Unbewußtes

>Hier< zur "Eisbergtheorie"


Unbewußtes

 

(W.Toman)

 

1. Persönliches, kollektives, familiäres.

Persönliches Unbewußtes ist die Gesamtheit jener Erfahrungen und Erinnerungen an Situationen der Motivbefriedigung, die jeweils ab bestimmten Zeitpunkten in der Entwicklung der betreffenden Person nicht mehr oder nur bei nachfolgender Strafe zur Verfügung waren und daher verdrängt wurden. Es ist die Gesamtheit der Objektgegenbesetzungen (>Objektbeziehung<) eines Menschen zu einem gegebenen Zeitpunkt seiner Entwicklung, die Menge aller einmal verfügbar gewesenen, aber derzeit nicht mehr verfügbaren Gelegenheiten zur Motivbefriedigung. Diese Gesamtheit des Verdrängten (>Verdrängung<) kann entweder durch Psychotherapie oder Psychoanalyse direkt, indirekt durch beobachtbare Lücken oder Defizite im Wirklichkeitskonzept des betreffenden Menschen in Inhaltsstichproben abgeschätzt werden. Nach Toman (1960) wäre es bei gegebener Lebenszeit und gegebener Motivdifferenzierungsrate eines Menschen etwa als das Ausmaß definiert, um das der Wissensstand einer Person hinter dem optimalen Wissensstand zurückbleibt (psychische Energie).

 

2. Von klinisch- und sozial-psychologischer Bedeutung sind die Personenumgebungen. Die Erfahrungen mit Personen schlagen sich (nach S. Freud durch den Prozeß der >Objektbesetzung< allgemein-psychologisch durch Datenspeicherung und Bedeutungslernen) als Wissen nieder. Wissenslücken können Autoritätspersonen, altersnahe Personen des anderen Geschlechts, des gleichen Geschlechts, Kinder usw. betreffen. Einzelne dieser Typen von Personen können ausgespart, der akute Kontakt mit ihnen angstbeladen sein. Auch Teilaspekte von Personen, wie etwa ihre Fähigkeiten zur Kooperation, ihre sinnlichen Reize, ihre Gewissenhaftigkeit, ihre Macht, können ignoriert sein.


Durch Abwehrmechanismen wird unterbewußtes und vorbewußtes Erfahrungsmaterial unbewußt. (Vorbewußtes kann jederzeit und ohne inneren Widerstand aktiviert werden.) Die unbewußt gewordenen Motive können sich aber nach Freud im Verhalten oder in verkappter Form auch im >Bewußtsein< äußern. Im Traum, in der Phantasie, in psychischen Krankheitszuständen werden durch die verringerte Kontrolle des Individuums (durch die temporäre oder länger dauernde >Regression< und das Zurücktreten der Sekundärvorgänge zugunsten der >Primärvorgänge<) solche unbewußten Motive manifest. Ihre Deutung in der Psychotherapie soll dem Patienten, der die Träume oder Phantasien berichtet, helfen, diese unbewußten Motive bewußt zu machen und sie teils in der Wirklichkeit befriedigen zu lernen, teils Ersatzbefriedigungen für sie zu finden, wenn sie nicht mehr befriedigbar sind, oder auf sie erfolgreicher als bisher zu verzichten.


>Kollektives< >Unbewußtes< ist nach /Jung (1917) (zum Teil auch nach Freud) die Gesamtheit gewisser angeborener Reaktionsweisen auf typische Sachverhalte und Gegebenheiten, wie Gefahr, Unwetter, Tod, Behausung, Wald, Wasser usw., aber auch Personen, wie der alte Mann, das Kind, die Frau, der Mann, die Mutter, der Vater. Zwischen den konkreten Erfahrungsinhalten und den archetypisch (Urtypen mit "Urerfahrung" nach C.G.Jung) vorgegebenen Erwartungen können Diskrepanzen bestehen, die durch Psychoanalyse der aus dem kollektiven Unbewußten stammenden Präferenzen und Wünsche verminderbar sind. Analoga aus der vergleichenden >Verhaltensforschung< wären die Instinkthandlungen, die ohne Erfahrung durch gewisse Reizauslöseschemata aktiviert werden können. In der Psychotherapie und Psychoanalyse wird der Terminus manchmal wie ein deus ex machina verwendet und damit die weitere Analyse der Erfahrungskomponenten solcher angeblich archetypischer Reaktionsweisen unter Umständen verhindert.


3. Familiäres Unbewußtes ist die Gesamtheit jener unbewußten Wünsche und Tendenzen, die zumindest teilweise von den Eltern und anderen Familienangehörigen (durch >Identifikation< oder >Introjektion<) übernommen wurden. In der Regel handelt es sich um einen Teil des persönlichen Unbewußten, bes. um unbewußte Teile des >Über-Ich<.


Literatur:

Freud, S.: Traumdeutung (1900). Ges. Werke, Bd. 2/3;

ders.: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17). Ges. Werke, Bd. 11;

ders.: Das Ich und das Es (1923). Ges. Werke, Bd.13.London, 1940-1952,

Grof,S.: Topographie des Unbewußten. Stuttgart, 1978;

Jung, C. G.: Wandlungen und Symbole der Libido. Leipzig - Wien, 1912;

ders.: Die Psychol. der unbewußten Prozesse. Zürich, 1917;

Nuttin, J.: Psychoanalyse und Persönlichkeit. Freiburg, 1956;

Toman, W.: Introduction to psychoanalytic theory of motivation. London - New York, 1960;

ders.: Motivation, Persönlichkeit, Umwelt. Göttingen, 1968;
Wyss, D.: Die tiefenpsychol. Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Göttingen, *1977.


 

Eisbergtheorie:

 

Mit dem Eisbergmodell werden überwiegend in der Angewandten Psychologie, der Pädagogik und speziellen Betriebswirtschaftslehre Kommunikationsmodelle verdeutlicht, die auf der so genannten 80/20-Regel des Pareto-Prinzips basieren und sich (zum Teil im weiteren Sinn) auf die allgemeine Theorie der Persönlichkeit von Sigmund Freud (1856–1939) stützen. Das Eisbergmodell gehört zu den wesentlichen Säulen der Kommunikationstheorie, >hier< zur zwischenmenschlichen Kommunikation.

Die eigentliche Metapher wurde erstmals in den 1930ern von Ernest Hemingway als Beschreibung seines literarischen Stils bekannt. Es sei, so Hemingway, nicht erforderlich, dass ein Autor alle Details seiner Hauptfigur erzähle. Es genüge, wenn, wie bei einem Eisberg, ein Achtel über Wasser zu erkennen sei. (Siehe auch bei Floyd L. Ruch/Philip G. Zimbardo: Lehrbuch der Psychologie. Eine Einführung für Studenten der Psychologie, Medizin und Pädagogik, S. 366, Springer Berlin 1974 ISBN 978-3540098843)


 

Freud beobachtete seine Patienten und nahm an, dass menschliches Handeln in täglichen Situationen nur zu einem kleinen Anteil bewusst bestimmt wird. Dies widersprach der bisherigen Auffassung, nach der Verhalten nur auf bewusstes Denken und rationales Handeln zurückführen sei. Freud teilte hierzu die Psyche in seinem Strukturmodell der Psyche in drei Instanzen auf und vertrat die Auffassung, dass die bewussten Anteile des Ichs (Realitätsprinzip) lediglich darüber entscheide, welche Anteile des >Es<; (des Lustprinzips) und des >Über-Ich< (des Moralitätsprinzips) in der als wirklich erlebten Wahrnehmungswelt realisierbar seien. Somit weist er auf die überstarke Bedeutung des Unbewussten für das menschliche Handeln hin und ergänzt diese um die Bereiche der verborgenen Subjektivität (interner Artikel Persönlichkeit >hier<; extern zu Gefühle, Konflikte).

Freud, der die im Unbewussten liegenden Ängste, verdrängten Konflikte, traumatischen Erlebnisse, Triebe und Instinkte unterschiedlich stark verdrängt sah, war zudem der Auffassung, dass diese Prägungen von früheren Entwicklungsphasen abhängig seien und die nächste Entwicklungsphasen beeinträchtigte. Er nahm an, diese Vorgänge stünden unter dem Einfluss von Es und Über-Ich und seien nur kurzfristig bewusst, ehe sie wieder in das Unbewusste hinabsinken.

Noch einmal der Eisberg, etwas anders (wegen der Wichtigkeit)

Um diese Wahrnehmungen wieder bewusst zu machen, müssten die Zensur durch das Ich überwunden werden. Sogenannte Abwehrmechanismen (>hier<) müssten von dem Individuum verstanden werden, damit ein Einblick in die unbewussten Konflikte stattfinden kann. Dieser Vorgang sei entscheidend von der Dynamik der vielschichtigen Instanzen in der Psyche abhängig. Im Allgemeinen gelänge es dem gesunden Ich jedoch, im prinzipiellen Kampf zwischen Es und Über-Ich eine Schiedsrichterrolle zu übernehmen und bei einem auftretenden Konflikt einen Kompromiss auszuhandeln, der nicht selten zu der Ausprägung eines Symptoms führt. Zugleich hänge es jedoch von den Erfahrungen des Einzelnen ab, welche Dynamik sich im Rahmen dieser Beeinflussung entfalte. Schon in einem früheren Modell der Psyche, in dem er in Bewusste, Vorbewusste und Unbewussten Inhalte unterschied, spiegelt sich dieses Denken wieder (>hier< zu den Vorurteilen). Freud unterscheidet die Persönlichkeitsbereiche nicht in ihrer Funktion, sondern in ihrer Möglichkeit, dem Individuum bewusst zu werden. Der größte Teil der Inhalte der Psyche ist dabei im vorbewussten und im unbewussten verankert. Nur ein geringer Teil der Inhalte ist dem Menschen gleichzeitig bewusst. Das Eisbergmodell dient als veranschaulichende Analogie für die Verhältnisse.

Es ist nicht eindeutig geklärt, wer diesem Schichtungsmodell Freuds als erstes das Bild eines Eisberges zugeschrieben hat. Allerdings wurde später von verschiedenen Autoren seinem Begriff des sogenannten Ich, also den bewussten Bereichen der Persönlichkeit der kleinere, sichtbare Teil eines fiktiven Eisberges über der Wasseroberfläche zugewiesen und den unbewussten Bereichen, also dem, was Freud Es und Über-Ich nannte, der größere, unter Wasser verborgene Anteil (auch: Floyd L. Ruch/Philip G. Zimbardo 1974. S. 367).

Zu erwähnen sei noch in diesem Zusammenhang das Johari-Fenster, ein Fenster bewusster und unbewusster Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale zwischen einem Selbst und anderen oder einer Gruppe. Entwickelt wurde es 1955 von den amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham. Die Vornamen dieser beiden wurden für die Namensgebung herangezogen. Mit Hilfe des Johari-Fensters wird vor allem der so genannte „blinde Fleck“ im Selbstbild eines Menschen illustriert.

Es spielt in der gruppendynamischen Arbeit seit den 1960/70er Jahren eine bedeutsame Rolle zur Demonstration der Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung (so gut wie jeder sich selbst anders sieht als er von der Außenwelt und seinen Mitmenschen wahrgenommen wird - >hier < "Fehler bei der Wahrnehmung"). und gehört zum Standardrepertoire gruppendynamischer Modelle und Verfahren. Systematisch gehört es zur differentiellen und Persönlichkeitspsychologie, zu den Abwehrmechanismen >hier<, zur Sozialpsychologie (>hier<) und zur Gruppendynamik >hier<.

Kommentar:  Nach dem Oben dargelegten, scheint es den meisten Mitmenschen nicht zu gelingen, aus dem "wässrigen" Bereich des Eisberges auftauchen zu können. Da sind die Traditionen, die gesellschaftlichen Einbindungen, die kulturellen Festlegungen, die eintrainierten "moralischen" Werte (>hier< zum Unterschied von "Moral" und "Ethik" - moralisch sind die immer noch weitverbreiteten "Ehrenmorde" und der bewaffnete "Kampf für Führer, Volk und Vaterland" im Nazi-Regime; ethisch sind die Menschenrechtskonventionen, das Deutsche Grundgesetz, die vom Weltparlamentes der Religionen ausgearbeiteten Richtlinien)


Walter Rath, 6. August 2011