Bildung - Wissen
Zum Buch "Die Geschichte der Pädagogik" >hier<
Der große Unterschied zur "Menschwerdung" (als "homo sapiens") gegenüber unseren Mitlebewesen ist:
A. Die Bildung, aus dem althochdeutschen bildunga‚ das für Bildnis, Abbildung und Aussehen steht, bedeutet, wie es im Rahmen dieses Internetbuches zu sehen ist, ein an die "Gedanken des Humanismus anknüpfendes und im Rahmen des Neuhumanismus durch Wilhelm von Humboldt (>hier< mehr) entwickeltes Bildungskonzept (durch humanistische Gymnasien), das die »Menschwerdung des Menschen« durch umfassende Persönlichkeitsbildung und damit das Ideal des an der Gesamtheit der Bildung teilhabenden Menschen zum Ziel hat," meint © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG. Mit anderen Worten bedeutet Bildung, nach dem Philosophie-Professor in Basel, Friederich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900), die Formung des Menschen im Hinblick auf seine geistigen Fähigkeiten und auf sein (humanes, also allen Lebewesen gegenüber freundlich gesinntes, fürsorgliches, gutherziges, wohltätiges, wohlwollendes, sozialempfindendes, mitfühlendes, zuvorkommendes) Menschsein, welches über das gewöhnliche Leben eines als normal und meist negativ bewerteten gut ausgebildeten Menschen hinausgewachsen ist oder hinausstrebt. Nietzsche wünscht sich ein Idealwesen und definiert einen "Übermenschen", den er in seinen 4 Bänden »Also sprach Zarathustra« (1883 bis 1891 geschrieben) näher erläutert. Nietzsche kritisiert die herrschenden, meist unkritisch übernommen Moralvorstellungen (>hier< der Unterschied zwischen Moral und Ethik, beides von den meisten Philosophen immer noch durcheinander geworfen). Seine Vorstellungen von untrüglich freiem und aufgeklärtem Denken stellt Mietzsche in seinem Buch "Jenseits von Gut und Böse" vor. Seine Schreibart ist für uns - über 100 Jahre nach Nietzsches Tod etwas gewöhnungsbedürftig. Das sei an nur 3 Beispielen aus "Jenseits von Gut und Böse" und dem Kapitel "Sprüche und Zwischenspiele" herausgegriffen.
76
"Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich selber her.
78
Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.
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Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müßt ihr denn gleich eure
Wahrheit so salzen, daß sie nicht einmal mehr — den Durst löscht?"
(>Hier< zum gleichnamigen Buch "Jenseits von Gut und Böse" von Michael Schmidt-Salomon.)

Diese 6 Europäischen Werte zusammen ergeben ein
voll entwickeltes
„Humanistisches Weltbild“
Synonyme für und Teile von Bildung sind:
- Verhaltensweise,
- Manieren (Ausdrucksweisen, anerkannte gute Gewohnheiten, Gebaren)
- gutes Benehmen,
- wohl erzogen ("Kinderstube", Lebensart),
- Betragen (Haltung),
- Auftreten (Habitus),
- würdevolles Gehabe (>hier< mehr zur Würde),
- ethisch und redlich ("redlich" >hier< definiert),
- umsichtig und aufmerksam,
- gute Ausbildung (im Hinblick auf Sozialverhalten - das Gegenteil, das dissoziale Verhalten wird >hier< beschrieben - und humanistisches "Gedankengut"- zur einer "humanistischen Grundsatzerklärung" >hier<).
Die Bedeutung (nach unserer Sprachnorm) von Bildung in Form von Gesteinsbildung oder Bildung von Gewitterwolken muss nebenbei natürlich auch erwähnt werden. Dann auch: Ausbildung bedeutet in der Regel nur Wissensvermittlung, Beibringen, Einpauken, Einhämmern, Unterrichtung und zwar sogar vor allem in Richtung auf Spezialisierung - für "Job und Karriere" (beruflichen Aufstieg) - z.B. Ausbildung zum "Banker", zum "Wirtschaftsfachmann", zum "Atomphysiker", seltener zum "Philosophen" und insbesondere in Pädagogik zum "Erziehungswissenschaftler". An diesen Beispielen kann gezeigt werden, dass Sprache durch eine klar abgrenzte Norm (>hier< die Definition) festgelegt ist.
Betrachten wir einmal das Gegenteil von gebildet, d.h. wenn jemand ungebildet ist, dann ist er eingebildet, dumm, beschränkt, schwachköpfig, dreist, unmanierlich, unvertraut, unwissend, unreif, unkünstlerisch, unkundig, unbewandert, dilettantisch (d.h. ein Pfuscher, ein Halbwisser oder Besserwisser, Banause, Tölpel), unsachgemäß, laienhaft, barbarisch, geschmacklos, unzuverlässig, ordinär, unanständig, gewöhnlich, taktlos, lasterhaft, anrüchig, unmoralisch, unzivilisiert, proletenhaft, unkultiviert, bäurisch, vulgär, ungeschlacht, primitiv, gemein, roh, taktlos, barsch, derb, grob, unhöflich, ungehobelt, unfreundlich, unfein, ungebildet, ungesittet, unzart, versponnen und traumhaft, also unmöglich, abenteuerlich, waghalsig, halsbrecherisch, wirklichkeitsfremd. Schaut man sich diese sicher nicht ganz ausgeschöpfte Wort- und Begriffsmenge an, dann wird es schwer, auch nur annähernd einem Bildungsideal zu entsprechen.
B. Das Wissen wird gerne mit Erkenntnis, Einsicht, ja sogar mit Bildung verwechselt bzw. gleichgesetzt. Als Alltagswissen bezeichnet © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG "alle Kenntnisse im Rahmen alltäglicher Handlungs- und Sachzusammenhänge" und im philosophischen Sinne "die begründete und begründbare (rationale) Erkenntnis im Unterschied zur Vermutung und Meinung oder zum Glauben." Allgemein kommt man zum Wissen "primär durch zufällige Beobachtung," ferner "durch systematische Erforschung (Experiment) oder deduzierende" (also folgernde und ableitende) "Erkenntnis, sekundär durch lernende Aneignung von Wissensstoff."
Nach den vorherigen Ausführungen würde vorrangig ein natürliches menschliches Interesse an Wissen und die Neugier vordergründig sein. Aber dabei wurde übersehen, dass die Mehrheit der Mitmenschen keineswegs lernfreudig und wissbegierig ist. Die Mehrheit braucht ein mehr oder weniger schulisches System mit pädagogische Maßnahmen als eine erzieherische Einwirkung mittels Lehrpersonal in "Lehranstalten" (anfänglich unter Schulzwang) durchgeführt durch Einpauken, Druck über Benotung von Lernwilligkeit und Lernfähigkeit. Weitere erzieherische Maßnahmen laufen in Form von Gesprächen, Ermahnungen, mündliche oder schriftliche Missbilligung eines Fehlverhaltens, Ausschluss von der laufenden Unterrichtsstunde, Nacharbeit unter Aufsicht nach vorheriger Benachrichtigung der Eltern, sogar zeitweise Wegnahme von Gegenständen, Beauftragung mit Aufgaben, die geeignet sind, ein Fehlverhalten zu verdeutlichen usw. Information der Eltern erfolgen, damit die erzieherische Einwirkung der Schule vom Elternhaus unterstützt werden kann. Zum Glück ist ja die Prügelstrafe verboten.
Schulen, von griechisch schole »Freisein von Geschäften«, haben die Aufgabe, "Kindern und Jugendlichen (im weiteren Sinn auch Erwachsenen) durch planmäßigen Unterricht Wissen, Erkenntnis, Einsicht und die Fähigkeit zu begründetem Urteil zu vermitteln. Die sozialwissenschaftliche Forschung hebt neben dem Erwerb einer Qualifikation durch Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten (Qualifikationsfunktion) vor allem folgende Funktionen von Schulen hervor: Sozialisation (Anpassung an das soziokulturelle System), Selektion (Auslese über Prüfungen, Zensuren und verschiedene Schularten) und Legitimation (Rechtfertigung und Stabilisierung der vorliegenden Gesellschaftsordnung)", ist bei © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG zu finden.
Als Literatur sei auf folgendes Buch hingewiesen:
Blankertz,
Herwig:
Die Geschichte der Pädagogik:
Von der Aufklärung bis zur Gegenwart /
Büchse der Pandora, Wetzlar 1982
ISBN 3-88178-055-6
Den Einband gestaltete Peter Großhaus unter Verwendung des Kupferstiches „Der
Schulmeister" von Christoph Weigel, 1689.
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Ausstattung und Satz: VA Peter Großhaus, Werdorf
Druck und Bindung: Fuldaer Verlagsanstalt
© 1982 by Verlag Büchse der Pandora GmbH,
Postfach 2820, 6330 Wetzlar
ISBN 3-88178-055-6
Wir werden schwach geboren, wir bedürfen der Kraft;
wir werden hilflos geboren, wir bedürfen der Fürsorge;
wir werden unwissend geboren, wir bedürfen der Einsicht.
Alles das, was uns bei der Geburt fehlt,)
wird uns durch die Erziehung gegeben...
Was aber sind die Erwachsenen,
wenn nicht durch die Erziehung verdorbene Kinder?
(Jean-Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung, 1762)
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT:
EINLEITUNG: Schriftliche und nichtschriftliche Bildungswege
Bildungswege im Mittelalter
Der Bildungsweg für Kleriker
Bildungswege für Laien
Renaissance, Humanismus, Reformation
Modifikation der mittelalterlichen Bildungswege
KAPITEL I: Aufklärung
Begriff der Aufklärung und seine Auslegung auf Erziehung
Geschichte, System, Vernunft
Übereinstimmungen der Aufklärungspädagogen
Pädagogischer Realismus im 17. Jahrhundert
Visionärer Beginn: Johann Amos Comenius und die Didaktik
Gotha: Der Anfang der deutschen Volksschule
Ritterakademien: Die neue Adelserziehung
Projektemacherei: Merkantilistische Staatspädagogik
Christliche Pädagogik und die Ökonomisierung der Erziehung
Christliches Arbeits- und Wirtschaftsverständnis
Pietistische Theologie und Pädagogik
Wirkungen und Nebenwirkungen pietistischer Pädagogik
Universität Halle 1694
Modelle eines neuen Bildungswesens im 18. Jahrhundert
Zum pädagogischen Begriff der Industrie
Die Situation der religiösen Elementar- und Armenschule
Das Industrieschulprogramm als Alternative
Realschulen und Fachschulen
Technische Wissenschaft: Ecole Polytechnique
Pädagogische Theorie der Aufklärung
Das Paradigma moderner europäischer Pädagogik: Rousseau
Philanthropismus
Theoretische Rechtfertigung der Berufs- und Standeserziehung
KAPITEL II: Deutsche Klassik
Der deutsche Bildungsbegriff
Neuhumanismus: Voraussetzungen seines Entstehens
Polemik: Bildung gegen Ausbildung
Theorie der Bildung des Menschen: Wilhelm von Humboldt
Pädagogisches Gewissen und Methode: Pestalozzi
Dignität der Praxis: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher
Die Schulreform in Preußen 1808-1819
Das Bildungswesen in der Stein-Hardenbergischen Reform:
Sektionschef Wilhelm von Humboldt
Das neue Gymnasium und der Philologenstand
Die neue Elementarschule und ihre Lehrerbildung
Gründung der Universität Berlin
Erfolg oder Scheitern der Reform
Die Wahrheit der Allgemeinbildung:
Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft
KAPITEL 111: Große Industrie
Hauslehrerpädagogik als Schulpädagogik
Herbart: Angewandte Psychologie oder einheimische Begriffe
Von der Formalstufentheorie zum Herbartianismus (Johann Friedrich Herbart,
Philosoph und Pädagoge)
Gründe für die Wirksamkeit der Herbartianischen Pädagogik
Erziehender Unterricht
Schulen und bürgerliche Welt
Pädagogik der Reaktion: Stiehlsche Regulative (Ferdinand Stiehl)
Kampf um das Monopol: Gymnasium und Realschulen
Berufsausbildung in Handwerk und Industrie
Nachwuchsbildung als Berufsqualifikation: Berufliche Schulen
Bildung als gesellschaftliche Macht
Berechtigungswesen
Herausforderung: Karl Marx
Verteidigung: Bildung als Eigentumsrecht
Entlastungsversuch im mißachteten Bereich:
Lehrlingsausbildung
Pädagogik auf dem Wege zu einer selbständigen Wissenschaft
Sozialgeschichtliche Voraussetzungen:
Kulturkritik, Jugendprotest und der Zusammenbruch
des Herbartianismus
Grundlegung der Geisteswissenschaften: Wilhelm Dilthey
Vorbote einer hermeneutisch-pragmatischen Pädagogik
Pädagogik in nationalistischer Verstrickung
KAPITEL IV: Von Weimar nach Bonn
Schulgeschichte 1920-1970
Weimarer Schulkompromiß
Das dreigliedrige System allgemeinbildender Schulen
Deutsche Oberschule, Lehrerbildung und NS-Schulpolitik
Das berufliche Schulwesen
Beginn der Reformphase
Das Gymnasium auf dem Weg zur „Haupt"-Schule
Der weitere Horizont:
Internationale Beziehungen und Sozialpädagogik
Wissenschaftliche Pädagogik
Die herrschende Richtung: Geisteswissenschaftliche Pädagogik
Hermeneutisch-pragmatische Grundlage
Methodologie: Das Theorie-Praxis-Verhältnis
Die dritte Phase der Pädagogischen Bewegung
NS-Pädagogik als Un-Pädagogik und Erbe
der Pädagogischen Bewegung
Alternative Möglichkeiten
Pädagogik als Prinzipienwissenschaft: Neukantianismus
Pädagogik als Erfahrungswissenschaft
Tatsachenforschung und Positivismus
Pädagogik und Arbeiterbewegung: Sozialistische Erziehung
STATT EINES SCHLUSSES:
Unvollendete Geschichte der Pädagogik
Quellennachweise
Literaturhinweise
Personenregister
DIE THEORIE DER BILDUNG DES MENSCHEN:
WILHELM VON HUMBOLDT
Der eindrucksvollste Repräsentant des neuen griechisch-deutschen Humanismus
war Humboldt. Er trug zu den wissenschaftstheoretischen, bildungstheoretischen
und bildungspolitischen Leistungen des Neuhumanismus gleichermaßen bei. Direkte
Auseinandersetzungen mit der Aufklärungspädagogik, geschweige denn Polemik,
sucht man bei ihm vergebens. Obwohl er für kurze Zeit eine Funktion innehatte,
die man der Sache (nicht dem Titel) nach als ersten Kultusminister Preußens
bezeichnen darf, so war seine Bildungstheorie doch keineswegs auf Schulen
bezogen. Ja mehr noch, man kann bei Humboldt überhaupt kaum von einer Pädagogik
im Sinne einer Handlungs- oder Kunstlehre für den Gebrauch durch professionelle
Erzieher sprechen, eher von einer Anleitung zur Selbstreflexion: Lehre und Bild
vom Menschen. Damit aber hat Humboldt der Pädagogik Maßstäbe gesetzt, die ihn zu
einem Klassiker dieser Disziplin haben werden lassen, demgegenüber Niethammer,
würde man nur die Theorieentwicklung bedenken, allenfalls eine Fußnote erhalten
könnte.
Die sofort auffallende Übereinstimmung mit Niethammers schulpädagogischen
Überlegungen war bei Humboldt die Parteinahme für das Individuum gegen dessen
gesellschaftliche Vereinnahmung. Bildung wurde definiert als der Weg der
Individualität zu sich selber, dieser Weg aufgefaßt als unendliche Aufgabe, so
daß Bildung nicht abschließbar sei, vielmehr das ganze Leben über währe. Die
unendliche Aufgabe, die die Aufklärungsphilosophie der Menschheit als Ganzer zur
Realisierung des Kulturideals angewiesen und wodurch sie den Fortschrittsglauben
in die Geschichtsdeutung gelegt hatte, wurde vom Neuhumanismus in
Übereinstimmung mit der idealistischen Philosophie und der Literatur der
Deutschen Klassik im Namen des Individuums an den einzelnen Menschen delegiert.
Keine Generation, kein Zeitalter, kein einzelnes Individuum sollte für die
Zukunft als bloße Durchgangsstufe angesehen werden, kein Mensch sollte bloßer
Kulturdünger sein, jeder sollte als gleich weit oder nah zu seinem Auftrag
gesehen werden: Die unendliche Aufgabe, das war die Individualität selbst.
Humboldt verstand Individualität als die innere Formkraft, mit der der Mensch
das Aufgefaßte in das eigene Wesen verwandelt. Dabei dachte er stets an einen
Doppelgesichtspunkt, nämlich daß einerseits der Mensch diese Form dem Inhalt
(Welt) aufprägt, daß die Individualität eine jeweils spezifische Sicht der Welt
bedingt, daß aber andererseits die Welt als Bewußtseinsinhalt die individuelle
Form erst zu sinnlicher Erscheinung bringt. Damit waren dann gleich zwei weitere
Bestimmungen von Individualität eng verknüpft: Individualität mußte
unaustauschbare Einmaligkeit sein, mußte im Streben nach Einzigartigkeit das
Ganze sein und war zugleich doch auch die Schranke in bezug auf die Idee des
Menschen. Als Folgerung dieser Theorie der Individualität war also das Problem
gestellt, wie die Konzentration der Kräfte durch Begrenzung (Energie,
Standpunkt, Eigentümlichkeit) mit der Repräsentation des Ganzen in solcher
Einseitigkeit zu verbinden sei.
Humboldts Antwort auf das Problem war die Verknüpfung des Ichs mit der Welt, die
Vorwegnahme der Menschheitsidee in dem Ideal der Individualität. So mußte er
Individualität am Anfang wie am Ziel des Bildungsprozesses annehmen, den Prozeß
als die Konfrontation von Ich und Nicht-Ich (Welt) begreifen. Ein entschieden
pädagogisches Interesse daran konnte sich indessen nur einstellen, wenn
innerhalb der universalen Vielfalt der Welt ein Aufgabengefüge identifizierbar
war, welches der Bedürfnisstruktur der auf dem Wege zu sich selbst befindlichen
Individualität entgegenkam.
Humboldt hat von seinen ersten, im Status von Fragmenten gebliebenen
literarischen Versuchen bis in die Philosophie seines Spätwerkes hinein daran
gearbeitet, der Sprache diese Aufgabe zuzuweisen. Denn Sprache schien ihm sehr
genau die gesuchte Doppelfunktion zu leisten: Sie ist das Medium des
Allgemeinen, ist Instrument des Logos (Vernunft), kraft dessen die Individuen
miteinander verbunden sind. Sie ist aber zugleich auch Schöpfung des
individuellen Geistes. Sprache verbürgt das Menschsein des Menschen, weil sie
die vernünftige Bewältigung der Welt ermöglicht. Die sprachlichen Grundformen,
wie sie im Laufe des geschichtlichen Lebens durch die individuellen geistigen
Energien erzeugt sind, bedeuten freilich zunächst einmal für die Subjektivität
des einzelnen lernenden Individuums eine Schranke. Insofern unterscheidet sich
Sprache nicht von irgendwelchen anderen Weltinhalten, auch sie ist für den
Menschen Fremdheit, ist ein objektiver Anspruch, an dem das Subjekt sich
bewähren muß. Daß diese Anstrengung den Menschen nicht seiner selbst entfremdet,
sondern gerade umgekehrt auf den Weg zu seinen eigenen Möglichkeiten führt, ist
der anderen Seite der Sprache zu verdanken. Was in der Sprachform den Menschen
beschränkt, ist aus menschlicher Natur in sie hineingekommen. Deshalb ist
Sprache Fremdheit nur für eine augenblickliche, individuelle Befindlichkeit,
nicht für die „ursprünglich wahre Natur" des Menschen. Das macht die
bildungstheoretische Sonderstellung der Sprache vor allen anderen Weltinhalten
aus.
Die sprachphilosophische Beweisführung war für Humboldt mehr als nur eine
pädagogische Qualifizierung der Sprache. Sie belegte, was zunächst nur als These
behauptet werden konnte, nämlich daß Individualität keine der bloßen Entfaltung
harrende Gegebenheit ist, sondern ein Auftrag, der nur in der Auseinandersetzung
des Menschen mit der Universalität der Welt einlösbar ist. Das Exempel der
Doppelfunktion der Sprache führte ihn darauf, daß die Rückbindung der Bildung an
die innere Formkraft des Menschen kein Argument sein könne für die „feige
Schwäche" des Individuums, „zufälligen Schwierigkeiten der Umstände und der
physischen Natur nachzugeben", sondern daß Bildung auch gegen Stimmungen und
Launen, gegen Trägheit und Faulheit durchgestanden werden müsse.
Der Individualitätstheoretiker Humboldt verwahrte sich zwar gegen das
aufklärungspädagogische Verlangen, in der Erziehung alle Individuen einer
gesellschaftlich definierten Richtschnur zu beugen; aber daraus folgte nicht —
wenn auch häufig in der Humboldt- und Neuhumanismus-Interpretation unterstellt —
dem Individuum die normative Richtschnur überhaupt zu erlassen. Im Gegenteil:
Wenn in einer so radikalen Weise die Selbstbefreiung vom äußeren Schicksal in
der Innerlichkeit der eigenen Subjektivität gesucht wurde, trat die objektive
Bedeutung der Aufgaben, die dem Menschen im Interesse seiner Bildung gestellt
werden, zurück hinter die Art ihrer Bewältigung. „Jede Beschäftigung", so
folgerte Humboldt, „vermag den Menschen zu adeln, ihm eine bestimmte, seiner
würdige Gestalt zu geben... Nur auf die Art, wie sie betrieben wird, kommt es
an", nämlich „durch vollständige Einsicht der streng aufgesuchten Gründe oder
durch Erhebung zu einer allgemein gültigen Anschauung" die Denk- und
Einbildungskraft zu äußerster Anspannung zu bringen. Die Norm für das
Wechselverhältnis von Individualität und Universum sah Humboldt also im Menschen
selber angelegt, keinesfalls sollte der Mensch damit auf seine wechselnden
Neigungen und das Urteil seiner Willkür verwiesen sein, sondern auf die „höchste
und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen". Das „Ganze"
mußte in individueller Besonderung repräsentiert sein — das meinte Humboldt mit
Totalität: Die Schranke, die das Individuelle gegenüber der allgemeinen Idee des
Menschen ausmacht, war damit als die wahre Möglichkeit der Selbstverwirklichung
bestimmt.
Humboldts Bildungstheorie eröffnete eine unendliche Fülle gleichwertiger
Möglichkeiten. Keiner Individualität sollte eine andere Form aufgezwungen werden
als gerade ihr angemessen war. Wo aber war das Element festgemacht, das den
Neuhumanismus auf den ersten Blick doch so deutlich kennzeichnete, wo waren die
Griechen? Um diese Frage beantworten zu können, muß man das bis jetzt skizzierte
Konzept einer streng formalen Bildungstheorie in Beziehung setzen zu den
inhaltlichen Optionen Humboldts: die Theorie des Klassischen. Die Verbindung
zwischen beiden war die Humanität. Für die formale Bildungstheorie war die
Antizipation dieses Ideals die Möglichkeit, dem empirischen Menschen eine über
ihn hinausweisende und doch ihm innerlich verbundene Norm zu setzen. „Humanität"
nahm damit die Position ein, die Rousseau der „Natur" angewiesen hatte. Der
Wille, den Menschen zu sich selbst finden zu lassen, forderte den Rückgriff auf
den Ursprung. Rousseau fand ihn in dem zwar nicht historisch, wohl aber als Idee
gemeinten Naturzustand des Menschen. Humboldt und der Neuhumanismus fanden ihn
bei den Griechen, insofern diese als „eine anfangende Nation" Humanität in
reiner Form verwirklichen konnten.
Die Griechen, die im Gefolge Winckelmanns* als mit Schönheit der Formen genährt
und enthusiastisch für Schönheit gestimmt gesehen wurden, verliehen der
neuhumanistischen Bildung einen stark ästhetischen Charakter. Das war auch bei
Humboldt so, wenngleich er sehr viel stärker als Winckelmann den Gewinn an
historischer Erkenntnis betonte. Der moderne Mensch konnte nach Humboldt durch
das Studium der Griechen erfahren, was Menschsein eigentlich bedeutete,
„eigentlich", das hieß: jenseits der nationalen, konfessionellen und
ständisch-beruflichen Begrenzungen. Das Studium der Griechen sollte ein Studium
des Menschen überhaupt sein. An dieser Festlegung ist erkennbar, daß Humboldt
trotz aller Hochschätzung im Rückbezug auf die Griechen kein Dogma sah, sondern
eine Methode. Diese Methode konnte zu Resultaten führen, die die Griechen als
exemplarische Nation für die Bildung entbehrlich machte. Als Schiller in einer
berühmt gewordenen Randbemerkung zu Humboldts Abhandlung über das „Studium des
Altertums und des Griechischen insbesondere" schrieb, die Zeit werde kommen, da
man die Griechen nicht mehr nötig habe, dann nämlich, wenn der Rückgriff auf die
Antike den Ansatz für eine neue Totalität des Menschlichen ermöglicht habe,
nannte Humboldt das eine „genievolle Idee". Goethe galt für Humboldt bereits als
Beispiel eines Menschen, dem unter den Bedingungen der Gegenwart die
Realisierung der Humanitätsidee gelungen war. Wer Goethe — oder weiter gefaßt:
wer die Literatur der Deutschen Klassik — studierte, bedurfte im Grunde schon
nicht mehr des Studiums der Griechen.
Indessen: Die Relativierung der pädagogischen Qualität humanistischer Studien
war zwar theoretisch erfaßt, aber doch mehr als Vorgriff auf eine kommende Zeit
gedacht, die durch die Rückwendung erst hervorgebracht werden sollte. Da Sprache
eine bildungstheoretische Sonderstellung unter allen Weltinhalten zugewiesen
bekam und Humboldt unter anderen Aspekten die Sprache als sinnfälligsten
Ausdruck einer Nation verstand, mußte in der Sprache eines so zur Norm erhobenen
Volkes wie des griechischen das inhaltliche Zentrum aller Bildungsmöglichkeiten
vermutet werden: Die griechische Sprache, das war die gesuchte Sache selber, und
insofern war es dann pädagogisch gesehen keineswegs gleichgültig, welche fremde
Sprache angeeignet und in ihrer Struktur begriffen wurde.
* Johann Joachim Winckelmann (1717 bis 1768), deutscher Archäologe, Antiquar und Kunstschriftsteller der frühen Aufklärung, Sein Wertmaßstab ist in der Ästhetik begründet. Winckelmann gilt als geistiger Begründer des Klassizismus im deutschsprachigen Raum.