Nachahmung - Urinstinkte

Dazu: Rollenverhalten und Rollenverteilung der Geschlechter, Ursprache und mehr zur Sprachentwicklung


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Da der Mensch noch Urinstinkte hat, werden diese von den "Marktforschern" ausfindig gemacht und ausgenutzt. Kartoffel-Chips müssen "knusprig" und "knackig" sein, je näher das Gefühl im Mund und das Geräusch beim Kauen dem Knacken von Knochen kommt, desto höher die Nachfrage. Insbesondere männliche Menschen folgen - wie bei anderen Gegebenheiten offensichtlich einem vormenschlichen, tierhaften, archaischen (archaios: ursprünglich, alt) Trieb. Eine Automobil verleiht vielen Männern zusätzliche Kraft. Er, der Mann, schwärmt von PS-(den Pferdestärken-)Werten. Die Zeitungen und Zeitschriften beschreiben kraftprotzende, allradgetriebene Geländefahrzeuge (Off-Road, also querfeldein). Psychologen sprechen gerne - nicht ohne Ironie - von "Testosteron*-Triebwerken" und vom Auto als dem "Kampfhund des Mannes". Die ideale Form zeigt das Bild rechts.

* das männliche Geschlechtshormon, welches die Ausbildung der männlichen sekundären Geschlechtsmerkmale bewirkt und die Spermienreifung fördert.
 

Dort, wo man auf ärztlichen Rat oder auf sonst wen warten muß, liegen für weibliche Menschen dutzende von Frauenmagazinen aus und für den Mann immer mindestens eine Autozeitschrift und eine, die beschreibt, wie man erfolgreicher sein kann. Daran ist zu erkennen, daß sich die klassischen Rollen unwesentlich verändert haben: Frauen sind an Mode interessiert, an "schöner Wohnen", Kochen und wer mit wem, Klatsch und Tratsch ... Selten greift eine Frau  - insbesondere, wenn modisch gekleidet - zu einer Zeitschrift "Focus" oder "Der Spiegel" nie zu "Auto, Motor, Sport".

 

Ist die "Rollenverteilung" der Geschlechter also eine traditionelle Nachahmung oder doch begründet in einem Urinstinkt, vielleicht nur eine Unterwerfung durch die Werbepropagande? Nein, es muß befürchtet werden, daß sehr wohl entsprechend den unterschiedlich physisch, insbesondere hormonell gesteuerten Geschlechtern auch ein mentaler Unterschied zumindest als Grundlage vorhanden ist. Die meisten Menschen sind ganz offensichtlich nicht in der Lage über ihren "hormonellen Schatten" zu springen.

 

Das Problem der »Ursprache« der Menschheit ist lange Gegenstand von Spekulationen und wissenschaftlichen Untersuchungen gewesen. Insbesondere wurde wiederholt versucht, von kindlichem Spracherwerb Rückschlüsse auf die Entstehung der menschlichen Sprache überhaupt zu ziehen. Solche Ansätze haben sich jedoch im Wesentlichen als verfehlt erwiesen. Unabhängig davon ist es gleichwohl aufschlussreich, sich einige allgemeine Eigenschaften der Anlagen des Menschen zu vergegenwärtigen, die es ihm ermöglichen, Sprachen zu erlernen. Hierbei geht es in erster Linie um die Muttersprache, genauer um die Anlagen zum Erwerb der Erstsprache.


Infantil


Zunächst ist die schlichte Tatsache hervorzuheben, dass der Mensch bei seiner Geburt sprachlos ist. Anders als etwa den aufrechten Gang oder die Sexualität entwickelt er seine Sprache nicht spontan, sondern übernimmt diese von seiner Umgebung. Diese Eigenschaft könnte man daher nach dem lateinischen Wort »infans« für »kleines Kind« und »nicht sprechend« Infantilität nennen. Der Spracherwerb ist jedoch nicht radikal, sondern beruht auf frühkindlichen, vorsprachlichen Formen der Kommunikation, die nicht erlernt sein können, ohne ihrerseits auf primitivere und ungelernte Anlagen zurückzugehen. Die Eigenschaft der Infantilität verlangt demzufolge eine direkt oder indirekt auf unserem Genom beruhende Anlage zur Erlernung von Sprachen. Offen bleibt nur, was diese Anlage enthält.

Homogen

Es gibt keine Wortart, grammatische Konstruktion oder pragmatische Besonderheit einer Sprache, die eine Menschengruppe aufgrund ihrer Abstammung beherrschte, eine andere Gruppe dagegen nicht. Die Menschheit ist demnach in dem Sinne homogen, dass sie keine »rassischen«, geschlechtlichen oder familiären, also generell biologischen Unterschiede in der Anlage zum Spracherwerb aufweist. Obwohl individuelle Unterschiede nicht zu leugnen sind, erscheinen diese aus anthropologischer Perspektive eher unbedeutend. Zwar kommen Sprachbegabungen vor - so wie jemand musikalisch sein kann -, doch wirken sich diese nicht auf den kindlichen Erwerb der Erstsprache aus. Sie betreffen vielmehr die Aneignung von Sprachen im Erwachsenenalter oder rhetorische Fähigkeiten.

Imperativ

Jeder gesunde Mensch erwirbt als Kind unter normalen Bedingungen eine Sprache und beherrscht sie später vollständig. Denn wir sind nicht nur in der Lage, eine Sprache zu erlernen, sondern können aufgrund unserer Anlagen gar nicht anders, als dies zu tun. So sind zwar schriftlose Kulturen und Völker bekannt, die auf das Rechnen verzichten, doch ist kein einziges Beispiel einer sprachlosen Gemeinschaft dokumentiert. Fälle, in denen jemand nicht spricht, da der Kontakt zur Umgebung gewaltsam unterbunden wird oder weil eine schwere Behinderung wie etwa Taubheit vorliegt, zählen in diesem Zusammenhang selbstverständlich nicht.

Plastisch

Die Anlage, eine Sprache zu erlernen, ist plastisch, da sie keine bestimmte Sprache vorschreibt. Homogenität und Plastizität zusammen reflektieren die wichtige Tatsache, dass jeder Mensch als Kind jede menschliche Sprache erlernen kann. Vor dem Hintergrund der Imperativität des Spracherwerbs lernt jeder Mensch in seiner Kindheit unabhängig von seiner Abstammung zunächst die Sprache seiner Umgebung. Das aber heißt mit Blick auf die einzelnen Sprachen, dass es keine wirklich primitiven oder höher stehenden Sprachen oder Varietäten gibt. Die allgemeine Hochschätzung etwa des Sanskrits oder des Chinesischen beruht weniger auf den linguistischen Eigenschaften dieser Sprachen, als vielmehr auf ihrer Literatur. Wer Slangs als minderwertig empfindet, verkennt die Komplexität ihrer sprachlichen Strukturen. In diesem Sinn hat der amerikanische Linguist und Anthropologe Edward Sapir als Erster die Meinung vertreten, dass sich keine Sprache in dem für uns überschaubaren Zeitraum linguistisch beurteilt wesentlich weiterentwickelt habe oder degeneriert sei.


Variabel

Im Alter von acht bis zwölf Jahren beherrscht ein Kind in der Regel auch komplexere grammatische Strukturen und schwierige Begriffsbildungen. Damit gilt der primäre Spracherwerb als abgeschlossen. Doch bleibt der Mensch zeitlebens bis zu einem gewissen Grade sprachlich variabel. So übernimmt und prägt er neue Wörter, erweitert er die Bedeutung vertrauter Ausdrücke um modische Schattierungen oder vergisst Teile seines Wortschatzes. Die grammatische Struktur von Sätzen scheint dagegen bei Erwachsenen relativ stabil zu sein. Die Variabilität der Sprache im Erwachsenenalter ist die Vorbedingung für jede über den Wechsel der Generationen hinausgehende Evolution der Sprachen und damit für die Entfaltung einer Sprach- und Kulturgeschichte.


Multipel

Ein Mensch kann als Kind nicht nur seine Muttersprache erwerben, sondern nacheinander oder gleichzeitig weitere Sprachen erlernen. Der Mensch kann in diesem Sinn multipel genannt werden. Beispielsweise lernen indische Kinder, entsprechende soziale Verhältnisse vorausgesetzt, bereits in jungen Jahren eine der 14 offiziellen Regionalsprachen des Landes, die indische Amtssprache Hindi und zudem oft noch Englisch. Offensichtlich blockiert das Erlernen oder Beherrschen der einen Sprache nicht grundsätzlich das der anderen, wenn auch nach Ansicht einiger Entwicklungspsychologen multiple Lernprozesse dazu führen, dass keine der beteiligten Sprachen vollständig erworben wird. Multiplität ist die Voraussetzung für die Verständigung zwischen den Menschen mit verschiedenen Sprachen und somit auch für Übersetzungen. Daher könnte ohne die Multiplität auch kein Austausch zwischen den Sprachen stattfinden. Ohne sie wären die verschiedenen Sprachgemeinschaften kulturell isoliert.


Isoliert

Bislang ist kein Fall bekannt geworden, in dem ein gesunder und unter normalen Umständen lebender Mensch die »Sprache« eines Tieres beherrscht und sie nicht nur imitiert hätte. Umgekehrt scheint auch kein Tier jemals eine menschliche Sprache in nennenswertem Umfang erlernt zu haben, sodass wir von grundlegend verschiedenen Zeichensystemen ausgehen müssen. In diesem Sinne ist die Menschheit vom Tierreich isoliert; Menschen und Tiere »verstehen« sich auf sprachlicher Ebene nicht. Die Isolation der menschlichen Sprache gegenüber den Formen der Kommunikation bei Tieren ist so umfassend, dass uns selbst eine passende Bezeichnung für Letztere fehlt. Isoliertheit scheint aber keine Besonderheit des Menschen zu sein, denn die meisten Tiere können mit Vertretern anderer Gattungen ebenfalls nicht kommunizieren. Diese Beobachtung zwingt die Linguistik zu der Annahme, dass menschliche Sprachen nicht beliebige Gestalt annehmen können und führt zum Postulat einer biologischen Natur menschlicher Sprachen (die bislang von der Wissenschaft allerdings nur undeutlich erkannt wird). Zugleich unterstreicht die Feststellung der Isoliertheit noch einmal, dass ein »radikaler« Spracherwerb ohne spezifische genetische Anlagen offensichtlich nicht möglich ist.


Spezifisch

Tatsächlich weiß man über die biologische Determination der menschlichen Sprache immer noch sehr wenig, obwohl Wissenschaftler die Entdeckung des Sprachgens SPCH 1 als Durchbruch feierten. So ist nicht sicher, ob die Erbanlagen bestimmte Strukturen der Sprache festlegen oder in ihrer Entwicklung nur mittelbar begünstigen. Unsere genetischen Anlagen scheinen aber insofern spezifisch zu sein, als sie - direkt oder indirekt - den Sprachen eine besondere Architektur verleihen: Wie vergleichende Untersuchungen zeigen, sind sprachliche Ausdrücke erstens generell linear und zweitens immer dreistufig. Sie bestehen aus Lauten, Wörtern und Sätzen. Dabei ist das Verhältnis zwischen Lauten und Wörtern arbiträr und die Beziehung zwischen Wörtern und Sätzen produktiv.


Linearität und Dreistufigkeit der Sprachen

Alle Sprachen reihen Laute, Wörter und Sätze wie Perlen aneinander. Sie sind demnach nur in einer Dimension ausgedehnt, das heißt linear, obwohl sie als gesprochene Sprachen in unterschiedliche Lautstärken, Tonhöhen und Klangfarben artikuliert werden und damit in mehreren Kategorien variieren. Wenn komplexe Sachverhalte beschrieben werden sollen, müssen deren Strukturen aufgelöst und die den einzelnen Elementen entsprechenden sprachlichen Ausdrücke nach bestimmten Regeln in eine lineare Abfolge gebracht werden. Diesen Vorgang, der zu den hervorstechendsten Eigentümlichkeiten der menschlichen Sprache gehört, bezeichnet man als Codierung. Dabei werden alle sprachlichen Ausdrücke in drei Stufen aufgebaut: Aus Lauten werden Wörter gebildet, die ihrerseits Bausteine von Sätzen werden. Ein-Laut-Wörter wie japanisch o »Schwanz« oder Ein-Wort-Sätze wie das deutsche Schweig! sind demzufolge Ausnahmefälle, lateinisch î »geh« ist sogar ein Ein-Laut-Satz.


Die Beziehung zwischen Lauten und Wörtern ist arbiträr

Die Verbindung eines Gegenstandes, einer Vorstellung oder eines Begriffs, kurz der Bedeutung eines Wortes mit einer Lautfolge ist zumeist vollkommen willkürlich (arbiträr). Vom systematischen Standpunkt aus betrachtet gibt es beispielsweise keinen zwingenden Grund dafür, etwa das im Deutschen als Baum Bezeichnete gerade mit dieser Lautfolge auszudrücken und nicht wie im Französischen mit arbre oder wie im Englischen mit tree. Dazu kommt die Tatsache, dass verschiedene Sprachen die Begriffe anders fassen, zum Beispiel die Grenzen zwischen den Begriffen »Baum« und »Strauch« anders ziehen.

Die Erklärung des Begriffs Arbitrarität als Willkür oder Beliebigkeit darf nicht dazu verführen, jede Beziehung zwischen Ausdrücken und Inhalten zu leugnen. Tatsächlich können wir eine Sprache nur sprechen, da wir eine bestimmte Verbindung zwischen der Bedeutung eines Wortes mit dem entsprechenden Zeichen und dessen Relation zu einer Lautfolge herstellen können. Wörterbücher versuchen diese Beziehungen zu erfassen. Da sie keinen einfachen Regeln gehorchen, empfindet sie besonders der Lernende als irregulär oder eben arbiträr.


Die Beziehung zwischen Wörtern und Sätzen ist produktiv

Wir können davon ausgehen, dass ein kleines Kind nicht alle Sätze bereits einmal gehört und memoriert hat, die es zu formulieren versteht. Es hat nicht eine Menge von Sätzen auswendig gelernt, um sie dann wiederzugeben. Vielmehr löst es diese unwillkürlich in Wörter auf und bildet - ihm unbewusst - Regeln aus, um Wörter zu neuen Sätzen zu verknüpfen. Damit ermöglicht das Hören relativ weniger Sätze die Bildung einer Vielzahl von Sätzen. Wir machen, wie Wilhelm von Humboldt formulierte, von endlichen Mitteln unendlichen Gebrauch, indem wir die Elemente unseres Wortschatzes immer wieder neu kombinieren.

Diesen Gedanken hat der amerikanische Linguist Noam Chomsky seit 1955 mithilfe mathemathischer Modelle präzisiert. Er prägte für unser Vermögen, unbegrenzt viele Sätze aus vergleichsweise wenigen Wörtern und nach nur einigen Regeln hervorzubringen, den Begriff der Produktivität. Diese hat laut Chomsky eine bestimmte mathematische Form, die allen Sprachen eine gemeinsame Grundstruktur, die Universalgrammatik, verleiht.

(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007

Grausame Experimente

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass der ägyptische Pharao Psammetichus im 5. Jahrhundert vor unserer Zeit herausfinden wollte, welches das älteste Volk sei. Zu diesem Zweck wollte er feststellen, welche Sprache der Mensch von Natur aus spreche. Dies müsse dann die Sprache des ältesten Volkes sein. Es machte daher folgendes Experiment: Er nahm zwei Neugeborene von ihren Eltern weg und übergab sie einem Ziegenhirten. Diesem befahl er, die Kinder in einer Hütte unterzubringen und niemals ein Wort zu den Kindern zu sagen. Wenn die Kinder Hunger hätten, sollten sie von einer Ziege gesäugt werden. Der Hirte hatte den Auftrag genau zu beobachten, welches das erste Wort sei, das eines der Kinder sagt. Eines Tages, nach etwa zwei Jahren, sagte eines der Kinder »becos«, als der Hirte in die Hütte kam. Nachdem das Wort in der folgenden Zeit noch öfter zu hören war, forschte der Pharao nach und stellte fest, dass dies das phrygische Wort für Brot war. Das war in Psammetichus' Augen der Beweis, dass die Phrygier das älteste Volk seien und nicht die Ägypter, wie er selbst es gehofft hatte.

Ein ähnliches Experiment hat nach der Chronik von Salimbene da Parma Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen durchgeführt. Er übergab Kinder einer Amme, welche die Kinder ernähren und waschen sollte, ihnen aber sonst keinerlei Zuwendung geben sollte und vor allem in Anwesenheit der Kinder niemals ein Wort sprechen sollte. Friedrich wollte herausfinden, ob die Kinder von sich aus die älteste Sprache der Menschheit, also eine Ursprache, oder aber die Sprache ihrer Eltern sprechen. Die Antwort auf diese Frage bekam er nie, denn die Kinder konnten nicht überleben ohne Zärtlichkeiten und liebevolle Zuwendung.

Beispiele isolierter Kinder

Zum Glück sind solche unmenschlichen Experimente Einzelfälle geblieben. Dennoch ist es immer wieder vorgekommen, dass Kinder einige Zeit abseits der Zivilisation verbrachten, sei es, dass sie sich verliefen oder dass sie bewusst ausgesetzt wurden, weil die Eltern ihrer überdrüssig waren.

Einer der ältesten belegten Fälle war der Wetterauer Wolfsjunge, der im Jahre 1344 etwa zwölfjährig gefunden wurde. Im selben Jahr wurde in Hessen ein weiterer Junge gefunden, etwa sieben Jahre alt, der auf allen vieren lief. Ein Historiker berichtet, der Junge sei im Alter von drei Jahren von Wölfen verschleppt worden. Angeblich hatten die Wölfe ihn mit großer Zuneigung versorgt. Sie überließen ihm die besten Stücke der Beute, und sie hatten eine Mulde gegraben und mit Blättern ausgelegt, die ihm nachts Schutz bot. Die Wölfe legten sich im Kreis um ihn, um ihn im Schlaf zu wärmen.

Es wird von mehreren Kindern berichtet, die in der Folgezeit in Litauen gefunden wurden. So trafen Jäger 1661 ein etwa zwölfjähriges Kind an, das unter Bären lebte. Dieses litauische Bärenkind wehrte sich mit Fingernägeln und Zähnen gegen die Menschen, die es einfangen wollten. Zwei weitere solcher Bärenkinder wurden Ende desselben Jahrhunderts ebenfalls in Litauen aufgegriffen.

Der erste dokumentierte Fall, dass ein Mädchen gefunden wurde, stammt aus Holland im Jahre 1717. Dieses Mädchen von Kranenburg hatte bis zum Alter von 16 Monaten bei ihren Eltern gelebt und war neunzehnjährig wieder gefunden worden, ohne dass jemand erfahren hätte, wo sie die Zeit verbracht hatte. Sie konnte nicht sprechen und ernährte sich von Kräutern. Sie verstand es zwar nach einiger Zeit, sich mit Gesten verständlich zu machen, doch lernte sie niemals sprechen.

Einige Jahre später, 1724, wurde bei Hameln ein etwa dreizehnjähriger Junge gefunden, der Jahre zuvor von seinen Eltern im Wald ausgesetzt worden war. Der Körper des Jungen zeigte viele Narben. Als man ihm Brot anbot, verweigerte er es und aß stattdessen lieber wilde Früchte und die Rinde junger Bäume. Im Gegensatz zu den meisten anderen der aufgefundenen Kinder konnte der Wilde Peter von Hameln sich aufrecht halten und auf zwei Beinen gehen. Seine anfängliche Aggressivität ließ mit der Zeit deutlich nach. Er lernte einige Wörter zu sprechen, um nach Nahrung zu verlangen, mehr jedoch nicht. Der hannoversche König George I., in Personalunion auch König von Großbritannien, ließ ihn 1726 nach England bringen und versuchte, ihn erziehen zu lassen. Peter gewöhnte sich zwar mit der Zeit daran, unter Menschen zu leben, akzeptierte nach einiger Zeit auch Kleidung, lernte jedoch niemals sprechen. Von dem Zeitpunkt an, als er aufgefunden wurde, lebte er noch achtundsechzig Jahre, während der jedoch seine Verhaltensweisen und seine Fähigkeiten keinerlei Änderung mehr erfuhren.

Im Jahr 1920 fand der in Indien lebende Missionar J. A. L. Singh in einer Höhle zwei Mädchen, etwa acht und anderthalb Jahre alt, und brachte sie in ein Waisenhaus. Diese Wolfskinder von Midnapore wurden Kamala und Amala genannt. Beide Kinder waren ängstlich und versuchten immer wieder zu fliehen. Ihr Verhalten war auffällig: Sie gingen auf allen vieren, nachts streiften sie gern und ohne Furcht umher und bewegten sich auch auf unebenem Gelände sicher, einen toten Vogel, den sie unterwegs fanden, aßen sie gierig. Ihr äußerst feiner Geruchssinn zeigte sich darin, dass sie die Anwesenheit von Menschen oder Tieren sowie Nahrung auch bei großer Entfernung riechen konnten, das geringste Geräusch ließ sie aus dem Schlaf schrecken. Große Hitze oder Kälte schien ihnen wenig auszumachen. Bot man ihnen auf Tellern etwas zu essen an, so nahmen sie die Nahrung wie Tiere mit dem Mund auf. Während das jüngere Mädchen schon nach einem Jahr starb, lebte das ältere noch einige Jahre bei J. A. L. Singh und seiner Frau. Es lernte mit der Zeit die Sprache zu verstehen, erwarb selbst aber nur einen sehr geringen Wortschatz. Nach einiger Zeit konnte sie auf zwei Beinen stehen und mit Mühe auch gehen, lief in Eile jedoch nach wie vor auf allen vieren. Als sie 1928 16-jährig starb, hatte sie den Entwicklungsstand eines drei- bis vierjährigen Kindes erreicht.

Insgesamt sind zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert rund 50 Fälle von »wilden Kindern« dokumentiert.


Kaspar Hauser

Der in Deutschland bekannteste Fall von einem Wolfskind ist der Fall von Kaspar Hauser. Dieser junge Mann tauchte 1828 schwankend und mit zerrissenen Kleidern am Leib in Nürnberg auf, und seine Erscheinung versetzte die Bewohner zunächst in Angst und Schrecken. Er trug einige Dinge in der Jackentasche, darunter einen Zettel, auf dem es hieß, er sei 1812 geboren und hieße Kaspar. Abgesehen von paar unverständlichen Worten in einem fremden Dialekt war Kaspar nicht in der Lage zu sprechen. Fleisch lehnte er ab, er ernährte sich bevorzugt von Brot und Wasser. Sein Gang war torkelnd und unsicher, er stürzte häufig.

Kaspar wurde kurz nach seinem Auftauchen im Haus des Philosophen und Dichters Georg Friedrich Daumer aufgenommen, der ihn unterstützte und förderte. Lange Zeit versetzte ihn alles Neue in Angst und Schrecken. Dennoch machte Kaspar hier große Fortschritte und entwickelte soziale und intellektuelle Fähigkeiten. Sein Gang wurde allmählich sicherer, er lernte sogar das Treppensteigen. Er gewöhnte sich an bestimmte Regeln des Zusammenlebens. Große Fortschritte machte er beim Sprechen. Zunächst gebrauchte er nur Infinitive und sprach von sich selbst in der dritten Person, doch nach etwa drei Jahren konnte er auch diese Probleme bewältigen. Kaspar erhielt Unterricht, man versuchte sogar, ihm auf dem Gymnasium Latein beizubringen, doch hatte er nicht allzu viel Freude am Lernen. Später nahm sich besonders der Jurist Anselm von Feuerbach seiner an, der ihn nach zwei nie geklärten Attentatsversuchen in die Obhut des Volksschullehrers J. G. Meyer in Ansbach gab. Kaspar arbeitete als Aktenkopist am dortigen Appellationsgericht. Am 17. Dezember 1833 wurde Kaspar von einem Unbekannten in Ansbach erstochen.

Kaspars Herkunft bleibt weitgehend im Dunkeln. Über die Zeit vor seinem Auftauchen in Nürnberg hatte er nur sehr unklare Vorstellungen, die zunehmend verblassten. Nur so viel scheint sicher: Soweit er zurückdenken konnte, hatte er sich in einem sehr einfachen Raum befunden. Von Zeit zu Zeit erhielt er Brot und Wasser, ohne dass er dabei einen Menschen zu Gesicht bekam oder ein Wort hörte. Gelegentlich bemerkte er, wenn er aufwachte, dass seine Haare und Nägel geschnitten waren. Die näheren Umstande dieser Zeit abseits der Zivilisation blieben im Dunkeln. Schließlich tauchten Vermutungen auf, Kaspar sei der Sohn des Großherzogs Karl von Baden, den man ausgesetzt hatte, um ihn als Thronfolger auszuschalten. Nicht zuletzt durch diesen Mythos wurde er zu einer Person der Zeitgeschichte, an deren Schicksal die Gesellschaft regen Anteil nahm. 1996 wurde eine DNS-Analyse durchgeführt, von der man sich Hinweise auf die Herkunft Kaspars erhoffte. Diese Analyse beruhte auf dem Blutfleck in einer Unterhose, die angeblich Kaspar Hauser gehört haben soll und vor einiger Zeit aufgefunden worden ist. Die Analyse erbrachte keine Hinweise auf eine Zugehörigkeit zum badischen Herrscherhaus.


Viktor von Aveyron

Am besten untersucht und dokumentiert wurde die Geschichte des »Wilden von Aveyron«, der Ende des 18. Jahrhunderts in Südfrankreich auftauchte. Einer breiten Öffentlichkeit wurde dieser Fall in den 1970er-Jahren bekannt, als der französische Filmregisseur François Truffaut die Geschichte aufgriff und den Spielfilm »L'enfant sauvage« (deutsch unter dem Titel »Der Wolfsjunge«) drehte.

Bereits 1797 wurde im Wald von Lacaune im Departement Tarn mehrmals ein vollkommen nacktes Kind gesehen, das sofort weglief, wenn man sich ihm näherte. Zweimal wurde der Junge eingefangen, beide Male gelang es ihm wieder zu fliehen, bis er im Januar des Jahres 1800 in einem nahe dem Wald gelegenen Garten entdeckt und endgültig gefangen wurde. Weitere Fluchtversuche wurden erfolgreich verhindert, und das Kind wurde zum Objekt intensiver Beobachtungen und mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten.

Der Junge - man nannte ihn inzwischen Viktor - war nicht in der Lage zu sprechen. Er schlief von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und er liebte das Feuer. Als man ihm einen Spiegel vorhielt, erkannte er sein Spiegelbild nicht, sondern griff nach dem Spiegel und dahinter, in der Vermutung, dort befinde sich eine weitere Person.

Im Spätsommer 1800 wurde Viktor nach Paris gebracht. Der damals berühmte Psychiater Pinel fertigte ein Gutachten über ihn an und diagnostizierte Idiotie. Auch Jean Marie Gaspard Itard, der Chefarzt einer Pariser Anstalt für Taubstumme, begutachtete Viktor. Zwar kam Itard ebenfalls zu dem Schluss, hier einen Fall von Idiotie vorliegen zu haben, doch während Pinel hier eine angeborene Störung sah, war Itard der Ansicht, die Idiotie sei im Falle von Viktor erst durch die Einsamkeit und das Fehlen eines sozialen und kulturellen Umfelds entstanden - und damit sei sein Zustand auch veränderbar. Itard beschloss, sich des Jungen anzunehmen, um ihn zu erziehen und damit seine These zu beweisen.

Ein gescheiterter Versuch

Von da an lebte Viktor in der Taubstummenanstalt, und Itard wendete viel Zeit für seine Erziehung auf. Viktor empfand offenbar keine Schmerzen, da er glühende Holzscheite mit der bloßen Hand anfasste. Gegenüber üblem Gestank zeigt er keinerlei Regung. Er ernährte sich vegetarisch von Wurzeln und Früchten wie Kastanien oder Eicheln. Er roch an allem, was ihm in die Hände fiel.

Nach einem Jahr bei Dr. Itard war Viktor in der Lage, sich anzuziehen und einfache Aufgaben zu erledigen, wie den Tisch zu decken oder Wasser zu holen. Er hatte gelernt, einige Buchstaben auszusprechen. Itard fertigte Lottospiele mit Bildern und Buchstaben an, um das Sprechen und Lesen weiter zu fördern. In der Folgezeit machte Viktor noch einige Fortschritte, doch konnte er nach fünf Jahren noch immer nicht richtig sprechen, und auch in seinem sonstigen Verhalten war keine Veränderung mehr zu beobachten. Schließlich musste Itard erkennen, dass er sein Ziel, den »Wilden von Aveyron« zu zähmen und zu sozialisieren, nicht erreicht hatte und dass weitere Fortschritte auch nicht mehr zu erwarten waren. Dennoch sah Itard insgesamt gewisse Erfolge. So konnte er bei Viktor eine gesteigerte und verfeinerte Wahrnehmung durch seine Sinnesorgane verbuchen, und er konnte in Viktors Verhalten Zeichen von gutem Willen, Gewissenhaftigkeit und Reue erkennen.

Viktor wurde in der Folgezeit von einer Angestellten der Taubstummenanstalt betreut und starb 1828 im Alter von etwa 40 Jahren.


Die menschliche Natur

So verschieden die dokumentierten Fälle auch sein mögen, so sind doch einige Merkmale im Verhalten der Kinder immer wieder beobachtet worden. So liefen viele der Kinder auf Händen und Füßen; die wenigen, die sich aufrecht fortbewegten, liefen sehr unsicher auf zwei Beinen. Häufig scheuten die Kinder das Tageslicht, fanden sich aber äußerst gut in der Dunkelheit zurecht. Die meisten verfügten über ein sehr feines Gehör und einen ausgeprägten Geruchssinn. Wie man es häufig bei Tieren beobachtet, schnupperten sie an allem, was ihnen begegnete. Gegenüber extremer Hitze oder Kälte zeigten sich die meisten Kinder überraschend unempfindlich.

Die Fälle von Wolfskindern oder wilden Kindern sind immer wieder auf großes Interesse gestoßen, da sie viele Fragen über die menschliche Natur aufwerfen. So versprach man sich durch eine Analyse dieser Fälle eine Antwort auf die Frage, welche Eigenschaften und Fähigkeiten der Mensch von Natur aus in sich trage und was er durch die Erziehung und durch seine Umgebung erst erlerne.

Alle Fälle von Wolfskindern beweisen, dass es einem Menschen möglich ist, die zum Überleben notwendigen Fähigkeiten, beispielsweise die Suche nach Nahrung, aus sich heraus zu entwickeln. Um jedoch das Gefühlsleben sowie intellektuelle Fähigkeiten zu entwickeln, sind soziale Kontakte erforderlich. Ohne die Gemeinschaft mit anderen Menschen, ohne deren Liebe und Zuwendung können sich keine »menschlichen« Empfindungen entwickeln.

Die Gründe, warum die Erziehung im Falle von Viktor nicht erfolgreich war, mögen vielfältig sein. Ein Grund ist jedoch mit Sicherheit das Alter des Jungen. Für jede Fähigkeit gibt es ein bestimmtes Alter, in dem diese am besten gelernt werden kann. Es ist unendlich viel schwieriger, dieselbe Fähigkeit zehn oder fünfzehn Jahre später zu lernen. Hinzu kommt, dass die Kinder in ihrer Isolation im Wald sich viele Gewohnheiten angeeignet haben, die sie zunächst einmal wieder »verlernen« müssen, bevor an ihre Stelle andere Gewohnheiten treten können. Andere Autoren führen das Scheitern des Erziehungsversuches vor allem auf die Methodik der damaligen Erziehung zurück, die dem Kind nach festgefügten starren Normen und Prinzipien ein rigoroses Lernprogramm überstülpte und dieses mit Strafen durchzusetzen versuchte. Es bleibt offen, ob der »Wilde von Aveyron« heute bessere Chancen hätte
(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007


 

Lernen am Modell

 

Nach Hermann Hobmair "Pädagogik", Stam-Verlag ist "das Lernen am Modell der Prozess, bei dem eine Person (als Beobachter) sich Verhaltensweisen aneignet, die sie bei einer anderen Person (dem Modell) beobachtet hat. Als Ergebnis dieses Prozesses zeigt der Beobachter neues oder geändertes Verhalten."

 

Nicht nur natürliche Personen, die real vorhanden sind, werden nachgeahmt, sondern auch symbolische Modelle wie eine Held in einem Film.

 

Beispiel nach Hobmaier: "Kinder sehen ein »Modell« (Held, Heldin) im Fernsehen, hören ihre Eltern miteinander reden, beobachten wie diese, andere Erwachsene oder Gleichaltrige sich zueinander verhalten, und ahmen bestimmte Verhaltensweisen spontan nach.

 

„Lernen wäre ein außerordentlich mühsames Geschäft – vom Risiko ganz zu schweigen – wenn die Menschen als einzige Richtlinie für künftiges Tun nur die Auswirkungen ihres eigenen Handelns hätten. Zum Glück werden die meisten menschlichen Verhaltensweisen durch die Beobachtung von Modellen erlernt: Bei der Beobachtung anderer macht man sich eine Vorstellung davon, wie diese Verhaltensweisen ausgeführt werden. Später dient diese kodierte Information dann als Handlungsrichtlinie. Da Menschen am Beispiel anderer zumindest ungefähr lernen können, was sie tun müssen, bevor sie die betreffende Verhaltensweise selbst ausgeführt haben, bleiben ihnen überflüssige Fehler erspart.”
(Nach dem 1025 geborenen kanadischen Sozialpsychologen, Albert Bandura, 1979)

 

Andere Bezeichnungen für Lernen am Modell sind Beobachtungslernen, Nachahmungslernen, Imitationslernen, soziales Lernen, Identifikationslernen, Rollenlernen und stellvertretendes Lernen.

 

Damit Lernen durch Beobachtung überhaupt stattfinden kann, müssen nach Wikipedia beim Individuum vier Prozesse ablaufen:

  • Aufmerksamkeitsprozesse (damit das Gesehene überhaupt aufgenommen werden kann. "Es werden Modelle ausgewählt, die gewinnbringende Eigenschaften besitzen, während diejenigen, denen es an gefälligen Charakterzügen fehlt, gewöhnlich ignoriert oder abgelehnt werden", meint Bandera)
  • Gedächtnisprozesse (damit sich das Gesehene in einer Gedächtnisspur niederschlägt und sich später daran erinnert werden kann. Mit Hilfe von Bild und Sprachsymbolen baut der Beobachter in seinem Gedächtnis einen gedanklichen Verstellungszusammenhang auf, den der bei der Nachahmung aktiviert - auch nach Bandera)
  • motorische Reproduktionsprozesse: (das Beobachtete zeigt sich in einer Handlung. Nur selten lassen sich kognitive Vorstellungen beim ersten Versuch ohne Fehler in richtige Handlungen umsetzen. Genaue Nachbildungen werden nur durch Übung, Wiederholung und Korrektur erworben.)
  • Motivations- und Verstärkungsprozesse: (Handlung tritt erst ein, wenn das Individuum entsprechend motiviert ist. Nur wenn der Beobachter von den Ausführungen des Modellverhaltens eine positive Konsequenz erwartet, wird er es zeigen, andernfalls bleibt er latent, d.h. verdeckt.)

Aufmerksamkeitsprozesse

  • Qualität der Beziehung ( Modell ↔ Beobachter)
  • Persönlichkeitsmerkmale des Beobachters
  • Persönlichkeitsmerkmale des Modells
  • Situationsbedingungen (Familie, soziales Umfeld, Peergroup - „Gruppe von Ähnlich-Altrigen“ oder „Gruppe von Gleichgestellten“)

Gedächtnisprozesse

  • Das Beobachtete wird so lange gespeichert/gezeigt, bis es einen Nutzen für die zu erlernende Verhaltensweise verspricht
  • Das Gesehene wird in bildlich-sprachlichen Symbolen gespeichert

Bedeutung von Verstärkern

  • Modell befriedigt meine Bedürfnisse
  • Lob des Modells (stellvertretende Verstärkung)
  • Lob vom Modell (externe Verstärkung)
  • Eigenlob (direkte Selbstverstärkung)

Lernen durch Einsicht

Lernen durch Einsicht meint den Prozess, bei dem eine Person ein Problem denkend umstrukturiert und neu organisiert und so Handlungsstrategien zu dessen Lösung herausfindet. Als Ergebnis dieses Prozesses zeigt sich häufig eine Änderung des Verhaltens bzw. einsichtiges Lernen kann als ein strukturierter Prozess aufgefasst werden, der sich in einzelne Abschnitte aufteilen lässt:

• Auftreten des Problems Für ein Lebewesen entsteht dann ein Problem, wenn es ein Ziel hat, aber nicht weiß, wie es dieses Ziel erreichen soll. Der Zielerreichung stehen Barrieren im Weg, die es zu überwinden gilt. Diese Diskrepanz erzeugt einen Spannungszustand, der die Suche nach einer Lösung auslöst.

• Probierverhalten Um zur Lösung des Problems zu kommen, werden bereits bekannte und bewährte Verhaltensstrategien ausprobiert. Führen diese Probehandlungen nicht zum Ziel, dann legt das Individuum häufig eine Handlungspause ein.

• Umstrukturierung Während das Individuum bislang handelte, versucht es nun denkend das Situationsgefüge zu erfassen und umzugestalten. Die einzelnen Elemente einer Situation werden zueinander in Beziehung gesetzt. Sie werden so lange miteinander kombiniert, wieder auseinandergelegt und neu kombiniert, bis durch einen plötzlichen Einfall sich die zunächst beziehungslosen Elemente zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen.

• Einsicht und Lösung Dieses plötzliche Erkennen („Aha-Erlebnis") einer sinnvollen Beziehung zwischen den einzelnen Elemente einer Problemsituation stellt zugleich deren Lösung dar. Oder wie es Rolf Oerter (1971) bezeichnet: „Die präziseste Fassung des Problems ist zugleich seine Lösung.""

• Anwendung Meist setzt jetzt sofort ein Handlungsprozess ein, der die gedanklich gefundene Lösung ausführt. Führt dieses „neue" Verhalten zum Ziel, dann wird es beibehalten und kann unmittelbar nach dem Einsichtsprozess beliebig oft wiederholt werden.

Übertragung Die gefundene Lösung kann, soweit sie eingeübt wird, auf eine ganze Reihe ähnlicher Problemsituationen übertragen werden. Dieses Übertragen auf eine Reihe ähnlicher Problemsituationen wird häufig als Transfer bezeichnet.

Zusammenfassung

Menschliches Lernen ist vielfältig. Verschiedene Lerntheorien versuchen unterschiedliche Aspekte des Lernens zu erklären, vorherzusagen und zu beeinflussen.

Nach der Theorie des klassischen Konditionierens vergrößert sich das Verhaltensrepertoire des Menschen durch Reizkoppelung. Hierbei wird ein ursprünglich neutraler Reiz mehrmals und unmittelbar mit einem unbedingten Reiz verknüpft. Er wird zum Signal, das eine bedingte Reaktion auslöst. Konditionierungen bauen entweder auf angeborenen oder erlernten Reiz- Reaktions-Verbindungen auf, wobei beim Menschen auch Worte Signalfunktion übernehmen. Während der Organismus zu Beginn generalisiert, differenziert er im Laufe des Konditionierungsprozesses. Eine gelernte Reaktion wird gelöscht, wenn der UCS (unkonditionierten Reiz) längere Zeit nicht auftritt.
Eltern und Erzieher, die hart strafen, schreien oder drohen, werden zum Signal für Schrecken, Schmerz und Angst. Erzieher, die dagegen ruhig und freundlich auf den Zu- Erziehenden eingehen, werden zum Signal für Sicherheit und bewirken, dass der Zu-Erziehende positive emotionale Reaktionen erwirbt. Unerwünschte Gefühlsreaktionen, insbesondere Ängste, lassen sich durch Gegenkonditionierung und systematische Desensibilisierung abbauen.

Nach der Theorie des operanten Konditionierens lernt der Mensch aus den Konsequenzen seines Verhaltens. Lassen sich durch ein Verhalten angenehme Konsequenzen herbeiführen oder unangenehme beseitigen, dann nimmt die Auftretenswahrscheinlichkeit dieses Verhaltens zu. Folgen einem Verhalten keine oder unangenehme Konsequenzen, dann nimmt dessen Auftretenswahrscheinlichkeit ab. Nicht gesichert ist, ob durch Bestrafung ein Verhalten langfristig abgebaut werden kann. Der Mensch lernt nur, wenn er durch sein Aktivwerden einen unlustvollen Zustand beseitigen und einen lustvollen herbeiführen kann. Ein durch Verstärkung erworbenes Verhalten wird langfristig durch Übung und Wiederholung erhalten, andernfalls wird es verlernt.
Erwünschtes Verhalten kann durch die Schaffung von Motivation angeregt werden. Verhaltensformung baut komplexes Endverhalten schrittweise auf. Kontingente und kontinuierliche Verstärkung stabilisieren ein Verhalten, das sich am dauerhaftesten durch intermittierende Verstärkung festigen lässt. Unerwünschtes Verhalten lässt sich durch Nicht-Verstärkung löschen.

Durch die Beobachtung sowohl natürlicher als auch symbolischer Modelle eignet sich der Mensch neue und komplexe Verhaltensweisen an. Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse sind hierbei entscheidende Bedingungen, während Motivations- und Verstärkungsprozesse die Ausführung des gelernten Verhaltens fördern und aufrechterhalten. Durch Übung, Wiederholung und Korrektur wird das gelernte Verhalten vervollständigt. Die Beobachtung von erfolgreichen Modellen enthemmt entsprechendes Verhalten, bestraftes Modellverhalten wirkt auf den Beobachter dagegen hemmend.
Erzieher werden zu Vorbildern, wenn sie vom Zu-Erziehenden als Person akzeptiert werden und eine positive emotionale Beziehung besteht. Durch Vormachen und Vorleben kann der Erzieher bewirken, dass der Zu- Erziehende erwünschtes Verhalten erwirbt und aktiviert. Unerwünschtes Verhalten lässt sich entweder durch eine Verhaltensänderung des Modells oder durch partizipierendes Modellernen abbauen. Teilnehmende Beobachtung vermittelt positive Verhaltensalternativen und befähigt den Zu- Erziehenden, den Prozess der Verhaltensänderung selbst zu steuern. Erzieher müssen sich ihrer Modellfunktion bewusst sein, um unerwünschte Effekte möglichst gering zu halten.

Die Gestaltpsychologie führt menschliches Lernen vor allem auf Einsicht zurück. Probleme werden nicht durch blindes Probieren, sondern durch Nachdenken gelöst. Im Gedanken wird das Problem umstrukturiert und neu organisiert. Als Ergebnis dieses Denkprozesses zeigt sich geändertes Verhalten.
Erzieher können den Prozess des Umstrukturierens dadurch fördern, indem sie ihr Verhalten transparent machen, den Zu-Erziehenden zum Perspektivwechsel und zur Einfühlung in die innere Situation eines anderen befähigen, für eine überschaubare Gesamtsituation sorgen und relevante Zusammenhänge anschaulich und logisch erklären. Durch Einsicht erworbenes Verhalten bedarf der Übung und Anwendung.

 

Erziehung

 

Als Erziehung bezeichnet man in der Wissenschaft alle bewussten und gezielten (intentionalen) Handlungen und Verhaltensweisen eines relativ erfahreneren Menschen (Erzieher), die einen jeweils weniger Erfahrenen (Schüler, Zögling, Auszubildender, Student)  zur selbständigen Lebensführung befähigen sollen.

Keine kognitive Entwicklung ohne Erziehung

Komplexe neuronale Verbindungen im Gehirn, die das Denken, Handeln und Fühlen eines Menschen bestimmen, entwickeln sich nicht von alleine, denn ihre Ausformung hängt davon ab, wie und wofür ein Mensch sein Gehirn benutzt. Entscheidend dafür sind die individuellen Erfahrungen, die er im Laufe seines Lebens machen konnte oder musste. Die wichtigsten Erfahrungen, die Menschen im Laufe ihres Lebens prägen, sind Erfahrungen, die sich aus dem Zusammenleben mit anderen ergeben. Der Aufbau und die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns sind daher durch soziale Beziehungserfahrungen determiniert. Das menschliche Gehirn ist ein soziales Produkt, ein Sozialorgan, denn soziale Erfahrungen gehen mit der Aktivierung emotionaler Zentren einher, wodurch Botenstoffe ausgeschüttet werden, die zur Bahnung und Festigung der Verschaltungen im Gehirn beitragen. Gefühle sind daher der entscheidende Auslöser ("Trigger") für alle Lernprozesse, denn ohne diese Aktivierung der emotionalen Zentren bleibt nichts im Gehirn haften. Keine andere Spezies kommt mit einem derart offenen, lernfähigen und durch eigene Erfahrungen in seiner Weiterentwicklung und strukturellen Ausreifung formbaren Gehirn zur Welt wie der Mensch, nirgendwo im Tierreich sind die Nachkommen beim Erlernen dessen, was für ihr Überleben wichtig ist, so sehr und so lange auf Fürsorge, Unterstützung und Lenkung durch Erwachsene angewiesen - der Mensch als physiologische Frühgeburt -, und bei keiner anderen Art ist die Gehirnentwicklung in solch hohem Ausmaß von der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz dieser erwachsenen Bezugspersonen abhängig. Schon durch Nachahmung kann ein Kind mehr erreichen als das, wozu es selbstständig in der Lage ist, wobei die Nachahmungsleistung mit seinem realen Entwicklungsniveau zusammenhängt. Daraus lässt sich die Bedeutung der Vorbildfunktion Erwachsener ableiten, denn durch die kompetente Anleitung erwachsener Vorbilder können Kinder ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen und weiterentwickeln. Bildung erfolgt daher immer co-konstruktivistisch, wobei durch Erziehung kulturelles Wissen wie Sprache, Denken, Problemlösestrategien usw. rekonstruiert und transformiert wird.

Nicht näher eingegangen werden soll auf Erziehungsbedürftigkeit und Erziehungsfähigkeit.

 

 

autoritären Erzieherverhaltens
(insbesondere in ideologisch/religiösen Systemen)

demokratischen Erzieherverhaltens
(konzentriert auf Wissenvermittlung)

Kognition (Erkennen,

Kennenlernen«

– verzerrte Wahrnehmung, der Umwelt wenig angepaßt
– Deutung der Reize nach einer „privaten Logik"
– einfacher Sprachstil und Grammatik, nicht-sprachliche Ausdrucksweise
– starres Denken
– differenzierte Wahrnehmung der Umwelt
– Bereitschaft zur Einstellungsänderung
– anspruchsvoller und komplexer Sprachstil
– flexibles und selbständiges Denken

emonational-

motavationaler

Bereich

– Angst und Unsicherheit
– Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen wenig entwickelt
– Misstrauen als Lebensgrundlage
– Leistung wird als „Muss" empfunden
– Selbstsicherheit und Selbstvertrauen werden entwickelt
– emotionale Stabilität und Ausgeglichenheit
– hohe Leistungsbereitschaft, von der Sache motiviert
Sozialverhalten – Unselbständigkeit und Fremdbestimmung
– Geringschätzung gegenüber Mitmenschen
– Streben nach Macht, Anerkennung und Sicherheit
– Zuneigung von der Erfüllung persönlicher Erwartungen abhängig
– Unfähigkeit, Kritik zu ertragen
– große Selbständigkeit und Selbstbestimmung
– Wertschätzung und Verständnis gegenüber Mitmenschen
– Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen
– Fähigkeit zur Problemlösung
– Zuneigung unabhängig von der Erfüllung egoistischer Erwartungen 
– Kritikfähigkeit


 


 

Auch Tiere Lernen von ihren Eltern

und

Es gibt im Gehirn ein Up-Date, also eine Sicherung von allem, was im Gehirn gespeichert ist.

Nach einem Schlaganfall ist dem Patienten die Sprache verwert. Sie kommt jedoch - meistens unterstützt durch Training - zumindest teilweise wieder.

 

Aus einem Interview zwischen Dr. Ulfried Geuter und (u.a.) Prof. Manfred Spitzer vom Mittwoch, 7. August 2002, 8.30 Uhr, SWR2: Was Hirnforscher und Psychotherapeuten voneinander lernen” waren sehr wichtige Forschungsergebnisse zu vernehmen: 

Ulfried Geuter: ... Ein bahnbrechender Befund dazu stammt aus der Tierforschung, aus einem wissenschaftlich interessanten, aber ethisch fragwürdigen Experiment an Singvögeln. Singvögel lernen die Lieder ihrer Eltern. Wächst eine junge Nachtigall bei einer Amsel auf, lernt sie deren Lied. Entfernt man einem Vogel das Singzentrum im Gehirn, wie es Forscher in den USA jetzt taten, verklingen seine Lieder. Doch nach einiger Zeit, berichtet der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer, singen die Vögel wieder ihre Lieder: 

Manfred Spitzer: Zunächst einmal kann man sagen: Das kann doch gar nicht gehen, denn wenn auf meinem Computer die Festplatte kaputt geht und auch wenn ich eine neue in den Computer reinbaue, sind die Daten trotzdem weg. Wo also sind die Daten der abgestorbenen Neurone noch mal gespeichert? Wo ist im Kopf das back-up? Obwohl man es nicht genau weiß muss man auf diese Frage aus Plausibilitätsannahmen wie folgt antworten: In unserem Gehirn ist alles mehrfach gespeichert... Die Farben der Dinge sind anderswo gespeichert als die Bewegungen der Dinge oder als höhere Bedeutungsaspekte der Dinge. So dass man sagen kann: Wenn irgendwo ein Aspekt fehlt, ist es offenbar möglich durch komplexe Vorgänge des Speicherns, Umkodierens, Komprimierens und Dekomprimierens zumindest einen Teil der verlorenengegangen Information wieder aus den anderen Speichern herauszuholen und wieder - sozusagen - zum Leben zu erwecken.

Bitte zu beachten:

Das Manuskript des Südwest-Funks (SWR2) ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Die Archiv-Nr. ist 008-2427