Aggression
>Hier< die Triebtheorie von Konrad Lorenz
>Hier< ein Artikel über den zwanghaft aggressiven Menschen
Ein Angriffsverhalten (körperlich oder sprachlich) richtet sich gegenüber Sachen oder Lebewesen. Ursachen von Aggression sind:
- (primärbiologisch) ein mehr oder weniger stark ausgeprägter angeborener Trieb aus dem Existenzkampf (Kampf um Beute, Verteidigung gegen Erbeutetwerden);
- (psychologisc-soziologisch) Folge von negativen Erlebnissen (Frustrationen) sind.
Die Motivationsforschung untersucht (u.a.) eine Theorie, wonach ein Mensch umso aggressiver werde, je stärker er Kontakt mit anderen aggressiven Personen habe; denn jeder lerne anhand von Vorbildern, welche Reaktion in bestimmten Situationen angemessen ist (Lernen am Modell). Durch die Darstellung (sogar Verherrlichung) von Gewalt in den Medien würde Aggression geschürt.
Beste Information liefert Hans-Peter Nolting "Lernfall Aggression - Wie sie entsteht- wie sie zu vermindern ist - Theorie und Empirie aggressiven Verhaltens und seine Alternativen", sachbuch ro ro ro780 - ISBN 3 499 17139-2
Wissenschaftler der US-amerikanischen Yale-University (Dollard, Doos, Miller, Mowrer, Sears) entwickelten die Frustration-Aggressions-Theorie:
1. Fassung (1939): Frustration führt immer zu einer Aggression
2. Fassung (1941): Aggression ist immer eine Folge von Frustration
Die erste Behauptung wurde fallen gelassen. Geblieben ist also:: Eine Aggression wird verursacht durch eine Frustration.
Was ist Frustration? Eine Erwartung wird nicht erfüllt, eine Enttäuschung bei hoffnungsvollen Gedanken, ein persönlicher Plan gelingt nicht, ein Bedürfnis, z. B. in form einer gewünschten Triebbefriedigung gelingt nicht. Bei wiederholten oder starken Frustrationen kann es zu Ausweichreaktionen, depressivem oder aggressivem Verhalten kommen.
Auf eine Frustration kann erst einmal Angst, Ärger, Wut oder
Zorn folgen und dann erst eine Aggression (allerdings nicht notwendiger Weise).
Die Psychologen unterscheiden 3 Arten von Frustration:
1. Störung einer zielgerichteten Aktivität (Hindernisfrustration),
2. Mangelzustände (Entbehrungen)
3. schädigende Reize
Auslöser > Frustration > Angst, Ärger, Wut und Zorn > Aggression
Natürlich führt nicht jede Frustration bei jedem zu Aggression. Wird jemand von einem angerempelt, so kann man auch erleben, daß diese Person lacht und weitergeht. Also muß wohl die obige Behauptung der Yale-Leute relativiert werden in: Wann führt die Frustration zur Aggression? Nach konstruktiver Lösungsmöglichkeit bei einem Frustrationsproblem ist zu suchen.
Beispiel: Jemand hat eine schlechte Schulnote (häufig unerwartet) bekommen. Das kann zur Aggression dem Lehrer gegenüber kommen, von dem man glaubt, er habe einen ungerecht beurteilt, oder man sagt sich: "Du wirst es nie schaffen!" (=Selbst-Aggression - Depression - Angst) oder man akzeptiert und setzt sich hin und paukt. Das wird als konstruktive Lösungsmöglichkeit definiert, als Akzeptanz, daß man gewisse Dinge nicht ändern, rückgängig machen kann. Die schlechte Schulenote steht geschrieben schwarz auf weiß.
Ärger, Wut, Zorn, Strafe, Angst, z.B. vor dem Beschneiden als Kastrationsangst, das alles kann in Aggression münden. Ferner spielt ja wohl die Intensität, die Dauer und der Bezug zum Verursacher eine Rolle.
Jedes Tier, das sich bedroht fühlt und keinen Ausweg aus dieser Bedrohung sieht, greift aus Angst an: Ein kleines Insekt, eine Ratte, die Schlange (wie eine dicke, afrikanische, sehr giftige Puff-Otter, die als Alternative schlecht fliehen kann, wenn man ihr zu nahe kommt. (Der ehemalige bundesdeutsche Verteidigungsminister von 1956 bis 62 sprach von "Vorwärtsverteidigung".)
>Lerntheorien< zu Aggression:
Durch das klassische Konditionieren - Lernen über Assoziationen - wird eine diskriminierende Äußerung assoziiert mit einer bestimmten Gruppe, z. B. Sau-Jude ("Sau" als diskriminierende Äußerung und "Jude" als Gruppe), "Ungläubige, schlag sie tot"! in den Heiligen Büchern ("Schlag sie tot", die Äußerung und "Ungläubige", die Gruppe"). Wird das immer wieder eingehämmert, so kommt es zur klassischen Konditionierung, d.h. sobald man nur "Ungläubige" hört, denkt man automatisch an "schlag sie tot".
Das operante Konditionieren: Aggressives Verhalten führt zum Erfolg, durch Macht, Gewinn, Belohnung.
Beispiel: Eine Jugendbande terrorisiert andere Jugendliche und beraubt sie, schlägt sie sogar. Das Ansehen des "starken, brutalen Führers" ist gehoben.
Das "Modell-Lernen": Aggressive Modelle sind erfolgreich oder man identifiziert sich mit ihnen. Der Religionsführer hetzt und gewinnt Ansehen bei seinen gläubigen Gefolgsleuten.
Das "einsichtige Lernen": Es scheint vernünftig zu sein, sich aggressiv zu verhalten und zwar "Aggression" ohne aggressives Gefühl. Manche Lehrer früher verprügelten aus Gewohnheit Schüler, damit die wußten, wer doch noch der Herr in der Schule war.
Noch ein
Beispiel: Ein junger Chinese wurde fast jede Nacht von seiner Mutter verprügelt, nachdem er zu Bett gegangen war. Natürlich mußte er ins Bett. Sein Jammern "was hab ich denn nur schon wieder gemacht?" beantwortete sie mit: "Du weißt das besser als ich. Kinder tun immer etwas Böses." Der schwächlich aussehende Junge hatte sich dann angewöhnt, mit zur Faust gemachten Händen so fest wie möglich gegen Mauern und dicke Bäume zu schlagen. Diese im Laufe der Zeit mit dicker Hornhaut ausgebildeten Fingerknöchel der Hände waren wie Schlagringe, mit denen er dann allerdings schon mal zu seiner eigenen Verteidigung zuschlug, wonach einmal ein arroganter und bösartiger indischer Geschäftsmann sogar zum Zahnarzt mußte.
Also: Die Mutter hatte die Einsicht gewonnen, daß Kinder immer etwas Strafwürdiges ausrichten, eine Ansicht, die auch in westlichen Kulturen bis vor weniger Jahren verbreitet war. "Schade um jeden Schlag, der vorbei geht..." oder "einem Kind muß erst einmal das Rückgart gebrochen werden..." bzw. "dem muß der eigene Wille gebrochen werden."
Der Geschlagene reagierte mit der Ausweichreaktion: Selbst-Aggression und schließlich auch mit nach außen gerichteter Aggression.
Hemmung von Aggression:
Leid-induzierte Hemmung (Mitleid)
Angst vor Bestrafung,
Einstellung gegen Aggression (anti-aggressive Einstellung, d.h. moralische Hemmung)
Rechtfertigung von Aggression:
Eine anti-aggressive Einstellung wird durch Gegenargumente inhaltlich entwertet beziehungsweise die Handlung beschönigt, bagatellisiert oder gar gepriesen:
• Man stellt die Aggression in den Dienst höhere Ziele («heiliger Krieg»,
«Erziehung zu einem anständigen Menschen»).
• Man beschuldigt das Opfer («Gegengewalt», «gerechte Strafe»).
Diese Rechtfertigungen sind wohl am häufigsten; weitere sind:
• Man bestreitet dem Opfer seinen menschlichen Wert («dehumanization», BANDURA
1973) («Untermenschen», «Ungeziefer»).
• Man bagatellisiert die Konsequenzen («Eine Tracht Prügel hat noch niemandem
geschadet»).
• Bei großer Verlegenheit kann man auch die Methode des vorteilhaften Vergleichs
wählen, indem man auf noch größere und schlimmere Untaten anderer verweist.
In anderen Fällen wird nicht die Tat als solche verteidigt, sondern die
Verantwortung dafür bestritten und die Selbstverurteilung auf diese Weise
vermieden:
• Die Verantwortung wird anderen Personen zugewiesen.
• Die Verantwortung wird so breit verteilt, daß keiner wirklich welche trägt,
sondern nur «die Gruppe» oder ein «Apparat».
Abgeleitete Aggression:
Normaler Weise trifft die Aggression den "Frustrator", also denjenigen, der einen frustriert hat. Bei Respekt oder Angst vor dem Frustrator, den direkt anzugreifen man sich nicht traut, wird die Angst auf ähnliche Personen abgeleitet. Hat man vor denen aber auch Angst, wird weiter abgeleitet, bis daß die Angst nicht mehr hinderlich als Aggressionshemmung ist (>Sündenbock<, Ingroup- outgroup-Verhältnis = Wir-Gruppe, Ihr-Gruppe).
Beispiel: Der Kain in der Bibel, dessen vegetarisches Opfer seinem Fleisch fressenden HERRN nicht paßte, dem aber Kain auf keinen Fall seine Ärger zeigen geschweige denn eine runter hauen durfte, brachte statt dessen seinen Bruder Abel um.
Weiter mit Nolting:
"Die Triebtheorie von Konrad Lorenz
Kaum ein Buch über Aggression, vielleicht sogar über menschliches Verhalten
generell, ist bei uns so bekannt geworden wie »Das sogenannte Böse« von Konrad
LORENZ (1963). Auch die wissenschaftliche Diskussion des Aggressionsproblems hat
dadurch einen kräftigen Anstoß bekommen.
Klarer und faßlicher als die meisten Psychoanalytiker erklärt der
Tierverhaltensforscher LORENZ, was die Lehre vom Aggressionstrieb bedeutet: «Die
Spontaneität des Instinktes ist es, die ihn so gefährlich macht». In unserem
Organismus werden also ständig aggressive Impulse erzeugt, die sich so
lange aufstauen (summieren), bis eine bestimmte Schwelle überschritten
wird: Dann kommt es zur Entladung in einer aggressiven Handlung. Nach dieser »Dampfkesseltheorie« der Aggression ist der Mensch nicht wütend, weil ihm z. B.
Ärgerliches widerfuhr - dies hat allenfalls das Ventil geöffnet-, sondern
weil der spontane Trieb sich wieder einmal entladen mußte. Nach der
«Abreaktion» herrscht Ruhe, bis wieder ein gewisser «Dampfdruck» erreicht ist.
Je länger die Entladung aufgeschoben wird - man befindet sich ja meist in
Situationen, in denen Aggressionen nicht akzeptabel sind -, um so größer ist der
Triebstau und damit um so kleiner der Anlaß, der für einen aggressiven Ausbruch
nötig ist. So kann die Fliege an der Wand zu einer Explosion führen. Im
Extremfall kann es nach LORENZ sogar ohne äußeren Auslöser zur aggressiven
Abreaktion kommen (Leerlaufreaktion).
Stammesgeschichtliche Erklärung des Aggressionstriebs
Da Aggression nach LORENZ ein angeborener Instinkt
sehr vieler Tierarten und eben auch des Menschen ist, muß für jeden, der
darwinistisch zu denken gelernt hat, ein solcher Trieb einen Sinn - genauer:
einen arterhaltenden Sinn - haben. Darin unterscheidet sich LORENZ'
Auffassung von FREUDS selbstvernichtendem Todestrieb. Dabei bleibt
aggressives Verhalten gegen andere Arten (z. B. das Beutemachen), dessen
arterhaltende Funktion offenkundig ist, außer Betracht. LORENZ definiert daher
auch Aggression - spezifischer als die Psychoanalytiker - als den »auf den
Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch«.
Den biologischen Zweck dieser innerartlichen (intraspezifischen) Aggression
beschreibt LORENZ unter dem Titel »Wozu das Böse gut« ist in folgenden
Funktionen:
1. Die Artgenossen stoßen sich gegenseitig ab; auf diese Weise verteilen sie sich in ihrem Lebensraum so, daß jeder sein Auskommen hat.
2. Die Auswahl der besten, d. h. stärksten, für die Fortpflanzung wird gewährleistet (in sogenannten Rivalenkämpfen).
3. Damit wird auch die Selektion eines kämpferischen Familienverteidigers für die Brutpflege gesichert.
4. Bei in Gemeinschaft lebenden höheren Tieren dient die Aggression auch der Bildung von Rangordnungen, die die »Handlungsfähigkeit« der Gemeinschaft sichern.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß sich die «an sich» zweckmäßige
innerartliche Zuchtwahl auch verselbständigen kann, d. h. eventuell auch dann
betrieben wird, wenn dies nach den Bedingungen der außerartlichen Umwelt nicht
mehr erforderlich ist. Dies ist nach LORENZ offenbar in der Frühzeit der
Menschheitsgeschichte vor sich gegangen: »Vor allem aber ist es mehr als
wahrscheinlich, daß das verderbliche Maß an Aggressionstrieb, das uns Menschen
heute noch als böses Erbe in den Knochen sitzt, durch einen Vorgang
intraspezifischer Selektion verursacht wurde, der durch mehrere
Jahrzehntausende, nämlich durch die ganze Frühsteinzeit, auf unsere Ahnen
eingewirkt hat. Als die Menschen eben gerade so weit waren, daß sie kraft ihrer
Bewaffnung, Bekleidung und ihrer sozialen Organisation die von außen drohenden
Gefahren des Verhungerns, Erfrierens, Gefressenwerdens von Großraubtieren
einigermaßen gebannt hatten, so daß diese nicht mehr die wesentlichen
selektierenden Faktoren darstellten, muß eine böse intraspezifische Selektion
eingesetzt haben. Der nunmehr Auslese treibende Faktor war der Krieg, den die
feindlichen benachbarten Menschenhorden gegeneinander führten. Er muß eine
extreme Herauszüchtung aller sogenannten kriegerischen Tugenden bewirkt haben«.
In der heutigen Situation kommt nach LORENZ als weiteres Problem für den
Menschen hinzu, daß die Hemmungsmechanismen, die jede Art neben ihrem
Aggressionstrieb zur Vermeidung einer grenzenlosen gegenseitigen Ausrottung
mitbekommen hat (z. B. Demutsgebärden bei Tieren, Schreien des Opfers beim
Menschen), durch die Entwicklung von Fernwaffen, deren Wirkung man nicht mit
ansehen muß, außer Kraft gesetzt werden." (Ende des Zitats)
Wie alle Triebe können sie durch Reize stimuliert, so daß es eher und intensiver zu einer Triebauslebung kommt. Beispiel: Leicht bekleidete Frauen aktivieren den Sexualtrieb der Männer. Dementsprechend kann Haßpredigen, (Aufruf zur Vernichtung von Gegenern) aggressives Verhalten auslösen, bzw. verstärken.
Es ist noch zu erwähnen, daß es zu Aggressionen (angefangen von
Streitsucht bis Vandalismus und schließlich Totschlag) kommt einfach aus
Erlebnishunger, Bedürfnis nach Stärke- und Machtzeigen.
Das scheußlichste Beispiel von Aggression bietet der Gott, den sich die Menschen zwar früher ausgedacht haben (als eine >Projektion<), aber für die modernen drei großen Religionen in ihren Heiligen Schriften der Führer und Anbetungswürdige ist. >Hier< ein Haßausfluß-Beispiel.