Judenverfolgung - Die organisierte Endlösung

Konformistische Gewalt oder Defekt (als Schadhaftigkeit) der angepassten Menschen

Antisemitismus: Von der Wannsee-Konferenz zum Remer Prozess

Sendung Deutschlandfunk (DLF) vom 15.01.2012 ab 9:30

(>Hier< Teil 2 und >hier< ein DLF-Interview vom 18.7.11 zwischen
Christoph Heinemann mit dem Historiker Götz Haydar Aly)

>Hier< das Lied vom SA-Mann von B. Brecht

 

Der Remer-Prozess gegen den 1912 geborenen Exgeneral und Holocaustleugner Otto Ernst Remer fand im März 1952  vor der Dritten Großen Strafkammer des Landgerichts der Stadt Braunschweig statt wegen übler Nachrede (§ 186 des Strafgesetzbuches) und Verunglimpfung (§ 189) des Andenkens Verstorbener. Das Urteil erregte große Aufmerksamkeit, weil darin posthum die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 rehabilitiert wurden. Übrigens war von der Adenauerregierung der Witwe des Attentäters Claus Graf Stauffenberg, der den "Führer" in die Luft sprengen wollte, bis zum Ausgang dieses Prozesses die Offizierswitwenrente verweigert worden. Remer wurde zu einer Haftstrafe von drei Monaten (weit unter 2 Jahren nach Strafgesetzbuch) verurteilt. Er entzog sich der Strafe durch Flucht zum faschistischen Franco, der bis zu seinem Tode 1975 das gläubig katholische Spanien völlig ungestört regierte.

Auf der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942,  kamen vor siebzig Jahren in Berlin 15 hochrangige Vertreter von nationalsozialistischen Reichsbehörden und Parteidienststellen zusammen, um unter Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich den begonnenen Holocaust an den Juden im Detail zu organisieren und die Zusammenarbeit aller Instanzen dabei sicherzustellen. Der in Israel zum Tode verurteilte (und als einziger dort Ende 1961 hingerichtete) Eichmann war der Protokollführer der Wannsee-Konferenz. Sein Chef Hans Josef Maria Globke, ehemals Mitglied der katholischen Zentrumspartei*, wurde vom obersten Gericht (OG) der DDR mit Urteil vom 23.Juli 1963 in Abwesenheit mit lebenslanger Haft belegt. Im selben Jahr, am 15. Oktober 1963, vier Tage nachdem Adenauer sein Amt niedergelegt hatte, wurde Globke auf Vorschlag seines ehemaligen Chefs vom damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Globke blieb auch weiterhin für Adenauer beratend aktiv..
* sein Antrag auf NSDAP-Mitgliedschaft wurde wegen seiner früheren Zugehörigkeit zur Deutschen Zentrumspartei 1943 endgültig abgelehnt.

Nach der Pensionierung beschloss Globke, in die Schweiz überzusiedeln. Die Schweizer Regierung erklärte ihn aber zu einem unerwünschten Ausländer und erteilte ihm ein Einreiseverbot..


Ausarbeitung von

Wolfgang Dreßen:

 

Die "Besprechung über die Endlösung der Judenfrage", so das von Adolf Eichmann verfasste (Wannsee-)Konferenzprotokoll, fand am 20.01.1942 statt, in einer Villa "Am Großen Wannsee Nr:56/58". Der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, hatte zum "Arbeitsfrühstück" eingeladen.

Diese Konferenz bedeutete nicht den Beginn der Endlösung. Bereits am 31. Juli 1941, kurz nach dem Angriff auf die Sowjetunion, war Heydrich von Hermann Göring mit der "Endlösung" beauftragt worden:

"Ich beauftrage Sie einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen."

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 markiert den Wendepunkt zur Endlösung. Nur einen Tag später wurden kurz hinter der sowjetischen Grenze über 200 jüdische Bewohner von einem Polizeikommando aus der benachbarten deutschen Grenzregion erschossen. Zuvor mussten die Juden ihren Besitz abgeben und Gräber ausheben. Einen Tag später ermordete das Polizeikommando weitere Juden, Männer, Frauen und Kinder. Diese Arbeit war noch ungewohnt. Die deutschen Polizisten trösteten sich gegenseitig. Der Mord war für sie Voraussetzung einer besseren Zukunft.
Gerechtfertigt wurden diese und andere sogenannten "Befriedungsaktionen" mit der behaupteten jüdischen Leitung des Kommunismus in der Sowjetunion. Himmler, Heydrich und der Chef der Ordnungspolizei, Kurt Daluege, bereisten die Frontgebiete und regten weitere Morde an. So hielt Kurt Daluege am 9. Juli vor Polizisten in Bialystock eine Rede über die "Niederringung des Weltfeindes, des Bolschewismus". Mindestens 1000 jüdische Menschen wurden am Ort erschossen.

Rechtzeitig vor Beginn des Angriffs gegen die Sowjetunion waren im September 1940 zwei Filme uraufgeführt worden: Jud Süß und der Der ewige Jude. Die auch bei der Truppenbetreuung eingesetzten Filme wurden ein Publikumserfolg. Bis Ende 1943 werden über zwanzig Millionen Menschen Jud Süß sehen.

Schon vor 1941, bei der Besetzung Polens und anderer Länder, waren "Einsatzgruppen" für besondere Aufgaben gebildet worden. Mit dem Beginn des Angriffs gegen die Sowjetunion werden vier Einsatzgruppen zusammengestellt: SS-Angehörige und Polizeieinheiten aus dem ganzen Reich unter der Leitung von Heydrich, die eng mit der Wehrmacht zusammenarbeiteten. Diese Einsatzgruppen werden nach Überschreiten der Grenze planmäßig Juden erschießen.

Der Befehlshaber der Einsatzgruppe D Otto Ohlendorf:

"Himmler erklärte, dass ein wichtiger Teil unserer Aufgabe in der Beseitigung von Juden, Frauen und Kinder, und kommunistischen Funktionäre bestünde. Ich wurde etwa vier Wochen vor dem Angriff auf Russland benachrichtigt."

In Ereignismeldungen ist die Anzahl der Ermordeten vermerkt. Unter dem Datum vom 28. September 1941 heißt es über den Einmarsch in Kiew:

"Bei den ersten Aktionen 1.600 Festnahmen. 150.000 Juden vorhanden. Maßnahmen eingeleitet zur Erfassung des gesamten Judentums. Exekution von mindestens 50.000 Juden vorgesehen. Wehrmacht begrüßt Maßnahme und erbittet radikales Vorgehen."

Ende September wurden in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew über 33.000 Menschen erschossen. Am 10. Oktober 1941 schrieb ein Wiener Polizeisekretär an seine Frau:

"Bei den ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt das: Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoss sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. Eingedenk dessen, dass ich auch zwei Säuglinge daheim habe, mit denen es diese Horden genau so, wenn nicht zehnmal ärger machen würden. Nur weg mit dieser Brut, die ganz Europa in den Krieg gestürzt hat und jetzt auch noch in Amerika schürt."

Die Planungen in Deutschland hatten begonnen. Ab Oktober 1941 wurde den Juden die Auswanderung verboten. Das Reichsfinanzministerium unterrichtete die Oberfinanzdirektionen über die bevorstehenden Deportationen. Die Finanzämter erhielten genaue Anweisungen über die Einziehung und Verwertung des jüdischen Vermögens. Die elfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom November 1941 regelte die rechtlichen Rahmenbedingungen: Das Eigentum der Deportierten wird zugunsten des Reiches eingezogen. Die Deportierten gelten jetzt als Staatsfeinde.

Die systematische Abschiebung begann, zunächst in das Getto von Lodz im früheren Polen. Aus Berlin wurden am 18., am 24.und am 29. Oktober über 3000 Juden deportiert, aus Frankfurt am Main am 20. Oktober, aus Köln am 22. und am 30. Oktober, aus Düsseldorf am 27. Oktober jeweils über 1000 Menschen.

Inzwischen war, etwa in Minsk, durch Erschießungsaktionen Platz für die deutschen Juden geschaffen worden. Im November 1941 gingen Großtransporte in das Getto von Minsk. Ab jetzt wurden deportierte Juden auch gleich bei ihrer Ankunft ermordet, so am 30.11.1941 über 1000 Juden aus Berlin. Bis Ende 1941 verzeichneten die vier Einsatzgruppen fast 500.000 ermordete Juden.

Erschießungen blieben hinter den technischen Möglichkeiten zurück. Bei den Vergasungen von Geisteskranken war dagegen eine Möglichkeit der Industrialisierung des Massenmords erprobt worden. Die Experten dieser T4-Aktion boten ihr Wissen im eroberten Osten an, zunächst mit Vergasungswagen im Herbst 1941.

Der Bau der Vernichtungslager und die Erprobungen der Gaskammern begannen. Der Minister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, informierte im November 1941 die deutsche Presse:

"Im Osten leben noch etwa sechs Millionen Juden, und diese Frage kann nur gelöst werden in einer biologischen Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa. Wir haben vorzubeugen, dass nicht ein romantisches Geschlecht in Europa die Juden wieder aufnimmt und dazu ist es nötig, sie über den Ural zu drängen oder sonst irgendwie zur Ausmerzung zu bringen."

Das "Mitteilungsblatt für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei" fasste die neuen Möglichkeiten einer Endlösung zum Jahresende 1941 zusammen:

"Die gewaltigen Räume des Ostens, die Deutschland und Europa nun zur Kolonisation zur Verfügung stehen, ermöglichen in naher Zukunft auch die endgültige Lösung des jüdischen Problems. Was noch vor zwei Jahren unmöglich erschien, wird nun Schritt für Schritt Wirklichkeit: Am Ende des Krieges steht das judenfreie Europa."

Heydrich hatte bereits für das Jahresende 1941 eine Konferenz einberufen, auf der die weiteren Schritte der Endlösung koordiniert werden sollten. Eingeladen waren Vertreter der Ministerialbürokratie und des Sicherheitsapparates. Das Auswärtige Amt verfasste für die geplante Sitzung einen Vorschlag: Die anderen europäischen Länder sollten veranlasst werden, die dort lebenden Juden zu deportieren.

Die Gegenoffensive der Roten Armee vor Moskau und der Kriegseintritt der USA führten zur Verschiebung der Konferenz auf den 20. Januar 1942.

Die jetzt veränderte Kriegslage radikalisierte die Forderungen nach einer Endlösung. Ein schneller Kriegserfolg war nicht mehr zu erwarten. Eine Abschiebung der Juden über den Ural war vorerst auch nicht möglich. Gleichzeitig stieg die Zahl der deutschen Gefallenen. Der schon immer Schuldige, der Jude, musste nun endgültig in ganz Europa vernichtet werden. Joseph Goebbels berichtet in seinem Tagebuch über einen Empfang Hitlers in seiner Privatwohnung für die Gauleiter und anderen Spitzen der Partei am 12. Dezember 1941:

"Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Wir sind nicht dazu da, Mitleid mit den Juden, sondern nur Mitleid mit unserem deutschen Volk zu haben. Wenn das deutsche Volk jetzt wieder im Ostfeldzug 160.000 Tote geopfert hat, so werden die Urheber dieses blutigen Konflikts dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen."

Vier Tage später hielt Hans Frank, Chef des Generalgouvernements, eine Rede vor seinen Abteilungsleitern und bezieht sich auf dieses Treffen bei Hitler:

"Wir haben im Generalgouvernement schätzungsweise 3,5 Millionen Juden. Diese 3,5 Millionen können wir nicht erschießen, wir können sie nicht vergiften, werden aber trotzdem Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu einem Vernichtungserfolg führen."

Frank kündigt in dieser Rede auch die Berliner Konferenz unter der Leitung von Heydrich an, zu der er einen Vertreter entsenden würde.

Die Einladungen zur Konferenz wurden von Heydrich am 8. Januar 1942 verschickt. Sie gingen an Vertreter des Innenministeriums, des Auswärtigen Amts, des Generalgouvernements, des Ministeriums für die besetzten Ostgebiete, des "Beauftragten für den Vierjahresplan", des Justizministeriums, der Reichskanzlei und an SS-Führer, die bereits praktische Erfahrungen mit der Endlösung gesammelt hatten. Adolf Eichmann, der Judenreferent bei Heydrich, führte Protokoll. Stenotypistinnen und Ordonnanzen waren anwesend.

Heydrich eröffnete die Konferenz mit einer Ansprache. Er verwies zu Beginn, auf die Anordnung Görings vom Juli 1941 "eine "Endlösung der europäischen Judenfrage" zu organisieren. An die Stelle der bisherigen Auswanderung träte nun die Evakuierung in den Osten Europas. In einer Tabelle waren die Länder Europas mit der Anzahl der dort lebenden Juden vermerkt, auch Länder, die noch zu besetzen waren:

So England mit 330.000 Juden, Irland mit 4000, Schweden mit 8000, die Schweiz mit 18.000, Spanien mit 6000, der europäische Teil der Türkei mit 55.000 und die Sowjetunion bis zum Ural mit fünf Millionen Juden. Bei Estland stand in der Tabelle "judenfrei", hier war die "Endlösung" bereits erfolgreich gewesen. Vermerkt wird im Protokoll:

"Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund elf Millionen in Betracht."

Diese Zahl sei aber eher zu niedrig angesetzt:

"Bei den angegebenen Judenzahlen der verschiedenen ausländischen Staaten handelt es sich jedoch nur um Glaubensjuden, da die Begriffsbestimmungen nach rassischen Grundsätzen teilweise dort noch fehlen."

Die Ministerialbeamten und Heydrich sahen in der Durchführung keine größeren Schwierigkeiten:

"In der Slowakei und Kroatien ist die Angelegenheit nicht mehr allzu schwer. In Rumänien hat die dortige Regierung inzwischen ebenfalls einen Judenbeauftragten eingesetzt. Im besetzten und unbesetzten Frankreich wird die Erfassung der Juden zur Evakuierung aller Wahrscheinlichkeit nach ohne große Schwierigkeiten vor sich gehen können."

Probleme wurden in Ungarn gesehen, aber hier soll Gewalt der deutschen Besatzung helfen:

"Zur Regelung der Frage in Ungarn ist erforderlich, in Zeitkürze Judenfragen der ungarischen Regierung aufzuoktroyieren."


Die nordischen Staaten, so der Vertreter des Auswärtigen Amtes, könnten Schwierigkeiten machen, das bedeute aber wegen der geringen Judenzahlen keine wesentliche Einschränkung.

Insgesamt sollen europaweit die Nürnberger Gesetze bei der Definition der Rassenzugehörigkeit gelten. Diskutiert wurden auf der Konferenz die Behandlung der sogenannten "Mischlinge" ersten und zweiten Grades und der sogenannten "Volljuden", die mit einem "Deutschblütigen" verheiratet waren. Die Konferenzteilnehmer sprachen über Sterilisierung und über die "Auswirkungen einer solchen Maßnahme auf die deutschen Verwandten".

Interessen der deutschen Bevölkerung an frei werdendem Wohnraum wurden erwähnt:

"Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa vom Westen nach Osten durchgekämmt. Das Reichsgebiet einschließlich Protektorat Böhmen und Mähren wird, allein schon aus Gründen der Wohnungsfrage und sonstigen sozial-politischen Notwendigkeiten, vorweggenommen werden müssen."

Angesichts der Kriegslage, der Erfordernisse der Rüstung und der deutschen Unternehmen gab es einen Einwand des Vertreters Görings, des "Beauftragten des Vierjahresplans":

"Bezüglich der Frage der Auswirkung der Judenevakuierung auf das Wirtschaftsleben, erklärte Staatssekretär Neumann, dass die in kriegswichtigen Betrieben im Arbeitseinsatz stehenden Juden derzeit, solange noch kein Ersatz zur Verfügung steht, nicht evakuiert werden könnten."

Heydrich konnte ihn beruhigen. Im Westen wie im Osten würden die arbeitsfähigen Juden zum Arbeitseinsatz kommen. Diese Zwangarbeit blieb aber ein Teil der Endlösung, ein "Großteil würde durch natürliche Verminderung ausfallen".

Es blieben die Juden, die auch diese Strapazen überstünden. Hier sah Heydrich eine Gefahr:

"Der endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist."

Bei seinen Verhören in Jerusalem wird Eichmann berichten, dass Heydrich vor der Konferenz Schwierigkeiten mit den Beamten befürchtet hatte. Das wäre unnötig gewesen. Eichmann:

"Es herrschte nicht nur freudige Zustimmung allseits, sondern darüber hinaus ein gänzlich Unerwartetes, ich möchte sagen, sie Übertreffendes und Überbietendes im Hinblick auf die Forderung zur Endlösung der Judenfrage ... ich weiß, dass die Herren beisammengesessen sind und da haben sie eben in sehr unverblümten Worten die Sache genannt. Es wurde von Töten und Eliminieren und Vernichten gesprochen."

Auf Arbeitstreffen und Folgekonferenzen im Ostministerium und am Dienstsitz Adolf Eichmanns wurde im Laufe des Jahres die sogenannte Mischlingsfrage verhandelt. Es ging um befürchtete Widerstände "deutschblütiger" Ehepartner, für den Osten kein Problem, Halb- und Volljuden wurden hier gleichgesetzt.

Die Konferenzen beseitigten die letzten Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Staats- und Wirtschaftsapparates bei der "Endlösung der Judenfrage".

Auch die "Volksgemeinschaft" war einbezogen: Die Deportationen weckten die Begehrlichkeit der Deutschen. Finanzbeamte versteigerten das Eigentum, vom Barockgemälde, dem Spielzeug der deportierten Kinder bis zum Sack Zwiebeln. Möbel der deportierten Juden aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden wurden nach Deutschland transportiert und hier verteilt. Augenzeugen sprechen von "Volksfesten" bei den Versteigerungen. Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass es sich um jüdischen Besitz handelte. Die Wohnungen und Häuser der deportierten Juden konnten jetzt deutsche "Volksgenossen" beziehen.

Die Vernichtungslager und Vergasungsanlagen waren in Betrieb oder im Bau. Die Firma Topf & Söhne aus Erfurt entwickelte für den gesteigerten Bedarf einen "kontinuierlich arbeitenden Leichenverbrennungsofen", so die Überschrift des im September 1942 angemeldeten Patents.

Auschwitz wurde zugleich ein Vernichtungszentrum und ein Arbeitslager vor allem für die IG Farben. Auschwitz, das bedeutete Vernichtung, Kriegsproduktion, aber auch völkische Utopie.

 

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (Bild: AP Archiv) und heute:

 

http://www.welt.de/multimedia/archive/00389/auschwitz_2_DW_Kult_389115p.jpg

 

Nach Befreiung (http://www.n-tv.de/img/78/788159/O_1000_680_680_2pzs0456.jpg6343396415738728061.jpg )

Ende 1941 war in der unmittelbaren Nachbarschaft des KZ Auschwitz die "Geburt der neuen deutschen Stadt Auschwitz" begrüßt worden. Bisher hatten in der Stadt überwiegend Juden gelebt. In der umgebauten Stadt werden jetzt SS-Angehörige und deutsche Facharbeiter vor allem der IG Farben mit ihren Familien wohnen. In dieser sogenannten "Musterstadt", einer Utopie auf der Basis der Endlösung, unterstützte der Staat die Bewohner mit Steuererleichterungen, Ausbildungsbeihilfen und Familienprogrammen. Auszubildende der IG Farben siedelten in Auschwitz und galten als Garanten der Zukunft.

Der Architekt pries den, so wörtlich, "anheimelnden" Charakter des neuen Stadtplans mit verkehrsstillen Wohnstraßen und Gartenanlagen. Auf Wunsch Himmlers wurden Methoden der rationellen Müllverwertung und einer biologisch-dynamischen Klärweise getestet. Eine "Stadtlandschaft" sollte entstehen. Der Stadtplaner fasste die Ziele zusammen:

" ... ein Stück versteppter Erdoberfläche zu einer wirklichen Kulturlandschaft gestalten und das geschändete Angesicht dieses Landes wieder der Gesundung zuzuführen, um das Ziel allen Planens zu erreichen: deutschen Menschen einen Boden bereiten, der ihnen und ihren Kindern ein neues Stück Heimaterde werden soll."

1943 war dann in der örtlichen Presse zu lesen:

"Auschwitz wird wieder deutsch und schön."

Die Endlösung wird in den Lagern fortgesetzt bis kurz vor der Befreiung. Am 25. Januar 1945, 48 Stunden vor dem Eintreffen der Roten Armee, wurden in Auschwitz noch 300 kranke jüdische Häftlinge ermordet, die nicht evakuiert werden konnten.

Das Ende von Auschwitz bedeutete aber nicht das Ende des Massenmords. Die Vernichtungsexperten aus Auschwitz konnten im Februar 1945 im KZ Ravensbrück noch eine Gaskammer bauen. Unmittelbar bis zur Räumung des KZ wurden mehr als 2000 Menschen ermordet. Genaue Unterschiede zwischen jüdischen und nicht jüdischen Häftlingen fielen fort.

Die Firma Topf & Söhne* entwarf noch im Februar 1945 für das KZ Mauthausen Pläne für den Wiederaufbau der Krematorien, die sie schon in Auschwitz errichtet hatte. Diese Pläne konnten nicht mehr verwirklicht werden.
*
Topf & Söhne, 1878 gegründet, beteiligte sich aktiv an der Vernichtungsmaschinerie, in dem die Firma die Belüftungsanlagen der Gaskammern in Auschwitz entwickelte und installierte.

Die Todesmärsche der völlig entkräfteten Häftlinge von Lager zu Lager entwickelten sich zur wilden Endlösung durch SS-Einheiten, Volkssturmmänner und Angehörigen der Hitlerjugend.

Der Führer einer Volkssturmkompagnie am Abend des 6. April 1945 zu seinen Männern:

"Die Alarmkompagnie wurde angewiesen, morgen einen Judentransport zu übernehmen. Diese Hunde und Schweine verdienen alle, erschossen zu werden."

Noch am 8. März 1945 erreichte ein Deportationszug aus Wien mit über 1000 Menschen das KZ Theresienstadt. Der letzte Deportationszug brachte am 15. April 1945 weitere 77 Menschen nach Theresienstadt.

Der Krieg war vorbei.

Die Distanzierung begann sofort im Sommer 1945, nicht eine Distanzierung vom Massenmord, sondern von angeblich wenigen Nazitätern, die in einem unbegreiflichen Jenseits des Bösen verschwanden. Niemand war es gewesen. Die Alliierten zwangen die Deutschen, genau hinzusehen, sie wurden vor die Leichen geführt. Nationale Integration erschien nur noch möglich in einer kollektiven Selbstentlastung. Das Grauen war von angeblichen Nichtmenschen verursacht worden, die alle Deutschen terrorisiert hätten. Diese Entlastung fiel umso leichter, als die Muster dieser Nazisadisten direkt aus der Charakterisierung des "jüdischen Untermenschen" stammten. In der Presse war über diese Nazitäter zu lesen:

"Fratze des Tiermenschen … ekelhaftes Häuflein von Henkersknechten … verkrachte Gestalten."

Die Volksgemeinschaft sollte intakt bleiben, die angeblich nur wenigen nazistischen Täter kamen von außen, aus einem Untergrund des Bösen jenseits der deutschen Zivilisation.

Die wenigen zurückkehrenden Juden erlebten eine andere Wirklichkeit. Sie trafen oft auf Feindschaft, Unverständnis und Ausgrenzung. Sie wurden als unangenehme Zeugen wahrgenommen, die auch noch ihr enteignetes Hab und Gut von den ehemaligen "Volksgenossen" zurückforderten.

Die Endlösung blieb unbegriffen, weil die Normalität nicht infrage gestellt werden sollte. Thematisiert wurde diese Verdrängung zunächst von Menschen, die vor der Endlösung aus Deutschland geflohen waren.

Bereits 1944 erschien in den USA die Dialektik der Aufklärung von Theoder W. Adorno und Max Horkheimer. Sie analysierten die "Grenzen der Aufklärung", die sich radikal im Vernichtungsantisemitismus gezeigt hätten:

"Die Juden sind heute die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert."

Mit den Juden wurde eine Gruppe erfunden, die für jedes Leid verantwortlich gemacht werden sollte. Die reale Aufklärung über die Bedingungen gesellschaftlicher Ungleichheit wird ersetzt durch die Projektion allen Unglücks auf die Juden. Eine Aufklärung, die das Gegebene bloß widerspiegelt und nicht verändert, bleibt anfällig für Projektionen und Verschwörungstheorien. Diese sollen aufdecken, warum das Gegebene, in dem doch jeder glücklich sein sollte, das Glück verhindert. Diese scheinbare Entlarvung verdeckt nur die weiter bestehenden Gründe für Unglück und Herrschaft. Der faschistische Antisemit kennzeichnet die Juden und verwandelt sie in bloße Objekte seiner Wut. Er versucht, seine Verschwörungstheorien in der Verfolgung und Ermordung real werden zu lassen. Adorno und Horkheimer:

"Gleichgültig, wie die Juden an sich selber beschaffen sein mögen, ihr Bild trägt die Züge, denen die totalitär gewordene Herrschaft todfeind sein muss: des Glückes ohne Macht, des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein."

Genau diese Sehnsucht wird in die Juden projiziert, die angeblich so lebten, wie es allen verboten war. In der Endlösung sollte diese Sehnsucht vernichtet werden. Die Nazis hatten bereits angekündigt, nach dem erfolgreichen Mord an den Juden würden auch die Menschen einbezogen, die immer noch fühlten und dächten wie Juden. Die Projektionen finden keine Grenze, weil die Wirklichkeit nicht verändert wird.

Die Philosophin Margherita von Brentano hat 1965 die Funktion der Endlösung im Faschismus analysiert. Ihr Essay erschien in einem Sammelband zum Antisemitismus, mit dem Untertitel Zur Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft. Erst aus der Kritik der Gegenwart wurde in den 60er-Jahren in einer breiteren Öffentlichkeit die Kritik einer Vergangenheit möglich, die immer noch nicht begriffen wurde.

Margherita von Brentano verdeutlicht, dass der Antisemit dem projizierten Juden jede Wirklichkeit zuschreibt, Kapitalismus wie Sozialismus, Regierungen und Revolutionen, Reichtum und extreme Armut. Der Jude, das sei die Wirklichkeit, aus der die Endlösung befreien soll. Margherita von Brentano:

"Das Nichtjüdische, Gute, die postulierte eigene Welt, ist nicht, nicht mehr, weil die Juden sie zerstört haben, noch nicht, weil die Juden sie am Sein gehindert haben. Da das Jüdische schlechthin für alles steht, ist Herstellung des Guten Judenvernichtung und totale Destruktion in einem die 'Endlösung der Judenfrage' war die Wiederholung dessen, was ohnehin geschah: die Vernichtung der im Ganzen schlecht gesehenen Welt und Wirklichkeit. Und an die Durchführung der totalen Vernichtung am das Ganze symbolisierenden Opfer, den Juden, knüpfte sich die magische Hoffnung, dass auch der Krieg, ungeachtet dessen, dass er bereits verloren war und man es wusste, in Wahrheit, auf der höheren Ebene, auf der er den Endkampf gegen das Übel darstellte, zum Sieg führen müsse - zum Sieg, der als totale Vernichtung, einschließlich der immer schon mitgedachten Selbstvernichtung konzipiert war."

Die Gründe eines solchen Vernichtungswahns sah von Brentano darin, dass die Versprechen der Aufklärung und der Revolutionen des 19. und 20 Jahrhunderts nicht eingelöst worden waren. Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Menschen wurden nicht verwirklicht.

In der Wut über das ausbleibende Glück trotz aller Arbeit und Anstrengungen muss ein Schuldiger, der Jude, gefunden und ermordet werden, im vor sich selbst versteckten Wissen, dass auch das nichts nützen wird. Deshalb schlägt die "spätliberale Gesellschaft", so von Brentano, in die totale Gewaltherrschaft und die Endlösung des Faschismus um. Endlösung bedeute in letzter Konsequenz Selbstvernichtung.

Heutige Neonazis berufen sich offen auf die Hitlerrede von 1939, in der den Juden wegen ihrer angeblichen Kriegshetze die Ausrottung angekündigt wurde. In ihren Demonstrationen behaupten sie, Deutschland sei 1939 angegriffen worden. In einigen Staaten Europas haben inzwischen Parteien der äußersten Rechten strategische Machtpositionen besetzt.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen* hat das Fortleben der Vernichtungsutopie bis in die Gegenwart untersucht und die Erfahrung der Endlösung einbezogen. Er schreibt vom "Wahnsinn der Normalität"; Wenn wir uns zwingen lassen, uns selbst fremd zu sein, projizieren wir unser Leiden in ein Außen, das wir vernichten müssen. Nur so kann die Normalität des Gegebenen gerettet werden. Arno Gruen bezeichnet diesen mörderischen Realismus als die Krankheit der angepassten Menschen. Arno Gruen:

"Gefühle, die keine Gefühle sind, erkennt man an der Gewalttätigkeit. Darin liegt auch der Grund, warum es der Welt der Angepassten nicht möglich ist, die Gewalt einzudämmen. Um zu ihren Wurzeln zu gelangen, muss man erkennen, dass die offene Gewalt und die bestehende konformistische Gewalt von gleicher Herkunft sind."

* Arno Gruen, am 26. Mai 1923 in Berlin (jüdischer Abstammung) geboren, ist Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker, dessen Wahlheimat Zürich in der Schweiz geworden ist nach Jahrzehnten in den USA.

 

Im 2. Teil des DLF (vom 22.1.2012) zum Kapitel der Judenverfolgung wurde der Journalist und Historiker (mit weit zurückliegender türkischer Abstammung), 1947 in Heidelberg geborene Götz Haydar Aly , "interviewed" (>hier< ein Interview von 2011), der Autor des bei S.Fischer erschienenen Buches "Warum die Deutschen? Warum die Juden? - Gleichheit, Neid und Rassenhass". "

Stellungnahme zu der DLF-Sendung von Walter Rath:

Er vertrat die Meinung, dass die Mehrheit der Menschen, insbesondere in Deutschland vor allem neidisch auf die Juden (gewesen) seien; denn insbesondere nach ihrer Befreiung aus den Ghettos durch Napoleon I seien sie durch den Zugang zur Schulbildung besser ausgebildet geworden. 10% machten Abitur und Universitätsbildung mit dem Ergebnis, dann bessere Berufe und besseres Einkommen zu haben. Da nach dem mosaischen Glauben permanent zu diskutieren ist, wie die Schriften zu interpretieren seien, was die Kenntnis von Lesen und Schreiben voraussetzt, ist das natürlich ein Vorteil gegenüber den meisten Leuten christlicher Erziehung, damals mehrheitlich ohne Schulbildung und zum puren Gehorsam gebracht.

Nachdem ich die "Hexenjagd" des "Dritten Reiches" (auch das "Tausendjährige" genannt, jedoch nur von kurzer Dauer) erlebt habe und die Reaktionen meiner Mitmenschen, kann ich keinerlei Neidkomponente erinnern, sondern nur den Vorwurf, dass sich die Juden für auserwählt hielten und vor allem einem christenfeindlichen Glauben anhingen. Dabei war man genauso ablehnend jeglicher anderen Religionszugehörigkeit gegenüber. Mischehen zwischen Protestanten und Katholiken waren mindestens genau so problematisch wie mit einem jüdischen Partner. In der Regel - bis heute noch, ist bei einer Mischehe die katholische Anschauung überwältigender als die "evangelische" Abstraktion. Ganz selten dürfen die Kinder in einem protestantischen Grundgedanken aufwachsen, in dem der Mensch selbständiger ist als der katholische, in einem Umfeld der Anschauung lebende. Jedenfalls wird auch heute noch der nicht zur jeweiligen "Wir-Gruppe" Gehörende geschnitten und lächerlich gemacht. Selbst jahrelang in einer Mischehe mit halbjüdischer Partnerin gelebt, habe ich keinerlei Ablehnung aus dem jüdischen Umfeld erlebt. Wenn der Vorwurf der durch das Dritte Reich jedem Deutschen auferlegte Erbsündenschuld aufgetischt wurde, habe ich lachend gesagt, dass "ihr" (jüdischen Blutes) doch den so geliebten Heiland grausam ermordet habt. (Gottes Macht ist so geringfügig, dass er selbst das nicht verhindern konnte usw. Aber lassen wir das!) - Nein, die Neidkomponente mag zwar eine Rolle spielen, aber im Vergleich zur religiösen Starrheit und Verbohrtheit nur eine ganz geringe.

Auch kann ich Götz Aly nicht zustimmen in der Bewertung, dass der "braune" Begriff des Nationalsozialismus den meisten Zulauf aus dem Linken Feld, den Sozialdemokraten und sogar den Kommunisten verzeichnen konnte. Diese These ist nicht haltbar. Ich habe keinen Kommunisten oder Sozialdemokraten mit einer solchen Tendenz kennengelernt. Aber die "Gläubigen", gleich welcher Farbe (Couleur), schwärmten für den von der Vorsehung auserkorenen "Führer", sogar noch unter Adenauer (>hier<), nachdem er zu erkennen gegeben hatte, dass ihm die "Braune Brut" mehr ans Herz gewachsen war als jede "soziale" Bewegung, obwohl diese ihn seines geliebten Posten als Oberbürgermeister von Köln einhoben hatten.

Was den Anteil des "Liebäugelns" mit den "Nationalsozialisten" betrifft, hat schon Eugen Berthold Friedrich Brecht in seinem "Lied vom SA-Mann" andeutet*. Mehr war da nicht. Es ist schon an vielen Stellen in diesem Internetbuch aufgezeigt worden, dass weder die Kommunisten, noch die Sozialdemokraten für Hitlers "Machtergreifung" gestimmt hatten, aber die katholische Zentrumspartei unsisono (wie mit einer Stimme >hier<).

*
Als mir der Magen knurrte, schlief ich
Vor Hunger ein.
Da hört ich sie ins Ohr mir
Deutschland erwache! schrein.
Da sah ich viele marschieren
Sie sagten: ins dritte Reich.
Ich hatte nichts zu verlieren
Ich lief mit, wohin war mir gleich.
Als ich marschierte, marschierte
Neben mir ein dicker Bauch
Und als ich „Brot und Arbeit“ schrie
Da schrie der Dicke das auch.
Ich wollte nach links marschieren
Nach rechts marschierte er
Da ließ ich mich kommandieren
Und lief blind hinterher.
Und die da Hunger hatten
Marschierten matt und bleich
Zusammen mit den Satten
In irgendein drittes Reich.
Sie gaben mir einen Revolver
Sie sagten: Schieß auf unsern Feind!
Und als ich auf ihren Feind schoß
Da war mein Bruder gemeint.
Jetzt weiß ich: drüben steht mein Bruder.
Der Hunger ist 's, der uns eint
Und ich marschiere, marschiere
Mit seinem und meinem Feind.
So stirbt mir jetzt mein Bruder
Ich schlacht' ihn selber hin
Und weiß nicht, daß, wenn er besiegt ist
Ich selber verloren bin.

Christoph Heinemann: Der Historiker Götz Haydar Aly beschäftigt sich seit Langem mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Mehrere seiner Werke haben für Kontroversen gesorgt, etwa seine Deutung der 68er, denen er vorwarf, sie seien der Generation ihrer Eltern, also der Generation von 1933, ähnlicher als sie dies selbst wahrnehmen wollten. Götz Aly hat ein neues Buch vorgelegt, das heute im Buchhandel erscheint, der Titel: "Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass". Wir hören einen Auszug.

Sprecher: "Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er sich von Gott zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlte. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte geschah aus Neid und Gleichheitssucht. Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. Das zwingt zum Pessimismus. Es gibt keinen Ort des Bösen, der sich ein- für allemal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen. Wer solche Gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen Voraussetzungen betrachten, und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir heutigen."

Heinemann: Vor dieser Sendung habe ich Götz Aly gefragt, wieso er dieses Buch geschrieben hat angesichts der Fülle der Literatur über den Nationalsozialismus.

Götz Aly: Na ja, ich habe ja dazu beigetragen, dass die Werke über den Nationalsozialismus zugenommen haben, auch mit ganz gutem Erfolg, und das Hauptproblem ist: Wenn Sie Bücher über die Geschichte des deutschen Antisemitismus lesen oder Bemerkungen, Einleitungen, dann wird immer der Antisemitismus aus dem Antisemitismus erklärt, dann wird immer gesagt, der hat noch eine antisemitische Äußerung gemacht, der hat was gegen die Juden gesagt. Und das erklärt aber nichts, weil die Frage nach dem Warum ... Warum konnte das in Deutschland mit dieser Wucht und in dieser sozialen Breite entstehen und schließlich zu diesem verbrecherischen Ergebnis, nämlich dass die Vertreibung und dann die Ermordung der Juden zum Staatsziel wurde 1933, enden?

Heinemann: Und methodisch haben Sie geschrieben, Sie wollten Sichtblenden wegschieben, die den Blick auf die Vorgeschichte derart verengen, dass der Nationalsozialismus, so drücken Sie es aus, zum Fremdkörper wird. Welche Vorboten dieser NS-Zeit sind denn bisher unterbelichtet geblieben?

Aly: Die ganze Frage des Antisemitismus. Wir tun immer so, als sei das in einer ganz besonders schmutzigen Ecke der deutschen Geschichte beheimatet gewesen, also und dann sagen wir, da gab es Wilhelm Raabe und dann gab es den Hofprediger Stöcker und dann gab es einen Herrn Heinrich Claß und dann die Judenzählung im Ersten Weltkrieg, und schwups, sind wir in Auschwitz. Und diese Reduktion des Antisemitismus hat nichts mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun. Vielmehr ist es so, dass in allen Schichten der deutschen Bevölkerung sich diese Judenfeindschaft ausbildet und sehr stark ausprägt im Laufe des 19. Jahrhunderts, und zwar aus bestimmten Gründen, die man auch benennen kann und die man beschreiben kann, und dass es überhaupt nicht zweckmäßig ist, zwischen guten und bösen Deutschen dabei zu unterscheiden, weil: Insbesondere auch die deutschen Demokraten, die demokratische Nationalbewegung von 1810, '12 und dann später hin zur 48er-Revolution hat in ihren Reihen unendlich viele Judenfeinde gezählt, und der Antisemitismus bei Ernst Moritz Arndt, Turnvater Jahn und so weiter steht in nichts dem reaktionären Antisemitismus nach.

Heinemann: Wollen Sie Turnvater Jahn oder Ernst Moritz Arndt für die Gaskammern verantwortlich machen?

Aly: Nein, überhaupt nicht. Nichts an dieser Vorgeschichte ist zwingend, aber das ... und das beschreibe ich ja in dem Buch, wie sich das potenziert. Das beginnt mit der napoleonischen Besatzung, die sehr hart ist, sehr viele Menschenopfer, sehr viele wirtschaftliche Opfer fordert, darüber macht man sich heute überhaupt keine ausreichenden Gedanken; dann mit der auch daraus folgenden, unglaublich verzögerten, langsamen, hängenden Entwicklung der Deutschen, was die Modernisierung, was die industrielle Revolution betrifft; dann dieses krampfartige, schnelle aufholen im zweiten deutschen Reich, also in der Kaiserzeit nach 1870, '71; dann diese Anspannung im Ersten Weltkrieg - und da, im Druckgefäß des Ersten Weltkrieges, entsteht auch dieser spezifische deutsche Nationalismus, und das ist immer gepaart, auch der Neid gegenüber den Juden, mit dem eigenen Schwächegefühl. Man muss sich doch klar machen: Um 1900 haben Juden zehn Mal so oft Abitur gemacht wie deutsche Christen, zehn Mal so oft, und sie haben im Durchschnitt - das ist statistisch damals berechnet worden - vor dem Ersten Weltkrieg fünf Mal so viel verdient wie deutsche Christen. Diese Phänomene und die sozialen Spannungen, der Hass und der Neid - und das macht den spezifischen deutschen Antisemitismus aus -, ... Und man braucht den Antisemitismus nicht mehr auf den Antisemitismus zurückzuführen, sondern man kann sagen: Es sind bestimmte Phänomene und Ursachen in der deutschen Geschichte, und ich würde sagen, insbesondere die Rückständigkeit der deutschen Bildungsinstitutionen, vor allem der elementaren, und die gleichzeitige Gewährung der wirtschaftlichen Freiheit an die Juden 1808, '12. Die gab es natürlich auch für die Mehrheitsdeutschen, die christlichen Deutschen, aber die wussten davon nichts anzufangen, die hatten Angst vor Freiheit und Gewerbefreiheit, die fühlten sich in den alten, gewissermaßen leibeigenen, behüteten zünftischen Umständen wohl.

Heinemann:
Sie sprachen von Neid und Missgunst. Kann man damit den Völkermord der Nationalsozialisten begründen?

Aly: Na, ich finde, dass man mal über Neid einfach reden kann. Das ist dieser offensichtliche Rückstand, das ist dieses Gefühl der Schwäche, mangelnder Schlagfertigkeit, mangelnder wirtschaftlicher Intelligenz, nicht genügender Geistesgegenwart, das die Mehrheit der deutschen Christen gegenüber diesen voranschreitenden, in die Moderne stürmenden Juden empfindet. Und dass dann Neid entsteht, ist nämlich ein verborgenes Gefühl, das man sich selber nicht eingesteht. Und dann flüchtet man ins Kollektiv, weil man nur so genügend Stärke für sich selber erwerben kann, macht den anderen, den Beneideten schlecht, und freut sich - da man sich den Neid selber nicht eingesteht -, wenn andere sozusagen dem Beneideten Nachteiliges zufügen.

Heinemann: Wieso führten solche niederen Instinkte in anderen Staaten nicht zu einer vergleichbaren Katastrophe? Auch Italien zum Beispiel ist eine verspätete Nation, die zu einer großen Aufholjagd ansetzt.

Aly: Ja, aber Sie haben es da natürlich mit viel weniger Juden zu tun, es sind ein paar sephardische Juden in Livorno und Rom, das ist überhaupt kein Vergleich. Und die Eigenmobilisierung eben des italienischen Bürgertums und auch sozusagen das Erringen der eigenen nationalen Freiheit gegenüber Frankreich, gegenüber der Habsburgischen Monarchie und auch dem Kirchenstaat, dem Papsttum, das geschieht eben mit großem Elan und führt zu eigener nationaler Stärke, während umgekehrt die Deutschen im Grunde immer dieses Schwächegefühl ... Die wissen immer gar nicht, was deutsch ist. Gerade im Aufholen entsteht dieser Nahhass, dieser fürchterliche Neid. Es wird nur heute immer weggedrückt, weil wir die Ursachen für den deutschen Antisemitismus komplizierter oder anders machen wollen als sie wirklich waren. Wir wollen uns nämlich nicht eingestehen, dass dem Gefühle zugrunde liegen, die wir heute noch selber haben, die wir an uns selber kennen, und das holt dieses Verbrechen näher. Das macht uns klar, dass diejenigen - das sind ja unsere christlichen Vorväter insoweit -, die es begangen haben, uns ähnlicher sind, als uns lieb sein kann.

Heinemann: Und deshalb lassen Sie in Ihrer Darstellung immer wieder auch das Vorbildliche und aber auch das Fehlerhafte Ihrer eigenen Vorfahren einfließen. Sollte die Nazizeit stärker in den deutschen Familiengeschichten gespiegelt werden?

Aly: Wenn es eine Massenerscheinung war, der deutsche Antisemitismus - und das ist mein sicheres wissenschaftliches Gefühl, wenn Sie so wollen -, dann muss ich das in der eigenen Familie finden. Und dann will ich auch darüber Rechenschaft ablegen, wobei ich denke, das sind durchschnittliche Familienverhältnisse aus sehr unterschiedlichen Bevölkerungsschichten und Hintergründen, die ich da dokumentiere, das sind etwa sieben Prozent des Buchtextes. Und es dient eigentlich der Anregung für die Leser und Leserinnen, auch für Sie, über die eigenen Familien nachzudenken und sich zu fragen, ja, was haben die damals gemacht, wo waren die eingesetzt, wie haben die wohl gedacht? Das sind Fragen, die man sich stellen kann.

Heinemann: Herr Aly, Sie schreiben in der Einleitung, dass ein Teil der historischen Forschung - Sie nennen die Theorien über den Faschismus und die Diktatur - den Holocaust in sorgfältig einhegender Weise auf Distanz hielten. Inwiefern?

Aly: Das merken Sie doch jeden Tag, allein schon, wenn Sie die Ausdrucksweise lesen. Also da ist irgendeine Gemeinde, da wurden dann mal die Juden vertrieben oder enteignet, und diese Gemeinde hat 4000 Einwohner, und dann heißt es an der Gedenkstätte oder in der Erinnerungsschrift für die Juden: "Dann kamen die Nationalsozialisten und haben ... " Ja, wer sind denn nun die Nationalsozialisten? Was soll das? Oder "die SS-Täter", oder "das NS-Regime" - wer ist denn das? Ja, meine Verwandten sind das NS-Regime nicht. Aber wenn Sie mich fragen: Gab es in meiner Verwandtschaft jemanden, der gesagt hat, ein jüdisches Kaufhaus, da gehen wir nicht hin - dann muss ich Ihnen leider sagen, ja. Gab es in meiner Verwandtschaft jemanden im Ersten Weltkrieg, der in Feldpostbriefen geschrieben hat, hier ist ein Jude, der drückt sich vor dem Fronteinsatz - dann kann ich Ihnen sagen, ja. Und ich glaube, dass man das sich klar machen muss, dass dieses Grundgefühl, dass da Juden sind, die sich vorangedrängt haben und die es irgendwie besser haben als man selber und nicht so hart gearbeitet haben, und das versuche ich ja zu schildern an den vielen Dokumenten, die ich aufführe, wie das entstanden ist - wenn man dann sagt, na ja, also wenn der Staat denen mal eins oben drauf gibt, und wenn er sie im Krieg zur Zwangsarbeit deportiert, weit weg, dann geschieht es denen irgendwie recht, und für die brauchen wir uns ganz bestimmt nicht zu engagieren -, dieses Grundgefühl, wie das in der deutschen Gesellschaft, und zwar schichtenübergreifend, in allen Schichten der deutschen Bevölkerung entstanden ist, darum geht es auch in dem Buch.

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