Warum Menschen glauben

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über Hirnforschung
Neue Erkenntnisse der
Wissenschaften zum Glauben und
seinen Wirkungen
Öffentliche Veranstaltung
am Donnerstag, 11. Dezember 2008 im Kleinen Sendesaal,
WDR-Funkhaus Wallrafplatz
Dr. Christian Hoppe
(Neuropsychologe) und
Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt (Theologin)
im Gespräch mit
Ulrich Schnabel, der Physik und Publizistik
in Karlsruhe und Berlin studierte und seit 1993 als
Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit"arbeitet.
Gesprächsleitung:
Helga Kirchner
Jede Kultur hat ihre religiösen
Vorstellungen. Eine Gesellschaft ohne jeglichen Glauben
ist kaum vorstellbar. Warum das religiöse Denken unter
den Menschen universell verbreitet ist, beschreiben
Evolutionsbiologen: In der Menschheitsgeschichte haben
sich Fähigkeiten des Denkens entwickelt, die für den
Glauben ursächlich sind. Aber auch Natur- und
Lebenswissenschaftler widmen sich dem Phänomen Religion
mit wachsendem Interesse. Mediziner, Psychologen,
Anthropologen, Neurobiologen suchen und sammeln
Erkenntnisse über Ursprung und Wirkung des Glaubens.
Kann er tatsächlich die sprichwörtlichen Berge
versetzen? Sind gläubige Menschen glücklicher oder gar
gesünder als nicht-gläubige? Ist der Mensch von Natur
aus religiös, und unterscheidet ihn das vom Tier? Harte
wissenschaftliche Fakten widerlegen zuweilen als sicher
geltende Meinungen, etwa die, dass religiöse Menschen
öfter moralisch handeln als nicht-religiöse. Ulrich
Schnabel hat den Stand der wissenschaftlichen
„Vermessung des Glaubens“ in einem Buch zusammengefasst.
Die bedeutsamsten Erkenntnisse wurden im
Funkhausgespräch diskutiert.
Auszüge aus dem Buch von Ulrich Schnabel und Andreas Sentker
"Wie kommt die Welt in den Kopf ? - Reise durch die Werkstätten der
Bewußtseinsforscher", 1997, Rowohlt
Die Gottesmaschine - In Dr. Persingers Kellerlabor:
Die Geschichte klang zunächst reichlich unglaubhaft: Ein kanadischer Forscher,
so stand in der englischen Tageszeitung Independent zu lesen, könne mit Hilfe
von magnetischen Feldern mystische Erfahrungen hervorrufen. "Einer der
Teilnehmer meinte, Gott begegnet zu sein; ein anderer dagegen floh aus der
Versuchskammer und erklärte, sie müsse exorziert werden, da der Teufel darin
hause", hieß es in dem Artikel. All dies aufgrund schwacher magnetischer
Signale, die Michael Persinger über einen Motorradhelm auf den Kopf seiner
Probandenwirken ließ. "Dank Dr. Persinger sollte so jedermann auf Knopfdruck ein
mystisches Erlebnis möglich sein", schrieb der Independent.
Ist so etwas möglich ? Erste Erkundigungen brachten nicht viel Licht in die
Sache. Den Namen Dr.Persinger kannte in Deutschland kaum jemand. Der eine oder
andere Forscher hatte von den obskuren kanadischen Versuchen zwar schon einmal
gehört. Aber was genau dahintersteckte, wußte niemand zu sagen. Immerhin, die
erwähnte Laurentian University in Sudbury, Ontario, fand sich tatsächlich im
Internet. Und auch unter dem Namen Persinger, Michael gab es einen Eintrag und
eine Telefonnummer...
..........Bei genauer Betrachtung wirkt Michael Persinger allerdings
vollkommen diesseitig. Die Krawatte sitzt korrekt, trotz der Abendstunde, und
der Nadelstreifenanzug paßt zu seiner etwas steifen Förmlichkeit. Sieht so ein
Mann aus, der übersinnliche Erfahrungen vermittelt, ein Schamane der
Neurophysiologie ? Schwer zu glauben, der einundfünfzigjährige Hirnforscher mit
den hageren, etwas besorgten Gesichtszügen und den großen Brillengläsern hat so
gar nichts Esoterisches an sich. Eher erinnert er an einen gewissenhaften
Beamten, der gerade Überstunden macht. "Früher war ich jeden Tag hier", erzählt
er, während wir in das einsame Untergeschoß der Universität hinabsteigen. "Aber
auf die Proteste meiner Familie hin bleibe ich jetzt sonntagvormittags zu Hause
- und arbeite dort." Kein Zweifel, hier spricht ein leidenschaftlicher
Wissenschaftler.
..........Mit dunklen Brillengläsern vor den Augen, licht- und
schallisoliert, nimmt der Proband auf dem Sessel Platz und bekommt einen
umgebauten Motorradhelm aufgesetzt. "Innen sind an jeder Seite des Helms vier
Magnetspulen angebracht", erläutert Persinger, "und darüber spielen wir sehr
schwache Magnetfelder ein, die etwa ein Mikrotesla betragen." Diese
elektromagnetischen Signale entsprächen in Ihrer Intensität etwa einem
Zwanzigstel des Erdmagnetfeldes, wirkten allerdings wesentlich gezielter auf das
Denkorgan ein. "Wir können dabei das Gehirn als seinen eigenen Verstärker
benutzen und die Muster der Hirnströme in das Organ zurückspiele, die wir zuvor
mit dem EEG aufgezeichnet haben", erklärt der Hirnforscher eifrig, "wir können
aber auch andere Signale einspielen, die wir am Computer künstlich erzeugen."
..........Die damit erzielten Wirkungen seien in der Tat höchst
bemerkenswert: Manche Versuchspersonen hätten das Gefühl, ihr Körper vibriere
oder fange gar an zu schweben, bei anderen tauchten höchst lebendige
Erinnerungen aus der Kindheit auf, und nicht wenige glaubten unter dem
Motorradhelm, eine eigentümliche Präsenz wahrzunehmen, so als sei plötzlich noch
jemand in der Kammer. "Sie sagen zum Beispiel, daß sie ihren Schutzengel gespürt
haben oder Gott oder so etwas Ähnliches", erklärt Persinger, als sei dies das
Normalste der Welt. Manche Versuchspersonen empfänden das zwar als ziemlich
heftige Erfahrung, aber viele wollten es gern noch einmal erleben. "Wenn die
Leute aus unserer Kammer kommen, fühlen sie sich im allgemeinen sehr gut. Meist
sind sie nur etwas durcheinander. "Und wie steht es mit negativen Erfahrungen ?
O ja, das kommt vor", meint Persinger gelassen. Das jemand jedoch meine, dem
Teufel zu begegnen , geschehe höchst selten. "Wissen Sie, das sind Extremfälle,
wir sind jedoch mehr am allgemeinen Durchschnitt interessiert", erklärt er
betont sachlich. Überdies habe er die Erfahrung gemacht, daß die Leute selbst
ein negatives Gefühl noch einmal erfahren wollten. "Das scheint bizarr, aber
denken Sie daran, daß Leute auch in Horrorshows und ähnliches gehen, um sich zu
stimulieren."
.........."Wir sind daran interessiert, die Teile des Gehirns zu finden, die
diese Art der Erfahrung vermitteln", erläutert Persinger und kramt nach einem
Stapel Veröffentlichungen, mit denen er die Wissenschaftlichkeit seiner Arbeit
belegt. So spiele etwa das Muster der eingespielten Signale eine wichtige Rolle.
"Wir können zwar nicht gezielt bestimmte Erfahrungen hervorrufen, aber mit
speziellen Feldern können wir grob gewisse Themen oder emotionale Komponenten
beeinflussen - die Details des Erlebten freilich reflektieren jeweils die
individuelle Geschichte der Versuchsperson."
..........Nun ist die Wirkung der diffusen Magnetfelder reichlich
unspezifisch, und auch Persinger weiß nicht so genau, was sie an welcher Stelle
des Gehirns exakt auslösen. Entsprechend nebulös ist auch die wissenschaftliche
Erklärung seiner erstaunlichen Ergebnisse. Diese führt er vor allem auf die
Spezialisierung der rechten und linken Gehirnhälfte zurück. Schließlich ist
durch PET-Aufnahmen schon länger bekannt, daß im Gehirn eine Art Arbeitsteilung
stattfindet: Links werden analytische Prozesse und Sprache verarbeitet, die
rechte Seite dagegen ist eher für ganzheitliche Aufgaben zuständig, zum Beispiel
für das Erkennen von Gesichtern, Musikalität oder auch Kreativität. Persinger
geht allerdings noch einen Schritt weiter und vermutet in der linken Hemisphäre
auch den 'Sinn für das Selbst', denn "ohne Sprache gibt es kein
Selbstverständnis". In der rechten Hemisphäre sei dagegen, sozusagen als
Äquivalent, "das Gefühl einer Präsenz" angesiedelt.
Diese Interpretation stützt er auf seine experimentellen Befunde: "Wirken die
Magnetfelder vor allem auf das Gebiet um den linken temporalen Parietallappen,
hören die Versuchspersonen oft Stimmen, die Ihnen Instruktionen erteilen - diese
werden meist mit Gott oder ähnlichem in Verbindung gebracht", erläutert
Persinger. "Stimulieren wir dagegen rechts, haben die Probanden das Gefühl, als
ob irgendein Ding, eine Wesenheit, neben ihnen stehe, die ihnen fremd ist.
Technisch nennen wir das ein 'Ego-Alien'." Dieser Eindruck sei eher mit
negativen Gefühlen gekoppelt. Wirken die elektrischen Reize dagegen eher links,
berichten die Versuchsteilnehmer meist von positiven Gefühlen. Persingers
Theorie zufolge sitzt daher in der linken Gehirnhälfte nicht nur der 'Sinn für
das Selbst', sondern auch der Optimismus, rechts dagegen finden sich
pessimistische Stimmungen - eine gewagte Hypothese.
Doch damit nicht genug: Auf diese Weise, so meint der Hirnforscher, ließe
sich auch das Zustandekommen religiöser Erfahrungen erklären. Zu solchen
Erlebnissen komme es gewöhnlich dann, wenn die vertraute Umgebung
zusammenbreche. In derartigen Situationen nehme zunächst die Aktivität der
rechten, ängstlichen Hemisphäre zu. Spitze sich die Lage zu und erzeuge etwa
Stress oder Schmerz, schütze sich das Gehirn dadurch, daß es seine linke Hälfte,
also den Sinn für das Selbst, gewissermaßen ausschalte. Dadurch gewinne die
rechte Hemisphäre die Oberhand, und die dort verarbeiteten Erfahrungen - Träume,
Visionen, Halluzinationen - träten mit einem Mal verstärkt ins Bewußtsein.
"Werden solche rechtshemisphärische n Invasionen wiederholt", erläutert
Persinger, "regen sie, paradoxerweise, neue Aktivität in der linken Seite an.
Und da die linke Hemisphäre eher Optimismus verbreitet, fühlt die Person in
diesem Moment plötzlich große Freude und Zuversicht in sich aufsteigen." Auf
diese Weise werde die ursprüngliche Angst in ihr Gegenteil verkehrt und - wenn
der Prozeß weit genug gehe - schließlich ein neuer, umfassenderer Sinn des
Selbst etabliert. Daraus könne das Bedürfnis enstehen, all diese neuen
Erfahrungen in ein System zu bringen und andere davon zu überzeugen - kurzum,
all das, was ein echtes religiöses Erleuchtungserlebnis ausmacht.
Michael Persinger selbst glaubt freilich nicht an Gott: "In den vergangenen
tausend Jahren hat sich diese Hypothese, ob Gott existiert oder nicht, als
völlig unnütz herausgestellt. Sie war verantwortlich für unsägliche Qualen und
die meisten Kriege", lautet sein Urteil. Für ihn entstand der Glaube an Gott,
als der Mensch einen Sinn für die eigene Person entwickelte. Mystischen oder
religiösen Erlebnissen lägen im Grunde nur elektrische Übergangszustände im
Temporallappen des Großhirns zugrunde. Solche 'temporal lobe transients' (TLTs)
seien jedoch höchst potente Modifikatoren menschlichen Verhaltens: "Eine
singuläre Episode in einem passenden Kontext kann zu einer weitreichenden
Verhaltensänderung führen."
Mehr im Buch von Ulrich Schnabel, "Die
Vermessung des Glaubens"
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