Judenfeindlichkeit
>Hier< zur Judenverfolgung als
organisierte Endlösung
Judentum zwischen Spätantike und Aufklärung
(Siehe auch unter "Israel" >hier<)
Siedlungsschwerpunkte
Während in der Antike der Schwerpunkt jüdischer Ansiedlung im nahöstlichen Raum
(Mesopotamien, Kleinasien, Palästina/Land Israel) lag, verlagerte er sich vom 6.
Jahrhundert an allmählich Richtung Westen. Die jüdischen Gemeinden in Süditalien
und Südfrankreich blühten auf. Mit der muslimischen Eroberung Spaniens im Jahr
711 wurde Spanien zu einem Zentrum jüdischen Lebens, bis die christliche
Reconquista diesem im 15. Jahrhundert ein Ende setzte (Reconquista: die Rückeroberung der ab 711 von
den Mauren besetzten Iberischen Halbinsel durch christliche Heere). Von Süditalien wanderten
Juden Richtung Norden, nach Nordfrankreich und Deutschland. Die ersten Spuren
kontinuierlicher Anwesenheit von Juden in Deutschland gehen auf das 10.
Jahrhundert zurück. Von hier wanderten sie Richtung Osten. Vertreibungen und
Zuwanderungen vom Balkan verstärkten die jüdische Gemeinschaft in Osteuropa. Im
16. und 17. Jahrhundert war Polen neben dem osmanischen Reich größtes jüdisches
Zentrum. Hier hatten die 1492/96 aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden
Zuflucht gefunden. Andere wandten sich nach Nordafrika, vor allem in den
Maghreb. Vertreibungen führten zum Ende jüdischer Anwesenheit in England (1290),
Frankreich (1394; nicht aus dem päpstlichen Besitz um Avignon!) und Süditalien
(1541). Deutschland war eines der wenigen europäischen Gebiete, in dem Juden vom
10. Jahrhundert ununterbrochen bis zur Zeit der Aufklärung leben konnten. Die
föderalistische Struktur des Reiches ließ ihnen Zufluchtsorte offen, die in den
Staaten mit starker Zentralgewalt nicht vorhanden waren. Mit der Aufklärung
sollten die Juden des deutschsprachigen Raums wichtige Funktionen bei der
Modernisierung des Judentums bis ins 20. Jahrhundert übernehmen.
In Babylonien und im Land Israel
Die Entstehung des Christentums war zu seiner Zeit kein bedeutendes Ereignis für
die jüdische Geschichte. Einige Juden hielten sich in verschiedenen Epochen für
den Messias. Auch existierte schon seit der
Deportation der Juden nach Babylon
im Jahr 586 v. Chr. die jüdische Diaspora. Für die Juden bedeutend wurde das
Christentum erst als Staatsreligion im Römischen Reich (4. Jahrhundert). Zur
selben Zeit grenzte sich die christliche Kirche immer schroffer gegen das
Judentum ab. Die byzantinischen Kaiser erließen viele Bestimmungen, die zum Ziel
hatten, den gesellschaftlichen Umgang von Juden und Christen zu verringern und
den schlechteren Status der jüdischen Religion öffentlich hervorzuheben.
Justinian schützte zwar die Synagogengebäude, gestattete die Beschneidung und
gewährte den Juden eine interne Rechtsprechung, doch durften sie keine
öffentlichen Ämter ausüben (425), keine christlichen Sklaven halten, keine
Konvertiten aufnehmen und keine neuen Synagogen bauen. Besonders judenfeindlich
eingestellt war Kirchenvater Hieronymus (um 347-419). Aber auch Augustinus
(354-430) war nur bereit, die Juden, die er als mit Blindheit geschlagen
betrachtete, in einer schlechten Lage als »Zeugen des Sieges der christlichen
Wahrheit« zu dulden. Die unter dem Titel »Adversus iudaeos« (gegen die Juden) zu
bezeichnende Literatur wurde zu einem festen Bestandteil christlicher Tradition.
Einige Päpste nahmen jedoch Juden gegen physische Übergriffe und Zwangstaufen in
Schutz. Diese Vorschriften gegenüber Juden, 1215 erneut zusammengestellt, wurden
nicht überall gleich streng durchgesetzt. In den neu missionierten Gebieten
Europas befürchteten einige Bischöfe eine jüdische Konkurrenz, wie etwa Agobard
von Lyon (769-840). Im nicht christlichen Bereich geht allem Anschein nach ein
nicht unbedeutender Teil der Juden Marokkos, Äthiopiens (Falascha
[amharisch »Vertriebene]), Südarabiens
und Jemens auf jüdische Missionare zurück, die dort in der Spätantike und im
Frühmittelalter gewirkt haben müssen. Ein Konvertit, König Jusuf Dhu Nuas aus
dem südarabischen Haimar, führte 525 sogar Krieg gegen das Byzantinische Reich,
weil es judenfeindliche Bestimmungen erlassen hatte.
In Mesopotamien und in Tiberias am See Genezareth befanden sich in der
Spätantike bedeutende Gelehrtenschulen, durch die die »mündliche Lehre«,
Kommentare zum biblischen Recht, weiterentwickelt und schließlich um 200 (Mischna
[hebräisch »Wiederholung«, »Lehre«] )
und 500 (Gemara [aramäisch »Vervollständigung]) schriftlich festgelegt worden waren. Diese beide Teile bilden
den Talmud, eine Art Enzyklopädie jüdischen Wissens, die neben Bibelexegese,
philosophischen Abhandlungen, ethischer Literatur, Erzählungen (Haggada
[hebräisch »Erzähltes«]) auch
Diskussionsprotokolle über rechtliche Fragen enthält. Der Talmud war und blieb
die Basis der religiösen jüdischen Kultur bis heute. Zwei Versionen wurden
formuliert, der umfangreichere babylonische und etwas vorher der unvollständig
gebliebene Jerusalemer Talmud. Weiter entstanden aramäische Übersetzungen der
Bibel, rabbinische Gleichnisse (Midraschim [hebräisch
»Auslegungen«]) und liturgische Gedichte (Piutim ).
Im römischen Palästina lag nach der Zerstörung des (zweiten) Tempels (70 n.
Chr.) bis zum Jahr 425 der Sitz des jüdischen Patriarchen zunächst in Jamnia
(heute Yavne), dann an anderen Orten. Er war der Vertreter der Juden beim
römischen bzw. byzantinischen Kaiser. Auch in Mesopotamien existierte eine
hierarchische Struktur der jüdischen Gemeinschaft, allerdings in doppelter
Ausprägung: Der Nasi oder Exilarch entsprach dem Patriarchen des Römischen
Reiches. Sein Amt hatte etwa bis zum Jahr 850 reale Macht. Nachher war es ein
bloßer Ehrentitel. In gewisser Konkurrenz dazu befanden sich seit Ende des 6.
Jahrhunderts die Vorsteher (Gaon) der Talmudhochschulen von Sura und Pumbeditha.
Kriegerische Auseinandersetzungen beendeten im 11. Jahrhundert die Blütezeit der
babylonischen Juden. Allerdings lebten sie dort ununterbrochen bis zur Gründung
des Staates Israel im Jahr 1948, womit sich eine radikale Wende in der
arabischen Welt vollzog. Als besonderes Zeugnis dieser vergangenen Epoche hat
sich die Synagoge von Dura-Europos (3. Jahrhundert) erhalten, die 1932
ausgegraben wurde und zur Überraschung der Archäologen reich ausgemalt war.
Im islamischen Bereich
Wichtig für den entstehenden Islam war die Begegnung von Mohammed mit Juden auf
der arabischen Halbinsel. Viele Elemente dieser älteren Religion übernahm er, so
das Prinzip der Wallfahrten, des Fastens, des Ruhetages und einige
Speisevorschriften. Zuerst sollten die Muslime Richtung Jerusalem und nicht
Mekka beten. Allerdings sah der Islam das zeitgenössische Judentum als verderbte
Religion an: Seiner Überzeugung nach hatte der Engel Gabriel den wahren Text
direkt Mohammed offenbart. Juden und Christen wurden von den muslimischen
Herrschern als »Schutzverwandte«, teilweise in Anlehnung an das ältere
kanonische Recht, geduldet. Sie mussten in »demütiger« Weise eine Kopfsteuer
sowie spezielle Abgaben zahlen und besondere Kennzeichen an den Kleidern tragen.
Symbolisch zeigte sich ihr schlechterer Status darin, dass sie keine Pferde
reiten, Christen z. B. keine Glocken läuten durften. Nicht muslimische
Gotteshäuser mussten immer niedriger als die nächste Moschee gebaut sein. Auf
die Beschuldigung der Blasphemie des Islams hin erfolgte die Zwangskonversion
oder Hinrichtung. In der frühen Zeit (9.-11. Jahrhundert) waren die
Lebensbedingungen für Juden in Bagdad und in Andalusien trotz dieser
Einschränkungen relativ gut. Als Beispiel diene der in Mesopotamien lebende
Religionsphilosoph Saadja ben Josef al-Faijumi (882-942), der in seinem Buch
»Glauben und Wissen« eine jüdische Antwort auf die damalige arabische Hochkultur
formulierte. Viele seiner Werke verfasste er in Arabisch, nicht Hebräisch, denn
Arabisch war die Umgangssprache der Juden in Mesopotamien, das nun »Irak«
genannt wurde. Diese kulturelle Nähe zwischen Islam und Judentum macht es
schwierig zu entscheiden, ob beispielsweise in Bezug auf die Lehrmethode
getrennte analoge Entwicklungen oder wechselseitige Beeinflussungen vorliegen.
Aus Córdoba stammte der Arzt und Philosoph Moses Maimonides (1135-1204), der
nach dem Einfall der maurischen Almohaden aus Spanien flüchten musste und in
Fustat (heute zu Kairo) lebte. Er fasste das gesamte jüdische Recht in seinem
Werk »Mischne Thora« (Wiederherholung der Lehre) zusammen, das zu den
wichtigsten mittelalterlichen jüdischen Büchern gehört. Maimonides war stark von
der aristotelischen Tradition beeinflusst und verfasste einen »Führer der
Verirrten«, ein Buch, das die Probleme der Bibelexegese in rationalistischer
Weise anging. Man spricht daher in der Forschung oft von der »mittelalterlichen
Aufklärung« unter den Juden. Gegen diese Seite des Schaffens von Maimonides
erhob sich Protest, doch blieben seine anderen Werke maßgeblich.
Juden betätigten sich in Spanien auch prominent am Übersetzungswerk der
griechisch-römischen Autoren ins Arabische und Lateinische. Sie haben somit
wesentlichen Anteil an der Schöpfung der »abendländischen« Kultur. Dies wird oft
nicht entsprechend gewürdigt. Zur Blütezeit des Kalifats in Córdoba (9./10.
Jahrhundert) waren Juden der Oberschicht Teil der höfischen Gesellschaft. Sie
konnten eine Lücke bei den qualifizierten Berufen ausfüllen, die unter den
erobernden Berberstämmen nur schwach vertreten waren. Zudem waren sie zu
muslimischen Herrschern loyal, denn sie verfügten nicht wie Christen über ein
Hinterland in Nordspanien, wo sich christliche Fürstentümer halten konnten. So
betätigten sie sich als Berater, Verwaltungsexperten, Schreiber, Steuer- und
Zollpächter, Astronome, Mathematiker, Ärzte und Dichter. Hier durften sie auch
Grundbesitz erwerben. Typisch für ihre tief gehende Integration in die arabische
Kultur war das Werk Jehuda ben Samuel Hallevis (1075-1144), der auf Hebräisch
und Arabisch dichtete, oder das ethische Werk »Pflichten des Herzens« des
Religionsphilosophen und Dichters Bachja ben Joseph ibn Paquda (11.
Jahrhundert). Es gab sogar einen jüdischen General, Samuel ha-Nagid (993-1056).
Die Mittelschicht betätigte sich im Handwerk als Schmiede, Maurer und Wollweber,
aber auch im Textilhandel. Besonders die jüdischen Lederbearbeiter waren
bekannt. In Spanien entwickelten sich regional unterschiedliche Formen der
Liturgie, die auch Jahrhunderte nach ihrer Vertreibung von den Juden beibehalten
worden sind.
Juden im christlichen Spanien und in Portugal
Zweireichelehre: Reformator und Landesfürst (in der
Bildmitte: Kurfürst Friedrich der Weise von
Sachsen,
ganz links Martin Luther, ganz rechts Philipp
Melanchthon)
Mit
der christlichen Reconquista verschlechterte sich die Lage der Juden in Spanien
nach dem Fall Toledos im Jahr 1085. Zwangsdisputationen verschärften die
Gegensätze. Als Folge wandten sich viele spanische Juden der Innerlichkeit, der
Mystik, der Kabbala, zu. Ein Hauptwerk ist hier Ende des 13. Jahrhunderts
entstanden, das »Buch des Glanzes« (Sohar, verfasst wahrscheinlich von Mose Ben
Schem Tov de Leon). 1391 kam es nach Hetzpredigten christlicher Geistlicher zu
Ausschreitungen in Sevilla, die sich über die ganze Südküste bis nach Barcelona
hinzogen. Die Judenviertel (juderias) wurden nun zu Zwangsquartieren. Viele
Juden wurden zur Konversion gezwungen. Auch nach dem Abebben der Ausschreitungen
wurde ihnen die Rückkehr zur jüdischen Religion nicht gestattet. Nun entstand
das Phänomen der conversos: Einige dieser Neuchristen blieben insgeheim ihrem
Judentum treu. Die spanische Kirche sah sich dadurch herausgefordert und
erlangte 1481 beim Papst die Erlaubnis zur Errichtung einer
Untersuchungsbehörde, der Inquisition. Diese zögerte nicht, Menschen lebendigen
Leibes zu verbrennen usw. usw. (Anschließend noch einiges mehr unter "Vorbehalte
gegen Juden".)
Dr. Uri R. Kaufmann
(c) wissenmedia GmbH, 2010
Der Judenhass eines Martin Luther, des "großen" Reformators, ist unübertrefflich:
Aus der Schrift von Martin Luther: "von den Juden und ihren Lügen", Wittenberg 1543, als Beispiel zu finden:
»Hieher zum Kusse! Der Teufel hat in die Hosen geschissen und den Bauch abermals geleeret. Das ist ein recht Heiligthum, das die Juden und was Jude sein will, küssen, fressen, sauffen und anbeten und soll der Teufel auch fressen und sauffen, was solche Jünger speien, oben und unten auswerfen können. Hier sind die rechten Gäste und Wirthe zusammengekommen der Teufel frißt mit Lust, was der Juden oberes und unteres Maul speiet und spritzet«.
>Hier< mehr!
Die Vorbehalte gegen Juden waren, nachdem
sich das Christentum im 3./4. Jahrhundert als Staatsreligion im Römischen Reich
durchgesetzt hatte, zunächst auch im Mittelalter ausschließlich religiöser
Natur. Allerdings bestimmte der Glaube in existenziellem Umfang den Alltag, und
religiöse Differenzen hatten entsprechend einschneidende Bedeutung. Die
Verweigerung der Taufe, das Festhalten am eigenen Ritus, das Unverständnis der
Juden für die Erlösungsidee durch Christus machte die Juden in christlichen
Augen zu »Verstockten«. Aus dem religiösen Unverständnis zwischen Minderheit und
Mehrheit folgte die sowohl von Kirchenlehrern als auch von Rabbinern erhobene
Forderung nach äußerer Trennung zwischen den Anhängern des Alten Testaments, die
sich als erwähltes Volk verstanden, und denen, die, erlöst durch Jesus Christus,
an die Überwindung des Alten Testaments glaubten und als christliche
Gemeinschaft die Mehrheit bildeten. Nach christlicher Lehrmeinung galten die
Juden als »Gottesmörder«, so Abt Hieronymus von Bethlehem. Bischof Johannes I.
Chrysostomos von Antiochia schrieb, die Synagoge sei eine »Sammelstätte der
Christusmörder«.
Die religiösen Vorschriften, vor allem die strenge Sabbatruhe und die rituellen
Speisegesetze, zwangen die Juden auch in gesellschaftlicher und ökonomischer
Hinsicht in die Rolle von Außenseitern in der Gesellschaft. Vom Warenaustausch -
mit Ausnahme ländlichen Kleinhandels - und der Produktion aufgrund christlich
definierter ständischer und zünftiger Ordnung des Wirtschaftslebens
ausgeschlossen, waren Juden auf den Geldhandel beschränkt, da Zinsnehmen als
Wucher Christen verboten war. Die Pfandleihe wurde jüdisches Monopol, geschützt
von Königen und Fürsten, erkauft durch hohe Abgaben der Juden. Trotz ihrer
eigenen Ausbeutung waren nur die jüdischen Geldverleiher dem Hass ihrer
Schuldner ausgesetzt und nicht diejenigen, die dieses Finanzsystem für sich
benutzten.

Am Ende des 11. Jahrhunderts entluden sich religiöse Gegensätze und
gesellschaftliche Ressentiments in Gewaltakten gegen die jüdische Minderheit in
Europa. Der erste Kreuzzug 1096 - der Intention nach ein Krieg gegen
»Ungläubige« zur Befreiung des Heiligen Landes - wurde von fanatisierten
Christen, die als Angehörige der Unterschichten, als verarmte Bauern, Abenteurer
und Mittellose aus Sozialneid handelten, zunächst gegen Juden in ganz
Mitteleuropa geführt, etwa in den Städten des Rheinlandes. Von den Kreuzfahrern
bedrängt, standen die Juden vor der Wahl, getötet zu werden oder den
christlichen Glauben durch den Empfang der Taufe als richtiges Bekenntnis
anzuerkennen. Nach »geglückter Mission« endete die Verfolgung, da sie
ausschließlich durch religiöse Ressentiments motiviert war. Die meisten Juden
wählten jedoch den Tod.
Die Gewaltaktionen hatten, wie auch diejenigen späterer Kreuzzüge, die alle
judenfeindlich waren, den Charakter von Pogromen, das heißt, die Gewalt richtete
sich nicht gegen einzelne, sondern gegen alle Angehörige der Minderheit; die
religiös-christliche Motivation sprengend, gehörten Plünderungen, Diebstahl und
Raub untrennbar zum gewalttätigen Geschehen.
Zur Begründung der aggressiven Judenfeindschaft wurden seit dem 13. Jahrhundert
Legenden und Erzählungen verbreitet, die Ritualmorde und Hostienfrevel zum
Gegenstand hatten. 1144 tauchte erstmals in der Gestalt des William von Norwich
das Opfer eines angeblich von Juden begangenen Ritualmordes auf. Der Legende
nach begehen Juden alljährlich aus Hass auf Christus und die Christen unter
Anleitung ihrer Rabbiner in der - von christlicher Seite religiös-emotional
besonders sensiblen Passionswoche - einen Mord in ritueller Form an einem
unschuldigen christlichen Knaben, um das Leiden Christi zu verhöhnen. Nach dem
Laterankonzil von 1215, das die Transsubstantiationslehre zum Dogma erhob, kam
als zweites Motiv die Blutlegende hinzu, nach der die Juden ihren Opfern zur
Bereitung von Matzen oder zu medizinischen Zwecken Blut entziehen. Die
Unhaltbarkeit solcher Anschuldigungen ergibt sich schon aus den rituellen
Geboten der jüdischen Lehre, nach der der Verzehr von Blut den Juden streng
verboten ist. Kirchenlehrer und Päpste haben dies auch immer wieder konstatiert,
Kaiser und Könige haben die Juden gegen die Blutbeschuldigungen verteidigt,
jedoch ohne Erfolg. Die Blutlegenden waren, von Interessenten wie Predigern oder
fanatisierten Bettelmönchen im Missionseifer verbreitet, bis ins 20. Jahrhundert
wirksam als Anlass zur Verfolgung der Juden.
Die Ritualmordbeschuldigung verbreitete sich von England aus nach Frankreich und
Spanien, an den Rhein und an den Bodensee, in den Alpenraum und nach Franken und
schließlich im 16. Jahrhundert auch nach Polen. Die Opfer wurden mit kirchlicher
Duldung oder Anerkennung Gegenstand der Verehrung als Märtyrer wie Little Hugh
of Lincoln (1255), Werner von Bacharach (1287) oder Simon von Trient (1475).
Die judenfeindlichen Anschuldigungen wurden in zahllosen Chroniken, Geschichten,
Liedern und Predigtsammlungen überliefert. Wie das Beispiel des Anderl von Rinn
in Tirol zeigt, war der Kult bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts
amtskirchlich geduldet. Wie gefährlich die Ritualmord- und Blutlegenden für die
Juden waren und wie lange damit zu Ausschreitungen angestachelt werden konnte,
zeigt der Pogrom von Kielce in Polen, bei dem noch 1946 die Vermutung, ein
verschwundenes Kind sei von Juden getötet worden, Anlass zum Mord an mindestens
42 Juden, die den Holocaust überlebt hatten, bot.
Des Weiteren beschuldigte man die Juden seit dem 12. Jahrhundert, sie begingen
Hostienfrevel. Diese Unterstellung gründete in der Wahnvorstellung, das Volk der
»Gottesmörder« ritualisiere den antichristlichen Affekt durch die Wiederholung
der Leiden, die einst Jesus zugefügt wurden, am Leib Christi in Gestalt der
geweihten Hostie. Im reziproken Verhältnis zu den Hostienwundern, die sich nach
vielfältiger Überlieferung ereigneten - die von Juden mit Messern, Dornen und
Nägeln gemarterten Hostien sollen zu bluten begonnen haben -, wurden die Juden
dämonisiert als Anhänger des Satans, als Verkörperungen des Antichrist. Die
Hostienfrevellegenden zeitigten einerseits Wallfahrten wie die »Deggendorfer
Gnad«, die bis 1992 begangen wurde, und eine reiche Erbauungsliteratur, die das
religiös motivierte feindselige Judenbild tradierte, andererseits waren sie oft
Anlass zu Pogromen gegen Juden, am weitreichendsten im »Rintfleischaufruhr« von
1298, bei dem in Franken 5 000 Juden getötet wurden, und in der
»Armleder-Verfolgung« 1336-1338, bei der in ganz Süddeutschland, im Elsass, in
Böhmen, Mähren und Kärnten 6 000 Menchen ermordet wurden. Bei der bis in die
Neuzeit wirkenden negativen Stereotypisierung waren die Juden »Ketzern«,
»Hexen«, später Freimaurern und Jakobinern als Feinde des Christentums
gleichgestellt.
Judenfeindlichkeit in der frühen Neuzeit
Den klerikalen Judenbildern folgten, nicht weniger gefährlich, säkularisierte
Zuschreibungen, die die Juden als Verursacher von Übeln stigmatisierten. Die
Pestepidemie in Europa Mitte des 14. Jahrhunderts bot Anlass zur Spekulation,
die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Auch ökonomische Motive bedingten, dass
die Pest zum Vorwand für Verfolgung wurde. Erstmals auf einen weltlichen Vorwurf
hin kam es 1348-1350 zu mehreren Pogromwellen, in denen die meisten jüdischen
Gemeinden zerstört wurden.
Bei der nun folgenden Marginalisierung der Juden durch weltliche Obrigkeiten,
durch Städte und Fürsten, hatte die Kirche Schrittmacherdienste geleistet: Das
Laterankonzil 1215 hatte beschlossen, dass die »Ungläubigen« durch eine eigene
Tracht erkennbar sein sollten - gelber Fleck und Judenhut - und von den Christen
abgesondert werden müssten. Das war der Beginn der Gettoisierung der Juden in
den Städten und der Regelung ihrer beschränkten Teilnahme am öffentlichen Leben
durch eine Unzahl von diskriminierenden Vorschriften. Lion Feuchtwanger hat in
seinem Roman »Jud Süß« die Situation der Juden im späten Mittelalter
eindringlich beschrieben: »Im 14. Jahrhundert waren sie hier in mehr als 350
Gemeinden erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig
begraben worden. Die Überlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert. Seitdem
saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf 600 Deutsche kam ein Jude. Unter
raffinierten Plackereien des Volkes und der Behörden lebten sie eng, kümmerlich,
dunkel, hingegeben jeder Willkür. Untersagt war ihnen Handwerk und freier Beruf,
die Vorschriften der Ämter drängten sie in verwickelten und verwinkelten
Schacher und Wucher. Beschränkten sie im Einkauf der Lebensmittel, ließen sie
den Bart nicht scheren, steckten sie in eine lächerliche, erniedrigende Tracht.
Pferchten sie in engen Raum, verrammelten die Tore ihres Gettos, sperrten sie zu
Abend um Abend, bewachten Ein- und Ausgang.«
Im 13. Jahrhundert wandelte sich das Kreditsystem. Die christlichen
Zinsrestriktionen wurden gelockert, wodurch Juden und Christen im Geldgeschäft
zu Konkurrenten wurden. Nur noch diejenigen borgten gegen hohen Zins bei Juden,
die sonst nirgendwo mehr Kredit bekamen. Als antijüdische Stereotype verfestigte
sich nun das Bild des jüdischen Wucherers; die jüdischen Minderheiten in den
Städten waren insgesamt, ihrer bisherigen ökonomischen Funktion weithin ledig,
dämonisiert und standen, wie andere Randgruppen der Gesellschaft, unter
ständigem Verfolgungsdruck. Dem Beispiel der Territorialherren (England 1290,
Frankreich 1306, Spanien 1492) folgend, wurden Juden seit der Mitte des 14.
Jahrhunderts aus religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Gründen aus den
Städten vertrieben, und zwar meist auf Betreiben der Bürger: Am Ende des
Mittelalters waren sie in Mitteleuropa - mit Ausnahme von Prag und Frankfurt am
Main - aus den Städten verschwunden. Sie lebten, soweit sie nicht nach Osten
abgewandert waren, als Dorfjuden kümmerlich von Kleinhandel, vor allem vom
Hausier- und Altwarenhandel. Aufgrund der aus christlicher Wurzel stammenden,
tradierten Feindbildstereotypen (Wucherer, Christenfeinde, Brunnenvergifter,
Ritualmörder) und aufgrund der in Christenaugen rätselhaften religiösen Bräuche
sowie der sich daraus vermeintlich ergebenden Eigenschaften (Geiz, Rachedurst,
Raffgier, Hochmut, Feigheit, Arglist, Lügenhaftigkeit) waren die Juden als
Angehörige einer randständigen Minderheit ohne eigene Schuld stigmatisiert. Sie
erschienen als Gegenstand des Abscheus, aber schließlich auch als Objekte
missionarischen Strebens. Wenn sie - wie es die Regel war - den Lockungen der
christlichen Taufe widerstanden, zogen sie umso mehr den christlichen Zorn auf
sich, wie das Beispiel Martin Luthers zeigt, dessen wütende antijüdischen
Predigten wie seine Schrift von 1543 »Von den Juden und ihren Lügen«
enttäuschten Bekehrungseifer spiegeln. An die Stelle von Zwangstaufen, die nach
kanonischem Recht unzulässig waren, trat in der frühen Neuzeit die Judenmission
mit verheerenden Folgen beim Misslingen dieser Absicht.
Im Mittelalter war die Rechtsstellung der Juden als servi camerae regis, als
königliche Kammerknechte, definiert, das heißt, die Juden waren abgabenpflichtig
und genossen dafür ein Minimum an Schutz vor Verfolgungen. Mit der Ausbildung
der Landesherrschaft ging das Judenregal auf die Territorialfürsten über. In der
Neuzeit waren dann diejenigen Juden, die für den Landesherrn von Interesse
waren, als »Schutzjuden« privilegiert. Gegen beträchtliche Zahlungen bekamen
Kapitalkräftige die Erlaubnis, sich anzusiedeln, vielfach traten jüdische »Entrepreneure«
(Unternehmer) in der Zeit des Absolutismus in fürstliche Dienste, um als
Hoffaktoren kostspielige Unternehmungen des Fürsten zu finanzieren wie der
Berliner Münzmeister Lippolt, der vom brandenburgischen Kurfürsten Joachim II.
Hektor 1540 eingestellt worden war. Insgesamt hatte Joachim 42 000 Taler von
Juden als Ansiedlungsgebühren kassiert, die Jahressteuern noch nicht gerechnet.
Nach Joachims Tod 1571 wurde der Hoffaktor Lippolt der Veruntreuung von Geldern
bezichtigt; des Weiteren hieß es, er habe auch den Kurfürsten vergiftet und
dessen Geliebte verführt - allesamt stereotype und unhaltbare Vorwürfe. Ein
Gerichtsverfahren endete jedoch mit der Hinrichtung Lippolts 1573. Die Berliner
Juden hatten unter Ausschreitungen und Plünderungen zu leiden, danach wurden sie
wieder des Landes verwiesen, wofür sie noch Abzugsgelder als Kontribution
bezahlen mussten. Der literarisch berühmteste Fall eines Hoffaktors, der
zugleich die Willkür illustriert, der die Juden unterworfen waren, ist die
Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer, der als »Jud Süß« in Diensten des
württembergischen Herzogs Karl Alexander stand, die Finanzen des Landes
verwaltete und nach dem Tod seines Auftraggebers 1738 öffentlich hingerichtet
wurde; er war zum Sündenbock erklärt worden für die Zerrüttung der
Staatsfinanzen und den Verfall landständischer Rechte unter Herzog Karl
Alexander.
Von der religiös-gesellschaftlichen zur rassistischen Ausgrenzung im 19.
Jahrhundert
In der Zeit der Aufklärung wurde mit der zum Beispiel von Gotthold Ephraim
Lessing und Moses Mendelssohn propagierten Idee der Toleranz gegenüber Juden der
Weg zur Emanzipation bereitet, die als »bürgerliche Verbesserung der Juden«
gedacht war. Der Schriftsteller und Beamte in preußischen Diensten Christian
Wilhelm Dohm fasste 1781 das Programm der aufklärerischen Judenemanzipation in
die Worte: »Die der Menschlichkeit und der Politik gleich widersprechenden
Grundsätze der Ausschließung, welche das Gepräge der finsteren Jahrhunderte
tragen, sind der Aufklärung unserer Zeit unwürdig und verdienen schon längst
nicht mehr, befolgt zu werden.«
Die Emanzipation der Juden, also ihre Befreiung aus den sozialen und rechtlichen
Schranken, war in Deutschland und Österreich kein revolutionärer Akt wie 1791 in
Frankreich, sondern Ergebnis einer langwierigen Debatte, die sich vom Beginn des
19. Jahrhunderts bis Ende der 1860er-Jahre hinzog. Als Bewegung gegen die
rechtliche Gleichstellung der Juden und gefördert von gesellschaftlichen Krisen,
kam es 1819 zu pogromartigen Ausschreitungen. Die »Hep-Hep-Verfolgungen«
begannen in Würzburg und strahlten über ganz Deutschland bis nach Dänemark aus.
Sie zeigten zugleich, dass Judenfeindschaft eine Form von sozialem Protest war,
bei dem Aggressionen verschoben und gegen Juden gerichtet wurden.
Judenfeindschaft erhielt im 19. Jahrhundert eine neue Dimension in Gestalt des
rassistisch und sozialdarwinistisch argumentierenden modernen Antisemitismus,
der sich als Resultat wissenschaftlicher Erkenntnis ausgab. Zu dessen Vätern
gehörte Arthur de Gobineau mit seinem voluminösen Essay »Versuch über die
Ungleichheit der Menschenrassen« (erschienen 1853 bis 1855 in vier Bänden), der
zwar nicht gegen die Juden gerichtet war, aber instrumentalisiert wurde als
Eckpfeiler einer Rassentheorie, die den modernen Antisemitismus scheinbar
wissenschaftlich unterfütterte. Die Übereinstimmung der antisemitischen
Theoretiker bestand darin, dass jede »Rasseneigenschaft« der Juden negativ war.
Der Unterschied zur älteren Judenfeindschaft war die Überzeugung, dass
Rasseneigenschaften anders als religiöse Bekenntnisse unveränderbar seien. Die
Taufe konnte nach Überzeugung der Antisemiten den Makel des Judeseins nicht mehr
aufheben. In der Diskussion über die »Judenfrage« spielten die
Schmarotzermetaphorik und die Parasitenmetaphorik zunehmend eine Rolle,
ungeachtet der Tatsache, dass die antiemanzipatorische Judenfeindschaft vor
allem eine Bewegung gegen die Modernisierung der Gesellschaft und gegen den
politischen Liberalismus war. Der Übergang vom religiösen Hass zur rassistischen
Ablehnung war nicht abrupt, die Traditionen des religiösen Antijudaismus blieben
wirkungsmächtig und verstärkten die neuen pseudorationalen Argumente des
Rassenantisemitismus. Schließlich wurde Judenfeindschaft zum »kulturellen Code«
(Shulamit Volkov), mit dessen Hilfe sich die Rechte im Wilhelminischen
Kaiserreich verständigte.
Intellektueller Höhepunkt der Auseinandersetzung war der Berliner
Antisemitismusstreit, ausgelöst durch einen Artikel Heinrich von Treitschkes in
den »Preußischen Jahrbüchern« im November 1879. Der angesehene Historiker hatte
sich gegen die von ihm befürchtete Masseneinwanderung osteuropäischer Juden
ausgesprochen und den deutschen Juden mangelnden Assimilationswillen
vorgeworfen. Obwohl er nicht für die Rücknahme der Emanzipation plädierte, war
Treitschke in der Argumentation und durch die Verwendung ausgrenzender
judenfeindlicher Stereotypen - er verwendete einmal den Ausdruck »Deutsch
redende Orientalen« - ins Lager der Antisemiten geraten. Auch angesichts der
Wirkung, die Treitschkes kulturpessimistische Ausführungen hatten, ist die
Diskussion, ob er selbst ein Antisemit war, ziemlich müßig, denn er machte
zumindest die grassierende antisemitische Agitation, wie sie von drittrangigen
Publizisten und eifernden Kleingeistern entfacht worden war, gesellschafts- und
diskussionsfähig.
Kurz zuvor, im Februar 1879, war Wilhelm Marrs politisches Pamphlet »Der Sieg
des Judenthums über das Germanenthum« erschienen, das im Herbst 1879 schon in
der 12. Auflage verkauft wurde. Marr verwandte erstmals den Begriff
»Antisemitismus«. Den Weg dahin hatten schon Autoren wie Otto Glagau bereitet,
der im weitverbreiteten Wochenblatt »Die Gartenlaube« die Juden mit
Verunglimpfungen wie »90 Prozent der Gründer und Makler sind Juden« als
Verursacher der lang anhaltenden Wirtschaftskrise, die auf den »Gründerkrach«
von 1873 folgte, denunzierte und in polemischen Artikeln die Juden zu
Sündenböcken für aktuelles Ungemach stempelte. Die Pressekampagnen in der
konserativen protestantischen Kreuzzeitung, aber auch in katholischen Blättern,
deren gemeinsamer Feind der politische Liberalismus war, vertieften seit 1874/75
die judenfeindlichen Ressentiments.
Treitschke entfachte mit seiner Parteinahme in der »Judenfrage« im November 1879
eine Diskussion, die großes öffentliches Interesse fand. In Berliner
Tageszeitungen erschien im November 1880 eine von 75 Persönlichkeiten des
öffentlichen Lebens - unter ihnen der Althistoriker Theodor Mommsen -
unterzeichnete »Erklärung«, die antisemitische Bestrebungen verurteilte und sich
besonders gegen die »Antisemitenpetition« richtete, die ein Leipziger Professor
zusammen mit Friedrich Nietzsches Schwager Bernhard Förster initiiert hatte. 250
000 Unterschriften sollten den Reichskanzler dazu bewegen, die Einwanderung von
Juden zu verbieten und Juden von öffentlichen Ämtern auszuschließen. Zwei Tage
lang war diese Petition im Preußischen Parlament Gegenstand des Streits zwischen
der Fortschrittspartei einerseits sowie Konservativen und dem Zentrum
andererseits. In der »Erklärung« hieß es: »... in unerwarteter und tief
beschämender Weise wird jetzt an verschiedenen Orten, zumal den größten Städten
des Reichs, der Racenhass und der Fanatismus des Mittelalters wieder ins Leben
gerufen und gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichtet.«
Mit dem Vorstoß Treitschkes drohte der Antisemitismus die Berliner Universität
zu erobern. Dieser Gefahr stellten sich im Sinne der Erklärung Juden und
Nichtjuden entgegen, unter ihnen bekannte Rabbiner, die nationalliberalen
Politiker Ludwig Bamberger und Heinrich Bernhard Oppenheim, vor allem aber die
Historiker Harry Bresslau aus Berlin und Heinrich Graetz aus Breslau. Der
Höhepunkt des Antisemitismusstreits war erreicht, als Theodor Mommsen in den
Streit eingriff und Ende 1880 seine Schrift »Auch ein Wort über unser Judenthum«
veröffentlichte, in der er scharf gegen Treitschke Stellung bezog und sich
dagegen verwahrte, dass Juden als »Mitbürger zweiter Klasse betrachtet,
gleichsam als besserungsfähige Strafcompagnie« rechtlich gestellt sein dürften.
Treitschke, der sich unschuldig verfolgt glaubte, war an der Berliner
Universität bald isoliert.
Der Berliner Hofprediger Adolf Stoecker, der sich seit 1878 als Gründer einer
»Christlich-Sozialen Arbeiterpartei« um die Heranführung von Arbeitern und
Handwerkern an die bestehende Staatsordnung bemühte und hoffte, sie der
Sozialdemokratie zu entfremden, instrumentalisierte »die Judenfrage« und hielt
unter dem Druck seiner mittelständischen Anhänger am 19. September 1879 die
erste von mehreren judenfeindlichen Reden, in denen er die antisemitischen
Erwartungen seiner Zuhörer bediente, die ökonomischen und sozialen Wünsche und
Ängste der von existenziellen Sorgen geplagten Kleinbürger aufgriff und mit
Schuldzuweisungen an »die Juden« Erklärungen und Lösungen für aktuelle Probleme
anbot. Die Partei Stoeckers hatte, trotz des volkstribunenhaften Prestiges des
Hofpredigers, wenig Erfolg und wurde schließlich Bestandteil der Konservativen
Partei. Das Konzept, die Arbeitermassen mit Thron und Altar durch
klerikal-judenfeindliche Agitation zu versöhnen, erwies sich als wenig
tragfähig, wohl aber hinterließ Stoeckers Politisierung des Christentums mit
antisemitischen Parolen deutliche Spuren in der evangelischen Kirche bis weit in
das 20. Jahrhundert hinein.
Im Gefolge des Antisemitismusstreits erschienen Schriften wie zum Beispiel 1881
»Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage« aus der Feder des
Privatgelehrten Karl Eugen Dühring. Dieser war, wie andere führende Antisemiten,
ein paranoider Einzelgänger, dessen Abneigungen gegen Sozialdemokratie, Juden
und Liberale zu Wahnideen gesteigert waren. Als Theoretiker des modernen
Antisemitismus erlangte er überragende Bedeutung, er propagierte die Vorstellung
einer jüdischen Weltmacht und empfahl wortradikal sogar die Tötung und
Ausrottung der Juden.
Theodor Fritsch, Ingenieur und Verleger, war ein anderer Vorkämpfer des modernen
rassistisch und pseudowissenschaftlich argumentierenden Antisemitismus. 1887
veröffentlichte er unter dem Pseudonym Thomas Frey einen »Catechismus für
Antisemiten«, der später unter seinem richtigen Namen mit dem Titel »Handbuch
der Judenfrage« erschien und 1944 die 49. Auflage erreichte. In seinem Verlag
erschienen neben Fachzeitschriften antisemitische Pamphlete und Flugblätter. Ab
1902 publizierte Fritsch die »Hammer-Blätter für deutschen Sinn« als Organ des
»wissenschaftlichen« Antisemitismus und als Zentrum der judenfeindlichen
rechtsradikalen Sekte »Deutscher Hammerbund«, die nach dem Ersten Weltkrieg in
die Deutschvölkische Freiheitspartei mündete.
Houston Stewart Chamberlain, auch er ein schriftstellernder Privatgelehrter mit
umfassenden naturwissenschaftlichen Interessen, gebürtiger Brite und
naturalisierter Deutscher, durch psychosoziale Auffälligkeiten an einer
akademischen oder militärischen Karriere gehindert, wurde durch seine 1899
veröffentlichte kulturhistorische Schrift »Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts«
berühmt, ein umfangreiches Konvolut rassistischer germanozentrischer Ideen, das
von der Wissenschaft abgelehnt wurde, das gebildete Bürgertum jedoch faszinierte
und auf Kaiser Wilhelm II., später dann auf Adolf Hitler, großen Eindruck
machte.
Neurotisch auf den Gegensatz zwischen der »jüdischen« und »arischen« Rasse
fixiert, arbeitete Chamberlain mit griffigen und gern aufgenommenen Stereotypen,
wenn er zum Beispiel den Juden verinnerlichte Religiosität absprach und einen
übermäßigen Einfluss der Juden in der modernen Welt fantasierte. Nicht weniger
verhängnisvoll war der Einfluss seines von ihm verehrten und bewunderten
Schwiegervaters Richard Wagner, dessen Renommée als Komponist, Musikdramatiker
und Schriftsteller seine antisemitischen Überzeugungen transportierte, wie sie
in Wagners ebenso wirkungsvollem wie irrationalem Aufsatz »Das Judentum in der
Musik« (1850) zum Ausdruck gekommen waren. Nicht nur die Gebildeten waren an der
Schwelle des 20. Jahrhunderts vom Antisemiten Wagner und seinem Bayreuther Kreis
fasziniert. Wagners Einfluss reichte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, wie
das Beispiel Hitlers zeigt, der dessen Musik im Dritten Reich kultische Ehren
zukommen ließ.
Der politisch organisierte Antisemitismus
Die Geschichte des politisch organisierten Antisemitismus, die 1879 mit Wilhelm
Marrs Antisemiten-Liga, die 6 000 Mitglieder gehabt haben soll, und Stoeckers
Christlich-Sozialer Arbeiterpartei beginnt, ist die Geschichte von Sekten und
Spaltungen, ein programmatisches Charivari konservativer, antikapitalistischer,
sozialdemagogischer Ideologiefragmente, propagiert von untereinander
konkurrierenden antiliberalen und antidemokratischen Demagogen. Im September
1882 waren bei einem »Ersten Internationalen Antijüdischen Kongress« in Dresden
300-400 Antisemiten versammelt, die sich auf kein gemeinsames Programm
verständigen konnten. In Konkurrenz standen die 1880 gegründete »Soziale
Reichspartei« von Ernst Henrici und der auf Max Liebermann von Sonnenberg und
Bernhard Förster zurückgehende extrem konservative »Deutsche Volksverein«. In
Kassel wurde 1886 die »Deutsche Antisemitische Vereinigung«, deren Protagonist
der Bibliothekar Otto Böckel war, ins Leben gerufen. Auf dem Antisemitentag in
Bochum einigten sich Anfang Juni 1889 verschiedene judenfeindliche Strömungen
auf gemeinsame Grundsätze und Forderungen, aber schon wegen der Bezeichnung des
Zusammenschlusses entzweiten sie sich wieder. Es gab nun eine »Antisemitische
Deutschsoziale Partei« und eine »Deutschsoziale Partei« und ab Juli 1890 die von
Böckel gegründete »Antisemitische Volkspartei«, die ab 1893 »Deutsche
Reformpartei« hieß. Im Reichstag errangen Vertreter antisemitischer
Gruppierungen 1890 fünf und 1893 16 Mandate.
Am meisten Aufsehen erregte der Demagoge Herrmann Ahlwardt, der als Parteiloser
im Reichstag saß und als Radau-Antisemit besonders hervortrat. In Pommern
agitierte er mit der Losung »Gegen Junker und Juden!«. Durch hemmungslosen
Populismus war Ahlwardt, den Helmut von Gerlach »den stärksten Demagogen vor
Hitler in Deutschland« genannt hat, vorübergehend erfolgreich. Im Kaiserreich
hatte der organisierte Antisemitismus keinen politischen Einfluss erringen
können; zum kulturellen Klima der Zeit aber hatte er einen schwer zu
unterschätzenden Beitrag geleistet; seine Agitation und Publizistik, die in die
öffentliche Diskussion eingeführten Schlagworte und Postulate bildeten Keime,
die schlummernd in der Erde lagen und nur auf günstige Bedingungen zu ihrer
Entfaltung warteten.
Der Antisemitismus im Wilhelminischen Kaiserreich war freilich keine singuläre
Erscheinung und kein deutsches Charakteristikum. In Österreich entwickelte sich
der Antisemitismus als politische Bewegung in den 1880er-Jahren vor allem im
Kleinbürgertum. Die erste organisatorische Basis fanden die Antisemiten in
Handwerksgenossenschaften und Innungen. Im Reichsrat agierte zur gleichen Zeit
der deutschnationale Abgeordnete Georg Ritter von Schönerer als Protagonist der
Judenfeindschaft. Nachdem er 1888 infolge eines radau-antisemitischen Überfalls
auf eine Zeitungsredaktion für lange Zeit ins Abseits geraten war, verlor der
extreme Antisemitismus an Boden. Dafür wurde der Abgeordnete Karl Lueger zur
charismatischen Integrationsfigur der Christlichsozialen Partei, die, ähnlich
wie Stoecker in Berlin, Judenfeindschaft für ihre antiliberale und
antisozialistische Sammlungspolitik instrumentalisierte. Anders als im Deutschen
Reich war die Demagogie der österreichischen antisemitischen Christlichsozialen
erfolgreich. Lueger wurde, nachdem seine Anhänger 1895 die Mehrheit im Wiener
Gemeinderat errungen hatten, 1897 Bürgermeister. Bei der späteren Bewertung
seiner kommunalpolitischen Verdienste blieb weitgehend unberücksicht, dass sie
ohne den Antisemitismus, der an Emotionen appellierte und als Bindeglied
zwischen den christlichsozialen Anhängern fungierte, nicht zu erreichen gewesen
wären.
In Frankreich, das seiner kleinen jüdischen Minderheit - 80 000 Personen, mithin
0,02 Prozent der Bevölkerung - 1791 im Zuge der Französischen Revolution die
vollen Bürgerrechte gewährt hatte, waren die antisemitischen Strömungen
unterschiedlich motiviert. Während die sephardischen Juden in Südfrankreich kaum
auf Integrationsprobleme stießen, waren die aschkenasischen Juden im Nordosten
verschiedenen Anfeindungen ausgesetzt, die teils christlich-katholische Wurzeln
hatten, teils auf den Rassismus zurückgingen, wie ihn Gobineau verfocht und
Édouard Adolphe Drumont in seiner 1886 erschienenen Schrift »La France Juive«
(in deutscher Übersetzung: »Das verjudete Frankreich«) propagierte, und teils -
dies war ein Spezifikum Frankreichs - von den Sozialisten ausgingen.
Der französische Antisemitismus kulminierte in der Dreyfusaffäre, die ab 1894
jahrelang die französische Öffentlichkeit in Atem hielt. Der jüdische Hauptmann
Alfred Dreyfus war aufgrund gefälschten Beweismaterials 1894 in einem dubiosen
Prozess wegen Landesverrats zur Deportation verurteilt worden. Das Verfahren
führte nach Interventionen Intellektueller - berühmt geworden ist Émile Zolas
offener Brief »J'accuse« (»Ich klage an«) von 1898 - zur Staatskrise, die mit
einem Sieg der Republikaner über Klerikale, Nationalisten und Antisemiten
endete. Dreyfus wurde 1899 in einem neuen Prozess zu einer geringeren Strafe
verurteilt, dann begnadigt und 1906 vollständig rehabilitiert. Der
Antisemitismus als antimoderne politische Bewegung erlitt in Frankreich eine
bedeutende Niederlage, ohne indes vollständig zu verschwinden.
Am Ende des 19. Jahrhunderts galt Russland als Synonym für virulenten und
gewaltsamen Antisemitismus. Juden, die im Ansiedlungsrayon im Westen des Landes
in Armut und rechtlicher Unsicherheit lebten, wurden regelmäßig von Pogromen
heimgesucht. Nach der Ermordung Kaiser Alexanders II. 1881 nahm die Intensität
der Verfolgungen zu. Ohne die religiösen und die für Deutschland und Frankreich
typischen rassistischen und nationalistischen Komponenten war Antisemitismus ein
Instrument antimoderner russischer Politik. Die von der zaristischen
Geheimpolizei gefälschten »Protokolle der Weisen von Zion«, die als Beweis einer
angeblichen jüdischen Weltverschwörung dienen sollten, waren Element einer
Politik, die jüdische Bevölkerung des Zarenreichs zu diffamieren.
Auf dem Weg zur nationalsozialistischen Staatsdoktrin in Deutschland
Im Ersten Weltkrieg wurden die antijüdischen Vorbehalte in Deutschland erneut
aktiviert. Ungeachtet der Tatsache, dass das deutsche Judentum die allgemeine
Kriegsbegeisterung im Sommer 1914 ganz und gar teilte und dass die Zahl der
jüdischen Freiwilligen - gemessen am jüdischen Bevölkerungsanteil - übermäßig
groß war, machte das Gerücht von der »jüdischen Drückebergerei« die Runde, des
Weiteren war als zweites antisemitisches Stereotyp die Überzeugung landläufig,
dass Juden als die »geborenen Wucherer und Spekulanten« sich als Kriegsgewinnler
an der Not des Vaterlandes bereicherten. In zahlreichen Publikationen wurden
diese Klischees verbreitet, so etwa in einem Flugblatt, das im Sommer 1918
kursierte, auf dem die jüdischen Soldaten lasen, wovon ihre nicht jüdischen
Kameraden und Vorgesetzten trotz der vielen Tapferkeitsauszeichnungen (30 000)
und Beförderungen (19 000) und trotz der 12 000 jüdischen Kriegstoten bei
insgesamt 100 000 jüdischen Soldaten überzeugt waren: »Überall grinst ihr
Gesicht, nur im Schützengraben nicht«.
Nachdem sich ab Ende 1915 die antijüdischen Eingaben und Denunziationen häuften,
die behaupteten, jüdische Wehrpflichtige seien in großer Zahl vom Kriegsdienst
befreit und die Juden im Militärdienst seien vor allem in der Etappe zu finden,
befahl der preußische Kriegsminister am 11. Oktober 1916 eine statistische
Erhebung über die Dienstverhältnisse der deutschen Juden im Kriege. War diese
Anordnung zur »Judenzählung« an sich schon eine antisemitische Monstrosität, so
macht die Tatsache, dass die Ergebnisse nicht veröffentlicht wurden, die
Angelegenheit vollends zum Skandal. Wenn die »Judenzählung«, wie behauptet
wurde, amtlich die Unhaltbarkeit der Beschwerden beweisen sollte, so
sanktionierte sie, weil das Resultat trotz jüdischer Forderungen geheim blieb,
die antisemitischen Ressentiments mit lang anhaltender Wirkung, von der die
NSDAP und andere Rechtsparteien die ganze Weimarer Republik hindurch profitieren
konnten. Der Aufklärungsarbeit des »Reichsbunds jüdischer Frontkämpfer« zum
Trotz, der bis 1933 die Öffentlichkeit auf den tatsächlichen Einsatz der
deutschen Juden im Weltkrieg aufmerksam machte, blieb eine große und zunehmend
einflussreiche Zahl von Deutschen davon überzeugt, »die Juden« seien
Drückeberger gewesen und hätten den Krieg vor allem zu unsauberen Geschäften
benutzt. Auch wegen dieser Folgewirkungen konnte die Judenzählung im Heer als
»die größte statistische Ungeheuerlichkeit« bezeichnet werden, »deren sich eine
Behörde je schuldig gemacht hat« (Franz Oppenheimer 1922).
Die Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Weimarer Republik
brachte für die deutschen Juden zwar den Höhepunkt ihrer kulturellen
Assimilation, zugleich aber schon den Beginn der sozialen Dissimilation.
Antisemitische Propagandisten, die Schuldige für die als schmachvoll empfundenen
Folgen des Kriegs suchten, verängstigte deklassierte Kleinbürger und diejenigen,
die ihren Nationalstolz verletzt sahen, machten »den Juden« zum Sündenbock.
Völkische und nationalistische Parteien, vor allem die NSDAP und die
Deutschnationale Volkspartei, gewannen demokratie- und republikfeindliche Teile
der Bevölkerung für ihre Politik. Ihr Antisemitismus projizierte Existenzängste
auf Juden, konkretisierte sie dadurch und gab zugleich vor, die Ursachen für
diese Ängste gründeten nicht in der Gesellschaft als Ganzes, sondern in einem
isolierbaren Teil und könnten mithin gesondert bewältigt werden. Ergebnis der
antisemitischen Agitation waren unter anderem der Mord an Außenminister Walther
Rathenau 1922 und Attentate auf andere demokratische Politiker jüdischer
Herkunft.
Dass man die nationale Zuverlässigkeit der deutschen Juden infrage stellte,
ihnen den Vorwurf doppelter Loyalität (»erst Jude, dann Deutscher«) machte,
zeigte den Wunsch nach Ausgrenzung, der in der Unterstellung einer
Kriegserklärung »der Juden« an das deutsche Volk im Frühjahr 1933 anlässlich der
Boykottaktion vom 1. April einen ersten Höhepunkt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war
mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler der von der NSDAP propagierte
Antisemitismus Staatsdoktrin geworden. Nicht nur Joseph Goebbels an der Spitze
des Reichspropagandaministeriums oder Julius Streicher mit seinem Hetzblatt »Der
Stürmer« bemühten sich, unter Verwendung gängiger Stereotypen feindselige
Zerrbilder über Juden zu verbreiten, die den Weg zum organisierten Massenmord
bereiteten. Parolen der NSDAP wie »Juda verrecke« und der SA wie »Wenn's
Judenblut vom Messer spritzt« wurden durch Filme wie »Der ewige Jude« oder »Jud
Süß« (beide 1940) transportiert; antisemitische Propaganda war allgegenwärtig
und infizierte schließlich einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung. Dem
Boykott als einer Geste der Drohung folgten im Frühjahr 1933 das »Gesetz zur
Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« und zahllose Rechtsakte, so 1935 die
»Nürnberger Gesetze«, durch die die deutschen Juden ihre bürgerlichen Rechte
verloren, bis hin zur Verordnung von 1941, die das Tragen des Judensterns
vorschrieb, und der Verfügung von 1943, mit der sie unter Polizeirecht gestellt
wurden. Mit diesen Maßnahmen war der Weg beschritten, der für zwei Drittel der
europäischen Juden in der Vernichtung endete.
Prof. Dr. Wolfgang Benz
für
(c) wissenmedia GmbH, 2010