Judenfeindlichkeit

 

>Hier< zur Judenverfolgung als

organisierte Endlösung


Judentum zwischen Spätantike und Aufklärung

(Siehe auch unter "Israel" >hier<)

Siedlungsschwerpunkte

Während in der Antike der Schwerpunkt jüdischer Ansiedlung im nahöstlichen Raum (Mesopotamien, Kleinasien, Palästina/Land Israel) lag, verlagerte er sich vom 6. Jahrhundert an allmählich Richtung Westen. Die jüdischen Gemeinden in Süditalien und Südfrankreich blühten auf. Mit der muslimischen Eroberung Spaniens im Jahr 711 wurde Spanien zu einem Zentrum jüdischen Lebens, bis die christliche Reconquista diesem im 15. Jahrhundert ein Ende setzte (Reconquista: die Rückeroberung der ab 711 von den Mauren besetzten Iberischen Halbinsel durch christliche Heere). Von Süditalien wanderten Juden Richtung Norden, nach Nordfrankreich und Deutschland. Die ersten Spuren kontinuierlicher Anwesenheit von Juden in Deutschland gehen auf das 10. Jahrhundert zurück. Von hier wanderten sie Richtung Osten. Vertreibungen und Zuwanderungen vom Balkan verstärkten die jüdische Gemeinschaft in Osteuropa. Im 16. und 17. Jahrhundert war Polen neben dem osmanischen Reich größtes jüdisches Zentrum. Hier hatten die 1492/96 aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden Zuflucht gefunden. Andere wandten sich nach Nordafrika, vor allem in den Maghreb. Vertreibungen führten zum Ende jüdischer Anwesenheit in England (1290), Frankreich (1394; nicht aus dem päpstlichen Besitz um Avignon!) und Süditalien (1541). Deutschland war eines der wenigen europäischen Gebiete, in dem Juden vom 10. Jahrhundert ununterbrochen bis zur Zeit der Aufklärung leben konnten. Die föderalistische Struktur des Reiches ließ ihnen Zufluchtsorte offen, die in den Staaten mit starker Zentralgewalt nicht vorhanden waren. Mit der Aufklärung sollten die Juden des deutschsprachigen Raums wichtige Funktionen bei der Modernisierung des Judentums bis ins 20. Jahrhundert übernehmen.


In Babylonien und im Land Israel

Die Entstehung des Christentums war zu seiner Zeit kein bedeutendes Ereignis für die jüdische Geschichte. Einige Juden hielten sich in verschiedenen Epochen für den Messias. Auch existierte schon seit der Deportation der Juden nach Babylon im Jahr 586 v. Chr. die jüdische Diaspora. Für die Juden bedeutend wurde das Christentum erst als Staatsreligion im Römischen Reich (4. Jahrhundert). Zur selben Zeit grenzte sich die christliche Kirche immer schroffer gegen das Judentum ab. Die byzantinischen Kaiser erließen viele Bestimmungen, die zum Ziel hatten, den gesellschaftlichen Umgang von Juden und Christen zu verringern und den schlechteren Status der jüdischen Religion öffentlich hervorzuheben. Justinian schützte zwar die Synagogengebäude, gestattete die Beschneidung und gewährte den Juden eine interne Rechtsprechung, doch durften sie keine öffentlichen Ämter ausüben (425), keine christlichen Sklaven halten, keine Konvertiten aufnehmen und keine neuen Synagogen bauen. Besonders judenfeindlich eingestellt war Kirchenvater Hieronymus (um 347-419). Aber auch Augustinus (354-430) war nur bereit, die Juden, die er als mit Blindheit geschlagen betrachtete, in einer schlechten Lage als »Zeugen des Sieges der christlichen Wahrheit« zu dulden. Die unter dem Titel »Adversus iudaeos« (gegen die Juden) zu bezeichnende Literatur wurde zu einem festen Bestandteil christlicher Tradition. Einige Päpste nahmen jedoch Juden gegen physische Übergriffe und Zwangstaufen in Schutz. Diese Vorschriften gegenüber Juden, 1215 erneut zusammengestellt, wurden nicht überall gleich streng durchgesetzt. In den neu missionierten Gebieten Europas befürchteten einige Bischöfe eine jüdische Konkurrenz, wie etwa Agobard von Lyon (769-840). Im nicht christlichen Bereich geht allem Anschein nach ein nicht unbedeutender Teil der Juden Marokkos, Äthiopiens (Falascha [amharisch »Vertriebene]), Südarabiens und Jemens auf jüdische Missionare zurück, die dort in der Spätantike und im Frühmittelalter gewirkt haben müssen. Ein Konvertit, König Jusuf Dhu Nuas aus dem südarabischen Haimar, führte 525 sogar Krieg gegen das Byzantinische Reich, weil es judenfeindliche Bestimmungen erlassen hatte.

In Mesopotamien und in Tiberias am See Genezareth befanden sich in der Spätantike bedeutende Gelehrtenschulen, durch die die »mündliche Lehre«, Kommentare zum biblischen Recht, weiterentwickelt und schließlich um 200 (Mischna [hebräisch »Wiederholung«, »Lehre«] ) und 500 (Gemara [aramäisch »Vervollständigung]) schriftlich festgelegt worden waren. Diese beide Teile bilden den Talmud, eine Art Enzyklopädie jüdischen Wissens, die neben Bibelexegese, philosophischen Abhandlungen, ethischer Literatur, Erzählungen (Haggada [hebräisch »Erzähltes«]) auch Diskussionsprotokolle über rechtliche Fragen enthält. Der Talmud war und blieb die Basis der religiösen jüdischen Kultur bis heute. Zwei Versionen wurden formuliert, der umfangreichere babylonische und etwas vorher der unvollständig gebliebene Jerusalemer Talmud. Weiter entstanden aramäische Übersetzungen der Bibel, rabbinische Gleichnisse (Midraschim [hebräisch »Auslegungen«]) und liturgische Gedichte (Piutim ). Im römischen Palästina lag nach der Zerstörung des (zweiten) Tempels (70 n. Chr.) bis zum Jahr 425 der Sitz des jüdischen Patriarchen zunächst in Jamnia (heute Yavne), dann an anderen Orten. Er war der Vertreter der Juden beim römischen bzw. byzantinischen Kaiser. Auch in Mesopotamien existierte eine hierarchische Struktur der jüdischen Gemeinschaft, allerdings in doppelter Ausprägung: Der Nasi oder Exilarch entsprach dem Patriarchen des Römischen Reiches. Sein Amt hatte etwa bis zum Jahr 850 reale Macht. Nachher war es ein bloßer Ehrentitel. In gewisser Konkurrenz dazu befanden sich seit Ende des 6. Jahrhunderts die Vorsteher (Gaon) der Talmudhochschulen von Sura und Pumbeditha. Kriegerische Auseinandersetzungen beendeten im 11. Jahrhundert die Blütezeit der babylonischen Juden. Allerdings lebten sie dort ununterbrochen bis zur Gründung des Staates Israel im Jahr 1948, womit sich eine radikale Wende in der arabischen Welt vollzog. Als besonderes Zeugnis dieser vergangenen Epoche hat sich die Synagoge von Dura-Europos (3. Jahrhundert) erhalten, die 1932 ausgegraben wurde und zur Überraschung der Archäologen reich ausgemalt war.

Im islamischen Bereich

Wichtig für den entstehenden Islam war die Begegnung von Mohammed mit Juden auf der arabischen Halbinsel. Viele Elemente dieser älteren Religion übernahm er, so das Prinzip der Wallfahrten, des Fastens, des Ruhetages und einige Speisevorschriften. Zuerst sollten die Muslime Richtung Jerusalem und nicht Mekka beten. Allerdings sah der Islam das zeitgenössische Judentum als verderbte Religion an: Seiner Überzeugung nach hatte der Engel Gabriel den wahren Text direkt Mohammed offenbart. Juden und Christen wurden von den muslimischen Herrschern als »Schutzverwandte«, teilweise in Anlehnung an das ältere kanonische Recht, geduldet. Sie mussten in »demütiger« Weise eine Kopfsteuer sowie spezielle Abgaben zahlen und besondere Kennzeichen an den Kleidern tragen. Symbolisch zeigte sich ihr schlechterer Status darin, dass sie keine Pferde reiten, Christen z. B. keine Glocken läuten durften. Nicht muslimische Gotteshäuser mussten immer niedriger als die nächste Moschee gebaut sein. Auf die Beschuldigung der Blasphemie des Islams hin erfolgte die Zwangskonversion oder Hinrichtung. In der frühen Zeit (9.-11. Jahrhundert) waren die Lebensbedingungen für Juden in Bagdad und in Andalusien trotz dieser Einschränkungen relativ gut. Als Beispiel diene der in Mesopotamien lebende Religionsphilosoph Saadja ben Josef al-Faijumi (882-942), der in seinem Buch »Glauben und Wissen« eine jüdische Antwort auf die damalige arabische Hochkultur formulierte. Viele seiner Werke verfasste er in Arabisch, nicht Hebräisch, denn Arabisch war die Umgangssprache der Juden in Mesopotamien, das nun »Irak« genannt wurde. Diese kulturelle Nähe zwischen Islam und Judentum macht es schwierig zu entscheiden, ob beispielsweise in Bezug auf die Lehrmethode getrennte analoge Entwicklungen oder wechselseitige Beeinflussungen vorliegen. Aus Córdoba stammte der Arzt und Philosoph Moses Maimonides (1135-1204), der nach dem Einfall der maurischen Almohaden aus Spanien flüchten musste und in Fustat (heute zu Kairo) lebte. Er fasste das gesamte jüdische Recht in seinem Werk »Mischne Thora« (Wiederherholung der Lehre) zusammen, das zu den wichtigsten mittelalterlichen jüdischen Büchern gehört. Maimonides war stark von der aristotelischen Tradition beeinflusst und verfasste einen »Führer der Verirrten«, ein Buch, das die Probleme der Bibelexegese in rationalistischer Weise anging. Man spricht daher in der Forschung oft von der »mittelalterlichen Aufklärung« unter den Juden. Gegen diese Seite des Schaffens von Maimonides erhob sich Protest, doch blieben seine anderen Werke maßgeblich.

Juden betätigten sich in Spanien auch prominent am Übersetzungswerk der griechisch-römischen Autoren ins Arabische und Lateinische. Sie haben somit wesentlichen Anteil an der Schöpfung der »abendländischen« Kultur. Dies wird oft nicht entsprechend gewürdigt. Zur Blütezeit des Kalifats in Córdoba (9./10. Jahrhundert) waren Juden der Oberschicht Teil der höfischen Gesellschaft. Sie konnten eine Lücke bei den qualifizierten Berufen ausfüllen, die unter den erobernden Berberstämmen nur schwach vertreten waren. Zudem waren sie zu muslimischen Herrschern loyal, denn sie verfügten nicht wie Christen über ein Hinterland in Nordspanien, wo sich christliche Fürstentümer halten konnten. So betätigten sie sich als Berater, Verwaltungsexperten, Schreiber, Steuer- und Zollpächter, Astronome, Mathematiker, Ärzte und Dichter. Hier durften sie auch Grundbesitz erwerben. Typisch für ihre tief gehende Integration in die arabische Kultur war das Werk Jehuda ben Samuel Hallevis (1075-1144), der auf Hebräisch und Arabisch dichtete, oder das ethische Werk »Pflichten des Herzens« des Religionsphilosophen und Dichters Bachja ben Joseph ibn Paquda (11. Jahrhundert). Es gab sogar einen jüdischen General, Samuel ha-Nagid (993-1056). Die Mittelschicht betätigte sich im Handwerk als Schmiede, Maurer und Wollweber, aber auch im Textilhandel. Besonders die jüdischen Lederbearbeiter waren bekannt. In Spanien entwickelten sich regional unterschiedliche Formen der Liturgie, die auch Jahrhunderte nach ihrer Vertreibung von den Juden beibehalten worden sind.

Juden im christlichen Spanien und in Portugal

Zweireichelehre: Reformator und Landesfürst (in der
Bildmitte: Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen,
ganz links Martin Luther, ganz rechts Philipp Melanchthon)
Zweireichelehre:   Reformator und Landesfürst. In der Bildmitte Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, ganz links Martin Luther, ganz rechts Philipp MelanchthonMit der christlichen Reconquista verschlechterte sich die Lage der Juden in Spanien nach dem Fall Toledos im Jahr 1085. Zwangsdisputationen verschärften die Gegensätze. Als Folge wandten sich viele spanische Juden der Innerlichkeit, der Mystik, der Kabbala, zu. Ein Hauptwerk ist hier Ende des 13. Jahrhunderts entstanden, das »Buch des Glanzes« (Sohar, verfasst wahrscheinlich von Mose Ben Schem Tov de Leon). 1391 kam es nach Hetzpredigten christlicher Geistlicher zu Ausschreitungen in Sevilla, die sich über die ganze Südküste bis nach Barcelona hinzogen. Die Judenviertel (juderias) wurden nun zu Zwangsquartieren. Viele Juden wurden zur Konversion gezwungen. Auch nach dem Abebben der Ausschreitungen wurde ihnen die Rückkehr zur jüdischen Religion nicht gestattet. Nun entstand das Phänomen der conversos: Einige dieser Neuchristen blieben insgeheim ihrem Judentum treu. Die spanische Kirche sah sich dadurch herausgefordert und erlangte 1481 beim Papst die Erlaubnis zur Errichtung einer Untersuchungsbehörde, der Inquisition. Diese zögerte nicht, Menschen lebendigen Leibes zu verbrennen usw. usw. (Anschließend noch einiges mehr unter "Vorbehalte gegen Juden".)

Dr. Uri R. Kaufmann
(c) wissenmedia GmbH, 2010

Der Judenhass eines Martin Luther, des "großen" Reformators, ist unübertrefflich:

 Aus der Schrift von Martin Luther: "von den Juden und ihren Lügen", Wittenberg 1543, als Beispiel zu finden:

 

»Hieher zum Kusse! Der Teufel hat in die Hosen geschissen und den Bauch abermals geleeret. Das ist ein recht Heiligthum, das die Juden und was Jude sein will, küssen, fressen, sauffen und anbeten und soll der Teufel auch fressen und sauffen, was solche Jünger speien, oben und unten auswerfen können. Hier sind die rechten Gäste und Wirthe zusammengekommen der Teufel frißt mit Lust, was der Juden oberes und unteres Maul speiet und spritzet«.

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Die Vorbehalte gegen Juden waren, nachdem sich das Christentum im 3./4. Jahrhundert als Staatsreligion im Römischen Reich durchgesetzt hatte, zunächst auch im Mittelalter ausschließlich religiöser Natur. Allerdings bestimmte der Glaube in existenziellem Umfang den Alltag, und religiöse Differenzen hatten entsprechend einschneidende Bedeutung. Die Verweigerung der Taufe, das Festhalten am eigenen Ritus, das Unverständnis der Juden für die Erlösungsidee durch Christus machte die Juden in christlichen Augen zu »Verstockten«. Aus dem religiösen Unverständnis zwischen Minderheit und Mehrheit folgte die sowohl von Kirchenlehrern als auch von Rabbinern erhobene Forderung nach äußerer Trennung zwischen den Anhängern des Alten Testaments, die sich als erwähltes Volk verstanden, und denen, die, erlöst durch Jesus Christus, an die Überwindung des Alten Testaments glaubten und als christliche Gemeinschaft die Mehrheit bildeten. Nach christlicher Lehrmeinung galten die Juden als »Gottesmörder«, so Abt Hieronymus von Bethlehem. Bischof Johannes I. Chrysostomos von Antiochia schrieb, die Synagoge sei eine »Sammelstätte der Christusmörder«.

Die religiösen Vorschriften, vor allem die strenge Sabbatruhe und die rituellen Speisegesetze, zwangen die Juden auch in gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht in die Rolle von Außenseitern in der Gesellschaft. Vom Warenaustausch - mit Ausnahme ländlichen Kleinhandels - und der Produktion aufgrund christlich definierter ständischer und zünftiger Ordnung des Wirtschaftslebens ausgeschlossen, waren Juden auf den Geldhandel beschränkt, da Zinsnehmen als Wucher Christen verboten war. Die Pfandleihe wurde jüdisches Monopol, geschützt von Königen und Fürsten, erkauft durch hohe Abgaben der Juden. Trotz ihrer eigenen Ausbeutung waren nur die jüdischen Geldverleiher dem Hass ihrer Schuldner ausgesetzt und nicht diejenigen, die dieses Finanzsystem für sich benutzten.

Am Ende des 11. Jahrhunderts entluden sich religiöse Gegensätze und gesellschaftliche Ressentiments in Gewaltakten gegen die jüdische Minderheit in Europa. Der erste Kreuzzug 1096 - der Intention nach ein Krieg gegen »Ungläubige« zur Befreiung des Heiligen Landes - wurde von fanatisierten Christen, die als Angehörige der Unterschichten, als verarmte Bauern, Abenteurer und Mittellose aus Sozialneid handelten, zunächst gegen Juden in ganz Mitteleuropa geführt, etwa in den Städten des Rheinlandes. Von den Kreuzfahrern bedrängt, standen die Juden vor der Wahl, getötet zu werden oder den christlichen Glauben durch den Empfang der Taufe als richtiges Bekenntnis anzuerkennen. Nach »geglückter Mission« endete die Verfolgung, da sie ausschließlich durch religiöse Ressentiments motiviert war. Die meisten Juden wählten jedoch den Tod.

Die Gewaltaktionen hatten, wie auch diejenigen späterer Kreuzzüge, die alle judenfeindlich waren, den Charakter von Pogromen, das heißt, die Gewalt richtete sich nicht gegen einzelne, sondern gegen alle Angehörige der Minderheit; die religiös-christliche Motivation sprengend, gehörten Plünderungen, Diebstahl und Raub untrennbar zum gewalttätigen Geschehen.

Zur Begründung der aggressiven Judenfeindschaft wurden seit dem 13. Jahrhundert Legenden und Erzählungen verbreitet, die Ritualmorde und Hostienfrevel zum Gegenstand hatten. 1144 tauchte erstmals in der Gestalt des William von Norwich das Opfer eines angeblich von Juden begangenen Ritualmordes auf. Der Legende nach begehen Juden alljährlich aus Hass auf Christus und die Christen unter Anleitung ihrer Rabbiner in der - von christlicher Seite religiös-emotional besonders sensiblen Passionswoche - einen Mord in ritueller Form an einem unschuldigen christlichen Knaben, um das Leiden Christi zu verhöhnen. Nach dem Laterankonzil von 1215, das die Transsubstantiationslehre zum Dogma erhob, kam als zweites Motiv die Blutlegende hinzu, nach der die Juden ihren Opfern zur Bereitung von Matzen oder zu medizinischen Zwecken Blut entziehen. Die Unhaltbarkeit solcher Anschuldigungen ergibt sich schon aus den rituellen Geboten der jüdischen Lehre, nach der der Verzehr von Blut den Juden streng verboten ist. Kirchenlehrer und Päpste haben dies auch immer wieder konstatiert, Kaiser und Könige haben die Juden gegen die Blutbeschuldigungen verteidigt, jedoch ohne Erfolg. Die Blutlegenden waren, von Interessenten wie Predigern oder fanatisierten Bettelmönchen im Missionseifer verbreitet, bis ins 20. Jahrhundert wirksam als Anlass zur Verfolgung der Juden.

Die Ritualmordbeschuldigung verbreitete sich von England aus nach Frankreich und Spanien, an den Rhein und an den Bodensee, in den Alpenraum und nach Franken und schließlich im 16. Jahrhundert auch nach Polen. Die Opfer wurden mit kirchlicher Duldung oder Anerkennung Gegenstand der Verehrung als Märtyrer wie Little Hugh of Lincoln (1255), Werner von Bacharach (1287) oder Simon von Trient (1475).

Die judenfeindlichen Anschuldigungen wurden in zahllosen Chroniken, Geschichten, Liedern und Predigtsammlungen überliefert. Wie das Beispiel des Anderl von Rinn in Tirol zeigt, war der Kult bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts amtskirchlich geduldet. Wie gefährlich die Ritualmord- und Blutlegenden für die Juden waren und wie lange damit zu Ausschreitungen angestachelt werden konnte, zeigt der Pogrom von Kielce in Polen, bei dem noch 1946 die Vermutung, ein verschwundenes Kind sei von Juden getötet worden, Anlass zum Mord an mindestens 42 Juden, die den Holocaust überlebt hatten, bot.

Des Weiteren beschuldigte man die Juden seit dem 12. Jahrhundert, sie begingen Hostienfrevel. Diese Unterstellung gründete in der Wahnvorstellung, das Volk der »Gottesmörder« ritualisiere den antichristlichen Affekt durch die Wiederholung der Leiden, die einst Jesus zugefügt wurden, am Leib Christi in Gestalt der geweihten Hostie. Im reziproken Verhältnis zu den Hostienwundern, die sich nach vielfältiger Überlieferung ereigneten - die von Juden mit Messern, Dornen und Nägeln gemarterten Hostien sollen zu bluten begonnen haben -, wurden die Juden dämonisiert als Anhänger des Satans, als Verkörperungen des Antichrist. Die Hostienfrevellegenden zeitigten einerseits Wallfahrten wie die »Deggendorfer Gnad«, die bis 1992 begangen wurde, und eine reiche Erbauungsliteratur, die das religiös motivierte feindselige Judenbild tradierte, andererseits waren sie oft Anlass zu Pogromen gegen Juden, am weitreichendsten im »Rintfleischaufruhr« von 1298, bei dem in Franken 5 000 Juden getötet wurden, und in der »Armleder-Verfolgung« 1336-1338, bei der in ganz Süddeutschland, im Elsass, in Böhmen, Mähren und Kärnten 6 000 Menchen ermordet wurden. Bei der bis in die Neuzeit wirkenden negativen Stereotypisierung waren die Juden »Ketzern«, »Hexen«, später Freimaurern und Jakobinern als Feinde des Christentums gleichgestellt.


Judenfeindlichkeit in der frühen Neuzeit

Den klerikalen Judenbildern folgten, nicht weniger gefährlich, säkularisierte Zuschreibungen, die die Juden als Verursacher von Übeln stigmatisierten. Die Pestepidemie in Europa Mitte des 14. Jahrhunderts bot Anlass zur Spekulation, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Auch ökonomische Motive bedingten, dass die Pest zum Vorwand für Verfolgung wurde. Erstmals auf einen weltlichen Vorwurf hin kam es 1348-1350 zu mehreren Pogromwellen, in denen die meisten jüdischen Gemeinden zerstört wurden.

Bei der nun folgenden Marginalisierung der Juden durch weltliche Obrigkeiten, durch Städte und Fürsten, hatte die Kirche Schrittmacherdienste geleistet: Das Laterankonzil 1215 hatte beschlossen, dass die »Ungläubigen« durch eine eigene Tracht erkennbar sein sollten - gelber Fleck und Judenhut - und von den Christen abgesondert werden müssten. Das war der Beginn der Gettoisierung der Juden in den Städten und der Regelung ihrer beschränkten Teilnahme am öffentlichen Leben durch eine Unzahl von diskriminierenden Vorschriften. Lion Feuchtwanger hat in seinem Roman »Jud Süß« die Situation der Juden im späten Mittelalter eindringlich beschrieben: »Im 14. Jahrhundert waren sie hier in mehr als 350 Gemeinden erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben worden. Die Überlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert. Seitdem saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf 600 Deutsche kam ein Jude. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der Behörden lebten sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür. Untersagt war ihnen Handwerk und freier Beruf, die Vorschriften der Ämter drängten sie in verwickelten und verwinkelten Schacher und Wucher. Beschränkten sie im Einkauf der Lebensmittel, ließen sie den Bart nicht scheren, steckten sie in eine lächerliche, erniedrigende Tracht. Pferchten sie in engen Raum, verrammelten die Tore ihres Gettos, sperrten sie zu Abend um Abend, bewachten Ein- und Ausgang.«

Im 13. Jahrhundert wandelte sich das Kreditsystem. Die christlichen Zinsrestriktionen wurden gelockert, wodurch Juden und Christen im Geldgeschäft zu Konkurrenten wurden. Nur noch diejenigen borgten gegen hohen Zins bei Juden, die sonst nirgendwo mehr Kredit bekamen. Als antijüdische Stereotype verfestigte sich nun das Bild des jüdischen Wucherers; die jüdischen Minderheiten in den Städten waren insgesamt, ihrer bisherigen ökonomischen Funktion weithin ledig, dämonisiert und standen, wie andere Randgruppen der Gesellschaft, unter ständigem Verfolgungsdruck. Dem Beispiel der Territorialherren (England 1290, Frankreich 1306, Spanien 1492) folgend, wurden Juden seit der Mitte des 14. Jahrhunderts aus religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Gründen aus den Städten vertrieben, und zwar meist auf Betreiben der Bürger: Am Ende des Mittelalters waren sie in Mitteleuropa - mit Ausnahme von Prag und Frankfurt am Main - aus den Städten verschwunden. Sie lebten, soweit sie nicht nach Osten abgewandert waren, als Dorfjuden kümmerlich von Kleinhandel, vor allem vom Hausier- und Altwarenhandel. Aufgrund der aus christlicher Wurzel stammenden, tradierten Feindbildstereotypen (Wucherer, Christenfeinde, Brunnenvergifter, Ritualmörder) und aufgrund der in Christenaugen rätselhaften religiösen Bräuche sowie der sich daraus vermeintlich ergebenden Eigenschaften (Geiz, Rachedurst, Raffgier, Hochmut, Feigheit, Arglist, Lügenhaftigkeit) waren die Juden als Angehörige einer randständigen Minderheit ohne eigene Schuld stigmatisiert. Sie erschienen als Gegenstand des Abscheus, aber schließlich auch als Objekte missionarischen Strebens. Wenn sie - wie es die Regel war - den Lockungen der christlichen Taufe widerstanden, zogen sie umso mehr den christlichen Zorn auf sich, wie das Beispiel Martin Luthers zeigt, dessen wütende antijüdischen Predigten wie seine Schrift von 1543 »Von den Juden und ihren Lügen« enttäuschten Bekehrungseifer spiegeln. An die Stelle von Zwangstaufen, die nach kanonischem Recht unzulässig waren, trat in der frühen Neuzeit die Judenmission mit verheerenden Folgen beim Misslingen dieser Absicht.

Im Mittelalter war die Rechtsstellung der Juden als servi camerae regis, als königliche Kammerknechte, definiert, das heißt, die Juden waren abgabenpflichtig und genossen dafür ein Minimum an Schutz vor Verfolgungen. Mit der Ausbildung der Landesherrschaft ging das Judenregal auf die Territorialfürsten über. In der Neuzeit waren dann diejenigen Juden, die für den Landesherrn von Interesse waren, als »Schutzjuden« privilegiert. Gegen beträchtliche Zahlungen bekamen Kapitalkräftige die Erlaubnis, sich anzusiedeln, vielfach traten jüdische »Entrepreneure« (Unternehmer) in der Zeit des Absolutismus in fürstliche Dienste, um als Hoffaktoren kostspielige Unternehmungen des Fürsten zu finanzieren wie der Berliner Münzmeister Lippolt, der vom brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. Hektor 1540 eingestellt worden war. Insgesamt hatte Joachim 42 000 Taler von Juden als Ansiedlungsgebühren kassiert, die Jahressteuern noch nicht gerechnet. Nach Joachims Tod 1571 wurde der Hoffaktor Lippolt der Veruntreuung von Geldern bezichtigt; des Weiteren hieß es, er habe auch den Kurfürsten vergiftet und dessen Geliebte verführt - allesamt stereotype und unhaltbare Vorwürfe. Ein Gerichtsverfahren endete jedoch mit der Hinrichtung Lippolts 1573. Die Berliner Juden hatten unter Ausschreitungen und Plünderungen zu leiden, danach wurden sie wieder des Landes verwiesen, wofür sie noch Abzugsgelder als Kontribution bezahlen mussten. Der literarisch berühmteste Fall eines Hoffaktors, der zugleich die Willkür illustriert, der die Juden unterworfen waren, ist die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer, der als »Jud Süß« in Diensten des württembergischen Herzogs Karl Alexander stand, die Finanzen des Landes verwaltete und nach dem Tod seines Auftraggebers 1738 öffentlich hingerichtet wurde; er war zum Sündenbock erklärt worden für die Zerrüttung der Staatsfinanzen und den Verfall landständischer Rechte unter Herzog Karl Alexander.


Von der religiös-gesellschaftlichen zur rassistischen Ausgrenzung im 19. Jahrhundert

In der Zeit der Aufklärung wurde mit der zum Beispiel von Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn propagierten Idee der Toleranz gegenüber Juden der Weg zur Emanzipation bereitet, die als »bürgerliche Verbesserung der Juden« gedacht war. Der Schriftsteller und Beamte in preußischen Diensten Christian Wilhelm Dohm fasste 1781 das Programm der aufklärerischen Judenemanzipation in die Worte: »Die der Menschlichkeit und der Politik gleich widersprechenden Grundsätze der Ausschließung, welche das Gepräge der finsteren Jahrhunderte tragen, sind der Aufklärung unserer Zeit unwürdig und verdienen schon längst nicht mehr, befolgt zu werden.«

Die Emanzipation der Juden, also ihre Befreiung aus den sozialen und rechtlichen Schranken, war in Deutschland und Österreich kein revolutionärer Akt wie 1791 in Frankreich, sondern Ergebnis einer langwierigen Debatte, die sich vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis Ende der 1860er-Jahre hinzog. Als Bewegung gegen die rechtliche Gleichstellung der Juden und gefördert von gesellschaftlichen Krisen, kam es 1819 zu pogromartigen Ausschreitungen. Die »Hep-Hep-Verfolgungen« begannen in Würzburg und strahlten über ganz Deutschland bis nach Dänemark aus. Sie zeigten zugleich, dass Judenfeindschaft eine Form von sozialem Protest war, bei dem Aggressionen verschoben und gegen Juden gerichtet wurden.

Judenfeindschaft erhielt im 19. Jahrhundert eine neue Dimension in Gestalt des rassistisch und sozialdarwinistisch argumentierenden modernen Antisemitismus, der sich als Resultat wissenschaftlicher Erkenntnis ausgab. Zu dessen Vätern gehörte Arthur de Gobineau mit seinem voluminösen Essay »Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen« (erschienen 1853 bis 1855 in vier Bänden), der zwar nicht gegen die Juden gerichtet war, aber instrumentalisiert wurde als Eckpfeiler einer Rassentheorie, die den modernen Antisemitismus scheinbar wissenschaftlich unterfütterte. Die Übereinstimmung der antisemitischen Theoretiker bestand darin, dass jede »Rasseneigenschaft« der Juden negativ war. Der Unterschied zur älteren Judenfeindschaft war die Überzeugung, dass Rasseneigenschaften anders als religiöse Bekenntnisse unveränderbar seien. Die Taufe konnte nach Überzeugung der Antisemiten den Makel des Judeseins nicht mehr aufheben. In der Diskussion über die »Judenfrage« spielten die Schmarotzermetaphorik und die Parasitenmetaphorik zunehmend eine Rolle, ungeachtet der Tatsache, dass die antiemanzipatorische Judenfeindschaft vor allem eine Bewegung gegen die Modernisierung der Gesellschaft und gegen den politischen Liberalismus war. Der Übergang vom religiösen Hass zur rassistischen Ablehnung war nicht abrupt, die Traditionen des religiösen Antijudaismus blieben wirkungsmächtig und verstärkten die neuen pseudorationalen Argumente des Rassenantisemitismus. Schließlich wurde Judenfeindschaft zum »kulturellen Code« (Shulamit Volkov), mit dessen Hilfe sich die Rechte im Wilhelminischen Kaiserreich verständigte.

Intellektueller Höhepunkt der Auseinandersetzung war der Berliner Antisemitismusstreit, ausgelöst durch einen Artikel Heinrich von Treitschkes in den »Preußischen Jahrbüchern« im November 1879. Der angesehene Historiker hatte sich gegen die von ihm befürchtete Masseneinwanderung osteuropäischer Juden ausgesprochen und den deutschen Juden mangelnden Assimilationswillen vorgeworfen. Obwohl er nicht für die Rücknahme der Emanzipation plädierte, war Treitschke in der Argumentation und durch die Verwendung ausgrenzender judenfeindlicher Stereotypen - er verwendete einmal den Ausdruck »Deutsch redende Orientalen« - ins Lager der Antisemiten geraten. Auch angesichts der Wirkung, die Treitschkes kulturpessimistische Ausführungen hatten, ist die Diskussion, ob er selbst ein Antisemit war, ziemlich müßig, denn er machte zumindest die grassierende antisemitische Agitation, wie sie von drittrangigen Publizisten und eifernden Kleingeistern entfacht worden war, gesellschafts- und diskussionsfähig.

Kurz zuvor, im Februar 1879, war Wilhelm Marrs politisches Pamphlet »Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum« erschienen, das im Herbst 1879 schon in der 12. Auflage verkauft wurde. Marr verwandte erstmals den Begriff »Antisemitismus«. Den Weg dahin hatten schon Autoren wie Otto Glagau bereitet, der im weitverbreiteten Wochenblatt »Die Gartenlaube« die Juden mit Verunglimpfungen wie »90 Prozent der Gründer und Makler sind Juden« als Verursacher der lang anhaltenden Wirtschaftskrise, die auf den »Gründerkrach« von 1873 folgte, denunzierte und in polemischen Artikeln die Juden zu Sündenböcken für aktuelles Ungemach stempelte. Die Pressekampagnen in der konserativen protestantischen Kreuzzeitung, aber auch in katholischen Blättern, deren gemeinsamer Feind der politische Liberalismus war, vertieften seit 1874/75 die judenfeindlichen Ressentiments.

Treitschke entfachte mit seiner Parteinahme in der »Judenfrage« im November 1879 eine Diskussion, die großes öffentliches Interesse fand. In Berliner Tageszeitungen erschien im November 1880 eine von 75 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens - unter ihnen der Althistoriker Theodor Mommsen - unterzeichnete »Erklärung«, die antisemitische Bestrebungen verurteilte und sich besonders gegen die »Antisemitenpetition« richtete, die ein Leipziger Professor zusammen mit Friedrich Nietzsches Schwager Bernhard Förster initiiert hatte. 250 000 Unterschriften sollten den Reichskanzler dazu bewegen, die Einwanderung von Juden zu verbieten und Juden von öffentlichen Ämtern auszuschließen. Zwei Tage lang war diese Petition im Preußischen Parlament Gegenstand des Streits zwischen der Fortschrittspartei einerseits sowie Konservativen und dem Zentrum andererseits. In der »Erklärung« hieß es: »... in unerwarteter und tief beschämender Weise wird jetzt an verschiedenen Orten, zumal den größten Städten des Reichs, der Racenhass und der Fanatismus des Mittelalters wieder ins Leben gerufen und gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichtet.«

Mit dem Vorstoß Treitschkes drohte der Antisemitismus die Berliner Universität zu erobern. Dieser Gefahr stellten sich im Sinne der Erklärung Juden und Nichtjuden entgegen, unter ihnen bekannte Rabbiner, die nationalliberalen Politiker Ludwig Bamberger und Heinrich Bernhard Oppenheim, vor allem aber die Historiker Harry Bresslau aus Berlin und Heinrich Graetz aus Breslau. Der Höhepunkt des Antisemitismusstreits war erreicht, als Theodor Mommsen in den Streit eingriff und Ende 1880 seine Schrift »Auch ein Wort über unser Judenthum« veröffentlichte, in der er scharf gegen Treitschke Stellung bezog und sich dagegen verwahrte, dass Juden als »Mitbürger zweiter Klasse betrachtet, gleichsam als besserungsfähige Strafcompagnie« rechtlich gestellt sein dürften. Treitschke, der sich unschuldig verfolgt glaubte, war an der Berliner Universität bald isoliert.

Der Berliner Hofprediger Adolf Stoecker, der sich seit 1878 als Gründer einer »Christlich-Sozialen Arbeiterpartei« um die Heranführung von Arbeitern und Handwerkern an die bestehende Staatsordnung bemühte und hoffte, sie der Sozialdemokratie zu entfremden, instrumentalisierte »die Judenfrage« und hielt unter dem Druck seiner mittelständischen Anhänger am 19. September 1879 die erste von mehreren judenfeindlichen Reden, in denen er die antisemitischen Erwartungen seiner Zuhörer bediente, die ökonomischen und sozialen Wünsche und Ängste der von existenziellen Sorgen geplagten Kleinbürger aufgriff und mit Schuldzuweisungen an »die Juden« Erklärungen und Lösungen für aktuelle Probleme anbot. Die Partei Stoeckers hatte, trotz des volkstribunenhaften Prestiges des Hofpredigers, wenig Erfolg und wurde schließlich Bestandteil der Konservativen Partei. Das Konzept, die Arbeitermassen mit Thron und Altar durch klerikal-judenfeindliche Agitation zu versöhnen, erwies sich als wenig tragfähig, wohl aber hinterließ Stoeckers Politisierung des Christentums mit antisemitischen Parolen deutliche Spuren in der evangelischen Kirche bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.

Im Gefolge des Antisemitismusstreits erschienen Schriften wie zum Beispiel 1881 »Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage« aus der Feder des Privatgelehrten Karl Eugen Dühring. Dieser war, wie andere führende Antisemiten, ein paranoider Einzelgänger, dessen Abneigungen gegen Sozialdemokratie, Juden und Liberale zu Wahnideen gesteigert waren. Als Theoretiker des modernen Antisemitismus erlangte er überragende Bedeutung, er propagierte die Vorstellung einer jüdischen Weltmacht und empfahl wortradikal sogar die Tötung und Ausrottung der Juden.

Theodor Fritsch, Ingenieur und Verleger, war ein anderer Vorkämpfer des modernen rassistisch und pseudowissenschaftlich argumentierenden Antisemitismus. 1887 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Thomas Frey einen »Catechismus für Antisemiten«, der später unter seinem richtigen Namen mit dem Titel »Handbuch der Judenfrage« erschien und 1944 die 49. Auflage erreichte. In seinem Verlag erschienen neben Fachzeitschriften antisemitische Pamphlete und Flugblätter. Ab 1902 publizierte Fritsch die »Hammer-Blätter für deutschen Sinn« als Organ des »wissenschaftlichen« Antisemitismus und als Zentrum der judenfeindlichen rechtsradikalen Sekte »Deutscher Hammerbund«, die nach dem Ersten Weltkrieg in die Deutschvölkische Freiheitspartei mündete.

Houston Stewart Chamberlain, auch er ein schriftstellernder Privatgelehrter mit umfassenden naturwissenschaftlichen Interessen, gebürtiger Brite und naturalisierter Deutscher, durch psychosoziale Auffälligkeiten an einer akademischen oder militärischen Karriere gehindert, wurde durch seine 1899 veröffentlichte kulturhistorische Schrift »Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts« berühmt, ein umfangreiches Konvolut rassistischer germanozentrischer Ideen, das von der Wissenschaft abgelehnt wurde, das gebildete Bürgertum jedoch faszinierte und auf Kaiser Wilhelm II., später dann auf Adolf Hitler, großen Eindruck machte.

Neurotisch auf den Gegensatz zwischen der »jüdischen« und »arischen« Rasse fixiert, arbeitete Chamberlain mit griffigen und gern aufgenommenen Stereotypen, wenn er zum Beispiel den Juden verinnerlichte Religiosität absprach und einen übermäßigen Einfluss der Juden in der modernen Welt fantasierte. Nicht weniger verhängnisvoll war der Einfluss seines von ihm verehrten und bewunderten Schwiegervaters Richard Wagner, dessen Renommée als Komponist, Musikdramatiker und Schriftsteller seine antisemitischen Überzeugungen transportierte, wie sie in Wagners ebenso wirkungsvollem wie irrationalem Aufsatz »Das Judentum in der Musik« (1850) zum Ausdruck gekommen waren. Nicht nur die Gebildeten waren an der Schwelle des 20. Jahrhunderts vom Antisemiten Wagner und seinem Bayreuther Kreis fasziniert. Wagners Einfluss reichte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, wie das Beispiel Hitlers zeigt, der dessen Musik im Dritten Reich kultische Ehren zukommen ließ.


Der politisch organisierte Antisemitismus

Die Geschichte des politisch organisierten Antisemitismus, die 1879 mit Wilhelm Marrs Antisemiten-Liga, die 6 000 Mitglieder gehabt haben soll, und Stoeckers Christlich-Sozialer Arbeiterpartei beginnt, ist die Geschichte von Sekten und Spaltungen, ein programmatisches Charivari konservativer, antikapitalistischer, sozialdemagogischer Ideologiefragmente, propagiert von untereinander konkurrierenden antiliberalen und antidemokratischen Demagogen. Im September 1882 waren bei einem »Ersten Internationalen Antijüdischen Kongress« in Dresden 300-400 Antisemiten versammelt, die sich auf kein gemeinsames Programm verständigen konnten. In Konkurrenz standen die 1880 gegründete »Soziale Reichspartei« von Ernst Henrici und der auf Max Liebermann von Sonnenberg und Bernhard Förster zurückgehende extrem konservative »Deutsche Volksverein«. In Kassel wurde 1886 die »Deutsche Antisemitische Vereinigung«, deren Protagonist der Bibliothekar Otto Böckel war, ins Leben gerufen. Auf dem Antisemitentag in Bochum einigten sich Anfang Juni 1889 verschiedene judenfeindliche Strömungen auf gemeinsame Grundsätze und Forderungen, aber schon wegen der Bezeichnung des Zusammenschlusses entzweiten sie sich wieder. Es gab nun eine »Antisemitische Deutschsoziale Partei« und eine »Deutschsoziale Partei« und ab Juli 1890 die von Böckel gegründete »Antisemitische Volkspartei«, die ab 1893 »Deutsche Reformpartei« hieß. Im Reichstag errangen Vertreter antisemitischer Gruppierungen 1890 fünf und 1893 16 Mandate.

Am meisten Aufsehen erregte der Demagoge Herrmann Ahlwardt, der als Parteiloser im Reichstag saß und als Radau-Antisemit besonders hervortrat. In Pommern agitierte er mit der Losung »Gegen Junker und Juden!«. Durch hemmungslosen Populismus war Ahlwardt, den Helmut von Gerlach »den stärksten Demagogen vor Hitler in Deutschland« genannt hat, vorübergehend erfolgreich. Im Kaiserreich hatte der organisierte Antisemitismus keinen politischen Einfluss erringen können; zum kulturellen Klima der Zeit aber hatte er einen schwer zu unterschätzenden Beitrag geleistet; seine Agitation und Publizistik, die in die öffentliche Diskussion eingeführten Schlagworte und Postulate bildeten Keime, die schlummernd in der Erde lagen und nur auf günstige Bedingungen zu ihrer Entfaltung warteten.

Der Antisemitismus im Wilhelminischen Kaiserreich war freilich keine singuläre Erscheinung und kein deutsches Charakteristikum. In Österreich entwickelte sich der Antisemitismus als politische Bewegung in den 1880er-Jahren vor allem im Kleinbürgertum. Die erste organisatorische Basis fanden die Antisemiten in Handwerksgenossenschaften und Innungen. Im Reichsrat agierte zur gleichen Zeit der deutschnationale Abgeordnete Georg Ritter von Schönerer als Protagonist der Judenfeindschaft. Nachdem er 1888 infolge eines radau-antisemitischen Überfalls auf eine Zeitungsredaktion für lange Zeit ins Abseits geraten war, verlor der extreme Antisemitismus an Boden. Dafür wurde der Abgeordnete Karl Lueger zur charismatischen Integrationsfigur der Christlichsozialen Partei, die, ähnlich wie Stoecker in Berlin, Judenfeindschaft für ihre antiliberale und antisozialistische Sammlungspolitik instrumentalisierte. Anders als im Deutschen Reich war die Demagogie der österreichischen antisemitischen Christlichsozialen erfolgreich. Lueger wurde, nachdem seine Anhänger 1895 die Mehrheit im Wiener Gemeinderat errungen hatten, 1897 Bürgermeister. Bei der späteren Bewertung seiner kommunalpolitischen Verdienste blieb weitgehend unberücksicht, dass sie ohne den Antisemitismus, der an Emotionen appellierte und als Bindeglied zwischen den christlichsozialen Anhängern fungierte, nicht zu erreichen gewesen wären.

In Frankreich, das seiner kleinen jüdischen Minderheit - 80 000 Personen, mithin 0,02 Prozent der Bevölkerung - 1791 im Zuge der Französischen Revolution die vollen Bürgerrechte gewährt hatte, waren die antisemitischen Strömungen unterschiedlich motiviert. Während die sephardischen Juden in Südfrankreich kaum auf Integrationsprobleme stießen, waren die aschkenasischen Juden im Nordosten verschiedenen Anfeindungen ausgesetzt, die teils christlich-katholische Wurzeln hatten, teils auf den Rassismus zurückgingen, wie ihn Gobineau verfocht und Édouard Adolphe Drumont in seiner 1886 erschienenen Schrift »La France Juive« (in deutscher Übersetzung: »Das verjudete Frankreich«) propagierte, und teils - dies war ein Spezifikum Frankreichs - von den Sozialisten ausgingen.

Der französische Antisemitismus kulminierte in der Dreyfusaffäre, die ab 1894 jahrelang die französische Öffentlichkeit in Atem hielt. Der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus war aufgrund gefälschten Beweismaterials 1894 in einem dubiosen Prozess wegen Landesverrats zur Deportation verurteilt worden. Das Verfahren führte nach Interventionen Intellektueller - berühmt geworden ist Émile Zolas offener Brief »J'accuse« (»Ich klage an«) von 1898 - zur Staatskrise, die mit einem Sieg der Republikaner über Klerikale, Nationalisten und Antisemiten endete. Dreyfus wurde 1899 in einem neuen Prozess zu einer geringeren Strafe verurteilt, dann begnadigt und 1906 vollständig rehabilitiert. Der Antisemitismus als antimoderne politische Bewegung erlitt in Frankreich eine bedeutende Niederlage, ohne indes vollständig zu verschwinden.

Am Ende des 19. Jahrhunderts galt Russland als Synonym für virulenten und gewaltsamen Antisemitismus. Juden, die im Ansiedlungsrayon im Westen des Landes in Armut und rechtlicher Unsicherheit lebten, wurden regelmäßig von Pogromen heimgesucht. Nach der Ermordung Kaiser Alexanders II. 1881 nahm die Intensität der Verfolgungen zu. Ohne die religiösen und die für Deutschland und Frankreich typischen rassistischen und nationalistischen Komponenten war Antisemitismus ein Instrument antimoderner russischer Politik. Die von der zaristischen Geheimpolizei gefälschten »Protokolle der Weisen von Zion«, die als Beweis einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung dienen sollten, waren Element einer Politik, die jüdische Bevölkerung des Zarenreichs zu diffamieren.


Auf dem Weg zur nationalsozialistischen Staatsdoktrin in Deutschland

Im Ersten Weltkrieg wurden die antijüdischen Vorbehalte in Deutschland erneut aktiviert. Ungeachtet der Tatsache, dass das deutsche Judentum die allgemeine Kriegsbegeisterung im Sommer 1914 ganz und gar teilte und dass die Zahl der jüdischen Freiwilligen - gemessen am jüdischen Bevölkerungsanteil - übermäßig groß war, machte das Gerücht von der »jüdischen Drückebergerei« die Runde, des Weiteren war als zweites antisemitisches Stereotyp die Überzeugung landläufig, dass Juden als die »geborenen Wucherer und Spekulanten« sich als Kriegsgewinnler an der Not des Vaterlandes bereicherten. In zahlreichen Publikationen wurden diese Klischees verbreitet, so etwa in einem Flugblatt, das im Sommer 1918 kursierte, auf dem die jüdischen Soldaten lasen, wovon ihre nicht jüdischen Kameraden und Vorgesetzten trotz der vielen Tapferkeitsauszeichnungen (30 000) und Beförderungen (19 000) und trotz der 12 000 jüdischen Kriegstoten bei insgesamt 100 000 jüdischen Soldaten überzeugt waren: »Überall grinst ihr Gesicht, nur im Schützengraben nicht«.

Nachdem sich ab Ende 1915 die antijüdischen Eingaben und Denunziationen häuften, die behaupteten, jüdische Wehrpflichtige seien in großer Zahl vom Kriegsdienst befreit und die Juden im Militärdienst seien vor allem in der Etappe zu finden, befahl der preußische Kriegsminister am 11. Oktober 1916 eine statistische Erhebung über die Dienstverhältnisse der deutschen Juden im Kriege. War diese Anordnung zur »Judenzählung« an sich schon eine antisemitische Monstrosität, so macht die Tatsache, dass die Ergebnisse nicht veröffentlicht wurden, die Angelegenheit vollends zum Skandal. Wenn die »Judenzählung«, wie behauptet wurde, amtlich die Unhaltbarkeit der Beschwerden beweisen sollte, so sanktionierte sie, weil das Resultat trotz jüdischer Forderungen geheim blieb, die antisemitischen Ressentiments mit lang anhaltender Wirkung, von der die NSDAP und andere Rechtsparteien die ganze Weimarer Republik hindurch profitieren konnten. Der Aufklärungsarbeit des »Reichsbunds jüdischer Frontkämpfer« zum Trotz, der bis 1933 die Öffentlichkeit auf den tatsächlichen Einsatz der deutschen Juden im Weltkrieg aufmerksam machte, blieb eine große und zunehmend einflussreiche Zahl von Deutschen davon überzeugt, »die Juden« seien Drückeberger gewesen und hätten den Krieg vor allem zu unsauberen Geschäften benutzt. Auch wegen dieser Folgewirkungen konnte die Judenzählung im Heer als »die größte statistische Ungeheuerlichkeit« bezeichnet werden, »deren sich eine Behörde je schuldig gemacht hat« (Franz Oppenheimer 1922).

Die Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Weimarer Republik brachte für die deutschen Juden zwar den Höhepunkt ihrer kulturellen Assimilation, zugleich aber schon den Beginn der sozialen Dissimilation. Antisemitische Propagandisten, die Schuldige für die als schmachvoll empfundenen Folgen des Kriegs suchten, verängstigte deklassierte Kleinbürger und diejenigen, die ihren Nationalstolz verletzt sahen, machten »den Juden« zum Sündenbock. Völkische und nationalistische Parteien, vor allem die NSDAP und die Deutschnationale Volkspartei, gewannen demokratie- und republikfeindliche Teile der Bevölkerung für ihre Politik. Ihr Antisemitismus projizierte Existenzängste auf Juden, konkretisierte sie dadurch und gab zugleich vor, die Ursachen für diese Ängste gründeten nicht in der Gesellschaft als Ganzes, sondern in einem isolierbaren Teil und könnten mithin gesondert bewältigt werden. Ergebnis der antisemitischen Agitation waren unter anderem der Mord an Außenminister Walther Rathenau 1922 und Attentate auf andere demokratische Politiker jüdischer Herkunft.

Dass man die nationale Zuverlässigkeit der deutschen Juden infrage stellte, ihnen den Vorwurf doppelter Loyalität (»erst Jude, dann Deutscher«) machte, zeigte den Wunsch nach Ausgrenzung, der in der Unterstellung einer Kriegserklärung »der Juden« an das deutsche Volk im Frühjahr 1933 anlässlich der Boykottaktion vom 1. April einen ersten Höhepunkt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler der von der NSDAP propagierte Antisemitismus Staatsdoktrin geworden. Nicht nur Joseph Goebbels an der Spitze des Reichspropagandaministeriums oder Julius Streicher mit seinem Hetzblatt »Der Stürmer« bemühten sich, unter Verwendung gängiger Stereotypen feindselige Zerrbilder über Juden zu verbreiten, die den Weg zum organisierten Massenmord bereiteten. Parolen der NSDAP wie »Juda verrecke« und der SA wie »Wenn's Judenblut vom Messer spritzt« wurden durch Filme wie »Der ewige Jude« oder »Jud Süß« (beide 1940) transportiert; antisemitische Propaganda war allgegenwärtig und infizierte schließlich einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung. Dem Boykott als einer Geste der Drohung folgten im Frühjahr 1933 das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« und zahllose Rechtsakte, so 1935 die »Nürnberger Gesetze«, durch die die deutschen Juden ihre bürgerlichen Rechte verloren, bis hin zur Verordnung von 1941, die das Tragen des Judensterns vorschrieb, und der Verfügung von 1943, mit der sie unter Polizeirecht gestellt wurden. Mit diesen Maßnahmen war der Weg beschritten, der für zwei Drittel der europäischen Juden in der Vernichtung endete.  

Prof. Dr. Wolfgang Benz
für (c) wissenmedia GmbH, 2010