Vorurteil

 

 

ist eine "kritiklos, ohne persönliche Urteilsbildung oder Erfahrung übernommene Meinung, die einer sachlichen Argumentation nicht standhalten kann. Vorurteile dienen der psychischen Entlastung des Urteilenden in Angstsituationen mangels Orientierung und dem Abbau von Unsicherheit in sozialen Handlungsfeldern. Gruppenvorurteile, mit denen eigenes Unvermögen dadurch kompensiert wird, dass dieses u.a. auf fremde Völker oder nationale Minderheiten und/oder deren Wertsysteme übertragen wird, werden oft durch Manipulation vermittelt oder bestärkt. (Zu finden bei © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG)

 


>Hier<: Bemerkung zur Abweichung von kollektiver Übereinstimmung

(eigene Urteilsbildung verpönt),

>hier< Verhaltensmuster von autoritären Menschen,

>Hier< zum Buch von Josef Rattner "Aggression und menschliche Natur",

>hier< Vorurteile durch Fehler und Störungen bei der Wahrnehmung von Personen und Gruppen (Halo-Effekt).

und

>hier< auf gesonderter Seite, Wahrnehmungsabwehr, Wahrnehmungshemmung und eine verzerrte Wahrnehmung.


Vorurteile basieren auf sozialen und individuellen Faktoren.

Im Sozialisierungsprozeß werden Vorurteile wie andere Meinungen, Urteile, Überzeugungen usw. übernommen. Das bedeutet, daß die Gesellschaft einen Rahmen schafft, in dem sich individuelle Vorurteile erst entwickeln können.

Die Familie als Primär-Gruppe hat einen fundamentalen Einfluß. Abhängig von der Erziehung in der Familie, ihrer Traditionalität oder Weltoffenheit können sich eher Vorurteile entwickeln oder nicht. Der Bildungstand der Familie ist dabei von ausschlaggebender Bedeutung.

Vorurteile sind in der Regel negative Urteile, über Menschen, Gruppen, Gesellschaften, Kulturen oder Nationen. Aber nicht alle negativen Urteile sind Vorurteile. Hat man z.B. eine negative Meinung über die Mafia, so handelt es sich nicht um ein Vorurteil.

Manchmal wird in der Literatur auch von positiven Vorurteilen gesprochen, aber äußerst selten. Auf alle Fälle sind nur die negativen für das Individuum und/oder die Gruppe, Gesellschaft usw. von Bedeutung. Die Auswirkungen können von leichter Abneigung und Meiden bis zur totalen Auslöschung führen (z.B. Nazi-Deutschland gegenüber den Juden oder in der Türkei die Armenier betreffend).

Bei Vorurteilen ist immer eine Wahrnehmungsabwehr (>hier<), Wahrnehmungshemmung und eine verzerrte Wahrnehmung beteiligt. Man kann sogar sagen, daß Vorurteile dafür typische Beispiele sind.

Es gibt individuelle und soziale Vorurteile. Bei den individuellen geht es darum, daß ein bestimmter Mensch einem anderen oder einer Gruppe gegenüber Vorurteile hat, bei den sozialen hat eine Gruppe (>hier<), Vorurteile gegenüber einer anderen. Hierbei handelt es sich um ein In-group-out-group-Verhältnis. Das beinhaltet, daß jede Gruppe sich als die In-group und die andere als die Out-group erlebt. Die Eigen-Gruppe wird als positiv und die Fremd-Gruppe als negativ betrachtet. Die beiden Gruppen können sich hassen (z.B. evangelische und katholische Christen in Nordirland). Der Hass kann sich so weit steigern, daß es zur gegenseitigen Vernichtung führt (z.B. Hutu und Tutzi in Ruanda).

Innerhalb einer Gesellschaft können gegenüber Minderheitsgruppen Vorurteile entstehen. Beispiele für Minderheiten: Ausländer, Asylanten, Homosexuelle, usw. Diese Minderheiten können die Funktion von Sündenböcken haben und die ihnen zugeschriebenen negativen Eigenschaften übernehmen (self-fulfilling prophecy >hier<).

Die sogenannten Minderheiten können statistisch gesehen auch Mehrheiten sein. Während der Kolonialzeit waren die Einwohner der beherrschten Länder - soziologisch gesehen - Minderheiten, denen man manchmal menschliche Eigenschaften absprach, z.B. die Regierenden in Belgisch-Kongo oder Friedrich Willhelm II mit Südafrika aus seiner Sichtweise. Es kommt auf die Machtverhältnisse an.

Individuelle Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Vorurteilsbildung. Es sind vor allem Individuen mit Minderwertigkeitsgefühlen, mit geringerem Selbstbewußtsein und größeren Ängsten, wobei diese Gefühle allerdings sehr häufig kompensiert werden. Auch niedriger sozialer Status, Statusunsicherheit und Angst vor Statusverlust können die Grundlagen für Bildung von Vorurteilen sein. In diesem Zusammenhang wird auch häufig die autoritäre Persönlichkeit von Theodor W. Ardono (>hier<) erwähnt.

Vorurteile unterscheiden sich von vorläufigen Urteilen. Diese können aufgrund von Gegeninformationen korrigiert werden. Bei Vorurteilen ist das nicht der Fall. Vorurteile sind Einstellungen der Ich-Verteidigung, das heißt, daß das Individuum diese braucht, um sich vor Ängsten zu schützen.

Bei der Vorurteilsbildung sind mehrere psychische Mechanismen beteiligt. Das sind Ablaufregeln der Psyche.

Die wesentlichen sind in diesem Zusammenhang: Verleugnung, Verdrängung und Projektion. Sie sind Abwehrmechanismen. Sie haben eine Schutzfunktion für das Ich.

Bei der Verleugnung handelt es sich um eine Vorform der Verdrängung. Ebenso dient dieser Mechanismus dazu, ängstigende Realitäten der Außenwelt nicht wahrzunehmen. Bei Erwachsenen kann dieses wahnhafte Züge annehmen.

Bei der Verdrängung geht es darum, nicht akzeptierte; verbotene Bedürfnisse aus dem Es (>hier<) nicht zuzulassen, d.h. unbewußt zu lassen. Sie sind meist sexuellen und/oder aggressiven Inhalts.

Bei der Projektion werden eigene Bedürfnisse, Gefühle und Verhaltensweisen auf andere Objekte (Gegenstände, Tiere, Menschen) übertragen. Die Projektion als Abwehrmechanismus beinhaltet, daß eigene vom Ich-Ideal nicht akzeptierte und/oder vom Über-Ich verbotene Bedürfnisse bzw. Triebe auf andere Menschen übertragen werden.

Bei Vorurteilen werden Verleugnetes und/oder Verdrängtes projiziert. Das hat zur Folge, daß der Mensch, der die Vorurteile hat, zunächst einmal einen Gewinn hat. Auch Gruppen usw. haben Vorteile.

Der psychische Gewinn für das Individuum liegt darin, daß das positive Selbstbild beibehalten werden kann, weil durch die Projektion - auf der bewußten Ebene - eigene Wünsche und Verhaltensweisen dem Ich-Ideal und/oder dem Über-Ich entsprechen. Das Individuum selber glaubt, daß es sexuelle (einschließlich anale) und aggressive Bedürfnisse nicht hat. Es ist dabei fest überzeugt, daß die anderen diese haben und danach leben. Es kann so sich ständig mit diesen Bedürfnissen gedanklich beschäftigen und das unmoralische Leben der anderen verdammen. Dabei gelingt diesem Menschen die Wunscherfüllung in der Phantasie.

Egal, um welche Gruppe es sich handelt, Vorurteile haben sehr ähnliche Inhalte: perverse Sexualität, körperliche Unsauberkeit (stinken) und erhöhte Aggressivität. Andere negative Eigenschaften wie z.B. Geiz, Raffgier, Dummheit usw. kommen noch hinzu, um das negative Bild abzurunden. Den Juden wird Raffgier zugesprochen, den Negern Dummheit.

Weiterhin kommt es zu einer Erhöhung des Selbstwertgefühls durch Abwertung der anderen. Durch die Meinung, daß die anderen einen schlechten Charakter haben und sich sündhaft, schamlos usw. verhalten, glaubt der vorurteilshafte Mensch seine Aggressionen schuldfrei ausleben zu können. Des weiteren ist er der Meinung, daß er die anderen belügen und betrügen, ihre Habe an sich reißen und ihnen materiellen Gewinn verweigern darf. So haben während der Nazi-Zeit nicht jüdische Deutsche den jüdischen Deutschen die Wohnungen ausgeplündert, nachdem sie in die Konzentrationslager verschleppt worden waren. Juden, die rechtzeitig emigrieren und ihre Habe (Möbel, Bücher, Bilder, Geschäfte, Firmen) veräußern mußten, wurden mit Almosen abgespeist. Nach dem Krieg verweigerte man ihnen sehr häufig den finanziellen Ausgleich. Noch heute gibt es Prozesse

In jeder Gruppe kommt es zu Spannungen, sei es durch den Führer der Gruppe und/oder die Mitglieder. Wenn diese Spannungen nicht aufgearbeitet werden, können Aggressionen entstehen. Das kann zu einem Auseinanderfall der Gruppe führen. Werden die Aggressionen nun auf eine andere Gruppe abgeleitet, wird der Zusammenhalt der Gruppe gestärkt. In diesem Fall führt die Identifikation mit der Eigen-Gruppe zu Diskriminierung und Aggression der Fremd- oder Minderheits-Gruppe gegenüber. Diese Verhaltensweise können auch auf Gesellschaften, Kulturen oder Nationen übertragen werden.

Politische, religiöse Führer und andere Volksverführer einschließlich Demagogen können diese Phänomene für sich selber ausnutzen, um ihre Anliegen durchzusetzen. Meist geht um die Verfestigung oder Erhaltung der Macht und um materiellen Gewinn. Es ist dabei üblich, daß die Vorurteile noch geschürt werden, um das Volk aufzuwiegeln. Auch die Aussicht auf Belohnung und tatsächlichen Gewinn verfestigen die Vorurteile. Das zeigen die oben erwähnten Beispiele. 

Manche Menschen und Gruppen brauchen Vorurteile, um die eigene Stabilität zu gewährleisten. Sobald die Vorurteile gegenüber einer Minderheits- oder Fremdgruppe wegfallen, wird eine andere Gruppe gesucht.

Zusammenfassend ist festzustellen, daß die psychische Struktur wie auch die sozialen Bedingungen, die auf den Menschen einwirken, von sehr starker Bedeutung für die Bildung von Vorurteilen sind.

Die Familie hat einen starken Einfluß auf die Charakterbildung. Außerdem vermittelt die Familie ein Orientierungskonzept für das Leben. Sie ist Teil einer größeren Gruppe, (Milieu, Schicht, Kaste usw.) und wird von der Gesellschaft geprägt. Diese wiederum ist Teil eines Kulturkreises.

Die Gesellschaft trägt dazu bei, ob ein Mensch sich eher sicher fühlt oder Ängste vor Statusverlust hat. Es ist wichtig für den Menschen, in wieweit er akzeptiert wird, Gehör für seine Anliegen findet, in seinen Fähigkeiten unterstützt und nicht unterdrückt wird. Der Staat mit seinen vielfältigen Möglichkeiten der Demokratisierung und sozialer Absicherung, mit seinen Bildungsangeboten und Gesetzgebungen kann mit dazu beitragen, daß sich Vorurteile vermindern. Er kann mit aller Schärfe des Gesetzes gegen religiöse und/oder politische Hass-Prediger vorgehen.

Verwendete Literatur:

Hofstätter, P.: Gruppendynamik. Rowohlt. Hamburg 1957

Mann, L.: Sozialpsychologie. Beltz Verlag. Weinheim u. Basel 1997

Mitscherlich, A.u.M.: Die Unfähigkeit zu trauern. R.Piper & Co Verlag. München 1967

Sigrid Neumann, März 2011


 

 

Vorurteil aus Sicht von Josef Rattner (Jahrgang 1928, deutscher Psychologe, österreichisch-schweizerischer Herkunft, Vertreter der Richtung von Alfred Adler), >hier< im Artikel zum Vergleich männlicher Sichtweise von sich selbst und von Frauen; im Folgenden Vorstellung seines Buches: "Aggression und menschliche Natur", Fischer-Verlag (mehr unten):

 

Beim Vorurteil haben wir vor allem mit den Emotionen von Wut und Zorn, Ressentiment und Haß zu tun. Alle diese Affekte haben einen feindseligen Grundton: in ihnen wird der Mitmensch bedroht, abgewertet, erniedrigt. Die moderne psychologische Forschung sieht in allen diesen Affektmanifestationen eine Reaktion auf intensive Lebensangst (H. S. Sullivan u. a.), sozusagen einen extremen Versuch, die eigene Sicherheit angesichts einer realen oder imaginären Bedrohung durchzusetzen. Es sind in der Regel ich-schwache Menschen, die häufig oder dauernd zu diesen Selbstschutz-Dynamismen greifen müssen. Unter der Voraussetzung von Ichschwäche wird erklärlich, daß wütende und zornige Charaktertypen auf jede nur erdenkbare Frustration (die auch nur phantasiert sein kann) mit Destruktionswillen und »Durchbruch nach vorne« reagieren. Im Ressentiment schwingt die Bitterkeit und der Lebensgroll des irgendwie »Zukurzgekommenen« mit, der sich für seine eigenen Unzulänglichkeiten entschädigt, indem er andere abwertet.


Zergliedert man das Haßgefühl, so findet man als seine Ingredienzen eine habituelle Verstimmtheit (gegen das Gehaßte und gegen die Welt als Ganzes), anklagende Gedanken und eine gewisse Verbohrtheit, die dem dumpf-triebhaften Gefühlsleben des Hassers entspricht. Hasser sind immer extrapunitiv; sie lasten die Unzuträglichkeiten ihres Daseins dem Haßobjekt an, so daß ihre Feindseligkeit sich immer mehr steigert. Letztlich' geht der Haß an das Leben des Gehaßten: man will ihn eliminieren, weil man dauernd an ihm Anstoß nimmt. Erich Fromm unterscheidet zwischen rationalem und charakterbedingtem, irrationalem Haß (»Psychoanalyse und Ethik«). Ersterer ist die Abwehr einer tödlichen Bedrohung, letzterer entsteht aus inneren Gründen, weil man eigenes Manko auf andere abwälzt.


Haß entspringt der (oft vermeintlichen) Beeinträchtigung von Werten, die man für unantastbar hält. Das Gehaßte wird als wertwidrig empfunden; andererseits hängt man am Wertvollen mit dem Gefühl der Liebe. Für den Hasser teilt sich die Welt »manichäisch« auf: auf der einen Seite das Gute, auf der anderen Seite das Böse. Auf letzteres wird fanatische Ablehnung projiziert - indem man sich zwanghaft auf die Seite der Guten stellt, meint man das Böse aus der Welt schaffen zu müssen.


Je größer die Frustration, um so größer der Haß. Die Zukurzgekommenen aller Art sind die besten Hasser. Für manche pathologische Typen ist »Andersartigkeit« bereits frustrierend und beunruhigend; daher die Bereitschaft zur Disqualifikation, zur Diskriminierung, zur Verfolgung und zur physischen Auslöschung.


Wut und Zorn, Ressentiment und Haß strömen zusammen im Fanatismus, der in der Geschichte abendländischen Vorurteilsdenkens eine ungeheure Rolle gespielt hat. Der Fanatiker ist ein besonderer Typus Mensch; er steht psychopathologisch der Paranoia (Verfolgungswahn) nahe, hat Beziehungen zum Zwangscharakter und ist jedenfalls ein schwer angeschlagener Persönlichkeitstyp, der eine Schein-Heilung seiner gravierenden Unangepaßtheiten durch die Flucht in den Fanatismus zuwege bringt. Damit entrinnt er der eigenen Freiheit und der Mitmenschlichkeit, vor denen er fieberhafte Angst hat.

 

Buchtitel komplett:

Aggression und menschliche Natur.

Individual- und Sozialpsychologie der Feindseligkeit und Destruktivität des Menschen. [Broschiert]

Verlag: Fischer-TB.-Vlg., Frankfurt/Main (Dezember 1984)

ISBN-10: 3596261732

ISBN-13: 978-3596261734

 


Rezension von Helga König:

 

Dr. Dr. Josef Rattner vertritt in diesem Buch die These, dass die menschliche Aggression nicht auf einen Aggressionstrieb zurückzuführen sei, sondern , dass Destruktivität im menschlichen Verhalten auf erzieherische und kulturelle Deformationen bezogen werden müssen.

 
Rattner geht davon aus, dass die Erziehung und Umwelt einen Menschen so korumpieren können, bis er zu Grausamkeit, Sadismus und emotionaler Gleichgültigkeit fähig ist.

 
Der Mediziner ist davon überzeugt, dass die Einsichten der Tiefenpsychologie für die Entfaltung der menschlichen Güte und Großherzigkeit von Bedeutung sind und ein fortdauerndes Missachten psychologischer Erfahrung in Erziehung, Alltagsleben und Politik unser aller Weiterleben bedroht.

 
Das Buch thematisiert zunächst Verhaltenstheorie und Aggression. Hier wird das Kampfverhalten von Mäusen dargestellt, verdeutlicht, dass Schmerz Aggression erzeugt und Vertrautheit Aggression mindert.
Man lernt in der Folge die dritte Trieblehre Freuds und Adlers Aggressionskonzept kennen, wird mit der Frustrations-Aggressions-Hypothese vertraut gemacht und liest von der Theorie der Aggression, die Sarte 1962 in "Das Sein und das Nichts" skizziert hat.

Rattner zieht zur individualpsychologischen Erklärung von Aggression u.a. das Minderwertigkeitgefühl, das Geltungsstreben und den Wille zur Macht heran.

 
Bereits Adler sah Geltungsstreben und Machtwillen als ein kompensatorisches Phänomen, das erst unter dem Druck menschlicher Isolierung und sozialer Entfaltungshemmung vom Seelenleben Besitz ergreift und in der Folge auf den anderen Menschen hin in dem Drang, über den anderen hinauszustreben, ihn abhängig zu machen und beherrschen zu wollen sich auslebt. Dieser feindselige Zug ist immer die Antwort auf eine übertrieben empfundene Schwächeposition, eine kompensatorische Tendenz, die Schwäche in Stärke zu verwandeln.

 
Im weiteren Verlauf des Buches wird der Begriff Vorurteil definiert und beleuchtet. Auch auf das Vorurteil von der Minderwertigkeit der Frau wird eingegangen. Es handelt sich hierbei um das mutmaßlich älteste Vorurteil aller Kulturen.


Ausgiebig wird auf die autoritäre Persönlichkeit eingegangen, die nach außen dadurch sichtbar wird, dass eine starke Bindung an die jeweilige Majorität, sowie die Überzeugung von deren Überwertigkeit erkennbar ist und eine zwanghafte Konformität mit den Normen und Konventionen der Majorität gegeben ist. Es besteht die Tendenz dazu, solche Konformität auch von anderen zu verlangen.

 
Autoritäre Menschen sind sehr phantasielos, weil die große Anhänglichkeit an Regeln und starre Formeln wenig Raum für Phantasie und Kreativität lässt.

Bei autoritären Menschen sind nachstehende Verhaltensmuster feststellbar (nach Theodor W. Adorno, früher Wiesengrund Adorno, dem Philosophen, Soziologen, auch Musiktheoretiker und Komponist, und nach Max Horkheimer, Philosoph und Soziologe)*:

Angst vor Gefühlsaustausch
Überwiegen von Verdrängungen
Mangel an Selbsterkenntnis
Humorlosigkeit und Selbstidolatrie (Idolatrie = Bildverehrung, also Idolisierung)*
Unduldsamkeit gegen Mehrdeutigkeit
Starrheit im Denken und Urteilen
Anxiety of innovation (Angst vor Erneuerungen)*
Aberglauben und Wissenschaftsskepsis
Vererbungsmythologie
Autistisch-undiszipliniertes Denken
Reinfizierung von Worten (Worte wie Dinge genommen)*
Neigung zur Analsprache und zur Dschungelphilosophie (Kampf aller gegen alle)

Wut, Zorn, Ressentiments und Hass der "Zukurzgekommenen" (Kompensation der eigenen Unzulänglichkeit)

* Einfügungen in (...) von W.Rath


Vorurteile sind aggressiv-menschenfeindliche Äußerungen, die einer bestimmten Persönlichkeitsdeformation entspringen und bei einer autoritären Persönlichkeitsstruktur verstärkt anzutreffen sind.
Rattner thematisiert in diesem Zusammenhang die emotionale Basis von Vorurteilen. Diese liegen in Wut, Zorn, Ressentiment und Hass begründet.
Alle diese Affekte haben einen feindseligen Grundton: in ihnen wird der Mitmensch bedroht, abgewertet und erniedrigt. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl reagieren wütend und zornig auf jede nur erdenkbare Frustration - die auch nur phantasiert sein kann -.
Im Ressentiment schwingt die Bitterkeit und der Lebensgroll des irgendwie " Zukurzgekommenen" mit, der sich für seine eigene Unzulänglichkeit entschädigt, indem er andere abwertet.

"Je größer die Frustration, um so größer der Hass." ( Zitat: Rattner)

Die Zukurzgekommenen aller Art, so konstatiert Rattner, sind die besten Hasser. Für manche pathologischen Typen ist " Andersartigkeit" bereits frustrierend und beunruhigend; daher die Bereitschaft zur Disqualifikation, zur Diskriminierung, zur Verfolgung bis zur psychischen Auslöschung.

Rattner verdeutlicht, wie durch einen bestimmten Erziehungsstil Aggression gefördert werden kann und empfiehlt, mittels Elternschulung das psychologische Wissen der Erzieher zu vertiefen, um das Zusammenleben zukünftiger Generationen friedvoller zu gestalten.

 

E-Mail: rezensionen.helga-koenig@t-online.de


Bei Alexander und Margarete Mitscherlich im Buch "Die Unfähigkeit zu trauern" (>hier<) ist eine wichtige Erkenntnis zu finden: ..."Nur eines blieb verpönt, und darüber bestand ein kollektiver Konsensus: die Zivilcourage. Der Entscheidung nach dem individuellen Gewissen und der Bereitschaft, persönliche Verantwortung zu übernehmen, haftete das Odium einer unehrerbietigen Haltung gegenüber den von Gott stammenden Autoritäten an. Abweichendes Verhalten auf Grund eigener Urteilsbildung, in den meisten Gesellschaften nicht gerne gesehen, konnte speziell bei uns nicht auf den Beifall der Vielen rechnen."

Siehe auch auf der Seite "Isael" den Passus (die Textstelle) über "Kritik unerwünscht" (und sogar "tödlich") >hier<.


Vorurteile durch Fehler und Störungen bei der Wahrnehmung von Personen und Gruppen:

Die Personen und Gruppenwahrnehmung unterscheidet sich von der Wahrnehmung von Gegenständen (Objekten); denn wir sehen nicht nur den Menschen an sich, sondern den Polizisten oder sonstigen Beamten, Lehrer, den Schüler, den "Star", das idolähnliche Wesen, die gute oder schlechte Kleidung, dazu noch das wahrscheinliche Herkunftsland. 

Wir alle haben die Neigung, bestimmten wahrgenommen Einzeleigenschaften, weitere einzubeziehen, die man dann tatsächlich auch wahrzunehmen glaubt:

- wer lügt, dem kann man überhaupt nicht trauen und der stiehlt auch bestimmt,
- wer schlecht gekleidet ist, ist nicht reich und nicht ordentlich und wahrscheinlich auch noch sonst schusselig,
- ein gut aussehendes und "anständig" gekleidetes Mädchen ist auch sonst schicklich, rechtschaffen und manierlich.

Die Verknüpfung einer Einzeleigenschaft mit mehreren Eigenschaften bezeichnen die Psychologen als logischen Fehler.

 

Gerne werden bei einer Person bzw. Personengruppe häufig solche Persönlichkeitseigenschaften wahrgenommen (Fachausdruck: Kontrastfehler), die man entweder selber nicht hat oder die einem sehr vertraut sind (Ähnlichkeitsfehler genannt) oder man sieht bei anderen Menschen oft die Eigenschaften, die man an sich selber nicht wahrhaben kann oder will.


z.B. wenn ein Kollege ziemlich ruhig ist und sich nicht immer unbedingt jemandem anschließt, wird als „gemeinschaftsunfähig" eingeschätzt.

Bei allen Menschen besteht die Tendenz, bestimmten Einzeleigenschaften, die wir wahrnehmen, weitere Eigenschaften zuzuordnen, die man dann tatsächlich auch wahrzunehmen glaubt.
 

Schauen wir mal nach bei "Psychologie" (Altenthan et al.), herausgegeben vom Hermann Hobmaier aus dem Stam-Verlag, wo steht:

»Diese genannten Fehler in der Wahrnehmung von Personen und Gruppen sind dem Wahrnehmenden oft nicht bewußt. Er glaubt, daß die Realität genauso beschaffen ist, wie er sie sieht. Dies führt oft zu Mißverständnissen und Konflikten, zu unangepaßtem Verhalten und hat nicht selten Brandmarkung, Abstempelung, Herabsetzung und Verurteilung von Menschen, Gruppen, Nationen und ganzen Rassen zur Folge.
„Wie der Mensch sich verhält, hängt zum großen Teil davon ab, wie er die ihn umgebende Welt wahrnimmt." (D. Krech/ R. S. Crutchfield, Band 1, 1985)
 

Zusammenfassung der wichtigsten Fehler bei der Wahrnehmung von Personen und Gruppen:

• Es werden nicht die beobachtbaren Verhaltensweisen gesehen, sondern man macht sich ein Bild.

• Die Wahrnehmung wird vom sozialen Zusammenhang bestimmt.

• Der Mensch wird als „Rollenträger" wahrgenommen.

• Einer bestimmten Persönlichkeitseigenschaft werden andere Eigenschaften zugeordnet (= logischer Fehler).

• Es werden solche Persönlichkeitseigenschaften wahrgenommen, die man selber nicht hat (= Kontrastfehler) oder die einem sehr vertraut sind (= Ähnlichkeitsfehler).

• Man sieht bei anderen Menschen die Persönlichkeitseigenschaften, die man an sich selber nicht wahrhaben kann oder will.

• Die Wahrnehmung richtet sich sehr stark nach dem ersten Eindruck (= Primacy-effect).

• Die Wahrnehmung orientiert sich an einer Eigenschaft, die als charakteristisch betrachtet wird (= Halo*-Effekt).«
* Glorienschein, Lichthof, Nimbus (Näheres bei Solomon E. Ash: Eindrucksbildung/Personenwahrnehmung)