Zen (Buddhismus)
Aus dem Japanischen "chan", bedeutet "Versenkung". Das Zen entstand etwa im 6.Jahrhundert unter dem Einfluss des Daoismus in China und wurde vom indischen Mönchsgelehrten Bodhidharma begründe, gelangte im 13.Jahrhundert nach Japan. Seine Weltanschauung wirkte sich auf Bühnen-, Blumensteck- und Schönschreibekunst (Kalligraphie), die Dichtkunst (Haiku), die Teezeremonie, die Tuschmalerei, die Künste des Schwertkampfes und des Bogenschießens (Kyudo), seine Ethik den Normenkodex des Ritteradels (Samurai). Eine religiöse Praxis des Zen besteht im Wesentlichen in der Übung der sitzenden Kontemplation (mit verschränkten Beinen [Grund für die "O-Beine", sagte einmal ein Japaner]), die zur "Versenkung", dem Leben in der vollständigen "Hingabe an die Wahrheit", hinführen will; erreicht werden soll die "Erfahrung des Wesens allen Seins". Jeder Zenschüler hat seinen Zenmeister, der ihn anleitet, zurechtweist und auch körperlich züchtigt. Außerhalb Japans wurde das Zen, vermittelt u.a. durch den Jesuitenpater Hugo Makibi Enomiya-Lasalle (1898 - 1990), v.a. durch bestimmte Methoden der Meditation bekannt; es vermittelte der westlichen Psychotherapie wesentliche Anregungen (K.Dürckheim). (angelehnt an © 2003 Bibliographisches Institut & F. A.) Brockhaus AG
Zen lässt sich durch diskursive Begriffserläuterungen (argumentativ-dialogische Prüfung von Behauptungen) nicht zufriedenstellend fassen, da es sich ausschließlich durch "eigene Einsicht" erschließt. Der Versuch einer enzyklopädischen Definition stößt damit an eine prinzipielle Grenze (siehe oben).
Häufig wird der Zen-Buddhismus als Religion oder Weltanschauung bezeichnet. Die Wurzeln des Zen liegen zwar im Buddhismus, jedoch fühlen sich viele Zen-Meister nicht an eine bestimmte Religion oder Weltanschauung gebunden. Der Kern des Zen befindet sich demnach nicht in religiösen oder philosophischen Systemen, sondern besteht in der mystischen Erfahrung (Überlieferung aus vorgeschichtlicher Zeit über Götter, Sagen usw.).
- Eine Frau fragte: „Was ist Zen?“ Ein alter chinesischer Meister antwortete: „Das Herz des Fragenden ist Zen.“
- Frau Maria Bruske-Schmachtenberg aus der Kreisstadt
Gummersbach schrieb einmal in einer Tageszeitung: "In meiner
Wohnung gibt es einen besonderen Platz. Eine
Yogamatte – zusammengefaltet – und darauf ein kleines, schwarzes Sitzkissen. Daneben eine Klangschale, eine Eieruhr und zwei Hölzer, die aneinander geschlagen einen feinen klackenden Ton hervorbringen. Auf diesem Kissen sitze ich und übe das Nichtdenken, das einfache, schlichte Sein. Nur dem Atem folgen, nichts wollen, nicht im Gestern kreisen, nicht im Morgen..."
Jeder Mensch kennt „Zen-Momente“. Es sind Augenblicke wie etwa die völlige Versenkung in eine spannende Tätigkeit oder das gänzliche Aufgesogensein durch eine Wahrnehmung (z.B. während des Hörens von Musik). Die "westliche" (US-amerikanische) Psychologie spricht vom >Flow<-Erleben, doch fehlt in diesem Konzept die "achtsame (Selbst-)Beobachtung", die beim Zen entscheidend ist. Die Redensart "im Einklang mit den Dingen" zu sein ist aus der Taufe gehoben worden mit dem "Flow"-Konzept von Csíkszentmihályi. (Mehr unten unter "Flow"). Praktizierende der verschiedenen Zen-buddhistischen Schulen wenden Konzepte an, die dem psychologischen Flow-Begriff ähnlich sind, um ihre Anwendungsvorgehensweise auszuführen (wie beispielsweise im japanischen Zen-Buddhismus bei den Selbstverteidigungsformen Aikido [ai »Harmonie«, ki »Geist«, do »Weg«], Kendo [»Weg des Schwertes«, die Taktik der Samurai], oder bei der Kunst des Blumensteckens Ikebana [»lebendige Blumen«].
Zen kann das Zeitempfinden verändern. In der Konzentration des Praktizierenden verliert die subjektive Empfindung für Zeit ihre Bedeutung. Die Konstruktion beziehungsweise Definition von Vergangenheit und Zukunft verliert ihren Einfluss auf das Bewusstsein. In dieser „Zeitlosigkeit“ wird das „Ich“ weniger oder gar nicht wahrgenommen. Zen proklamiert Nicht-Ich (/Nicht-Selbst) sein. Die Aufmerksamkeit soll auf den Augenblick fokussiert werden, in dem das Bewusstsein „aufgeht“.
Zen bietet die Gelegenheit, die Gegensätze des Lebens (z.B. gut — schlecht, wir — die anderen, Körper — Geist) zu verstehen und zu überwinden. Dabei geht es nicht um das intellektuelle Verständnis, sondern um tiefe Weisheit, deren Essenz man nicht allein mit dem logischen Denken erreichen kann.
Vereinfacht gesagt kann man ein Zen-Erlebnis als „Geistesblitz“ bezeichnen; auch als eine neu gefundene Erkenntnis, als „Wesensschau“ oder „Erleuchtung“. Dabei kann es sich sowohl um Wichtiges, wie auch vollkommen Unwichtiges handeln; entscheidend ist, dass man dabei sein Denken für neue Erkenntnisse geöffnet hat.
Oft wird gesagt, dass Zen „nichts“ biete: keine Lehre, kein Geheimnis, keine Antworten. In einem Koan spricht der Zen-Meister Ikkyû Sôjun zu einem Verzweifelten: „Ich würde gerne irgendetwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“ *
* Hierzu passt ein Witz: Eine an einem Faden hängende Spinnraupe fragt eine Kreuzspinne: "Wie machst du diese wunderschönen, kunstvollen Netze?" Antwort: "Ich sammele Löcher und nähe sie dann zusammen."
Es bedeutet, das Leben zu leben – in seiner ganzen Fülle. Der unmittelbare Zugang zu diesem Einfachsten von allem ist dem Verstandeswesen Mensch jedoch versperrt – es scheint so, als ob die niemals schweigende Stimme der Gedanken ihn durch hartnäckige Ideen und urteilende Vorstellungen blockiere. Die permanente Beschäftigung mit sich selbst, die schützende Ich-Bezogenheit jedes einzelnen verursacht immer wieder nur neues Leiden (Dukkha). Zen kann diese Verwirrung lösen – zuletzt vermag man sogar zu essen, wenn man hungrig ist, zu schlafen, wenn man müde ist. Zen ist nichts Besonderes. Es hat kein Ziel.
Die Charakterisierung, Zen biete „nichts“, wird gerne von Zen-Meistern gegenüber ihren Schülern geäußert, um ihnen die Illusion zu nehmen, Zen biete erwerbbares Wissen oder könne etwas „Nützliches“ sein. Auf einer anderen Ebene wird hingegen auch das Gegenteil behauptet: Zen biete das „ganze Universum“, da es die Aufhebung der Trennung von Innenwelt und Außenwelt, also „alles“, beinhalte.
Auch wenn Intellektuelle und Wissenschaftler sich oftmals von Zen angezogen fühlen, entzieht es sich der „Vernunft“. Zen wird oft als „irrational“ empfunden, auch weil es sich grundsätzlich jeder begrifflichen Bestimmung widersetzt. Das scheinbar Mysteriöse des Zen rührt jedoch allein aus den Paradoxa, die der Versuch des Sprechens über Zen hervorbringt.
Zen besitzt aber auch philosophisch-religiöse Aspekte und historisch gewachsene Lehren. Diese kann man – wenn sie auch zur subjektiven Erfahrung des Zen nicht unbedingt notwendig sind – selbstverständlich mit Worten beschreiben.