"Machet sie euch untertan und herrschet...“

Der folgende Text ist eine
Kurzfassung des Vortrages, den Colin Goldner auf dem „Tierbefreiungskongreß
2009“ (27.-30.8.09) auf Burg Lohra in Thüringen gehalten
hat (>hier< mehr zu Colin
Goldner aus Wikipedia und >hier<
zur Massentierhaltung von Masthähnchen und deren Behandlung mit Antibiotika):
Wie ist es zu erklären, dass viele
Menschen noch nicht einmal gegenüber ihren “engsten
Verwandten im Tierreich“ - Schimpansen, Gorillas und Orang
Utans - Empathie empfinden können? Selbst und gerade dann
nicht, wenn diese, dressiert und „zum Affen“ gemacht,
irgendwelche Kunststückchen in Zirkus oder TV-Shows
vorführen müssen, oder, degradiert zu reinen Schauobjekten,
in Zoos und Freizeitparks vor sich hinvegetieren, auf
Lebenszeit eingesperrt hinter Eisengittern und
Isolierglasscheiben?
Das Verhältnis des mitteleuropäischen
Menschen zum Menschenaffen ist relativ neu. Die ersten
„Großen Affen“, Schimpansen zunächst, kamen Mitte des 17.
Jhdts. auf Handelsschiffen nach Europa. Sie wurden schnell
zur Attraktion der zu dieser Zeit aufkommenden Menagerien
und Tiersammlungen „aufgeklärter“ und insofern
„naturbegeisterter“ Landesfürsten. Die älteste Tiersammlung
Europas mit einer Vielzahl exotischer Tiere war bereits 1542
unter Kaiser Ferdinand I. in Schönbrunn bei Wien begründet
worden, der ständig weiter ausgebaute Tiergarten existiert
noch heute. Die bedeutendste Menagerie ihrer Zeit wurde ab
1662 im Schlosspark von Versailles eingerichtet.
Das Auftreten der Menschenaffen in Europa
erschütterte die bis dahin unhinterfragt herrschende Selbst-
und Weltsicht des christlichen Abendlandes in einem Maße,
wie man sich das heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann:
ihrer augenfälligen Ähnlichkeit mit dem Menschen wegen
bedeutete ihr Auftreten nichts weniger, als dass zum einen
aufgrund der gesetzten Gottebenbildlichkeit des Menschen der
Affe - ungeheuer und undenkbar - gottähnlich sein müsste;
und dass zum anderen - gleichermaßen ungeheuer und undenkbar
- eben damit das Alleinstellungsmerkmal des Menschen und
damit seine Vorherrschaft über die Natur in Frage gestellt
sei.
Mit größtem Aufwand und in einer Schärfe,
wie dies mit Blick auf die bislang bekannte Tierwelt nicht
erforderlich gewesen war – menschenähnliche Tiere waren bis
dahin in Europa völlig unbekannt gewesen -, suchte man von
Kanzeln und Kathedern herunter die Trennlinie zwischen
Mensch und Tier endgültig und über jeden Zweifel erhaben
nachzuziehen. Vergleichbar dem jesuitischen Vorgehen gegen
Galilei und insofern wider jede Empirie, die zu Beginn der
Aufklärung und ebendiese markierend längst
wissenschaftlicher Standard war, griff man zurück auf die
später als Scholastik bezeichnete Wissenschaftsdoktrin des
ausgehenden Mittelalters - namentlich auf den
Spätscholastiker Thomas von Aquin -, die darin bestand,
Beobachtungen rein deduktiv, also vom Allgemeinen ins
Besondere schließend, so zu deuten, dass sie mit
vorgegebenen Prinzipien und deren Konsequenzen vereinbar
waren. Während alle Wesen beseelt seien, so die Auffassung
des Thomas von Aquin, verfüge nur und ausschließlich die
menschliche Seele über die Kraft des göttlichen und damit
unsterblichen Geistes, des „intellectus“, der freies Denken
und Wollen ermögliche und den Menschen „essentiell“ über die
Tiere hinaushebe. Mit der Lehre des „essentiellen“
Unterschiedes zwischen Mensch und Tier wurde die in der
Bibel grundgelegte Doktrin der Gottebenbildlichkeit des
Menschen, die diesen über die gesamte Natur erhebe und diese
seiner Herrschaft und Nutzung unterwerfe, mit Nachdruck
festgeschrieben: Thomas von Aquin gilt insofern als mit
Abstand einflussreichster aller Kirchenlehrer. Ausdrücklich
festgeschrieben wurde das biblische Diktum des 1. Buches
Moses, in dem Gott selbst seinen Ebenbildern befiehlt, zu
„herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter
dem Himmel und über das Vieh und alle Tiere des Felds... und
machet sie euch untertan und herrschet... Furcht und
Schrecken vor euch über alle Tiere... in eure Hände seien sie
gegeben“.
Es gilt dieses Verdikt unverändert bis
heute und besetzt das kollektive Bewusstsein wie kein
zweites: Unmißverständlich erklärt der aktuell gültige
Weltkatechismus der Katholischen Kirche, federführend
herausgegeben im Jahre 1993 durch den seinerzeitigen
Kurienkardinal Joseph Ratzinger und jetzigen Papst Benedikt:
“Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen
gestellt, den er nach seinem Bilde geschaffen hat”. Somit
dürfe der Mensch sich der Tiere zur Ernährung und zur
Herstellung von Kleidung bedienen, er dürfe sie abrichten,
um sie sich dienstbar zu machen; medizinische und
wissenschaftliche Tierversuche seien "sittlich zulässig",
sei doch – mit Thomas von Aquin – das "Gewaltverhältnis
zwischen Mensch und Tier grundsätzlich unaufhebbar." Es gibt
bezeichnenderweise in der gesamten Bibel keinen einzigen
Satz, in dem Tieren Schutz vor der Rohheit und Gier des
Menschen zugesprochen würde. All die mühsamen Versuche
tierrechtlich angehauchter Exegeten wie etwa des Theologen
Kurt Remele, irgendwelche tierfreundlichen Passagen in die
Bibel hinein- oder aus dieser herauszuinterpretieren, sind
reine Farce: Remele hält das Herrschafts- und
Unterjochungsgebot aus dem 1. Buch Moses – „Furcht und
Schrecken vor euch über alle Tiere“ – allen Ernstes für den
Auftrag Gottes an den Menschen zu „verantwortungsvollem
Leiten“ der ihm an die Hand gegebenen Mitgeschöpfe, zu
„liebender Sorge“ für diese und „hegendem Bewahren“.
Auch die Bezugnahme der katholischen
Kirche auf sogenannte Tierheilige wie Franz von Assisi,
Leonhard oder Patrick sind, ebenso wie die Tiermessen und
Tiersegnungen, die sie allenthalben inszeniert, nichts denn
zynische Farce. Nirgendwo geht es um Segnung, sprich: Schutz
der Tiere um ihrer selbst willen, allenfalls sollen sie
durch den Segen vor Krankheit und Unfall bewahrt werden, um
umso besser ausgebeutet werden zu können. Auf eigenen
Hubertusmessen werden die Jäger gesegnet, vor Walfangfahrten
die Walschlächter, vor Stierkämpfen die Toreros. Keine
Eröffnung eines Zoos oder Delphinariums, keine
Zirkuspremiere, keine noch so abartige Tierquälerei im
Gewande von Tradition oder Brauchtum - Fischerstechen,
Gänsereiten, Widderstoßen usw. -, ohne dass nicht ein
Priester seinen Weihwasserwedel schwänge.
Ein Wort noch zu dem vielzitierten Franz
von Assisi, der immer dann angeführt wird, wenn von der
grundlegenden Tierfeindlichkeit der judäo-christlichen
Traditionen und insbesondere der katholischen Kirche
abgelenkt werden soll: die Geschichte des Giovanni Battista
Bernardone, jenes jungen Mannes aus dem mittelitalienischen
Assisi, der mit den Tieren habe reden können; der nach einem
Erleuchtungserlebnis, bei dem Gott direkt zu ihm gesprochen
habe - manche sagen auch: nach einem Schlag auf den
Hinterkopf in einer Fehde mit der Nachbarstadt Perugia -,
seinem Luxusleben als verwöhntes Bürgersöhnchen entsagte,
sich den Schädel rasierte und hinfort als Franziskus der
Wandermönch unterwegs war. Tatsächlich weiß niemand genau,
was dem 24-jährigen Giovanni Battista im Frühsommer des
Jahres 1206 widerfahren war. Jedenfalls zerstritt er sich
mit seiner Familie und lief von nun an bevorzugt nackt durch
die Gegend. Er begründete den "Orden der Minderen Brüder",
der sich, bettelnd und Buße predigend, ganz dem biblischen
Vorbilde Jesu verschrieb. Schon zwei Jahre nach seinem Tod
im Jahre 1226 wurde Franziskus von Papst Gregor IX.
heiliggesprochen. Mit einem Heiligen, der zu Lebzeiten auf
jede irdische Habe verzichtet hatte, ließ sich sehr gut die
eigene Protz- und Verschwendungssucht kaschieren. Von
besonderer Tierliebe ist in den frühen Zeitzeugenberichten
und Biographien des Franz von Assisi nirgends die Rede.
Seine legendäre Vogelpredigt, bei der er eine Schar Vögel
mit frommen Worten ermahnt haben soll, Gott allezeit und
allerorten zu loben, wurde erst sehr viel später
hinzugedichtet. Desgleichen seine berühmte Begegnung mit dem
Wolf von Gubbio, einem, wie die Legende sagt, "Thiere von
grimmer Wildheit und schrecklicher Größe", das er allein mit
dem Kreuzzeichen gezähmt habe. Zum offiziellen
"Tierschutzheiligen" stieg Franziskus erst in jüngster Zeit
auf. Schon vor knapp 80 Jahren zwar, im Jahre 1931, wurde
sein Todestag, der 4. Oktober, zum "Welttierschutztag"
ausgerufen, allerdings nicht von der katholischen Kirche,
die sich entschieden dagegen aussprach, sondern von einem in
Florenz veranstalteten Kongress mit Vertretern von 152
Tierschutzvereinen aus 32 Ländern. Die Kirche zog erst 50
Jahre später nach: Erst 1980 wurde Franz von Assisi per
päpstlichem Dekret zum Tierschutz- und Umweltheiligen
ernannt. Mit einem Heiligen, der mit den Tieren sprach, ließ
sich gut vom eigenen Komplettversagen in der "Wahrung der
Schöpfung" ablenken. Noch Mitte des 19.Jhdts. war von Papst
Pius IX die Errichtung einer Tierschutzeinrichtung in Rom
ausdrücklich verboten worden: Tieren gegenüber gebe es
keinerlei moralische oder sonstige Pflicht. Pius IX wurde im
Jahr 2000 von Papst Johannes Paul II seliggesprochen.
Ungeachtet der Aufnahme von Tierschutz in
das Grundgesetz der BRD vom 17. Mai 2002 – Artikel 20a –
gilt der Ge- und Verbrauch von Tieren nach wie vor als
völlig "normal": die meisten Menschen betrachten Tiere
ausschließlich als Mittel zum Zweck. Es gilt als
unhintergehbare Selbstverständlichkeit, dass Tiere für
menschliche Nahrung und Kleidung unterdrückt, ausgebeutet,
gequält und getötet werden, dass sie für die Erforschung und
Testung von Medikamenten oder Kosmetika vergiftet, verbrüht,
verbrannt, vergast oder ertränkt werden, dass ihnen Augen,
Magen und Haut verätzt, ihre Stimmbänder durchtrennt, ihre
Knochen zertrümmert, zersägt, ihre Schädel zerschmettert
werden, dass sie von Jägern gehetzt, erschlagen oder
erschossen werden, sie zum Gaudium des Menschen in Zoos
ausgestellt und in Zirkussen vorgeführt werden, dressiert
und zu artwidrigstem Verhalten genötigt, dass sie zu Sport
und Freizeitvergnügen jeder Art herhalten müssen... Und das
alles nicht nur mit dem Segen der Katholischen Kirche,
sondern in ihrem beziehungsweise ihres Gottes ausdrücklichem
Auftrag: "Machet sie euch untertan und herrschet... Furcht
und Schrecken vor euch über alle Tiere... in eure Hände seien
sie gegeben...“
Nicht nur die katholische Kirche, auch
die evangelische und jede andere der christlichen
Religionsgemeinschaften, desgleichen das Judentum und der
Islam in all ihren Ausprägungen, beziehen sich grundlegend
auf die biblisch begründete Einzigartigkeit des Menschen als
Ebenbild Gottes samt dem daraus hergeleiteten Anspruch des
Menschen die Natur zu beherrschen. Es ist das Wesen
jeder Religion, den Menschen aus der Natur
herauszuheben und ihn – dies die Bedeutung des Begriffes
re-ligio -: rückanzubinden an Gott bzw. je nach
theologischer Ausrichtung an mehrere und unterschiedliche
Götter, an das Göttliche, das Numinose usw. Religion ist
immer Ausdruck und Rechtfertigung der Herrschaft von
Menschen über Menschen und vor allem: Herrschaft des
Menschen über die Natur. Tierbefreiungsarbeit muß insofern
immer und grundlegend Religionsbefreiungsarbeit sein,
Befreiung von Religion in jeder ihrer
Erscheinungsformen. Auch und vor allem von den
weichgespülten Formen, wie sie etwa innerhalb der
evangelischen Kirche zu beobachten sind, in der zunehmend
Tierschutzfragen thematisiert werden. Es geht Gruppierungen
wie „AKUT – Aktion Kirche und Tiere“ immer nur um Reformen:
um größere Käfige, kürzere Wege zum Schlachthof,
schmerzfreiere Tötung usw., nicht aber um die prinzipielle
Abschaffung von Unterdrückung und Ausbeutung der Tiere.
Um an dieser Stelle nicht missverstanden
zu werden: ernstzunehmende TierrechtlerInnen sind
selbstredend immer auch TierschützerInnen, wenn es darum
geht, reales Tierleid bestmöglich und weitestgehend zu
mindern, wo Unterdrückung, Ausbeutung und Leid unmittelbar
nicht beendet werden können. Die abolitionistische Forderung
aber nach Beendigung jedweder Ausbeutung - sprich: die
Dekonstruktion der sakrosankten Grenzziehung zwischen Mensch
und Tier - tritt dahinter nicht zurück. Klassischer
Tierschutz wie etwa AKUT ihn betreibt, der ausschließlich
auf Reformismus und/oder nur auf bestimmte Tierarten
abstellt, ist aus tierrechtlicher Sicht abzulehnen: er
schreibt Tierausbeutung prinzipiell und programmatisch fort.
Abgesehen davon entlastet er die Kirchen von Kritik an ihren
strukturell tierfeindlichen Positionen, die die ideologische
Grundlage abgeben für die herrschenden Unterdrückungs- und
Ausbeutungsverhältnisse, unter denen Myriaden von Tieren
weltweit zu leiden haben.. Da ist der „1. Kirchentag Mensch
und Tier“, wie er von AKUT für August 2010 in Dortmund
geplant ist, nichts anderes als eine Mischung aus - je nach
Position - abgründiger Naivität und schreiendem Zynismus;
einschließlich der vorgesehenen „Tiermessen“, bei denen
gemeinsam für das Wohlergehen der „Mitgeschöpfe“ gebetet
wird. Ganz abgesehen davon, dass der AKUT- Kirchentag von
den Amtskirchen, die ein paar Wochen zuvor ihren eigenen
„offiziellen“ Kirchentag in München abhalten, komplett
ignoriert wird. Als Hauptredner des AKUT-Kirchentages sind
übrigens Eugen Drewermann, Klaus-Peter Jörns und Barbara
Rütting angekündigt, letztere bekannt als Apologetin der
rechtslastigen Neuoffenbarungsgemeinschaft „Universelles
Leben“ sowie als Propagandistin telepathischer Kommunikation
mit Tieren und jedweden sonstigen Esoterikunsinns.
Auch die vermeintlich sehr viel
tierfreundlicheren Religionssysteme des Ostens – Hinduismus
und Buddhismus in ihren verschiedenen Ausprägungen –
erweisen sich bei näherer Hinsicht als ebenso fatal für das
Tier wie die mosaischen Religionen. Es ist ein
weitverbreiteter Irrtum zu glauben, es ließen sich den
judäo-christlichen Vorstellungen des Menschen als Abbild
eines.gewalttätigen Alleinherrschergottes und damit als
“Herren der Welt” die Vorstellungen östlicher
Religionssysteme als nachgerade vorbildlich, wie etwa
Schopenhauer meinte, gegenübersetzen. Tatsache ist: Der
Hinduismus unterscheidet sich in Hinblick auf Unterdrückung
und Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere in nichts
von den judäo-christlichen Traditionen: ungeachtet etwa der
kultischen Verehrung der Kuh bietet der Hinduismus realen
Rindern keinerlei Schutz. Auch der Umstand, dass ein paar
der zahllosen Hindu-Gottheiten mit Tierköpfen dargestellt
werden, Ganesha etwa mit Elephantenkopf, Nandi mit Stier-
oder Hanuman mit Affenkopf, besagt keineswegs, dass die
entsprechenden realen Tiere respektvoll zu behandeln seien
oder behandelt würden. Tiere, die keine Repräsentanz im
Hindu-Pantheon haben, gelten ohnehin als Sache, mit der der
gläubige Hindu nach Belieben und Willkür verfahren kann. Der
vermeintlich höhere Stellenwert, der dem Tier in den
östlichen Religionssystemen zugebilligt wird – es gilt dies
auch für den Buddhismus in all seinen Erscheinungsformen -,
resultiert aus den metaphysischen Konstrukten von Karma und
Wiedergeburt, der Vorstellung also, dass Menschen
irgendwelcher Vergehen wegen im nächsten Leben in der
niederen Gestalt eines Tieres wiedergeboren werden können,
als welches sie nicht nur vielfältiges Leid zu erdulden
haben, sondern vor allem keine Befreiung aus dem leidvollen
Kreislauf der Wiedergeburten erlangen können: nur der Mensch
kann sich ins erstrebte Nirvana auflösen. Es kann also jedes
Tier prinzipiell ein karmisch zurückgestufter Mensch sein,
dem und nur dem gegenüber das ausschließlich
anthropozentrisch und ansonsten völlig abstrakt verstandene
Nicht-Tötungsgebot des Ahimsa gilt. Im Übrigen ist der
buddhistischen Lehre zufolge nur das Töten selbst verboten.
Sofern ein gläubiger Buddhist ein Tier, das er zu verzehren
oder anderweitig zu verwerten gedenkt, nicht selbst und mit
eigener Hand tötet, befindet er sich allemal in Einklang mit
den Geboten der Lehre. Um das Tier als Tier geht es
prinzipiell nicht. Das gleiche gilt im Übrigen auch für die
sogenannten Naturreligionen, denen ein ungeteiltes
Verhältnis von Mensch und Natur bzw. Mensch und Tier
nachgesagt wird. Die Besänftigung der Naturgeister freilich
oder die kultische Verehrung eines Totems – in der Regel auf
dem Wege tierlicher Opfergaben - dient zu nichts anderem,
als dass der Mensch sich selbst gefahrlos der Natur bedienen
bzw. sie sich nutzbar machen kann.
Zurück zu den Menschenaffen. Zeitgleich
mit der Ankunft der ersten Schimpansen in Europa sah der
französische Jesuitenschüler und Philosoph René Descartes
sich berufen, die Sonderstellung des Menschen in der Natur
naturwissenschaftlich zu untermauern. Er tat dies, ganz im
Geiste seiner Zeit, unter enormen philosophischen
Verrenkungen, sprich: in nachgerade groteskem Widerspruch zu
seiner eigenen durchaus fortschrittlichen Erkenntnistheorie,
die nur zu akzeptieren vorgibt, was durch Analyse und
Reflexion verifiziert werden kann. In seiner berühmten
Abhandlung über die Methode des rechten Vernunftgebrauchs
und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, in der
er mithin eben diese Erkenntnistheorie vorstellt, suchte er
in einem eigenen und völlig aus dem Rahmen fallenden Kapitel
nachzuweisen, dass Tiere „nicht nur weniger Vernunft als die
Menschen, sondern gar keine haben“, und zwar anhand
der Unfähigkeit von Tieren so zu sprechen, dass der Mensch
sie versteht. Es sei doch höchst bemerkenswert, wie er
schreibt, „dass es keine so stumpfsinnigen und dummen
Menschen gibt..., die nicht fähig wären, verschiedene Worte
zusammenzuordnen und daraus eine Rede zu bilden, wodurch sie
ihre Gedanken verständlich machen; wogegen es kein anderes
noch so vollkommenes und noch so glücklich veranlagtes Tier
gibt, das etwas Ähnliches tut...Und da man unter den Tieren
ebenso wie unter den Menschen Ungleichheit findet...so ist
es unglaublich, dass ein Affe oder Papagei, die zu den
vollkommensten ihrer Art gehören, darin nicht einem der
dümmsten Kinder oder wenigstens einem Geisteskranken
gleichkommen würden, wenn ihre Seele nicht von einer ganz
anderen Natur wäre als die unsrige“. Er setzte Tiere
insofern mit Automaten gleich, deren Bewegungen rein
mechanischen Gesetzen folgten, ohne Bewußtsein, ohne
Gedanken, ohne Gefühl. Auffällig, wie er schreibt, sei
überdies, „dass, obwohl manche Tiere in manchen Handlungen
mehr Geschicklichkeit zeigen als wir, man doch sieht, dass
ebendieselben Tiere in vielen Handlungen gar keine zeigen;
so dass, was sie besser als wir machen, keineswegs Geist
beweist...sondern vielmehr, dass sie keinen Geist haben und
allein die Natur in ihnen nach der Disposition ihrer Organe
handelt. Man sieht ja auch dass ein Uhrwerk, das bloß aus
Rädern und Federn besteht, richtiger als wir mit all unserer
Klugheit die Stunden zählen und die Zeit messen kann.“ Gäbe
es Automaten, so Descartes, die die Organe oder die äußere
Gestalt eines Affen oder eines anderen vernunft- und
gefühllosen Tieres besäßen, so wären diese Automaten in
nichts von jenen Tieren zu unterscheiden. Nur der Mensch,
gleichwohl auch er mechanisch konstruiert, verfüge über
Sprache und Vernunft als Universalinstrumente des Handelns,
die nicht an die Disposition der Organe gebunden seien. Nur
er sei insofern gottebenbildlich, herausgehoben aus der
Natur und frei in seinen Entscheidungen und seinem Tun. Als
Vivisektor „demontierte“ Descartes Organ für Organ seiner
Versuchstiere, gerade so wie ein Uhrmacher das Räderwerk
einer Uhr auseinandernimmt. Die Schmerzensschreie der bei
lebendigem Leibe sezierten Tiere bedeuteten ihm nicht mehr
als das „Quietschen eines Rades".
Gleichwohl Descartes Auffassung in
diametralem Gegensatz stand zu seinem eigenen
erkenntnistheoretischen und rationalen Anspruch, wurde sie,
kolportiert von Talar- und Soutanenträgern jeder Coleur, zur
Grundlage aller modernen Wissenschaft, die in irgendeiner
Form mit dem Tiere zu tun hat. Zentrales Diktum: Tiere
können nicht denken, nicht fühlen, nicht leiden, der Mensch
kann insofern, ganz im Sinne des biblischen Unterjochungs-
und Ausbeutungsauftrages aus dem 1. Buch Moses, mit ihnen
tun und lassen, was ihm beliebt. Gerade den Kirchen kamen
Descartes, desgleichen Spinoza, der entgegen seiner
sonstigen und wichtigen Beiträge zur Aufklärung insofern
ganz ähnliche Gedanken vertrat, sehr gelegen, vor allem in
der zu Beginn des 18. Jhdts. aufkeimenden und zunehmend sich
verschärfenden bzw. in aberwitzigsten Behauptungen und
Gegenbehauptungen sich verheddernden Diskussion, die
aufgeklärte Denker wie Leibnitz oder Hume mit ihren ersten
Versuchen vom Zaune brachen, die bislang dogmatisch
vertretenden, d.h. völlig unhinterfragt geltenden Ansichten
über das Verhältnis Mensch-Tier mit neuen, nunmehr empirisch
gewonnenen Einsichten und Erkenntnissen zu verknüpfen.
Anhand der mittlerweile in zahlreichen Tiersammlungen und
Menagerien anzutreffenden Schimpansen wurde die Diskussion
stetig vorangetrieben, bekämpft mit allen zu Gebote
stehenden Mitteln von den Vertretern der „alten Ordnung“.
Die Großen Menschenaffen - ab Mitte des 18. Jhdts. kamen
erstmalig auch Orang Utans und Gorillas nach Europa –
blieben in Gefangenschaft in der Regel nicht lange am Leben,
viele starben kurz nach ihrer Ankunft, die meisten schon
während der Schiffspassage. Ihre toten Körper wurden in der
Regel zerstückelt und in Spiritus eingelegt, auch
ausgestopft oder skelettiert, und reisten als Anschauungs-
und Studienmaterial quer durch Europa. Dazu entwickelte sich
eine eigene Sparte an Tiermalern, deren Bilder ebenfalls in
ganz Europa kursierten. Menschenaffen waren insofern
allgegenwärtig.
1758 sorgte der schwedische
Naturhistoriker Carl von Linné mit der zehnten Auflage
seiner immer wieder überarbeiteten Systema Naturae
für ein Erdbeben sondergleichen in der abendländischen Welt:
er hatte es gewagt, in seiner – bis heute bestehenden und
gültigen – Taxonomie der Arten die „Großen Affen“ aufgrund
deren unabstreitbarer anatomischer und physiologischer
Ähnlichkeit zum Homo sapiens der gleichen Familie der
„Hominidae“, der Menschenartigen, zuzuordnen. Es hatte dies
Linné selbst in schweren Zwiespalt gestürzt: er war zugleich
Wissenschaftler wie auch – in seiner Zeit nicht anders
denkbar - rechtschaffener Christenmensch. Er löste das
Dilemma in der von Descartes herabgekommenen Behauptung, es
gebe eine nicht-anatomische Eigenschaft, die den Menschen
trotz aller Nähe zu den Menschenaffen diesen unermesslich
überlegen mache: seine über alle Natur erhabene Vernunft.
Gleichwohl Linné mit diesem - wenn man soll will:
scholastischen -Winkelzug seine Erkenntnis der gleichen
Familienzugehörigkeit von Mensch und Menschenaffe enorm
abschwächte, wenn nicht aufhob, sah seine Taxonomie sich
doch vehementester Anfeindung ausgesetzt. Eine seiner
größten Kritiker war der Göttinger Zoologe Johann Friedrich
Blumenbach, der der Verletzung der geheiligten Trennlinie
zwischen Mensch und Tier heftig widersprach und nicht nur
eine eigene - falsche - Taxonomie aufstellte, sondern mit
der Zuweisung eines lateinischen Artennamens an den
Schimpansen diese Trennlinie in einer Weise nachzog, wie es
deutlicher und schärfer nicht ging. Bis dahin waren
Schimpansen als „Indische Satyrn“ bezeichnet worden – Satyrn
sind ungehobelte Waldschrate aus der griechischen Mythologie
–, aber eben auch als Schimpansen, nach dem in Ostkongo
gebräuchlichen Bantubegriff „kivili-chimpenze“, was schlicht
„Affenmensch“ bedeutet.
Blumenbach gab dem Schimpansen den Namen
Pan troglodytes, wie er bis heute wissenschaftlich
heißt. Troglodyt ist ursprünglich der griechische
Begriff für Höhlenbewohner, übertragen galt er im Bürgertum
des 18. und 19.Jhdt. als verächtliche Bezeichnung für
Menschen mit ausgeprägt schlechtem, unkultiviertem Benehmen.
Pan, der Gattungsbegriff selbst für die Schimpansen, wurde
nach Pan dem griechischen Gott der ungebändigten Natur
gewählt, der, über und über behaart und mit meist erigiertem
Phallus durch die Wälder zog und die Menschen, die seiner
ansichtig wurden, darob in panischen Schrecken versetzte -
daher der Begriff Panik. Mit dem Gattungsnamen Pan wurde der
Schimpanse zum „ganz Anderen“ erklärt, zum Inbegriff des
verfemt „Animalischen“, des „Leibhaftigen“, all dessen, was
judäo-christliche Zivilisation und Kultur seit je zu
unterdrücken und zu beherrschen suchten: nämlich Sexualität
und Eros. Der griechische Gott Pan, seiner Dauergeilheit
wegen im hellenischen Mythos stets mit Bockshörnern und
Bocksfüßen dargestellt, wurde im christlichen Mittelalter
als Vorbild für die von den Scholastikern neuerfundene
Gestalt des Teufels herangezogen. Nun war das Böse
leibhaftig da: in Gestalt des Schimpansen, der insofern
dringend weggesperrt werden musste, am besten hinter
doppelte Gitterstäbe, wo das Bürgertum ihn dann aus
gebührendem Abstand und mit wohligem Schauer begaffen
konnte. Pan troglodytes: alleine im Namen doppelt
geächtet, doppelt abgewertet, doppelt verandert.
Dem Dilemma Linnés, seine
wissenschaftlichen Erkenntnisse in Einklang zu bringen mit
der herrschenden Doktrin des christlichen Abendlandes einer
gottgegebenen und gottgewollten Vorrangstellung des Menschen
über alle Natur, unterlag 100 Jahre später auch Charles
Darwin, der zeit seines Forscherlebens damit zu kämpfen
hatte. Nicht zuletzt hatte er vor seinen
naturwissenschaftlichen Studien ein komplettes
Theologiestudium absolviert. Bereits 1838 hatte Darwin einen
ersten Entwurf seiner Theorie über die Entstehung der Arten
erstellt, aber erst mehr als 20 Jahre später, 1859, getraute
er sich, seine Arbeiten zu veröffentlichen, deren zentrale
Aussage die der gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen war.
Während in Wissenschaftskreisen die Tatsache der Evolution –
mithin gemeinsamer Vorfahren von Menschenaffen und Menschen
- relativ schnell und so gut wie universell akzeptiert
wurde, stieß sie – und stößt bis heute – in
fundamentalreligiösen Kreisen auf erbitterten Widerstand.
Auch ins Alltagsbewusstsein ist sie längst noch nicht
eingedrungen.
Daran haben auch all die ethologischen
Befunde nichts geändert, die seit den 1960er Jahren – Jane
Goodall und Biruté Galdikas vorneweg – über das Leben von
Primaten in freier Wildbahn zusammengetragen wurden: dass
sie tradierte Formen von Kultur haben, einschließlich der
Fähigkeit, Werkzeuge herzustellen oder bei Krankheiten
bestimmte Heilkräuter einzusetzen; dass sie Ich-Bewußtsein
haben samt einer Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft;
dass sie über kognitive, soziale und kommunikative
Fähigkeiten verfügen, die sich von denen des Menschen
allenfalls graduell unterscheiden und emotional genau so
empfinden wie dieser. Ebensowenig bewirkt haben die Befunde
der modernen Genetik, die es naturwissenschaftlich unhaltbar
machen, überhaupt zwischen Menschen und Menschenaffen zu
unterscheiden: die Erbgutunterschiede etwa zwischen Mensch
und Schimpanse bewegen sich im Promillebereich.
Psychologisch ist das anders: „Affen sind
den Menschen nahe“, so der Primatologe Volker Sommer, „aber
die Nähe ist nur ein Beinahe. Das führt zu einem Dilemma:
Weil uns hinreichend ähnlich, werden unsere Verwandten als
abgerichtete Witzfiguren in Fernsehen und Zirkus
missbraucht, zum Anstarren in Zoos eingesperrt oder als
Lieferanten von Blut und Organen ausgeschlachtet. Sie gelten
jedoch zugleich als hinreichend verschieden von uns, so dass
ihnen keine Rechte zustehen.“ Das 1993 von Peter Singer,
Paola Cavalieri und einer Reihe weiterer hochrenommierter
Wissenschaftler und Philosophen ambitioniert gestartete
Great Ape Projekt, dessen Ziel es war und ist, den
Großen Menschenaffen Persönlichkeitsstatus zuzusprechen, der
ihnen das Recht auf Unverletzbarkeit von Leib und Leben
sowie das Recht auf individuelle Freiheit und
Selbstbestimmung im Rahmen ihrer natürlichen Anlagen
garantiert, ist nach einem ersten Erfolg von 1999 –
Neuseeland verbot per Gesetz sämtliche Experimente an
Menschenaffen – und einem weiteren aus dem Jahre 2007 – die
Inselgruppe der Balearen als insofern autonome Region
Spaniens beschloß umfassenden gesetzlichen Schutz der
Menschenaffen – praktisch zum Erliegen gekommen. Ob sich
etwas in Bewegung setzt über das seit 2007 vor
österreichischen Gerichten und derzeit beim Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte anhängige Verfahren zur
Klärung der Frage, ob einem im Wiener Tierschutzhaus
lebenden Schimpansen namens Hiasl Personenstatus und damit
subjektive Rechte zuerkannt werden müssen oder nicht, bleibt
abzuwarten. In der Bundesrepublik gibt es jedenfalls
keinerlei Anlaß zu Optimismus: Keine der im Bundestag
vertretenen Parteien setzt sich ernsthaft für Schutz der
Primaten im Sinne des Great Ape Project ein.
Sämtliche Parteien befürworten weiterhin Tier- und
insbesondere Affenversuche, CDU/CSU ausdrücklich
auch Versuche an Menschenaffen. Lediglich Die Linke
tritt für ein konsequentes Verbot sämtlicher Affenversuche
ein.
Zur Frage im Übrigen, was den Einsatz
gerade für Menschenaffen rechtfertigt, durch deren
allfälligen Einbezug in die Rechtsgemeinschaft der Menschen
sich nur die Grenzlinie verschöbe und nun Menschen und
Menschenaffen auf der einen von allen anderen Tieren auf der
anderen Seite trennte, woraus letztere keinerlei Nutzen
bezögen, ist in aller Pragmatik zu sagen: irgendwo muß man
anfangen. Zudem stellen Menschenaffen den Dreh- und
Angelpunkt des Verhältnisses Mensch-Natur dar, sie
definieren wie nichts und niemand sonst die sakrosankte
Grenzlinie zwischen Mensch und Tier: sind sie
festgeschrieben „auf der anderen Seite“, sind das alle
anderen Tiere mit ihnen. Würde die Grenze durchlässig,
könnte das einen Dammbruch auslösen, der letztlich allen
Tieren zugute käme; ganz abgesehen davon, dass mit dem
primatologischen Diskurs eng auch andere macht- und
herrschaftskritische Diskurse – Geschlechterfrage,
Rassismus, Postkolonialismus etc. – verknüpft sind.
Was genau prägt eigentlich die Sicht des
heutigen Durchschnittsbürgers auf Schimpansen, Orang Utans
und Gorillas? Schimpansen gelten als Sympathieträger, man
kennt sie aus dem Zoo oder dem Zirkus, wo sie als die
geborenen Spaßmacher erscheinen, in letzterem oft kostümiert
mit Röckchen oder Livree. Ältere Semester erinnern sich
vielleicht noch an den berühmten Petermann aus dem Kölner
Zoo, einen Schimpansen, dem man eine bunte Gardeuniform
anzog, damit er bei Karnevalssitzungen der umjubelte Star
des Elferrates sein konnte. Im niederbayerischen Straubing
gab es in den 1960ern einen Schimpansen namens Jimmy, den
der damalige Zoodirektor regelmäßig ins Caféhaus mitnahm, wo
er ihn zum Gaudium der anderen Gäste Bier trinken und
Zigarren rauchen ließ. Was also wissen wir von Schimpansen?
Im Grunde gar nichts. Das einzige, was im Bewusstsein hängen
bleibt, sind Zerrbilder, Klischees und lächerliche
Karikaturen, die mit frei lebenden Schimpansen nicht das
Geringste zu tun haben.
Auch wenn Zoos gerne behaupten, es gebe
kaum einen anderen Lernort, an dem man Natur besser
beobachten und verstehen lernen könne, als gerade einen Zoo,
ist das genaue Gegenteil der Fall: Zoos eignen sich zu
nichts weniger, als einen sinnfälligen Bezug zur Natur
herzustellen. Gerade deshalb fällt den Besuchern ja auch das
Leid der eingesperrten und zur Schau gestellten Tiere nicht
auf. Und genau darum geht es: all die Zerrbilder und
Klischees, die der Besucher im Zoo vorgeführt bekommt,
dienen dazu, eins-zu-eins die alttestamentarisch
grundgelegte und über Descartes und Spinoza herabgekommene
Doktrin zu bestätigen, dass der Mensch dem Tiere – hier dem
Affen – unermesslich überlegen sei und sich seiner insofern
nach Belieben bedienen könne, und sei es nur zum
persönlichen Gaudium. Nicht umsonst zählt der
sonntagnachmittägliche Besuch des örtlichen Zoos mit Kindern
und Enkelkindern zum absolut unverzichtbaren pädagogischen
Standardprogramm.
Hand in Hand mit dem über Zoos
vermittelten Bild des Schimpansen geht jenes, das uns - mit
Ausnahme weniger Dokumentarfilme - in Kino- und
TV-Produktionen vorgeführt wird. Auch Filmschimpansen sind
immer zu Späßchen aufgelegt, ob nun Cheeta aus den
Tarzanfilmen, Judy aus Daktari oder „Unser Charly“
aus der gleichnamigen ZDF-Vorabendserie: stets gut gelaunt,
schelmisch, Charly immer mit lustiger Latzhose oder mit
Bermuda-Shorts; dazu intelligent, hilfreich, zuverlässig,
dem Menschen gegenüber absolut loyal und diesem im
Zweifelsfall weit mehr zugeneigt als den eigenen Artgenossen
oder sonstigen Tieren. Teil der kollektiven Erinnerung sind
auch die Schimpansen Ham und Enos, die 1961 im Dienste der
Menschheit mit einer US-Mercury-Rakete ins Weltall
geschossen wurden: die Bilder der Schimpansen in der
Raumkapsel gingen um die Welt.
Nicht zu vergessen Planet der Affen
von 1968, neben Star Wars erfolgreichster
Science-Fiction-Film aller Zeiten mit fünf Nachfolgefilmen,
zwei eigenen TV-Serien, einer Comicheftserie sowie einem
Remake von 2001. Worum es geht: Ein Forschungsraumschiff der
Erde landet mit Hilfe von Zeitdilatation und bei künstlichem
Tiefschlaf der Astronauten 2000 Jahre in der Zukunft auf
einem fremden Planeten. Die drei Astronauten treffen bei
ihrer Erkundung des Planeten auf steinzeitliche Menschen.
Plötzlich tauchen bewaffnete Affen auf, die Treibjagd auf
diese Menschen machen und auch die drei Astronauten gefangen
nehmen. Es zeigt sich, dass auf dem Planeten – Umkehr der
Verhältnisse – die Affen die herrschende Spezies sind: die
Menschen werden gejagt, versklavt, nach Belieben auch
getötet. Die Affengesellschaft erweist sich als
theokratische Diktatur, die zudem in rassische Kasten
unterteilt ist: Die Orang-Utans stellen den herrschenden
Klerus, Gorillas das Militär, Schimpansen das Bürgertum.
Menschen dienen als Arbeitssklaven. Einem der Astronauten
gelingt es kraft seiner überlegenen Intelligenz, den Affen
zu entfliehen, wobei er sich der Zuneigung einer
Schimpansenfrau bedient, die ihm bei der Flucht hilft. Nach
seiner Flucht hat er keinerlei Skrupel, mit Waffen aus dem
Raumschiff gegen die Affen vorzugehen, auch gegen jene, die
ihm zur Flucht verholfen haben. Letztlich stellt sich
heraus, dass das Raumschiff auf der Erde der Zukunft
gelandet war, auf der nach einem Atomkrieg die Affen die
Herrschaft übernommen und die übriggebliebenen Menschen
versklavt hatten. Der zunächst durchaus als
gesellschaftskritische Parabel daherkommende Plot – die
Umkehr der Machtverhältnisse Mensch-Affe - hält diese Linie
nicht lange durch. Held ist und bleibt stets der Mensch, der
sich erfolgreich gegen die Übermacht der Affen durchsetzt.
Diese erscheinen durchwegs als korrupt, faschistoid, bigott
und vor allem: als intellektuell äußerst beschränkt, dem
menschlichen Helden insofern chancenlos unterlegen. In den
nachgeschobenen Folgen des Films treten die sozialkritischen
Aspekte, sofern man sie überhaupt als solche bezeichnen
kann, komplett in den Hintergrund, da geht es nur noch um
Kampf „Affe gegen Mensch“, ein Kampf, den letztlich immer –
weil grundsätzlich - der Mensch gewinnt.
Auch das Bild des Gorillas entstammt
zunächst dem Zoo, wo man ihn eingesperrt hinter dicken
Eisengittern und Panzerglas besichtigen kann. Aus dem Zirkus
kennt man ihn weniger, seiner enormen Körperkraft wegen,
woraus wir lernen: Gorillas sind gefährlich. Nicht umsonst
werden die Leibwächter von Unterweltgrößen seit je als
„Gorillas“ bezeichnet, in diametralem Gegensatz zur
ausgesprochenen Unaggressivität und Friedfertigkeit
wirklicher Gorillas. Man kennt Gorillas auch aus Film und
Fernsehen, vorneweg durch King Kong, den Klassiker
schlechthin des Monsterfilmgenres, dessen Original von 1933
zu den meistgesehenen und meistkopierten Filmen aller Zeiten
zählt. Ein großer schwarzer Affe entblättert eine blonde
weiße Frau: die für die abendländische Kultur nachgerade
archtetypische Projektionsgeschichte von Rassismus, Sexismus
und Speziesismus, alles in einem. Kong, der Inbegriff des
Leibhaftigen, von den Eingeborenen seiner Insel in der
Südsee als Gott verehrt, wird von einer Expeditionscrew
betäubt, gefangengenommen und nach New York gebracht, um
dort als „Achtes Weltwunder“ ausgestellt zu werden. Nachdem
es ihm gelingt, sich zu befreien und auf das Empire State
Building zu klettern, wird er von Flugzeugen aus von diesem
Phallussymbol der zivilisierten weißen Männerwelt
heruntergeschossen. Wir lernen: selbst der größte und
stärkste aller Gorillas ist ein looser, wenngleich
ein unterschwellig bedauernswerter, gegen die haushohe
Überlegenheit des Homo sapiens. Das cineastische Rührstück
Gorillas im Nebel von 1988, das den Lebensweg der
Gorillaforscherin Dian Fosseys nachzeichnet, die 1967 in
Ostafrika ermordet wurde, ändert an diesem Bild überhaupt
nichts, zumal der Film komplett absäuft in seiner eigenen
Sentimentalität und im Pathos für Fossey. Von Orang Utans
wird ein genauso verzerrtes Bild gezeichnet: In Planet
der Affen repräsentieren sie die korrupte Priester- und
Politikerkaste. Und selbst in dem harmlosen Disney-Trickfilm
Das Dschungelbuch ist der Orang Utan auf
hinterhältige Weise hinter der Vormachtstellung im Dschungel
her: Affenkönig King Louis, der nicht umsonst den Namen des
französischen Sonnenkönigs trägt.
Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser
Stelle der Schimpanse Rotpeter aus Franz Kafkas Bericht
an eine Akademie von 1917. Kafka läßt Rotpeter über
seine Gefangennahme durch eine Hagenbecksche
Tierfangexpedition berichten. Um nicht in den Zoo gesperrt
zu werden, so berichtet er, habe er schon auf der
Schiffspassage nach Hamburg begonnen, die Menschen zu
beobachten. Er habe menschliche Verhaltensweisen und Gesten
erlernt, auch die menschliche Sprache und so bald die
Durchschnittsbildung eines Europäers erworben. Dennoch, auch
nach dem Bericht, den er vor der Akademie über seine
Menschwerdung vorträgt, bleibt er für die Öffentlichkeit
nichts als ein dressierter Affe. Unabhängig von den üblichen
Interpretationen, die Kafkas Stück als Parabel über die
letztlich erfolglosen Anpassungsversuche des jüdischen
Volkes in Europa deuten: Kafka kannte die
Tierfangexpeditionen Hagenbecks, er kannte nachweislich auch
einen dressierten Schimpansen namens „Konsul Peter“, der in
einem Prager Varieté auftreten musste. Die Interpretation
ist zumindest nicht abwegig, dass es in seiner Erzählung
ganz konkret auch um Kritik an der kompletten Ignoranz des
Bildungsbürgertums der Darwinschen Evolutionstheorie
gegenüber ging, die Tierschauen a la Hagenbeck oder Varietés
wie das in Prag zuließ.
Was sagt uns dieser kurze Streifzug durch
die Kulturgeschichte des Verhältnisses Mensch-Menschenaffe?
Dass sich für letzteren seit seinem ersten Auftauchen in
Europa Mitte des 17. Jhdts. en gros nichts geändert
hat. Und für ersteren, dass er offenbar gefangen ist in der
Matrix einer psycho- und soziokulturellen Tradition, aus der
es - wie im gleichnamigen Science-Fiction-Thriller der
Wachowski-Brothers - kein Entrinnen gibt. Nach wie vor
sitzen unsere „engsten Verwandten“ gefangengehalten in Zoos
oder Zirkus, begafft, belacht, ihrer Freiheit,
Selbstbestimmung und Würde beraubt, oder, schlimmer noch: in
einem der pharmazeutischen Versuchslabors, auf unsagbare
Weise gequält, ausgenutzt und ausgeschlachtet bis zum
letzten. Allein das Deutsche Primatenzentrum in
Göttingen hat regelmäßig 1300 Affen unterschiedlicher Art in
Gewahrsam, die der „biologischen und medizinischen
Forschung“ dienen.
Bis heute ist dieser Umgang mit unseren
„engsten Verwandten“ völlig legitim, legal sowieso,
letztlich handelt es sich ja „nur um Tiere“. Und mit diesen
kann man, wie Spinoza vor 350 Jahren das seit je und bis
heute herrschende kollektive Bewusstsein des
judäo-christlichen Abendlandes auf den Begriff brachte,
„nach Belieben verfahren und sie so behandeln wie es uns am
besten passt“.
Der ganze Vortrag
von Dr. Colin Goldner
Siehe auch: »Schimpansen«
Colin Goldner
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Guntram Colin Goldner (geboren 1953)
ist neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als
klinischer Psychologe auch als
Sachbuchautor,
Wissenschaftsjournalist und
Okkultismuskritiker tätig.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind so genannte
Sekten, „Psychokulte“ und Okkultismus. Er wurde
insbesondere aufgrund seiner kritischen Bücher über
Tendzin Gyatsho (den gegenwärtigen
Dalai Lama) sowie
Bert Hellinger und dessen
Familienaufstellungen bekannt.[1][2][3][4]
Leben
Nach einer Berufsausbildung zum
Erzieher bis 1976 studierte Goldner bis 1980
Sozialpädagogik/Erwachsenenbildung
in
München sowie bis 1988
Psychologie und
Kulturanthropologie in München und
Los Angeles. Ab 1990 folgte ein
Aufbaustudium
Journalismus in
Hohenheim.
Ab 1988 leitete er eine staatlich anerkannte Fachschule für
Pflegeberufe in
Garmisch-Partenkirchen. Ab 1992 arbeitete er als
Entwicklungshelfer in
Nepal.
Als
Therapeut befasst Goldner sich mit den Folgen, die der
Einsatz von
Psycho-Techniken bei rat- und hilfesuchenden Menschen
auslöst. Seit 1995 leitet er das „Forum Kritische Psychologie
e. V.“, eine „gemeinnützige Informations- und Beratungsstelle
für Therapie- und Psychokultgeschädigte“ bei
München.[1][5]
Goldner ist Mitbegründer der Tierrechtsorganisation
4pawsnet, Mitglied des Wissenschaftsbeirates im
Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten
sowie
Beiratsmitglied der
Giordano Bruno Stiftung.[1]
Er gehört dem
Verband Deutscher Schriftsteller an.[6]
Neben seinen Veröffentlichungen als Autor, Co-Autor und
Herausgeber schreibt Goldner unregelmäßig für
Psychologie heute,
konkret,
Junge Welt und die
taz.
Rezeption
Klaus Natorp wirft Goldner in seiner Rezension des Buches
Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs für die
FAZ „unflätig[en] Ton“ und „einseitig-polemische […]
Darstellung“ vor; Goldner „polemisier[e] nicht nur respektlos,
sondern beleidigend“.[7]
Die
Jungle World lobt im selben Zusammenhang Goldners
„materialreiche Recherche“.[8]
Veröffentlichungen
Als Autor:
- Alternative Diagnose- und
Therapieverfahren. Eine kritische Bestandsaufnahme.
Alibri Verlag, Aschaffenburg
2008,
ISBN 978-3-86569-043-2.
- Vorsicht, Tierheilpraktiker!
„Alternativveterinäre“ Diagnose- und Behandlungsverfahren.
Alibri Verlag, Aschaffenburg
2006,
ISBN 3-86569-004-1.
- Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs.
2. Auflage. Alibri Verlag, Aschaffenburg
2005,
ISBN 3-86569-021-1 (erw. Neuauflage 2008
ISBN 978-3-86569-021-0).
- Die Psycho-Szene. Alibri
Verlag, Aschaffenburg 2000,
ISBN 3-932710-25-8 (Erw. und völlig überarb. Neuaufl.).
- Psycho. Therapien zwischen
Seriosität und Scharlatanerie.
Pattloch Verlag, Augsburg
1997,
ISBN 3-629-00816-X.
- Fernöstliche Kampfkunst. Zur
Psychologie der Gewalt im Sport. AHP Verlag, München
1992,
ISBN 3-9801599-2-2 (Erweiterte und aktualisierte
Neuauflage).
- Zen in der Kunst der
Gestalt-Therapie. AV-Verlag, Augsburg
1986,
ISBN 3-925274-06-5.
- Secundariusa. BoD-Verlag,
Norderstedt 2009,
ISBN 9-783837-09454-1.
Als Co-Autor:
- Tierrechte und Esoterik – eine Kritik. in:
Susann Witt-Stahl (Hrsg.): Das
steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen: Beiträge zu
einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere.
Alibri Verlag, Aschaffenburg
2007,
ISBN 978-3-86569-014-2.
Als Herausgeber:
- Colin Goldner (Hrsg.): Der Wille
zum Schicksal. Die Heilslehre des Bert Hellinger.
Ueberreuter Verlag, Wien
2003,
ISBN 3-8000-3920-6.
Online Texte
-
'Sowas hat man dann nicht mehr nötig' – Sexualität im Alter
aus: Oliver Schmidthals(Hg.): die grauen kommen: Chancen
eines anderen Alters. Palette-Verlag, Bamberg, 1990
-
Äther-, Astral- und Ich-Leiber/Die obskure Welt von
Anthroposophie und Waldorf-Pädagogik aus: Ribolits/Zuber
(Hg.): Karma und Aura statt Tafel und Kreide. Der Vormarsch
der Esoterik im Bildungsbereich, Schulhefte-Verlag, Nr. 103,
Wien 2001
-
Alternative Heilverfahren in: sueddeutsche.de
(30-teilige Serie März–Okt. 2007)
Publikationen in der Presse (Auswahl):
-
Der Phallokrat – Junge Welt – 19. Juli 2009
-
»Die Rechnung des Dalai Lama ging nicht auf« – Junge
Welt – 17. November 2008
-
Aufstand der Phallusbrüller – taz – 19. Mai 2008
- Der Schein heiligt die Mittel – konkret – 5/2008
- Ahnungslose Schwärmerei – Mönchischer Terror auf dem
Dach der Welt. Teil 1 – Junge Welt – 26. März 2008
- Die Gunst der Stunde – Mönchischer Terror auf dem
Dach der Welt. Teil 2 – Junge Welt – 27. März 2008
-
Offener Brief von Goldner an Prof. Haim Dasberg Polis –
Das unabhängige und überparteiliche Magazin für Bad
Reichenhall und Umgebung, 36/06-2004 (s. S. 4)
- Bewußtsein ohne Gehirn? – konkret – 9/2000
Weblinks
-
Literatur von und über Colin Goldner im Katalog
der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
- ↑
a
b
c
Lebenslauf von Goldner im Internetauftritt der
Giordano Bruno Stiftung
- ↑
Personendatensatz der DNB
- ↑
Interview mit Colin Goldner auf heise.de (27. April
2008)
- ↑
Focus 50/1998, S.230: „Scham und Schuld“
- ↑
Webseiten des Forums Kritische Psychologie
- ↑
Verband Deutscher Schriftsteller:
Mitgliederliste: Verband Deutscher Schriftsteller in
Bayern
- ↑
FAZ: „Schwarzmalerei soll erhellen“ – Klaus
Natorp – 14. März 2000
- ↑
Jungle World: „Der Dach-Schaden der Welt“ –
Peter Nowak – 16. Februar 2000