Schizophrene Psychosen
Der Begriff Psychose wird oft unkorrekt mit
Schizophrenie gleichgesetzt. So wenig die Ursache dieser
Störungen bis heute bekannt ist, so heftig wurde in der
Vergangenheit kontrovers diskutiert, ob es sich um eine
organisch ausgelöste, zum Beispiel genetisch bedingte Krankheit
handelt, oder aber um eine auf Probleme zurückzuführende
Störung, deren Wurzeln schon in frühester Kindheit zu suchen
seien. Aktuell wird üblicherweise davon ausgegangen, dass bei
bestehender Anfälligkeit psychodynamische Stressfaktoren
(familiäre oder sonstige zwischenmenschliche Probleme,
Trennungen, Verlust) zum Ausbruch der Krankheit führen können.
Auch bei diesem "Vulnerabilitäts-Stress-Modell" handelt es sich
lediglich um eine Arbeitshypothese, die aber beim gegenwärtigen
Wissensstand brauchbar erscheint. Eine Sondergruppe bilden
drogeninduzierte Psychosen, die über den Wegfall der
ursprünglich auslösenden Drogen hinweg andauern und vom
Erscheinungsbild eher den schizophrenen als den organischen
Psychosen entsprechen.
Symptome:
Wahnvorstellungen,
Halluzinationen (üblicherweise akustische Halluzinationen in
Form von miteinander sprechenden, Befehle erteilenden,
schimpfenden oder die Handlungen des Erkrankten kommentierenden
Stimmen, seltener Körperhalluzinationen (die auch als "leibnahe"
oder "coenästhetische" Halluzinationen bezeichnet
werden, die als von außen kommend, von jemandem hervorgerufen,
erlebt werden) oder
Geschmacks-/Geruchshalluzinationen ("olfaktorische
Halluzinationen").
Ich-Störungen bezeichnen eine Gruppe von Symptomen, die mit
einem Verlust der Ich-Grenzen einhergehen. Beispielsweise ist
der Kranke davon überzeugt, dass eigene Gedanken laut werden und
von anderen gehört werden können, oder er vertritt die
Vorstellung, fremde Gedanken lesen zu können. Häufig werden
zufällige Ereignisse, zum Beispiel bedeutungslose Gesten
zufällig getroffener Personen oder normale Radiomeldungen mit
einer Bedeutung für die eigene Person versehen. In diesen Gesten
und Meldungen werden dann zum Beispiel verschlüsselte
Botschaften gesehen (zum Beispiel von Geheimdiensten), durch die
einem etwas mitgeteilt werden soll. Man bezeichnet sie als
Wahnwahrnehmungen. Der
Wahn
selbst ist durch eine objektive Falschheit, die subjektive
Gewissheit und die Unverrückbarkeit gekennzeichnet. Das heißt,
der Kranke ist keinerlei Argumenten zugänglich und wird unter
keinen Umständen von seiner Vorstellungswelt abrücken, und sei
sie von außen betrachtet auch noch so offensichtlich falsch (verrückte
Sicht der Welt). Viele Betroffene halten sich für "Auserwählte",
im positiven wie im negativen Sinne, je nach Art der Stimmen
oder Botschaften, so dass es für sie schlüssig ist, dass nur sie
die Stimmen bzw. Botschaften hören können.
Eine Systematik erfolgte durch
Kurt Schneider, der das Vorhandensein mehrerer der genannten
Symptome forderte, um von einer Schizophrenie sprechen zu
können, wobei er Symptome ersten und zweiten Ranges unterschied,
von denen jeweils eine unterschiedliche Zahl vorhanden sein
musste. Heutige Diagnosemanuale (DSM-IV
- in den angelsächsischen Ländern gebräuchlich - oder
ICD-10 von der
WHO) gehen ähnlich vor. Von der geschilderten Symptomatik,
die oft als produktive oder positive Symptomatik bezeichnet
wird, werden
Negativsymptome unterschieden, die sich in Antriebs- und
Kommunikationsarmut und teilweise kognitiven Defiziten äußern.
Negativsymptome schließen sich häufig an eine akute psychotische
Phase an und sind schlechter behandelbar als produktive
Symptome.
Häufigkeit: Weltweit erleiden rund 1 % der Menschen
eine Psychose. Dabei scheint es zwischen verschiedenen Kulturen
keine oder nur geringe Unterschiede in der Häufigkeit zu geben.
Die Ausformung der Symptome scheint dagegen häufig durch äußere
Faktoren beeinflusst. Schizophrene (und möglicherweise auch
andere psychische) Störungen in der Familie steigern die
Wahrscheinlichkeit, selber eine schizophrene Psychose zu
erleiden. Wenn ein
Zwilling betroffen ist, beträgt die Wahrscheinlichkeit der
Erkrankung ca. 50 Prozent.
Verlauf: In rund 25 % bleibt es bei einer einmaligen
psychotischen Episode. In allen anderen Fällen tendieren
Psychosen ohne Behandlung zu einem phasischen Verlauf mit
wiederkehrenden erneuten Ausbrüchen oder zu einer dauerhaften
Störung.
Behandlung: Medikamentös stehen
Neuroleptika zur Verfügung (zum Beispiel Haloperidol,
Clozapin, Olanzapin,Risperidon), zur Behandlung von akuten
Ängsten eventuell auch Benzodiazepine, deren Anwendung wegen der
Suchtgefahr jedoch auf kurze Zeit, möglichst unter stationären
Behandlungsbedingungen beschränkt sein sollte. Außerhalb akuter
Phasen können dauerhaft gegebene Neuroleptika erneute Phasen
verhindern. Die moderne
Psychiatrie geht davon aus, dass neben der medikamentösen
Behandlung
soziotherapeutische Maßnahmen (Erhaltung des Arbeitsplatzes,
beschützter Arbeitsplatz,
betreutes Wohnen usw.),
ergotherapeutische (Arbeitstherapie und Beschäftigungstherapie) Maßnahmen (Aufbau von im Rahmen der
Erkrankung verlorengegangenen Arbeitsfähigkeiten, Aufbau von
Tagesstruktur, Durchführung einer Belastungserprobung) und
Psychotherapie erforderlich sind. Bei falsch angewandten
psychotherapeutischen Vorgehensweisen ist eine Labilisierung
nicht auszuschließen. Bei nicht-akuten Krankheitsbildern (in
Remission oder Restitution) bieten sich bei zwischenmenschlichen
und sozialen Schwierigkeiten (z.B. im Beruf) ergänzend zu der
ambulanten nervenfachärztlichen Einbindung
Rehabilitationsmaßnahmen in psychosomatischen Kliniken an, die
spezielle Angebote (Psychoseedukation,
Berufsbelastungserprobung) für Psychoseerkrankte
Psychosenrehabilitation führen.
Aufgrund von bildgebenden Untersuchungsmethoden, die auf
hirnorganische, eventuell bleibende Veränderungen hinzuweisen
scheinen, die mit einer Psychose aus dem schizophrenen
Formenkreis einhergehen, gibt es im Moment Überlegungen, eine
Psychosegefährdung bereits vor dem eigentlichen Auftreten zu
erkennen und entsprechend zu behandeln, um die möglichen
hirnorganischen Veränderungen zu verhindern.
Affektive Psychosen
Hier geht es um Störungen der Stimmung entweder in Form einer
Hochstimmung (Manie),
einer
Depression oder aber eines ständigen Wechsels zwischen
beiden (bipolare
Störung). Bei den Depressionen zählen nur die schweren
Depressionen zu den psychotischen Störungen. Dies entspricht und
hat seinen Grund in dem heute weitgehend verlassenen Begriff der
endogenen Depression (in Abgrenzung zu leichter
verlaufenden, lebensgeschichtlich begründbaren, neurotischen
Depressionen und zu reaktiven, auf aktuelle Ereignisse folgenden
Depressionen).
Im angelsächsischen Raum wird bei der affektiven Psychose von
„major depression“ gesprochen. Dieser Begriff ignoriert die dem
Begriff „endogen“ zugrunde liegende Annahme einer organischen
Ursache und beschränkt sich auf die Beschreibung des
Schweregrades. Beide Bezeichnungen werden, wie auch die Trennung
in psychotische und neurotische Depressionen, dem Umstand nicht
gerecht, dass sich in der Praxis ein fließender Übergang von
leichten zu schweren Depressionen beobachten lässt. Eine klarere
Abgrenzung gelingt bei Manien und beim Wechsel zwischen Manien
und Depressionen.
Symptome einer Depression sind die Unfähigkeit,
Gefühle wahrzunehmen (nicht nur Freude, auch Traurigkeit oder
Wut werden nicht mehr empfunden), Antriebsarmut bis hin zu
völligen Lähmung jeglicher Aktivitäten und bei den hier
beschriebenen schweren Depressionen auch Wahngedanken (zum
Beispiel Verarmungswahn). Bei Manien zeigen sich dagegen
Größenideen, die bis ins Wahnhafte reichen, Hyperaktivität,
Ideenflut, ein Redefluss, völlige Überschätzung der eigenen
Möglichkeiten, zum Beispiel Kaufrausch, der gelegentlich massive
Schulden hinterlassen kann usw., teilweise auch Streitsucht und
schamloses Verhalten.
Behandlung: Akute Manien werden medikamentös mit
Neuroleptika (s.o.) behandelt. Eine Phasenprophylaxe lässt sich
mit einer
Lithiumtherapie und bestimmten Antiepileptika erreichen,
eventuell auch mit manchen neueren atypischen Neuroleptika.
Gegen Depressionen können
Antidepressiva (herkömmlich zum Beispiel
Amitryptilin, moderner zum Beispiel
Citalopram) eingesetzt werden. Daneben sollte aber in jedem
Falle eine
Psychotherapie stattfinden (zum Beispiel tiefenpsychologisch
oder verhaltenstherapeutisch). Gegebenenfalls sind bei Manien
und schweren Depressionen die gleichen soziotherapeutischen
Maßnahmen angebracht, wie bei schizophrenen Psychosen.
Kontrovers diskutiert und neuerdings wieder vermehrt angewandt
wird die
Elektrokrampftherapie bei schweren Depressionen.
Sogenannte „frühkindliche
Psychose“
Die früher gebräuchlichen Bezeichnungen frühkindliche
Psychose und Kinderschizophrenie gelten inzwischen
als veraltet. Auch die früher verwendete Bezeichnung
„autistische
(extreme Selbstbezogenheit)
Psychopathie“ für das
Asperger-Syndrom ist weitestgehend abgeschafft.
Heutzutage werden die
autistischen Störungen in der
ICD-10-Klassifikation unter die
Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (ICD-10 F84)
gezählt.
Zur Klassifikation autistischer Störungen in der ICD-10:
Diagnostische Leitlinien bzw. Kriterien für den
frühkindlichen Autismus nach ICD-10 und DSM-IV (gekürzt und
sinngemäß):
| ICD-10 |
DSM-IV |
| 1. qualitative Beeinträchtigungen
wechselseitiger sozialer Aktionen (z.B. unangemessene
Einschätzung sozialer und emotionaler Signale; geringer
Gebrauch sozialer Signale) |
1. qualitative Beeinträchtigung der sozialen
Interaktion (z.B. bei nonverbalen Verhaltensweisen wie
Blickkontakt, etc.; Beziehungsaufnahme zu
Gleichaltrigen; Ausdruck von Gefühlen) |
| 2. qualitative Beeinträchtigungen der
Kommunikation (z.B. Fehlen eines sozialen Gebrauchs
sprachlicher Fertigkeiten; Mangel an emotionaler
Resonanz auf verbale und nonverbale Annäherungen durch
andere Menschen; Veränderungen der Sprachmelodie) |
2. qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation
(z.B. verzögerte oder ausbleibende Sprachentwicklung;
stereotyper oder repetitiver Gebrauch der Sprache;
Fehlen von entwicklungs-gemäßen Rollen- und
Imitationsspielen) |
| 3. eingeschränkte Interessen und
stereotype Verhaltensmuster (z.B. starre Routine
hinsichtlich alltäglicher Beschäftigungen; Widerstand
gegen Veränderungen) |
3. beschränkte, repetitive und stereotype
Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten |
| 4. unspezifische Probleme wie
Befürchtungen, Phobien, Schlaf- und Essstörungen,
Wutausbrüche, Aggressionen, Selbstverletzungen |
4. Beginn vor dem 3. Lebensjahr und Verzögerungen
oder abnorme Funktionsfähigkeit |
| 5. Manifestation vor dem 3. Lebensjahr |
|
nach Remschmidt H., Autismus. In:
Herpertz-Dahlmann B., Resch F., Schulte- Markwort M., Warnke A.
(Hrsg.): Entwicklungspsychiatrie. 2. Auflage 2008, Schattauer-
Verlag Stuttgart, S. 601.
Die eigentlichen Ursachen für autistische Störungen sind nach
wie vor unbekannt. Eine Theorie besagt, dass Autisten unter
Reizüberflutung leiden und sich dagegen schützen und
abschotten müssen. Andere Theorien gehen von Problemen mit
der
Aufmerksamkeit bzw. mit mangelndem
sozialem Verständnis aus (Monotropismus-Theorie bzw.
Theorie of mind). Auch über einen
Gehirnschaden als Ursache für autistische Störungen wird
diskutiert. Eine
genetische
Veranlagung bzw. eine Häufung autistischer Störungen in
manchen Familien wird vermutet. Auf jeden Fall sind autistische
Störungen nicht die Folge falscher
Erziehung oder
Pflege (CITATION
NEEDED) (siehe dazu unter
Autismus und
Kühlschrankmutter).
Differenzialdiagnosen
Abzugrenzen sind Psychosen einerseits von
geistigen Behinderungen: Psychosen sind psychische
(seelische) Störungen und bedeuten keine
Intelligenzminderung. Andererseits sind von den Psychosen zu
unterscheiden:
>Neurosen< (Zwanghafte
Störungen,
Angststörungen, leichtere
Depressionen),
Persönlichkeitsstörungen,
Borderlinestörungen und
Suchterkrankungen.
Es wird auch bezweifelt, ob ein akut-schizophrener
psychotischer Zustand ausreichend von der
mystischen Erfahrung gesunder Menschen zu unterscheiden ist.
Phänomenologisch betrachtet, besteht laut R. Mundhenk (s.
Lit.) der einzige Unterschied lediglich darin, dass ein Mystiker
sich im Nachhinein mit seiner Erfahrung in seiner
Glaubenstradition eingebettet weiß, während ein "Psychotiker"
mit derselben Erfahrung einsam und unverstanden bleibt, von
seiner Umgebung stigmatisiert und ausgegrenzt wird und letztlich
daher in eigene weltfremde Ideologien flüchtet. Um eine
Chronifizierung zu vermeiden, sei daher in der Akutphase vor
allem viel menschliche Wärme notwendig (s.
Soteria,
Antipsychiatrie).
Paranoia
Eine Paranoia kann als Folge von anderen
somatischen,
neurologischen und/oder
psychiatrischen Erkrankungen auftreten.
Beispiele sind:
Hauptmerkmale der paranoiden
Persönlichkeitsstörung sind ein durchgängiges
Misstrauen, das die betroffene Person dazu
veranlasst, neutrale oder freundliche Handlungen
anderer als feindselig falsch zu interpretieren.
Es besteht eine Neigung zu übermäßiger
Empfindlichkeit, die durch Rechthaberei und
Streitsucht kompensiert wird. Daher sind
Betroffene oftmals sehr verschlossen, weil sie
befürchten, infiltriert zu werden oder dass
preisgegebene Informationen gegen sie verwendet
werden. Sie haben dabei das Gefühl, hintergangen
oder ausgenutzt zu werden. Eine überhöhte
Wachsamkeit ist keine Seltenheit. Auch
nahestehende Personen oder Familienangehörige
werden verdächtigt und deren Treue immer wieder
in Frage gestellt.
Menschen mit paranoider
Persönlichkeitsstruktur neigen zu überhöhtem
Selbstwertgefühl und übertriebener
Selbstbezogenheit. Aus tiefenpsychologischer
Sicht besteht bei Personen mit paranoider
Persönlichkeitsstörung die Neigung, eigene
Aggressionen auf Mitmenschen zu übertragen und
dann dort als Feindseligkeit wahrzunehmen und zu
bekämpfen (Projektion).
Von ihren Mitmenschen werden Betroffene als
scharfsinnige Beobachter beschrieben, als
energisch und ehrgeizig. Da sie jedoch andere
häufig anklagen, werden sie oftmals ausgegrenzt.
Die Ausgrenzung geht meist mit zunehmender
Fantasietätigkeit der Betroffenen einher. Auf
längere Sicht haben paranoide Persönlichkeiten
wegen ihrer geringen Vertrauensbereitschaft und
wegen ihres kompromisslosen Vorgehens zunehmende
Schwierigkeiten, tiefe zwischenmenschliche
Beziehungen aufzubauen und einen geeigneten
Beruf zu finden. Ihr sonderlinghaftes Wesen
trägt dazu bei. Ihr halsstarriges Verhalten,
kombiniert mit ihrem Scharfsinn kann von Vorteil
sein, doch hiermit bleiben ihnen hohe Positionen
oftmals verwehrt.
Diese Störung geht fast immer mit
persönlichen und sozialen Beeinträchtigungen
einher, fällt meist schon in Kindheit und Jugend
auf und besteht im Erwachsenenalter weiter.
Ursächlich werden zum Teil Vererbungsfaktoren
genannt, aber auch ungünstige Milieueinflüsse in
der frühen Jugend sollen eine Rolle spielen.
Korrelation mit
anderen Störungen
Weniger als ein Viertel der paranoiden
Persönlichkeiten lassen sich ohne weitere
Störungen finden. Die höchsten Kodiagnosen
lassen sich mit der
schizotypischen Persönlichkeitsstörung
finden. Die häufigsten
Gleichzeitigkeitsdiagnosen sind die mit der
narzisstischen,
selbstunsicheren,
Borderline und
passiv-aggressiven Persönlichkeitsstörung.
Es bleibt aber anzumerken, dass es wenig
Forschungsarbeiten zu diesem Thema und vor allem
keine empirischen Untersuchungen gibt.