Neue Religionen

 

Offensichtlich entstehen viele neue Religionen als Vermischung von bereits existierenden, insbesondere von "Eingott-Religionen" mit uralten Glaubensvorstellungen aus lokalen Überlieferungen, also einer Volksgemeinschaft (Synkretismus genannt). Als Gründe werden genannt: 

Reaktion einheimischer Gesellschaften auf die als Überfremdung empfundene, beispielsweise christliche, missionarisch übergestülpte Kultur von Kolonialherren, also

Rückbesinnung auf die Traditionen eines Stammes oder Volkes nach der Unabhängigkeit.

Als sehr gutes Beispiel kann das Wiederaufleben der weltanschaulich-philosophischen Ubuntu-Tradition in Südafrika >hier< genannt werden, vom ersten einheimischen Präsidenten Nelson Mandela und dem agilen Bischof  Desmond Tutu im Zusammenhang mit deren Begründung der "Wahrheitskommission" >hier< erneuert.

 

Etwas primitiver sind die Vermischungen afroamerikanischen Religionen z. B.:

- Die Gottheiten des Candomblé können bei meistens von Priesterinnen geleiteten religiösen Versammlungen direkt angesprochen und befragt werden, nachdem die Versammlungsmitglieder durch Musik und Tanz geprägte Rituale in einen Zustand heiliger Trance versetzt worden sind.

- Umbanda, in der afrikanischen Bantusprache "Priester", "Heiliger, wobei die Gottheiten von Umbanda etwa mit katholischen Heiligen vermischt sind.

- Wodu, auch da sind die Gottheiten heutzutage katholischen Heiligen ähnlich; denn Heiligenbilder und -statuen werden erehrt. Da sind aber noch die Schlangengottheiten, die Zombies, die Tote auferwecken können oder selbst auferweckte Tote sind. Sehr verbreitet ist dieser Wodu-Glaube neben Afrika auch in den Karibik-Staaten, deren Bewohner als ehemalige Sklaven aus Afrika stammen.

 

In Nordamerika haben wir die Black Muslims oder neue indianische Religionen; z. B. wird während des christlichen Gottesdienstes das Rauschmittel Peyote gekaut - Peyotekult.

 

Für Ozeanien wurde bereits an anderer Stelle der Cargo-Kult beschrieben >hier<. Ankommende Schiffe, wie von Geisterhand getrieben, brachten die schönsten Dinge. Manche (einfach ausgebildete) Menschen im Pazifikraum glauben heute noch daran, weil es einigen Führern Vorteile bringt.

 

Eine sehr bunt gemischte neue Religion ist der Caodaismus, der Anfang des 20.Jahrhunderts von Cochinchina, dem Tiefland des Mekong im südlichen Teil Vietnams, ausging und die Elemente

- eines alle Erscheinungen bestimmenden Weltgesetzes und die Frömmigkeitspraxis des Daoismus (Dao oder Tao = Bahn, weg in chinesich),

- Ethik auch aus dem Daoismus und insbesondere dem Konfuzianismus,

- Vorstellung, nach der jedes Dasein kausale Folge eines früheren Daseins sei, begründet im Karma (= Tat) des Buddhismus, Hinduismus und Dschainismus,

- Missionsauftrag aus dem Christentums

mit dem vietnamesischen Geister- und Ahnenglaubens verschmolzen hat. Heute werden zwei Mio. Caodaisten in Vietnam angenommen. Cao-Dai (vietnamesisch »Großer Palast«) ist eine allumfassende göttliche Einheit Gottes, ein "heiliges Auge" über unsere Weltkugel.

Zum Schluss noch die japanische "Gesellschaft zur Schaffung von Werten", oka-gakkai, eine der neuen Religionen Japans mit Wurzeln im japanischen Buddhismus. Sie versteht sich als künftige Weltreligion mit Japan als Zentrum und will Einfluss nehmen auf das politische Leben Japans.
 


Candra Mohan Rajneesh, der sich selbst der Bhagvan nannte, fährt in einem

seiner Rolls-Roys an seinen wartenden "Gläubigen" vorbei
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Einige, aus Stiftungen hervorgegangene echt neue Religionen (in der Regel jedoch aus bereits bestehenden hergeleitet) sollen etwas näher betrachtet werden:

 

1. Die Bhagvan-Bewegung (Bhagvan oder Bhagwan, der Ehrentitel für religiöse Lehrer des Hinduismus). Gründer war der superreich gewordene (1990 im Alter von "nur" 59 Jahren verstorbene) Inder, Candra Mohan Rajneesh, der sich von seinen Anhängern als Bhagvan verehren ließ. Seine Bewegung verband erfolgreich Therapieansätze westlich-psychologischer Tradition (Selbsterfahrung, Bioenergetik) mit mystischer Spiritualität östlich-religiöser Traditionen.

2. Die Hare-Krishna-Bewegung wurde ebenfalls von einem Inder, A.C. Bhaktivedanta Svami Prabhupada (eigentlich Abhay Charan De), 1966 in New York gegründet. Dieser war bei seinem Tod im Jahre 1977 immerhin 81 Jahre alt geworden. Krishna ist der populärster hinduistischer Gott. (Krishna in Sanskrit "der Dunkle").

3. Die Bewegung des Guru Sai Baba, wieder eines indischen Religionsstifters, der eigentlich Sathyanarayan Raju hieß, sich aber als der wieder geborene, 1918 verstorbene Guru Sai Baba von Shirdi ausgab, Bekannt wurde er in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts durch angebliche Geistheilungen. Er rief 1976 die Sai-Religion aus, die Zusammenfassung aller bisherigen Religionen.

Ausführliches unter:  www.religio.de/dialog/197/197s13.html
 

Mehr zum Religionsstifter der Bhagwan-Bewegung bei "Wikipedia":

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Osho_Drive_By.jpg&filetimestamp=20071031220851



Prof. Dr. Dr. Erwin Fahlbusch schreibt (in (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007):
 

"Religion ist offensichtlich ein Phänomen, von dem ein gewisser »Zauber« ausgeht. Es hat seinen Ort in der wirklichen Welt, wirkt aber geheimnisvoll; es fasziniert, stimmt aber auch skeptisch. Alle philosophischen, psychologischen, soziologischen und historischen Erkenntnisse und Erklärungen haben es bisher nicht vermocht, das Phänomen Religion aus der Welt zu schaffen. Zwar lassen sich der Wahrheitsanspruch religiöser Lehren und der Echtheitsanspruch religiöser Erfahrungen anzweifeln, viele der religiösen Dogmen und Riten kritisieren; aber dennoch behält das Phänomen Religion sein Daseinsrecht im individuellen wie im sozialen Leben.

Für den dauerhaften Bestand des Phänomens muss es Gründe geben: Alle Religionen bestehen in dem Umgang des Menschen mit »Wirklichkeiten«, die als etwas ganz Anderes, Vorgegebenes den Horizont seiner Alltagswelt überschreiten. In allen bildet die Beziehung des Menschen zu dem Unfassbaren und Unerreichbaren, dem Transzendenten, den Dreh- und Angelpunkt des religiösen Nachdenkens und Verhaltens. Und immer eröffnen das Erfahren des Nichtigen oder Widrigen sowie das Empfinden des Ungenügens der wahrnehmbaren und erkennbaren Lebenswelt den Weg zu einer solchen Beziehung. In seinem Lebens- und Gestaltungswillen begnügt sich der Mensch nicht mit dem unmittelbar Gegebenen, der alltäglichen Wirklichkeit. Die Nöte und Mühen des Alltags beschränken aber die eigenen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, die Freiheit des einzelnen; in dieser Bedrängnis sucht er nach Schutz vor völliger Fremdbestimmung, nach geistigem Halt. Die Erfahrung von Leid und Schmerz, Elend und Ohnmacht, Krankheit und Tod erweckt das Verlangen nach deren Überwindung und Heilung; der gepeinigte Betroffene stellt zwangsläufig die Frage nach dem Sinn seines derart beschädigten Daseins. Die Unzulänglichkeiten und Unglücksfälle des Lebens provozieren so die Frage nach einer genügenden, erfüllten, ganzheitlichen Daseinsweise, und sie motivieren den Überstieg zur eigentlichen, vollen und ganzen Wirklichkeit. Dieser Überstieg, das Transzendieren, ermöglicht es, die Sinnhaftigkeit des menschlichen Daseins zu denken und dem eigenen Lebensvollzug Sinn zu geben.

Der Gegenstand oder Inhalt der Religion, das Transzendente, lässt sich allerdings weder theoretisch in Glaubensaussagen noch praktisch in religiösen Verhaltensweisen erfassen, wenn es losgelöst wird von den Bedingungen und Veränderungen der alltäglichen Lebenswelt und der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Beziehung zum Transzendenten setzt Erfahrung und Erkenntnis der gegebenen Wirklichkeit voraus.Der Überstieg geht von dem Ungenügen und den Widrigkeiten der gegebenen Wirklichkeit aus und richtet sich auf eine höhere, heilbringende Wirklichkeit. Religion ist ein wesentliches, dauerhaftes Moment der menschlichen Existenz. Ihr Ort und ihre Zeit sind aber unabtrennbar an die jeweilige Lebenswelt gebunden. In dem andauernden Wandel und der zunehmenden Komplexität der säkularisierten Lebenswelt werden daher immer wieder neue Religionen neben den alten entstehen."
 


Walter Rath, Januar 2009