Kultur

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Eine ganz ausgezeichnete Beschreibung des Begriffes Kultur [lateinisch »Bebauung«, »Pflege« (des Körpers und Geistes), »Ausbildung«] wurde bei © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG gefunden und zwar:

Gesamtheit der typischen Lebensformen größerer Menschengruppen einschließlich ihrer geistigen Aktivitäten, besonders der Werteinstellungen. Kultur gilt im weitesten Sinn als Inbegriff für all das, was der Mensch geschaffen hat, im Unterschied zum Naturgegebenen. Die materielle Kultur, die technischen Grundlagen des Daseins samt deren materiellen Produkten (Nahrung, Obdach, Kleidung, Werkzeug, Gerät) sowie die institutionelle und soziale Gestaltung des Lebens (z.B. politische Kultur) werden heute nicht mehr zu einer geistigen Kultur in Gegensatz gestellt (Zivilisation). Im engeren Sinn bezeichnet Kultur alle Bereiche der menschlichen Bildung im Umkreis von Erkenntnis, Wissensvermittlung, ethischen und ästhetischen Bedürfnissen. Kultur wird auch bedeutungsgleich mit Kultiviertheit verwendet, z.B. im Hinblick auf die zwischenmenschliche Kommunikation (Gesprächs-, Konflikt-, Streitkultur).
 

Die fünf entscheidenden Schritte des Menschen auf dem Weg zum Kulturwesen (Hominisation) sind vielleicht folgende gewesen, wobei sich der Übergang von der natürlichen zur kulturellen Weiterentwicklung nicht scharf trennen lässt und die Reihenfolge nicht chronologisch sein muss.

Gelehrte des ((18. Jh.|18.)) und 19. Jahrhunderts und viele Menschen heutiger Zeit setzen Kultur gleich mit Zivilisation* und sehen beides im Gegensatz zur Natur. So wurden Menschen, denen Elemente einer Hochkultur fehlten, oft als naturverbunden, bodenständig und im negativen Sinne als unzivilisiert bezeichnet. Die "gehobene" Kultur wurde kritisiert oder auch verteidigt, da sie die menschliche Natur unterdrücke. Kultur in Abgrenzung zur Barbarei** war und ist teilweise heute noch definiert als das Fehlen ökonomischer Notwendigkeit und Betonung des Rituellen, so z. B. ein nach allen Regeln der Kunst gedeckter Tisch als Gegensatz zu ausschließlich "sinnvoller" Bestückung.

* In Deutschland wird gelegentlich noch zwischen Zivilisation und Kultur unterschieden, wobei Zivilisation mehr auf das Äußere und Technische, Kultur mehr auf "innere geistige" Werte bezogen ist.  

** Barbar: ursprünglich jeder nicht Griechisch Sprechende, seit den Perserkriegen mit der Bedeutung des Ungebildeten, Rohen und Grausamen verbunden; bei den Römern alle außerhalb des griechisch-römischen Kulturkreises lebenden Völker; umgangssprachlich für: roher, ungebildeter Mensch.

 

Anthropologen unterscheiden zwischen einer

Mit dem westlichen Kulturbegriff ist zu meist auch ein Entwicklungsgedanke verbunden: Kultur ist dabei das über den Grundbedarf hinausgehende Potenzial, welches vor allem durch Nahrungsüberfluss zum Entstehen und zur Entwicklung von Wissenschaft und Künsten in den sich so bildenden "Kulturvölkern" genutzt werden konnte. Umgangssprachlich "hat Kultur", wer "kultiviert" ist, im Gegensatz zu "unkultiviert", "primitiv", "roh" oder "barbarisch" (oben schon definiert).

 

Dominanzkultur wurde von Birgit Rommelspacher* 1995 zur Beschreibung "struktureller Diskriminierungen" entwickelt. Danach erklären sich Formen der Ausgrenzung – wie die des Rassismus – wesentlich durch die dominanten kulturellen Normen einer Gesellschaft und nicht, wie vielfach angenommen wird, durch die kulturelle Verunsicherung der Mehrheitsgesellschaft durch ihre fremde Kulturen oder durch neue emanzipatorische Bewegungen. Mit dieser Dominanzkultur gehen Formen der "Einverleibung" fremder bzw. neuer Kulturen einher: Hans Jonas (1984) hat die Konfliktlösung qua Dominanzverhalten als 'Alexandersyndrom' beschrieben: Jede Grenze zu einem neuen Land, zu einem unbekannten Territorium war für Alexander den Großen Provokation genug, um es unterwerfen zu müssen. Er war getrieben, alles Neue sich und seinem Reich einzuverleiben."

* Frauen- und Rechtsextremismusforscherin; forscht und lehrt als Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin

 

 

Bassam Tibi (deutscher Politikwissenschaftler, syrischer Herkunft) prägte vor einigen Jahren den Begriff der Leitkultur.

Tibi ist Dr. phil. habil., geb. 1944; nach Studium der Sozialwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Frankfurt/M. ist er seit 1973 Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen. Er erhielt zahlreiche Gastprofessuren in Asien, Afrika und den USA.

Veröffentlichungen u. a.: Der wahre Imam, München 1998; Europa ohne Identität, München 2000;

                                  Der Islam und Deutschland. Muslime in Deutschland, Stuttgart 2000.

 

Der Begriff Leitkultur wurde von Bassam Tibi geprägt und er möchte diesem Begriff nicht in einen nationalen deutschen sondern in einen internationalen Sinn geben, "genauer gesagt als abendländisch-europäischen Wertekanon in Konkurrenz zu morgenländisch-islamischen Vorstellungen. Leitkultur ist bei Bassam Tibi ein Kampfbegriff in der Auseinandersetzung mit den Islamisten, das heißt mit muslimischen Fundamentalisten, die unter ihrer in Europa lebenden Gefolgschaft auch typisch orientalische Traditionen erhalten wissen wollen, die einem aufgeklärtem und freiheitlichen europäischen Denken fremd oder sogar entgegengesetzt sind," ist bei wolterswww.de zu lesen.
 

Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte den Anspruch von Tibi:

 

Mit dem von mir geprägten Begriff einer europäischen (nicht deutschen) Leitkultur als demokratischer, laizistischer sowie an der zivilisatorischen Identität Europas orientierter Wertekonsens zwischen Deutschen und Einwanderern habe ich als syrischer Migrant versucht, eine Diskussion über Rahmenbedingungen von Migration und Integration auszulösen. Der Anspruch dabei ist ein doppelter: Wir integrierten Migranten wollen mitreden und nicht länger dulden, dass bestimmte Deutsche als unser Vormund auftreten; ferner gilt es, die Diskussion endlich in rationale Bahnen zu lenken.
Mit dem von mir geprägten Begriff einer europäischen (nicht deutschen) Leitkultur als demokratischer, laizistischer sowie an der zivilisatorischen Identität Europas orientierter Wertekonsens zwischen Deutschen und Einwanderern habe ich als syrischer Migrant versucht, eine Diskussion über Rahmenbedingungen von Migration und Integration auszulösen. Der Anspruch dabei ist ein doppelter: Wir integrierten Migranten wollen mitreden und nicht länger dulden, dass bestimmte Deutsche als unser Vormund auftreten; ferner gilt es, die Diskussion endlich in rationale Bahnen zu lenken.
 

Zunächst sei jedoch eine Selbstverständlichkeit für diese Diskussion erwähnt: Eine ethnische Identität kann nicht erworben werden, beispielsweise kann ein Türke nicht Kurde oder ein Deutscher kein Araber werden. Aber eine zivilisatorische, an Werten als leitkulturellem Leitfaden orientierte Identität - z. B. die Identität des Citoyen im Sinne der Aufklärung - kann erworben werden. So kann ich als Araber, wenn die Definition des Begriffes "deutsch" "entethnisiert" wird, in der Bestimmung als Wahldeutscher ein Verfassungspatriot (im Sinne von Sternberger und Habermas), jedoch ethnisch kein Deutscher werden.

Was aber ist unter nationaler Identität zu verstehen? Es lässt sich hier zwischen gewachsenen und konstruierten Identitäten unterscheiden:

Die gewachsene Identität kann ethnisch-exklusiv sein - wie z. B. beim Deutschtum, Arabertum, Turktum - oder demokratisch offen wie z. B. die französische Identität des Citoyen oder die angelsächsische des Citizen. Aus diesem Grunde gibt der Soziologe Reinhard Bendix England und Frankreich, nicht Deutschland, als Modell für die westlichen Demokratien an; in diesem Sinne spreche ich von europäischer, nicht von deutscher Leitkultur.

Konstruierte Identitäten sind sowohl in klassischen Einwanderungsländern (USA, Kanada und Australien) erforderlich als auch in Ländern der "Dritten Welt", die nach der Entkolonialisierung eine ethnisch gemischte Bevölkerung haben (z. B. Nigeria mit ca. 60 Ethnien oder Senegal mit 13 Ethnien). In den USA ist die übergeordnete und von allen geteilte Identität des Amerikaners: "color blind, ethnicity blind, religion blind"; sie basiert auf der Bejahung der Werte der American constitution und des American way of life. In den USA gibt es kulturelle Vielfalt im Rahmen des gesellschaftlichen Pluralismus stets mit Wertekonsens - im Gegensatz zum Multi-Kulturalismus, der Wertebeliebigkeit kulturrelativistisch propagiert, also keine Leitkultur zulässt und somit zur "Disuniting of America" beitragen würde.

 

 

Wertvorstellungen oder kurz Werte sind Vorstellungen über Eigenschaften (Qualitäten), die Dingen, Ideen, Beziehungen u. a. m. von Einzelnen (sozialen Akteuren) oder von sozialen Gruppen von Menschen oder von einer Gesellschaft beigelegt werden, und die den Wertenden wichtig und wünschenswert sind. Zu unterscheiden ist zwischen Werten als Mittel (z. B. Geld, Werkzeug, Gesetze), die ihren Wert durch ihre Funktion erhalten (äußere Werte) und Werten, die auf  Wert-Erfahrungen beruhen, die sich aufgrund von verarbeiteten Erlebnissen im Gefühl verankert haben (innere Werte wie z. B. Freundschaft, Liebe, Gerechtigkeit, Lust, Glück, Wohlbehagen, Schönheit, Harmonie, Pflichterfüllung, Härte, Tapferkeit im Kampf, Disziplin, aber auch religiöse Voreingenommenheit und Befangenheit).

 

Man kann ferner zwischen materiellen Werten und immateriellen Werten unterscheiden. Werte sind die konstitutiven Elemente der Kultur, sie definieren Sinn und Bedeutung innerhalb eines Sozialsystems (Gruppe, Gesellschaft etc.)

 

Werte können persönliche Werte (z. B. Taktgefühl, Vertrauenswürdigkeit, also was man an jemandem schätzt), materielle Werte (z. B. Geld, Macht, Eigentum), geistige Werte (Weisheit), religiöse Werte (Glaubensfestigkeit) oder sittliche Werte (Treue) sein.

 

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Psychologe Shalom Schwartz die Frage aufgeworfen, ob es so etwas wie universelle Werte gibt. Er entwarf ein Wertemodell und postulierte eine Anzahl von Werten, die alle Menschen in unterschiedlichen Ausprägungen gemeinsam haben müssten. Seine Theorie ging davon aus, dass Werte von folgenden Termini bestimmt würden:

  • A) Zielzustand vs. Verhalten: terminale und instrumentelle Werte;

  • B) Interesse: kollektive, individualistische und gemischte Werte;

  • C) Aktivationstypen: 3 universelle Forderungen von Werten an die menschliche Existenz:

    • 1. Biologische Bedürfnisse

    • 2. Voraussetzungen für soziale Interaktionen

    • 3. Überleben und Wohlergehen der Gruppe

Sein Modell umfasste 10 Wertegruppen:

  1. Self-Direction (Selbstbestimmung)

  2. Stimulation

  3. Hedonism (Suche nach Glück und Genuss)
  4. Achievement (Das Erreichte)
  5. Power (Macht, Kraft)
  6. Security (genauer: Safety, Sicherheit)
  7. Conformity (Gruppenzusammengehörigkeit und Gruppendruck)
  8. Tradition
  9. Benevolence (Guter Wille)
  10. Universalism (weltweite Gültigkeit)

Dann führte er zu diesem Modell eine extrem aufwendige Studie mit 20 teilnehmenden Ländern überall auf der Welt durch und konnte diese zehn Wertegruppen bei jeder Nation, Kultur und Sprache nachweisen. Es gibt also bestimmte Werte, die universelle Bedeutung haben und die Menschen der ganzen Welt gemeinsam haben.

 

Einschränkend lässt sich zu Schwartz’s Konzept anmerken: Solche Untersuchungen stellen allerdings nur faktische Wertvorstellungen fest, beinhalten jedoch keine echte Allgemeingültigkeit, bzw. Objektivität, sondern allenfalls Tendenzen, da einzelne Individuen immer anders bewerten können und dies in der Praxis auch geschieht. Solche Relativität der Werte, Bewertungen und Werterfahrungen leitet sich daraus ab, dass das eigentliche „Wertvollsein“ (vollwertig sein) ein subjektiver Faktor ist, der letztlich auf Urteilen und Fühlen beruht. Gefühle sind jedoch „kontingent“, d. h. sie gehören nicht notwendig zu den Wertobjekten, mit denen sie wahrgenommen werden.


 

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