Hirnforschung

>Hier< zu "Glaube eine Naturgabe".
>Hier< Ist die Welt real – oder lediglich ein Konstrukt unseres Gehirns?
Wer ist eigentlich "Ich"?

>hier< zur "Vermessung des Glaubens" (moderne Bewusstseinsforschung)

Von besonderem Interesse ist der Bereich in der linken Gehirnhälfte am hinteren Ende vom Sulcus temporalis superior, dem "Gyrus angularis" (Gyrus griechisch-latein = Kreis, Windung; angularis = bogenförmig), im Bild rot markiert. (Sulcus temporalis superior = Furche, Rinne, schläfenseitig oben). 

Die Epilepsie, "Anfall" in griechisch, bedeutet "Fallsucht"; denn der an dieser Fallsucht leidende, der Epileptiker fällt plötzlich hin. Krampfzustände schütteln den ganzen Körper... Der Grund liegt in Funktionsstörungen im Gehirn.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (Schreibeweisen sind wegen der russischen Schriftzeichen oft unterschiedlich), der 1881 70jährig in Sankt Petersburg gestoben ist, litt unter dieser Krankheit. Während eines Anfalls, spürte er sich ganz und gar wie im Himmel und fühlte sich von Gott vollständig durchdrungen. In seinem Werk, "Der Idiot", werden solche Erfahrungen wiedergegeben. Es wird berichtet, dass viele Epileptiker ähnliche Erfahrungen schildern, insbesondere Heilige. Es wird behauptet, dass der Saulus während eines epileptischen Anfalls zum Apostel Paulus geworden ist. Keine Berichte konnten gefunden werden, darüber, was nicht religiöse Menschen, Leute z.B. buddhistisch ausgerichtet sind, "erleben".

Übrigens habe ich nicht herausfinden können, wie die Weltanschauung des Dostojewski, der wegen seiner Verbindungen zum sozialistischen Petraschewski*-Kreis (den Petraschewzen) mit seinen Erfahrungen als Epileptiker vereinbar waren.

* Michail Wassiljewitsch Butaschewitsch-Petraschewski wurde mit seinen Artikeln bekannt mit den demokratischen und materialistischen Ideen, sowie den Prinzipien eines "utopischen Sozialismus". Er forderte die Demokratisierung Russlands und die Befreiung der Bauern von der Fronarbeit.

 

Wegen der Beziehung zu den Petraschewzen wurde Dostojewski zum Tode verurteilt, zu 4 Jahren nach Sibirien ins Exil begnadigt, um dann jedoch nach seiner Rückkehr als nunmehr überzeugter Christ zum radikalen Gegner des atheistischen Sozialismus zu werden. (Ein Mensch ist vielseitig und wandelbar!)


Artikel aus der Seniorenzeitschrift "Durchblick" 2/2007:

www.durchblick-siegen.de

Gott in der Falle der Hirnforscher?'
Gedanken über die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung
Wie entsteht Glaube in unserem Gehirn?

von Eberhard Freundt

 

Die Fragen nach Glaube und Religion werden von uns Menschen direkt hinter der Stirn gestellt

Dort im Stirnhirn (Präfrontale Cortex) be-

finden sich die sogenannten Neuronen

der Moral. Ist das der Grund, warum wir

in den fünf großen Weltreligionen sym-

bolische Zeichen auf der Stirn finden?

 

Sie erinnern sich? Im letzten "durchblick" (1/2007) bin ich in meinem Beitrag der beachtenswerten Frage nachgegangen, sind das ICH und der freie Wille des Menschen, wie von Naturwissenschaftlern aufgrund der Erkenntnisse der modernen Hirnforschung behauptet wird, nur eine Illusion?

Heute nun möchte ich mich, wie angekündigt, der noch offenen und nicht weniger bedenkenswerten zweiten Frage zuwenden, die ebenfalls durch die Hirnforschung neu aufgeworfen wird: Ist Gott nur ein Hirngespinst in den Köpfen der Menschen? Bevor ich diesem Gedanken jedoch etwas nachgehe, erscheint es mir sinnvoll zu sein, zunächst einmal die Frage selbst ein wenig zu betrachten, denn mit ihr schwingt eine zusätzliche spannende Frage mit: Warum eigentlich ist der Mensch religiös? Bietet religiöser Glaube der Spezies Mensch Lebensvorteile und wenn ja, welche sind das? Immerhin bezeichnen sich über 90 % aller Menschen auf unserer Erde, und das sind in der Minute, in der ich diese Zeilen schreibe und einen Blick auf die Weltbevölkerungsuhr im Internet werfe, insgesamt stattliche 6.607.284.700 menschliche Wesen, die in irgendeiner Form religiös sind. Dafür muss es Gründe geben. Aber was sind die Ursachen und wo liegen die Wurzeln für die Religiosität des Menschen? Tiere kennen (und brauchen) keine Religion. Gibt es im Menschen eine biologische Veranlagung für Religion? So etwas wie ein „Gottes-Gen", wie der amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer in seinem gleichnamigen Buch vermutet, oder ein „Gottes-Modul" im Gehirn, ein Begriff, den der amerikanische Neuropsychologe Vilaynur Ramachandran* geprägt hat?
* Vilayamur S. Ramachandran, geboren in Indien, ist seit 1983 Professor an der "University of California", San Diego. (Er ist bekennender Christ.)

 

Christenschlagen das Kreuz auf die Stirn, wie hier das Aschenkreuz
als Zeichen der Buße und Vergänglichkeit am Aschermittwoch.


Warum ist der Mensch religiös?
(ein völlig unprofessioneller Erklärungsversuch)


Der Mensch ist ein „Mängelwesen", ein Begriff, den der Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen (1904-1976) im organischen Vergleich mit den Tieren geprägt hat. Sein Überleben verdankt er nicht seiner biologischen Organ- und Instinktausstattung, da sind ihm die Tiere in vielen Belangen haushoch überlegen, sondern in erster Linie seinen geistigen Fähigkeiten. Zu ihnen zählen neben der Sprachfähigkeit u. a. die Befähigung, abstrakt und in Begriffen denken zu können, eine Leistung, die es ihm ermöglicht, sich an veränderte Lebensbedingungen anzupassen. Darüber hinaus ist er in der Lage, Selbstbewusstsein zu entwickeln und mit ihm das Potenzial zur Selbstreflexion. Zu diesem geistigen Vermögen, das sich im Evolutionsprozess über Jahrtausende hinweg entwickelt hat, sind, nach heutigem Wissen, nur der Mensch und in schwächerer Form höher entwickelte Primaten fähig. Aber genau diese besondere „Begabung" zur Selbstreflexion, im Zusammenspiel mit seinem „Talent", abstrakte Gedanken zu entfalten, könnte der Auslöser für die Entwicklung religiöser Gedanken gewesen sein. Warum? Weil diese „Sonderausstattung" im Menschen „geistige Nebenwirkungen" hervorriefen.

Durch diese neue Fähigkeit, sich selbst und seine Existenz zum Gegenstand seiner Gedanken machen zu können, sah und erfuhr sich der Mensch plötzlich als ein unvollkommenes und in seiner Existenz bedrohtes, endliches Wesen. Dieses Selbstbildnis seiner körperlichen Bedürftigkeit und geistigen Verlorenheit löste in ihm tiefe Unruhe und existenzielle Ängste aus und ließ ihn nach dem „Warum" seiner persönlichen Existenz fragen. Eine sehr treffende, symbolische Aussage über diese erkannte eigene Zerbrechlichkeit finden wir im Alten Testament in Gen. 3, 7 wo es heißt: „... da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren ...". Unabhängig von jeglicher theologischer Interpretation dieses Textes, diese gespürte, psychologische Nacktheit, diese bewusst gewordene archaische Todesangst war es, die den Menschen Ausschau halten ließ nach einer Lösung, das Bewusstsein seiner vergänglichen Existenz überhaupt ertragen zu können. Er suchte nach einer wärmenden Kraftquelle für seine erkrankte, nackte Seele, um durch sie gespeist, seinem mühseligen Dasein einen tieferen Sinn und dauerhaft festen Halt zu geben. Und er fand sie, diese Kraftquelle, mithilfe seiner geistigen Fähigkeiten, insbesondere aber durch die Möglichkeit, sich selbst zu transzendieren, d. h die Grenze seiner sinnlichen Erfahrung überschreitende Gedanken entwickeln zu können. Mit dieser geistigen Ausstattung  versehen, schuf sich der Mensch eine übersinnliche, jenseitige Welt, eine Welt, die frei ist von erdgebundenen Abhängigkeiten und endlicher Begrenztheit. Diese Hoffnung und das Vertrauen auf eine ausgleichende, überirdische Kraft (Gott) und eine heile Scheinwelt (Himmel) ohne Leid, Schmerz und Vergänglichkeit, waren ein wirksames, psychologisches Gegenmittel gegen die Folgen einer tiefsitzenden Urangst gegenüber übermächtigen Naturgewalten. Sie stärkten sein persönliches Selbstwertgefühl und, was besonders wichtig war, sie stabilisierten seine narzisstische Homöostase (sein psychisches Gleichgewicht) und sicherten ihm so seine Lebensfähigkeit, denn, wie uns die Psychologie lehrt, kann eine Destabilisierung der narzisstischen Homöostase lebensbedrohende Folgen für den Menschen haben. So gesehen, also psychologisch betrachtet, war die „Gottesidee" für das Überleben des Menschen, als ein sich erkennendes Individuum, eine unabdingbare Notwendigkeit. Oder naturwissenschaftlich gefragt: Wären Glaube und Religion, wie auch immer geartet, nicht schon längst ausgestorben und in den Köpfen der Menschen wieder verschwunden, hätte die Spezies Mensch als „Homo religiosus" nicht einen wirksamen, evolutionären Lebensvorteil davon? Und das bis heute?

Diesem Gedanken zu folgen, würde aber bedeuten: Gott ist nur ein vom Menschen selbst „gedachter Gott". Sozusagen sein selbst erzeugtes, geistiges Placebo, das ihm hilft, seine ihm bewusst gewordene hinfällige Existenz überhaupt ertragen zu können. Schon von Aristoteles ist zu hören: „Die Vorstellung der Menschen von Göttern entspringt einer doppelten Quelle: den Erlebnissen der Seele und der Anschauung der Gestirne." Demnach wäre die Frage zu stellen: Ist die über Jahrtausende hinweg entstandene Vielfalt schon vergangener und noch existierender Stammes und Weltreligionen, in den unterschiedlichsten Kulturen rund um den Globus, in Wirklichkeit nichts anderes, als eine inhaltlich flexible, der geistigen Entwicklung angepasste, psychologisch aber notwendige Überlebensstrategie der Evolution, um menschliches Leben wie das unsrige auf diesem Planeten überhaupt zu ermöglichen? Das wiederum hätte zur Folge, dass die biblische Aussage im Alten Testament„... und Gott erschuf den Menschen nach seinem Bild, ... Gen.l, 27) gewissermaßen auf den Kopf gestellt wird, denn es würde bedeuten, nicht Gott erschuf den Menschen und mit ihm Himmel und Erde, sondern der Mensch erschuf sich Gott und den Himmel, um mit dein Bild seiner Selbstreflexion, das ihm seine existenzielle Verworfenheit und Bedeutungslosigkeit im kosmischen Spiel von Raum und Zeit vor Augen führt, überhaupt leben zu können. Wie auch immer es in der Entwicklungsgeschichte des Menschen gewesen sein mag, beim Anblick dieser von Naturkatastrophen bedrohten Welt, in all ihrer Zerrissenheit, mit ihren Missständen, Ungerechtigkeiten, Kriegsgebieten und Flüchtlingselend, mit ihrem millionenfachen menschlichen und tierischen Leid, scheint mir eines sicher zu sein: „Es muss einen Himmel geben, damit die Erde keine Hölle wird". Aber sehen wir weiter.


Die Frage nach Gott, ein zeitloses Streitthema


Die Frage nach der Existenz Gottes ist sicherlich so alt wie die Menschheit selbst. Wenn man versucht ihr nachzugehen und etwas genauer fragt, wann eigentlich ist Religion in die Köpfe der Menschen gekommen und mit welcher Begründung, verlieren sich sehr schnell die Spuren im Nebel der über Jahrmillionen dauernden evolutiven Entwicklungsgeschichte. Mehr als Hypothesen und Vermutungen vonseiten der Paläonthropologie sind nicht zu haben. Die Rückschlüsse auf Religiosität unserer Vorfahren sind sehr dürftig und ihre Begründungen basieren, abgesehen von Ausgrabungen alter Kultstätten und Höhlenmalereien, überwiegend auf Funde an und in Begräbnisstätten. Die gefundenen Grabbeigaben lassen vermuten, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod, also religiöses Gedankengut, schon sehr früh in den Köpfen der Menschen verankert gewesen sein muss. Erste Spuren von Religiosität finden sich bereits vor rund 300.000 Jahren, also schon zu Zeiten des Homo erectus. Relativ gesicherte Hinweise auf Religiosität allerdings liefern erst Gräberfunde aus der Zeit von vor ca. 120.000 Jahren, auch in Gebieten des Neandertalers, der vor ca. 30.000 Jahren ausgestorben ist. Aber, wie das nun mal so ist bei uns Menschen, nicht alle unsere Vorfahren waren wohl religiös. Es gibt Experten, die nicht ausschließen wollen, dass diejenigen Gruppenverbände, die durch eine, in welcher Form auch immer gearteten archaischen Religion fest miteinander verbunden waren, gegenüber „unreligiösen" loseren Gruppen einen Lebensvorteil hatten. Dies wissenschaftlich zu begründen, ist sicherlich heute nicht mehr möglich. Sei's drum. Eines ist jedoch sicher, seit „Menschengedenken" gab und gibt es unter uns „Gläubige" und „Ungläubige", Menschen mit einer religiösen Lebenseinstellung und Menschen, die, um hier einen Ausspruch von Max Weber zu gebrauchen, „religiös unmusikalisch" sind. Mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert und ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen hat die Zahl der Unreligiösen in den westlichen Industriegesellschaften allerdings erheblich zugenommen. Unabhängig aber ob religiös oder nicht religiös, in beiden Fällen war und bleibt es wohl immer eine Glaubenssache, denn auch der Ungläubige „glaubt" nur, dass es Gott nicht gibt, denn einen gültigen Beweis seiner Nichtexistenz kann er nicht erbringen. Schon von Kant ist zu hören: „Wo will der angebliche Freigeist seine Beweise hernehmen, dass es kein höchstes Wesen gibt?"

Von dieser Aussage Kants aber unbeeinflusst, hat die Evolutionsforschung und mit ihr das Wissen über die biologische Entwicklung und Ausstattung des Menschen und hier speziell die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, der Gottesfrage wieder neue Nahrung zugeführt und sie erneut in den Fokus der Öffentlichkeit rücken lassen. Die Gründe hierfür liegen nicht in den eigentlichen Erkenntnissen selbst, sondern in den Schlussfolgerungen, die aus ihnen gezogen werden und die bei manchen Naturwissenschaftlern schon dogmatische Züge aufweisen. Nach Meinung der meisten Hirnforscher haben alle geistigen Leistungen und mentalen Fähigkeiten des Menschen, auch wenn sie in ihrer Komplexität bis heute noch nicht vollständig erkannt sind, ihren Ursprung ausschließlich in neurophysiologischen Prozessen des Gehirns. Sowohl der menschliche Geist als auch das Seelenleben des Menschen sind für sie immer an Eigenschaften materieller Substanzen gebunden und werden durch diese maßgeblich bestimmt. Nicht der Geist formt die Materie, sondern die Materie formt den Geist, lautet das Credo vieler Naturwissenschaftler. Für sie ist unser ganzer Organismus, insbesondere aber unser Gehirn, nichts anderes als eine Überlebensmaschine für die stärksten Gene und ausschließlich auf dieses Ziel hin ausgerichtet. Alle Phänomene des Geistes, wie das ICH, der freie Wille, ethische Vorstellungen, der Glaube an die Existenz eines höheres Wesens sowie jegliche Form von Religion, sind nichts anderes als Konstrukte des menschlichen Gehirns und eine von den Genen gesteuerte Anpassungsstrategie. Somit ist auch Gott nur ein Hirngespinst und sitzt in der Falle der Hirnforscher. Aber, so ist hier zu fragen, liefert uns die moderne Hirnforschung hierfür schlüssige Beweise und wenn ja, welche sind das? Gehen wir dieser Frage einmal etwas nach.


Auf der Suche nach Gott im Gehirn


Hirnforscher wären keine Wissenschaftler, wenn sie nicht versuchen würden, die Ursachen, nach denen sie suchen, aufzuspüren und ihnen auf den Grund zu gehen. So auch bei der Suche nach eventuellen Beweisen für die Existenz bzw. die Nichtexistenz Gottes im Gehirn.


Was aber liegt bei dieser Suche näher, als zu erforschen: Was passiert eigentlich im Gehirn von Menschen, die beten oder meditieren? Hat ein mystisches Erlebnis (eine Gotteserfahrung'?!) Auswirkungen auf das menschliche Gehirn und wenn ja welche? Gibt es so etwas wie eine „religiöse Begabung", so wie es eine musikalische gibt? Sind Glaube und Religion genetisch bedingt und auch vererbbar? Diesen und anderen Fragen nach einer wechselseitigen Beeinflussung und Abhängigkeit von einerseits biologischen Eigenschaften und andererseits religiösen Empfindungen sind in den letzten Jahren überwiegend nordamerikanische Wissenschaftler in unterschiedlichen Studien und Experimenten nachgegangen. Aus dieser Aufgabenstellung heraus hat sich eine, für einige Wissenschaftler und Theologen etwas fragliche, neue „Neuro-Disziplin" entwickelt, die „Neurotheologie". Der Begriff wurde 1984 von dem amerikanischen Theologen James B. Ahsbrook geprägt. Ziel und Aufgabe dieser relativ jungen wissenschaftlichen Fachrichtung ist es, Zusammenhänge zwischen neurophysiologischen Vorgängen und religiösen Phänomenen zu erkennen und zu beschreiben. Sie bildet so etwas wie eine interdisziplinäre Brücke für den Dialog zwischen der naturwissenschaftlich ausgerichteten Neurologie und der geisteswissenschaftlich orientierten Theologie. Sie zu überschreiten, fällt allerdings vielen Experten auf beiden Seiten oft schwer.
 

Im Judentum ist das Anlegen der Gebetskapsel (Tefillin) ein
Symbol dafür, dass der Mensch sich mit seinem Denken, Fühlen und
Wollen in den Dienst Gottes stellt.


(Bildquelle: www.version.foto.de)
 

Nun, auf diesem neu entstandenen _ „neurotheologischen" Forschungsgebiet hat es in den letzten Jahren einige wissenschaftliche Untersuchungen gegeben, deren Publikationen (nicht unbedingt Ergebnisse) für einiges Aufsehen und interdisziplinären Diskussionsstoff gesorgt haben. Nachstehend die wohl interessantesten Erkenntnisse mit ihren für mich wichtigsten Aussagen in Kurzfassung. Da ist zunächst der bereits eingangs erwähnte Neuropsychologe Vilaynur Ramachandran von der University of California in San Diego, der mit Untersuchungen zur sogenannten Schläfenlappen-Persönlichkeit bekannt wurde und in deren Zentrum die schon seit langem bekannte Korrelation (Wechselwirkung) spezifischer Formen der Epilepsie (Temporallappen-Epilepsie) mit extremen Erscheinungen von Religiosität stehen.

Die eindeutige Lokalisierbarkeit der von der Schläfenlappen-Epilepsie betroffenen Hirnregionen hat Ramachandran zu der populistischen Mutmaßung veranlasst, dort (= hinter dem linken Ohr) den Sitz des „Gottes-Moduls" im menschlichen Gehirn gefunden zu haben. Sind epileptische Anfälle (fokale Epilepsie) auf diese relative kleine Hirnregion begrenzt, gehen diese oft, wenn auch nicht in allen Fällen, mit Erlebnissen göttlicher Gegenwart einher, dem Gefühl „in Flammen zu stehen" und sich in einem unmittelbaren Kontakt mit Gott zu befinden. Diese Gefühle reichen von der tiefsten Verzweiflung bis zur höchsten Ekstase. Dieser Zusammenhang zwischen Epilepsie und Religion ist nicht neu. Eine Reihe berühmter Persönlichkeiten, die mystische Visionen erlebt (erlitten?) haben, waren Epileptiker. Bei aller medizinischen Zurückhaltung scheint sicher zu sein, dass die heilige Teresa von Avila, der Mystiker und Theologe Emanuel Swedenborg, der Apostel Paulus (Saulus), der Prophet Mohammed und der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski zeitweise veränderte Bewusstseinszustände erlebt haben, die wir heute rückwirkend eng mit Epilepsie assoziieren würden. So ist die Bekehrungsvision des Apostels Paulus auf seinem Weg nach Damaskus (ApostelGeschichte 9, 1-29) aller Wahrscheinlichkeit nach auf einen epileptischen Anfall zurückzuführen.


Warum, so fragt Dostojewski einmal, soll sich Gott nicht gerade in einem kranken Gehirn offenbaren. Für Ramachandran selbst haben seine Untersuchungen (u. a. auch über Hautreaktionen) gezeigt, dass sich bei dieser Form von Epilepsie für viele Betroffene die Wertigkeit gegenüber „weltlichen Dingen" wie z. B. Sexualität verändert. Er sagt: „Viele Eigenschaften machen uns menschlich, aber keine ist rätselhafter als die Religion.... es gibt eine neuronale Basis für religiöse Erfahrungen." Andere Neurologen allerdings halten diese Erlebnisse für nichts anderes als krankhafte Fantasien eines in seiner Funktion gestörten Gehirns.

Auf die Bedeutung des Schläfenlappens (Temporallappen) als den Sitz religiöser Empfindungen wurde auch der kanadische Neurologe Michael Persinger aufmerksam (>hier< "Warum Menschen glauben"). Er wurde bekannt durch seinen „Gotteshelm", einen umgebauten und mit Magnetspulen ausgestatteten Motorradhelm, mit dessen Hilfe er durch Magnetstimulation versuchte, religiöse Erfahrungen zu induzieren (auszulösen). Er setzte dabei die beiden Gehirnhälften von über 1000 Versuchspersonen ca. 30 Minuten lang einem schwachen, horizontal verlaufenden Magnetfeld aus, um religiöse Empfindungen herbeizuführen. Über 80 % der Probanden berichteten anschließend von eigentümlichen Empfindungen, die sie überwiegend religiös deuteten. Sie erlebten sich in einem schwebenden Zustand, vernahmen Stimmen und spürten die Anwesenheit einer fremden Präsenz (Gott, Schutzengel), obwohl nachweislich keine andere Person im Versuchsraum anwesend war. Für Hirnforscher sind derartige Erlebnisse neuro-psychologisch durchaus erklärbar. Nach Auffassung von Persinger haben seine Experimente gezeigt, dass es sich bei religiösen Erlebnissen wie der einer „Gotteserfahrung", um rein neurophysiologische Prozesse handelt, die sich jederzeit „herstellen" lassen und deren Inhalte abhängig sind von der individuellen Prägung (Kindheit/Erziehung) der Betroffenen. Er deutet sie als „illusionäre Hirnprodukte".

 

Einen anderen Ansatz bei der Spurensuche nach den Ursachen von Religiosität im Menschen wählte der ebenfalls schon am Anfang genannte amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer. „Aus mehr als 2.000 DNA-Proben isolierte er ein sogenanntes Gottes-Gen, eine Gen-Variation, deren Träger gläubiger sind als andere" (Klappentext zum gleichnamigen Buch) Titel und Text scheinen zu besagen, dass ein einziges Gen ausreichend ist, um Religiosität im Menschen zu begründen. Weit gefehlt, denn in seinem Buch spricht er später von etwa 50 möglichen Gottes-Genen, von denen er glaubt, eines, das Gen VMAT2, unter den rund 35.000 menschlichen Genen gefunden zu haben. (Ich verzichte hier bewusst auf die Begründung.) Schließlich kommt er zu der Schlussfolgerung, dass es im Menschen eine erbliche Prädisposition zum Spirituellen gibt. Eine wissenschaftliche Erkenntnis, die auch schon aus der Zwillingsforschung hinreichend bekannt ist. Das von ihm gefundene Gen VMAT2 macht die Menschen also nicht zu Gläubigen oder gar regelmäßigen Kirchgängern, sondern liefert Hinweise auf die gesamte Gehirnbiochemie bei der Entfaltung von Spiritualität. Für Hamer selbst gilt: „Wie Gedanken und Emotionen im Gehirn gebildet werden, ist etwas, was die Wissenschaft untersuchen kann. Ob die Überzeugung wahr oder falsch ist, nicht. Spiritualität ist letztlich eine Frage des Glaubens - nicht der Genetik." Sein Fazit: „Wie spirituell wir sind, wird (- auch - d. V.) genetisch bestimmt. Wir erkennen Gott nicht, wir spüren ihn."


Während des Gebetes berührt der Moslem mit der Stirn die Erde, um seine

Niedrigkeit und Ergebenheit gegenüber Allah zum Ausdruck zu bringen.


 

Die wohl interessantesten Untersuchungen bei der Suche nach Anzeichen von Religiosität im Gehirn waren für mich diejenigen Experimente, bei denen die Gehirne, sowohl buddhistischer Mönche als auch christlicher Nonnen, während ihrer Meditationsübungen bzw. ihren kontemplativen Gebeten mithilfe modernster bildgebender Verfahren beobachtet wurden. Insbesondere zwei amerikanische Wissenschaftler mit ihren Verfahren erregten dabei Aufmerksamkeit, der Neuropsychologe Richard Davidson und der Radiologe Andrew Newberg. lm Hirnforschungslabor von Davidson wurden auf Geheiß des Dalai Lama höchstpersönlich acht tibetische Mönche in die enge Röhre eines lärmenden Magnetresonanztomographen (Abk. f. MRT) gesteckt, eine für Meditationsübungen doch recht ungewöhnliche Umgebung. Ziel war es dabei zu sehen, was im Gehirn der Mönche vor sich geht, wenn sie ihren Geist einer spirituellen Einkehr (das Einswerden mit der Natur des Geistes) zuführen. Eine geistige Aufgabe, mehr schon eine Herausforderung, die nur „Meditationsprofis" mit mehr als 10.000 Praxisstunden bewältigen konnten. Der Radiologe Newberg wählte ein anderes Verfahren, die sogenannte Single Photon Emission Computed Tomography (Abk. SPECT). Sie bot die für diese Experimente realistischsten Situationen für meditative Übungen. Die Probanden konnten ihre Meditation außerhalb des Scanners in einem abgedunkelten Raum (Stille / Kerzen / Räucherstäbchen) abhalten, was bei der Positronen-Emissions-Tomografie schwierig und bei der funktionellen Magnetresonanztomografie (Davidson) unmöglich ist. Während der Meditation waren die Meditierenden mit einer Baumwollschnur mit dem Beobachter (Newberg) verbunden und zogen an ihr, sobald sich ihr meditativer Zustand seinem transzendenten Höhepunkt näherte. Das war für den Radiologen Newberg der Moment, dem Meditierenden eine radioaktive Substanz intravenös zu verabreichen, um das Durchblutungsmuster im Gehirn während des meditativen Höhepunktes festzuhalten und es nach Beendigung der Meditation im bildgebenden SPECT-Verfahren wieder sichtbar zu machen.


Unabhängig davon, welches dieser beiden Verfahren angewandt wurde, bei beiden Methoden wurden neurobiologische Veränderungen im Gehirn registriert. Nicht nur die Hirnströme und ihre unterschiedlichen Frequenzen (Gamma-Wellen und Delta-Wellen) veränderten sich, sondern auch die Intensität an Aktivität in den Hirnarealen, die zum einen für die Aufmerksamkeit und zum anderen für die Orientierung zuständig sind. Während im Orientierungsfeld = OF 2) (im hinteren Bereich des Gehirns) die Aktivität nachlässt, nimmt sie im „Aufmerksamkeitsfeld"=AF 2) (im vorderen Bereich des Gehirns) zu. Was bedeutet das'? Nun, das Orientierungsfeld hat die primäre Aufgabe, die Orientierung des Individuums im physikalischen Raum zu gewährleisten, indem es eine klare Abgrenzung zwischen Ich und Nicht-Ich vornimmt und sozusagen eine Grenze zieht zwischen mir als Person und dem Rest der Welt. Patienten mit Schädigungen in dieser Gehirnregion können beispielsweise ihr Bett nicht finden und wenn sie es gefunden haben, sich nicht hinlegen. Da dieser Abgrenzungsprozess unentwegt stattfindet, ruht das Orientierungsfeld sozusagen nie. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis. Mit der Inaktivierung dieses Areals scheint die Ich-Welt-Grenze aufgehoben und mit ihr der Bezug zu Raum und Zeit. Dies erklärt das Gefühl der Meditierenden von Ewigkeit und Endlosigkeit, die Auflösung des Selbst in etwas Größeres, Umfassenderes -- ein Einheitsgefühl mit dem Universum, wovon Mystiker aller Kulturen berichtet haben (Unio mystica, Nirwana, Tao, Brahman-atman). Newberg vertritt die Hypothese, wonach „spirituelle Erfahrung in ihrem Ursprung und Wesen auf das Engste mit der menschlichen Biologie verflochten ist. Diese Biologie bedingt in gewisser Weise den Drang zu Spiritualität"3) . Er ist der Überzeugung„... den Beweis für einen neurologischen Prozess erbracht zu haben, der es uns Menschen ermöglicht, die materielle Existenz zu transzendieren und mit einem tieferen, geistigen Teil von uns selbst in Verbindung zu treten, der als absolute, universelle Realität wahrgenommen wird, die uns mit allem Seienden vereint". 3)

 

Im Buddhismus strahlt das
Auge der Erleuchtung von der
Stirn des Buddha ...
Bildquelle: www.huddhismus.at

... und im Hinduismus gilt das dritte Auge

auf der Stirn als ein Zeichen der

wahren Erkenntnis.
Bildquelle: www.drreis.de


So viel zu den mir bekanntesten Experimenten der Hirnforschung. Allerdings sollte ich noch auf einen wichtigen Punkt hinweisen. Es ist die Gefahr der Gleichsetzung von tief religiösen, mystischen Erlebnissen mit anderen außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, hervorgerufen durch psychisch pathologische Prozesse, drogeninduzierte Rauschzustände, psychotische Halluzinationen und Auditionen (übernatürliches Hören) sowie die bereits angesprochenen epileptischen Anfälle. Obwohl es erkennbare Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden geistigen Zuständen gibt, dürfte es trotzdem schwierig sein, immer eine klare Grenze zu ziehen. In diesem Sinne äußerte sich der bekannte Hirnforscher Detlef Linke wenige Monate vor seinem eigenen Tod in Anlehnung an die bereits erwähnte Aussage Dostojewskis: „Warum sollte nicht die Wahrheit in einem von Krankheit gezeichneten Gehirn besonders leicht zum Ausdruck kommen?" und auch Eugen Drewermann fragt in seinem zweiten Band „Atem des Leben" (S. 684): „Kann es demnach nicht sein, dass im Anfall einer Epilepsie in den Kerker unserer irdischen Existenz ein Lichtschein fällt, der uns ein Leben lang jene andere Wirklichkeit zeigt, nach der wir uns eigentlich sehnen?"


Was bleibt festzuhalten?
 

In diesem Beitrag habe ich die Frage aufgeworfen, sitzt Gott in der Falle der Hirnforscher?


Nachdem wir nun ein klein wenig über die Ergebnisse der Hirnforschung Bescheid wissen und die Ansicht der meisten Wissenschaftler kennen, dass Gott für sie nur eine Projektion des menschlichen Gehirns ist, bleibt doch zu fragen: Wenn es denn stimmt, dass Gott nur ein Konstrukt religiös denkender Menschen ist, also etwas, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt, wie verhält es sich dann mit ihren eigenen Erkenntnissen? Ihre wissenschaftlichen Aussagen sind doch auch nur Konstrukte ihrer allerdings naturwissenschaftlich denkenden Gehirne und demzufolge genauso unrealistisch? Wenn Gott nur eine unwirkliche Projektion ist, dann sind es auch die Erkenntnisse der Hirnforscher. Sitzen somit die Hirnforscher nicht in ihrer eigenen Falle? Wie dem auch sei, die bisherigen Erkenntnisse der Neurotheologie sind nicht nur unvollständig, sie sind auch unterschiedlich interpretierbar. Ihre Bewertung und Deutung ist ganz offensichtlich abhängig von den weltanschaulichen Ansichten des jeweiligen Experten oder auch Nichtexperten und kann sowohl religionskritisch wie auch religionsstützend ausfallen. Eines aber scheint sich in wissenschaftlichen Studien immer deutlicher herauszustellen, dass der Glaube an Gott durchaus Lebensvorteile bringt, sowohl biologisch als auch psychologisch, denn entsprechende Untersuchungen haben gezeigt, dass religiöse Menschen nicht nur schwierige Lebenssituationen und Schicksalsschläge besser meistern, sondern dass sie auch länger leben. Aber aus der Tatsache, dass Menschen an Gott glauben und dieser Glaube ihnen hilft, folgt nicht zwangsläufig, dass es Gott auch wirklich gibt. Diese Feststellung, dass eine ethisch und moralisch notwendige „Gottesidee" nicht zwangsläufig mit einem metaphysischen Gottesbeweis verbunden ist, kennen wir schon von Immanuel Kant. So gesehen bleibt alles „beim Alten", denn auch die neu gewonnenen neurophysiologischen Erkenntnisse der Hirnforschung liefern keinerlei Beweise weder für noch gegen die Existenz Gottes. Gott ist kein neuronales Erregungsmuster, nicht die Folge eines Ausfalls bestimmter Hirnstrukturen und auch nicht das Resultat einer mangelnden Balance zwischen verschiedenen Neurotransmittern. Deshalb: Auf der Ebene der Naturwissenschaft kann die Frage nach Gott auch heute nicht geklärt werden. Die verwendeten Werkzeuge und Methoden, und seien sie technisch und wissenschaftlich auch noch so fortschrittlich und modern, scheinen für eine Suche nach Gott nicht geeignet zu sein.


Dazu ein einfaches Beispiel: Wale fängt man normalerweise mit Harpunen und Heringe mit Netzen. Wenn nun der Walfänger behaupten würde, dass es in den Weltmeeren keine Heringe gibt, weil er in seinem Leben noch nie Heringe gefangen hat, würde er seine Methode des Fischfangs schlicht überschätzen. Und was für den Walfänger gilt, gilt auch für die Naturwissenschaftler, denn diese müssen die Grenzen ihrer wissenschaftlichen Forschungstätigkeit erkennen und Vorsicht walten lassen bei allzu voreiligen Schlussfolgerungen. Eine dieser entscheidenden Grenze ist die von mir in anderen Beiträgen schon erwähnte Erforschung von subjektivem Erleben eines Menschen. Immer und überall nehmen Neurowissenschaftler und Verhaltenspsychologen die objektive Position der „dritten Person" ein, sozusagen die „Außenperspektive". Dabei werfen sie, um einen Ausdruck des Dalai Lama zu verwenden, aber „nicht genügend Licht auf die subjektive Erfahrung" also auf die „Innenperspektive der ersten Person" des fühlenden, denkenden und handelnden Subjekts. Aber diese innere Welt des Erlebens, das Seelenleben eines Menschen, kann in seinem Inhalt und seiner Bedeutung nur durch verbale und nonverbale Kommunikation des Subjekts selbst einem anderen gegenüber mitgeteilt und damit zum Ausdruck gebracht werden. Wichtig ist zu erkennen und zu akzeptieren, dass diese „innere Welt" des Subjekts immer eine erlebte und damit auch eine reale Welt ist, auch wenn sie mit wissenschaftlichen Methoden nicht überprüfbar ist. Aber genau dieser wissenschaftlich noch unberührte innere Raum eines jeden Einzelnen von uns ist der Ort, wo unser Leben seine tiefste Erfahrung für uns bereithält durch die angeborene Fähigkeit zur Spiritualität (nicht zu verwechseln mit der durch Erziehung und Lebensumstände geprägten Religiosität).


Der Begriff Spiritualität kommt in der materiell ausgerichteten Naturwissenschaft nicht vor. Kein Wunder, denn Spiritualität und Absicht vertragen sich nicht, genauso wenig wie spirituelle Erfahrungen nicht anstrebt oder angesteuert werden können. Spiritualität ist ein geistiges Erlebnis, und im christlichen Sinn verstanden eine tiefe Erfahrung im Grenzbereich zwischen Mensch und Gott, eine Berührung mit einer andersartigen Realität 4). Zu keiner Zeit in unserem Leben stellt sich die Frage nach der Existenz Gottes so intensiv und direkt, sind die Fragen nach einer Antwort ehrlicher und die spirituellen Erlebnisse wahrhaftiger, als am Ende unseres Lebens, im Angesicht des eigenen Todes, sozusagen in der Stunde der Wahrheit. Daher möchte ich meinen Beitrag auch mit einer Aussage der Schweizer Psychotherapeutin Monika Renz beschließen, die sie aufgrund ihrer umfassenden Forschungsarbeit mit spirituellen Erfahrungen Schwerstkranker und sterbender Menschen gemacht und in ihrem Buch „Grenzerfahrung Gott" veröffentlicht hat: „Meines Erachtens braucht unsere Kultur ... eine Spiritualität des sog. personalen Gottes, innere Erfahrungen mit einem hörenden, mitfühlenden, sich mit dein menschlichen Leid identifizierenden Gott ... Über die Begegnung mit einem Gott als Gegenüber erleben wir uns ernst genommen in der Einmaligkeit unseres Person- und Subjektseins." 4) Die Beispiele, die Monika Renz in ihrem Buch aufführt, beschreiben in eindrucksvoller Weise, dass auch im Zustand vollkommener Unfreiheit, bedingt durch schwere Krankheit, die Fesseln des Todes und die Angst des Loslassens, dass Menschen in dieser ausweglosen Gefangenschaft am Ende ihres Lebens die tiefe spirituelle Erfahrung machen, dass es etwas gibt, dass ihnen eine unantastbare Würde verleiht und eine innere bedingungslose Freiheit schenkt, nämlich Gott.


1) Titel entnommen dein gleichnamigen Vortrag des Neuropsychologen Christian Hoppe* (Universitätsklinik für Epilepsie, Bonn 27. 12. 2002).

2) Ein für Nichtexperten gewählter Begriff von Andrew Newberg aus seinem Buch „Der gedachte Gott".

3) Andrew Newberg: Der gedachte Gott, S. 18/19.

4) Monika Renz: Grenzerfahrung Gott S. 31/137
 


*

Christian Hoppe
Diplom katholische Theologie 1993, Diplom Psychologie 1997, arbeitet als Neuropsychologe an der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn, einer der weltweit führenden Einrichtungen für die Erforschung des menschlichen Gehirns im allgemeinen und der Epilepsien im besonderen.

(http://www.meb.uni-bonn.de/epileptologie/cms/front_content.php?idcat=205)

 

Er stellt also auch die Frage: Gott in der Falle der Hirnforscher? (S. Literatur oben unter 1))
 

Sämtliche großen Wissenschaftsmagazine haben in den vergangenen Monaten über die aktuelle Erforschung von "Gotteserfahrungen" durch Neurowissenschaftler berichtet. Selten waren in den vergangenen Jahrzehnten Spiritualität und Wissenschaft so nah beieinander, selten fand die Innenseite der Religion so viel öffentliche Aufmerksamkeit. Unter welchen neuronalen Bedingungen entstehen religiöse, mystische und paranormale Erlebnisse? Lassen sich solche Erlebnisse vollständig auf natürliche Ursachen zurückführen oder sogar im Experiment induzieren? Ist also das Gehirn der Schöpfer Gottes und sitzt Gott mithin in der Falle der Hirnforscher? Die noch sehr junge experimentelle Neuropsychologie religiösen Erlebens kann bereits so erstaunliche Befunde vorweisen, dass die Medien sie "Neurotheologie" nennen. Eine apologetisch-defensive Reaktion durch die Theologie, die nur auf methodische Schwächen oder begriffliche Unschärfen abhebt, kann den eigentlichen Schock dieser Befunde nicht ernst nehmen.

Ich schlage eine offensiv geführte, konstruktive Auseinandersetzung vor. Voraussetzung hierfür ist eine sorgfältige Unterscheidung zwischen den drei "Welten" des abstrakten Wissens, der alltäglichen Erfahrung und des konkret-sinnlichen Erlebens jetzt in diesem Augenblick. Das unmittelbare Erleben wird im Alltag meist übersehen oder leichtfertig übergangen. Aber in der unbezweifelbaren Tatsächlichkeit und in der alle Wörter übersteigenden lebendigen Fülle dieses Augenblicks sowie in der reinen Gegenwärtigkeit des sinnlichen Erlebens zeigt sich die "mystische" Grundstruktur der Wirklichkeit: Das unmittelbar Nahe ist das Reich der Himmel, dies-hier-jetzt ist Gott. In lebendiger Gegenwärtigkeit realisiert sich das ursprüngliche Wesen des Menschen: Den "wahren Menschen vor seiner Geburt", von dem der Zen-Buddhismus spricht, nennt das Christentum "Christus" und erkennt und bekennt darin, dass "dies-hier-jetzt", der lebendige Gott selbst, unser wahres Wesen ist.

 


Donnerstag, 30. August 2007

Artikel von Ulrich Goetz:

Neurowissenschafter haben erstmals einfache Formen außerkörperlicher Erfahrungen im Labor simuliert unter der Leitung des Neurowissenschafters Prof. Olaf Blanke (Universitätsklinikum Genf)

http://www.ugtexte.ch/ug/neurowissenschaften/79-wenn-das-ich-den-koerper-im-stich-laeßt.html

Menschen, die knapp dem Tod entronnen sind, berichten manchmal davon: wie sie sich zeitweise außerhalb ihres Körpers wahrnahmen, gleichsam sich selbst «von oben» betrachteten. Lausanner und Londoner Neurowissenschafter konnten nun einige Aspekte solcher außerkörperlicher Erfahrungen im Labor simulieren. Die Frage fasziniert die Menschheit seit Urzeiten: Was ist das Ich und wo befindet es sich? In räumlicher Einheit mit unserem Körper, suggeriert uns zwar die tägliche Erfahrung: Das Ich und der Körper sind örtlich vereint. Diese vermeintlich gesicherte Tatsache wird allerdings in Frage gestellt durch das Phänomen der «außerkörperlichen Erfahrung» (AKE) oder englisch «out of the body experience» (OBE).

 

Während solcher Zustände hat sich das Ich, das eigene Bewusstseinszentrum, vom Körper getrennt, die Welt und das Selbst werden aus einem erhöhten Blickwinkel außerhalb des Körpers wahrgenommen. Ein eindrückliches und verunsicherndes Erlebnis, weil damit das im Alltag real erlebte Ich prinzipiell in Frage gestellt wird. Schätzungsweise fünf bis zehn aller Menschen in den verschiedensten Kulturkreisen werden einmal in ihrem Leben mit solch einer außerkörperlichen Erfahrung konfrontiert. Das Phänomen ist somit weit verbreitet und hat wohl aus diesem Grund auch in der Alltagssprache seine Spuren hinterlassen («außer sich sein», «aus der Haut fahren», «neben den Schuhen stehen»).

 

Wie die Sprachbeispiele vermuten lassen, treten AKE-Zustände meist in Grenzsituationen auf, etwa in Zusammenhang eines Nahtod-Erlebnisses, eines Hirntraumas, bei Epilepsie und Migräne oder unter Psychodrogen. Außerkörperliches Reisen spielt aber auch bei religiösen Sekten und vor allem im Schamanismus eine zentrale Rolle. Um Außerkörperlichkeit auch willentlich zu erreichen, werden daher in der einschlägigen Literatur verschiedene Techniken empfohlen, wie etwa Hyperventilieren, rhythmisches Trommeln oder körperliche Tiefentspannung.

 

Nun nehmen in der heutigen Ausgabe von «Science» gleich zwei Forscherteams für sich in Anspruch, außerkörperliche Erfahrungszustände im Labor zumindest ansatzweise künstlich induziert zu haben, und zwar bei gesunden Probanden. Ziel dieser Forschungsarbeiten ist, für das offensichtliche und erwiesene Vorkommen solch außerkörperlicher Erfahrungen eine  neurowissenschaftliche Erklärung zu finden. Kein einfaches Unterfangen. Der am University College London forschende  Neurowissenschafter Henrik Ehrsson hat dazu seine Versuchspersonen auf einen Stuhl gesetzt und ihnen «Brillen» aufgesetzt, bestehend aus kleinen Videoschirmen. Aus zwei Meter Entfernung filmten zwei Kameras den Probanden von hinten und projizierten die Bilder auf die Videobrille. Die Versuchsperson sah also sich selbst von hinten in Stereoskopie und somit so realitätsnah wie nur möglich. Nun begann der Experimentator, gleichzeitig die Brust des Probanden (die dieser nicht sehen konnte) sowie die entsprechende Region unterhalb der beiden Kameras mit einem Plastikstab zu «streicheln». Die Versuchspersonen sahen also, wie ihr virtuelles Ebenbild in zwei Meter Entfernung vor ihnen gestreichelt wurde, gleichzeitig spürten sie den Plastikstab aber auf ihrer eigenen Brust. Diese widersprüchlichen Sinneseindrücke versetzten die meisten Versuchspersonen gemäß deren Aussagen in einen illusionären Zustand, den sie hinterher als «übernatürlich» aber weiter nicht beängstigend bezeichneten.

 

Henrik Ehrsson ging in einem zweiten Experiment noch einen Schritt weiter. Er bedrohte das virtuelle Bild der Probanden mit einem Hammer und bestimmte derweil anhand der Schweißabsonderung respektive Veränderung der elektrischen Haut-Leitfähigkeit die emotionale Reaktion der Versuchsperson. Tatsächlich reagierte diese so, als ob sie selber real bedroht würde. «Damit ist es erstmals gelungen, die wahrgenommene Lokalisation seines Ichs im Verhältnis zum eigenen Körper zu verändern», schreibt  Ehrsson. Das Experiment zeige, was passiert, wenn man sich selbst von außen betrachtet. Dies sei «eine sehr aufregende Entwicklung, die Folgen haben wird für eine ganze Reihe wissenschaftlicher Disziplinen, von den Neurowissenschaften bis zur Theologie», meint er.

Mit «Video, ergo sum» ist in Anspielung an den französischen Philosophen Descartes die zweite Science-Publikation zum ähnlichen Thema übertitelt. Darin beschreibt eine Forschergruppe der EPF Lausanne unter Leitung des Neurowissenschafters Olaf Blanke, wie  körperliches Selbst-Bewusstsein experimentell erforscht werden kann. Im Zentrum des Interesses steht eine gewisse Hirnregion (temporo-parietale Junktion, TPJ), die an der Verarbeitung körpereigener Wahrnehmungen beteiligt ist. Dabei gehen die Lausanner Forscher davon aus, dass das «Ich», das man als «Selbst» wahrnimmt, normalerweise eng verbunden ist mit der Position des  eigenen Körpers. Diese räumliche Einheit von «Ich» und Körper könne bei neurologischen Störungen durcheinander geraten und die oben beschriebenen außerkörperlichen Erfahrungen zur Folge haben.

 

Das Team um Olaf Blanke, der auch am Unispital Genf arbeitet, hat nun eine Versuchsanordnung entwickelt, mit der die räumliche Einheit des «Ich» und des eigenen Körpers auch bei gesunden Versuchspersonen zumindest bis zu einem gewissen Grad geknackt werden kann. Wie beim oben beschriebenen Experiment wurde den insgesamt 28 Versuchspersonen nacheinander ein dreidimensionales virtuelles Bild ihrer selbst, einer menschlichen Attrappe oder einer Säule auf die Videoschirme vor den Augen projiziert. Die Probanden wurden teils synchron, teils asynchron zu den virtuellen Bildern am Rücken mit einem Pinsel gekitzelt und danach mit verbundenen Augen zwei Meter rückwärts geführt. Aufgefordert, sich – immer noch mit verbundenen Augen – wieder auf die alte Position zurück zu bewegen, überschossen die Versuchspersonen den Ausgangspunkt jeweils durchschnittlich um 25 Zentimeter in Richtung Standort ihres zuvor gezeigten virtuellen Bildes. Besonders deutlich war der beobachtete Effekt, wenn das vorangehende Kitzeln am eigenen Rücken synchron stattgefunden hatte mit den vorgegaukelten Berührungen an der virtuellen Projektion der Versuchsperson. Zur menschlichen Attrappe und zur Säule hingegen fühlten sich die Probanden deutlich weniger stark hingezogen.

 

Zwar hatten die Versuchspersonen gemäß eigenen Aussagen während des Experiments keinerlei außerkörperliche Erfahrung. Doch schließen Olaf Blanke und sein Team, darunter die Jung-Forscherin Bigna Lenggenhager und der Philosoph Thomas Metzinger, aus den statistisch relevanten Daten, dass die Probanden unter den vorgegebenen Versuchsbedingungen ihr Selbst um immerhin 25 Zentimeter außerhalb des Standortes ihres eigenen Körpers lokalisiert hatten. Und dass dabei offenbar die visuellen Reize die restlichen Sinneswahrnehmungen übermäßig beeinflussten.

 

Heißt das nun, dass das Ich sich jeweils dort befindet, wo es sich sieht? So weit will Olaf Blanke nicht gehen. «Das Ich kann auf verschiedenen Ebenen definiert werden, auf der Ebene der kognitiven Wahrnehmung, auf der Ebene des Gedächtnisses und natürlich auch in einer philosophischen oder theologischen Dimension», erläutert er im Gespräch. Die unter normalen Umständen wahrgenommene räumliche Übereinstimmung von Ich und eigenem Körper sei nur ein möglicher Ansatz unter mehreren, das Selbst zu untersuchen. «Der Ansatz ist vielleicht simpel, hat aber den Vorteil, dass sich alle Disziplinen – von den Neurowissenschaften bis zur Philosophie – im Sinne eines kleinsten gemeinsamen Nenners darauf einigen könnten. Und dass er erlaubt, ihn neurowissenschaftlich anzugehen und damit eine Basis zu schaffen für weitere Forschungsarbeiten in diese Richtung.»