Kollektiv

unter anderem >hier< direkt: Kollektivgüter

oder

>hier< Gemeinnutz, Solidarität.

Siehe auch: Eigen-, Fremdgruppe >hier<

und eventuell

Macht, Gewalt >hier<.


 

Der Begriff Kollektiv (lateinisch: colligere „zusammensuchen“, „zusammenlesen“) beschreibt unspezifisch ein soziales Gefüge, das ein Volk, eine Gesellschaftsklasse, eine Belegschaft, eine Ideologiegemeinschaft und vieles mehr sein kann. Kollektiv bedeutet: gemeinsam, gemeinschaftlich, umfassend, aber auch als Substantiv (das Kollektiv) eine Arbeitsgemeinschaft, Produktionsgesellschaft (in früheren "sozialistischen Ländern" z.B. die landwirtschaftliche Kolchose [Kunstwort, russisch: »Kollektivwirtschaft«]).

 

Während die Soziologie d.h. als Sozialpsychologie sich längere Zeit sehr mit der "Masse" (und nicht der Analyse des Individuums) beschäftigte, ist dieses Interesse an diesem Begriff stark in den Hintergrund getreten, um das Zusammensein in einer Masse eher "überbegrifflich" als kollektives Verhalten bewerten zu können; denn "Masse wird umgangssprachlich auch oft als Synonym zueinfachen Leuten,Ungebildeten, zurArbeiterklasse, allgemeiner auch zumVolk bzw. zurBevölkerung“ gebraucht. Gegenbegriffe sind dann Individuen, bedeutende Einzelne, auchdie Gebildeten. Der Soziologe Vilfredo Federico Pareto* (gebürtig: Wilfried Fritz Pareto) stellt die Masse denEliten und „Reserveeliten gegenüber, ähnlich unterscheidet Charles Wright Mills (Beschäftigung insbesondere mit den Machtstrukturen moderner Gesellschaften) zwischenMasse“ und Machtelite (also als Klasseneinteilung).

*  Paretoprinzip (auch Pareto-Effekt, 80-zu-20-Regel) besagt, dass 80 % der Ergebnisse in 20 % der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden. Die verbleibenden 20 % der Ergebnisse verursachen die meiste Arbeit.

 

Andererseits ist ein zweiter, soziologischer Gegenbegriff auch die „Menge“. Während „Massen“ oft (meist spontane, manchmal aber auch geplante) Hierarchien aufweisen (insbesondere in Form von Anführern und Rädelsführern), sind „Mengen" unstrukturiert, nur situativ (in einer bestimmten Lebensform) verbunden (z.B. alle Passanten in einer Einkaufstraße).

 

"Als Menge wird die Gesamtheit von Personen bezeichnet, die sich zu einer bestimmten Zeit an einem Ort befinden, aber nicht zueinander in Beziehung stehen. Diese Menge kann sich zu einer aktivierten Menge entwickeln. Dann spricht man von einer Masse. D.h., eine Masse ist eine aktivierte, gefühlsmäßig engagierte Menschenansammlung." (Sehr gut definiert von Dr. Reinhard Haselow in einem Skript von www.kriminalistik.de)

 

(>Hier< zu einem Artikel über Massenbewegung)


 

Begrifferläuterungen:

 

Kollektivbewusstsein

ein soziologischer Begriff (des französischen Soziologen Émile Durkheim - 1858 bis 1917 ) für die allen Mitgliedern derselben Gesellschaft gemeinsamen Glaubensvorstellungen und Gefühle; Gesellschaft ist ein eigenständiges Wesen, ein Wesen "sui generis"  (meint Durkheim).

 
Claus-Henning Ammann von www.multimedia-pflege.de schrieb 2002:

»Unter Kollektivbewusstsein versteht man das Handeln und Fühlen von Gruppen/von Gesellschaften, nicht das von Einzelnen.
Begründung: Gesellschaft bleibt bestehen, auch wenn ihre Mitglieder ausgetauscht werden. Repräsentiert wird das Kollektivbewusstsein durch die Hinterlassenschaften früherer Generationen, durch Technik, durch Häuser ebenso wie durch die Religion.
Das wesentliche Merkmal der Lebenswelt besteht demgegenüber darin, dass diese nicht bestimmte Inhalte darstellt, sondern die sprachlichen Mittel für eine durch Verständigung erzielte Übereinkunft bereitstellt. Sind als strukturelle Komponenten der Lebenswelt Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit differenziert, und verständigen sich die Akteure über eigene Interpretationen, verliert die Lebenswelt ihre festlegende Gewalt. Erst durch Verständigung kann die Lebenswelt ihren Charakter als Kollektivbewusstsein verlieren (s.  Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas 1995 II, S. 203). Das kollektive Sein schafft eigene Gesetze. Diese sind nicht aus den Einzelelementen ableitbar (z.B. aus den Elementen H und O lässt sich nicht die Eigenschaft des Wassers ableiten). Wesentlich ist der holistische, also unter dem Aspekt der Ganzheit zu deutenden Charakter als eigenständige Realität, nicht die individuellen Beziehungen der Akteure in ihrem Verflechtungszusammenhang. Die Gruppe denkt,  fühlt, handelt ... und hat dabei ein Kollektivbewusstsein.

Beispiel. Nachbarschaft/christliches Umfeld: "Man hängt am Sonntag draußen keine Wäsche zum Trocknen auf". Abweichendes Verhalten wird sanktioniert. Spricht man mit den Nachbarn diese Norm als kulturell geprägt an, kann man gegenseitige Akzeptanz erlangen.

Begründung:

  • empirisch: Die Gesellschaft existiert unabhängig von ihren Mitgliedern
  • Innere Integration, eine besondere Form der moralischen Einheit. Regeln (Nomie ?) sind nicht an Kosten/Nutzen orientiert. Diese gesellschaftlichen Regeln haben die Individuen internalisiert (Latein: internus „innen befindlich“, „Verinnerlichung"), die Werte des kulturellen und des sozialen Systems sind in den individuellen Persönlichkeiten und ihrem Organismus verankert.
  • Die Kontrolle kann über eine mechanische oder eine organische Solidarität erfolgen, die entstandene moralische Einheit bildet das telische System, den Bereich der "letzten Realität" und der grundlegenden Sinndeutungen der menschlichen Existenz (Talcott Parsons, 1902 -1979, US-amerikanischer Soziologe.).
  • Das mechanische Recht ist repressiv, beruht auf externen Sanktionen in segmentär differenzierten Gesellschaften. Das organische ist ein restitutives (wiederherstellendes,
    ausgleichendes)
    Recht, es wirkt über Re-Sozialisierung in funktional differenzierten Gesellschaften.
  • Die Verbundenheit erlaubt  Arbeitsteilung, sie schafft den verbindenden Rahmen, den nicht kontraktuellen Teil des Vertrages.
  • Diese Auffassung wendet sich gegen die "schottischen Moralphilosophen" (Adam Smith,  Herbert Spencer), die eine unsichtbare Hand die Arbeitsteilung regulieren sehen. Für Durkheim hingegen ist die arbeitsteilige Spezialisierung ein Kollektivgut.
  • Beispiele für Kollektivbewusstsein sind m. E. auch die strukturellen Effekte (nach dem US-amerikanischen Soziologen Peter Michael Blau 1918 – 2002), die Sozialarbeiter je nach dem vorherrschenden Klima entweder eher auf Beratung oder auf restriktive Maßnahmen setzen lassen.«

Charakteristika von Kollektivbewusstsein sind:

 

die geistigen Eigenschaften einer Gesellschaft wie Moral, Recht, Gewohnheiten, Sprache, Gewissen, Wissen und Ähnliches. Allgemein ist auch die Rede von Volksseele, Kollektivseele, kollektive Mentalität, Gruppenseele und anderer Gesamtheiten geistiger Eigenschaften eines sozialen Gebildes (Durkheim-Schule).

 

Nach Alfred Vierkandt ((1867 - 1953, deutscher Soziologe, Ethnologe, Sozialpsychologe, Sozial- und Geschichtsphilosoph) bilden die Angelegenheiten einer sozialen Gruppen die kollektiven Bewusstseinsinhalte, die das kollektive Subjekt in Form des "Wir" gegenüber dem individuellen "Ich" formuliert.

 

Weitere Wesenheiten:

1. Gemeinnutz. Gemeinnützig ist eine Tätigkeit, die Mitmenschen nützt und das allgemeine Wohl fördert. (Die Nazis sagten „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“.) Wenn eine Einrichtung als gemeinnützig anerkannt worden ist, wird sie von den (Gewinn-)Steuern ganz oder teilweise befreit. Viele nicht-staatliche Hilfswerke und kulturelle Institutionen, aber auch Sportvereine oder Krankenhäuser, sind als gemeinnützig anerkannt. Die tatsächliche Gemeinnützigkeit wird von zuständigen Steuerbehörden per Bescheid ausschließlich rückwirkend anerkannt.

2. Gegenseitige Hilfe ist ein ethisches Verhaltensprinzip, an dem sich ein bestimmtes solidarisches, also zusammenhaltend und gleichgesinntes Verhalten unter Menschen, ja sogar unter Tieren orientiert, ein Verhalten, das sich in der Evolution bewährt aber selten durchgesetzt hat. Aktuell wird ein Prinzip der Gegenseitigen Hilfe im Rahmen einer Solidarische Ökonomie diskutiert (Ansätze >hier< und >hier<).

3. Solidarität (abgeleitet vom lateinischen solidus für gediegen, echt oder fest) bezeichnet eine, zumeist in einem ethisch-politischen Zusammenhang benannte Haltung der Verbundenheit mit – und Unterstützung von – Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer. Sie drückt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte aus (vgl. auch Solidargemeinschaft).

Nach Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 4., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2006: bezeichnet Solidarität ein Prinzip, das gegen die Vereinzelung und Vermassung gerichtet ist und die Zusammengehörigkeit, d.h. die gegenseitige (Mit-)Verantwortung und (Mit-)Verpflichtung betont. Solidarität kann auf der Grundlage gemeinsamer politischer Überzeugungen, wirtschaftlicher oder sozialer Lage etc. geleistet werden. Die politische Soziologie unterscheidet zwei Formen:

1) die mechanische Solidarität, die auf vorgegebenen gemeinsamen Merkmalen einer Gruppe beruht (z.B. Geschlechtszugehörigkeit), und

2) die organische Solidarität, deren Basis das Angewiesensein aufeinander (z.B. auf Spezialisten in hoch-arbeitsteiligen Gesellschaften) ist.
 

 

Kollektivgesellschaft

Eine soziologische Grundüberlegung ist, dass Gesellschaften für die Etablierung und Aufrechterhaltung einer sozialen Ordnung sowie für die Sicherung ihres Zusammenhalts, jeweils spezifische (nicht nur kaufmännisch-wirtschaftliche) "Lösungen” entwickeln müssen, die ihrerseits in der Regel in kollektiv erarbeitete (produzierte) und von allen angenommene (akzeptierte) symbolische Formen ‘gegossen' werden. (Forschungsprojekt der http://www.uni-konstanz.de/fg-wiss/?q=node/7)

In ersten Linie ist eine Kollektivgesellschaft die wirtschaftliche Vereinigung von Personen (Personengesellschaft des schweizerischen Rechts), welche in der Regel einen unpolitischen, nur profitablen Zweck hat und ein kaufmännisches Unternehmen betreibt.  "Juristische Personen" (z.B. Aktien-Gesellschaft - AG oder Gemeinschaft mit beschränkter  Haftung - GmbH) können sich nicht an einer Kollektivgesellschaft beteiligten. Eine Kollektivgesellschaft ist in vieler Hinsicht vergleichbar mit einer Einzelfirma, wobei nun mehrere Personen eingebunden sind und sich natürlich einige neue Regelungsbereiche ergeben.

Die Kollektivgesellschaft ist personenorientiert (sogenannte Personengesellschaft). Das zeigt sich z.B. dadurch, dass die Gesellschaft grundsätzlich aufgelöst wird, wenn ein Gesellschafter stirbt (außer es wurde etwas anderes vereinbart). Ein Mitgliederwechsel kommt nur in Frage, wenn dies im Gesellschaftervertrag vorgesehen ist oder alle Gesellschafter zustimmen. Ebenso besteht eine starkes Konkurrenzverbot für Gesellschafter...

Da Kollektiv und Gesellschaft fast gleiche Bedeutung haben, soll eine nähere Begriffsbestimmung auf dieser Stelle nicht weiter fortgeführt werden.

 

Kollektivgüter

oder "öffentliche Güter" sind diejenigen, wie Wehrmacht, Polizei, Katastrophenschutz, Verwaltungsämter, Schulen, Kindergärten, die also im marktwirtschaftlichen Prozess (in der Regel) nicht in privater Konkurrenz angeboten und deshalb vom Staat bereitgestellt werden. Bei der Nutzung dieser Kollektivgüter gibt es in der Regel keine Rivalität im Konsum. (Das ist jedoch aufgeweicht beispielsweise durch private Sicherheitsfirmen oder lukrative, meist religiöse, jedoch staatlich zum größten Teil finanzierte Privatschulen.)

 

Sehr umfangreich sind die staatlichen Aktivitäten im Rahmen der Sozialgesetze von Sozialhilfe bis "arbeitsmarktliche Maßnahmen" (im Volksmund "Stütze" genannt: Arbeitslosengeld, Schulungen, Umschulungen, Arbeitsagenturen, sonstige Geldleistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts - wie Kindergeld).

 

Leider werden ehrenamtliche Tätigkeiten gefördert, wofür es keine Bezahlung, höchstens eine Aufwandsentschädigung gibt. Damit werden übliche Arbeitsplätze überflüssig und die Arbeitslosigkeit wird zu einem großen Teil aus Steuermitteln, also von uns allen finanziert. Angeblich soll sich etwa jeder Dritte in Deutschland ehrenamtlich engagieren angefangen als Schöffen am Gericht (wozu man verpflichtet werden kann) bis zur Mitarbeit in der freiwilligen Feuerwehr oder in einer "Lebensrettungsgesellschaft".

 

Freiwillige Helfer beim "Reinigen" nach einer Ölpest

 

Schwerwiegend sind staatliches - also kollektiv getragenes Engagement beispielsweise bei Umweltschäden

-  durch Naturkatastrophen,

-  aber auch von profitablen und parteispendenfreundlichen Wirtschaftunternehmen kaum ohne Konsequenzen verursacht, ferner

-  bei den derzeitigen, durch Misswirtschaft leichtfertig hervorgerufenen Bankenpleiten, ja sogar Staatspleiten. Die sogenannten Rettungsschirme, von korrupten Politikern ohne Sinn und Verstand aufgespannt, ohne aus Fehlern zu lernen (lernen zu wollen), trägt kein einziger Verursacher.

Solche "öffentlichen" Wirtschaftsaktivitäten, für die die Privatwirtschaft nicht bereits ist, ja nicht einmal im geringsten bereit zu sein braucht, "Wiedergutmachungen" zu zahlen, da der über die Wahlen unserer Politiker eine rechtliche Kollektiventscheidung zugrunde liegt, wird sogar "wirtschaftswissenschaftlich" von allokatives* »Marktversagen« gesprochen.

* Allokation: Verteilung, Zuteilung, Zuweisung, Anweisung,  das Kontingent, die Auftragslenkung.

 

Man spricht aber nicht von einem "Staatsversagen"!
 

Kollektivmodell

Durkheim, Emile (1895/1984): Die Regeln der soziologischen Methode. 105-114, Frankfurt Exzerpt:

 I. Einordnung Im vorliegenden Auszug legitimiert Durkheim die Soziologie durch die Definition eines ihr eigenen Gegenstandes: Die soziologischen Tatbestände, »les faits socials«. Zu diesem Zweck grenzt er den Begriff von der allgemeinen Verwendung ab, und verteidigt den so herausgearbeiteten Gegenstand vor dem Zugriff der übringen Naturwissenschaften (105).

II. Definition soziologischer Tatbestand So seien die soziologischen Tatbestände als genuiner Gegenstand der Soziologie besondere Arten des Handelns, Denkens, Fühlens, deren wesentliche Eigentümlichkeit darin besteht, da sie außerhalb des individuellen Bewusstseins existieren. (106). Als Typen des Verhaltens (ebd.) seien sie überdies mit einem immanenten Zwangscharakter ausgestattet, der vor allem bei Zuwiderhandlungen durch Sanktion zum Ausdruck käme. Soziologische Tatbestände seien folglich weder organisch, da sie aus Vorstellungen und Handlungen erschaffen, noch psychisch, da sie überindividuell zu verorten (107) seien.

III. Beispiele Durkheim zählt zahlreiche Beispiele für seine soziologischen Tatbestände auf. So nennt er neben so unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen wie soziale Rolle, Erziehung, Religion, Konvention, Kommunikationsregeln, Wirtschafts- und Produktionsweisen und politische Struktur auch Infrastruktur und Wohnform sowie soziale Strömungen und nicht zuletzt die öffentliche Meinung. Dabei variieren die soziologischen Tatsachen in einem von Durkheim beschriebenen Kontinuum des Verfestigungsgrades: von stark strukturiert bis zu (noch) nicht gefestigt: ...mehr oder weniger kristallisiertes Leben (114). In diesem Sinne sind gesellschaftlich institutionalisiertes Handeln ebenso wie soziale Strömungen, die keinerlei bestimmte Organisation aufweisen, soziologische Tatbestände. Etwa Ausbrüche des Enthusiasmus, der Entrüstung und des Mitleids (108). Denn auch diese treten an jeden einzelnen Teilnehmer von außen heran und sind imstande, sie auch wider ihren Willen fortzureißen. (ebd.).

IV. Inhalte und Formen soziologischer Tatbestände der Kollektiven Zustände gelten Durkheim in seinen Betrachtungen als die Glaubensvorstellungen, die Neigungen, die Gebräuche einer Gruppe als Ganzes genommen. (ebd.) und somit als der Inhalt der Tatbestände (Vgl. Plessner: natürliche Künstlichkeit). Die Formen, die die kollektiven Zustände annehmen könnten, seien aber Dinge ganz anderer Art, nämlich der Ausdruck der individuellen Praxis (109). Hierin sieht Durkheim die Zweiheit der Tatbestände: Zum einen die emergente Realität sui generis, in der Arten des Handelns zu Institutionen des Handelns geworden sind (Normen), zum anderen die Anwendung des Einzelnen als individuelle Praxis, die zwar zum Teil sozial ist, da sie ein Kollektivmodell reproduziert (111), aber dennoch größtenteils die psycho-physiologische Verfassung des Einzelnen abbildet (ebd.) und somit in Abhängigkeit zu dessen besonderen Umständen rückt. Die Praxis (Form) ist somit für Durkheim, im Gegensatz zu den basalen Inhalten (kollektive Zustände) der sozialen Tatbestände, keine rein soziologische Erscheinung, weshalb er hier von sozialpsychischen Phänomen in Abgrenzung zu sozialen Phänomenen spricht. (Korrigiert aus http://www.mendeley.com/research/durkheimsoziologischertatbestandpdf/)

 

 

 

Kollektive Sicherheit

 

In seiner Rede vor der Generalversammlung im September 2003 wies der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, die Mitgliedstaaten eindringlich darauf hin, dass die Vereinten Nationen an einem Scheidepunkt angelangt seien.


Sie hätten die Alternative, sich der Herausforderung durch neue Bedrohungen zu stellen oder aber Gefahr zu laufen, angesichts der wachsenden Gegensätze zwischen den Staaten und ihres einseitigen Vorgehens immer mehr an Relevanz einzubüßen. Aus diesen Überlegungen heraus schuf der Generalsekretär die Hochrangige Gruppe für Bedrohungen, Herausforderungen und Wandel, die neue Ideen über die Art der Politik und der Institutionen entwickeln sollte, die erforderlich sind, damit die Vereinten Nationen im 21. Jahrhundert wirksam tätig sein können.
 

Die Hochrangige Gruppe entwirft in ihrem Bericht eine kühne neue Vision der kollektiven Sicherheit für das 21. Jahrhundert. Wir leben in einer Welt neuartiger und sich verändernder Bedrohungen, die 1945 bei der Gründung der Vereinten Nationen nicht vorhergesehen werden konnten, wie der Nuklearterrorismus oder der Zusammenbruch von Staaten durch das verhängnisvolle Zusammentreffen von Armut, Krankheit und Bürgerkrieg. Heutzutage kommt die Bedrohung eines einzelnen Staates einer Bedrohung aller gleich. Die weltweite Wirtschaftsintegration bedeutet, dass ein schwerer Terroranschlag in irgendeinem Industrieland verheerende Folgen für das Wohlergehen von Millionen Menschen in den Entwicklungsländern hätte. Jeder der jährlich etwa 700 Millionen internationalen Flugpassagiere kann, ohne es zu wissen, Träger einer tödlichen Infektionskrankheit sein. Die Erosion der Staatskapazität in einem Land macht jeden Staat verwundbarer für grenzüberschreitende Bedrohungen wie Terrorismus und organisierte Kriminalität. Jeder Staat ist zur Gewährleistung seiner Sicherheit auf internationale Zusammenarbeit angewiesen.


Es gibt sechs Bündel von Bedrohungen, mit denen sich die Welt heute und in den kommenden Jahrzehnten wird befassen müssen:
• Kriege zwischen Staaten
• Gewalt innerhalb von Staaten, einschließlich Bürgerkriege, massive Menschenrechtsverletzungen und Völkermord
• Armut, Infektionskrankheiten und Umweltzerstörung
• Nukleare, radiologische, chemische und biologische Waffen
• Terrorismus
• Grenzüberschreitende organisierte Kriminalität

 

Die gute Nachricht ist, dass die Vereinten Nationen und unsere Einrichtungen der kollektiven Sicherheit gezeigt haben, dass sie funktionieren können. In den vergangenen 15 Jahren  wurden mehr Bürgerkriege durch Verhandlungen beendet als in den 200 Jahren zuvor. In den 1960er Jahren glaubten viele, dass bis zum heutigen Zeitpunkt 15-25 Staaten Kernwaffen besitzen würden; der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen hat dazu beigetragen, dies zu verhindern. Mit Hilfe der Weltgesundheitsorganisation konnte die Ausbreitung von SARS gestoppt werden, bevor Zehntausende und vielleicht mehr Menschen der Krankheit zum Opfer gefallen wären.


Diese Leistungen können aber auch wieder zunichte gemacht werden, und diese Gefahr besteht, wenn wir nicht rasch handeln, um die Vereinten Nationen zu stärken, damit sie in Zukunft wirksam auf die ganze Bandbreite der bestehenden Bedrohungen reagieren können. >Hier< die ganze pdf.Datei (Acrobat-Reader erforderlich!)

 

 

 

kollektives Unbewusstes

Das Kollektive Unbewusste ist ein von Carl Gustav Jung (>hier< der Lebenslauf) geprägter Begriff aus dem Konzept seiner Analytischen Psychologie. Jung übernahm zwar aus der Psychoanalyse die Begriffe Bewusstsein und Unbewusstes, differenzierte aber letzteres in ein persönliches Unbewusstes und das kollektive Unbewusste. Das kollektive Unbewusste postuliert Jung als Lagerstätte des psychischen Erbes der Menschheitsgeschichte, welches sich, ähnlich wie der biologische Körper, durch die Evolution hindurch entwickelt habe und von verschiedenen Erfahrungen geprägt worden sei. Alles, was irgendwann einmal von der individuellen Psyche eines Menschen ausgedrückt wurde, werde zu einem Bestandteil der psychischen Grundkonstitution eines Menschen – und ebenso auf einer kollektiven Ebene zu einem Bestandteil der ganzen Gattung und damit zu einem Bestandteil des kollektiven Unbewussten.

Damit hat Jung eigentlich die "MEM-Theorie" (>hier<) von Richard Dawkins vorweggenommen.

 

 

 

Kollektivismus

ein Begriff der Gesellschaftslehre, wonach

1) das gesellschaftliche Ganze seins-, sinn- und wertmäßig den Vorrang vor dem Individuum hat,

2) das Denken und Handeln des Individuums ausschließlich vom Kollektiv (Gesellschaft, Gruppe, Staat, Partei) her zu bestimmen ist.

Vertreten wird der Kollektivismus vor allem in ideologisch diktatorischen Strömungen (Religionen, insbesondere Sekten, Kommunismus, aber insbesondere in nationalistischen und faschistischen Bewegungen).

Gegensatz: Individualismus

 

 

Kollektivsymbole

Kollektivsymbole sind nach dem Literaturwissenschaftler Jürgen Link in gesellschaftlich gefestigte diskursive Sinnbilder und Codes, die sowohl als Erklärung und Erschließung von Wirklichkeit und der politischen Landschaft dienen, als auch zu Handlungsweisen anleiten. Sie bieten die Möglichkeit zwischen Normalität und Abweichung zu unterscheiden. Im Gegensatz zu Vorstellungen von angeborenen Bildern oder der Vorstellung eines kollektiven Unbewusstseins ist nach Link das System der Kollektivsymbolik historisch veränderbar und interkulturell verschieden. Symbole sind Kleidung, Fahnen, Abzeichen, aber auch Art zu Grüßen, Gehabe.

 

 

Kollektivverhalten

Kollektivverhalten bezeichnet die unstrukturierten Reaktionen und Verhaltensweisen einer größeren Anzahl von Personen in einem Problemlösungsprozess, die im Gegensatz zur sozialen Gruppe in diesem Prozess nicht durch Interaktion bestimmt ist und im Gegensatz zur Masse oder Mob (aufgewiegelte Volksmenge, Pöbel, Gesindel; unorganisierte Massenansammlung aggressiver und triebenthemmter Menschen) sich nicht rein zufällig, sondern sich entwickelnd vollziehen. Entstehung und Verlauf des Prozesses sind beispielsweise bei der Bildung von öffentlichen Meinungen, bei Revolutionen oder Sozialen Bewegungen unterschiedlich.

 

 

Begriffskritik

Kritiker der Bildung von „Kollektiven“ unterstellen, dass dabei das Bewusstsein des Einzelnen durch das Bewusstsein der Gruppe als Gesamtheit verdrängt werde (oder schärfer, dass das „Bewusstsein der Gruppe“ eine ideologische Fiktion zur Knutung des Einzelnen sei). An die Stelle der persönlichen Verantwortung trete die (womöglich hohle) Verantwortlichkeit der Gruppe (siehe auch Kollektivismus und Soziologie).