Gestaltpsychologe

Das Ganze ist mehr als die Summe der (Einzel-)Teile...

Die "Gestalt" ist eine Wahrnehmungseinheit, die sich als geschlossene Ganzheit von ihrer Umgebung (»Grund«) abhebt und durch ihr inneres Ordnungsgefüge Gestaltqualitäten aufweist, etwa transponierbar ist (z.B. Melodie aus einer Tonart in eine andere).

In einer Arbeit aus dem Jahre 1890 teilte der Philosoph Christian von Ehrenfels* seine Erkenntnis mit, dass die Wahrnehmung Qualitäten enthalte, die sich nicht aus der Anordnung einfacher Sinnesqualitäten ergeben. So sei die Melodie eine "Gestaltqualität", denn die Töne als Elemente der Melodie könnten durch ganz andere Töne ersetzt werden, und es wäre dennoch dieselbe Melodie, wenn nur die Anordnungsbeziehung zwischen den Tönen erhalten bliebe. Wie die Ganzheit ist die Gestalt durch die weitere Gestaltqualität der »Übersummativität«**, das heißt die über die quantitative Zusammensetzung der in ihr umschlossenen Teile hinausgehende, qualitativ neue Einheit charakterisiert. Zur Erklärung für das Zustandekommen von Gestalt aus bestimmten Elementen kennen die Gestaltgesetze eine Reihe von Gestaltfaktoren (z.B. Nähe, Ähnlichkeit, Stabilität, gute Form). In der Gestaltpsychologie wird der Begriff Gestalt auch auf Handlungen, Gedächtnisinhalte und Denkvorgänge angewandt.
* Maria Christian Julius Leopold Freiherr von Ehrenfels lebte von 1859 bis 1932
** = Emergenz, das Auftreten neuer, nicht voraussagbarer Qualitäten beim Zusammenwirken mehrerer Faktoren (z.B. chemischer Elemente).
 

Max Wertheimer (1880 bis 1943) begründete 1912 die psychologische Richtung, die den Begriff der Gestalt in der Psychologie zum allgemeinen Prinzip erhob und vor allem im Bereich der Wahrnehmung, später auch in der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie anwandte. Ihre Ansätze waren gegen eine zergliedernde Elementenpsychologie und die Assoziationspsychologie* gerichtet.
* Assoziation = Gedankenverknüpfung: Begriffe und Gedanken sind demnach aus elementaren Bewusstseinsinhalten, insbesondere Sinneseindrücken, zusammengesetzt. Daher ist die Assoziationspsychologie als reduktionistische (Rückführung komplexer Sachverhalte auf elementare Prinzipien oder Seinsbereiche) oder atomistische Psychologie zu charakterisieren. Wissenschaftshistorisch gesehen hat die Assoziationspsychologie den Fortschritt der empirisch-experimentellen Forschung auf den Gebieten der Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Kognitionspsychologie zweifellos gefördert.

Die Würfelkanten (rechts) sind imaginär, also unwirklich, die man sich aber "denken" kann aus Erfahrung.
Der Würfel wird von unserem Gehirn nach dem Gesetz der guten Fortsetzung "erzeugt"
und als Ganzes interpretiert (ausgelegt).


Literatur: