Schächten
>Hier< Kommentar zum Vorrang von Religion vor Gesetzgebung.
Buchvorstellung "...vernetztes Denken" >hier< mit
Leseprobe zu einer präzisen Religionskritik (>hier< direkt).
"Das Fleisch gequälter Tiere ist niemals koscher"
Religionsfreiheit oder Tierschutz?
Die Publizistin Dr. Hanna Rheinz zum Reizthema "Schächten".
Aus "DAS RECHT DER TIERE, Nr. 3 September 2008, vom Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.
Charlotte Knobloch, vom 7. Juni 2006 bis
28. November 2010, Präsidentin des
Zentralrats der Juden in Deutschland
"Beispiel für Unnachgiebigkeit im Ge-
sichtsausdruck (der Mimik)"
Der in Judentum und Islam
praktizierte, religiös begründete Brauch des Schächtens* darf in Deutschland
praktiziert werden, wenn eine Ausnahmegenehmigung vorliegt. Die
Bundestierärztekammer forderte jetzt ein definitives Verbot des betäubungslosen
Schlachtens - wegen "Tierquälerei".
* (hebräisch sahat »schlachten«) rituell - nach festgelegten Regeln (Zeremonien) mit religiöser Zielsetzung zur Verehrung Gottes - durchgeführte Schlachtmethode im Judentum wegen des Blutgenussverbots (1. Mose 9,4 "Allein esset das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist"), ebenfalls im Islam aus vorgenanntem Grund: Sure 2,174)
Der Zentralrat der Juden in Deutschland erklärte
daraufhin, die Veterinärorganisation würde religiöse Vorurteile schüren.
Die jüdische Publizistin Hanna Rheinz sieht das anders und schrieb einen
Offenen Brief an Charlotte Knobloch.
>Hier< der Brief nach dem folgenden Interview.
Interview von Ingolf Bossenz, Redakteur bei "Neues Deutschland", mit Hanna Rheinz:
* anläßlich
• der vom Zentralrat und einigen muslimischen Gruppierungen abgelehnten
Veränderung der betäubungslosen Schächtpraxis,
• der gestoppten Bundesratsinitiative initiiert vom Land Hessen,
• der von nahezu Zweidritteln der deutschen Bevölkerung sowie
• der Bundestierärztekammer unterstützten Streichung von Nr. 2 Abs. 2 des §
4 a des Tierschutzgesetzes (Abschaffung des religiös motivierten
betäubungslosen Schlachtens).
Zusammenfassung der Aussage des Offenen Briefes:
Schächten unter Einsatz von reversibler Elektrokurzzeitbetäubung mindert die
Religionsfreiheit nicht, sondern ermöglicht erst ein zeitgemäßes schonendes
Schlachten im Sinn des Jüdischen Tierschutzgebotes!
Dr. Rheinz: Die Art und Weise des betäubungslosen Schächtens muss endlich den heutigen Bedingungen und damit den jüdischen Tierschutzgeboten angepasst werden. Bla Blah balh labh usw
Auch der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer, erklärte bei der
Zurückweisung des Vorstoßes der Tierärztekammer, der Tierschutzgedanke habe im
Judentum höchste Priorität. Eben deshalb ist es dringlich, dass Zentralrat und
Deutsche Rabbinerkonferenz nicht länger die Bundesratsinitiative vom Herbst
vorigen Jahres blockieren, die dem Tierschutz Priorität einräumt und die
bisherigen Ausnahmeregelungen restriktiver fassen würde. Die Anwendung der
elektrischen Betäubung ist kein Sakrileg, sondern wäre ein Segen für die Tiere.
Erfolgt doch das Schächten heute im Akkord in Schlachthöfen, wo oft grauenvolle
Zustände herrschen, die die Fehlerquote beim Kehlschnitt erhöhen. Besonders bei
Großtieren wie Rindern ist diese Tötungsmethode schon lange fehl am Platz, weil
das Tier zwischen Metallplatten gepresst und in eine unnatürliche, extrem
belastende Position gebracht wird. Die Anwendung solcher Apparate zeigt, dass
das traditionelle Schächten im Stehen schon längst verändert worden ist, um den
Schächter zu schonen und gefahrloses Arbeiten zu ermöglichen. Das
Religionsgesetz jedoch schreibt die möglichst schonendste Methode für die Tiere
vor.
Tierschutz steht im Grundgesetz, das Recht auf freie Religionsausübung
ebenfalls. Muss es da nicht einen Konflikt geben?
Dr. Rheinz: Die Religionsfreiheit wird davon überhaupt nicht berührt. Das Schächten ist ein Handwerk, das historisch entstanden ist. Und folglich kann es auch innerhalb einer historischen Entwicklung verändert werden. Hinsichtlich des Tötens von Tieren für den menschlichen Verzehr verlangt die Halacha, das jüdische Gesetz, zweierlei: Erstens dürfen diese Tiere vor dem Schlachten keine Verletzungen aufweisen und zweitens müssen sie ohne Tierquälerei geschlachtet werden. Und das erfordert eindeutig die Anwendung der reversiblen Elektrokurzzeitbetäubung. Es gibt bereits mit verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen Kompromisse über eine Kurzzeitbetäubung. Doch der Zentralrat beruft sich inzwischen ausgerechnet auf das muslimische Schächten, das sogar Laien das Schächten nach eigenem Gutdünken erlaubt! Und Juden, die eine Umsetzung des jüdischen Tierschutzgebotes fordern, gelten als Nestbeschmutzer.
Warum tut sich die jüdische Gemeinschaft so schwer?

Dr. Rheinz: Die Kritik an der Praxis des jüdischen Schächtens hat immer noch den Ruch des Antisemitismus und wird deshalb auch von den Medien weitgehend tabuisiert. Dafür gibt es historische und leider auch aktuelle Gründe. Aber es muss doch möglich sein, innerhalb des Judentums eine konstruktive Debatte darüber zu führen. Wer sich auf die Religion beruft, muss sich auch mit dem entsprechenden ethischen Ideengebäude befassen. Dessen wichtigste Säulen sind im Judentum Mitgefühl und Gerechtigkeit. Und die Heiligkeit aller Lebewesen, einschließlich der sogenannten Nutztiere. Jüdische Menschen gehörten weltweit zu den ersten Tierschützern. Der Bau neuer Synagogen, neuer Tempel muss begleitet sein von der Besinnung auf den inneren Tempel, die Pflege der Jüdischkeit, der Werteorientierung. Zumal es ja eben gerade nicht um die Änderung oder gar Verletzung religiöser Gebote geht, sondern im Gegenteil um deren Durchsetzung, nämlich der Prinzipien des jüdischen Tierschutzes.
Wird dies durch das Festhalten an der orthodoxen Anwendung der jüdischen
Speisegebote behindert?
Dr. Rheinz: Das Absurde ist ja, dass gegen die Kaschrut, die auf ritueller Reinheit beruhenden Speisegesetze, ständig verstoßen wird - eben durch die mit der bisherigen Schächtpraxis verbundenen Qualen. Das betrifft nicht nur den Kehlschnitt selbst, sondern die gesamten elenden Zustände beim Transport und in den Tierfabriken. Gefordert wird koscheres Fleisch. Aber das Fleisch gequälter Tiere ist niemals koscher.
Es geht Ihnen also nicht nur um den Akt des Schächtens?
Dr. Rheinz: Natürlich kann man das in der heutigen Welt nicht isoliert betrachten. Aber irgendwo muss man ansetzen. Und es betrifft ja nicht nur das Schächten hierzulande, sondern in ganz Europa und darüber hinaus. Ein solches positives Signal aus Deutschland könnte die Debatte international befördern.
Zudem ist das Problem nicht neu. Das Übel des betäubungslosen Schächtens wurde in der Vergangenheit von vielen jüdischen Persönlichkeiten angeprangert. Ich erinnere an den Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis-Singer.
Von dem nicht nur der Ausspruch stammt `Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka",
sondern der auch erklärte, er würde fortfahren, vegetarisch zu leben, selbst
wenn die ganze Welt begänne, Fleisch zu essen. Ist das angesichts des Tierleids,
das in jedem Stück Fleisch steckt, die einzige ethisch saubere Alternative?
Dr. Rheinz: Für mich persönlich ist sie es. Sie entspricht dem jüdischen Tierschutzgedanken gewiss am besten und ließe die gesamte Debatte um das Schächten gegenstandslos werden. Gerade wegen der Kluft zwischen den Tierschutzanforderungen und dem Schächten unter heutigen industriellen Bedingungen entscheiden sich jüdische Tierschützer oft dafür.
Aus dem Offenen Brief von
Hanna Rheinz, Gründerin der Initiative Jüdischer
Tierschutz, an die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland,
Charlotte Knobloch:
Der Zentralrat der Juden zeigt kein Interesse an einer Umsetzung der jüdischen
Tierschutzgebote. Unter Berufung auf Rabbiner, die sich nur in wenigen Fällen mit der Problematik überhaupt befasst
haben, demonstriert der Zentralrat vor allem,
dass er vor den Zuständen beim betäubungslosen Schächten die Augen verschließen
will.... Hinter vorgehaltener Hand und
im Verschwiegenen wird die Schächtpraxis kritisiert und als unliebsame Last
bezeichnet. Doch niemand hat den Mut, diese
unbequeme Wahrheit offen anzusprechen, aus Furcht vor Sanktionen. Dabei liegt es
auf der Hand, dass die Methoden des
betäubungslosen Schächtens heute nicht mehr mit den Zielsetzungen des jüdischen
Tierschutzgesetzes vereinbar sind.... Denn Tierfreundlichkeit ist eine genuin
jüdische Tugend. Dies haben zu allen Zeiten auch viele Rabbiner erkannt. Aus
diesem Grunde verpflichteten uns die Gelehrten dazu, die für das Tier
schonendste Methode des Schlachtens zu wählen. Dass dies heute ohne Betäubung
nicht möglich ist, ist unter Fachleuten unumstritten.... Im Namen der Initiative
Jüdischer Tierschutz frage ich Sie, wann der Zentralrat der Juden in Deutschland
endlich Stellung bezieht und gemeinsam mit den Rabbinern die Vorschriften des
jüdischen Religionsgesetzes, Tiere in schonendster Weise zu schlachten, umsetzt?
Das betäubungslose Schächten, wie es praktiziert und geduldet wird, entspricht
nicht mehr dem jüdischen Tierschutz. Hinter vorgehaltener Hand ist dies allen
längst klar: Was wir den Tieren heute zumuten, die Qualen in den Tierfabriken
und in den Schlachtanlagen - all dies ist nicht vereinbar mit der Halacha*. Das
Fleisch gequälter Tiere ist nicht koscher! ... Mitgefühl und Linderung des
Leidens sind wichtiger als jedwede auch historisch geformte Schächttechnik!
* Halacha bedeutet hebräisch »Wandel«, also der Wandel der gesetzlichen Teile des Talmuds ("jüdische Bibel" bzw, der Thora = Lehre, Weisung, Gesetze). Ursprünglich wurde die Halacha nur für die einzelnen Ge- und Verbote der Thora verwandt, kann die Halacha in späterer Zeit auch die Gesamtheit der das jüdische Leben bis ins einzelne regelnden Rechtssatzungen betreffen.
Dr. Hanna Rheinz ist Psychotherapeutin, Kulturwissenschaftlerin, Publizistin und
Dozentin (Universität). Ihre Themen sind u.a. Tierschutz und Bioethik aus
jüdischer Sicht. Sie ist Gründerin der "Initiative Jüdischer Tierschutz". Mehr
Infos unter www.tierimjudentum.de.
Nachtrag - Erstaunlich, dass es Religionsvertretern gelingt, in unserer zivilisierten Welt mühsamst Errungenes, wie Ansätze zum Tierschutz, auf grund Inanspruchnahme der Religionsfreiheit (>hier<) durchzusetzen, Betäubung von Tieren vor dem Halsdurchschneiden, nirgends auch nur ansatzweise in den "Heiligen Schriften" (insbesondere der Juden) als gottgewollt zu finden, dann aber bei den "Ausnahmegenehmigungsverhandlungspartnern" zugebilligt zu bekommen, ist eine himmelschreiende religionsfanatische Sturheit, insbesondere von der ansonsten durchaus mit unseren "Werten" vertrauten Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Frau Charlotte Knobloch als Verhandlungsführerin. Natürlich musste man nach den Konzessionen für die jüdische Gemeinde daraufhin dann auch den Moslems in Deutschland (Islamisten) diese Sonderrechte zubilligen.
Es geht inzwischen sogar so weit, dass Sprecher aus der "Gilde der Multikulti-Illusionisten, Sozialromantiker, Beschwichtigungsapostel und Gutmenschen vom Dienst" (nach treffenden Bezeichnungen von Dr. Ralf Giordano in einem seiner Leserbriefe an den Kölner Stadt-Anzeiger) sogar daran denken, den islamischen "Mitbürgern" in bestimmten Fällen ihre Scharia (>hier<) als die "anzuerkennende moslemische Kultur (Religion) erfüllende" Rechtssprechung zu gestatten.
Wiederholt sei der Vorwurf des Zentralrates der Juden, dass die "Veterinärorganisation religiöse Vorurteile schüren würde" (welche? Wer hat denn wirklich Vorurteile [>hier<]? Mich erstaunt, dass nicht sogleich von Antisemitismus gesprochen worden ist.)
Nebenbei: Ich habe vor mehr als 60 Jahren in einer psychiatrischen Abteilung mit einer Kusine deren Onkel besucht, der sich für Napoleon hielt. Man konnte über alles (Gott und die Welt), auch über familiäre Angelegenheiten mit ihm reden, bis ich ihn mit Onkel "Sowieso" angeredet hatte und er das als absolute Missachtung seiner "kaiserlichen" Stellung so rügte, dass nur Wärter ihn beruhigen konnten; - sein Gesicht zur Fratze entstellt, wie ich es in meinem traumatischen Erlebnis in Erinnerung habe.
An mehreren Stellen meines Internetbuches wird erwähnt, dass Massenwahn akzeptiert wird, individueller nicht (>hier< die Definitionen)...
Walter Rath, Ende April 2012
HEYNESACHBUCH
Nr. 19/109
2. Auflage
Taschenbuchausgabe im Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
Copyright (D 1988 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
Dieser Ausgabe liegt die 2., überarbeitete Auflage 1989 zugrunde
Textredaktion: Klaus Gerosa
Printed in Germany 1991
Umschlagfoto: Isolde Ohlbaum
Umschlaggestaltung: Atelier Adolf Bachmann, Reischach
Satz: Verlagssatz Kort GmbH, München
Druck und Verarbeitung: Ebner Ulm
ISBN 3-453-04020-1
Auf dem Buchrücken ist über den Biochemiker Vester (mehr bei
Wikipedia) zu lesen:
Wie können wir auf die
tiefgreifenden Störungen unserer Lebenswelt reagieren? Hungersnöte in den
Entwicklungsländern trotz (oder wegen?) der »grünen
Revolution«, Überschwemmungen und
Bergrutsche trotz (oder wegen?) moderner Bachverbauung, Tschernobyl und
Serienunfälle auf den Straßen trotz (oder wegen?) »High-Tech-
Sicherheit« — Frederic Vester geht diesen
Fragen auf den Grund und provoziert ein Umdenken.
Sein Weg aus den Sackgassen unseres Weltbildes und Handelns heißt
»Vernetztes Denkens«.
Isoliertes Behandeln der Symptome wird unserer immer komplexer werdenden Umwelt
längst nicht mehr gerecht. Die Wechselwirkung zwischen allen Einzelbereichen —
Wissenschaft, Kultur, Umwelt und Wirtschaft — macht übergreifende Strategien
notwendig.
Obiges Buch ist wahrscheinlich vergriffen, aber bei Amazon.de noch "gebraucht" zu haben. Neuestes Buch:
INHALTSVERZEICHNIS des Buches aus dem Hayne-Verlag:
Vorwort
KAPITEL 1
Vom Wesen der >Ökologie< — oder wie
die Dinge aufeinander wirken
2 Auszüge als Leseproben: Immer mehr Hinweise aus den Naturwissenschaften sprechen dafür, daß das besondere, zum Teil überraschende Verhalten komplexer Systeme, welches wir tagtäglich zu spüren bekommen, nicht auf Zufällen, sondern auf theoretisch begründbaren Gesetzmäßigkeiten basiert, die sich vom Aufbau eines Atoms bis zu den geistigen Prozessen in unserem Gehirn erstrecken. Gesetzmäßigkeiten, die zwar von vielen erahnt, aber, da sie nicht zum Lehrstoff unserer Ausbildung gehören, natürlich in die Vorbereitung unserer Entscheidungsprozesse nicht einbezogen werden. Dabei sollten sie, angesichts der zunehmenden Vernetzung wirtschaftlicher, ökologischer und psychosozialer Faktoren, längst die Grundlage unseres Planens und Handelns bilden.
...
Staatsverschuldungen in Höhe von Hunderten von Milliarden, angefangen von den
USA bis hin zu den Entwicklungsländern (allein die EDF, die Electricite de
France mit ihrem ehrgeizigen Atomprogramm ist mit über 200 Milliarden Francs
verschuldet), dazu Serien von Bankpleiten wie in den USA, die nicht zuletzt
durch die Insolvenzen einer Landwirtschaft bankrott gingen, die unter den ersten
Vorboten einer kommenden Klimaänderung Jahr um Jahr mehr leidet. Die
unabschätzbaren Langzeitschäden durch den Atomunfall von Tschernobyl, diejenigen
der Einleitung von Schadstoffen in die Küstenmeere oder auch in die untere und
obere Atmosphäre, in den Boden, in das Grundwasser — all dies sind aus dem
Wohlstandsboom geborene Katastrophen, die von Zusammenbrüchen ehrwürdiger
Wirtschaftsimperien bis zu Insolvenzen ganzer Länder reichen und alles, was über
Jahrzehnte unsere Wirtschaftstheorien und Managementlehren für erfolgreich
proklamiert haben, auf den Kopf zu stellen scheinen. Schon allein die Frage, was
passiert ist, daß uns die Dinge derart aus der Hand gleiten, ist eine
Herausforderung an die Methoden, ja an das Grundverständnis des Wirtschaftens,
das sich auf einmal weder in seinen Chancen noch in seinen Risiken, noch in
seinen anzustrebenden Zielen mehr zurechtfindet. Ob man das Heil in bestimmten
Technologien sucht, in Finanzierungsrezepten, Energieprojekten oder
soziologischen Modellen: Es scheint alles vergebens, solange man in solchen
isolierten Ebenen wie Finanz, Technik oder Soziologie befangen bleibt und nicht
auch deren Rolle im Gesamtsystem miteinbezieht.
...
Als biologische Wesen in die Biosphäre eingebettet, kommt so insbesondere den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt bei dem ganzen Geschehen eine Schlüsselrolle zu. Wie sehr wir eingebunden sind und wie sehr wir unsere derzeitige Rolle überdenken müssen, hat 1980 ein amerikanischer Abgeordneter, der Häuptling der Oneida-Irokesen, Bruce Eliah, sehr treffend mit folgenden Worten charakterisiert: »Die Erde ist ein Organismus, in dem Pflanzen, Tiere und Menschen wie Zellen sind. Jede winzige Kleinigkeit in diesem Organismus hat seine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, und nur wenn das stets in guter Harmonie übereinstimmt, lebt, blüht und gedeiht dieser Organismus. Der technische Zivilisationsmensch mit seiner zwanghaften Manie, Natürliches zu verdrängen, zu vermindern und zu zerstören, um es durch gigantisches Wachstum von Unnatürlichem zu ersetzen, hat eine fatale Ähnlichkeit mit Krebs! Seit diese Geisteskrankheit wuchert und wuchert, breiten sich ihre Folgen wie Metastasen über die Erde aus... Aber wie sollte man einem Tumor begreiflich machen, daß gerade das, was er für einen großartigen Erfolg hält, in Wirklichkeit Selbstmord ist.« [Krebs — Fehlgesteuertes Leben, Deutscher Taschenbuchverlag, München (1977), 3. Auflage 1984]
KAPITEL 2
Chance Lernbiologie
Krisenbewältigung durch richtiges Lernen
KAPITEL 3
Kommunikation ist überlebenswichtig
Vom kybernetischen Reifegrad unserer Systeme
KAPITEL 4
Wissenschaft braucht die Öffentlichkeit —
Öffentlichkeit braucht die Wissenschaft
KAPITEL 5
Gedanken zur Wirtschaft: das Haus richtig bestellen!
Die Zukunft kybernetisch orientierter Organisation
KAPITEL 6
Technik und Natur: ein Gegensatz?
Von der Kvbernetik lebender Svsteme zum Techniksymbol Auto
KAPITEL 11
DER GOTT, DER IN ALLEM IST
WARUM WURDE NATURGOTT PAN
VERTEUFELT?
KAPITEL 7
Krisenzeichen Energiekonsum
Die Kunst, aus einer Sackgasse herauszukommen
KAPITEL 8
Design für eine Umwelt des Überlebens
Herausforderungen an die Gestaltung der Welt von morgen
KAPITEL 9
Kybernetische Medizin
Der Mensch als offenes System
KAPITEL 10
Alarmzeichen Streß
Hormone steuern die Erhaltung von Individuen und Arten
KAPITEL 11
Der Gott, der in allem ist
Warum wurde Naturgott Pan verteufelt?
Quellenverzeichnis
Register
Als Leseprobe
- Kapitel 11 (ausgezeichnete Religionskritik!):
Wenn wir Erfolg darin haben wollen, das Leben auf unserem Planeten zu erhalten
und bereits aufgetretene Schädigungen zu heilen, müssen wir auf jeden Fall das
>vernetzte Denken< praktizieren und danach handeln. Aber noch steckt die
Einführung einer >vernetzten Sichtweise< in vielen Gesellschaftsbereichen in den
Kinderschuhen. Noch ist der Egoismus vieler Macher so tief verankert, daß sie
nicht erkennen, daß das einfache, lineare Denken >machen um zu haben< selbstschädigend ist.
Das industrielle Zeitalter, das im wesentlichen von den westlichen
Zivilisationen eingeleitet und bis heute vorangetrieben wurde und das diese
zerstörerische Wirkung auf unsere Erde entfaltete, ist auf jeden Fall untrennbar
verbunden mit der Religion, die seit Jahrhunderten zur Expansion, zum >Machen<
aufforderte: »Macht euch die Erde untertan!«
Auch wenn heute die westlichen Kirchen, selbst die katholische, zur Mäßigung und
>Bewahrung der Schöpfung< auffordern, so hat besonders die letztere über viele
Jahrhunderte hinweg nicht nur geschwiegen, wenn diese Schöpfung rücksichtslos
genutzt wurde; ein Franz von Assisi hat hier höchstens eine Alibifunktion. Viel
intensiver hat diese Kirche auch die Forschung (beispielsweise Galilei) oder
auch das Lernen beeinflußt — also auch die Emanzipation des Menschen. Da aber
die Kirchen noch immer mächtige Institutionen in unserer Gesellschaft sind und
ihr Gedankengut noch immer großen Einfluß auf die Menschen hat, möchte ich mich
mit ihnen von meinem Wissen um die Vernetzung zwischen Körper, Seele und Geist,
zwischen Mensch und Erde und allen Schöpfungen im Universum Gottes
auseinandersetzen — denn wollen wir Natur als >die Schöpfung Gottes< bewahren,
müssen viele überkommene religiöse Ansichten revidiert, modifiziert oder
verworfen werden.
Als Kirchenmitglied habe ich das bereits vor vielen Jahren getan, und die
Konsequenz war, daß ich damals aus dieser Institution ausgetreten bin. Wenn ich
nun meine Überlegungen zu meinem damaligen Kirchenaustritt schildere, dann
deswegen, weil ich einen Anstoß dazu geben möchte, daß Positionen überprüft —
und vielleicht neu gesetzt werden.
Vor vielen Jahren bereits kam mir die Einsicht, daß von einer
Glaubensinstitution wie der Kirche — mit einem Monopol als höchste moralische
Instanz und dem Anspruch, allein die Wahrheit zu besitzen — eigentlich gar
nichts anderes zu erwarten war als das, was ich in ihr an üblen Einflüssen
entdeckt und was mich letzten Endes so sehr an ihr >enttäuscht< und zu meinem
Entschluß des Kirchenaustritts geführt hatte. Für die Enttäuschung kann ich
nicht die Kirche, sondern muß ich mich verantwortlich machen, der ich mir
offenbar unreale, falsche Vorstellungen von den Möglichkeiten und Absichten
einer solchen Einrichtung gebildet hatte.
Den Entschluß faßten meine Frau und ich übrigens gemeinsam, wobei der Gedanke an
unsere Kinder, denen wir die verkrampfenden Wirkungen des kirchlichen Einflusses
ersparen wollten, den Ausschlag gab. Vielleicht war sogar das Entsetzen, welches
wir seinerzeit beim Lesen der Religions-Schulbücher empfanden, der auslösende
Faktor gewesen. Einmal darauf aufmerksam geworden, entdeckten wir in fast allen
Schulbüchern daß — manchmal offen, manchmal versteckt — das Leiden immer höher
eingeschätzt wurde als die Freude. Martyrium, gleich welchen Anlasses, wurde als
bewundernswert gepriesen.
Wie weit der Einfluß dieser christlichen Moral das Schulwesen überhaupt geprägt
hat, sehen wir daran, daß das Lernen selber nur dann für eine würdige
Beschäftigung gehalten wird, wenn es mit Leiden verbunden ist, und daß ein
Unterricht unangemessen erscheint, wenn er dem Schüler leichtgemacht wird oder
gar Spaß bereitet, obgleich die Effizienz dadurch sehr erhöht würde. Eine
weitere christliche Grundhaltung, nämlich zu glauben statt zu prüfen, spiegelt
sich wiederum in der in unseren Schulen herrschenden Tendenz, das kritiklose
Hinnehmen des Lehrstoffs zur Tugend zu erheben und damit eigene Suchimpulse
weitgehend auszuschalten.
Alle Gründe, die zu unserem Entschluß führten, kulminierten schließlich in der
wachsenden Einsicht, daß von der katholischen wie auch von der evangelischen
Kirche, der wir bis dahin ange-' hörten, in den vergangenen Jahrhunderten mit
die übelsten Einflüsse auf die Menschen und ihre Beziehungen untereinander
ausgegangen sind. In gewissem Grade gilt das wahrscheinlich auch für einige
andere große Religionen. Vielleicht spricht daraus sogar ein Gesetz, nämlich,
daß eine in sich gute und selbstlose Lehre, als welche auch die Lehre Jesu in
ihren Hauptpunkten (z. B. der Bergpredigt) wahrscheinlich angelegt war, in ihr
Gegenteil verkehrt wird, sobald sie für bestimmte >irdische< Zwecke, etwa zum
Aufbau des Machtapparats Kirche, mißbraucht wird: gelehrt wird Gewaltlosigkeit,
die Kirche segnet Kanonen; gelehrt wird Genügsamkeit, die Kirche umgibt sich mit
dem Pomp der Reichen; gelehrt wird Bescheidenheit, die (katholische) Kirche
betrachtet sich als alleinseligmachend; gelehrt wird Demut, die Kirche verbindet
sich mit den Herrschenden; gelehrt wird Toleranz, die Opfer der Intoleranz der
Kirche sind unzählig; und gelehrt wird die Liebe, während der unerbittliche Haß
>gerechter< Kirchenmänner gegenüber allem, was ihnen ungewohnt erscheint, aus
jedem Kirchenblättchen spricht.
Es ist daher selbstverständlich, daß wir schon lange die Kirche getrennt von der
christlichen Religion betrachteten und diese wiederum getrennt von der —
gegenüber anderen Geschichtspersonen noch dazu sehr ungeklärten — Gestalt Jesu.
Die Kirche selbst war für uns ein Machtapparat wie jeder andere, den wir jedoch
bald als wesentlich gefährlicher erkannten, da er, aufs >Jenseits< ausgerichtet,
als Belohnung für Unterwerfung und Gehorsam getrost ein Paradies nach dem Tode
versprechen und sich, da er keine dieser Versprechungen hier auf Erden zu
erfüllen braucht, wesentlich länger halten kann als eine staatliche, sich offen
zum >Diesseits< bekennende Macht. Darüber hinaus hat die Kirche es schon immer
verstanden, sich gleichfalls auch mit den jeweils Herrschenden in Politik und
Wirtschaft zu verbinden, ganz gleich, von welcher Beschaffenheit sie waren.
Daß sich die christliche Religion, vertreten durch ihre verschiedenen Kirchen,
zwei Jahrtausende gehalten hat, war meiner Ansicht nach nicht auf die Kraft der
Lehre selbst zurückzuführen, obwohl dies sogar hätte möglich sein können,
sondern auf den geschickten Aufbau dieses stabilen Machtapparates auf der einen
Seite und auf einen von fast allen Diktaturen der Welt benutzten psychologischen
Trick auf der anderen Seite: die Unterdrückung der Lebensfreude durch
Glorifizierung von Askese, Opferbereitschaft oder Leiden, die Verdammung einer
so fundamentalen Lebensäußerung wie der Erotik und die dadurch fast automatisch
erreichte Kultivierung des schlechten Gewissens —all dies war dazu geeignet, die
Anhänger schließlich in eine vollkommene Abhängigkeit zu treiben.
Einmal mit diesen Mitteln gefügig gemacht, war es möglich, die Massen zu
gängeln, ihre Gefühle zu kanalisieren und zu pervertieren, sie vom höheren Sinn
der Kriege und Leiden zu überzeugen und zu jeder noch so irrationalen Tat zu
mißbrauchen —ohne das Gewissen sonderlich zu belasten. Unter dieser Generallinie
konnte ich die — zweifellos großen — von den Mitgliedern der Kirchen erbrachten
sozialen und karitativen Leistungen nur noch als Alibi ansehen. Daß sie
selbstlos geleistet würden, schien mir höchst unwahrscheinlich. Denn alle
Kanzelverkündungen evangelistischer Weisheiten sprachen der Wirklichkeit Hohn.
Wo hat die Kirche sich jemals für soziale Gerechtigkeit eingesetzt, das heißt,
sich auf die Seite der Unterdrückten gestellt? Einzelne tapfere Priester ja!
(Paradoxerweise sind jene, die ihre >Lehre< wörtlich nehmen, als >Revolutionäre<
verschrien.) Doch die Organisation als solche exponierte sich, da ihr eigenes
Fortbestehen oberstes Gebot sein mußte, nie gegen die Herrschenden: ein Dilemma,
aus dem es offenbar keinen Ausweg gibt, solange die Kirche ihre Macht behalten
will.
Und doch scheint das Rezept der engen Kopplung religiöser Institutionen mit der
Politik der Herrschenden — in vorchristlichen Zeiten waren beide ja untrennbar
miteinander verwoben — von den Menschen immer weniger akzeptiert zu werden. Die
Verbindung zwischen beiden beschränkte sich in den letzten Jahrzehnten —
gebietsweise schwankend — zunehmend auf die gegenseitige Stabilisierung, wobei
sich die Politik allmählich zu emanzipieren scheint und das weltliche
Stützkorsett um den Kirchenapparat enger und brüchig wird. In wenigen Jahren
dürfte die Volkskirche in vielen Ländern aufgehört haben zu existieren, eine
Minoritätenkirche wird bleiben, und — wenn diese gewisse Dogmen nicht aufgibt —
auch das nicht mehr lange. Mit dem völlig unrealistischen, aber schon fast
fieberhaften Bau immer neuer, moderner — und leerer — Kirchen versucht man
offenbar, sich über diese Entwicklung hinwegzutäuschen. Doch Bauten ohne
Menschen werden zu Mahnmalen — hoffen wir, daß ihre Aussage richtig verstanden
wird.34)
Zunehmende Erkenntnis und kybernetisch geprägtes Denken fordern Toleranz, nicht
Dogmatismus
Soweit unsere wesentlichsten damaligen, bis heute unveränderten, höchstens noch
weiter bestätigten Überlegungen. Ein wenig überraschend für mich war nun, daß im
Laufe meiner Arbeit als Naturwissenschaftler, im Laufe des fortschreitenden
tieferen Eindringens in die molekularbiologischen Vorgänge unseres Organismus
sich noch einmal — nun von ganz anderer Seite her —eine Emanzipation nicht nur
von der Kirche, sondern auch von der Religion vollzog. Mit zunehmenden
Erkenntnissen, angefangen von neuen Vorstellungen über die Entstehung des Lebens
auf der Erde bis zu Einblicken in den Grenzbereich zwischen Materie und
Information, begann ich dann nicht nur mich selbst, sondern auch alle anderen
Lebewesen und auch die Materie selber mit ihren bisherigen, zum Teil
axiomatischen, also nicht ableitbaren Gesetzen in einer stark veränderten Weise
aufzufassen. Dabei ließ mir vor allem ein zunehmend kybernetisches Denken, das
heißt ein Denken in vernetzten Regelkreisen, welches ich in der Forschung
anwenden mußte, unsere eigene Stellung im Universum in einem recht neuen Licht
erscheinen.
Das wird verständlich, wenn man sich klarmacht, daß wir mit den noch sehr
winzigen Schritten, mit denen wir momentan in die gewaltige und gleichzeitig
unendlich kleine Welt der zellulären Informationsmechanismen eindringen, dabei
sind, die ersten Beziehungen zwischen toter Materie und der sie belebenden
reinen >Information an sich< zu erkunden. Nach Norbert Wiener, dem großen
Mathematiker und Atheisten, ist Information (Nachricht, Programm) durch keine
bestehende physikalische Entität, wie Masse, Zeit, Weg, Kraft usw., definierbar.
»Information ist Information«, sagte er. Sie ist also weder Energie, noch ist
sie Materie, sondern eine dritte Urform des Seins. Doch damit ist sie auch weder
raum- noch zeitgebunden. Zur Veranschaulichung dieser Besonderheit: Gebe ich
Energie an jemand anderen ab, so habe ich danach diese Energie nicht mehr. Gebe
ich Information an jemanden ab, so besitze ich diese Information nachher immer
noch. Ebenso ist nach dem tausendsten Abdruck der Informationsgehalt einer
Zeitungsmatrize noch genauso hoch wie nach dem ersten Blatt.
Dringt man nun zum Beispiel — unter Beachtung dieses doch sehr frappierenden
Informationsbegriffs — mit unseren modernen Beobachtungs- und Meßmethoden ins
Innere der Zellen oder auch der unbelebten Materie, dann kann diese
Beschäftigung das bisherige Weltbild des naiven Realismus wie auch des
transzendentalen Idealismus so sehr verändern, daß man mit den bestehenden
Weltanschauungen nicht mehr viel anfangen kann. Die wenigen Mosaiksteinchen, die
zum Beispiel die heutige Molekulargenetik gefunden hat, bieten bereits so
ungeheure Einblicke in neue Dimensionen, in kybernetische Regelkreise und
zwischenzelluläre Informationen an der Grenze der Materie, daß man
Interpretationen, die auf irgendeine Transzendenz abzielen, nur sehr vorsichtig
und bescheiden anstellen wird.
Die Entdeckung der Bedeutung unserer Gene zum Beispiel —als eines astronomisch
gewaltigen Informationsreservoirs auf kleinstem Raum mit noch gar nicht
abzusehenden latenten Programmierungsmöglichkeiten — läßt vermuten, daß ein
eventueller Plan, der dahinter stehen könnte (falls der Gedanke an einen >Plan<
nicht nur das Produkt einer örtlich begrenzten, weil dort >praktischen<
Codifizierung unserer Gehirnfunktionen ist), sehr viel gewaltiger sein muß, als
man das je ahnte. Die Existenz einer möglichen Gottheit oder übergeordneten
Intelligenz zu definieren, erweist sich damit als viel schwieriger, als man sich
das früher vorstellte. Jede verfrühte Festlegung eines solchen Begriffs bedeutet
das Ende des möglichen Erkenntnisfortschritts. Und da bewirkt natürlich auch der
dialektische Materialismus mit seinem festen Glauben an die Nichtexistenz einer
übergeordneten Transzendenz eine ebenso dogmatische — und damit
unwissenschaftliche — Festlegung wie die christlichen Konfessionen, die gerade
die Haltung, ungeprüft zu glauben, als die große Kraft anpreisen, während mir
gerade dieses bedingungslose Glauben aus Gründen, auf die ich weiter unten noch
einmal zurückkomme, das Allerübelste an dieser Religion zu sein scheint.
Man kann hierzu nur immer wieder die Worte von Max Born zitieren, die er 1964 in
einem Vortrag auf der Nobelpreisträger Tagung in Lindau sagte und die mir von
ungeheurer Tragweite scheinen: »Ist doch der Glaube an eine einzige Wahrheit —
und deren Besitzer zu sein — die tiefste Wurzel allen Übels auf der Welt.« Und
gerade in diesem Sinn schien mir der ethische Wert echter Wissenschaft vor allem
in ihrer undogmatischen Haltung gegenüber Wahrheit und Irrtum zu beruhen, in dem
Bewußtsein, daß Wahrheit ständig sich ändert, einfach weil jede neue Erkenntnis
schon wieder den Keim zu einer Metamorphose ihrer selbst in sich trägt.
Zunehmende Kenntnis naturwissenschaftlicher Zusammenhänge macht so den Kosmos
viel größer, dichter und vielschichtiger, so daß ich es nur noch als Anmaßung
empfinden kann, wenn man sich über den Ursprung der Welt (falls es einen solchen
gibt) oder über die absoluten ihr zugrunde liegenden Gesetze (falls es solche
gibt), oder über die das Ganze steuernde Entelechie (falls es eine solche gibt)
so detaillierte, definitive Vorstellungen macht, wie es die meisten Religionen
tun. Wenn also schon die kleinen Einblicke, die mir mein Beruf gibt, das
Weltbild bereits so ausweiten und als dynamisch, das heißt ständig sich
verändernd zeigen, wie schief und willkürlich müssen dann diese bisher
angebotenen statischen Weltbilder sein!
Ich wurde einmal in einem Fernsehinterview gefragt, worin ich den Sinn des
Lebens sähe, und mußte antworten, daß ich erstens nicht wisse, ob es überhaupt
einen Sinn gibt, und daß ich ihn, selbst wenn es ihn gäbe, dann natürlich auch
nicht durchschauen könne. Aus dem gleichen Grunde könne ich auch nicht sicher an
einen Gott glauben oder an eine Entelechie, die alles durchdringt und leitet.
Ich halte eine solche >Kraft<, die sich für die uns übersehbaren Zeiträume an
ihre eigenen Gesetze zu halten scheint, lediglich für möglich, das heißt für im
gleichen Sinne denkbar, wie daß es eine solche intelligente transzendente Kraft
nicht gibt. Der unbedingte Glaube an die Nichtexistenz Gottes ist mir, wie
gesagt, genauso suspekt wie der unbedingte Glaube an seine Existenz.
Ich wurde auch gefragt, wie ich mir denn ohne eine dahinterstehende absolute
Intelligenz den Ursprung des Kosmos, des Lebens, unseres Bewußtseins erkläre?
Bereits diese Frage ist schon nicht mehr frei gestellt, sondern durch bestimmte
Denkmechanismen gesteuert. Denn es ist durchaus möglich, daß lediglich die
statistisch große Zahl unserer Gehirnzellen — wie immer bei statistisch großen
Zahlen von Einzelteilchen — eine scheinbare (oder echte) Kausalität im Arbeiten
dieser Zellen, also im Denken, auftreten läßt, die weder in der umgebenden
Wirklichkeit noch in den einzelnen Zellen selber gegeben ist. Die Frage nach der
Ursache — und damit letztlich der Zeitbegriff überhaupt —mag daher rein
mechanisch aus den kolligativen* Wechselwirkungen großer Zellzahlen entstehen,
sie mag ausschließlich an diese gebunden sein und für die tatsächlichen Abläufe
in der Welt völlig irrelevant sein.
* Kolligative
Eigenschaften hängen nur von der Anzahl an Teilchen, nicht von deren Art
ab.
Das Gehen des Weges ist das Ziel
Nun gut, wird man
sagen, wenn Gott aber möglich ist, warum sollten wir nicht ruhig an ihn glauben?
Doch hier beginnt die Gefahr, liegt der Keim zur Intoleranz, zur Schaffung von
Schuldgefühlen, zur plötzlichen Nutzung der Macht, die auf dem Rücken von
Schuldgefühlen ausgeübt werden kann. Denn wenn es so etwas gibt wie eine
alldurchdringende Kraft, einen Plan, eine eigene Informationswelt, aus der alles
— und vor allem das Leben — kommt, dann ist sie wahrscheinlich viel gewaltiger
und andersartiger als all das, was uns die Religionen mit ihrem im Grunde vom
Menschen aus projizierten Gott bieten. Denn von welchem Menschen gehen wir aus!
Von dem, wie wir ihn gerade zu unserer Zeit mit unserer wahrscheinlich noch
recht primitiven Psychologie verstanden haben: ein Gott, dem man danken soll,
der beleidigt oder geschmeichelt sein kann, der einem helfen soll, den man
bedrängt usw. Doch einmal festgelegt, wird ein solches Kunstgebilde zum Fetisch,
zum Tabu mit allen bekannten Folgen.
Machen wir uns noch einmal klar, daß von dem in unseren Genen steckenden
Reservoir an Programmierungsmöglichkeiten, von dieser uns noch weitgehend
verschlossenen Geheimbibliothek erst ein paar Seiten aufgeschlagen sein mögen.
Wenn darin also schon Veränderungen und Möglichkeiten stecken, die für uns
unvorstellbar sind, um wieviel mehr wäre dann eine eventuelle allumfassende
Intelligenz anders, als wir sie uns heute vorstellen können. Da die Erkenntnis
über uns und unsere Umwelt sich von Tag zu Tag ändert, ist natürlich jeder
Glaube, jede Religion um eine Stagnation gerade jener Erkenntnis bemüht. Und die
einmal festgelegte Momentaufnahme des seinerzeitigen Erkenntnisstandes muß dann,
um weiterhin als >absolute Wahrheit< gelten zu können, mit unlauteren, immer
stärker die Wirklichkeit verletzenden Mitteln, kurz, mit Lüge verteidigt werden.
Ein durch die naturwissenschaftliche Betätigung geschultes Bewußtsein kann
dagegen die >absolute Wahrheit< immer nur als Weg verstehen und niemals als
erreichbares Ziel. Das Suchen an sich, das nie endgültig findet, also das Gehen
des Weges selbst ist damit zum Ziel geworden. Ein Suchen, welches für mich das
Leben erst Lebens- und liebenswert macht.