Judenverfolgung - Die organisierte Endlösung
Konformistische Gewalt oder Defekt (als Schadhaftigkeit) der angepassten Menschen
(>Hier<
Teil 2 und >hier< ein DLF-Interview vom 18.7.11
zwischen
Christoph Heinemann mit dem Historiker Götz Haydar Aly)
>Hier< das Lied vom SA-Mann von B. Brecht

Der Remer-Prozess gegen den 1912 geborenen Exgeneral und Holocaustleugner Otto Ernst Remer fand im März 1952 vor der Dritten Großen Strafkammer des Landgerichts der Stadt Braunschweig statt wegen übler Nachrede (§ 186 des Strafgesetzbuches) und Verunglimpfung (§ 189) des Andenkens Verstorbener. Das Urteil erregte große Aufmerksamkeit, weil darin posthum die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 rehabilitiert wurden. Übrigens war von der Adenauerregierung der Witwe des Attentäters Claus Graf Stauffenberg, der den "Führer" in die Luft sprengen wollte, bis zum Ausgang dieses Prozesses die Offizierswitwenrente verweigert worden. Remer wurde zu einer Haftstrafe von drei Monaten (weit unter 2 Jahren nach Strafgesetzbuch) verurteilt. Er entzog sich der Strafe durch Flucht zum faschistischen Franco, der bis zu seinem Tode 1975 das gläubig katholische Spanien völlig ungestört regierte.
Auf der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942, kamen
vor siebzig Jahren in Berlin 15 hochrangige Vertreter
von nationalsozialistischen Reichsbehörden und Parteidienststellen
zusammen, um unter Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard
Heydrich den begonnenen Holocaust an den Juden im Detail zu
organisieren und die Zusammenarbeit aller Instanzen dabei
sicherzustellen. Der in Israel zum Tode verurteilte (und als
einziger dort Ende 1961 hingerichtete) Eichmann war der Protokollführer der
Wannsee-Konferenz. Sein Chef Hans Josef Maria Globke, ehemals Mitglied
der katholischen Zentrumspartei*, wurde vom obersten Gericht (OG) der DDR mit
Urteil vom 23.Juli
1963 in Abwesenheit mit lebenslanger Haft belegt. Im selben Jahr, am 15.
Oktober 1963, vier Tage nachdem Adenauer sein Amt niedergelegt hatte, wurde
Globke auf Vorschlag seines ehemaligen Chefs vom damaligen Bundespräsidenten
Heinrich Lübke das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik
Deutschland verliehen. Globke blieb auch weiterhin für Adenauer beratend
aktiv..
* sein Antrag auf NSDAP-Mitgliedschaft wurde wegen seiner früheren
Zugehörigkeit zur Deutschen Zentrumspartei 1943 endgültig abgelehnt.
Nach der Pensionierung beschloss Globke, in die Schweiz überzusiedeln. Die Schweizer Regierung erklärte ihn aber zu einem unerwünschten Ausländer und erteilte ihm ein Einreiseverbot..
Die "Besprechung über die Endlösung der Judenfrage", so das von
Adolf Eichmann verfasste (Wannsee-)Konferenzprotokoll, fand am 20.01.1942
statt, in einer Villa "Am Großen Wannsee Nr:56/58". Der Chef des
Reichssicherheitshauptamtes, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich,
hatte zum "Arbeitsfrühstück" eingeladen.
Diese Konferenz bedeutete nicht den Beginn der Endlösung. Bereits am
31. Juli 1941, kurz nach dem Angriff auf die Sowjetunion, war
Heydrich von Hermann Göring mit der "Endlösung" beauftragt worden:
"Ich beauftrage Sie einen Gesamtentwurf
über die organisatorischen, sachlichen und materiellen
Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der
Judenfrage vorzulegen."
Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 markiert
den Wendepunkt zur Endlösung. Nur einen Tag später wurden kurz
hinter der sowjetischen Grenze über 200 jüdische Bewohner von einem
Polizeikommando aus der benachbarten deutschen Grenzregion
erschossen. Zuvor mussten die Juden ihren Besitz abgeben und Gräber
ausheben. Einen Tag später ermordete das Polizeikommando weitere
Juden, Männer, Frauen und Kinder. Diese Arbeit war noch ungewohnt.
Die deutschen Polizisten trösteten sich gegenseitig. Der Mord war
für sie Voraussetzung einer besseren Zukunft.
Gerechtfertigt wurden diese und andere sogenannten
"Befriedungsaktionen" mit der behaupteten jüdischen Leitung des
Kommunismus in der Sowjetunion. Himmler, Heydrich und der Chef der
Ordnungspolizei, Kurt Daluege, bereisten die Frontgebiete und regten
weitere Morde an. So hielt Kurt Daluege am 9. Juli vor Polizisten in
Bialystock eine Rede über die "Niederringung des Weltfeindes, des
Bolschewismus". Mindestens 1000 jüdische Menschen wurden am Ort
erschossen.
Rechtzeitig vor Beginn des Angriffs gegen die Sowjetunion waren im
September 1940 zwei Filme uraufgeführt worden: Jud Süß und der Der
ewige Jude. Die auch bei der Truppenbetreuung eingesetzten Filme
wurden ein Publikumserfolg. Bis Ende 1943 werden über zwanzig
Millionen Menschen Jud Süß sehen.
Schon vor 1941, bei der Besetzung Polens und anderer Länder, waren
"Einsatzgruppen" für besondere Aufgaben gebildet worden. Mit dem
Beginn des Angriffs gegen die Sowjetunion werden vier Einsatzgruppen
zusammengestellt: SS-Angehörige und Polizeieinheiten aus dem ganzen
Reich unter der Leitung von Heydrich, die eng mit der Wehrmacht
zusammenarbeiteten. Diese Einsatzgruppen werden nach Überschreiten
der Grenze planmäßig Juden erschießen.
Der Befehlshaber der Einsatzgruppe D Otto Ohlendorf:
"Himmler erklärte, dass ein wichtiger
Teil unserer Aufgabe in der Beseitigung von Juden, Frauen und
Kinder, und kommunistischen Funktionäre bestünde. Ich wurde etwa
vier Wochen vor dem Angriff auf Russland benachrichtigt."
In Ereignismeldungen ist die Anzahl der Ermordeten vermerkt. Unter
dem Datum vom 28. September 1941 heißt es über den Einmarsch in
Kiew:
"Bei den ersten Aktionen 1.600
Festnahmen. 150.000 Juden vorhanden. Maßnahmen eingeleitet zur
Erfassung des gesamten Judentums. Exekution von mindestens 50.000
Juden vorgesehen. Wehrmacht begrüßt Maßnahme und erbittet radikales
Vorgehen."
Ende September wurden in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew über
33.000 Menschen erschossen.
Am 10. Oktober 1941 schrieb ein Wiener Polizeisekretär an seine
Frau:
"Bei den ersten Wagen hat mir etwas die
Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt das: Beim zehnten
Wagen zielte ich schon ruhig und schoss sicher auf die vielen Frauen, Kinder und
Säuglinge. Eingedenk dessen, dass ich auch zwei Säuglinge daheim habe, mit denen
es diese Horden genau so, wenn nicht zehnmal ärger machen würden. Nur weg mit
dieser Brut, die ganz Europa in den Krieg gestürzt hat und jetzt auch noch in
Amerika schürt."
Die Planungen in Deutschland hatten begonnen. Ab Oktober 1941 wurde
den Juden die Auswanderung verboten. Das Reichsfinanzministerium
unterrichtete die Oberfinanzdirektionen über die bevorstehenden
Deportationen. Die Finanzämter erhielten genaue Anweisungen über die
Einziehung und Verwertung des jüdischen Vermögens. Die elfte
Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom November 1941 regelte die
rechtlichen Rahmenbedingungen: Das Eigentum der Deportierten wird
zugunsten des Reiches eingezogen. Die Deportierten gelten jetzt als
Staatsfeinde.
Die systematische Abschiebung begann, zunächst in das Getto von Lodz
im früheren Polen. Aus Berlin wurden am 18., am 24.und am 29.
Oktober über 3000 Juden deportiert, aus Frankfurt am Main am 20.
Oktober, aus Köln am 22. und am 30. Oktober, aus Düsseldorf am 27.
Oktober jeweils über 1000 Menschen.
Inzwischen war, etwa in Minsk, durch Erschießungsaktionen Platz für
die deutschen Juden geschaffen worden. Im November 1941 gingen
Großtransporte in das Getto von Minsk. Ab jetzt wurden deportierte
Juden auch gleich bei ihrer Ankunft ermordet, so am 30.11.1941 über
1000 Juden aus Berlin. Bis Ende 1941 verzeichneten die vier
Einsatzgruppen fast 500.000 ermordete Juden.
Erschießungen blieben hinter den technischen Möglichkeiten zurück.
Bei den Vergasungen von Geisteskranken war dagegen eine Möglichkeit
der Industrialisierung des Massenmords erprobt worden. Die Experten
dieser T4-Aktion boten ihr Wissen im eroberten Osten an, zunächst
mit Vergasungswagen im Herbst 1941.
Der Bau der Vernichtungslager und die Erprobungen der Gaskammern
begannen.
Der Minister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg,
informierte im November 1941 die deutsche Presse:
"Im Osten leben noch etwa sechs
Millionen Juden, und diese Frage kann nur gelöst werden in einer
biologischen Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa. Wir haben
vorzubeugen, dass nicht ein romantisches Geschlecht in Europa die
Juden wieder aufnimmt und dazu ist es nötig, sie über den Ural zu
drängen oder sonst irgendwie zur Ausmerzung zu bringen."
Das "Mitteilungsblatt für die weltanschauliche Schulung der
Ordnungspolizei" fasste die neuen Möglichkeiten einer Endlösung zum
Jahresende 1941 zusammen:
"Die gewaltigen Räume des Ostens, die
Deutschland und Europa nun zur Kolonisation zur Verfügung stehen,
ermöglichen in naher Zukunft auch die endgültige Lösung des
jüdischen Problems. Was noch vor zwei Jahren unmöglich erschien,
wird nun Schritt für Schritt Wirklichkeit: Am Ende des Krieges steht
das judenfreie Europa."
Heydrich hatte bereits für das Jahresende 1941 eine Konferenz
einberufen, auf der die weiteren Schritte der Endlösung koordiniert
werden sollten. Eingeladen waren Vertreter der Ministerialbürokratie
und des Sicherheitsapparates. Das Auswärtige Amt verfasste für die
geplante Sitzung einen Vorschlag: Die anderen europäischen Länder
sollten veranlasst werden, die dort lebenden Juden zu deportieren.
Die Gegenoffensive der Roten Armee vor Moskau und der Kriegseintritt
der USA führten zur Verschiebung der Konferenz auf den 20. Januar
1942.
Die jetzt veränderte Kriegslage radikalisierte die Forderungen nach
einer Endlösung. Ein schneller Kriegserfolg war nicht mehr zu
erwarten. Eine Abschiebung der Juden über den Ural war vorerst auch
nicht möglich. Gleichzeitig stieg die Zahl der deutschen Gefallenen.
Der schon immer Schuldige, der Jude, musste nun endgültig in ganz
Europa vernichtet werden. Joseph Goebbels berichtet in seinem
Tagebuch über einen Empfang Hitlers in seiner Privatwohnung für die
Gauleiter und anderen Spitzen der Partei am 12. Dezember 1941:
"Bezüglich der Judenfrage ist der Führer
entschlossen, reinen Tisch zu machen. Wir sind nicht dazu da,
Mitleid mit den Juden, sondern nur Mitleid mit unserem deutschen
Volk zu haben. Wenn das deutsche Volk jetzt wieder im Ostfeldzug
160.000 Tote geopfert hat, so werden die Urheber dieses blutigen
Konflikts dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen."
Vier Tage später hielt Hans Frank, Chef des Generalgouvernements,
eine Rede vor seinen Abteilungsleitern und bezieht sich auf dieses
Treffen bei Hitler:
"Wir haben im Generalgouvernement
schätzungsweise 3,5 Millionen Juden. Diese 3,5 Millionen können wir
nicht erschießen, wir können sie nicht vergiften, werden aber
trotzdem Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu einem
Vernichtungserfolg führen."
Frank kündigt in dieser Rede auch die Berliner Konferenz unter der
Leitung von Heydrich an, zu der er einen Vertreter entsenden würde.
Die Einladungen zur Konferenz wurden von Heydrich am 8. Januar 1942
verschickt. Sie gingen an Vertreter des Innenministeriums, des
Auswärtigen Amts, des Generalgouvernements, des Ministeriums für die
besetzten Ostgebiete, des "Beauftragten für den Vierjahresplan", des
Justizministeriums, der Reichskanzlei und an SS-Führer, die bereits
praktische Erfahrungen mit der Endlösung gesammelt hatten. Adolf
Eichmann, der Judenreferent bei Heydrich, führte Protokoll.
Stenotypistinnen und Ordonnanzen waren anwesend.
Heydrich eröffnete die Konferenz mit einer Ansprache. Er verwies zu
Beginn, auf die Anordnung Görings vom Juli 1941 "eine "Endlösung der
europäischen Judenfrage" zu organisieren. An die Stelle der
bisherigen Auswanderung träte nun die Evakuierung in den Osten
Europas. In einer Tabelle waren die Länder Europas mit der Anzahl
der dort lebenden Juden vermerkt, auch Länder, die noch zu besetzen
waren:
So England mit 330.000 Juden, Irland mit 4000, Schweden mit 8000,
die Schweiz mit 18.000, Spanien mit 6000, der europäische Teil der
Türkei mit 55.000 und die Sowjetunion bis zum Ural mit fünf
Millionen Juden. Bei Estland stand in der Tabelle "judenfrei", hier
war die "Endlösung" bereits erfolgreich gewesen. Vermerkt wird im
Protokoll:
"Im Zuge dieser Endlösung der
europäischen Judenfrage kommen rund elf Millionen in Betracht."
Diese Zahl sei aber eher zu niedrig angesetzt:

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (Bild: AP Archiv) und heute:

http://www.welt.de/multimedia/archive/00389/auschwitz_2_DW_Kult_389115p.jpg



Nach Befreiung (http://www.n-tv.de/img/78/788159/O_1000_680_680_2pzs0456.jpg6343396415738728061.jpg )
Ende 1941 war in der unmittelbaren Nachbarschaft des KZ Auschwitz
die "Geburt der neuen deutschen Stadt Auschwitz" begrüßt worden.
Bisher hatten in der Stadt überwiegend Juden gelebt. In der
umgebauten Stadt werden jetzt SS-Angehörige und deutsche
Facharbeiter vor allem der IG Farben mit ihren Familien wohnen. In
dieser sogenannten "Musterstadt", einer Utopie auf der Basis der
Endlösung, unterstützte der Staat die Bewohner mit
Steuererleichterungen, Ausbildungsbeihilfen und Familienprogrammen.
Auszubildende der IG Farben siedelten in Auschwitz und galten als
Garanten der Zukunft.
Der Architekt pries den, so wörtlich, "anheimelnden" Charakter des
neuen Stadtplans mit verkehrsstillen Wohnstraßen und Gartenanlagen.
Auf Wunsch Himmlers wurden Methoden der rationellen Müllverwertung
und einer biologisch-dynamischen Klärweise getestet. Eine
"Stadtlandschaft" sollte entstehen. Der Stadtplaner fasste die Ziele
zusammen:
" ... ein Stück versteppter
Erdoberfläche zu einer wirklichen Kulturlandschaft gestalten und das
geschändete Angesicht dieses Landes wieder der Gesundung zuzuführen,
um das Ziel allen Planens zu erreichen: deutschen Menschen einen
Boden bereiten, der ihnen und ihren Kindern ein neues Stück
Heimaterde werden soll."
1943 war dann in der örtlichen Presse zu lesen:
"Auschwitz wird wieder deutsch und
schön."
Die Endlösung wird in den Lagern fortgesetzt bis kurz vor der
Befreiung. Am 25. Januar 1945, 48 Stunden vor dem Eintreffen der
Roten Armee, wurden in Auschwitz noch 300 kranke jüdische Häftlinge
ermordet, die nicht evakuiert werden konnten.
Das Ende von Auschwitz bedeutete aber nicht das Ende des
Massenmords.
Die Vernichtungsexperten aus Auschwitz konnten im Februar 1945 im KZ
Ravensbrück noch eine Gaskammer bauen. Unmittelbar bis zur Räumung
des KZ wurden mehr als 2000 Menschen ermordet. Genaue Unterschiede
zwischen jüdischen und nicht jüdischen Häftlingen fielen fort.
Die Firma Topf & Söhne* entwarf noch im Februar 1945 für das KZ
Mauthausen Pläne für den Wiederaufbau der Krematorien, die sie schon
in Auschwitz errichtet hatte. Diese Pläne konnten nicht mehr
verwirklicht werden.
*
Topf & Söhne, 1878 gegründet, beteiligte sich
aktiv an der Vernichtungsmaschinerie, in dem die Firma die
Belüftungsanlagen der Gaskammern in Auschwitz entwickelte und
installierte.
Die Todesmärsche der völlig entkräfteten Häftlinge von Lager zu
Lager entwickelten sich zur wilden Endlösung durch SS-Einheiten,
Volkssturmmänner und Angehörigen der Hitlerjugend.
Der Führer einer Volkssturmkompagnie am Abend des 6. April 1945 zu
seinen Männern:
"Die Alarmkompagnie wurde angewiesen,
morgen einen Judentransport zu übernehmen. Diese Hunde und Schweine
verdienen alle, erschossen zu werden."
Noch am 8. März 1945 erreichte ein Deportationszug aus Wien mit über
1000 Menschen das KZ Theresienstadt. Der letzte Deportationszug
brachte am 15. April 1945 weitere 77 Menschen nach Theresienstadt.
Der Krieg war vorbei.
Die Distanzierung begann sofort im Sommer 1945, nicht eine
Distanzierung vom Massenmord, sondern von angeblich wenigen
Nazitätern, die in einem unbegreiflichen Jenseits des Bösen
verschwanden. Niemand war es gewesen. Die Alliierten zwangen die
Deutschen, genau hinzusehen, sie wurden vor die Leichen geführt.
Nationale Integration erschien nur noch möglich in einer kollektiven
Selbstentlastung. Das Grauen war von angeblichen Nichtmenschen
verursacht worden, die alle Deutschen terrorisiert hätten. Diese
Entlastung fiel umso leichter, als die Muster dieser Nazisadisten
direkt aus der Charakterisierung des "jüdischen Untermenschen"
stammten. In der Presse war über diese Nazitäter zu lesen:
"Fratze des Tiermenschen … ekelhaftes
Häuflein von Henkersknechten … verkrachte Gestalten."
Die Volksgemeinschaft sollte intakt bleiben, die angeblich nur
wenigen nazistischen Täter kamen von außen, aus einem Untergrund des
Bösen jenseits der deutschen Zivilisation.
Die wenigen zurückkehrenden Juden erlebten eine andere Wirklichkeit.
Sie trafen oft auf Feindschaft, Unverständnis und Ausgrenzung. Sie
wurden als unangenehme Zeugen wahrgenommen, die auch noch ihr
enteignetes Hab und Gut von den ehemaligen "Volksgenossen"
zurückforderten.
Die Endlösung blieb unbegriffen, weil die Normalität nicht infrage
gestellt werden sollte. Thematisiert wurde diese Verdrängung
zunächst von Menschen, die vor der Endlösung aus Deutschland
geflohen waren.
Bereits 1944 erschien in den USA die Dialektik der Aufklärung von
Theoder W. Adorno und Max Horkheimer. Sie analysierten die "Grenzen
der Aufklärung", die sich radikal im Vernichtungsantisemitismus
gezeigt hätten:
"Die Juden sind heute die Gruppe, die
praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den
die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert."
Mit den Juden wurde eine Gruppe erfunden, die für jedes Leid
verantwortlich gemacht werden sollte. Die reale Aufklärung über die
Bedingungen gesellschaftlicher Ungleichheit wird ersetzt durch die
Projektion allen Unglücks auf die Juden. Eine Aufklärung, die das
Gegebene bloß widerspiegelt und nicht verändert, bleibt anfällig für
Projektionen und Verschwörungstheorien. Diese sollen aufdecken,
warum das Gegebene, in dem doch jeder glücklich sein sollte, das
Glück verhindert. Diese scheinbare Entlarvung verdeckt nur die
weiter bestehenden Gründe für Unglück und Herrschaft. Der
faschistische Antisemit kennzeichnet die Juden und verwandelt sie in
bloße Objekte seiner Wut. Er versucht, seine Verschwörungstheorien
in der Verfolgung und Ermordung real werden zu lassen. Adorno und
Horkheimer:
"Gleichgültig, wie die Juden an sich
selber beschaffen sein mögen, ihr Bild trägt die Züge, denen die
totalitär gewordene Herrschaft todfeind sein muss: des Glückes ohne
Macht, des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein."
Genau diese Sehnsucht wird in die Juden projiziert, die angeblich so
lebten, wie es allen verboten war. In der Endlösung sollte diese
Sehnsucht vernichtet werden. Die Nazis hatten bereits angekündigt,
nach dem erfolgreichen Mord an den Juden würden auch die Menschen
einbezogen, die immer noch fühlten und dächten wie Juden. Die
Projektionen finden keine Grenze, weil die Wirklichkeit nicht
verändert wird.
Die Philosophin Margherita von Brentano hat 1965 die Funktion der
Endlösung im Faschismus analysiert. Ihr Essay erschien in einem
Sammelband zum Antisemitismus, mit dem Untertitel Zur Pathologie der
bürgerlichen Gesellschaft. Erst aus der Kritik der Gegenwart wurde
in den 60er-Jahren in einer breiteren Öffentlichkeit die Kritik
einer Vergangenheit möglich, die immer noch nicht begriffen wurde.
Margherita von Brentano verdeutlicht, dass der Antisemit dem
projizierten Juden jede Wirklichkeit zuschreibt, Kapitalismus wie
Sozialismus, Regierungen und Revolutionen, Reichtum und extreme
Armut. Der Jude, das sei die Wirklichkeit, aus der die Endlösung
befreien soll. Margherita von Brentano:
"Das Nichtjüdische, Gute, die
postulierte eigene Welt, ist nicht, nicht mehr, weil die Juden sie
zerstört haben, noch nicht, weil die Juden sie am Sein gehindert
haben. Da das Jüdische schlechthin für alles steht, ist Herstellung
des Guten Judenvernichtung und totale Destruktion in einem die
'Endlösung der Judenfrage' war die Wiederholung dessen, was ohnehin
geschah: die Vernichtung der im Ganzen schlecht gesehenen Welt und
Wirklichkeit. Und an die Durchführung der totalen Vernichtung am das
Ganze symbolisierenden Opfer, den Juden, knüpfte sich die magische
Hoffnung, dass auch der Krieg, ungeachtet dessen, dass er bereits
verloren war und man es wusste, in Wahrheit, auf der höheren Ebene,
auf der er den Endkampf gegen das Übel darstellte, zum Sieg führen
müsse - zum Sieg, der als totale Vernichtung, einschließlich der
immer schon mitgedachten Selbstvernichtung konzipiert war."
Die Gründe eines solchen Vernichtungswahns sah von Brentano darin,
dass die Versprechen der Aufklärung und der Revolutionen des 19. und
20 Jahrhunderts nicht eingelöst worden waren. Freiheit, Gleichheit
und Gerechtigkeit für alle Menschen wurden nicht verwirklicht.
In der Wut über das ausbleibende Glück trotz aller Arbeit und
Anstrengungen muss ein Schuldiger, der Jude, gefunden und ermordet
werden, im vor sich selbst versteckten Wissen, dass auch das nichts
nützen wird. Deshalb schlägt die "spätliberale Gesellschaft", so von
Brentano, in die totale Gewaltherrschaft und die Endlösung des
Faschismus um. Endlösung bedeute in letzter Konsequenz
Selbstvernichtung.
Heutige Neonazis berufen sich offen auf die Hitlerrede von 1939, in
der den Juden wegen ihrer angeblichen Kriegshetze die Ausrottung
angekündigt wurde. In ihren Demonstrationen behaupten sie,
Deutschland sei 1939 angegriffen worden. In einigen Staaten Europas
haben inzwischen Parteien der äußersten Rechten strategische
Machtpositionen besetzt.
Der Psychoanalytiker Arno Gruen* hat das Fortleben der
Vernichtungsutopie bis in die Gegenwart untersucht und die Erfahrung
der Endlösung einbezogen. Er schreibt vom "Wahnsinn der Normalität";
Wenn wir uns zwingen lassen, uns selbst fremd zu sein, projizieren
wir unser Leiden in ein Außen, das wir vernichten müssen. Nur so
kann die Normalität des Gegebenen gerettet werden. Arno Gruen
bezeichnet diesen mörderischen Realismus als die Krankheit der
angepassten Menschen. Arno Gruen:
"Gefühle, die keine Gefühle sind,
erkennt man an der Gewalttätigkeit. Darin liegt auch der Grund,
warum es der Welt der Angepassten nicht möglich ist, die Gewalt
einzudämmen. Um zu ihren Wurzeln zu gelangen, muss man erkennen,
dass die offene Gewalt und die bestehende konformistische Gewalt von
gleicher Herkunft sind."
* Arno Gruen, am 26. Mai 1923 in Berlin (jüdischer Abstammung) geboren, ist Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker, dessen Wahlheimat Zürich in der Schweiz geworden ist nach Jahrzehnten in den USA.
Im 2. Teil des DLF
(vom 22.1.2012) zum Kapitel der Judenverfolgung wurde der Journalist und Historiker
(mit weit zurückliegender türkischer Abstammung), 1947 in Heidelberg geborene Götz
Haydar Aly ,
"interviewed" (>hier< ein Interview von 2011), der Autor des bei S.Fischer erschienenen Buches
"Warum die
Deutschen? Warum die Juden? - Gleichheit, Neid und Rassenhass". "
Stellungnahme zu der DLF-Sendung von Walter Rath:
Er vertrat die Meinung, dass die Mehrheit der Menschen, insbesondere in Deutschland vor allem neidisch auf die Juden (gewesen) seien; denn insbesondere nach ihrer Befreiung aus den Ghettos durch Napoleon I seien sie durch den Zugang zur Schulbildung besser ausgebildet geworden. 10% machten Abitur und Universitätsbildung mit dem Ergebnis, dann bessere Berufe und besseres Einkommen zu haben. Da nach dem mosaischen Glauben permanent zu diskutieren ist, wie die Schriften zu interpretieren seien, was die Kenntnis von Lesen und Schreiben voraussetzt, ist das natürlich ein Vorteil gegenüber den meisten Leuten christlicher Erziehung, damals mehrheitlich ohne Schulbildung und zum puren Gehorsam gebracht.
Nachdem ich die "Hexenjagd" des "Dritten Reiches" (auch das "Tausendjährige" genannt, jedoch nur von kurzer Dauer) erlebt habe und die Reaktionen meiner Mitmenschen, kann ich keinerlei Neidkomponente erinnern, sondern nur den Vorwurf, dass sich die Juden für auserwählt hielten und vor allem einem christenfeindlichen Glauben anhingen. Dabei war man genauso ablehnend jeglicher anderen Religionszugehörigkeit gegenüber. Mischehen zwischen Protestanten und Katholiken waren mindestens genau so problematisch wie mit einem jüdischen Partner. In der Regel - bis heute noch, ist bei einer Mischehe die katholische Anschauung überwältigender als die "evangelische" Abstraktion. Ganz selten dürfen die Kinder in einem protestantischen Grundgedanken aufwachsen, in dem der Mensch selbständiger ist als der katholische, in einem Umfeld der Anschauung lebende. Jedenfalls wird auch heute noch der nicht zur jeweiligen "Wir-Gruppe" Gehörende geschnitten und lächerlich gemacht. Selbst jahrelang in einer Mischehe mit halbjüdischer Partnerin gelebt, habe ich keinerlei Ablehnung aus dem jüdischen Umfeld erlebt. Wenn der Vorwurf der durch das Dritte Reich jedem Deutschen auferlegte Erbsündenschuld aufgetischt wurde, habe ich lachend gesagt, dass "ihr" (jüdischen Blutes) doch den so geliebten Heiland grausam ermordet habt. (Gottes Macht ist so geringfügig, dass er selbst das nicht verhindern konnte usw. Aber lassen wir das!) - Nein, die Neidkomponente mag zwar eine Rolle spielen, aber im Vergleich zur religiösen Starrheit und Verbohrtheit nur eine ganz geringe.
Auch kann ich Götz Aly nicht zustimmen in der Bewertung, dass der "braune" Begriff des Nationalsozialismus den meisten Zulauf aus dem Linken Feld, den Sozialdemokraten und sogar den Kommunisten verzeichnen konnte. Diese These ist nicht haltbar. Ich habe keinen Kommunisten oder Sozialdemokraten mit einer solchen Tendenz kennengelernt. Aber die "Gläubigen", gleich welcher Farbe (Couleur), schwärmten für den von der Vorsehung auserkorenen "Führer", sogar noch unter Adenauer (>hier<), nachdem er zu erkennen gegeben hatte, dass ihm die "Braune Brut" mehr ans Herz gewachsen war als jede "soziale" Bewegung, obwohl diese ihn seines geliebten Posten als Oberbürgermeister von Köln einhoben hatten.
Was den Anteil des "Liebäugelns" mit den "Nationalsozialisten" betrifft, hat schon Eugen Berthold Friedrich Brecht in seinem "Lied vom SA-Mann" andeutet*. Mehr war da nicht. Es ist schon an vielen Stellen in diesem Internetbuch aufgezeigt worden, dass weder die Kommunisten, noch die Sozialdemokraten für Hitlers "Machtergreifung" gestimmt hatten, aber die katholische Zentrumspartei unsisono (wie mit einer Stimme >hier<).
| * |
| Als mir der Magen knurrte, schlief ich Vor Hunger ein. Da hört ich sie ins Ohr mir Deutschland erwache! schrein. |
| Da sah ich viele marschieren Sie sagten: ins dritte Reich. Ich hatte nichts zu verlieren Ich lief mit, wohin war mir gleich. |
| Als ich marschierte, marschierte Neben mir ein dicker Bauch Und als ich „Brot und Arbeit“ schrie Da schrie der Dicke das auch. |
| Ich wollte nach links marschieren Nach rechts marschierte er Da ließ ich mich kommandieren Und lief blind hinterher. |
| Und die da Hunger hatten Marschierten matt und bleich Zusammen mit den Satten In irgendein drittes Reich. |
| Sie gaben mir einen Revolver Sie sagten: Schieß auf unsern Feind! Und als ich auf ihren Feind schoß Da war mein Bruder gemeint. |
| Jetzt weiß ich: drüben steht mein Bruder. Der Hunger ist 's, der uns eint Und ich marschiere, marschiere Mit seinem und meinem Feind. |
| So stirbt mir jetzt mein Bruder Ich schlacht' ihn selber hin Und weiß nicht, daß, wenn er besiegt ist Ich selber verloren bin. |


Christoph Heinemann: Der
Historiker Götz Haydar Aly beschäftigt sich seit Langem mit der Geschichte des
Nationalsozialismus. Mehrere seiner Werke haben für Kontroversen gesorgt, etwa
seine Deutung der 68er, denen er vorwarf, sie seien der Generation ihrer Eltern,
also der Generation von 1933, ähnlicher als sie dies selbst wahrnehmen wollten.
Götz Aly hat ein neues Buch vorgelegt, das heute im Buchhandel erscheint, der
Titel: "Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass".
Wir hören einen Auszug.
Sprecher: "Kain erschlug seinen Bruder
Abel, weil er sich von Gott zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlte. Der
erste Mord der Menschheitsgeschichte geschah aus Neid und Gleichheitssucht. Die
Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und
Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den
europäischen Juden. Das zwingt zum Pessimismus. Es gibt keinen Ort des Bösen,
der sich ein- für allemal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein
Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich
wiederholen. Wer solche Gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen
Voraussetzungen betrachten, und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien
gänzlich andere Menschen gewesen als wir heutigen."
Heinemann: Vor dieser Sendung habe ich
Götz Aly gefragt, wieso er dieses Buch geschrieben hat angesichts der Fülle der
Literatur über den Nationalsozialismus.
Götz Aly: Na ja, ich habe ja dazu
beigetragen, dass die Werke über den Nationalsozialismus zugenommen haben, auch
mit ganz gutem Erfolg, und das Hauptproblem ist: Wenn Sie Bücher über die
Geschichte des deutschen Antisemitismus lesen oder Bemerkungen, Einleitungen,
dann wird immer der Antisemitismus aus dem Antisemitismus erklärt, dann wird
immer gesagt, der hat noch eine antisemitische Äußerung gemacht, der hat was
gegen die Juden gesagt. Und das erklärt aber nichts, weil die Frage nach dem
Warum ... Warum konnte das in Deutschland mit dieser Wucht und in dieser
sozialen Breite entstehen und schließlich zu diesem verbrecherischen Ergebnis,
nämlich dass die Vertreibung und dann die Ermordung der Juden zum Staatsziel
wurde 1933, enden?
Heinemann: Und methodisch haben Sie
geschrieben, Sie wollten Sichtblenden wegschieben, die den Blick auf die
Vorgeschichte derart verengen, dass der Nationalsozialismus, so drücken Sie es
aus, zum Fremdkörper wird. Welche Vorboten dieser NS-Zeit sind denn bisher
unterbelichtet geblieben?
Aly: Die ganze Frage des Antisemitismus.
Wir tun immer so, als sei das in einer ganz besonders schmutzigen Ecke der
deutschen Geschichte beheimatet gewesen, also und dann sagen wir, da gab es
Wilhelm Raabe und dann gab es den Hofprediger Stöcker und dann gab es einen
Herrn Heinrich Claß und dann die Judenzählung im Ersten Weltkrieg, und schwups,
sind wir in Auschwitz. Und diese Reduktion des Antisemitismus hat nichts mit der
gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun. Vielmehr ist es so, dass in allen
Schichten der deutschen Bevölkerung sich diese Judenfeindschaft ausbildet und
sehr stark ausprägt im Laufe des 19. Jahrhunderts, und zwar aus bestimmten
Gründen, die man auch benennen kann und die man beschreiben kann, und dass es
überhaupt nicht zweckmäßig ist, zwischen guten und bösen Deutschen dabei zu
unterscheiden, weil: Insbesondere auch die deutschen Demokraten, die
demokratische Nationalbewegung von 1810, '12 und dann später hin zur
48er-Revolution hat in ihren Reihen unendlich viele Judenfeinde gezählt, und der
Antisemitismus bei Ernst Moritz Arndt, Turnvater Jahn und so weiter steht in
nichts dem reaktionären Antisemitismus nach.
Heinemann: Wollen Sie Turnvater Jahn oder
Ernst Moritz Arndt für die Gaskammern verantwortlich machen?
Aly: Nein, überhaupt nicht. Nichts an
dieser Vorgeschichte ist zwingend, aber das ... und das beschreibe ich ja in dem
Buch, wie sich das potenziert. Das beginnt mit der napoleonischen Besatzung, die
sehr hart ist, sehr viele Menschenopfer, sehr viele wirtschaftliche Opfer
fordert, darüber macht man sich heute überhaupt keine ausreichenden Gedanken;
dann mit der auch daraus folgenden, unglaublich verzögerten, langsamen,
hängenden Entwicklung der Deutschen, was die Modernisierung, was die
industrielle Revolution betrifft; dann dieses krampfartige, schnelle aufholen im
zweiten deutschen Reich, also in der Kaiserzeit nach 1870, '71; dann diese
Anspannung im Ersten Weltkrieg - und da, im Druckgefäß des Ersten Weltkrieges,
entsteht auch dieser spezifische deutsche Nationalismus, und das ist immer
gepaart, auch der Neid gegenüber den Juden, mit dem eigenen Schwächegefühl. Man
muss sich doch klar machen: Um 1900 haben Juden zehn Mal so oft Abitur gemacht
wie deutsche Christen, zehn Mal so oft, und sie haben im Durchschnitt - das ist
statistisch damals berechnet worden - vor dem Ersten Weltkrieg fünf Mal so viel
verdient wie deutsche Christen. Diese Phänomene und die sozialen Spannungen, der
Hass und der Neid - und das macht den spezifischen deutschen Antisemitismus aus
-, ... Und man braucht den Antisemitismus nicht mehr auf den Antisemitismus
zurückzuführen, sondern man kann sagen: Es sind bestimmte Phänomene und Ursachen
in der deutschen Geschichte, und ich würde sagen, insbesondere die
Rückständigkeit der deutschen Bildungsinstitutionen, vor allem der elementaren,
und die gleichzeitige Gewährung der wirtschaftlichen Freiheit an die Juden 1808,
'12. Die gab es natürlich auch für die Mehrheitsdeutschen, die christlichen
Deutschen, aber die wussten davon nichts anzufangen, die hatten Angst vor
Freiheit und Gewerbefreiheit, die fühlten sich in den alten, gewissermaßen
leibeigenen, behüteten zünftischen Umständen wohl.
Heinemann: Sie sprachen von Neid und
Missgunst. Kann man damit den Völkermord der Nationalsozialisten begründen?
Aly: Na, ich finde, dass man mal über Neid
einfach reden kann. Das ist dieser offensichtliche Rückstand, das ist dieses
Gefühl der Schwäche, mangelnder Schlagfertigkeit, mangelnder wirtschaftlicher
Intelligenz, nicht genügender Geistesgegenwart, das die Mehrheit der deutschen
Christen gegenüber diesen voranschreitenden, in die Moderne stürmenden Juden
empfindet. Und dass dann Neid entsteht, ist nämlich ein verborgenes Gefühl, das
man sich selber nicht eingesteht. Und dann flüchtet man ins Kollektiv, weil man
nur so genügend Stärke für sich selber erwerben kann, macht den anderen, den
Beneideten schlecht, und freut sich - da man sich den Neid selber nicht
eingesteht -, wenn andere sozusagen dem Beneideten Nachteiliges zufügen.
Heinemann: Wieso führten solche niederen
Instinkte in anderen Staaten nicht zu einer vergleichbaren Katastrophe? Auch
Italien zum Beispiel ist eine verspätete Nation, die zu einer großen Aufholjagd
ansetzt.
Aly: Ja, aber Sie haben es da natürlich
mit viel weniger Juden zu tun, es sind ein paar sephardische Juden in Livorno
und Rom, das ist überhaupt kein Vergleich. Und die Eigenmobilisierung eben des
italienischen Bürgertums und auch sozusagen das Erringen der eigenen nationalen
Freiheit gegenüber Frankreich, gegenüber der Habsburgischen Monarchie und auch
dem Kirchenstaat, dem Papsttum, das geschieht eben mit großem Elan und führt zu
eigener nationaler Stärke, während umgekehrt die Deutschen im Grunde immer
dieses Schwächegefühl ... Die wissen immer gar nicht, was deutsch ist. Gerade im
Aufholen entsteht dieser Nahhass, dieser fürchterliche Neid. Es wird nur heute
immer weggedrückt, weil wir die Ursachen für den deutschen Antisemitismus
komplizierter oder anders machen wollen als sie wirklich waren. Wir wollen uns
nämlich nicht eingestehen, dass dem Gefühle zugrunde liegen, die wir heute noch
selber haben, die wir an uns selber kennen, und das holt dieses Verbrechen
näher. Das macht uns klar, dass diejenigen - das sind ja unsere christlichen
Vorväter insoweit -, die es begangen haben, uns ähnlicher sind, als uns lieb
sein kann.
Heinemann: Und deshalb lassen Sie in Ihrer
Darstellung immer wieder auch das Vorbildliche und aber auch das Fehlerhafte
Ihrer eigenen Vorfahren einfließen. Sollte die Nazizeit stärker in den deutschen
Familiengeschichten gespiegelt werden?
Aly: Wenn es eine Massenerscheinung war,
der deutsche Antisemitismus - und das ist mein sicheres wissenschaftliches
Gefühl, wenn Sie so wollen -, dann muss ich das in der eigenen Familie finden.
Und dann will ich auch darüber Rechenschaft ablegen, wobei ich denke, das sind
durchschnittliche Familienverhältnisse aus sehr unterschiedlichen
Bevölkerungsschichten und Hintergründen, die ich da dokumentiere, das sind etwa
sieben Prozent des Buchtextes. Und es dient eigentlich der Anregung für die
Leser und Leserinnen, auch für Sie, über die eigenen Familien nachzudenken und
sich zu fragen, ja, was haben die damals gemacht, wo waren die eingesetzt, wie
haben die wohl gedacht? Das sind Fragen, die man sich stellen kann.
Heinemann: Herr Aly, Sie schreiben in der
Einleitung, dass ein Teil der historischen Forschung - Sie nennen die Theorien
über den Faschismus und die Diktatur - den Holocaust in sorgfältig einhegender
Weise auf Distanz hielten. Inwiefern?
Aly: Das merken Sie doch jeden Tag, allein
schon, wenn Sie die Ausdrucksweise lesen. Also da ist irgendeine Gemeinde, da
wurden dann mal die Juden vertrieben oder enteignet, und diese Gemeinde hat 4000
Einwohner, und dann heißt es an der Gedenkstätte oder in der Erinnerungsschrift
für die Juden: "Dann kamen die Nationalsozialisten und haben ... " Ja, wer sind
denn nun die Nationalsozialisten? Was soll das? Oder "die SS-Täter", oder "das
NS-Regime" - wer ist denn das? Ja, meine Verwandten sind das NS-Regime nicht.
Aber wenn Sie mich fragen: Gab es in meiner Verwandtschaft jemanden, der gesagt
hat, ein jüdisches Kaufhaus, da gehen wir nicht hin - dann muss ich Ihnen leider
sagen, ja. Gab es in meiner Verwandtschaft jemanden im Ersten Weltkrieg, der in
Feldpostbriefen geschrieben hat, hier ist ein Jude, der drückt sich vor dem
Fronteinsatz - dann kann ich Ihnen sagen, ja. Und ich glaube, dass man das sich
klar machen muss, dass dieses Grundgefühl, dass da Juden sind, die sich
vorangedrängt haben und die es irgendwie besser haben als man selber und nicht
so hart gearbeitet haben, und das versuche ich ja zu schildern an den vielen
Dokumenten, die ich aufführe, wie das entstanden ist - wenn man dann sagt, na
ja, also wenn der Staat denen mal eins oben drauf gibt, und wenn er sie im Krieg
zur Zwangsarbeit deportiert, weit weg, dann geschieht es denen irgendwie recht,
und für die brauchen wir uns ganz bestimmt nicht zu engagieren -, dieses
Grundgefühl, wie das in der deutschen Gesellschaft, und zwar
schichtenübergreifend, in allen Schichten der deutschen Bevölkerung entstanden
ist, darum geht es auch in dem Buch.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene
Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner
Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.