Unentscheidbarkeit
steht im Zusammenhang mit der (mathematischen) Beweistheorie (Beweislehre), mit Axiomen (Annahmen), Widerspruchsfreiheit, mit unvollständigen bzw. möglichst vollständigen Informationselementen, mit Relevanzlogik, Möglichkeiten natürlichen Schließens (Schlussregeln) usw. Die Beweislehre soll ein Entscheidungsverfahren einleiten, also Beweise finden für die Wahrheit (Richtigkeit) oder Falschheit, die Machbarkeit, eine Vorgabe (als Regel) zum Handeln; sie soll Hilfe geben zur Lösung von Entscheidungsproblemen.
Moderne Rechner stoßen jedoch hin und wieder darauf, dass keine Lösung angeboten wird und es zu einer Unentscheidbarkeit (durch Unbeweisbarkeit) kommen muss. (Das Rechnerprogramm gerät dabei oft in eine unendliche Schleife und beendet sich nicht.)
In der Psychologie liegt der klassische Fall der ‘Doppelbindung’ vor (engl. double-bind), auch: Beziehungsfalle (>hier<). Man spricht auch von der pragmatischen Paradoxie, der Zwickmühle.
Eine Betrachtung aus: Heinz von Foerster, Monika Bröcker: „Teil
der Welt – Fraktale einer Ethik – ein Drama in drei Akten“,
CARL AUER SYSTEME VERLAG 2002
Heinz von Foerster
geboren 13. November 1911 Wien , am 2. Oktober 2002 in Pescadero,
Kalifornien, gestorben
Österreichischer Physiker, Professor für Biophysik
Langjähriger Direktor des legendären "Biological Computer Laboratory" in
Illinois (1958-1975)
Er gilt als Mitbegründer der kybernetischen Wissenschaft und ist philosophisch
dem Konstruktivismus zuzuordnen.
"Ständig entscheiden wir,
ohne es zu merken,
prinzipiell
unentscheidbare Fragen.
Deswegen kriegen
sich die Leute immer in die Haare;
denn jeder behauptet: „Ich habe Recht“.
Dass da eine Freiheit existiert,
wenn man unbeantwortbare, unentscheidbare Fragen beantwortet,
sehen nur sehr wenige Leute;
dass man da eine Entscheidung fällt,
entweder so, so, so oder so zu entscheiden.
Vielen Leuten fällt gar nicht auf,
dass sie eine Entscheidung
getroffen haben.
Daher glauben sie,
sie sind im Besitz der wirklichen Wahrheit.
Sie haben nicht gemerkt, dass da eine Freiheit bestand,
in der sie das Spiel („Lehrmeinung“) entschieden haben,
welches sie von jetzt an spielen wollen.
Ich nenne jene menschliche Aktivität,
die unentscheidbare Fragen entscheidet,
eine metaphysische Aktivität.
Ich nenne Metaphysik, die Tätigkeit,
bei der Menschen aus irgendwelchen Gründen,
die sie nicht sagen können,
eine unentscheidbare Frage entscheiden.
„Soll ich dieses oder jenes als meine Haltung akzeptieren?“
Das Interessante ist, dass wir überhaupt
unentscheidbare Fragen haben.
Ja, wie kommt das? Wieso haben wir das?
Das kann doch nur durch die Sprache entstanden sein!
Nur die Sprache produziert Fragen wie:
„Um Himmels willen, wie kann ich jetzt entscheiden?“
Plötzlich zwickt einen eine Schwierigkeit,
die nur durch die Sprache generiert (erzeugt) wird;
weil ich eine Frage stelle, die, wenn man sie näher anschaut,
unentscheidbar ist.
Wenn ich eine prinzipiell unentscheidbare Frage entscheide,
habe ich mit dieser Entscheidung
die Verantwortung für diese Entscheidung übernommen".