Veränderungen ihrer Umwelt, wie zum Beispiel
umgestellte Möbel oder ein anderer Schulweg,
beunruhigen und verunsichern manche autistische
Menschen. Manchmal geraten Betroffene auch in
Panik, wenn sich Gegenstände nicht mehr an
ihrem gewöhnlichen Platz oder in einer
bestimmten Anordnung befinden, oder es bringt
sie ein unangekündigter Besuch oder spontaner
Ortswechsel völlig aus der Fassung. Die
Tatsache, dass Menschen mit Autismus eine
intensivere Wahrnehmung für Details haben und
daher auch kleine Veränderungen bemerken können,
verschlimmert dieses Problem. Handlungen laufen
meist
ritualisiert ab und Abweichungen von diesen
Ritualen führen zu Chaos im Kopf, denn
autistische Menschen haben bei unerwarteten
Veränderungen von Situationen oder Abläufen
keine alternativen Strategien.
Unter stark
autistischen Menschen anzutreffende repetitive
Stereotypien können sein:
Jaktationen (Schaukeln mit Kopf oder
Oberkörper), im Kreis umher gehen, Finger
verdrehen, Oberflächen betasten und vereinzelt
auch selbstverletzendes Verhalten wie etwa
Finger blutig knibbeln, Nägel bis über das
Nagelbett hinaus abkauen, Kopf anschlagen, mit
Hand an Kopf schlagen, sich selbst kratzen,
beißen oder anderes. Dieses selbstverletzende
Verhalten hinterlässt mehr oder weniger
sichtbare Spuren wie Bissspuren, Narben und
verschorfte Wunden auf der Haut und an den Armen
[11],
welche jedoch nicht zu verwechseln sind mit dem
bewusst selbstverletzendem Verhalten bei
>der
Borderline<-Persönlichkeitsstörung, welches
typischerweise zum Spannungsabbau eingesetzt
wird (etwa durch Verbrennungen oder Ritzen am
Unterarm) oder seltener aus suizidaler Tendenzen
heraus entsteht und dann ein anderes
(suizidales) Verletzungsmuster aufweist.
Repetitive und sich wiederholende
Verhaltensweisen wirken auf alle Menschen
beruhigend (wie Puppe oder Teddybär bei kleinen
Kindern, die überall hin mitgenommen werden) und
sind möglicherweise mehr ein Kennzeichen für
starken Stress als für Autismus selbst, was die
Frage aufwirft, warum Autisten oft zu viel
Stress ausgesetzt sind. Positive Effekte sich
wiederholender Verhaltensweisen werden zum
Beispiel im
Yoga benutzt, und es gibt auch auf Autismus
angepassten Yogaunterricht.[12]
High-Functioning-Autismus
Treten alle Symptome des frühkindlichen
Autismus zusammen mit normaler Intelligenz
(einem
IQ von mehr als 70) auf, so spricht man vom
High-functioning-Autismus. Diagnostisch wichtig
ist hier insbesondere die verzögerte
Sprachentwicklung. Gegenüber dem
Asperger-Syndrom sind die
motorischen Fähigkeiten meist deutlich
besser.
Oftmals wird, durch die Verzögerung der
Sprachentwicklung zunächst der
niedrigfunktionale frühkindliche Autismus (LFA)
diagnostiziert, dann aber später eine normale
Sprachentwicklung erfolgen kann, bei der
durchaus ein mit dem Asperger-Syndrom
vergleichbares Funktionsniveau erreicht wird.
Viele HFA-Autisten sind deshalb als Erwachsene
nicht von Asperger-Autisten zu unterscheiden,
meistens bleiben jedoch die autistischen
Symptome wesentlich deutlicher ausgeprägt als
beim Asperger-Syndrom. Die Sprache muss sich
dabei nicht zwangläufig entwickeln, viele nicht
sprechende HFA-Autisten können trotzdem
eigenständig leben und lernen, sich schriftlich
zu äußern. Onlinedienste und das
Internet helfen, gerade für diese Menschen
die Lebensqualität deutlich zu steigern.
Atypischer
Autismus
Atypischer Autismus, auch psychogener
Autismus oder frühkindlicher Autismus mit
atypischem Erkrankungsalter oder Symptomatik
genannt, unterscheidet sich vom frühkindlichen
Autismus dadurch, dass Kinder nach dem dritten
Lebensjahr erkranken (atypisches
Erkrankungsalter) oder nicht alle Symptome
aufweisen (atypische Symptomatik).
Autistische Kinder mit atypischem
Erkrankungsalter zeigen bei den Symptomen das
Vollbild des frühkindlichen Autismus, das sich
bei ihnen aber erst nach dem dritten Lebensjahr
manifestiert.
Autistische Kinder mit atypischer Symptomatik
legen Auffälligkeiten an den Tag, die für den
frühkindlichen Autismus typisch sind, jedoch die
Diagnosekriterien des frühkindlichen Autismus
nicht vollständig erfüllen. Dabei können sich
die Symptome sowohl vor als auch nach dem
dritten Lebensjahr manifestieren.
Im vor allem in den USA gebräuchlichen
psychiatrischen Diagnosehandbuch (DSM-IV)
gibt es keine Diagnose „atypischer Autismus“,
dort wird stattdessen „tiefgreifende
Entwicklungsstörung - nicht anders bezeichnet“
(PDD-NOS) als Diagnose verwendet.
Umgangssprachlich wird PDD-NOS dort oft auch
falsch nur als „tiefgreifende
Entwicklungsstörung (PDD)“ bezeichnet, was nur
die diagnostische Kategorie bezeichnet, aber
selbst keine Diagnose ist.
Wenn atypischer Autismus zusammen mit
erheblicher
Intelligenzminderung auftritt, wird manchmal
auch von „Intelligenzminderung mit autistischen
Zügen“ gesprochen. Neuere Forschung deuten
jedoch darauf hin, dass die Annahme einer
Intelligenzminderung bei Autisten mit dem
Wechsler-IQ-Test verfälscht wird, und Autisten
bei dem Ravens Matrizentest um bis zu 30 Punkte
besser abschneiden, was nicht auf weniger,
sondern eine andere Intelligenz hindeutet
(Dawson et al. 2005).
Asperger-Syndrom
Schon 1926 beschrieb
Grunja Jefimowna Sucharewa in Russland die
„Schizoide Psychopathie“, deren Erscheinungsbild
in vielen Besonderheiten mit dem
Asperger-Syndrom übereinstimmte. 1944
veröffentlichte
Hans Asperger die erste Beschreibung des
später nach ihm benannten Asperger-Syndroms.
Diagnosekriterien
Das Asperger-Syndrom (AS) gilt als leichte
Form des Autismus und manifestiert sich ab ca.
dem dritten bis fünften Lebensjahr. Zur Diagnose
werden meist die folgenden Kriterien nach
Gillberg & Gillberg (1989) verwendet:
- Soziale Beeinträchtigung (mindestens zwei der folgenden Merkmale):
- Unfähigkeit, mit Gleichaltrigen zu
interagieren
- mangelnder Wunsch, mit Gleichaltrigen zu
interagieren
- mangelndes Verständnis für soziale
Signale
- sozial und emotional unangemessenes
Verhalten
- Eingegrenzte Interessen (mindestens eins der folgenden Merkmale):
- Ausschluss anderer Aktivitäten
- repetitives Befolgen der Aktivität
- mehr Routine als Bedeutung
- Repetitive Routinen (mindestens eins der folgenden Merkmale):
- für sich selbst, in Bezug auf bestimmte
Lebensaspekte
- für andere
- Rede- und Sprachbesonderheiten (mindestens drei der folgenden Merkmale):
- verzögerte Entwicklung
- (oberflächlich gesehen) perfekter
sprachlicher Ausdruck
- formelle, pedantische Sprache
- seltsame
Prosodie, eigenartige Stimmmerkmale
- beeinträchtigtes Verständnis
einschließlich Fehlinterpretationen von
wörtlichen/implizierten Bedeutungen
- Nonverbale Kommunikationsprobleme
(mindestens zwei der folgenden Merkmale)
- begrenzter Blickkontakt
- begrenzte Gestik
- unbeholfene oder linkische Körpersprache
- begrenzte Mimik
- unangemessener Ausdruck
- eigenartig starrer Blick
- Motorische Unbeholfenheit
- Mangelnde Leistung bei Untersuchung der
neurologischen Entwicklung
Obwohl viele Verhaltensweisen das
soziale Netz der Betroffenen, insbesondere
der nächsten Bekannten und der
Familie, stark in Anspruch nehmen, sind es
nicht nur negative Aspekte, die AS
qualifizieren. Es gibt zahlreiche Berichte über
das gleichzeitige Auftreten von
überdurchschnittlicher
Intelligenz oder auch von – für als normal
geltende Menschen unfassbaren –
Inselbegabungen. Leichtere Fälle von AS
werden im
Englischen umgangssprachlich auch als
„Little Professor Syndrome“, „Geek-Syndrome“ oder „Nerd-Syndrome“ bezeichnet.
Soziale
Interaktion
Das wohl schwerstwiegende Problem für
Menschen mit AS ist das beeinträchtigte soziale
Interaktionsverhalten. Beeinträchtigt sind zwei
Bereiche: zum einen die Fähigkeit, zwanglose
Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen,
und zum anderen die
nonverbale Kommunikation.
Kindern und Jugendlichen fehlt in der Regel
der Wunsch, Beziehungen zu Gleichaltrigen
herzustellen. Dieser Wunsch entsteht
normalerweise erst in der
Adoleszenz, meist fehlt dann aber die
Fähigkeit dazu.
Die Beeinträchtigungen im Bereich der
nonverbalen Kommunikation betreffen sowohl das
Verstehen nonverbaler Botschaften anderer
Menschen als auch das Aussenden eigener
nonverbaler Signale. Dazu zählt in einigen
Fällen etwa auch die Anpassung der Tonhöhe und
Lautstärke der eigenen Sprache.
Als besonders problematisch erweist sich die
soziale Interaktion, da Menschen mit
Asperger-Syndrom nach außen hin keine
offensichtlichen Anzeichen einer Behinderung
haben. So können selbst Menschen, die sich
ansonsten durch Toleranz gegenüber ihren
behinderten Mitmenschen auszeichnen, die
Schwierigkeiten von Menschen mit
Asperger-Syndrom als bewusste Provokation
empfinden. Wenn etwa eine betroffene Person auf
eine an sie gerichtete Frage nur mit Schweigen
reagiert, wird dies oft als Sturheit und
Unhöflichkeit gedeutet.
Im Alltag macht sich die schwierige soziale
Interaktion vielfältig bemerkbar. Menschen mit
AS können schlecht Augenkontakt mit anderen
Menschen aufnehmen oder halten. Sie vermeiden
Körperkontakt, wie etwa Händeschütteln. Sie sind
unsicher, wenn es darum geht, Gespräche mit
anderen zu führen, besonders wenn es sich um
eher belanglosen
Smalltalk handelt. Soziale Regeln, die
andere intuitiv beherrschen, verstehen Menschen
mit AS nicht intuitiv, sondern müssen sie sich
erst mühsam aneignen. Daher haben Menschen mit
AS oft keine oder kaum Freunde. In der Schule
etwa sind sie in den Pausen lieber für sich,
weil sie mit dem üblichen Umgang anderer Schüler
untereinander nur wenig anfangen können. Im
Unterricht sind sie in der Regel wesentlich
besser im schriftlichen als im mündlichen
Bereich. In der Ausbildung und im Beruf macht
ihnen der fachliche Bereich meist keine
Schwierigkeiten, nur der Smalltalk mit Kollegen
oder der Kontakt mit Kunden. Auch das
Telefonieren kann Probleme bereiten. Im Studium
können mündliche Prüfungen oder Vorträge große
Hürden darstellen. Da auf dem Arbeitsmarkt wohl
in allen Bereichen Kontakt- und Teamfähigkeit
genauso viel zählen wie fachliche Eignung, haben
Menschen mit AS Probleme, überhaupt eine
geeignete Stelle zu finden. Viele sind
selbstständig, jedoch können sie sich bei
Problemen mit Kunden kaum durchsetzen, etwa wenn
ein Kunde nicht bezahlt. In einer
Werkstatt für behinderte Menschen indes
wären sie völlig unterfordert. Die meisten
Menschen mit AS können durch hohe
Schauspielkunst nach außen hin eine Fassade
aufrecht erhalten, so dass ihre Probleme auf den
ersten Blick nicht gleich sichtbar sind, jedoch
bei persönlichem Kontakt durchscheinen, etwa in
einem
Vorstellungsgespräch. Menschen mit AS gelten
nach außen hin zwar als extrem schüchtern,
jedoch ist das nicht das eigentliche Problem.
Schüchterne Menschen verstehen die sozialen
Regeln, trauen sich aber nicht, sie anzuwenden.
Menschen mit AS würden sich trauen sie
anzuwenden, verstehen sie aber nicht und können
sie deshalb nicht anwenden. Die Fähigkeit zur
kognitiven
Empathie (Einfühlungsvermögen) ist gar nicht
oder nur schwach ausgeprägt, jedoch die
affektive Empathie (Mitgefühl) gegenüber anderen
ist durchaus genauso oder sogar stärker
ausgeprägt als bei nicht-autistischen Menschen
(Rogers et al. 2006). Menschen mit AS können
sich schlecht in andere Menschen hineinversetzen
und deren Stimmungen oder Gefühle an äußeren
Anzeichen ablesen. Überhaupt können sie nur
schwer zwischen den Zeilen lesen und
nicht-wörtliche Bedeutungen von Ausdrücken oder
Redewendungen verstehen. Sie ecken an, weil sie
die für andere Menschen offensichtlichen
nonverbalen Signale nicht verstehen. Da es ihnen
meist schwer fällt, Gefühle zu benennen und
auszudrücken, passiert es oft, dass ihre
Mitmenschen dies als mangelndes persönliches
Interesse missdeuten. Auch können sie in
gefährliche Situationen geraten, da sie äußere
Anzeichen, die auf eine bevorstehende Gefahr
- etwa durch Gewalttäter - hinweisen, oft nicht
richtig deuten können.
Stereotype
Verhaltensmuster und Sonderinteressen
Repetitive und stereotype Verhaltensmuster
zeigen Menschen mit AS in ihrer Lebensgestaltung
und in ihren Interessen. Das Leben von Menschen
mit AS ist durch ausgeprägte Routinen bestimmt.
Werden sie in diesen gestört, können sie
erheblich beeinträchtigt werden. In ihren
Interessen sind Menschen mit AS teilweise auf
ein Gebiet beschränkt, auf dem sie meist ein
enormes Fachwissen haben. Ungewöhnlich ist das
Ausmaß, mit dem sie sich ihrem Interessensgebiet
widmen; für andere Gebiete als das eigene sind
sie meist nur schwer zu begeistern. Da Menschen
mit AS meist gut logisch denken können, liegen
ihre Interessensgebiete oft im
mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich,
aber auch andere Gebiete, z. B. die komplette
geisteswissenschaftliche Palette, sind möglich.
Inselbegabung
Die Interessen von Autisten sind meist auf
bestimmte Gebiete begrenzt, jedoch besitzen
manche von ihnen auf dem Gebiet ihres besonderen
Interesses außergewöhnliche Fähigkeiten, zum
Beispiel im Kopfrechnen, Zeichnen, in der Musik
oder in der Merkfähigkeit. Man spricht dann von
einer Inselbegabung, und die, die sie haben,
nennt man Savants. 50 Prozent der
bekannten Inselbegabten sind Autisten. Sie
können sich eventuell nicht alleine anziehen,
kennen aber komplette Telefonbücher sowie Lexika
auswendig wie zum Beispiel
Kim Peek, seit dem Film „Rain
Man“ der bekannteste unter den Savants
(jedoch kein Autist).
Differentialdiagnose