Entwicklungspsychologie

Aus:

Altenthan et al., "Pädagogik" herausgegeben von Hermann Hobmair, Stam-Verlag, Köln-Mülheim, ISBN 3-8237-5000-3

 

Ziele der Entwicklungspsychologie


Menschliche Entwicklung beginnt mit der Zeugung eines Lebewesens und endet mit dessen Tod. Entwicklungspsychologie erstreckt sich demnach nicht nur auf das Kindes- und Jugendalter, sondern auf das gesamte Leben eines Menschen.


Dasjenige Teilgebiet der Entwicklungspsychologie, das sich mit den Veränderungen des Erlebens und Verhaltens im Kindes- und Jugendalter beschäftigt, bezeichnen wir mit Kindes- und Jugendpsychologie. Veränderungen des Erlebens und Verhaltens im Erwachsenenalter werden von der Erwachsenenpsychologie untersucht und erforscht.


Die Entwicklungspsychologie verfolgt vier Ziele:

 

1. Die Beschreibung des Entwicklungsverlaufs, der sich nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten vollzieht. Entwicklungsveränderungen treten immer in einer ganz bestimmten Reihenfolge auf, die nicht umkehrbar (= irreversibel) ist.
Jedes Kind zum Beispiel krabbelt, bevor es gehen kann, spricht ein Wort, bevor es ganze Sätze sagen kann, schreit, bevor es lachen kann, und zeichnet Kreise, bevor es ein Rechteck zeichnen kann.
Diese nicht umkehrbare Abfolge von Veränderungen finden wir in der Entwicklung aller Persönlichkeitsmerkmale, sie wird als logische Reihenfolge, manchmal auch als Irreversibilität bezeichnet.
Mit logischer Reihenfolge bzw. Irreversibilität als Merkmal der Entwicklung meint man die nicht umkehrbare Abfolge von Veränderungen in der Entwicklung.
Die in einer bestimmten Reihenfolge ablaufenden Veränderungen des Erlebens und Verhaltens können einzelnen Altersspannen zugeordnet werden.
So spricht das Kind zum Beispiel gegen Ende des ersten Lebensjahres in der Regel sein erstes Wort, mit 24 Monaten werden einzelne Wörter durch Sätze abgelöst, mit zweieinhalb Jahren beginnt das erste sogenannte Fragealter („Was-Fragen") und mit ca. dreieinhalb Jahren entdeckt es Zusammenhänge, es folgen die „Warum-Fragen" (sogenanntes zweites Fragealter).
Hierher gehören zum Beispiel die Entwicklung der Motorik, der Wahrnehmung, der Sprache, der Intelligenz und des Denkens, des Gedächtnisses, der Emotionen und Bedürfnisse oder des Sozialverhaltens. Diese Veränderungen spiegeln sich im Erleben und Verhalten wider. Die Entwicklung dieser psychischen Phänomene bzw. Persönlichkeitsmerkmale ist in Kapitel 7 dargestellt.

2. Die Beschreibung der Ursachen und Bedingungen, die Entwicklung auslösen und in Gang halten. Was beispielsweise verursacht die Entwicklung der Intelligenz und hält sie in Gang? Ursachen, die Entwicklung auslösen und in Gang halten, werden Entwicklungsfaktoren genannt.
Entwicklungsfaktoren sind verschiedene Bedingungen, die Entwicklung auslösen und in Gang halten.
Alle Bedingungen, die Entwicklung verursachen, lassen sich drei Gruppen von Faktoren zuordnen:
• die endogenen Faktoren (= von „innen" verursacht, aus den Anlagen entstanden),
• die exogenen Faktoren (= von „außen" verursacht, aus Umwelteinflüssen entstanden) und
• die autogenen Faktoren (= von „sich selbst" verursacht, aus eigener Kraft des Individuums entstanden).

3. Die Erklärung der beobachteten Zusammenhänge mit Hilfe von Gesetzmäßigkeiten und theoretischen Aussagen: Der Entwicklungspsychologie der Vergangenheit ging es vornehmlich um eine genaue Beschreibung der Veränderung von psychischen Fähigkeiten, Funktionen und Kräften sowie deren Ursachen. Ein weiteres, erst sehr viel später entwickeltes Ziel der Entwicklungspsychologie besteht in der Erklärung der beobachteten Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.
Entwicklungsbedingte Veränderungen des Erlebens und Verhaltens können mit Hilfe von verschiedenen Theorien erklärt werden. Von Bedeutung sind dabei die Lerntheorien, die tiefenpsychologischen Theorien wie beispielsweise die Psychoanalyse bzw. die Individualpsychologie und kognitive Theorien wie zum Beispiel das Lernen durch Einsicht, die Feldtheorie von Kurt Lewin oder die Theorie der kognitiven Entwicklung von Jean >Piaget<.

4. Die Anwendung entwicklungspsychologischer Erkenntnisse, um beispielsweise Entwicklung und mögliche Entwicklungsstörungen vorherzusehen oder um kindliche Entwicklung zu fördern und Entwicklungsstörungen vorzubeugen.

 

Wie entsteht der Charakter eines Menschen? Die Ursachen der Entwicklung (Faktoren: Anlage [= Organismus], Umwelt, Selbstbestimmung) sind:

 

• die endogenen Faktoren (= von „innen" verursacht, aus den Anlagen entstanden),
• die exogenen Faktoren (= von „außen" verursacht, aus Umwelteinflüssen entstanden) und
• die autogenen Faktoren (= von „sich selbst" verursacht, aus eigener Kraft des Individuums entstanden).


 

Lauf der Zeit


Ein Mensch geht freudig mit der Zeit

Doch kommt er bald in Schwierigkeit:

Die Weltuhr rascher perpendikelt

Als er sich hin- und herentwickelt.

Kaum kommt er also aus dem Takt,

Hat ihn der Pendel schon gepackt.

Ein Unmensch aber, der indessen

Weltuhrenabseits still gesessen

Auf unerschüttertem Gesäß
Spricht mild: „Es war nicht zeitgemäß!"
 

Eugen Roth