Ambivalenz

 

bedeutet gleichzeitiges Auftreten von einander widersprechenden Vorstellungen, Wünschen, Gefühlen (z.B. Hassliebe oder Willens- mit gleichzeitigen Unwillensregungen bzw. umgekehrt)

 

"Noli me tangere", von Tizian um 512 gemalt

(Rühr mich nicht an oder lieber doch gerne)

 

Die folgende Auflistung ist aus gruppenpsychologischer Sicht (also soziologisch) zu sehen, nämlich die aus Wilhelm Heitmeyer's "Verlockender Fundamentalismus".  (>Hier< mehr über Heitmeyer.)


Ambivalenz, wie sie sich sich in zahlreichen Spielarten zeigt:

 

- Die Chancen der Lebensplanung und die Vielfalt der Optionen nehmen zu, aber die Berechenbarkeit der Lebenswege nimmt ab.

- Die Entscheidungschancen vermehren sich, aber es steigen auch die Entscheidungszwänge.

- Die Gleichheit in manchen Bereichen wird größer, dadurch erweitert sich aber auch der individuelle Konkurrenzdruck zur sozialen Plazierung und Statussicherung.

- In dem Maße, wie alte Strukturen und Umgangsformen an Gültigkeit verlieren und neue Optionen sich vervielfachen bis zur scheinbaren Beliebigkeit, wächst das Bedürfnis nach Unterscheidung.

- Die Befreiung aus einem Lebenslaufkorsett erhöht die Verlustmöglichkeiten sozialer Verortung.

- Die Möglichkeiten größerer individualistischer Selbstdeutung gehen einher mit einer Destabilisierung sozialer Lebenszusammenhänge.

- Viele Gewißheiten gehen verloren, aber das Bedürfnis nach ihnen bleibt bestehen. Dies ist insbesondere dann bedrängend, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, daß sich diese Epoche durch das Fehlen neuer Gewißheiten politischer oder sonstiger Art in demokratischer Qualität auszeichnet.


Diese Kennzeichnungen für die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft werden verschärft für Angehörige von Minderheiten wahrnehmbar und erfahrbar, zumal offene oder verdeckte Diskriminierungen bis hin zu massiver fremdenfeindlicher Gewalt noch hinzukommen.