Schizophrenie
>Hier< zu Erklärungen aus einem Lexikon der Psychologie.
>Hier< Ergänzende Stichworte zum Begriff Wahn mit:
affektive Störung,
Depression,
Manie,
Psychose (>hier< eigene Seite),
Paranoia,
Korrelation mit anderen Störungen.
David Cohen (niederländischer Althistoriker, Zionist und Holocaustüberlebender; 1882 – 1967):
"Entgegen der allgemeinen Meinung hat Schizophrenie nichts mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun. Die Schizophrenie wurde zuerst in den 90er Jahren des vorvergangenen Jahrhunderts von Kraeplin und Bleuler beschrieben, die sie für ein hauptsächlich - organisches Leiden hielten. Zu den klassischen Symptomen gehören - Halluzinationen, Stimmen, die zu dem Kranken sprechen, das Gefühl, gesteuert zu werden, z. B. von Außerirdischen. Mit den Symptomen geht oft ein Rückzug von der Welt und ein völliger Mangel an Gefühlen einher. Diese Beschreibung wurde in den 60er Jahren dieses Jahrhunderts in Frage gestellt, als radikale Psychiater wie Thomas Szasz und R. D. Laing darauf hinwiesen, daß fast alles als Symptom für Schizophrenie gelten könne. Diese verwirrende Tatsache deutet ihrer Meinung nach darauf hin, daß Schizophrenie keine Krankheit wie Masern oder Tuberkulose ist, sondern eher dazu diene, rebellische Personen, Nonkonformisten und Menschen, die nicht den Erwartungen ihrer Familie entsprächen, abzuqualifizieren. Als Reaktion auf diese Theorie entwickelte die Weltgesundheitsorganisation ein internationales Pilotprojekt, aus dem sich ergab, daß sich international die meisten Psychiater einig waren, Halluzinationen und Stimmen im Kopf seien eindeutige Symptome für Schizophrenie.
In den USA und der ehemaligen UdSSR wurde der Begriff Schizophrenie weiter
gefaßt. In der UdSSR verwendeten die Psychiater den Begriff schleichende
Schizophrenie, deren Symptome so unauffällig seien, daß nur ein geschulter
Psychiater sie entdecken könne, während der sogenannte Schizophrene für den
Durchschnittsbürger völlig normal erscheine. Damit war dem Mißbrauch Tür und Tor
geöffnet. Geistig gesunde Personen (meist politische Dissidenten) wurden als
schizophren bezeichnet, auch wenn das nicht zutraf. Die Arbeit von Laing und
Szasz wurde auch außerhalb der medizinischen Welt bekannt und führte zu neuen
Therapien. Laing wies nach, daß kaputte Familien oft eine Person als krank
herauspickten (siehe Sündenbock-Theorie) und ihm oder ihr widersprüchliche
Nachrichten zukommen ließen. Die Widersprüche führten dazu, daß die Person sich
ungewöhnlich verhalte, oder treibe sie in den Wahnsinn. In den 80er Jahren
setzte eine gegenläufige Entwicklung ein. E. Fuller Torrey behauptete,
Schizophrenie sei eine Erkrankung des Gehirns: Abnormitäten im Gehirn seien
nachweisbar, besonders bei den Ventrikeln, die bei Schizophrenen größer seien.
1988 erklärten Gurling und seine Kollegen, sie hätten das Gen isoliert, das
Schizophrenie verursache. Doch selbst die "organische Lobby" gab zu, die
Umgebung könne die Entwicklung der Krankheit durchaus beeinflussen. In Familien,
in denen Gefühle intensiv geäußert werden (und viel geschrieen, gebrüllt oder
anderweitig seinen Gefühlen Luft verschafft wird), ist es wahrscheinlicher, daß
die Schizophrenie ausbricht. Diese Diskussion hat die Schizophrenie zu einem
politischen Thema gemacht.
Die Familien der Schizophrenen sagen, die Krankheit habe biologische Ursachen,
und beklagen sich über die mangelhafte Behandlung, die Schizophrenen zuteil
wird, weil immer mehr Krankenhäuser schließen. Weil Schizophrene sowohl Furcht
als auch Mitleid auslösen, beschränken die Politiker sich meist auf schöne
Worte, wenn es um die Finanzierung einer angemessenen Pflege geht.
Die Behandlung erfolgt vorwiegend auf chemischer Basis; Chlorpromazin (Antiemetikum;
Neuroleptikum) und andere
Drogen, die die Übermittlung von Dopaminen* verhindern, werden eingesetzt.
(Früher war außschließlich die Elektroschocktherapie das Allheilmittel.). Die
Psychotherapie hat bei der Schizophrenie keine befriedigenden Ergebnisse
erzielt. David Healy hat das kürzlich der Verklemmtheit und dem mangelnden
Verständnis vieler Psychologen zugeschrieben. Man
schätzt, daß es weltweit 40 Millionen Schizophrene gibt.
* Vorstufen von Noradrenalin, Adrenalin und Melaninen; wirken im Zentralnervensystem als Neurotransmitter
E. FULLER TORREY, Surviving Schizophrenia (1984);
H. GuRLING u. a., A Gene for Schizophrenia, Nature, S. 164 ff. (10. Nov. 1988);
D. HEALY, The Suspended Revolution (1990);
R. D. LAING, Das geteilte Selbst (1965);
M. TSAUNG, Schizophrenia - The Facts (1982);
J. WiNG, Reasoning About Madness (1977)."
LEXIKON
DER
PSYCHOLOGIE
Herausgegeben von
Professor Wilhelm Arnold, Würzburg
Professor Hans Jürgen Eysenck, London
Professor Richard Meili, Bern
Schizophrenie. Der Begriff umfaßt eine Gruppe schwerer, weitverbreiteter und häufig zur Pflegebedürftigkeit (Anstaltsunterbringung) führender Psychosen, die sich auch in einer Reihe psychologischer (gemeint ist wohl: psychischer) Symptome und abnormer Verhaltensweisen manifestieren und von denen man annimmt, daß sie genügend Gemeinsamkeiten aufweisen, um sie in einer Gruppe zusammenzufassen. Die Gesamtzahl der in der ganzen Welt an Schizophrenie Erkrankten beträgt ca. 9 Millionen (in obigem Artikel, letzte Zeile "40 Millionen").
GESCHICHTE. Der Begriff Schizophrenie wurde 1911 von E. Bleuler
geprägt, vorher hatte jedoch Emile Kraepelin unter „Dementia praecox" F. Morels „demence precoce", K.
Kahlbaums „Katatonie" und R. Heckers „Hebephrenie" zusammengefaßt (Kraepelin,
1899). Kraepelin zeigte, daß diese Gruppe von Krankheitsbildern von
manisch-depressiven Erkrankungen durch die besonderen Symptome und die
schlechtere Prognose unterschieden werden konnten. Im allg. erholt sich die
Mehrzahl der >Manisch<-Depressiven vollständig von der Krankheit zwischen den
einzelnen Phasen, im Ggs. zu den meisten Schizophrenien, bei denen Symptome wie emotionale
Abstumpfung und Verlust von Antrieb und Initiative zurückbleiben. Diese
Differenzierung ist noch die Grundlage für die derzeitige internationale
Klassifikation von >Psychosen< und anderen Geisteskrankheiten (WHO, 1965).
KLINISCHE MERKMALE. (Die hier angegebenen Beschreibungen basieren auf dem
britischen Wörterbuch, 8th Rev. des 1. C. D. [WHO, 1965] und sind wahrscheinlich
den geläufigen deutschen und skandinavischen Bezeichnungen ähnlich.) Die
Störung, von der man annimmt, daß sie den verschiedenen Formen der Schizophrenie zugrunde
liegt, zeigt sich in einer völlig fremdartigen, bei völligem Bewußtsein
aufkommenden Erfahrung der Kranken, die darin besteht, daß sie empfinden, ihre
innersten Gedanken, Gefühle und Handlungen seien anderen bekannt, von ihnen
geteilt oder ausgelöst. Diesem Erlebnis folgen oder es wird oft begleitet von
Wahnvorstellungen, daß Lebewesen, Organisationen, natürliche oder
übernatürliche Kräfte (z. B. Fernsehen, /Hypnose, Hexerei) dafür verantwortlich
sind. Gewöhnlich treten /Halluzinationen auf, bes. im auditiven Bereich, als
Stimmen in der dritten Person oder von solchen Personen, die das Denken und
Handeln des Patienten kommentieren. Die Gedankenprozesse können gestört sein, so
daß das Denken unbestimmt wird, mit ungewöhnlicher Logik und idiosynkratischer
(überempfindlich, von Widerwillen erfüllt)
Verwendung von Wörtern oder Gedankenassoziationen. Es kann zu plötzlichen
Unterbrechungen des Gedankenablaufs oder der Sprache kommen, letztere kann
völlig unverständlich werden. Die Wahrnehmung kann derart gestört sein, daß
normalerweise irrelevante Merkmale einer Wahrnehmung bedeutend werden und zu
einem Beziehungswahn führen können, in dem der Patient glaubt, daß alltägliche
Objekte oder Situationen (z. B. Berichte im Fernsehen oder in der Presse) eine
besondere, gewöhnlich unheilvolle Bedeutung besitzen, die gegen ihn selbst
gerichtet ist. Die Stimmung kann launisch und unausgewogen sein, und es können
extreme Abnormitäten des motorischen Verhaltens auftreten, wie Stupor
(Erstarrung) oder
Hyperaktivität. Eine große Vielfalt anderer Symptome von geringerer
diagnostischer Bedeutung kann vorkommen, und alle diese können bei jemandem zur
gleichen Zeit beobachtet werden.
KLASSIFIZIERUNG. Viele Kliniker folgen noch in traditioneller Weise Kraepelin
und teilen die Schizophrenie in verschiedene Unterformen ein. Dabei ist die
- paranoide (Paranoia=Wahn) Form die häufigste. Hier bestimmen Wahnvorstellungen (häufig Verfolgungswahn) und Halluzinationen (Sinnestäuschung, Trugwahrnehmung) das Krankheitsbild.
- Bei der hebephrenen (in der Pubertät beginnende) Form herrschen Gedankenstörungen und launische Affekte vor, wie etwa albernes Kichern.
- Die katatone (in der Bewegung gestörte) Form ist hauptsächlich durch psychomotorische Symptome charakterisiert, wie Hyperkinese (übertriebene Bewegungsenergie),
- Stupor (Erstarrung), Bewegungsstereotypie (erstarrte Formen von motorischen und sprachlichen Abläufen) oder Befehlsautomatismen.
Andere Varianten wurden als
- Schizophrenia simplex,
- latente (verborgen) Schizophrenie und
- residuelle (zurückbleibend) Schizophrenie
beschrieben; die Brauchbarkeit dieser Einteilung bleibt fragwürdig. Die Bezeichnung „schizo-affektiv" verwendet man zur Beschreibung einer kleinen Minderheit von Patienten, die Symptome sowohl der Schizophrenie als auch der manisch-depressiven ) >Psychose< zeigen. Paraphrenie (para=über...hinaus) ist ein durch Kraepelin (1899) eingeführter Begriff zur Klassifizierung von Patienten, deren Krankheitsbild zwischen seinen Kategorien Dementia praecox und Paranoia liegt; die vorherrschende Wahnkrankheit entwickelt sich später und bringt weniger soziale Auffälligkeit mit sich als bei Dementia praecox, das Vorhandensein von Gehörshalluzinationen schließt jedoch die Einstufung unter die Kategorie Paranoia aus. Die geschichtliche Entwicklung des Konzepts Schizophrenie blieb immer eng verbunden mit dem der Paranoia (Lewis, 1970).
Kleist und Leonhart (1961) entwickelten komplizierte Klassifizierungen der Schizophrenie in
Untergruppen im Hinblick auf genau beschriebene Symptome. Langfeld (1956) hat
eine einfachere und weiter akzeptierte Einteilung in eine Kerngruppe mit
typischen Symptomen und schlechter Prognose und eine schizophrenieartige Gruppe
mit weniger typischen Symptomen und wesentlich besserer Prognose vorgeschlagen.
DIAGNOSE. In Europa war K. Schneider bes. einflußreich mit seiner Auffassung,
daß die Diagnose auf einer einfachen Beschreibung der Symptome beruhen sollte
(Schneider, 1958). Dieses Konzept steht im Ggs. zu Bleulers (1950) Vorschlag,
daß die Diagnose abhängen solle vom Vorhandensein von vier abgeleiteten
Primärprozessen, die den beobachteten Symptomen zugrunde liegen:
1) Verlust der Gedankenassoziationen,
2) Störungen der Affektivität,
3) Autismus (extreme Selbstbezogenheit; Kontaktstörung mit Rückzug in die eigene Gedankenwelt und Abkehr von der Umwelt),
4) Ambivalenz (gleichzeitiges Auftreten von einander widersprechenden Vorstellungen, Gefühlen - z.B. Hassliebe - und Willensregungen).
Diese Begriffe wurden niemals klar definiert, und die Schüler Bleulers tendieren dazu, ein umfassenderes Konzept der Schizophrenie zu entwickeln unter der Beeinflussung von prominenter amerikanischen Lehrern, wie A. Meyer und H. S. Sullivan, die Schizophrenie als das Endergebnis einer stufenweise sich entwickelnden Reaktion auf Lebenserfahrungen und interpersonale Beziehungen betrachten.
Die Diagnose der Schizophrenie stützt sich völlig auf: Beschreibungen aus der
Lebensgeschichte des Patienten, auf seinen Geisteszustand und sein Verhalten, da
die neurophysiol. oder biochem. Mechanismen als Ursachen der Schizophrenie weiterhin
ungesichert sind und eine strukturelle Abnormität des Gehirns nie zuverlässig
gezeigt werden konnte. Dieses Fehlen zuverlässiger quantifizierbarer Ergebnisse
ermöglichte es, verschiedene Annahmen über die Natur der Schizophrenie aufzustellen, und
ist mitverantwortlich für die diagnostische Unsicherheit.
EPIDEMIOLOGIE (Wissenschaft von der Entstehung
und Verbreitung von Krankheiten). Europäische Statistiken besagen, daß der jährliche Anteil von
neuen Krankheitsfällen etwa 150 pro 100 000 der Bevölkerung beträgt. Etwa 1 % der
Bevölkerung wird irgendwann im Leben als schizophren diagnostiziert. Der Gipfel
des Krankheitsausbruchs liegt zwischen 25 und 35 Jahren. Die Schizophrenie tritt bei allen
Rassen und in allen Kulturen auf (Mischler & Scott, 1963), am verbreitetsten ist
sie bei niedrigen sozialen Schichten in den Slums großer Städte. Ein sozialer
Abstieg, verantwortlich für die bleibenden Symptome und die Lebensuntüchtigkeit,
ist die wahrscheinliche Ursache hierfür (Goldberg & Morrison, 1963).
ÄTIOLOGIE (von griechisch aitía
»Ursache«, ist die Lehre von den Krankheitsursachen) UND MECHANISMEN. Es ist
keine allg. Ursache für die Schizophrenie bekannt. Sowohl Stress von außen als auch
genetische Disposition scheinen bei vielen Patienten eine Rolle zu spielen, bei
anderen wiederum ist keiner dieser Einflüsse evident.
Genetische Prädisposition: Die nahen Verwandten von Schizophrenen haben einen
weit höheren Anteil (etwa 12% bei Geschwistern) als die normale Population.
Eineiige Zwillinge zeigen eine sehr viel höhere Übereinstimmung (etwa 60%) als
zweieiige. Zuordnungsfehler erschweren die Interpretation der Beobachtungen bei
Zwillingen (Rosenthal, 1962), jedoch wird die genetische Komponente bei der
Schizophrenie
allgemein als wichtig anerkannt, wahrscheinlich erfolgt die Vererbung auf polygene (Ausbildung eines Merkmals durch mehrere /Gene) Art (Shields, 1967).
Familie und Umwelt: Die neueren Arbeiten aus den USA gehen von der Annahme aus, daß die Ursache für die Schizophrenie bei den Eltern liegt, die das Kind konfliktträchtigen emotionalen Beziehungen und unlogischen, verwirrenden Verhaltensweisen in der verbalen und nichtverbalen >Kommunikation< unterwerfen. Dieser Ansatz bleibt theoretisch, da sich der angenommene abnorme Kommunikationsstil als nicht spezifisch für die Schizophrenie erwiesen hat (Mischler & Waxler, 1965). Der Ansatz wird allerdings gestützt durch die Beobachtung, daß schizophrene Ausbrüche durch Stress-Bedingungen begünstigt werden (Brown & Birley, 1968).
Biochemische Ursachen: Von einigen Erbanlagen weiß man, daß sie mit
metabolischen Anomalien verknüpft sind, die aus dem Fehlen oder der Dysfunktion
spezifischer Enzyme entstehen. In breitangelegten Untersuchungen wurde große
Aufmerksamkeit auf die metabolischen (Stoffwechsel) Möglichkeiten des Noradrenalins gerichtet,
einer wichtigen Substanz, die man in allen Teilen des NS (Nervensystem?) gefunden hat. Es hat
eine erstaunliche Ähnlichkeit mit
Meskalin (Halluzinogen aus verschiedenen Kaktusarten; traditionelles Rauschgift) und anderen Verbindungen, die Halluzinationen (Sinnestäuschung, Trugwahrnehmung) und andere Sinnestäuschungen verursachen können. Das Hautpigment Melanin (bewirken die Färbung der Haut und ihrer Anhangsorgane), das Aminosäure-Methionin und Transmethyl-Reaktionen standen neuerdings im Mittelpunkt des Interesses. Leider müssen aber die negativen Schlußfolgerungen aus Ketys Überblick (1959) weiterhin aufrechterhalten bleiben.
Psychophysiologisch: Eine Verlangsamung ist für viele chronische Schizophrene
charakteristisch. Dies führte zur Erforschung ihrer Reaktionszeit und ihres
Erregungspotentials, ausgedrückt durch das Niveau des Hautpotentials, sowie der
Verschmelzungsfrequenz für auditive und visuelle Reize. Es ergaben sich
deutliche Hinweise, daß - im Ggs. zur Erwartung - soziale Zurückgezogenheit im
Zusammenhang mit überstarker kortikaler (von der Gehirnrinde ausgehend) Erregung auftritt (Kornetsky & Mursky,
1966: Venahles, 1968). Das könnte bedeuten, daß chronisch Schizophrene entweder
reaktive /Hemmungen schnell aufbauen oder langsam abbauen.
Kognitive Störung: Frühe deskriptive Forschungen bei schizophrenen Denkstörungen
nahmen eine Unfähigkeit an, abstrakte Begriffe zu bilden („konkretes Denken"),
und dazu eine Unfähigkeit, die begrifflichen Grenzen zu wahren
("übergeneralisierendes Denken": over-inclusive-thinking, Cameron. 1954). Auf
diesen Erkenntnissen basieren die Theorie schizophrener kognitiver (Prozesse
und Strukturen, die mit dem Wahrnehmen und Erkennen zusammenhängen) Störungen
von Payne (1960) und der komplexere Ansatz von Bannister (1965).
ANDERE THEORIEN DER SCHIZOPHRENIE. Psychoanalytische Auffassungen haben wenig Hilfe leisten können, weder zum
Verständnis noch zur Behandlung der Schizophrenie. In psychoanalytischen Begriffen wird die
Schizophrenie als eine Störung der Ich-Organisation und der
>Objekt-Beziehungen<
betrachtet, die aus abnormen frühen Beziehungen zwischen Mutter und Kind
resultiert (,'Psychoanalyse). Federn (1952) und Klein (1952) haben moderne
Varianten psychoanalytischer Theorien entwickelt, aber auch überzeugte
Psychoanalytiker gestehen im allg. ein, daß eine interpretative Psychotherapie
bei schizophrenen Patienten nutzlos ist - ein Gesichtspunkt, der durch eine
große Anzahl klinischer Untersuchungen abgesichert ist (May, 1968). Kretschmer
(1925) legte eine Konstitutionstheorie der Geisteskrankheiten vor, in der
Schizophrenie ein
Extrem auf einem Kontinuum (das lückenlos Zusammenhängende, Stetige) darstellt, dessen anderes Ende die Normalität ist,
eine schizoide (nicht krankhaft seelisch gespalten) Persönlichkeitsstörung
(= Charakterneurose, Kernneurose"; nicht krankhaftes Fehlverhalten mit
entsprechenden zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Konflikten) liegt dann zwischen beiden Extremen.
Existentielle Theorien und Therapie entstanden unlängst in Deutschland. sind
aber nicht weit verbreitet oder angewendet worden (Binswanger, 1958).
BEHANDLUNG DER SCHIZOPHRENIE. Die
moderne Behandlung der Schizophrenie, die sich in den letzten 15 Jahren entwickelte, ist
empirisch orientiert und besteht aus Phenothiazin-Medikamenten für die akuten
Phasen (im allg. Chlorpromazin und Trifluorperazin), denen durchdachte Programme
sozialer Stimulation und Arbeitstherapie folgen, häufig darauf ausgerichtet, ein
weniger ehrgeiziges Niveau als vor dem Ausbruch zu erreichen. Es muß dabei ein
positiver Kontakt mit dem Patienten beibehalten werden, um das Absinken in eine
isolierte, abschweifende und institutionalisierte (in eine von der
Gesellschaft anerkannte feste Form bringen) Existenz zu vermeiden. Dieses
Konzept der Gemeinschaftsfürsorge hat die Prognose aller Formen der
Schizophrenie gewaltig
verbessert, und selbst bei den im allg. begrenzten Möglichkeiten bleibt nur noch
ein geringer Teil der Patienten länger als zwei Jahre in der Klinik, während die
Mehrzahl innerhalb von 6 Monaten entlassen werden kann. Leicht kann man die
Rolle der
Phenothiazine für diese verbesserte Prognose überschätzen, denn es gibt gute
Gründe für die Annahme, daß die Verbesserungen der täglichen sozialen Fürsorge
und der Lebensbedingungen in den Kliniken für Geisteskrankheiten ebenso
bedeutsam sind (Hoenig, 1967; Wing & Brown, 1970).
Die elektrische Schocktherapie ist bei den akuten katatonen Formen der
Schizophrenie
wirksam, ihre Anwendung bei anderen Formen ist jedoch umstritten. Insulinkoma
und Leukotomie werden nicht mehr in so großem Umfang wie zwischen 1935 und 1955
eingesetzt.
Die neuere Entwicklung in der Therapie, deren Grundlage die modernen
>Lerntheorien< sind, resultiert aus einer erfolgversprechenden Anwendung der
Techniken des operanten (Lernen über positive Verstärkung und Strafe)
>Konditionieren< und der Berücksichtigung sowohl des
verbalen als auch des sozialen Verhaltens chronischer Schizophrener (z.B. Allyon
& Azrin, 1968).
URSACHEN UND MECHANISMEN. Viele
möglichen Ursachen und Mechanismen der Schizophrenie wurden erforscht, aber bislang
resultierten daraus nur Theorien.
Die folgenden Arbeiten, in der Hauptsache Übersichtsreferate, geben Auskunft zu Detailfragen:
Auswirkungen der Familienbeziehungen: Mischler & Waxler, 1965;
Biochemische Abnormitäten: Kety, 1959; Smythies, 1967;
Erforschung von Aufmerksamkeit und Erregung: Kornetsky & Mursky, 1966;
Venables, 1968; Kognitive Störungen: Payne, 1960;
Bannister, 1965; McGhie, 1967; Psychoanalytische Theorie: Federn, 1952;
Klein et al., 1952; Existentialanalyse: Binswanger, 1958;
Zusammenhang mit Persönlichkeitstyp: Kretschmer, 1925.
Etwas neuere Literatur:
Schizophrenie.: Pathogenese, Diagnostik und Therapie, herausgegeben von M.
Schmauß. Bremen u.a. 2002.
Mit Schizophrenie leben. Informationen für Patienten und Angehörige,
herausgegeben von W. Kissling u.a. Stuttgart 2003.
Schizophrenie. Behandlungspraxis zwischen speziellen Methoden und integrativen
Konzepten, herausgegeben von W. Machleidt u.a. Stuttgart 2003.
nach © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, bei dem folgende
Definition der Schizophrenie gefunden werden kann:
[griechisch] die (Dementia praecox), Gruppe von psychischen Erkrankungen, bei denen der Strukturzusammenhang der Persönlichkeit verloren geht und für die tief greifende, unterschiedlich ausgeprägte Störungen kennzeichnend sind. In charakteristischer Weise gestört sind u.a.:
1.das Eigenbewusstsein (die Grenze zwischen Ich und Außenwelt ist aufgehoben; eigene Körperteile, Gedanken und Gefühle werden als fremd beziehungsweise von außen gesteuert erlebt);
2.die affektive Beziehung zur Umwelt (Mimik und Gefühlsäußerung erscheinen reduziert oder unangemessen);
3.die Wahrnehmung (Nebensächliches erscheint übergewichtig, Zufälliges von besonderer, meist bedrohlicher Bedeutung; eigene Gedanken werden als »Stimmen« gehört).
Auch andere
Halluzinationen und Wahnideen sind häufig.