Kein Vertrauen zum Parteienstaat
Das System der Parteien zerfasert nicht an den Rändern,
es
zerfällt in der Mitte
("stern" Nr.47 vom
18.11.2010)
Jahrelang wurde es verdrängt, nun ist es unübersehbar:
Zwischen VOLK UND POLITIK zerreißen die Fäden.
Ein mulmiges Gefühl stellt sich ein: Scheitert die Demokratie?
Der Zwischenruf aus Berlin von HANS-ULRICH JÖRGES
Er wurde 1951 in Bad Salzungen (Thüringen) geboren, ist seit Herbst 2007
Mitglied der Chefredaktion
der wöchentlich erscheinenden Illustrierten Stern
und Chefredakteur für Sonderaufgaben des Verlags Gruner + Jahr.

Es ist etwas zerrissen. Schon lange. Zerrissen im Verhältnis zwischen Volk und
Politik. Schon 2006 meinten nur noch fünf (!) Prozent der Deutschen, sie
könnten die Politik durch Wahlen in starkem Maße mitbestimmen. Fast die Hälfte
glaubte, das sei gar nicht möglich. Im vergangenen Jahr bestätigte eine
Stern-Erhebung diese bestürzende Fünf-Prozent-Quote, die nichts anderes
offenbart als eine anhaltend schwere Krise der repräsentativen Demokratie.
Sie fand ihren Ausdruck in einer sinkenden, teils verheerend niedrigen
Wahlbeteiligung. Bei der Kommunalwahl 2006 kamen die siechenden Volksparteien
CDU und SPD in der Bankenmetropole Frankfurt am Main nur noch
auf Anteile von 14 respektive 9 Prozent an allen Wahlberechtigten. 77
Prozent der Frankfurter gingen gar nicht mehr zur Wahl oder entschieden sich für
andere Parteien. Volksparteien ohne Volk.
Aber die Politik mochte den Schuss nicht hören. Sie verdrängte und verdrängte
und verdrängte.
Heute geht das nicht mehr. Heute drückt sich die Krise der repräsentativen
Demokratie nicht mehr nur in seelenlosen Zahlen aus, in Umfragen und
Wahlresultaten. Heute ist auf Straßen, an Bahngleisen, an Flughäfen und
Bauprojekten aller Art – in Stuttgart, in Gorleben, vielerorts – zu beobachten:
Die Loyalität zu Staat und Politik löst sich von unten her auf. Das einst
staatstragende Parteiensystem zerfasert nicht mehr an den Rändern, es zerfällt
in der Mitte, im Bürgertum. Jung und Alt wenden sich ab, begehren auf,
verweigern Gefolgschaft. Und die Politik beweist tagtäglich aufs Neue ihre
Unfähigkeit zur Kommunikation mit dem Volk.
Die Symbolik ist schlagend. In Stuttgart wird ein Bahnhof, kulturell das bravste
aller denkbaren Großbauwerke. zum Schlachtfeld zwischen Volk und Politik. Ein
Moderator soll es richten, pazifizieren am runden Tisch. Derartiges ordnete man
bislang niedergehenden Diktaturen zu. Und der konsternierte Regierungschef, der
zuvor den bemerkenswerten Satz aussprach: „Mir ist der Fehdehandschuh
hingeworfen worden, ich nehme ihn auf" – der Regent nimmt den Fehdehandschuh
seines Volkes auf! –, dieser Stefan Mappus1) schlägt nun auch noch
vor, künftig zu Beginn aller Großprojekte unabhängige Moderatoren einzusetzen.
Das hieße: Institutionalisierung des Widerspruchs zwischen Volk und Politik.
Und als wäre das nicht genug, kommt jetzt, ausgerechnet jetzt, noch eine andere,
nicht minder bedrohliche Dimension gesellschaftlichen Zerfalls hinzu: eine Welle
der unverhohlenen, aggressiven, schamlosen Stigmatisierung und Ausgrenzung
muslimischer Migranten. Als „vergrabene Bombe", als „das gefährlichste soziale
Problem in Deutschland" habe ich vor zwei Jahren die ungelöste Integration von
Zuwanderern beschrieben. Bricht Beschwiegenes, Verdrängtes, Tabuisiertes auf,
kann es sich mit gefährlicher Dynamik entladen.
Das tut es nun. Nun markiert der fatale Satz: Das wird man doch wohl noch sagen
dürfen, einen Kulturbruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Alles glaubt
„man" jetzt sagen und schreiben zu dürfen, nicht schamhaft anonym, sondern
bekennerhaft unter vollem Namen – etwa dass alle gläubigen Muslime, die nach dem
Koran leben, „potenzielle Mörder" seien. Thilo Sarrazin
(Ex-Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, Millionär geworden mit
seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" [
thalia-verlag, dann nach
sarrazin suchen]), unverdrossen
missionarisch auf Lesereise durchs Land, hat Widerwärtiges freigesetzt, schaut
in den zum Platzen gefüllten Sälen seiner selbstgerechten Auftritte auch in die
leuchtenden Gesichter solcher Hetzer.
Aber die Politik mag den Schuss nicht hören. Und nicht nur die. Viele hören weg.
Viele schweigen.
Widerstrebend, mit düsteren Ahnungen und wachsender Beklommenheit begreifen wir:
So dünn ist der Firnis über der Humanität, über der historischen Erfahrung, über
der wiedergewonnenen, scheinbar unerschütterlich stabil verankerten Demokratie
der Deutschen.
Denn das alles – das zerrissene Verhältnis zwischen Volk und Politik, das
Aufbegehren von „unten" gegen „oben", das Wüten gegen vermeintlich Fremdes –
verbindet sich zu einer brisanten Zeitstimmung. Diese Melange von Enttäuschung
und Zorn kann zur Gefahr für die Demokratie selbst werden.
Man stelle sich vor, die Grünen2) (Internetpräsens
der Partei http://www.gruene.de/), denen sich bislang viele Suchende zuwenden,
gewännen die Stuttgarter Landtagswahl und würden dann doch den neuen Bahnhof
bauen (müssen). Was käme dann?
Das erfordert Selbstbesinnung. Umdenken. Aufbegehren der Sensiblen und
Gutwilligen gegen Hass und Ausgrenzung. Und ein neues Bündnis zwischen Volk und
Politik. Wir müssen mehr direkte Demokratie wagen. Wir dürfen Deutschland nicht
treiben lassen. Wer den Schuss nicht hört, jetzt immer noch nicht, der ist dazu
verdammt, von ihm getroffen zu werden.
1) Stefan Mappus (CDU), seit dem 10. Februar 2010 Ministerpräsident
von Baden-Württemberg. Der Oettinger-Nachfolger Stefan Mappus
steht uneingeschränkt hinter Stuttgart 21. Mappus ist erster
Vorsitzender der
Trägerversammlung der LBBW. – Der 1.
stellvertretender Vorsitzender ist Peter Schneider (Präsident des
Sparkassenverbandes Baden-Württemberg, Mitglied des Landtags). Der 2.
stellvertretende
Vorsitzender ist übrigens Dr. Wolfgang Schuster.
Tanja Gönner (im Juli 1969 in Sigmaringen geboren) ist eine deutsche
Politikerin (CDU). Sie war von 2004 bis 2005 Sozialministerin.
Gönner ist am 23. Februar 2010 von Ministerpräsidenten Stefan Mappus zusätzlich zur Verkehrsministerin ernannt worden (durch
Bildung eines neuen Umwelt- und Verkehrsministeriums) und damit
eine Gewinnerin der am selben Tag verkündeten Umbildung der
Landesregierung von Baden-Württemberg.
11. Oktober 2010: Nach
Informationen von
Handelsblatt Online ist die Landesumweltministerin für die
Stiftung eines Shoppingcenter-Betreibers tätig, der in ein
gigantisches Einkaufszentrum auf dem S-21-Gelände investieren
will. Dabei geht es immerhin um eines der größten privat
finanzierten Immobilienprojekte Deutschlands.
Für 500 Millionen Euro will ein Konsortium aus
ECE,
Strabag und Bayerische Bau und Immobilien Gruppe das
„Quartier am Mailänder Platz“ errichten – mit 43.000
Quadratmetern Verkaufsfläche, Gastronomie, Dienstleistung,
Hotel, Büros sowie rund 500 Mietwohnungen und 2.200
Tiefgaragenstellplätze. Nun gibt es aber die von der ECE
gegründete
Stiftung „Lebendige Stadt“. Namhafte Persönlichkeiten aus
Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft gehören dem
Stiftungsrat und dem Kuratorium an. Vorsitzender des Kuratoriums
ist Alexander Otto, Sohn des ECE-Gründers und
Versandhauspioniers Werner Otto.
Wenn ein Regierungsmitglied nicht die nötige Distanz zu
Projektbeteiligten wahrt …
Pikant ist, dass dem geschäftsführenden Vorstand der Stiftung
Friederike Beyer angehört. Beyer ist die Lebensgefährtin von
Günther Oettinger (CDU), früher Stuttgarter Ministerpräsident
(und Verteidiger seines Nazivorgängers Hans Filbinger [
www.uni-protokolle.de/Lexikon/Hans_Filbinger.html ]),
heute EU-Kommissar. Endgültig zum Politikum jedoch macht die
Sache, dass dem Stiftungsrat die Landesministerin für Umwelt,
Naturschutz und Verkehr, Tanja Gönner (CDU), und der
Stuttgart-21-Architekt Christoph Ingenhoven angehören.
Wie lässt es sich gewährleisten, dass politische
Entscheidungen, im Zusammenhang mit dem Bahnprojekt, unabhängig
getroffen werden (ohne Filz und "Privatinteressen")?
Tanja Gönner ist nicht nur eine der engsten Vertrauten von
Ministerpräsident Stefan Mappus; nun macht die Umwelt- und
Verkehrsministerin für ihren Chef in Sachen Stuttgart 21 auch
fleißig Medienarbeit. „Das kann sie“, heißt es am 7. Oktober
2010 seitens der CDU.
Bei einem unverhältnismäßen
Polizeieinsatz am 30. September 2010 wurden über 400
Personen im Stuttgarter Schloßgarten durch Wasserwerfer, Reizgas
und Pfefferspray, zum Teil schwer, verletzt. Baden-Württembergs
Verkehrsministerin Tanja Gönner verteidigte gegenüber dpa das
gewaltsame Vorgehen der Polizei gegen die Stuttgart
21-Demonstranten.
Tanja Gönner brach am 10. Oktober 2010 eine Saudi-Arabien
Reise ab. Seit Montag, den 11. Oktober 2010 lässt sie ihre
Mitgliedschaft in der Stiftung ruhen.
– Textauszuge:
Handelsblatt Online
Verfilzter geht es wohl nicht mehr!!
>Hier< - etwas
weiter unten - zu einer Karikatur.
2) war in der Webseite der Grünen noch am 20.12.2010 zu lesen als
Interview mit dem Landtagsfraktionsvorsitzender und Spitzenkandidaten der Grünen
in Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, der sagte:
"Wir sehen weiterhin
keinen
triftigen Grund dafür, dass Stuttgart 21 jetzt gebaut
werden soll", sagt Winfried Kretschmann. "K21 ist die
bessere Alternative." Der Stresstest, eine alte
Forderung der S21-Gegner, müsse jetzt belegen, dass die
anvisierte 30-prozentige Leistungssteigerung des
Bahnhofsknotens Stuttgart mit der bisherigen Planung
realisiert werden könne. Aber Winfried Kretschmann geht
nicht davon aus, dass Stuttgart 21 diesen Stresstest
bestehen wird.
www.gruene.de: Ihr wart im Oktober die ersten, die Heiner
Geißler (Attac-Mitglied mit CDU-Parteibuch war tätig als Schlichter im Stuttgarter Bahnhofsstreit)
vorgeschlagen habt. Nehmen die Grünen den Schlichterspruch
jetzt eigentlich an oder nicht?
Winfried Kretschmann: Wir sehen weiterhin keinen triftigen
Grund dafür, dass Stuttgart 21 jetzt gebaut werden soll. K21
ist die bessere Alternative. Zentrale Empfehlungen von
Heiner Geißler, wie die Nachbesserungen und der Stresstest,
nehmen wir aber an, zum großen Teil sind diese ja aus
unserer Kritik heraus entstanden. So sagt Geißler, für das
Streckennetz seien „Verbesserungen vorzusehen“. Dazu gehört
unter anderem die Ausweitung des Tiefbahnhofes um ein 9. und
10. Gleis, die Auflösung von einer Reihe von Engpässen in
den Zufahrten durch die Verlegung weiterer Gleise sowie die
Ausrüstung der Ferngleise mit zusätzlicher konventioneller
Leittechnik. Welche dieser Verbesserungen tatsächlich
vorgenommen werden müssen, macht der Schlichter abhängig vom
Ergebnis eines sogenannten Stresstests.
Warum ist der Stresstest so wichtig?
Der Stresstest ist eine alte Forderung der S21-Gegner, gegen
die sich die Bahn immer vehement gewehrt hat. Mit ihm muss
die Bahn belegen, dass die anvisierte 30-prozentige
Leistungssteigerung des Bahnhofsknotens Stuttgart mit der
bisherigen Planung von S21 in der Spitzenzeit realisiert
werden kann. Jetzt muss man aber wissen, dass die Bahn just
an diesem Punkt in der Fachschlichtung vollkommen versagt
hat. Zweimal hat sie die Chance bekommen, die
Leistungsfähigkeit von S21 unter Beweis zu stellen. Beide
Male hat sie das Ziel der 30-prozentigen Leistungssteigerung
weit verfehlt: 49 Züge pro Stunde sollte der Bahnhof
verkraften, bei 44 Zügen sind die Planer stecken geblieben.
Und auch die mussten erst mit einem abenteuerlichen
Betriebskonzept reingezwängt werden. Das muss man sich mal
vorstellen: nach 15 Jahren Planung und 170 Millionen Euro an
Planungskosten muss die Bahn zugeben: Sorry, das Grundziel
von Stuttgart 21 können wir leider nicht erreichen. Es gibt
für uns keinen Anlass, anzunehmen, dass es im dritten Anlauf
klappen könnte – sofern die Bahn objektiv und ergebnisoffen
testen lässt.
Das Institut, das den Stresstest durchführt, hat die Bahn
als Hauptauftraggeber. Wie wird denn sichergestellt, dass
der Test transparent und objektiv abläuft?
Das ist richtig, das Schweizer Unternehmen sma hat die Bahn
als wichtigen Auftraggeber. Entscheidender ist aber, dass
der Stresstest zu einem wesentlichen Teil von der
bahneigenen DB Netz durchgeführt werden wird. Grube testet
also sich selbst. Da muss man kein überaus misstrauischer
Mensch sein, um mal kritisch zu hinterfragen, ob die
erforderliche Objektivität und Ergebnisoffenheit nun
wirklich gewährleistet ist, oder? Wir betrachten den
Stresstest gewissermaßen als Fortsetzung der
Fachschlichtung, denn erst, wenn der Test erfolgt ist,
werden alle Beteiligten zweifelsfrei wissen, was S21 zu
leisten imstande ist, beziehungsweise welche Nachbesserungen
es braucht. Damit die Ergebnisse aber zweifelsfrei von
Befürwortern und Gegnern anerkannt werden können, halten wir
es für unabdingbar, den Stresstest unter ähnlichen
Bedingungen wie die Fachschlichtung durchzuführen. Wir
wollen, dass ein Lenkungskreis, besetzt mit Experten der
Befürworter und der Gegner, eingesetzt wird, der die Aufgabe
hat, den Stresstest von der Aufgabenstellung bis zur
Durchführung eng und aktiv zu begleiten.
Was passiert denn, wenn der Test zeigt: Ohne teure
Nachbesserung kann Stuttgart 21 die versprochene Leistung –
also 30 Prozent mehr Züge - nicht erbringen?
Dann müssen die Projektträger nachrüsten. Dass Bahn und
Landesregierung schon Böses ahnen, lässt sich daran ablesen,
dass sie jetzt begonnen haben, kleinzureden und
schönzurechnen: Das neunte und zehnte Gleis werde man gar
nicht brauchen…, wenn überhaupt nachgerüstet werden müsse,
dann maximal in einer Höhe von 150 Millionen Euro…, man habe
doch gar nicht das Ziel anvisiert, auch in der Spitzenzeit
eine Leistungserweiterung von 30 Prozent zu erzielen… und so
weiter. Die von Heiner Geißler vorgesehenen Nachbesserungen
sind nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden auch schon von
einem der Erfinder von Stuttgart 21, Professor Heimerl,
eingefordert. Und sie wurden schon früher längst
quantifiziert. Wir reden hier von einem Volumen von etwa 500
Millionen Euro, die zusätzlich verbaut werden müssen.
Wie teuer wird’s denn eigentlich insgesamt?
Jetzt machen wir mal eine kleine Rechnung: Die Bahn hatte im
Dezember 2009 eigentlich Kosten von 4,9 Milliarden Euro
berechnet. Blöderweise lag sie damit über der eigenen
Wirtschaftlichkeitsgrenze von 4,8 Milliarden. Deswegen
wurden flugs 800 Millionen weggespart. Also operieren die
Projektträger jetzt mit fiktiven 4,1 Milliarden Euro Kosten.
Die wurden in der Schlichtung von drei
Wirtschaftsprüfungsinstituten, sagen wir es mal vornehm,
kritisch beleuchtet. Erstens wurde bemängelt, es fehlten
knapp 200 Millionen an historischen Planungskosten. Macht
4,3 Milliarden. Dann machten die Prüfer nicht verbuchte
Zinsverzichte der Stadt Stuttgart für die freiwerdenden
Grundstücke in Höhe von nochmal 200 Millionen aus. Und
weitere ausgeklammerte Kosten von etwa 150 Millionen Euro.
Macht zusammen 4,6 Milliarden Euro. Da sind wir übrigens
schon über der Grenze von 4,5 Milliarden Euro, wo laut
Finanzierungsvereinbarung neu übers Geld verhandelt werden
muss. Aber wir sind noch nicht durch. Das Volumen von 800
Millionen an Einsparungen wurde als zu optimistisch
eingeschätzt. Rechnen wir konservativ, dass davon 300
Millionen nicht realisiert werden können. Macht 4,9
Milliarden Euro. Jetzt haben wir schon die
4,8-Milliarden-Wirtschaftlichkeitsgrenze, die die Bahn AG
gesetzt hat, gesprengt. Vergessen wir mal, dass die
Wirtschaftsprüfer bei der Kostenrechnung der Bahn mehr
Risiken als Chancen ausgemacht haben. Vergessen wir, dass
der Bundesrechnungshof zu Gesamtkosten von 5,3 Milliarden
Euro gekommen ist. Lassen wir unsere eigenen Prognosen und
Berechnungen mal außer Acht, die auch deutlich höher
ausfallen. Zählen wir „nur“ noch die erforderlichen
Nachbesserungen in Höhe von satten 500 Millionen Euro hinzu.
Dann liegen wir summa sumarum bei gut 5,4 Milliarden Euro.
Der noch amtierenden Landesregierung ist es ja egal. Der
Fraktionsvorsitzende der CDU, Peter Hauk, hat schon
verlauten lassen: Ob es sieben, zehn oder fünfzehn
Milliarden kostet, Stuttgart 21 rechnet sich! Aber die Bahn
müsste das eigentlich anders sehen und bei solchen Kosten
aussteigen. Ihr seht, die Empfehlungen des Schlichters
könnten leicht zum Bumerang werden, der das Projekt
Stuttgart 21 ausknockt.
Heiner Geißler hat sich gegen eine Volksabstimmung
ausgesprochen. Warum sind die Grünen trotzdem weiterhin
dafür?
Heiner Geißler hat zurecht betont, dass eine Volksbefragung
zu der Grundsatzfrage Stuttgart 21 ja oder nein rechtlich
nicht zulässig ist. Das stimmt. Er hat zugleich betont, dass
zum Beispiel die Stadt Stuttgart durchaus einen
Bürgerentscheid durchführen kann, sollten sich die Kosten
für die Stadt erhöhen. Gleiches gilt aus unserer Sicht auch
für eine Volksbefragung auf Landesebene über die finanzielle
Beteiligung des Landes. Das Thema Stuttgart 21 ist extrem
aufgeladen, es spaltet seit Monaten Stadt und Land. Das hat
sich zum Glück durch die Schlichtung etwas gelindert. Aber
ich bin der Meinung, dass wir nur mit einer solchen
Volksbefragung zu einem breit akzeptierten Ergebnis über
Stuttgart 21 kommen können - vorausgesetzt natürlich, die
Bahn steigt nicht vorher aus. Wir würden, sobald Ergebnis
und Konsequenzen des Stresstests vorliegen, genau diese neue
Lage den Menschen in Baden-Württemberg zur Abstimmung
stellen, sofern Grün-Rot regiert natürlich. Denn
Schwarz-Gelb hält nicht so viel von direkter Demokratie, die
machen das nicht.
Zeit der Basta-Politik ist vorbei“, lautet ein Fazit des
Schlichterspruchs. Wie müssen künftig Großprojekte geplant
und durchgeführt werden?
Das, was jetzt viel zu spät bei Stuttgart 21 zugelassen
wurde, muss zum Standardverfahren bei Großprojekten und
umstrittenen Vorhaben gemacht werden. Die Bürgerinnen und
Bürger müssen von Beginn an miteinbezogen werden. Die
Schweiz praktiziert das seit langem und sehr erfolgreich. Da
wird in einem ersten Schritt das Vorhaben zur Diskussion
gestellt und abgestimmt, in einem zweiten Schritt wird dann
erläutert und zur Abstimmung gestellt, wie das Vorhaben
erreicht werden soll und was das bedeutet an Bauleistung, an
Kosten und alles, was damit zusammenhängt. Und wenn das
alles besprochen wurde und so wie vorgehabt oder mit
Änderungen mit der Bürgerschaft beschlossen wurde, wird’s
gebaut – mit weiterer Information an die Bürgerschaft.
Langwieriger? Ja und nein. Die Phase der Bürgerbeteiligung
braucht seine Zeit. Aber dafür kann nachher mit Zustimmung
zügiger gebaut werden.
Hast Du den Eindruck, die Landesregierung und die Bahn haben
in den letzten Wochen dazugelernt?
Zumindest haben alle wortreich bekundet, Stuttgart 21 sei
das letzte Projekt, das derart zentral und in Basta-Stil
hätte durchgedrückt werden sollen. Ich glaube auch, dass
sich tatsächlich ein Lerneffekt eingestellt hat. Die
Proteste gegen Stuttgart 21, die Hartnäckigkeit
hunderttausender Menschen, die gesellschaftliche Breite und
dann natürlich der schlimme Polizeieinsatz im Schlossgarten,
das alles hat bei allen Beteiligten tiefen Eindruck
hinterlassen. Aber man wird sehen, inwiefern den Worten auch
Taten folgen werden.
Welche Auswirkung hat die Schlichtung auf den
Landtagswahlkampf?
Es ist zu früh, das abschließend zu beurteilen. Mir wird das
oft nicht abgenommen, aber ich meine es ernst: Letztlich ist
mir das auch egal. Die emotionale Aufladung, die Spaltung
der Gesellschaft, das hat mir alles in den letzten Monaten
große Sorge gemacht. Die Schlichtung hat zu einer dringend
notwendigen Versachlichung der Auseinandersetzung geführt.
Das ist der große Verdienst von Heiner Geißler gewesen. Und
das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen. Dass Befürworter wie
Gegner weiterhin friedlich für ihre Anliegen protestieren
und Kundgebungen in der Stadt abhalten, ist davon
unbenommen. Das ist das gute Recht beider Seiten. Aber wir
sollten uns in der Auseinandersetzung an dieser
wiedergewonnenen Sachlichkeit halten. Und ich kann nur
hoffen, dass die Bahn nicht in alte Muster zurückfällt und
die notwendige Transparenz und Offenheit in den nächsten
Monaten wieder vermissen lässt. Jetzt geht es darum, den
begleitenden Lenkungskreis für den Stresstest durchzusetzen
und den Baustopp zu verlängern, bis die Ergebnisse des Tests
vorliegen.
20.12.2010