Schizophrenie

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affektive Störung,

Depression,

Manie,

Psychose (>hier< eigene Seite),

Paranoia,

Korrelation mit anderen Störungen.


 

David Cohen (niederländischer Althistoriker, Zionist und Holocaustüberlebender; 1882 – 1967):

 

"Entgegen der allgemeinen Meinung hat Schizophrenie nichts mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun. Die Schizophrenie wurde zuerst in den 90er Jahren des vorvergangenen Jahrhunderts von Kraeplin und Bleuler beschrieben, die sie für ein hauptsächlich - organisches Leiden hielten. Zu den klassischen Symptomen gehören - Halluzinationen, Stimmen, die zu dem Kranken sprechen, das Gefühl, gesteuert zu werden, z. B. von Außerirdischen. Mit den Symptomen geht oft ein Rückzug von der Welt und ein völliger Mangel an Gefühlen einher. Diese Beschreibung wurde in den 60er Jahren dieses Jahrhunderts in Frage gestellt, als radikale Psychiater wie Thomas Szasz und R. D. Laing darauf hinwiesen, daß fast alles als Symptom für Schizophrenie gelten könne. Diese verwirrende Tatsache deutet ihrer Meinung nach darauf hin, daß Schizophrenie keine Krankheit wie Masern oder Tuberkulose ist, sondern eher dazu diene, rebellische Personen, Nonkonformisten und Menschen, die nicht den Erwartungen ihrer Familie entsprächen, abzuqualifizieren. Als Reaktion auf diese Theorie entwickelte die Weltgesundheitsorganisation ein internationales Pilotprojekt, aus dem sich ergab, daß sich international die meisten Psychiater einig waren, Halluzinationen und Stimmen im Kopf seien eindeutige Symptome für Schizophrenie.


In den USA und der ehemaligen UdSSR wurde der Begriff Schizophrenie weiter gefaßt. In der UdSSR verwendeten die Psychiater den Begriff schleichende Schizophrenie, deren Symptome so unauffällig seien, daß nur ein geschulter Psychiater sie entdecken könne, während der sogenannte Schizophrene für den Durchschnittsbürger völlig normal erscheine. Damit war dem Mißbrauch Tür und Tor geöffnet. Geistig gesunde Personen (meist politische Dissidenten) wurden als schizophren bezeichnet, auch wenn das nicht zutraf. Die Arbeit von Laing und Szasz wurde auch außerhalb der medizinischen Welt bekannt und führte zu neuen  Therapien. Laing wies nach, daß kaputte Familien oft eine Person als krank herauspickten (siehe Sündenbock-Theorie) und ihm oder ihr widersprüchliche Nachrichten zukommen ließen. Die Widersprüche führten dazu, daß die Person sich ungewöhnlich verhalte, oder treibe sie in den Wahnsinn. In den 80er Jahren setzte eine gegenläufige Entwicklung ein. E. Fuller Torrey behauptete, Schizophrenie sei eine Erkrankung des Gehirns: Abnormitäten im Gehirn seien nachweisbar, besonders bei den Ventrikeln, die bei Schizophrenen größer seien. 1988 erklärten Gurling und seine Kollegen, sie hätten das Gen isoliert, das Schizophrenie verursache. Doch selbst die "organische Lobby" gab zu, die Umgebung könne die Entwicklung der Krankheit durchaus beeinflussen. In Familien, in denen Gefühle intensiv geäußert werden (und viel geschrieen, gebrüllt oder anderweitig seinen Gefühlen Luft verschafft wird), ist es wahrscheinlicher, daß die Schizophrenie ausbricht. Diese Diskussion hat die Schizophrenie zu einem politischen Thema gemacht.


Die Familien der Schizophrenen sagen, die Krankheit habe biologische Ursachen, und beklagen sich über die mangelhafte Behandlung, die Schizophrenen zuteil wird, weil immer mehr Krankenhäuser schließen. Weil Schizophrene sowohl Furcht als auch Mitleid auslösen, beschränken die Politiker sich meist auf schöne Worte, wenn es um die Finanzierung einer angemessenen Pflege geht.


Die Behandlung erfolgt vorwiegend auf chemischer Basis; Chlorpromazin (Antiemetikum; Neuroleptikum) und andere Drogen, die die Übermittlung von Dopaminen* verhindern, werden eingesetzt.  (Früher war außschließlich die Elektroschocktherapie das Allheilmittel.). Die Psychotherapie hat bei der Schizophrenie keine befriedigenden Ergebnisse erzielt. David Healy hat das kürzlich der Verklemmtheit und dem mangelnden Verständnis vieler Psychologen zugeschrieben. Man schätzt, daß es weltweit 40 Millionen Schizophrene gibt.

* Vorstufen von Noradrenalin, Adrenalin und Melaninen; wirken im Zentralnervensystem als Neurotransmitter


E. FULLER TORREY, Surviving Schizophrenia (1984);

H. GuRLING u. a., A Gene for Schizophrenia, Nature, S. 164 ff. (10. Nov. 1988);

D. HEALY, The Suspended Revolution (1990);

R. D. LAING, Das geteilte Selbst (1965);

M. TSAUNG, Schizophrenia - The Facts (1982);

J. WiNG, Reasoning About Madness (1977)."


 

LEXIKON
DER
PSYCHOLOGIE
Herausgegeben von
Professor Wilhelm Arnold, Würzburg
Professor Hans Jürgen Eysenck, London
Professor Richard Meili, Bern
 

Schizophrenie. Der Begriff umfaßt eine Gruppe schwerer, weitverbreiteter und häufig zur Pflegebedürftigkeit (Anstaltsunterbringung) führender Psychosen, die sich auch in einer Reihe psychologischer (gemeint ist wohl: psychischer) Symptome und abnormer Verhaltensweisen manifestieren und von denen man annimmt, daß sie genügend Gemeinsamkeiten aufweisen, um sie in einer Gruppe zusammenzufassen. Die Gesamtzahl der in der ganzen Welt an Schizophrenie Erkrankten beträgt ca. 9 Millionen (in obigem Artikel, letzte Zeile "40 Millionen").


GESCHICHTE. Der Begriff S
chizophrenie wurde 1911 von E. Bleuler geprägt, vorher hatte jedoch Emile Kraepelin unter „Dementia praecox" F. Morels „demence precoce", K. Kahlbaums „Katatonie" und R. Heckers „Hebephrenie" zusammengefaßt (Kraepelin, 1899). Kraepelin zeigte, daß diese Gruppe von Krankheitsbildern von manisch-depressiven Erkrankungen durch die besonderen Symptome und die schlechtere Prognose unterschieden werden konnten. Im allg. erholt sich die Mehrzahl der >Manisch<-Depressiven vollständig von der Krankheit zwischen den einzelnen Phasen, im Ggs. zu den meisten Schizophrenien, bei denen Symptome wie emotionale Abstumpfung und Verlust von Antrieb und Initiative zurückbleiben. Diese Differenzierung ist noch die Grundlage für die derzeitige internationale Klassifikation von >Psychosen< und anderen Geisteskrankheiten (WHO, 1965).


KLINISCHE MERKMALE.
(Die hier angegebenen Beschreibungen basieren auf dem britischen Wörterbuch, 8th Rev. des 1. C. D. [WHO, 1965] und sind wahrscheinlich den geläufigen deutschen und skandinavischen Bezeichnungen ähnlich.) Die Störung, von der man annimmt, daß sie den verschiedenen Formen der Schizophrenie zugrunde liegt, zeigt sich in einer völlig fremdartigen, bei völligem Bewußtsein aufkommenden Erfahrung der Kranken, die darin besteht, daß sie empfinden, ihre innersten Gedanken, Gefühle und Handlungen seien anderen bekannt, von ihnen geteilt oder ausgelöst. Diesem Erlebnis folgen oder es wird oft begleitet von Wahnvorstellungen, daß Lebewesen, Organisationen, natürliche oder übernatürliche Kräfte (z. B. Fernsehen, /Hypnose, Hexerei) dafür verantwortlich
sind. Gewöhnlich treten /Halluzinationen auf, bes. im auditiven Bereich, als Stimmen in der dritten Person oder von solchen Personen, die das Denken und Handeln des Patienten kommentieren. Die Gedankenprozesse können gestört sein, so daß das Denken unbestimmt wird, mit ungewöhnlicher Logik und idiosynkratischer
(überempfindlich, von Widerwillen erfüllt) Verwendung von Wörtern oder Gedankenassoziationen. Es kann zu plötzlichen Unterbrechungen des Gedankenablaufs oder der Sprache kommen, letztere kann völlig unverständlich werden. Die Wahrnehmung kann derart gestört sein, daß normalerweise irrelevante Merkmale einer Wahrnehmung bedeutend werden und zu einem Beziehungswahn führen können, in dem der Patient glaubt, daß alltägliche Objekte oder Situationen (z. B. Berichte im Fernsehen oder in der Presse) eine besondere, gewöhnlich unheilvolle Bedeutung besitzen, die gegen ihn selbst gerichtet ist. Die Stimmung kann launisch und unausgewogen sein, und es können extreme Abnormitäten des motorischen Verhaltens auftreten, wie Stupor (Erstarrung) oder Hyperaktivität. Eine große Vielfalt anderer Symptome von geringerer diagnostischer Bedeutung kann vorkommen, und alle diese können bei jemandem zur gleichen Zeit beobachtet werden.


KLASSIFIZIERUNG. Viele Kliniker folgen noch in traditioneller Weise Kraepelin und teilen die Schizophrenie in verschiedene Unterformen ein. Dabei ist die

- paranoide (Paranoia=Wahn) Form die häufigste. Hier bestimmen Wahnvorstellungen (häufig Verfolgungswahn) und Halluzinationen (Sinnestäuschung, Trugwahrnehmung) das Krankheitsbild.

- Bei der hebephrenen (in der Pubertät beginnende) Form herrschen Gedankenstörungen und launische Affekte vor, wie etwa albernes Kichern.

- Die katatone (in der Bewegung gestörte) Form ist hauptsächlich durch psychomotorische Symptome charakterisiert, wie Hyperkinese (übertriebene Bewegungsenergie),

- Stupor (Erstarrung), Bewegungsstereotypie (erstarrte Formen von motorischen und sprachlichen Abläufen) oder Befehlsautomatismen.

 

Andere Varianten wurden als

- Schizophrenia simplex,

- latente (verborgen) Schizophrenie und

- residuelle (zurückbleibend) Schizophrenie

beschrieben; die Brauchbarkeit dieser Einteilung bleibt fragwürdig. Die Bezeichnung „schizo-affektiv" verwendet man zur Beschreibung einer kleinen Minderheit von Patienten, die Symptome sowohl der Schizophrenie als auch der manisch-depressiven ) >Psychose< zeigen. Paraphrenie (para=über...hinaus) ist ein durch Kraepelin (1899) eingeführter Begriff zur Klassifizierung von Patienten, deren Krankheitsbild zwischen seinen Kategorien Dementia praecox und Paranoia liegt; die vorherrschende Wahnkrankheit entwickelt sich später und bringt weniger soziale Auffälligkeit mit sich als bei Dementia praecox, das Vorhandensein von Gehörshalluzinationen schließt jedoch die Einstufung unter die Kategorie Paranoia aus. Die geschichtliche Entwicklung des Konzepts Schizophrenie blieb immer eng verbunden mit dem der Paranoia (Lewis, 1970).


Kleist und Leonhart (1961) entwickelten komplizierte Klassifizierungen der Schizophrenie in Untergruppen im Hinblick auf genau beschriebene Symptome. Langfeld (1956) hat eine einfachere und weiter akzeptierte Einteilung in eine Kerngruppe mit typischen Symptomen und schlechter Prognose und eine schizophrenieartige Gruppe mit weniger typischen Symptomen und wesentlich besserer Prognose vorgeschlagen.


DIAGNOSE. In Europa war K. Schneider bes. einflußreich mit seiner Auffassung, daß die Diagnose auf einer einfachen Beschreibung der Symptome beruhen sollte (Schneider, 1958). Dieses Konzept steht im Ggs. zu Bleulers (1950) Vorschlag, daß die Diagnose abhängen solle vom Vorhandensein von vier abgeleiteten Primärprozessen, die den beobachteten Symptomen zugrunde liegen:

1) Verlust der Gedankenassoziationen,

2) Störungen der Affektivität,

3) Autismus (extreme Selbstbezogenheit; Kontaktstörung mit Rückzug in die eigene Gedankenwelt und Abkehr von der Umwelt),

4) Ambivalenz (gleichzeitiges Auftreten von einander widersprechenden Vorstellungen, Gefühlen - z.B. Hassliebe - und Willensregungen).

Diese Begriffe wurden niemals klar definiert, und die Schüler Bleulers tendieren dazu, ein umfassenderes Konzept der Schizophrenie zu entwickeln unter der Beeinflussung von prominenter amerikanischen Lehrern, wie A. Meyer und H. S. Sullivan, die Schizophrenie als das Endergebnis einer stufenweise sich entwickelnden Reaktion auf Lebenserfahrungen und interpersonale Beziehungen betrachten.


Die Diagnose der Schizophrenie stützt sich völlig auf: Beschreibungen aus der Lebensgeschichte des Patienten, auf seinen Geisteszustand und sein Verhalten, da die neurophysiol. oder biochem. Mechanismen als Ursachen der Schizophrenie weiterhin ungesichert sind und eine strukturelle Abnormität des Gehirns nie zuverlässig gezeigt werden konnte. Dieses Fehlen zuverlässiger quantifizierbarer Ergebnisse ermöglichte es, verschiedene Annahmen über die Natur der Schizophrenie aufzustellen, und ist mitverantwortlich für die diagnostische Unsicherheit.


EPIDEMIOLOGIE
(Wissenschaft von der Entstehung und Verbreitung von Krankheiten). Europäische Statistiken besagen, daß der jährliche Anteil von neuen Krankheitsfällen etwa 150 pro 100 000 der Bevölkerung beträgt. Etwa 1 % der Bevölkerung wird irgendwann im Leben als schizophren diagnostiziert. Der Gipfel des Krankheitsausbruchs liegt zwischen 25 und 35 Jahren. Die Schizophrenie tritt bei allen Rassen und in allen Kulturen auf (Mischler & Scott, 1963), am verbreitetsten ist sie bei niedrigen sozialen Schichten in den Slums großer Städte. Ein sozialer Abstieg, verantwortlich für die bleibenden Symptome und die Lebensuntüchtigkeit, ist die wahrscheinliche Ursache hierfür (Goldberg & Morrison, 1963).


ÄTIOLOGIE
(von griechisch aitía »Ursache«, ist die Lehre von den Krankheitsursachen) UND MECHANISMEN. Es ist keine allg. Ursache für die Schizophrenie bekannt. Sowohl Stress von außen als auch genetische Disposition scheinen bei vielen Patienten eine Rolle zu spielen, bei anderen wiederum ist keiner dieser Einflüsse evident.


Genetische Prädisposition: Die nahen Verwandten von Schizophrenen haben einen weit höheren Anteil (etwa 12% bei Geschwistern) als die normale Population. Eineiige Zwillinge zeigen eine sehr viel höhere Übereinstimmung (etwa 60%) als zweieiige. Zuordnungsfehler erschweren die Interpretation der Beobachtungen bei Zwillingen (Rosenthal, 1962), jedoch wird die genetische Komponente bei der Schizophrenie allgemein als wichtig anerkannt, wahrscheinlich erfolgt die Vererbung auf polygene (Ausbildung eines Merkmals durch mehrere /Gene) Art (Shields, 1967).

 

Familie und Umwelt: Die neueren Arbeiten aus den USA gehen von der Annahme aus, daß die Ursache für die Schizophrenie bei den Eltern liegt, die das Kind konfliktträchtigen emotionalen Beziehungen und unlogischen, verwirrenden Verhaltensweisen in der verbalen und nichtverbalen >Kommunikation< unterwerfen. Dieser Ansatz bleibt theoretisch, da sich der angenommene abnorme Kommunikationsstil als nicht spezifisch für die Schizophrenie erwiesen hat (Mischler & Waxler, 1965). Der Ansatz wird allerdings gestützt durch die Beobachtung, daß schizophrene Ausbrüche durch Stress-Bedingungen begünstigt werden (Brown & Birley, 1968).


Biochemische Ursachen: Von einigen Erbanlagen weiß man, daß sie mit metabolischen Anomalien verknüpft sind, die aus dem Fehlen oder der Dysfunktion spezifischer Enzyme entstehen. In breitangelegten Untersuchungen wurde große Aufmerksamkeit auf die metabolischen
(Stoffwechsel) Möglichkeiten des Noradrenalins gerichtet, einer wichtigen Substanz, die man in allen Teilen des NS (Nervensystem?) gefunden hat. Es hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit

Meskalin (Halluzinogen aus verschiedenen Kaktusarten; traditionelles Rauschgift) und anderen Verbindungen, die Halluzinationen (Sinnestäuschung, Trugwahrnehmung) und andere Sinnestäuschungen verursachen können. Das Hautpigment Melanin (bewirken die Färbung der Haut und ihrer Anhangsorgane), das Aminosäure-Methionin und Transmethyl-Reaktionen standen neuerdings im Mittelpunkt des Interesses. Leider müssen aber die negativen Schlußfolgerungen aus Ketys Überblick (1959) weiterhin aufrechterhalten bleiben.


Psychophysiologisch: Eine Verlangsamung ist für viele chronische Schizophrene charakteristisch. Dies führte zur Erforschung ihrer Reaktionszeit und ihres Erregungspotentials, ausgedrückt durch das Niveau des Hautpotentials, sowie der Verschmelzungsfrequenz für auditive und visuelle Reize. Es ergaben sich deutliche Hinweise, daß - im Ggs. zur Erwartung - soziale Zurückgezogenheit im Zusammenhang mit überstarker kortikaler
(von der Gehirnrinde ausgehend) Erregung auftritt (Kornetsky & Mursky, 1966: Venahles, 1968). Das könnte bedeuten, daß chronisch Schizophrene entweder reaktive /Hemmungen schnell aufbauen oder langsam abbauen.


Kognitive Störung
: Frühe deskriptive Forschungen bei schizophrenen Denkstörungen nahmen eine Unfähigkeit an, abstrakte Begriffe zu bilden („konkretes Denken"), und dazu eine Unfähigkeit, die begrifflichen Grenzen zu wahren ("übergeneralisierendes Denken": over-inclusive-thinking, Cameron. 1954). Auf diesen Erkenntnissen basieren die Theorie schizophrener kognitiver
(Prozesse und Strukturen, die mit dem Wahrnehmen und Erkennen zusammenhängen) Störungen von Payne (1960) und der komplexere Ansatz von Bannister (1965).


ANDERE THEORIEN DER SCHIZOPHRENIE. Psychoanalytische Auffassungen haben wenig Hilfe leisten können, weder zum Verständnis noch zur Behandlung der Schizophrenie. In psychoanalytischen Begriffen wird die Schizophrenie als eine Störung der Ich-Organisation und der >Objekt-Beziehungen< betrachtet, die aus abnormen frühen Beziehungen zwischen Mutter und Kind resultiert (,'Psychoanalyse). Federn (1952) und Klein (1952) haben moderne Varianten psychoanalytischer Theorien entwickelt, aber auch überzeugte Psychoanalytiker gestehen im allg. ein, daß eine interpretative Psychotherapie bei schizophrenen Patienten nutzlos ist - ein Gesichtspunkt, der durch eine große Anzahl klinischer Untersuchungen abgesichert ist (May, 1968). Kretschmer (1925) legte eine Konstitutionstheorie der Geisteskrankheiten vor, in der Schizophrenie ein Extrem auf einem Kontinuum
(das lückenlos Zusammenhängende, Stetige) darstellt, dessen anderes Ende die Normalität ist, eine schizoide (nicht krankhaft seelisch gespalten) Persönlichkeitsstörung (= Charakterneurose, Kernneurose"; nicht krankhaftes Fehlverhalten mit entsprechenden zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Konflikten) liegt dann zwischen beiden Extremen. Existentielle Theorien und Therapie entstanden unlängst in Deutschland. sind aber nicht weit verbreitet oder angewendet worden (Binswanger, 1958).


BEHANDLUNG DER SCHIZOPHRENIE. Die moderne Behandlung der Schizophrenie, die sich in den letzten 15 Jahren entwickelte, ist empirisch orientiert und besteht aus Phenothiazin-Medikamenten für die akuten Phasen (im allg. Chlorpromazin und Trifluorperazin), denen durchdachte Programme sozialer Stimulation und Arbeitstherapie folgen, häufig darauf ausgerichtet, ein weniger ehrgeiziges Niveau als vor dem Ausbruch zu erreichen. Es muß dabei ein positiver Kontakt mit dem Patienten beibehalten werden, um das Absinken in eine isolierte, abschweifende und institutionalisierte
(in eine von der Gesellschaft anerkannte feste Form bringen) Existenz zu vermeiden. Dieses Konzept der Gemeinschaftsfürsorge hat die Prognose aller Formen der Schizophrenie gewaltig verbessert, und selbst bei den im allg. begrenzten Möglichkeiten bleibt nur noch ein geringer Teil der Patienten länger als zwei Jahre in der Klinik, während die Mehrzahl innerhalb von 6 Monaten entlassen werden kann. Leicht kann man die Rolle
der Phenothiazine für diese verbesserte Prognose überschätzen, denn es gibt gute Gründe für die Annahme, daß die Verbesserungen der täglichen sozialen Fürsorge und der Lebensbedingungen in den Kliniken für Geisteskrankheiten ebenso bedeutsam sind (Hoenig, 1967; Wing & Brown, 1970).


Die elektrische Schocktherapie ist bei den akuten katatonen Formen der Schizophrenie wirksam, ihre Anwendung bei anderen Formen ist jedoch umstritten. Insulinkoma und Leukotomie werden nicht mehr in so großem Umfang wie zwischen 1935 und 1955 eingesetzt.


Die neuere Entwicklung in der Therapie, deren Grundlage die modernen >Lerntheorien< sind, resultiert aus einer erfolgversprechenden Anwendung der Techniken des operanten
(Lernen über positive Verstärkung und Strafe) >Konditionieren< und der Berücksichtigung sowohl des verbalen als auch des sozialen Verhaltens chronischer Schizophrener (z.B. Allyon & Azrin, 1968).


URSACHEN UND MECHANISMEN. Viele möglichen Ursachen und Mechanismen der Schizophrenie wurden erforscht, aber bislang resultierten daraus nur Theorien.

 

Die folgenden Arbeiten, in der Hauptsache Übersichtsreferate, geben Auskunft zu Detailfragen:

 

Auswirkungen der Familienbeziehungen: Mischler & Waxler, 1965;

Biochemische Abnormitäten: Kety, 1959; Smythies, 1967;

Erforschung von Aufmerksamkeit und Erregung: Kornetsky & Mursky, 1966;

Venables, 1968; Kognitive Störungen: Payne, 1960;

Bannister, 1965; McGhie, 1967; Psychoanalytische Theorie: Federn, 1952;

Klein et al., 1952; Existentialanalyse: Binswanger, 1958;

Zusammenhang mit Persönlichkeitstyp: Kretschmer, 1925.

 

Etwas neuere Literatur:

Schizophrenie.: Pathogenese, Diagnostik und Therapie, herausgegeben von M. Schmauß. Bremen u.a. 2002.
Mit Schizophrenie leben. Informationen für Patienten und Angehörige, herausgegeben von W. Kissling u.a. Stuttgart 2003.
Schizophrenie. Behandlungspraxis zwischen speziellen Methoden und integrativen Konzepten, herausgegeben von W. Machleidt u.a. Stuttgart 2003.
nach © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, bei dem folgende Definition der Schizophrenie gefunden werden kann:

[griechisch] die (Dementia praecox), Gruppe von psychischen Erkrankungen, bei denen der Strukturzusammenhang der Persönlichkeit verloren geht und für die tief greifende, unterschiedlich ausgeprägte Störungen kennzeichnend sind. In charakteristischer Weise gestört sind u.a.:

1.das Eigenbewusstsein (die Grenze zwischen Ich und Außenwelt ist aufgehoben; eigene Körperteile, Gedanken und Gefühle werden als fremd beziehungsweise von außen gesteuert erlebt);

2.die affektive Beziehung zur Umwelt (Mimik und Gefühlsäußerung erscheinen reduziert oder unangemessen);

3.die Wahrnehmung (Nebensächliches erscheint übergewichtig, Zufälliges von besonderer, meist bedrohlicher Bedeutung; eigene Gedanken werden als »Stimmen« gehört).

Auch andere Halluzinationen und Wahnideen sind häufig.