Er hat
herausgefunden, dass Thermophile, z.B. Kälte mögende Algen im Polarmeer sich
gegen den Frost schützen, indem sie Zucker statt Streusalz (wie wir Menschen)
einlagern zum Schmelzen des Wassers, um die Bildung von Eiskristallen zu
verhindern; denn die Eiskristalle haben messerscharfe spitze Zacken und Kanten,
welche die Zellbestandteile beschädigen. Andere Tricks von "Thermophilen" sind
herausgefunden worden, wobei kleine Eiweißmoleküle als Frostschutzmittel auf der
Zelloberfläche wirken, indem das Wachstum von gefährlich werdenden scharfen
Eiskristalle verhindert wird. In Kühltruhen der USA wird die Schutzmethode der Thermophilen inzwischen
angewendet, um eingelagertes Eiscreme vor der Bildung von
Eiskristallen zu schützen. Das Eis bleibt auch nach langer Lagerzeit cremig wie
frisch gekühltes.

Einzellige Schleimpilze
(griechisch: Myxomyceten),
jedoch mit mehreren Zellkernen und einer Größe von bis zu mehreren
Quadratmetern, sind Lebewesen, die weder pflanzlich festgewachsen also keineswegs
Pilze sind, sondern sich fortbewegen können (maximal mit 1 Zentimeter je
Stunde). Sie haben keine hochentwickelten Sinnesorgane wie die meisten Tiere - Augen, Nasen, Mund
- und auch kein Zentralgehirn. Dennoch können sie komplexe Aufgaben lösen. Der
japanische Biophysiker, Atsushi Tero, legte mit seinem Team Haferflocken
(begehrte Nahrung der Pilze) so aus, dass sie maßstabsähnlich der Lage von
Bahnhöfen um Tokio herum angeordnet waren. Langer Rede kurzer Sinn: Der gesamte
"Großraum" war in wenigen Stunden überwuchert und dicke Adern hatten sich
herausgebildet zum Erschließen der Futterquellen. Nach einem Tag war ein
Netzwerk entstanden, das den in mühevoller menschlicher Arbeit entstandenen
Gleisanordnungen entsprach. Ja, der "Schleim" zeigte sich sogar als besserer
Verkehrplaner in vieler Hinsicht, z.B.:
- Optimierung der Wege
der Adern mit Bezug auf optimale Streckenlänge, unter Berücksichtigung aller
Hindernisse,
- Ausweichen im Falle
einer Störung auf eine andere Ader mit dem besten Zugang als Auswahlmöglichkeit
unter vielen.
Der
Algorithmus ("Verarbeitungsvorschrift") könnte nachvollzogen werden und den
Wissenschaftlern zu ermöglichen, mathematische Formeln aufzustellen zur Lösung
ähnlicher Probleme bei: Wasser- und Stromleitungen, für Computervernetzung,
Telefonkabelverlegung usw. Völlig ungeklärt ist jedoch, wie es dem Schleimpilz
gelingt, ohne zentrales Gehirn, ohne Gesamterfassungsmöglichkeit eines
Lageplanes der Futterplätze und von absichtlich und künstlich angeordneten
Hindernissen schneller als ein menschliches Gehirn die Aufgabe zu lösen.
Wichtig in der
Wissenschaft: Die Versuche der Japaner sind reproduzierbar, also wiederhol- und
nachvollziehbar mit gleichen Ergebnissen, wie der Leiter der Abteilung Biophysik
an der Otto-von-Guericke-Universität zu Magdeburg, Professor Marcus Hauser,
beweisen konnte und begeistert berichtet: "Erstaunlich, mit wie wenig Energie
diese Vernetzung erfolgt - sie ist damit im übertragenen Sinne sehr
wirtschaftlich..."
Zum vorher gesagten muss
ergänzt werden, dass Schleimpilze zwar in einer Zelle mehrere Zellkerne haben,
die verträglich miteinander auskommen im Gegensatz zu menschlichen Zellkernen,
die dann vielleicht, um sich besonders hervortun wollen, einige entarten und uns
das Krebsleiden antun. Vielleicht können Wissenschaftler
herausfinden, ob man auch da von den Schleimern lernen kann. Außerdem ist
bekannt, dass sie antibiotische* Abwehrstoffe gegen Bakterien entwickeln.
* Die
Antibiose wirkt sich hemmend und schädigend auf Stoffwechselprodukte
verschiedener Mikroorganismen (Bakterien, Pilzen, Flechten) aus.
Der Naturfilmer und -fotograf (auch Autor und
Produzent), 1938 in Gomaringen
(Baden-Württemberg) zur Welt gekommene
Karlheinz
Baumann, beschäftigt sich seit über 30 Jahren
mit den Schleimpilzen, die in den Nebelwäldern Kanadas,
in den Kaiserlichen Gärten Tokios und auch im Wald
vor seinem Hause gefunden werden können.
„Tierpflanze oder Pflanzentier“, einer seiner
ersten Filme, drehte sich um Schleimpilze. Und
er kann mit etwa 4-Tausend Schleimpilzen auf eine der
umfangreichsten Sammlungen überhaupt verweisen.
Weitere Themen der Filme von Baumann sind
Orchideen, wirkliche Pilze, (außer den Myxomyceten, den Schleimpilzen), Insekten und
die Ökologie von Tieren und Pflanzen der
Schwäbischen Alb. "Baumanns Kamera führt in eine ebenso fremde wie
abenteuerliche Welt, die unseren Sinnen
weitgehend verborgen ist: Da schrumpfen Tage auf
Sekunden zusammen und Winzlinge aus dem
Mikrokosmos wachsen zu bedrohlichen Riesen," war
irgendwo zu lesen.
Noch eine Bemerkung zu den Schleimpilzen: Für
viele Mitmenschen ist es schwierig, sich der Faszination dieser
sehr fremdartigen Lebewesen zu entziehen - nicht nur für
wissenschaftlich Tätige. Es wird berichtet, dass Schleimpilze eine
"Fan-Gemeinde" rund um die Erde besitzen, wobei
sich einige aus dieser Gemeinde Hunderte in der Wohnung
halten - "in Dosen
und Schächtelchen verpackt". Dort ruhen sie wie
“Aliens” im “Dauerschlaf”, könnten aber jederzeit
erwachen und wieder ins Leben treten
- in ein Leben, als wären sie nicht von dieser
Welt.
Verwiesen werden sollte auf das
dreibändige Kompendium - Die Myxomyceten
-,
das Karlheinz Baumann zusammen mit
Hermann Neubert und Wolfgang Nowotny im
Eigenverlag herausgegeben hat. Dieses
Kompendium gilt als Standardwerk.
Ausführlicheres bei
http://de.wikipedia.org/wiki/Schleimpilze
und in einem sehr guten Artikel von P.M. 07/2010 (zu suchen
unter
www.pm-magazin.de - Titel: "Schleimpilze - So sieht
ein Genie aus")
Erwähnt werden sollte noch
(doch keineswegs zuletzt) der fast von jedem von uns benutzte Klettverschluss:

Kinder bewerfen sich
gerne gegenseitig mit den obigen Früchten, die dann an der Kleidung hängen
bleiben. Kletten (Arctium, Gattung der Korbblütler) gibt es jedoch kaum noch, da
sie als "Unkraut" gelten und in keinem "gepflegten" Garten geduldet werden.
Kommentar: Man forscht und forscht, und es dauert unendlich lange, bis
ein natürliches Entwicklungswunder unserer menschlichen Nutzung und
Lebenserleichterung zur Verfügung steht. Bisher habe ich noch kein Produkt
gefunden, welches zum Abkratzen einer Ablagerung meinen Fingernagel
(vorzugsweise Daumennagel) ersetzt. Dieser Nagel, bei jedem meiner Mitmenschen
vorhanden und in gleicher Weise genutzt, zusammen mit einer mit Speichel
überzogener Fingerkuppe ist bisher industriell nicht nachgebaut, d.h. realisiert
worden. Da gibt es die Oberflächenversiegelung von Kacheln und Fußböden porös
machenden Chemikalien und die Kratzspuren hinterlassende Drahtwolle für Töpfe
und Herdplatten. Warum auch nicht erst mal in die Ferne schweifen, wenn das Gute
stets zur Hand?
Walter Rath, Juni 2010