Der Atheist

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Aus einer Sengung des

 

WDR3: DISKURS, 20.11.2007

Kein Gott nirgends – oder: Zurück zur Vernunft

Ein Feature von Angelika Brauer.


Wie es wohl wäre, einfach nur da zu sein und vor sich hin zu leben... wie ein Stein oder eine Blume... ohne zu fragen... warum und weshalb... und woher und wohin... Aber der Mensch kann das nicht. Die so genannten Kinderfragen sind Menschenfragen.

Es ist offenbar, dass Gott nicht offenbar ist. Denn sonst gäbe es keine Atheisten. Atheismus ist eine Lebensform; eine Haltung oder Einstellung zum Leben. Es mag weltweit 500 Millionen Atheisten geben oder auch eine Milliarde, die Schätzungen schwanken, in jedem Fall aber verringert sich derzeit ihre Zahl, denn die Bevölkerung der stark religiösen Länder wächst schnell, die der nichtreligiösen nimmt ab.

Ein Atheist ist nicht unbedingt jemand, der behauptet, dass es keinen Gott gibt. Er selbst lebt ohne Gott; er glaubt nicht an ein höheres Wesen. Und schlägt seine eigenen Wege ein, des Denkens und Fragens. Er lässt sich nicht führen. Und er will auch niemandem folgen.

"Ich will niemandes Herr und auch nicht niemandes Knecht sein," sagte einmal der 3. Präsident der USA (1801 bis 09), Thomas Jefferson.

Also wenn man jemanden als Atheist bezeichnete, dann war damit verbunden: der ist ein unmoralischer Mensch, und der ist vor allem politisch gefährlich (fährt Herbert Schnädelbach - bis zu seiner Emeritierung Professor für Philosophie an der Berliner Humboldt–Universität - im "Feature" fort). Das war natürlich der Verdacht, der immer von den Amtskirchen und erst recht von den Regierungen erhoben worden ist.

So hat Fichte ja seine Professur verloren. Weil er in den Verdacht geraten ist, er sei Atheist. Und Hegel hat zeit seines Lebens gezittert – dass ihm Pantheismus ("Gott in allem")vorgeworfen wird. Und Pantheismus war dasselbe wie Atheismus und er musste darum Angst haben, dass er in Preußen seine Professur verliert.

Die Zeit der Kaiser und Könige von Gottes Gnaden ist vorbei. Aber auch am Anfang des 21. Jahrhunderts gehört Mut dazu, sich öffentlich zu seinem Unglauben zu bekennen (argumentiert Jochen Hörisch, Professor für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim). Die Frage nach der Religion ist ja in der Tat die intimste. Jetzt hab ich überlegt: Warum eigentlich nicht? Ein Nicht–Glaubensbekenntnis ablegen. Ich will also wirklich nicht kneifen. Nein, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, ich glaube nicht, dass es einen persönlichen Gott gibt, sondern ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die eine bestimmte Form Goethescher Weltfrömmigkeit haben...


Agnostizismus ("Erkennbarkeit") und Atheismus ("ohne Gott")

Der Agnostiker hält Gott für nicht erkennbar (in der erfahrbaren Welt) und nimmt eine göttliche Existenz in kauf (jenseits der erfahrbaren Welt).  Der Atheist ist davon überzeugt, daß es keinen persönlichen Gott oder irgendwelche Gottheiten gibt, die sich um Menschen, insbesondere um ein Individuum kümmern. Also:

Der Agnostiker kann keinen Gott erkennen bzw. ist es unmöglich, Gott zu erkennen. Gott könnte aber durchaus da sein. Der Begriff des Agnostizismus wurde maßgeblich durch Thomas Henry Huxley (1869) geprägt. Diese Begriffsbildung ist aber deutlich älter und findet sich u. a. bei Laotse sowie einigen griechischen Vorsokratikern (vor Sokrates: Heraklit, Pythagoras, Thales von Milet und anderen) und Sophisten (= "Weisheitslehrer" im 5./4. Jahrhundert vor der Zeitrechnung).

Eine Richtung des Agnostizismus, der atheistische Agnostizismus, vertritt zwar die Ansicht, dass die Existenz eines Gottes unbekannt ist, hält aber meist die Nicht-Existenz für plausibler auf der Grundlage des Franziskaners, Wilhelm von Ockham, der seit 1317 in Oxford  lehrte und 1324 wegen Irrlehre angeklagt wurde (aber mit dem Leben davon kam).

Der Atheist weiß, daß es keinen "erfahrbaren" Bibel-Gott gibt, stellt aber die Existenz einer höheren Macht in Sinne von den Menschen bekannten Naturgesetzen übergeordnet nicht unbedingt in Abrede. Jedenfalls hat eine bis jetzt noch unbekannte "Naturmacht" nichts mit der Definition eines theologischen Gottes zu tun. Der Atheismus war schon vor Buddha durch den Heiligen Kapila in Indien (also schon vor dem 6.Jahrhundert vor der Zeitrechnung bekannt), lebte im 12. Jahrhundert (nach der Zeitrechnung) wieder auf durch den arabischen Arzt und Philosophen (genannt der "Kommentator" des Aristoteles), Ibn Ruschd, dessen Namen man lateiniserte als "Averroes" (also der Begründer des Averroismus mit dem "Primat der Vernunft").

Die Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaften, der Physik, Chemie, Biologie, mit Anerkennung des Darwinismus, also Erkenntnissuche ohne Zuhilfenahme irgend einer göttlichen Vorsehung als Erklärungsgrund, mündete in einen methodischen Atheismus. Dann wurde ein doktrinärer Atheismus von einigen französischen Aufklärern im 18. Jahrhundert (um Voltaire, alias François-Marie Arouet) "ins Leben gerufen" und von deutschen Materialisten des 19.Jahrhunderts  beispielsweise über Ludwig Büchner* und E.Haeckel, von Karl Marx in den dialektischen Materialismus (Marxismus) übergeführt.

* Der Arzt und Philosoph war ein wichtiger Vertreter eines radikal naturwissenschaftlichen Materialismus, für den ausschließlich allein die Materie maßgeblich sei, und die Seele beruhe allein auf physiologisch beschreibbare Gehirnfunktionen.