Lernen durch Einsicht
auch "einsichtiges Lernen"
Der Mensch
will verstehen, was er lernt.
Er fordert Einsichten, weil ihn sinnlos Scheinendes langweilt oder abstößt.
Nachhaltiger Unterricht unterstützt durch problemzentriertes Arbeiten einsichtiges Lernen. (Aus:
http://www.einsichtiges-lernen.de/)
Lernen durch Einsicht
meint den Prozeß, bei dem eine Person ein Problem denkend umstrukturiert und neu
organisiert und so Handlungsstrategien zu dessen Lösung herausfindet. Als
Ergebnis dieses Prozesses zeigt sich häufig eine Änderung des Verhaltens.
Aus:
Altenthan et al., "Pädagogik" herausgegeben von Hermann Hobmair, Stam-Verlag, Köln-Mülheim, ISBN 3-8237-5000-3
Mit ihren Experimenten zum Problemlösen konnten die Gestaltpsychologen belegen, daß das Lernen bei höheren Lebewesen nicht ausschließlich auf Konditionierungsvorgänge zurückzuführen ist. Vor allem Menschen lösen Probleme nicht durch blindes Probieren, sondern durch denkerische und schöpferische Akte.
Aus diesen Denkprozessen erwächst neues, geändertes und zielgerichtetes
Verhalten.
Die Phasen des Lernens durch Einsicht
Einsichtiges Lernen kann als ein strukturierter Prozeß aufgefaßt werden, der
sich in einzelne Abschnitte aufteilen läßt:
• Auftreten des Problems
Für ein Lebewesen entsteht dann ein Problem, wenn es ein Ziel hat, aber
nicht weiß, wie es dieses Ziel erreichen soll. Der Zielerreichung stehen
Barrieren im Weg, die es zu überwinden gilt. Diese Diskrepanz erzeugt einen
Spannungszustand, der die Suche nach einer Lösung auslöst.
• Probierverhalten
Um zur Lösung des Problems zu kommen, werden bereits bekannte und bewährte
Verhaltensstrategien ausprobiert. Führen diese Probehandlungen nicht zum Ziel,
dann legt das Individuum häufig eine Handlungspause ein.
• Umstrukturierung
Während das Individuum bislang handelte, versucht es nun denkend das
Situationsgefüge zu erfassen und umzugestalten. Die einzelnen Elemente einer
Situation werden zueinander in Beziehung gesetzt. Sie werden so lange
miteinander kombiniert, wieder auseinandergelegt und neu kombiniert, bis durch
einen plötzlichen Einfall sich die zunächst beziehungslosen Elemente zu einem
sinnvollen Ganzen zusammenfügen.
• Einsicht und Lösung
Dieses plötzliche Erkennen („Aha-Erlebnis") einer sinnvollen Beziehung
zwischen den einzelnen Elemente einer Problemsituation stellt zugleich deren
Lösung dar. Oder wie es Rolf Oerter (1971) bezeichnet: „Die präziseste Fassung
des Problems ist zugleich seine Lösung."
• Anwendung
Meist setzt jetzt sofort ein Handlungsprozeß ein, der die gedanklich
gefundene Lösung ausführt. Führt dieses „neue" Verhalten zum Ziel, dann wird es
beibehalten und kann unmittelbar nach dem Einsichtsprozeß beliebig oft
wiederholt werden.
• Übertragung
Die gefundene Lösung kann, soweit sie eingeübt wird, auf eine ganze Reihe
ähnlicher Problemsituationen übertragen werden.
Dieses Übertragen auf eine Reihe ähnlicher Problemsituationen wird häufig als
Transfer bezeichnet.
Das einsichtige Lernen muß abgegrenzt werden
gegen "auswendig" lernen. Das folgende Beispiel ist typisch
für ein nur auf einer nicht wissenschaftlichen Basis beruhenden Religion, die
ein geistig nicht flexibler Mensch unter Weigerung der Gültigkeit
wissenschaftlicher Erkenntnisse übernimmt: Die Priester
sagen; "Gott hat die Welt erschaffen". Das hat der derzeitige US-amerikanische
Präsident als Einsicht übernommen: "Intelligent Design" ist inzwischen in
einigen Staaten das alleinige Erklärungsprinzip für die Welt (statt
Evolutionstheorie). Wissenschaftler können dazu nur den Kopf schütteln.
Literatur:
Herget, Ferdinand: Einsichtiges Lernen im Religionsunterricht an beruflichen Schulen. Lit Verlag (Münster) 2000, ISBN 3-8258-4765-9
(kritischer Vergleich einflußreicher psychologischer Lernmodelle und darauf fußender Unterrichtsmethoden sowie Anwendung gestalttheoretischer Prinzipien auf die methodische Gestaltung des Religionsunterricht)
Dr. Ferdinand Herget M. A., geb. 1956, studierte Theologie und Philosophie. Er arbeitet als Lehrer an einer Berufsschule, als freier Journalist und ist in der Lehrerfortbildung tätig. Der Autor wurde für seine Dissertation mit dem Johann Michael Sailer*-Preis der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München ausgezeichnet.
* katholischer Theologe und Bischof von Regensburg (Bild); geboren 1751, seit 1826 von Sailer, gestorben 1832)