Autorität

Zu diesem Thema gehört auch eine Betrachtung des Begriffes:

"Macht" (>hier<) auf einer getrennten Web-Seite

mit anschließender Erörterung von Gewalt

und Gewaltenteilung in einer Demokratie.

>Hier< eine kurze Betrachtung zum (nicht definierten Begriff) "Autoritätsglaubenssucht".

>Hier< zu den Untersuchungen der "politischen Psychologie".

>Hier< zu Gemälden von Hinrichtungen auf Befehl


Beispiele:

 

Der  Schuhmacher Wilhelm Voigt, 1849 geboren, war in seiner Jugend 15 Jahre im Zuchthaus, weil er Urkunden gefälscht hatte. Nach seiner Entlassung arbeitete er in Rumänien, kehrte nach Berlin zurück, fälscht seinen Namen, um nicht als vorbestraft zu gelten, was ihm schließlich wieder 15 Monate Gefängnis einbrachte. Arbeitslos und ohne Aufenthaltsgenehmigung - die er nur erhält, wenn er eine Arbeitsstelle nachweisen kann. Er darf aber nicht ohne Pass arbeiten, den er nicht bekommt, weil er vor 20 Jahren aus dem Melderegister gestrichen worden war. Er überredet seinen Kumpel Kalle dazu, mit ihm ins Polizeirevier einzubrechen und einen Passvordruck zu stehlen. Die beiden werden ertappt, und der Flickschuster muss wieder für zehn Jahre ins Gefängnis. Zum Zeitvertreib lernt er dort die militärischen Dienstregeln auswendig. Nach seiner Entlassung erreicht ihn der Ausweisungsbefehl: Innerhalb von zwei Tagen soll er seinen Aufenthaltsort Köpenick, einem Stadtteil von Berlin verlassen. In seiner Verzweiflung kauft er bei einem Trödler eine alte Hauptmanns-Uniform, zieht sich in einer Bahnhofstoilette um und hält auf der Straße einen Trupp Soldaten an, den er unter sein Kommando stellt. Mit diesen auf blinden militärischen Gehorsam gedrillten Männern marschiert er zum Rathaus von Köpenick (am 16.10. 1906). Die Amtsräume werden besetzt, der Bürgermeister verhaftet. Während die Soldaten den Gefangenen abtransportieren, sucht Voigt in den Schubladen nach Passformularen und Stempeln. Als er keine findet, beschlagnahmt er die Stadtkasse und gönnt sich im nahe gelegenen Gasthaus eine Bockwurst. Die Presse ist bereits auf die Sache aufmerksam geworden, die ganze Stadt amüsiert sich, sogar der Kaiser soll gelacht haben. Voigt ist zum Nationalhelden geworden. Als man dem Gesuchten einen Pass verspricht, stellt er sich der Polizei. Auf dem Revier zieht er noch einmal die Uniform an, die preußischen Beamten und er selbst brechen in schallendes Gelächter aus.

 

Natürlich wurde er wegen Amtsmißbrauchs wieder einmal vier Jahre Gefängnis verurteilt. Durch einen Gnadenerlass des Kaisers wurde diese Zeit auf zwanzig Monate reduziert. Seinen Lebensabend verbrachte er dann geruhsam in Luxemburg und lebte dort von einer Rente, die ihm eine glühende Anhängerin, eine Berliner Witwe, ausgesetzt hatte.

 

Diese Geschichte hat der 1896 geborene Schriftsteller Carl Zuckmayer 1930 zu einem Schauspiel verarbeitet (das 1931 erstmals verfilmt worden ist).  In einer Fernsehverfilmung, mit dem Schauspieler Rudolf Platte (1904 in Dortmund geboren) in der Hauptrolle, kommt die Tragik des Ereignisses so gut gespielt zur Geltung, daß einem das Lachen (im Gegensatz zu einer Verfilmung mit Heinz Rühmann) vergeht (obwohl Rudolf Platte meistens komische Rollen zu spielen hatte).Vor dem Rathaus steht heute noch eine Statue aus Bronze des Hauptmanns von Köpenick.

 

Diese unglaubliche Geschichte zeigt, daß allein eine (bestimmte, dem Umfeld bekannte) Uniform, als ein Symbol für eine "Position" (zweites Kriterium aus den 3 Kriterien für Autorität >hier<) ausreicht, dem Träger Macht über andere Menschen zu ermöglichen.

 

Niemand hat es gewagt, die "Kompetenz" der Person in dieser Unform infrage zu stellen, wegen des offiziersgemäßes (physiognomisches) Aussehen (schnauzbärtige Form des damaligen Kaisers Wilhelm II) und im Gefängnis antrainierten Auftretens.


 

Im nächsten Beispiel wird eine Frau vorgestellt die zwar in der ursprünglichen Macht ihres "Hauses" beschnitten ist aber immer noch dem gesamten britischen Empire vorsteht. Der Begriff Empire (vom lateinischen Imperium: Reich, Macht, Herrschaft) wird seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend durch British Commonwealth of Nations, heute: einfach nur Commonwealth ersetzt. Das ist Gemeinschaft des Vereinigten Königreichs von Großbritannien (England und Schottland) und Nordirland mit den (auch den meisten ehemaligen) Kolonien und sonstigen unabhängigen Staaten: Antigua und Barbuda, Australischer Bund, Bahamas, Bangladesh, Barbados, Belize, Botswana, Brunei, Dominica, Fidschi, Gambia, Ghana, Grenada, Guyana, Indien, Jamaika, Kamerun, Kanada, Kenia, Kiribati, Lesotho, Malawi, Malaysia, Malediven, Malta, Mauritius, Moçambique, Namibia, Nauru (indirekt), Neuseeland, Nigeria, Pakistan (Mitgliedschaft 1999 suspendiert), Papua-Neuguinea, Saint Kitts und Nevis, Saint Lucia, Saint Vincent and the Grenadines, Salomonen, Sambia, Samoa, Seychellen, Sierra Leone, Simbabwe, Singapur, Sri Lanka, Republik Südafrika, Swasiland, Tansania, Tonga, Trinidad und Tobago, Tuvalu (indirekt), Uganda, Vanuatu und Zypern.
 

Queen Elisabeth die II. wurde unter der Aufsicht ihrer Mutter zu Hause erzogen und unterrichtet, also völlig privat. Geschichte brachte ihr der Schulleiter von Eton bei. Sie lernte auch modernen Sprachen, spricht fließend Französisch, wie sie bei zahlreichen Anlässen unter Beweis gestellt hat. Vom Erzbischof von Canterbury erhielt sie Religionsunterricht. Außerdem war sie aktive Pfadfinderin, schloss sich dem Heimathilfsdienst ATS (Auxiliary Territorial Service) an und erhielt die Dienstnummer No 230873 Second Subaltern Elizabeth Windsor.

 

Sie machte den Führerschein und wurde zur Automechanikerin und Kraftfahrerin ausgebildet. Diese Ausbildung war die erste, die sie gemeinsam mit anderen machte. Sie war das erste und bis 2006 einzige weibliche Mitglied der königlichen Familie, das Militärdienst geleistet hat. Einigen anderen königlichen Frauen wurden allerdings Ehrenränge im Militär verliehen.

 

Elisabeth unternahm 1947 ihre erste offizielle Auslandsreise und begleitete ihre Eltern nach Südafrika. An ihrem 21. Geburtstag richtete sie sich in einer Radioansprache an das Empire (ist heute gleich dem "Commonwealth of Nations") und versprach, ihr Leben dem Dienst an den Menschen dieses Empires zu widmen.

 

Sie ist die Behüterin der "konservativen Errungenschaften". Es hat jemand einmal so formuliert: "Konservativsein bedeutet zu verhindern, daß die nachfolgenden Menschen klüger werden sollen als ihre Vorgänger."

 

Auch sie umgibt sich mit Machtsymbolen: Wertvolle Krone, Halsketten, Thron (definiert als "erhöhtes, in der Regel auf hohe Füße und/oder Stufen gestelltes, kunstvoll gearbeitetes Sitzmöbel, ein Sinnbild weltlicher und geistlicher Herrschaft". In vielen Kulturen des Altertums war der Thron vor allem auch Sitz der Götter).

 

Die britische Königin wird immer noch als gottähnliches Wesen angesehen. Immerhin: Sie erfüllt alles 3 Kriterien für Autorität:

1. persönliches Ansehen (Physiognomie, d.h. die äußere körperliche Erscheinung, Geprägtheit)  Auftreten, insbesondere die Ausstrahlung, Integrität, Verantwortungsgefühl, Umgänglichkeit (vielleicht noch Charm)

2. positionsabhängig (funktional), d.h. in der Stellung in einer Hierarchie. Sie hat offiziell immer noch die aller höchste Position im British Commonwealth of Nations und durch gezielte (private) Ausbildung und Vorbereitung auf diese Position die

3. Kompetenz (Sachkenntnis zur Ausfüllung der Funktion).



 

Richard Freiherr von Weizsäcker, 1984 bis 1994 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, dem "vor allem ein ethisches Verständnis von politischer Kultur" zugeschrieben wird.
 


Kofi Annan aus Ghana, studierte Wirtschaftswissenschaften in den USA und in der Schweiz, war von 1993 bis 1995 stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen, dann Generalsekretär von 1997 bis 2006. Ihm und den Vereinten Nationen, als Organisation im Allgemeinen, wurde der Friedensnobelpreis in zwei gleichen Teilen zugesprochen  für deren Arbeit für eine besser organisierte und friedlichere Welt.


 

 

Adolf Hitler, ohne eine abgeschlossene (höhere) schulische oder Berufsausbildung. Die Realschule verließ er ohne Abschluss. Auf sein Konto gehen etwa 30 Millionen Tote, mehrere hunderte Millionen körperlich Verletzte aller Grade, unzählige (traumatisch) seelisch geschädigte (durch Flucht/Vertreibung, Vergewaltigung usw.) und unbeschreibliche Zerstörungen.


In der folgenden Tabelle werden die obigen Personen an hand der 3 Kriterien für Autorität:

1. persönliches Ansehen (Physiognomie, d.h. die äußere körperliche Erscheinung, Geprägtheit)  Auftreten, insbesondere die Ausstrahlung, Integrität, Verantwortungsgefühl, Umgänglichkeit

2. positionsabhängig (funktional), d.h. in der Stellung in einer Hierarchie

3. Kompetenz (Sachkenntnis zur Ausfüllung der Funktion).

bewertet.

Autoritätskriterium

"Hauptmann"

von Köpenick

Queen

Elizabeth II

Weiszäcker

Kofi Annan

Hitler

1. persönliches Ansehen

durchschnittlich

sehr gut

sehr gut

hervorragend

gekünstelt 

2. Funtional

sich angemaßt

sehr gut

Landes-Spitze

Welt-Spitze

sich angemaßt

3. Kompetenz

ein wenig angeeignet

sehr gut

hervorragend

hervorragend

keine

Vielleicht sollt sich der Leser einmal "Persönlichkeiten" vornehmen und in eine obige Bewertungsskala einsetzen, zum Beispiel der direkten und höheren Vorgesetzten. Man kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.


Leider ist die Zahl der "Weltveränderer" in oder nahe der Hitlerklasse die bei weitem überwiegende: Stalin, Mao, Kaiser Wilhelm II bis (keineswegs zuletzt) zum römischen Kaiser Nero Claudius Caesar (Kaiser von 54 nach der Zeitrechnung bis er sich 68 nach vielen Morden selbst umgebracht wurde).

 

Hier ein (neueres) Beispiel, das im "Prisma", dem Freitagsmagazin des Kölner Stadtanzeigers (am 17.10.2008) von Detlef Hartlap zu lesen war:

 

Bush


NUN, da die Tage des jungen Bush im Weißen Haus zu Ende gehen, stellt sich die Frage: War da ein unschuldig Irrender am Werk oder ein irrend Schuldiger? Wird Bush als tragische Figur in die Geschichte eingehen, die Mitleid verdient, oder als Täter? Das große Rom konnte sich in guten Zeiten absonderliche Kaiser leisten, ohne dass an seiner Hegemonie gezweifelt wurde; die USA können es nicht.


In acht Jahren Bush hat sich ihre Autorität in der Welt verflüchtigt wie jüngst das Ansehen ehrenwerter Banken. Die mutwillig vom Zaun gebrochenen Kriege (Afghanistan, Irak) sind weder zu gewinnen noch ehrenvoll zu beenden. Südamerika lacht sich ob des torkelnden großen Bruders ins linke Fäustchen. Die Bellizisten (Anhänger und Befürworter des Krieges, Kriegstreiber) aus deutschen Landen, die 2003 gern Seit an Seit mit Bush gen Bagdad gezogen wären, wollen nie etwas gesagt oder geschrieben haben.


Nein, das Werk eines politischen Tollpatsches kann das alles nicht gewesen sein. Mit Bush wurde eine Figur installiert, die das Rad der Zeit zurückdrehen sollte. Dies geschah, wie immer, wenn die gebotene staatsbürgerliche Skepsis ausgeschaltet wird, auf der Droge von Nationalismus & religiösem Eifer. Vor allem aber geschah es zum Schaden der USA und den Idealen der westlichen Welt.


>Hier< mehr zu Bush aus dem Wochenblatt "Stern" vom 23. Oktober 2008


 

Autoritätsglaubenssucht

 

ist kein in der Psychologie bisher (so oder ähnlich) definierter Begriff, der sich mit der Sehnsucht nach einem starken Führer, nach festgeschriebenen Gesetzen und Ordnungen beschäftigt, nach einer Person, die die Antwort weiß, wenn jemand sagt: "Das hätte man mir doch sagen müssen".

 

Das ist der "beliebte" Kaiser Wilhelm der 2.
(Psychopatischer sah kaum jemand aus!)

In der Regel bleibt der Mensch durch die Kindererziehung irreversibel (nicht umkehrbar) geprägt. Am Rande: Diese Unumkehrbarkeit ist nur durch eine

 psychoanalytische Bewußtwerdung mit anschließender Verhaltenstherapie aufzuheben. Dieser Vorgang dauert dann sogar länger als die ursprüngliche Erziehung.

 

Jemand, der durch Widersprüchlichkeiten in der Kindererziehung nicht die "irreversible" Prägung mitbekommen hat oder der tatsächlich auf Grund eigener Beobachtungen und Erfahrung aus dem Kulturkreis, in den er hineingeboren wurde, herausgekommen ist, vielleicht sogar durch (intelligente Einsicht oder aber auch aus Perversion, beispielsweise durch "Verdrehung" in radikale bzw. radikalere Systeme oder Wahnvorstellungen).

 

In meinen Betrachtungen über den "Gotteswahn" (umfassender und besser "ideologischen Wahn") wurde immer wieder hervorgehoben, daß die Menschen sich  nach einer starken Führung immer schon gesehnt haben, wahrscheinlich wegen ererbtem Herdentrieb - das ist die Tendenz, zusammenzuleben und sich entsprechend zu verhalten, bei sich Wohlfühlen in einer Rangordnung. Also von einem urzeitlichen tierisch mehr oder weniger Unbewußtsein bis zur heutigen "aufgeklärten" Bewußtwerdung" wird der Herdenmensch getrieben. Der Partei XYZ fehlt die Geschlossenheit und (autoritäre) starke Führung. Diese Partei ist nicht wählbar! Welcher Mensch ist denn schon aus der Herde ausgeschert? (Familienbande, Verein, Partei, Interessengemeinschaft - wie Wirtschaftsverband oder Gewerkschaft, Religionsgemeinschaft, Sekte, [schlagende] Verbindung, kann seitenlang fortgesetzt werden)

 

Ich selbst habe den nach dem "2. Weltkrieg" aufkeimenden Ruf nach Mitbestimmung, Mitverantwortung, Selbstbestimmung noch erleben und unterstützen können. Kaum etwas davon ist heute noch übriggeblieben. Ja, es gibt Menschen- und Kinderrechte. Vergessen wurden aber die Pflichten auch für Kinder: Rücksichtnahme, Höflichkeit zum Beispiel.
 


 

Walter Rath