Der Ödipuskomplex
Aus:
Charles Brenner "Grundzüge der Psychoanalyse", S. Fischer-Verlag, ISBN 3 10 107901 2
»Die wichtigsten Objektbeziehungen der phallischen Phase sind die, die als Ödipuskomplex zusammengefaßt werden. Ja, die Lebensperiode zwischen ungefähr zweieinhalb und sechs Jahren wird ebensooft ödipale Phase oder Periode wie phallische Stufe oder Phase genannt. Die Objektbeziehungen, die den Odipuskomplex bilden, sind sowohl für die normale wie für die pathologische psychische Entwicklung von größter Bedeutung. Freud sah in der Tat die Ereignisse dieser Lebensphase als die entscheidenden an [Freud, 1924a], und obschon wir heute wissen, daß noch früher liegende Ereignisse für manche Menschen von entscheidender Bedeutung sein können, so daß die Ereignisse der ödipalen Periode für ihr Leben weniger wichtig sind als die der vorödipalen oder präphallischen Periode, so erscheint es doch immer noch wahrscheinlich, daß die Ereignisse der ödipalen Periode für die meisten Menschen von fundamentaler und für fast alle zumindest von sehr großer Bedeutung sind.
Unser Wissen über den Odipuskomplex hat sich auf folgende Weise entwickelt.
Freud entdeckte ziemlich früh, daß es im unbewußten psychischen Leben seiner
neurotischen Patienten regelmäßig Inzestphantasien mit Bezug auf den Elternteil
des anderen Geschlechtes gab, verbunden mit Eifersucht und mörderischer Wut
gegen den Elternteil des gleichen Geschlechts. Wegen der Analogie zwischen
diesen Phantasien und der griechischen Legende von Ödipus, der, ohne es zu
wissen, seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete, nannte Freud diese
Konstellation den Odipuskomplex [Freud, 1900]. Im Lauf der ersten zehn oder
fünfzehn Jahre unseres Jahrhunderts stellte sich heraus, daß der Ödipuskomplex
kein ausschließliches Merkmal des unbewußten psychischen Lebens von Neurotikern
ist, sondern im Gegenteil auch bei normalen Personen vorhanden ist. Die Existenz
solcher Wünsche und die durch sie hervorgerufenen Konflikte sind in Wirklichkeit
eine Erfahrung, die allen Menschen gemein ist. Es ist zwar richtig, wie viele
Anthropologen dargelegt haben, daß Kulturen, die von der unseren verschieden
sind, auch entsprechende Unterschiede im psychischen Leben und in den Konflikten
der Kindheit aufweisen, aber die besten uns heute zur Verfügung stehenden
Zeugnisse sprechen dafür, daß in jeder uns bekannten Kultur inzestuöse und
elternmörderische Impulse und damit zusammenhängende Konflikte existieren (Röheim,
1950).
Zu der Erkenntnis, daß der Odipuskomplex universell ist, kam hinzu, daß in den
ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts auch unser Wissen von den
ödipalen Wünschen selbst zunahm. Man erkannte, daß zu diesen auch die inversen
oder negativen ödipalen Wünsche, wie sie zuerst genannt wurden, zu rechnen sind.
Damit ist gemeint: Inzestphantasien mit Bezug auf den Elternteil des gleichen
Geschlechts und Todeswünsche gegenüber dem Elternteil des andern Geschlechts.
Diese Konstellation von Phantasien und Emotionen wurde ihrerseits zuerst für
eine Ausnahme gehalten, man erkannte jedoch im Laufe der Zeit, daß auch sie eine
Regelerscheinung ist.
Dies ist also, in gedrängtester Form, ein Gesamtbild dessen, was wir den
Ödipuskomplex nennen. Er umfaßt eine Doppeleinstellung gegenüber beiden Eltern:
im Falle des Knaben auf der einen Seite den Wunsch, den aus Eifersucht gehaßten
Vater auszuschalten und in einer sinnlichen Beziehung zur Mutter seinen Platz
einzunehmen, auf der anderen Seite den Wunsch, die aus Eifersucht gehaßte Mutter
auszuschalten und ihren Platz beim Vater einzunehmen.
Wir wollen versuchen, dieser äußerst komprimierten Formulierung dadurch mehr
realen Gehalt zu geben, daß wir die typische Entwicklung des Ödipuskomplexes in
schematischer Weise nach zeichnen. Bevor wir jedoch damit beginnen, ein
warnender Hinweis: Der wichtigste Einzelfaktor, den wir bezüglich des Ödipus
komplexes im Auge behalten müssen, ist die Stärke und Gewalt der damit
verknüpften Gefühle. Es ist ein wirkliches Liebesabenteuer. Für viele Menschen
ist es das heftigste Abenteuer ihres ganzen Lebens; in jedem Fall steht es an
Intensität keinem anderen Erlebnis nach, das einem Menschen je widerfährt. Die
folgende Beschreibung kann auch nicht entfernt das vermitteln, was dem Leser
stets gegenwärtig sein muß, wenn er die Beschreibung liest: die Intensität
dieses Sturmes von Leidenschaften, von Liebe und Haß, von Sehnsucht und
Eifersucht, von Wut und Furcht, - dieses Gewitters, das in dem Kinde tobt. Davon
sprechen wir bei unserem Versuch, den Ödipuskomplex darzustellen.
Zu Beginn der ödipalen Periode ist gewöhnlich die stärkste Objektbeziehung, die das kleine Kind - ob Junge oder Mädchen - hat, die zu seiner Mutter. Damit meinen wir, daß die psychischen Repräsentanten der Mutter stärker besetzt sind als alle anderen, ausgenommen die des eigenen Selbst des Kindes, insbesondere seines Körpers. Wie wir später sehen werden, ist das eine wichtige Ausnahme. Der erste deutliche Schritt in die ödipale Phase ist also, soweit wir wissen, für beide Geschlechter der gleiche; er besteht aus einer Ausdehnung der bereits bestehenden Beziehung zur Mutter, die in der Weise ausgeweitet wird, daß auch die Befriedigung der erwachenden genitalen Triebwünsche des Kindes darin einbegriffen wird. Gleichzeitig entwickelt sich ein Verlangen nach ihrer ausschließlichen Liebe und Bewunderung, das vermutlich mit dem Wunsch verknüpft ist, erwachsen zu sein und >Papa zu sein< oder mit der Mutter >das zu tun, was Papa tut<. Natürlich kann das Kind in diesem Alter nicht klar erfassen, was das ist, was Papa tut. Auf Grund seiner eigenen physischen Reaktionen muß es jedoch - unabhängig davon, ob es Gelegenheit hatte, seine Eltern zu beobachten - diese Wünsche in Zusammenhang bringen mit erregenden Empfindungen in seinen Genitalien und wenn es sich um einen Knaben handelt, mit der Empfindung und dem Phänomen der Erektion. Wie Freud in seiner Arbeit mit neurotischen Patienten sehr früh entdeckte, können im Kind eine oder mehrere verschiedene Phantasien über die sexuellen Betätigungen seiner Eltern entstehen, die es mit der Mutter wiederholen möchte. Zum Beispiel kommt das Kind möglicherweise zu dem Schluß, daß sie miteinander auf die Toilette gehen, oder daß sie gegenseitig ihre Genitalien betrachten, oder sie in den Mund nehmen, oder sie im Bett gegenseitig betasten. Die Mutmaßungen oder Phantasien des Kindes hängen, wie man sieht, im allgemeinen mit den lustbereitenden Erfahrungen des Kindes mit Erwachsenen zusammen, mit denen es bereits zu Beginn der ödipalen Phase vertraut war, oder aber mit seinen eigenen autoerotischen Betätigungen. Es kann weiter nicht zweifelhaft sein, daß im Lauf der Monate und Jahre die Sexualphantasien des Kindes mit seiner Erfahrung und mit seinem Wissen zunehmen. Ergänzend müssen wir noch anführen, daß der Wunsch, der Mutter Kinder_ zu schenken, wie das der Väter tat, zu den besonders wichtigen ödipalen Wünschen gehört, und daß die Sexualtheorien dieser Periode sich sehr stark um das Problem drehen, wie das geschieht, sowie darum, wie die Babys herauskommen, wenn sie gemacht sind.
Hand in Hand mit dem sexuellen Begehren der Mutter und dem Verlangen, ihr
ausschließliches Liebesobjekt zu sein, gehen Wünsche nach der Vernichtung oder
dem Verschwinden aller Rivalen, die im allgemeinen Vater und Geschwister sind.
Die Geschwisterrivalität hat zugegebenermaßen mehr als nur eine Ursache, aber
die hauptsächlichste ist sicherlich das Verlangen nach dem ausschließlichen
Besitz des Vaters oder der Mutter.
Diese eifersüchtigen, mordgierigen Wünsche erzeugen aus zwei Gründen schwere
Konflikte im Kind. Der erste dieser Gründe ist offensichtlich die Furcht vor
Vergeltung, insbesondere von seiten der Eltern, die in diesem Alter dem Kind
wirklich allmächtig zu sein scheinen. Der zweite Grund ist, daß diese Wünsche im
Konflikt mit Gefühlen der Liebe und Bewunderung stehen, oft genug auch mit
Gefühlen der Sehnsucht und der Abhängigkeit, sowohl gegenüber Vater oder Mutter
als auch gegenüber dem älteren Bruder oder der älteren Schwester -, ferner mit
der Furcht vor der elterlichen Mißbilligung des Wunsches, ein jüngeres
Geschwisterchen zu vernichten. Mit andern Worten, das Kind fürchtet Vergeltung
und Liebesverlust als Folgen seiner aus Eifersucht geborenen Wünsche.
Von diesem Gesichtspunkt aus ist es zweckmäßig, wenn wir die Evolution des Ödipuskomplexes beim Mädchen und beim Knaben getrennt betrachten. Wir beginnen mit letzterem.
Die Erfahrung aus der Analyse vieler Erwachsener und Kinder sowie das
Beweismaterial aus der Anthropologie, aus religiösen Mythen und Volksmythen, aus
den Schöpfungen der Kunst und aus verschiedenen anderen Quellen hat gezeigt, daß
die Vergeltung, die der kleine Junge als Folge der ödipalen Wünsche gegenüber
seiner Mutter befürchtet, der Verlust des eigenen Penis ist. Das ist es, was in
der psychoanalytischen Literatur mit dem Begriff Kastration gemeint ist. Das
Beweismaterial, aus dem sich ergibt, warum gerade der Junge davor Furcht hat,
ist von verschiedenen Autoren verschieden dargestellt und formuliert worden, und
wir brauchen uns an dieser Stelle damit nicht zu befassen. Für unsere Zwecke
genügt es zu wissen, daß es so ist.
Die Beobachtung des Knaben, daß es in der Tat wirkliche Menschen gibt, die keinen Penis haben, nämlich Mädchen oder Frauen, überzeugt ihn davon, daß seine eigene Kastration eine echte Möglichkeit ist, und die Furcht, sein Sexualorgan zu verlieren, das für ihn einen hohen Wert darstellt, löst einen heftigen Konflikt hinsichtlich seiner ödipalen Wünsche aus. Dieser Konflikt führt letzten Endes zur Verwerfung der ödipalen Wünsche. Zum Teil werden sie aufgegeben, zum Teil werden sie verdrängt, d. h. in die unzugänglichen Winkel des Unbewußten verbannt.
Die Situation wird dadurch kompliziert, daß in dem kleinen Jungen ein eifersüchtiger Zorn gegen seine Mutter entfacht wird, weil sie seinen Wunsch nach ausschließlichem Besitz ihrer Liebkosungen und ihres Körpers ablehnt, und veil dadurch der Wunsch entsteht oder verstärkt wird, sie loszuwerden (sie zu töten) und statt ihrer vom Vater geliebt zu werden. Da auch das Kastrationsangst auslöst, sobald er gelernt hat, daß Frau sein heißt, ohne Penis sein, müssen auch diese Wünsche letzten Endes verdrängt werden.
Wir sehen also, daß die maskulinen wie die femininen Wünsche der ödipalen Periode Kastrationsangst erwecken, und da der kleine Junge weder physisch noch sexuell reif ist, kann er die durch seine Wünsche erzeugten Konflikte nur dadurch lösen, daß er entweder die Wünsche aufgibt oder sie durch verschiedene Abwehrmechanismen und andere Abwehroperationen des Ichs in Schach hält.
Im Falle des kleinen Mädchens ist die Situation etwas komplizierter. Ihr Wunsch,
bei der Mutter den Mann zu spielen, scheitert nicht an der Kastrationsangst, da
sie ja keinen Penis hat, von allem andern abgesehen. Er kommt infolge der
Erkenntnis zu Fall, daß ihr dafür die körperliche Beschaffenheit fehlt -, eine
Erkenntnis, die intensive Gefühle der Scham, der Inferiorität, der Eifersucht
(Penis-Neid) im Gefolge hat, sowie Zorn gegen die Mutter, die es zugelassen hat,
daß sie ohne Penis geboren wurde. In ihrer Wut und Verzweiflung wendet sie sich
normalerweise dem Vater als ihrem Hauptobjekt der Liebe zu und hofft, bei ihm
die Stelle der Mutter einzunehmen. Wenn auch diese Wünsche enttäuscht werden,
kehrt das kleine Mädchen vielleicht zu ihrer früheren Bindung an die Mutter
zurück und bleibt unter Umständen ihr ganzes Leben hindurch in ihrem
psychosexuellen Verhalten dem Wunsch verhaftet, einen Penis zu haben und ein
Mann zu sein. Im normaleren Verlauf jedoch wird das kleine Mädchen, nachdem sein
Wunsch, das einzige sexuelle Objekt des Vaters zu sein, abgewiesen wurde,
gezwungen sein, zu verzichten und seine ödipalen Wünsche zu verdrängen. Der
Kastrationsangst, die für das Schicksal der ödipalen Wünsche des kleinen Jungen
eine so ungeheuer mächtige Determinante darstellt, entspricht beim kleinen
Mädchen einmal die Kränkung und Eifersucht, die als Penisneid bezeichnet
werden, zum zweiten die Furcht vor einer genitalen Verletzung, die auf den
Wunsch folgt, von ihrem Vater besessen und befruchtet zu werden.
Der Leser wird verstehen, daß auch diese sehr stark komprimierte Darstellung der
Hauptzüge des Ödipuskomplexes in hohem Maße schematisch ist. In Wirklichkeit ist
das psychische Geschehen in jedem Kind während dieser Periode jeweils
einzigartig und wird entscheidend durch die Erfahrungen der ersten beiden
Lebensjahre beeinflußt, die der ödipalen Periode vorangingen, sowie durch die
Ereignisse der ödipalen Periode selbst. Man kann sich zum Beispiel vorstellen,
was für enorme Folgen sich aus der Krankheit, der Abwesenheit oder dem Tod eines
Elternteils oder eines Bruders oder einer Schwester ergeben würden, oder daraus,
daß ein neues Geschwisterchen geboren wird, oder aus der Beobachtung des
Verkehrs zwischen den Eltern oder zwischen anderen Erwachsenen, oder aus der
sexuellen Verführung des Kindes durch einen Erwachsenen oder durch ein älteres
Kind -, falls eines dieser Ereignisse während der ödipalen Periode eintreten
sollte.
Wir glauben ferner, daß außer diesen Umweltfaktoren wahrscheinlich auch die konstitutionellen Fähigkeiten und Anlagen der Kinder in dieser Hinsicht variieren. Freud [1937] erwähnte die Unterschiede der Triebanlage, die zum Beispiel in der Tendenz zur Bisexualität vorkommen können, d. h. in der Prädisposition zum Femininen beim Knaben, zum Maskulinen beim Mädchen. Er nahm als gegeben an - und die meisten Analytiker sind der gleichen Meinung -, daß ein gewisses Maß von Bisexualität in der psychischen Sphäre normalerweise bei jedem Menschen vorhanden ist. Das ist eine logische Folge der Tatsache, daß der Ödipuskomplex normalerweise Phantasien der sexuellen Vereinigung mit beiden Eltern einschließt. Es ist jedoch klar, daß Unterschiede in der relativen Stärke der maskulinen und der femininen Komponente des Sexualtriebs die relative Intensität der verschiedenen ödipalen Wünsche erheblich beeinflussen können.
So ist zum Beispiel zu erwarten, daß eine ungewöhnlich starke konstitutionelle Tendenz zur Femininität bei einem Knaben die Entwicklung einer ödipalen Konstellation begünstigt, bei der der Wunsch, die Stelle der Mutter in der sexuellen Vereinigung mit dem Vater einzunehmen, intensiver ist als der Wunsch, den Platz des Vaters bei der Mutter einzunehmen. Das Umgekehrte würde natürlich im Falle einer ungewöhnlich starken konstitutionellen Tendenz zur Maskulinität bei einem Mädchen gelten. Ob in einem bestimmten Fall das auch das tatsächliche Resultat ist, hängt natürlich davon ab, wieweit Umweltfaktoren die konstitutionelle Tendenz fördern oder ihr entgegenwirken. Außerdem haben wir zur Zeit noch keine Möglichkeit, die relative Bedeutung von Konstitution und Umwelt mit hinreichender Sicherheit zu bestimmen. Bei unserer klinischen Arbeit sind uns die konstitutionellen Faktoren in der Regel nicht bekannt, so daß wir ihre mögliche Bedeutung gegenüber den Umweltfaktoren, die in der Regel offensichtlicher und deshalb eindrucksvoller sind, leicht aus den Augen verlieren.
Zumindest einen weiteren wichtigen Aspekt der ödipalen Phase, der nicht
übergangen werden sollte, haben wir noch nicht erwähnt. Das ist die genitale
Masturbation, die gewöhnlich die sexuelle Aktivität des Kindes in dieser
Lebensperiode bildet. Diese Betätigung und die Phantasien, die sie begleiten,
treten zum großen Teil an die Stelle des direkten Ausdrucks der sexuellen und
aggressiven Impulse, die das Kind gegenüber seinen Eltern empfindet. Ob dieser
Ersatz wirklicher Handlungen gegenüber wirklichen Menschen durch autoerotische
Stimulierung und Phantasie auf lange Sicht für das Kind nützlich oder schädlich
ist, hängt zum Teil davon ab, welche Wertbegriffe wir haben; aber die Frage ist
in jedem Fall müßig. Der Ersatz ist unvermeidbar, weil er letzten Endes dem Kind
durch seine biologische Unreife aufgezwungen wird.
Mit dem Ende der ödipalen Phase wird die genitale Masturbation gewöhnlich
aufgegeben oder stark eingeschränkt und tritt erst in der Pubertät wieder auf.
Die ursprünglichen, ödipalen Phantasien werden verdrängt, aber getarnte
Abwandlungen von ihnen bleiben im Bewußtsein als die bekannten Tagträume der
Kindheit fortbestehen und üben weiterhin einen wichtigen Einfluß auf fast alle
Aspekte des psychischen Lebens aus: auf die Formen und Objekte der Sexualität
des Erwachsenen; auf die schöpferische, künstlerische und sonstige sublimierte
Betätigung; auf die Charakterbildung; und auf alle neurotischen Symptome, die
der Betreffende entwickeln mag.
Das ist jedoch nicht die einzige Form, in der der Ödipuskomplex das künftige
Leben des einzelnen beeinflußt. Er hat darüber hinaus eine spezifische Folge,
die für das weitere psychische Leben von sehr großer Bedeutung ist und die wir
jetzt besprechen wollen. Diese Folge ist die Bildung des Über-Ichs, die dritte
aus der Gruppe psychischer Funktionen, die Freud in seiner sogenannten
Strukturhypothese des psychischen Apparates postulierte.
Wie wir im dritten Kapitel sagten, entspricht das Über-Ich in genereller Weise
dem, was wir gewöhnlich Gewissen nennen. Es umfaßt die moralischen Funktionen
der Persönlichkeit. Zu diesen Funktionen gehört:
1) die Billigung oder Mißbilligung von Handlungen und Wünschen aus Gründen der Redlichkeit;
2) kritische Selbstbeobachtung;
3) Selbstbestrafung;
4) das Verlangen nach Wiedergutmachung oder Reue, wenn Unrecht getan wird; und
5) Selbstlob oder Selbstliebe als Belohnung für tugendhafte oder erwünschte Gedanken und Handlungen.
Im Gegensatz zu der gewöhnlichen Bedeutung des Begriffs Gewissen sind
jedoch die Funktionen des Über-Ichs oft weitgehend oder vollständig unbewußt. Es
trifft deshalb zu, wie Freud (1933) sagte, daß die Psychoanalyse zwar einerseits
gezeigt hat, daß die Menschen weniger moralisch sind, als sie von sich glaubten,
- indem sie nämlich die Existenz unbewußter Wünsche in jedem einzelnen bewies,
die dieser bewußt verwirft und verleugnet -, daß die Psychoanalyse andererseits
aber auch bewiesen hat, daß in jedem von uns strengere moralische Gebote und
Verbote wirken, als unser Bewußtsein weiß.«
Etwas von
www.ruhr-uni-bochum.de/ :
Inzest-Definition:
Inzest ist allgemein gesehen Geschlechtsverkehr bzw. Sexualität zwischen festgelegten Kategorien von Verwandten. Diese verbotenen Kategorien können Blutsverwandte umfassen oder sich auf Nichtblutsverwandte erstrecken.
Diese
Kategorien sind kulturabhängig, in einigen Kulturen gilt nur die Familie
(die genetisch verwandt sind) als Gruppe, in der Inzest verboten ist, in
anderen Gemeinden gilt die gesamte Binnengruppe, also ein ganzer Stamm als
„verwandt“ und eine Beziehung zweier Personen dieser Gruppe wird als Inzest
angesehen.
Die wohl bekannteste Geschichte zum Thema Inzest: Im ersten Teil von Sophokles´ Trilogie geht es um ein Orakel, dass dem König Laios von Theben verkündet, wenn ihnen ein Sohn geboren würde, werde dieser seinen Vater töten und seine eigene Mutter Jokaste heiraten. Bei der Geburt ihres Sohnes Ödipus beschließt Jokaste, dem vom Orakel vorausgesagten Schicksal dadurch zu entkommen, dass sie das Kind tötet. Sie übergibt Ödipus an einen Hirten, der es im Wald mit zusammengebundenen Füßen aussetzen soll, so dass es umkommen muss. Aber der Hirte hat Mitleid mit dem Kind und übergibt es einem Mann, der in den Diensten des Königs von Korinth steht und der es zu seinem Herrn bringt. Der König nimmt den Knaben an Kindes Statt an und der kleine Prinz wächst in Korinth heran, ohne zu wissen, dass er nicht der echte Sohn des Königs von Korinth ist. Das Orakel von Delphi verkündet ihm, es sei sein Schicksal, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu heiraten. Er beschließt, diesem Schicksal dadurch zu entgehen, dass er nie wieder zu seinen vermeintlichen Eltern zurückkehrt. Auf dem Rückweg von Delphi gerät er in einen heftigen Streit mit einem alten daherkommenden Mann. Er verliert die Selbstbeherrschung und tötet diesen Mann, ohne zu wissen, dass er seinen Vater, den König von Theben, erschlagen hat. Auf seiner Wanderschaft gelangt er nach Theben. Dort verschlingt die Sphinx die jungen Männer und Jungfrauen der Stadt und will erst damit aufhören, wenn sich jemand findet, der die richtige Antwort auf ihr Rätsel weiß. Die Stadt Theben hat versprochen, den, der das Rätsel lösen und so die Stadt von der Sphinx befreien könne, zum König zu machen und ihm die Witwe des Königs zur Gemahlin zu geben. Ödipus unternimmt das Wagnis. Er findet die Antwort auf das Rätsel. Die Sphinx stürzt sich ins Meer, die Stadt ist von ihr befreit. Ödipus wird König und heiratet seine Mutter Jokaste. Nachdem Ödipus eine Zeit lang glücklich regiert hat, wird die Stadt von einer Pest heimgesucht, der viele Bürger zum Opfer fallen. Der Seher Thereisias enthüllt, dass die Pest die Strafe für das von Ödipus begangene zweifache Verbrechen ist, den Vatermord und den Inzest. Ödipus versucht zunächst verzweifelt, die Wahrheit nicht zu sehen. Als er sich gezwungen sieht, sie zu erkennen, blendet er sich selbst und Jokaste begeht Selbstmord. Die Tragödie endet damit, dass Ödipus die Strafe für ein Verbrechen erleidet, dass er unwissentlich und trotz seiner bewußten Bemühungen, es zu vermeiden, beging.
Also: Inzucht gut gedeiet nicht!
Rechtliche Grundlage:
§ 173 StGB „Beischlaf zwischen Verwandten“
(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; dies gilt auch dann, wenn das Verwandtschaftsverhältnis erloschen ist. Ebenso werden leibliche Geschwister bestraft, die miteinander den Beischlaf vollziehen.
(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft, wenn sie zur Zeit der Tat noch nicht achtzehn Jahre alt waren.
Fallbeispiele:
Durch die Möglichkeit anonymer Samenspenden kann es (theoretisch) zu folgenden Fällen kommen
1. Ein 40jähriger Mann schläft mit einer 18jährigen Frau, die seine durch eine Samenspende entstandene Tochter ist.
2. Ein 20jähriger Mann und eine 20jährige Frau vollziehen miteinander den Beischlaf, beide sind aber leibliche Abkömmlinge eines anonymen Samenspenders.
Strafbar nach § 173 StGB oder handelt es sich um einen Verbotsirrtum?
(Anmerkung: Verbotsirrtum: Fehlt dem Täter bei der Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte.
Quelle: StGB – Dreher/Tröndler 46. Auflage;
StGB – Lackner 20. Auflage
Historische Aspekte:
Schon immer und in fast allen Kulturen war Inzest ein Tabu, das schwer bestraft wurde.
Es gibt aber Ausnahmen:
im alten Ägypten, wo Pharaonen ihre Schwestern heirateten, sowie bei den Inkas und Mayas.
Aber auch auf dem europäischen Kontinent gibt es Fälle von Inzest.
Kaiser Commodus:
Der römische Kaiser Marcus Aurelius C. Antonius Commodus ( 161n. Chr. bis 192 n. Chr.) hatte eine sexuelle Beziehung zu seiner Schwester Lucilla.
Der Film Gladiator, der im Mai 2000 in die Kinos kam, spielt zu dieser Zeit.
Papst Alexander VI:
Der Renaissance- Papst Alexander VI ( 1431- 1503), hatte eine sexuelle Beziehung zu seiner Tochter Lucretia Borgia