
Dazu: Rollenverhalten und
Rollenverteilung der Geschlechter, Ursprache und mehr zur Sprachentwicklung
>Hier< zum "Lernen am Modell"und
"durch Einsicht", "Erziehung".
>Hier<: Auch Tiere lernen von ihren Eltern, und es gibt
im Gehirn ein Up-Date.
Auf getrennten Seiten:
>Hier< zur vorgeburtlichen Stimulierung,
>hier<
die "soziale Konstruktion von Geschlecht",
>hier<
eine Geschlechterstudie,
>hier<
zum Männlichkeitswahn, Unterschied Mann-Frau.
Da der Mensch noch
Urinstinkte
hat, werden diese von den "Marktforschern" ausfindig gemacht und ausgenutzt.
Kartoffel-Chips müssen "knusprig" und "knackig" sein, je näher das Gefühl im
Mund und das Geräusch beim Kauen dem Knacken von Knochen kommt, desto höher die
Nachfrage. Insbesondere männliche Menschen folgen - wie bei anderen
Gegebenheiten offensichtlich einem vormenschlichen, tierhaften, archaischen (archaios:
ursprünglich, alt) Trieb. Eine Automobil verleiht vielen Männern zusätzliche
Kraft. Er, der Mann, schwärmt von PS-(den Pferdestärken-)Werten. Die Zeitungen
und Zeitschriften beschreiben kraftprotzende, allradgetriebene Geländefahrzeuge
(Off-Road, also querfeldein). Psychologen sprechen gerne - nicht ohne Ironie -
von "Testosteron*-Triebwerken" und vom Auto als dem "Kampfhund des Mannes". Die
ideale Form zeigt das Bild rechts.
*
das männliche Geschlechtshormon, welches die Ausbildung der männlichen
sekundären Geschlechtsmerkmale bewirkt und die Spermienreifung fördert.
Dort,
wo man auf ärztlichen Rat oder auf sonst wen warten muß, liegen für weibliche
Menschen dutzende von Frauenmagazinen aus und für den Mann immer
mindestens eine Autozeitschrift und eine, die beschreibt, wie man erfolgreicher
sein kann. Daran ist zu erkennen, daß sich die klassischen Rollen unwesentlich
verändert haben: Frauen sind an Mode interessiert, an "schöner Wohnen", Kochen
und wer mit wem, Klatsch und Tratsch ... Selten greift eine Frau -
insbesondere, wenn modisch gekleidet - zu einer Zeitschrift "Focus" oder "Der
Spiegel" nie zu "Auto, Motor, Sport".
Ist die "Rollenverteilung" der
Geschlechter also eine traditionelle Nachahmung oder doch begründet in einem
Urinstinkt, vielleicht nur eine Unterwerfung durch die Werbepropagande? Nein, es
muß befürchtet werden, daß sehr wohl entsprechend den unterschiedlich physisch,
insbesondere hormonell gesteuerten Geschlechtern auch ein mentaler Unterschied
zumindest als Grundlage vorhanden ist. Die meisten Menschen sind ganz
offensichtlich nicht in der Lage über ihren "hormonellen Schatten" zu springen.
Das Problem der »Ursprache« der
Menschheit ist lange Gegenstand von Spekulationen und wissenschaftlichen
Untersuchungen gewesen. Insbesondere wurde wiederholt versucht, von kindlichem
Spracherwerb Rückschlüsse auf die Entstehung der menschlichen Sprache überhaupt
zu ziehen. Solche Ansätze haben sich jedoch im Wesentlichen als verfehlt
erwiesen. Unabhängig davon ist es gleichwohl aufschlussreich, sich einige
allgemeine Eigenschaften der Anlagen des Menschen zu vergegenwärtigen, die es
ihm ermöglichen, Sprachen zu erlernen. Hierbei geht es in erster Linie um die
Muttersprache, genauer um die Anlagen zum Erwerb der Erstsprache.
Infantil
Zunächst ist die schlichte Tatsache hervorzuheben, dass der Mensch bei seiner
Geburt sprachlos ist. Anders als etwa den aufrechten Gang oder die Sexualität
entwickelt er seine Sprache nicht spontan, sondern übernimmt diese von seiner
Umgebung. Diese Eigenschaft könnte man daher nach dem lateinischen Wort »infans«
für »kleines Kind« und »nicht sprechend« Infantilität nennen. Der Spracherwerb
ist jedoch nicht radikal, sondern beruht auf frühkindlichen, vorsprachlichen
Formen der Kommunikation, die nicht erlernt sein können, ohne ihrerseits auf
primitivere und ungelernte Anlagen zurückzugehen. Die Eigenschaft der
Infantilität verlangt demzufolge eine direkt oder indirekt auf unserem Genom
beruhende Anlage zur Erlernung von Sprachen. Offen bleibt nur, was diese Anlage
enthält.
Homogen
Es gibt keine Wortart, grammatische Konstruktion oder pragmatische Besonderheit
einer Sprache, die eine Menschengruppe aufgrund ihrer Abstammung beherrschte,
eine andere Gruppe dagegen nicht. Die Menschheit ist demnach in dem Sinne
homogen, dass sie keine »rassischen«, geschlechtlichen oder familiären, also
generell biologischen Unterschiede in der Anlage zum Spracherwerb aufweist.
Obwohl individuelle Unterschiede nicht zu leugnen sind, erscheinen diese aus
anthropologischer Perspektive eher unbedeutend. Zwar kommen Sprachbegabungen vor
- so wie jemand musikalisch sein kann -, doch wirken sich diese nicht auf den
kindlichen Erwerb der Erstsprache aus. Sie betreffen vielmehr die Aneignung von
Sprachen im Erwachsenenalter oder rhetorische Fähigkeiten.
Imperativ
Jeder gesunde Mensch erwirbt als Kind unter normalen Bedingungen eine Sprache
und beherrscht sie später vollständig. Denn wir sind nicht nur in der Lage, eine
Sprache zu erlernen, sondern können aufgrund unserer Anlagen gar nicht anders,
als dies zu tun. So sind zwar schriftlose Kulturen und Völker bekannt, die auf
das Rechnen verzichten, doch ist kein einziges Beispiel einer sprachlosen
Gemeinschaft dokumentiert. Fälle, in denen jemand nicht spricht, da der Kontakt
zur Umgebung gewaltsam unterbunden wird oder weil eine schwere Behinderung wie
etwa Taubheit vorliegt, zählen in diesem Zusammenhang selbstverständlich nicht.
Plastisch
Die Anlage, eine Sprache zu erlernen, ist plastisch, da sie keine bestimmte
Sprache vorschreibt. Homogenität und Plastizität zusammen reflektieren die
wichtige Tatsache, dass jeder Mensch als Kind jede menschliche Sprache erlernen
kann. Vor dem Hintergrund der Imperativität des Spracherwerbs lernt jeder Mensch
in seiner Kindheit unabhängig von seiner Abstammung zunächst die Sprache seiner
Umgebung. Das aber heißt mit Blick auf die einzelnen Sprachen, dass es keine
wirklich primitiven oder höher stehenden Sprachen oder Varietäten gibt. Die
allgemeine Hochschätzung etwa des Sanskrits oder des Chinesischen beruht weniger
auf den linguistischen Eigenschaften dieser Sprachen, als vielmehr auf ihrer
Literatur. Wer Slangs als minderwertig empfindet, verkennt die Komplexität ihrer
sprachlichen Strukturen. In diesem Sinn hat der amerikanische Linguist und
Anthropologe Edward Sapir als Erster die Meinung vertreten, dass sich keine
Sprache in dem für uns überschaubaren Zeitraum linguistisch beurteilt wesentlich
weiterentwickelt habe oder degeneriert sei.
Variabel
Im Alter von acht bis zwölf Jahren beherrscht ein Kind in der Regel auch
komplexere grammatische Strukturen und schwierige Begriffsbildungen. Damit gilt
der primäre Spracherwerb als abgeschlossen. Doch bleibt der Mensch zeitlebens
bis zu einem gewissen Grade sprachlich variabel. So übernimmt und prägt er neue
Wörter, erweitert er die Bedeutung vertrauter Ausdrücke um modische
Schattierungen oder vergisst Teile seines Wortschatzes. Die grammatische
Struktur von Sätzen scheint dagegen bei Erwachsenen relativ stabil zu sein. Die
Variabilität der Sprache im Erwachsenenalter ist die Vorbedingung für jede über
den Wechsel der Generationen hinausgehende Evolution der Sprachen und damit für
die Entfaltung einer Sprach- und Kulturgeschichte.
Multipel
Ein Mensch kann als Kind nicht nur seine Muttersprache erwerben, sondern
nacheinander oder gleichzeitig weitere Sprachen erlernen. Der Mensch kann in
diesem Sinn multipel genannt werden. Beispielsweise lernen indische Kinder,
entsprechende soziale Verhältnisse vorausgesetzt, bereits in jungen Jahren eine
der 14 offiziellen Regionalsprachen des Landes, die indische Amtssprache Hindi
und zudem oft noch Englisch. Offensichtlich blockiert das Erlernen oder
Beherrschen der einen Sprache nicht grundsätzlich das der anderen, wenn auch
nach Ansicht einiger Entwicklungspsychologen multiple Lernprozesse dazu führen,
dass keine der beteiligten Sprachen vollständig erworben wird. Multiplität ist
die Voraussetzung für die Verständigung zwischen den Menschen mit verschiedenen
Sprachen und somit auch für Übersetzungen. Daher könnte ohne die Multiplität
auch kein Austausch zwischen den Sprachen stattfinden. Ohne sie wären die
verschiedenen Sprachgemeinschaften kulturell isoliert.
Isoliert
Bislang ist kein Fall bekannt geworden, in dem ein gesunder und unter normalen
Umständen lebender Mensch die »Sprache« eines Tieres beherrscht und sie nicht
nur imitiert hätte. Umgekehrt scheint auch kein Tier jemals eine menschliche
Sprache in nennenswertem Umfang erlernt zu haben, sodass wir von grundlegend
verschiedenen Zeichensystemen ausgehen müssen. In diesem Sinne ist die
Menschheit vom Tierreich isoliert; Menschen und Tiere »verstehen« sich auf
sprachlicher Ebene nicht. Die Isolation der menschlichen Sprache gegenüber den
Formen der Kommunikation bei Tieren ist so umfassend, dass uns selbst eine
passende Bezeichnung für Letztere fehlt. Isoliertheit scheint aber keine
Besonderheit des Menschen zu sein, denn die meisten Tiere können mit Vertretern
anderer Gattungen ebenfalls nicht kommunizieren. Diese Beobachtung zwingt die
Linguistik zu der Annahme, dass menschliche Sprachen nicht beliebige Gestalt
annehmen können und führt zum Postulat einer biologischen Natur menschlicher
Sprachen (die bislang von der Wissenschaft allerdings nur undeutlich erkannt
wird). Zugleich unterstreicht die Feststellung der Isoliertheit noch einmal,
dass ein »radikaler« Spracherwerb ohne spezifische genetische Anlagen
offensichtlich nicht möglich ist.
Spezifisch
Tatsächlich weiß man über die biologische Determination der menschlichen Sprache
immer noch sehr wenig, obwohl Wissenschaftler die Entdeckung des Sprachgens SPCH
1 als Durchbruch feierten. So ist nicht sicher, ob die Erbanlagen bestimmte
Strukturen der Sprache festlegen oder in ihrer Entwicklung nur mittelbar
begünstigen. Unsere genetischen Anlagen scheinen aber insofern spezifisch zu
sein, als sie - direkt oder indirekt - den Sprachen eine besondere Architektur
verleihen: Wie vergleichende Untersuchungen zeigen, sind sprachliche Ausdrücke
erstens generell linear und zweitens immer dreistufig. Sie bestehen aus Lauten,
Wörtern und Sätzen. Dabei ist das Verhältnis zwischen Lauten und Wörtern
arbiträr und die Beziehung zwischen Wörtern und Sätzen produktiv.
Linearität und Dreistufigkeit der Sprachen
Alle Sprachen reihen Laute, Wörter und Sätze wie Perlen aneinander. Sie sind
demnach nur in einer Dimension ausgedehnt, das heißt linear, obwohl sie als
gesprochene Sprachen in unterschiedliche Lautstärken, Tonhöhen und Klangfarben
artikuliert werden und damit in mehreren Kategorien variieren. Wenn komplexe
Sachverhalte beschrieben werden sollen, müssen deren Strukturen aufgelöst und
die den einzelnen Elementen entsprechenden sprachlichen Ausdrücke nach
bestimmten Regeln in eine lineare Abfolge gebracht werden. Diesen Vorgang, der
zu den hervorstechendsten Eigentümlichkeiten der menschlichen Sprache gehört,
bezeichnet man als Codierung. Dabei werden alle sprachlichen Ausdrücke in drei
Stufen aufgebaut: Aus Lauten werden Wörter gebildet, die ihrerseits Bausteine
von Sätzen werden. Ein-Laut-Wörter wie japanisch o »Schwanz« oder Ein-Wort-Sätze
wie das deutsche Schweig! sind demzufolge Ausnahmefälle, lateinisch î »geh« ist
sogar ein Ein-Laut-Satz.
Die Beziehung zwischen Lauten und Wörtern ist arbiträr
Die Verbindung eines Gegenstandes, einer Vorstellung oder eines Begriffs, kurz
der Bedeutung eines Wortes mit einer Lautfolge ist zumeist vollkommen
willkürlich (arbiträr). Vom systematischen Standpunkt aus betrachtet gibt es
beispielsweise keinen zwingenden Grund dafür, etwa das im Deutschen als Baum
Bezeichnete gerade mit dieser Lautfolge auszudrücken und nicht wie im
Französischen mit arbre oder wie im Englischen mit tree. Dazu kommt die
Tatsache, dass verschiedene Sprachen die Begriffe anders fassen, zum Beispiel
die Grenzen zwischen den Begriffen »Baum« und »Strauch« anders ziehen.
Die Erklärung des Begriffs Arbitrarität als Willkür oder Beliebigkeit darf nicht
dazu verführen, jede Beziehung zwischen Ausdrücken und Inhalten zu leugnen.
Tatsächlich können wir eine Sprache nur sprechen, da wir eine bestimmte
Verbindung zwischen der Bedeutung eines Wortes mit dem entsprechenden Zeichen
und dessen Relation zu einer Lautfolge herstellen können. Wörterbücher versuchen
diese Beziehungen zu erfassen. Da sie keinen einfachen Regeln gehorchen,
empfindet sie besonders der Lernende als irregulär oder eben arbiträr.
Die Beziehung zwischen Wörtern und Sätzen ist produktiv
Wir können davon ausgehen, dass ein kleines Kind nicht alle Sätze bereits einmal
gehört und memoriert hat, die es zu formulieren versteht. Es hat nicht eine
Menge von Sätzen auswendig gelernt, um sie dann wiederzugeben. Vielmehr löst es
diese unwillkürlich in Wörter auf und bildet - ihm unbewusst - Regeln aus, um
Wörter zu neuen Sätzen zu verknüpfen. Damit ermöglicht das Hören relativ weniger
Sätze die Bildung einer Vielzahl von Sätzen. Wir machen, wie Wilhelm von
Humboldt formulierte, von endlichen Mitteln unendlichen Gebrauch, indem wir die
Elemente unseres Wortschatzes immer wieder neu kombinieren.
Diesen Gedanken hat der amerikanische Linguist Noam Chomsky seit 1955 mithilfe
mathemathischer Modelle präzisiert. Er prägte für unser Vermögen, unbegrenzt
viele Sätze aus vergleichsweise wenigen Wörtern und nach nur einigen Regeln
hervorzubringen, den Begriff der Produktivität. Diese hat laut Chomsky eine
bestimmte mathematische Form, die allen Sprachen eine gemeinsame Grundstruktur,
die Universalgrammatik, verleiht.
(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007
Grausame Experimente
Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass der ägyptische
Pharao Psammetichus im 5. Jahrhundert vor unserer Zeit herausfinden wollte,
welches das älteste Volk sei. Zu diesem Zweck wollte er feststellen, welche
Sprache der Mensch von Natur aus spreche. Dies müsse dann die Sprache des
ältesten Volkes sein. Es machte daher folgendes Experiment: Er nahm zwei
Neugeborene von ihren Eltern weg und übergab sie einem Ziegenhirten. Diesem
befahl er, die Kinder in einer Hütte unterzubringen und niemals ein Wort zu den
Kindern zu sagen. Wenn die Kinder Hunger hätten, sollten sie von einer Ziege
gesäugt werden. Der Hirte hatte den Auftrag genau zu beobachten, welches das
erste Wort sei, das eines der Kinder sagt. Eines Tages, nach etwa zwei Jahren,
sagte eines der Kinder »becos«, als der Hirte in die Hütte kam. Nachdem das Wort
in der folgenden Zeit noch öfter zu hören war, forschte der Pharao nach und
stellte fest, dass dies das phrygische Wort für Brot war. Das war in
Psammetichus' Augen der Beweis, dass die Phrygier das älteste Volk seien und
nicht die Ägypter, wie er selbst es gehofft hatte.
Ein ähnliches Experiment hat nach der Chronik von Salimbene da Parma Kaiser
Friedrich II. von Hohenstaufen durchgeführt. Er übergab Kinder einer Amme,
welche die Kinder ernähren und waschen sollte, ihnen aber sonst keinerlei
Zuwendung geben sollte und vor allem in Anwesenheit der Kinder niemals ein Wort
sprechen sollte. Friedrich wollte herausfinden, ob die Kinder von sich aus die
älteste Sprache der Menschheit, also eine Ursprache, oder aber die Sprache ihrer
Eltern sprechen. Die Antwort auf diese Frage bekam er nie, denn die Kinder
konnten nicht überleben ohne Zärtlichkeiten und liebevolle Zuwendung.
Beispiele isolierter Kinder
Zum Glück sind solche unmenschlichen Experimente Einzelfälle geblieben. Dennoch
ist es immer wieder vorgekommen, dass Kinder einige Zeit abseits der
Zivilisation verbrachten, sei es, dass sie sich verliefen oder dass sie bewusst
ausgesetzt wurden, weil die Eltern ihrer überdrüssig waren.
Einer der ältesten belegten Fälle war der Wetterauer Wolfsjunge, der im Jahre
1344 etwa zwölfjährig gefunden wurde. Im selben Jahr wurde in Hessen ein
weiterer Junge gefunden, etwa sieben Jahre alt, der auf allen vieren lief. Ein
Historiker berichtet, der Junge sei im Alter von drei Jahren von Wölfen
verschleppt worden. Angeblich hatten die Wölfe ihn mit großer Zuneigung
versorgt. Sie überließen ihm die besten Stücke der Beute, und sie hatten eine
Mulde gegraben und mit Blättern ausgelegt, die ihm nachts Schutz bot. Die Wölfe
legten sich im Kreis um ihn, um ihn im Schlaf zu wärmen.
Es wird von mehreren Kindern berichtet, die in der Folgezeit in Litauen gefunden
wurden. So trafen Jäger 1661 ein etwa zwölfjähriges Kind an, das unter Bären
lebte. Dieses litauische Bärenkind wehrte sich mit Fingernägeln und Zähnen gegen
die Menschen, die es einfangen wollten. Zwei weitere solcher Bärenkinder wurden
Ende desselben Jahrhunderts ebenfalls in Litauen aufgegriffen.
Der erste dokumentierte Fall, dass ein Mädchen gefunden wurde, stammt aus
Holland im Jahre 1717. Dieses Mädchen von Kranenburg hatte bis zum Alter von 16
Monaten bei ihren Eltern gelebt und war neunzehnjährig wieder gefunden worden,
ohne dass jemand erfahren hätte, wo sie die Zeit verbracht hatte. Sie konnte
nicht sprechen und ernährte sich von Kräutern. Sie verstand es zwar nach einiger
Zeit, sich mit Gesten verständlich zu machen, doch lernte sie niemals sprechen.
Einige Jahre später, 1724, wurde bei Hameln ein etwa dreizehnjähriger Junge
gefunden, der Jahre zuvor von seinen Eltern im Wald ausgesetzt worden war. Der
Körper des Jungen zeigte viele Narben. Als man ihm Brot anbot, verweigerte er es
und aß stattdessen lieber wilde Früchte und die Rinde junger Bäume. Im Gegensatz
zu den meisten anderen der aufgefundenen Kinder konnte der Wilde Peter von
Hameln sich aufrecht halten und auf zwei Beinen gehen. Seine anfängliche
Aggressivität ließ mit der Zeit deutlich nach. Er lernte einige Wörter zu
sprechen, um nach Nahrung zu verlangen, mehr jedoch nicht. Der hannoversche
König George I., in Personalunion auch König von Großbritannien, ließ ihn 1726
nach England bringen und versuchte, ihn erziehen zu lassen. Peter gewöhnte sich
zwar mit der Zeit daran, unter Menschen zu leben, akzeptierte nach einiger Zeit
auch Kleidung, lernte jedoch niemals sprechen. Von dem Zeitpunkt an, als er
aufgefunden wurde, lebte er noch achtundsechzig Jahre, während der jedoch seine
Verhaltensweisen und seine Fähigkeiten keinerlei Änderung mehr erfuhren.
Im Jahr 1920 fand der in Indien lebende Missionar J. A. L. Singh in einer Höhle
zwei Mädchen, etwa acht und anderthalb Jahre alt, und brachte sie in ein
Waisenhaus. Diese Wolfskinder von Midnapore wurden Kamala und Amala genannt.
Beide Kinder waren ängstlich und versuchten immer wieder zu fliehen. Ihr
Verhalten war auffällig: Sie gingen auf allen vieren, nachts streiften sie gern
und ohne Furcht umher und bewegten sich auch auf unebenem Gelände sicher, einen
toten Vogel, den sie unterwegs fanden, aßen sie gierig. Ihr äußerst feiner
Geruchssinn zeigte sich darin, dass sie die Anwesenheit von Menschen oder Tieren
sowie Nahrung auch bei großer Entfernung riechen konnten, das geringste Geräusch
ließ sie aus dem Schlaf schrecken. Große Hitze oder Kälte schien ihnen wenig
auszumachen. Bot man ihnen auf Tellern etwas zu essen an, so nahmen sie die
Nahrung wie Tiere mit dem Mund auf. Während das jüngere Mädchen schon nach einem
Jahr starb, lebte das ältere noch einige Jahre bei J. A. L. Singh und seiner
Frau. Es lernte mit der Zeit die Sprache zu verstehen, erwarb selbst aber nur
einen sehr geringen Wortschatz. Nach einiger Zeit konnte sie auf zwei Beinen
stehen und mit Mühe auch gehen, lief in Eile jedoch nach wie vor auf allen
vieren. Als sie 1928 16-jährig starb, hatte sie den Entwicklungsstand eines
drei- bis vierjährigen Kindes erreicht.
Insgesamt sind zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert rund 50 Fälle von
»wilden Kindern« dokumentiert.
Kaspar Hauser
Der in Deutschland bekannteste Fall von einem Wolfskind ist der Fall von Kaspar
Hauser. Dieser junge Mann tauchte 1828 schwankend und mit zerrissenen Kleidern
am Leib in Nürnberg auf, und seine Erscheinung versetzte die Bewohner zunächst
in Angst und Schrecken. Er trug einige Dinge in der Jackentasche, darunter einen
Zettel, auf dem es hieß, er sei 1812 geboren und hieße Kaspar. Abgesehen von
paar unverständlichen Worten in einem fremden Dialekt war Kaspar nicht in der
Lage zu sprechen. Fleisch lehnte er ab, er ernährte sich bevorzugt von Brot und
Wasser. Sein Gang war torkelnd und unsicher, er stürzte häufig.
Kaspar wurde kurz nach seinem Auftauchen im Haus des Philosophen und Dichters
Georg Friedrich Daumer aufgenommen, der ihn unterstützte und förderte. Lange
Zeit versetzte ihn alles Neue in Angst und Schrecken. Dennoch machte Kaspar hier
große Fortschritte und entwickelte soziale und intellektuelle Fähigkeiten. Sein
Gang wurde allmählich sicherer, er lernte sogar das Treppensteigen. Er gewöhnte
sich an bestimmte Regeln des Zusammenlebens. Große Fortschritte machte er beim
Sprechen. Zunächst gebrauchte er nur Infinitive und sprach von sich selbst in
der dritten Person, doch nach etwa drei Jahren konnte er auch diese Probleme
bewältigen. Kaspar erhielt Unterricht, man versuchte sogar, ihm auf dem
Gymnasium Latein beizubringen, doch hatte er nicht allzu viel Freude am Lernen.
Später nahm sich besonders der Jurist Anselm von Feuerbach seiner an, der ihn
nach zwei nie geklärten Attentatsversuchen in die Obhut des Volksschullehrers J.
G. Meyer in Ansbach gab. Kaspar arbeitete als Aktenkopist am dortigen
Appellationsgericht. Am 17. Dezember 1833 wurde Kaspar von einem Unbekannten in
Ansbach erstochen.
Kaspars Herkunft bleibt weitgehend im Dunkeln. Über die Zeit vor seinem
Auftauchen in Nürnberg hatte er nur sehr unklare Vorstellungen, die zunehmend
verblassten. Nur so viel scheint sicher: Soweit er zurückdenken konnte, hatte er
sich in einem sehr einfachen Raum befunden. Von Zeit zu Zeit erhielt er Brot und
Wasser, ohne dass er dabei einen Menschen zu Gesicht bekam oder ein Wort hörte.
Gelegentlich bemerkte er, wenn er aufwachte, dass seine Haare und Nägel
geschnitten waren. Die näheren Umstande dieser Zeit abseits der Zivilisation
blieben im Dunkeln. Schließlich tauchten Vermutungen auf, Kaspar sei der Sohn
des Großherzogs Karl von Baden, den man ausgesetzt hatte, um ihn als Thronfolger
auszuschalten. Nicht zuletzt durch diesen Mythos wurde er zu einer Person der
Zeitgeschichte, an deren Schicksal die Gesellschaft regen Anteil nahm. 1996
wurde eine DNS-Analyse durchgeführt, von der man sich Hinweise auf die Herkunft
Kaspars erhoffte. Diese Analyse beruhte auf dem Blutfleck in einer Unterhose,
die angeblich Kaspar Hauser gehört haben soll und vor einiger Zeit aufgefunden
worden ist. Die Analyse erbrachte keine Hinweise auf eine Zugehörigkeit zum
badischen Herrscherhaus.
Viktor von Aveyron
Am besten untersucht und dokumentiert wurde die Geschichte des »Wilden von
Aveyron«, der Ende des 18. Jahrhunderts in Südfrankreich auftauchte. Einer
breiten Öffentlichkeit wurde dieser Fall in den 1970er-Jahren bekannt, als der
französische Filmregisseur François Truffaut die Geschichte aufgriff und den
Spielfilm »L'enfant sauvage« (deutsch unter dem Titel »Der Wolfsjunge«) drehte.
Bereits 1797 wurde im Wald von Lacaune im Departement Tarn mehrmals ein
vollkommen nacktes Kind gesehen, das sofort weglief, wenn man sich ihm näherte.
Zweimal wurde der Junge eingefangen, beide Male gelang es ihm wieder zu fliehen,
bis er im Januar des Jahres 1800 in einem nahe dem Wald gelegenen Garten
entdeckt und endgültig gefangen wurde. Weitere Fluchtversuche wurden erfolgreich
verhindert, und das Kind wurde zum Objekt intensiver Beobachtungen und mehrerer
wissenschaftlicher Arbeiten.
Der Junge - man nannte ihn inzwischen Viktor - war nicht in der Lage zu
sprechen. Er schlief von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und er liebte das
Feuer. Als man ihm einen Spiegel vorhielt, erkannte er sein Spiegelbild nicht,
sondern griff nach dem Spiegel und dahinter, in der Vermutung, dort befinde sich
eine weitere Person.
Im Spätsommer 1800 wurde Viktor nach Paris gebracht. Der damals berühmte
Psychiater Pinel fertigte ein Gutachten über ihn an und diagnostizierte Idiotie.
Auch Jean Marie Gaspard Itard, der Chefarzt einer Pariser Anstalt für
Taubstumme, begutachtete Viktor. Zwar kam Itard ebenfalls zu dem Schluss, hier
einen Fall von Idiotie vorliegen zu haben, doch während Pinel hier eine
angeborene Störung sah, war Itard der Ansicht, die Idiotie sei im Falle von
Viktor erst durch die Einsamkeit und das Fehlen eines sozialen und kulturellen
Umfelds entstanden - und damit sei sein Zustand auch veränderbar. Itard
beschloss, sich des Jungen anzunehmen, um ihn zu erziehen und damit seine These
zu beweisen.
Ein gescheiterter Versuch
Von da an lebte Viktor in der Taubstummenanstalt, und Itard wendete viel Zeit
für seine Erziehung auf. Viktor empfand offenbar keine Schmerzen, da er glühende
Holzscheite mit der bloßen Hand anfasste. Gegenüber üblem Gestank zeigt er
keinerlei Regung. Er ernährte sich vegetarisch von Wurzeln und Früchten wie
Kastanien oder Eicheln. Er roch an allem, was ihm in die Hände fiel.
Nach einem Jahr bei Dr. Itard war Viktor in der Lage, sich anzuziehen und
einfache Aufgaben zu erledigen, wie den Tisch zu decken oder Wasser zu holen. Er
hatte gelernt, einige Buchstaben auszusprechen. Itard fertigte Lottospiele mit
Bildern und Buchstaben an, um das Sprechen und Lesen weiter zu fördern. In der
Folgezeit machte Viktor noch einige Fortschritte, doch konnte er nach fünf
Jahren noch immer nicht richtig sprechen, und auch in seinem sonstigen Verhalten
war keine Veränderung mehr zu beobachten. Schließlich musste Itard erkennen,
dass er sein Ziel, den »Wilden von Aveyron« zu zähmen und zu sozialisieren,
nicht erreicht hatte und dass weitere Fortschritte auch nicht mehr zu erwarten
waren. Dennoch sah Itard insgesamt gewisse Erfolge. So konnte er bei Viktor eine
gesteigerte und verfeinerte Wahrnehmung durch seine Sinnesorgane verbuchen, und
er konnte in Viktors Verhalten Zeichen von gutem Willen, Gewissenhaftigkeit und
Reue erkennen.
Viktor wurde in der Folgezeit von einer Angestellten der Taubstummenanstalt
betreut und starb 1828 im Alter von etwa 40 Jahren.
Die menschliche Natur
So verschieden die dokumentierten Fälle auch sein mögen, so sind doch einige
Merkmale im Verhalten der Kinder immer wieder beobachtet worden. So liefen viele
der Kinder auf Händen und Füßen; die wenigen, die sich aufrecht fortbewegten,
liefen sehr unsicher auf zwei Beinen. Häufig scheuten die Kinder das Tageslicht,
fanden sich aber äußerst gut in der Dunkelheit zurecht. Die meisten verfügten
über ein sehr feines Gehör und einen ausgeprägten Geruchssinn. Wie man es häufig
bei Tieren beobachtet, schnupperten sie an allem, was ihnen begegnete. Gegenüber
extremer Hitze oder Kälte zeigten sich die meisten Kinder überraschend
unempfindlich.
Die Fälle von Wolfskindern oder wilden Kindern sind immer wieder auf großes
Interesse gestoßen, da sie viele Fragen über die menschliche Natur aufwerfen. So
versprach man sich durch eine Analyse dieser Fälle eine Antwort auf die Frage,
welche Eigenschaften und Fähigkeiten der Mensch von Natur aus in sich trage und
was er durch die Erziehung und durch seine Umgebung erst erlerne.
Alle Fälle von Wolfskindern beweisen, dass es einem Menschen möglich ist, die
zum Überleben notwendigen Fähigkeiten, beispielsweise die Suche nach Nahrung,
aus sich heraus zu entwickeln. Um jedoch das Gefühlsleben sowie intellektuelle
Fähigkeiten zu entwickeln, sind soziale Kontakte erforderlich. Ohne die
Gemeinschaft mit anderen Menschen, ohne deren Liebe und Zuwendung können sich
keine »menschlichen« Empfindungen entwickeln.
Die Gründe, warum die Erziehung im Falle von Viktor nicht erfolgreich war, mögen
vielfältig sein. Ein Grund ist jedoch mit Sicherheit das Alter des Jungen. Für
jede Fähigkeit gibt es ein bestimmtes Alter, in dem diese am besten gelernt
werden kann. Es ist unendlich viel schwieriger, dieselbe Fähigkeit zehn oder
fünfzehn Jahre später zu lernen. Hinzu kommt, dass die Kinder in ihrer Isolation
im Wald sich viele Gewohnheiten angeeignet haben, die sie zunächst einmal wieder
»verlernen« müssen, bevor an ihre Stelle andere Gewohnheiten treten können.
Andere Autoren führen das Scheitern des Erziehungsversuches vor allem auf die
Methodik der damaligen Erziehung zurück, die dem Kind nach festgefügten starren
Normen und Prinzipien ein rigoroses Lernprogramm überstülpte und dieses mit
Strafen durchzusetzen versuchte. Es bleibt offen, ob der »Wilde von Aveyron«
heute bessere Chancen hätte
(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007
Lernen am
Modell
Nach Hermann
Hobmair "Pädagogik", Stam-Verlag ist "das Lernen am Modell der Prozess,
bei dem eine Person (als Beobachter) sich Verhaltensweisen aneignet, die
sie bei einer anderen Person (dem Modell) beobachtet hat. Als Ergebnis
dieses Prozesses zeigt der Beobachter neues oder geändertes Verhalten."
Nicht nur
natürliche Personen, die real vorhanden sind, werden nachgeahmt, sondern
auch symbolische Modelle wie eine Held in einem Film.
Beispiel
nach Hobmaier: "Kinder sehen ein »Modell«
(Held, Heldin) im Fernsehen, hören ihre Eltern miteinander reden,
beobachten wie diese, andere Erwachsene oder Gleichaltrige sich
zueinander verhalten, und ahmen bestimmte Verhaltensweisen spontan nach.

„Lernen wäre
ein außerordentlich mühsames Geschäft – vom Risiko ganz zu schweigen –
wenn die Menschen als einzige Richtlinie für künftiges Tun nur die
Auswirkungen ihres eigenen Handelns hätten. Zum Glück werden die meisten
menschlichen Verhaltensweisen durch die Beobachtung von Modellen
erlernt: Bei der Beobachtung anderer macht man sich eine Vorstellung
davon, wie diese Verhaltensweisen ausgeführt werden. Später dient diese
kodierte Information dann als Handlungsrichtlinie. Da Menschen am
Beispiel anderer zumindest ungefähr lernen können, was sie tun müssen,
bevor sie die betreffende Verhaltensweise selbst ausgeführt haben,
bleiben ihnen überflüssige Fehler erspart.”
(Nach dem 1025 geborenen kanadischen Sozialpsychologen, Albert Bandura,
1979)
Andere
Bezeichnungen für Lernen am Modell sind Beobachtungslernen,
Nachahmungslernen, Imitationslernen, soziales Lernen,
Identifikationslernen, Rollenlernen und
stellvertretendes Lernen.
Damit Lernen
durch Beobachtung überhaupt stattfinden kann, müssen nach
Wikipedia
beim Individuum vier Prozesse ablaufen:
- Aufmerksamkeitsprozesse (damit das Gesehene überhaupt
aufgenommen werden kann. "Es werden Modelle ausgewählt, die
gewinnbringende Eigenschaften besitzen, während diejenigen,
denen es an gefälligen Charakterzügen fehlt, gewöhnlich
ignoriert oder abgelehnt werden", meint Bandera)
- Gedächtnisprozesse (damit sich das Gesehene in einer
Gedächtnisspur niederschlägt und sich später daran erinnert
werden kann. Mit Hilfe von Bild und Sprachsymbolen baut der
Beobachter in seinem Gedächtnis einen gedanklichen
Verstellungszusammenhang auf, den der bei der Nachahmung
aktiviert - auch nach Bandera)
- motorische Reproduktionsprozesse: (das Beobachtete zeigt
sich in einer Handlung. Nur selten lassen sich kognitive
Vorstellungen beim ersten Versuch ohne Fehler in richtige
Handlungen umsetzen. Genaue Nachbildungen werden nur durch
Übung, Wiederholung und Korrektur erworben.)
- Motivations- und Verstärkungsprozesse: (Handlung tritt
erst ein, wenn das Individuum entsprechend motiviert ist.
Nur wenn der Beobachter von den Ausführungen des
Modellverhaltens eine positive Konsequenz erwartet, wird er
es zeigen, andernfalls bleibt er latent, d.h. verdeckt.)
Aufmerksamkeitsprozesse
- Qualität der Beziehung ( Modell ↔ Beobachter)
- Persönlichkeitsmerkmale des Beobachters
- Persönlichkeitsmerkmale des Modells
- Situationsbedingungen (Familie, soziales Umfeld, Peergroup
- „Gruppe von Ähnlich-Altrigen“ oder „Gruppe von
Gleichgestellten“)
Gedächtnisprozesse
- Das Beobachtete wird so lange gespeichert/gezeigt, bis
es einen Nutzen für die zu erlernende Verhaltensweise
verspricht
- Das Gesehene wird in bildlich-sprachlichen Symbolen
gespeichert
Bedeutung von Verstärkern
- Modell befriedigt meine Bedürfnisse
- Lob des Modells (stellvertretende Verstärkung)
- Lob vom Modell (externe Verstärkung)
- Eigenlob (direkte Selbstverstärkung)
Lernen durch Einsicht
Lernen durch Einsicht meint den Prozess, bei dem eine Person ein
Problem denkend umstrukturiert und neu organisiert und so
Handlungsstrategien zu dessen Lösung herausfindet. Als Ergebnis
dieses Prozesses zeigt sich häufig eine Änderung des Verhaltens
bzw. einsichtiges Lernen kann als ein strukturierter Prozess
aufgefasst werden, der sich in einzelne Abschnitte aufteilen
lässt:
• Auftreten des Problems Für ein Lebewesen entsteht dann
ein Problem, wenn es ein Ziel hat, aber nicht weiß, wie es
dieses Ziel erreichen soll. Der Zielerreichung stehen Barrieren
im Weg, die es zu überwinden gilt. Diese Diskrepanz erzeugt
einen Spannungszustand, der die Suche nach einer Lösung auslöst.
• Probierverhalten Um zur Lösung des Problems zu kommen,
werden bereits bekannte und bewährte Verhaltensstrategien
ausprobiert. Führen diese Probehandlungen nicht zum Ziel, dann
legt das Individuum häufig eine Handlungspause ein.
• Umstrukturierung Während das Individuum bislang
handelte, versucht es nun denkend das Situationsgefüge zu
erfassen und umzugestalten. Die einzelnen Elemente einer
Situation werden zueinander in Beziehung gesetzt. Sie werden so
lange miteinander kombiniert, wieder auseinandergelegt und neu
kombiniert, bis durch einen plötzlichen Einfall sich die
zunächst beziehungslosen Elemente zu einem sinnvollen Ganzen
zusammenfügen.
• Einsicht und Lösung Dieses plötzliche Erkennen
(„Aha-Erlebnis") einer sinnvollen Beziehung zwischen den
einzelnen Elemente einer Problemsituation stellt zugleich deren
Lösung dar. Oder wie es Rolf Oerter (1971) bezeichnet: „Die
präziseste Fassung des Problems ist zugleich seine Lösung.""
• Anwendung Meist setzt jetzt sofort ein Handlungsprozess
ein, der die gedanklich gefundene Lösung ausführt. Führt dieses
„neue" Verhalten zum Ziel, dann wird es beibehalten und kann
unmittelbar nach dem Einsichtsprozess beliebig oft wiederholt
werden.
• Übertragung Die gefundene Lösung kann, soweit sie
eingeübt wird, auf eine ganze Reihe ähnlicher Problemsituationen
übertragen werden. Dieses Übertragen auf eine Reihe ähnlicher
Problemsituationen wird häufig als Transfer bezeichnet.
Zusammenfassung
►Menschliches Lernen ist
vielfältig. Verschiedene Lerntheorien versuchen unterschiedliche
Aspekte des Lernens zu erklären, vorherzusagen und zu
beeinflussen.
►Nach der Theorie des
klassischen Konditionierens vergrößert sich das
Verhaltensrepertoire des Menschen durch Reizkoppelung. Hierbei
wird ein ursprünglich neutraler Reiz mehrmals und unmittelbar
mit einem unbedingten Reiz verknüpft. Er wird zum Signal, das
eine bedingte Reaktion auslöst. Konditionierungen bauen entweder
auf angeborenen oder erlernten Reiz- Reaktions-Verbindungen auf,
wobei beim Menschen auch Worte Signalfunktion übernehmen.
Während der Organismus zu Beginn generalisiert, differenziert er
im Laufe des Konditionierungsprozesses. Eine gelernte Reaktion
wird gelöscht, wenn der UCS (unkonditionierten Reiz) längere
Zeit nicht auftritt.
Eltern und Erzieher, die hart strafen, schreien oder drohen,
werden zum Signal für Schrecken, Schmerz und Angst. Erzieher,
die dagegen ruhig und freundlich auf den Zu- Erziehenden
eingehen, werden zum Signal für Sicherheit und bewirken, dass
der Zu-Erziehende positive emotionale Reaktionen erwirbt.
Unerwünschte Gefühlsreaktionen, insbesondere Ängste, lassen sich
durch Gegenkonditionierung und systematische Desensibilisierung
abbauen.
►Nach der Theorie des operanten
Konditionierens lernt der Mensch aus den Konsequenzen seines
Verhaltens. Lassen sich durch ein Verhalten angenehme
Konsequenzen herbeiführen oder unangenehme beseitigen, dann
nimmt die Auftretenswahrscheinlichkeit dieses Verhaltens zu.
Folgen einem Verhalten keine oder unangenehme Konsequenzen, dann
nimmt dessen Auftretenswahrscheinlichkeit ab. Nicht gesichert
ist, ob durch Bestrafung ein Verhalten langfristig abgebaut
werden kann. Der Mensch lernt nur, wenn er durch sein
Aktivwerden einen unlustvollen Zustand beseitigen und einen
lustvollen herbeiführen kann. Ein durch Verstärkung erworbenes
Verhalten wird langfristig durch Übung und Wiederholung
erhalten, andernfalls wird es verlernt.
Erwünschtes Verhalten kann durch die Schaffung von Motivation
angeregt werden. Verhaltensformung baut komplexes Endverhalten
schrittweise auf. Kontingente und kontinuierliche Verstärkung
stabilisieren ein Verhalten, das sich am dauerhaftesten durch
intermittierende Verstärkung festigen lässt. Unerwünschtes
Verhalten lässt sich durch Nicht-Verstärkung löschen.
►Durch die Beobachtung sowohl
natürlicher als auch symbolischer Modelle eignet sich der Mensch
neue und komplexe Verhaltensweisen an. Aufmerksamkeits- und
Gedächtnisprozesse sind hierbei entscheidende Bedingungen,
während Motivations- und Verstärkungsprozesse die Ausführung des
gelernten Verhaltens fördern und aufrechterhalten. Durch Übung,
Wiederholung und Korrektur wird das gelernte Verhalten
vervollständigt. Die Beobachtung von erfolgreichen Modellen
enthemmt entsprechendes Verhalten, bestraftes Modellverhalten
wirkt auf den Beobachter dagegen hemmend.
Erzieher werden zu Vorbildern, wenn sie vom Zu-Erziehenden als
Person akzeptiert werden und eine positive emotionale Beziehung
besteht. Durch Vormachen und Vorleben kann der Erzieher
bewirken, dass der Zu- Erziehende erwünschtes Verhalten erwirbt
und aktiviert. Unerwünschtes Verhalten lässt sich entweder durch
eine Verhaltensänderung des Modells oder durch partizipierendes
Modellernen abbauen. Teilnehmende Beobachtung vermittelt
positive Verhaltensalternativen und befähigt den Zu-
Erziehenden, den Prozess der Verhaltensänderung selbst zu
steuern. Erzieher müssen sich ihrer Modellfunktion bewusst sein,
um unerwünschte Effekte möglichst gering zu halten.
►Die Gestaltpsychologie führt
menschliches Lernen vor allem auf Einsicht zurück. Probleme
werden nicht durch blindes Probieren, sondern durch Nachdenken
gelöst. Im Gedanken wird das Problem umstrukturiert und neu
organisiert. Als Ergebnis dieses Denkprozesses zeigt sich
geändertes Verhalten.
Erzieher können den Prozess des Umstrukturierens dadurch
fördern, indem sie ihr Verhalten transparent machen, den
Zu-Erziehenden zum Perspektivwechsel und zur Einfühlung in die
innere Situation eines anderen befähigen, für eine überschaubare
Gesamtsituation sorgen und relevante Zusammenhänge anschaulich
und logisch erklären. Durch Einsicht erworbenes Verhalten bedarf
der Übung und Anwendung.
Erziehung
Als
Erziehung bezeichnet man in der Wissenschaft alle
bewussten und gezielten (intentionalen) Handlungen und
Verhaltensweisen eines relativ erfahreneren Menschen
(Erzieher), die einen jeweils weniger Erfahrenen (Schüler,
Zögling, Auszubildender, Student) zur selbständigen
Lebensführung befähigen sollen.
Keine kognitive Entwicklung ohne Erziehung
Komplexe neuronale Verbindungen im Gehirn,
die das Denken, Handeln und Fühlen eines Menschen
bestimmen, entwickeln sich nicht von alleine, denn ihre
Ausformung hängt davon ab, wie und wofür ein Mensch sein
Gehirn benutzt. Entscheidend dafür sind die
individuellen Erfahrungen, die er im Laufe seines Lebens
machen konnte oder musste. Die wichtigsten Erfahrungen,
die Menschen im Laufe ihres Lebens prägen, sind
Erfahrungen, die sich aus dem Zusammenleben mit anderen
ergeben. Der Aufbau und die Arbeitsweise des
menschlichen Gehirns sind daher durch soziale
Beziehungserfahrungen determiniert. Das
menschliche Gehirn ist ein soziales Produkt,
ein Sozialorgan, denn soziale Erfahrungen gehen mit der
Aktivierung emotionaler Zentren einher, wodurch
Botenstoffe ausgeschüttet werden, die zur Bahnung und
Festigung der Verschaltungen im Gehirn beitragen.
Gefühle sind daher der entscheidende Auslöser ("Trigger")
für alle Lernprozesse, denn ohne diese Aktivierung der
emotionalen Zentren bleibt nichts im Gehirn haften.
Keine andere Spezies kommt mit einem derart offenen,
lernfähigen und durch eigene Erfahrungen in seiner
Weiterentwicklung und strukturellen Ausreifung formbaren
Gehirn zur Welt wie der Mensch, nirgendwo im Tierreich
sind die Nachkommen beim Erlernen dessen, was für ihr
Überleben wichtig ist, so sehr und so lange auf
Fürsorge, Unterstützung und Lenkung durch Erwachsene
angewiesen - der Mensch als physiologische
Frühgeburt -, und bei keiner anderen Art ist
die Gehirnentwicklung in solch hohem Ausmaß von
der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz
dieser erwachsenen Bezugspersonen abhängig.
Schon durch Nachahmung kann ein Kind
mehr erreichen als das, wozu es selbstständig in der
Lage ist, wobei die Nachahmungsleistung mit seinem
realen Entwicklungsniveau zusammenhängt. Daraus lässt
sich die Bedeutung der Vorbildfunktion
Erwachsener ableiten, denn durch die kompetente
Anleitung erwachsener Vorbilder können Kinder ihre
eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen und
weiterentwickeln. Bildung erfolgt daher immer
co-konstruktivistisch, wobei durch Erziehung kulturelles
Wissen wie Sprache, Denken, Problemlösestrategien usw.
rekonstruiert und transformiert wird.
Nicht näher eingegangen werden soll auf
Erziehungsbedürftigkeit und Erziehungsfähigkeit.
| |
autoritären Erzieherverhaltens
(insbesondere in ideologisch/religiösen Systemen) |
demokratischen Erzieherverhaltens
(konzentriert auf Wissenvermittlung) |
|
Kognition (Erkennen,
Kennenlernen« |
– verzerrte Wahrnehmung, der Umwelt wenig angepaßt
– Deutung der Reize nach einer „privaten Logik"
– einfacher Sprachstil und Grammatik, nicht-sprachliche
Ausdrucksweise
– starres Denken |
– differenzierte Wahrnehmung der Umwelt
– Bereitschaft zur Einstellungsänderung
– anspruchsvoller und komplexer Sprachstil
– flexibles und selbständiges Denken |
|
emonational-
motavationaler
Bereich |
– Angst und Unsicherheit
– Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen wenig entwickelt
– Misstrauen als Lebensgrundlage
– Leistung wird als „Muss" empfunden |
– Selbstsicherheit und Selbstvertrauen werden
entwickelt
– emotionale Stabilität und Ausgeglichenheit
– hohe Leistungsbereitschaft, von der Sache motiviert |
| Sozialverhalten |
– Unselbständigkeit und Fremdbestimmung
– Geringschätzung gegenüber Mitmenschen
– Streben nach Macht, Anerkennung und Sicherheit
– Zuneigung von der Erfüllung persönlicher Erwartungen
abhängig
– Unfähigkeit, Kritik zu ertragen |
– große Selbständigkeit und Selbstbestimmung
– Wertschätzung und Verständnis gegenüber Mitmenschen
– Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen
– Fähigkeit zur Problemlösung
– Zuneigung unabhängig von der Erfüllung egoistischer
Erwartungen
– Kritikfähigkeit |
Auch Tiere Lernen von ihren
Eltern
und
Es gibt im Gehirn ein Up-Date, also eine Sicherung
von allem, was im Gehirn gespeichert ist.
Nach einem Schlaganfall ist dem Patienten die Sprache
verwert. Sie kommt jedoch - meistens unterstützt durch Training -
zumindest teilweise wieder.
Aus einem Interview zwischen Dr. Ulfried
Geuter und (u.a.) Prof. Manfred Spitzer vom Mittwoch, 7. August 2002,
8.30 Uhr, SWR2: Was Hirnforscher und Psychotherapeuten voneinander
lernen” waren sehr wichtige Forschungsergebnisse zu vernehmen:
Ulfried Geuter:
... Ein bahnbrechender Befund dazu stammt aus
der Tierforschung, aus einem wissenschaftlich interessanten, aber ethisch
fragwürdigen Experiment an Singvögeln. Singvögel lernen die Lieder ihrer
Eltern. Wächst eine junge Nachtigall bei einer Amsel auf, lernt sie deren
Lied. Entfernt man einem Vogel das Singzentrum im Gehirn, wie es Forscher in
den USA jetzt taten, verklingen seine Lieder. Doch nach einiger Zeit,
berichtet der Ulmer
Hirnforscher Manfred Spitzer, singen die Vögel wieder ihre Lieder:
Manfred Spitzer: Zunächst einmal kann
man sagen: Das kann doch gar nicht gehen, denn wenn auf meinem Computer die
Festplatte kaputt geht und auch wenn ich eine neue in den Computer reinbaue,
sind die Daten trotzdem weg. Wo also sind die Daten der abgestorbenen
Neurone noch mal gespeichert? Wo ist im Kopf das back-up? Obwohl man es
nicht genau weiß muss man auf diese Frage aus Plausibilitätsannahmen wie
folgt antworten: In unserem Gehirn ist alles mehrfach gespeichert... Die
Farben der Dinge sind anderswo gespeichert als die Bewegungen der Dinge oder
als höhere Bedeutungsaspekte der Dinge. So dass man sagen kann: Wenn
irgendwo ein Aspekt fehlt, ist es offenbar möglich durch komplexe Vorgänge
des Speicherns, Umkodierens, Komprimierens und Dekomprimierens zumindest
einen Teil der verlorenengegangen Information wieder aus den anderen
Speichern herauszuholen und wieder - sozusagen - zum Leben zu erwecken.
Bitte zu beachten:
Das Manuskript des Südwest-Funks (SWR2)
ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Die Archiv-Nr. ist 008-2427