Verstärkung/Strafe

Anhand von:

Kühne, Gewicke, Harder-Kühne, Priester, Sudhues, Tiator - "Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen", Stam-Verlag, Köln-Mülheim, ISBM 3-8237-0415-X

 

 

Überblick:  Verstärkung/Bestrafung

 

Verstärkung:


Erhöht die Wahrscheinlichkeit,

daß Verhalten in Zukunft

1. Auf ein bestimmtes Verhalten folgt eine angenehme

(positive) Konsequenz; dadurch wird das Verhalten

verfestigt und wahrscheinlich in Zukunft häufiger/intensiver

auftreten.

positive

Verstärkung

häufiger/intensiver auftritt.

 

 

 

2. Durch ein bestimmtes Verhalten wird ein unangenehmer

(negativer) Zustand beendet; das Verhalten, das den

unangenehmen Zustand abstellt, wird verstärkt und

wahrscheinlich in Zukunft häufiger/intensiver auftreten.

negative

Verstärkung

Bestrafung/Löschung:


Verringert die Auftretenswahr-

scheinlichkeit

3. Auf ein bestimmtes Verhalten folgt eine unangenehme

Konsequenz. Dadurch wird das Verhalten unter Umständen

abgeschwächt (und eventuell gelöscht).

Löschung

eines Verhaltens.

 

 

4. Als Folge eines bestimmten Verhaltens wird eine

angenehme Konsequenz, die sonst folgte, entzogen.

Dadurch wird das Verhalten abgeschwächt und gelöscht.

Löschung

 


 

Bestrafung/Strafe

 

Strafe verringert die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens, d.h. auf ein bestimmtes Verhalten folgt eine unangenehme Konsequenz:

 

1. direkte Bestrafung (z.B. Schimpfe, Schläge, Ablehnung)

2. indirekte Bestrafung bedeutet, daß die erwartete angenehme Konsequenz wegfällt, z.B.  Fernsehverbot, kein Nachtisch.


Beispiele für Bestrafungen:

 

Direkte: Die Mutter schimpft (Strafe) mit Karin, weil sie eine Fünf in der Deutsch-Arbeit geschrieben hat. Sie hofft, daß ihre Tochter fleißiger wird, nachdem sie mit ihr „Tacheles  geredet" (umverblümt die Meinung gesagt) hat.

 

Luggi erhält von seinem Vater eine Ohrfeige (Strafe), weil er beim Decken des Tisches einen Teller fallen ließ. Der Vater hofft, daß Luggi das nächste Mal den Tisch vorsichtiger decken wird.

 

Indirekte: Ursula hat Probleme mit ihrem kleinen Bruder (2 Jahre). Wenn er ein Spielzeug haben will, schreit er so laut, daß Mutter es hört. Die herbeieilende Mutter hält Ursula vor, daß sie nicht auf diese Art und Weise mit ihrem jüngeren (!) Bruder umgehen könne, ohne zu fragen, was überhaupt vorgefallen sei. Sie verbietet ihrer Tochter das beliebte Kinderprogramm zu sehen. Die Mutter hofft, daß sich die Kinder fortan besser vertragen.


Bei vielen Erziehern hat sich inzwischen herumgesprochen, daß Strafe anders wirkt als beabsichtigt. Trotzdem strafen sie. Es mag sein, daß die Bestrafung des Kindes ihren Reiz aus der schnellen Wirkung erhält, die sie nach sich zieht.


Beispiele für nachteilige Auswirkungen von Bestrafungen:


Karin sitzt häufiger in ihrem Zimmer und gibt vor, zu lernen; in der folgenden Arbeit hat sie wieder eine schlechte Note.


Luggi hat seit der Ohrfeige kaum noch freiwillig den Tisch gedeckt; vorsichtiger ist er natürlich geworden.


Ursula weiß nun überhaupt nicht mehr, wie sie mit ihrem Bruder umgehen soll; sofern die Mutter in der Nähe ist, gibt sie „dem Dickkopf" das Spielzeug, haut es ihm aber über den Kopf, sobald die Mutter beim Einkaufen ist.

             

Nochmals: Der Nachteil der Bestrafung liegt unter anderem darin, daß die Auswirkungen von Strafen kaum vorhersehbar sind. Kurzfristig mag sich das Kind so verhalten, wie es der Erzieher wünscht, langfristig aber ergeben sich Veränderungen beim Kind, die der Erzieher zumindest in der Regel nicht beabsichtigt. Die Auswirkungen der Strafe kann man folgendermaßen haben zu ordnen versuchen:
 

1. Strafe verursacht meist nicht die erwünschten Verhaltensänderungen:

a) da die Auswirkungen des Strafens auf das Kind meist nicht konsequent nachkontrolliert werden können;

b) da meist nur unregelmäßig gestraft werden kann, d. h. daß nur ein Teil des unerwünschten Verhaltens (z. B. aus Zeit- oder Aufsichtsgründen) bestraft wird;

c) da der Erfolg oft/meist nur kurzfristig ist, z. B. solange der strafende Erzieher anwesend ist.

 

2. Das Strafen selbst verändert sich im Laufe der Zeit im Erleben des Kindes:

a) Häufiges Strafen kann z. B. beim stark vernachlässigten Kind zu einer Form der Verstärkung werden (etwa: jetzt habe ich endlich erreicht, daß er/sie (d. h. Eltern) sich mit mir beschäftigt); ist Strafen aber - wie in diesem Fall - eine Verstärkung, dann verfestigt sich das bestrafte Verhalten noch mehr.

b) Der strafende Vater kann - bei häufigem Strafen - auch im Falle von positiven Äußerungen beim Kind ein Gefühl der Angst/Ablehnung erzeugen.


3. Die Strafe führt häufig zu einer unerwünschten Verhaltensänderung:

a) Nicht nur bestraftes Verhalten wird gehemmt, sondern auch ähnliche Verhaltensweisen - wenn etwa aggressives Verhalten bestraft wird, kann etwa Aktivität/Impulsivität gehemmt werden.

b) Strafen vermindert allgemein die Flexibilität (Sicherheit, Beweglichkeit usw.).

c) Je mehr gestraft wird, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß ein Ausweichverhalten bzw. ein sozial abweichendes Verhalten entsteht (Lügen, weil das Kind nicht die Wahrheit sagen darf).

d) Durch Strafen lernen Kinder im Sinne des Beobachtungslernens (Vater schlägt - Kind schlägt kleinere Kinder).

e) Durch Bestrafung kann ein Kind unfähig gemacht werden, auf andere Reaktionen des Erziehers als auf Strafen einzugehen. Etwa wenn Kinder nur noch auf Schläge reagieren - nicht mehr auf eine normale ruhige Unterhaltung.


4. Bestrafung führt häufig zu unerwünschten Verhaltensweisen beim Erzieher:

a) Der Bestrafende kann sich so ins Bestrafen hineinsteigern, daß er nicht/kaum noch anders reagieren kann.

b) Je öfter eine Person bestraft, um so geringer wird seine Belohnungsfähigkeit.

 

5. Strafe verschlechtert die Beziehung Eltern (Erzieher)- Kind; damit wird auch für das Kind das Lernen erschwert. Vom Vorbild, zu dem man einen guten emotionalen Kontakt hat, lernt man besser.