Erpresst durch Banken
"Zerbricht der Euro? Zerfällt Europa? Am Geld entscheidet sich
in der aktuellen
Krise, ob die Politik regiert oder die FINANZMÄRKTE.
Für Deutschland gibt es
kein Zurück zur D-Mark.
Politisch wie ökonomisch wäre das unbezahlbar",
meint HANS-ULRICH JÖRGES
in seinem "Zwischenruf aus Berlin".
Er wurde 1951 in Bad Salzungen (Thüringen) geboren, ist seit Herbst 2007
Mitglied der Chefredaktion
der wöchentlich erscheinenden Illustrierten Stern
und Chefredakteur für Sonderaufgaben des Verlags Gruner + Jahr.
Kann die Politik gegen die Finanzmärkte regieren? Können sich demokratisch
gewählte Politiker gegenüber mächtigen ökonomischen Interessen behaupten –
konkret: den Euro und die europäische Idee verteidigen? Oder, um es noch
pointierter zu beschreiben: Hat die Herrschaft des Volkes eine Chance gegen die
Herrschaft der Märkte? Um nicht weniger geht es in der aktuellen Krise Europas
und seiner jungen Währung.
Um das zunächst klarzustellen: Die Märkte bilden keineswegs, wie es in den
Medien häufig erscheint, eine Art überlegener Intelligenz, die Politik nach
streng rationalen Kriterien, Maßstäben der Vernunft gar, beurteilt. Finanzmärkte werden getrieben vom Schwarminteresse
kollektiven Renditekalküls, von Banken, Versicherungen und Fonds mit gewaltiger
Kapitalmacht –eher träge anmutenden Pensions- und Investmentsfonds, aber auch
wendigen, blitzschnell agierenden Hedgefonds.
Die Geschichte der größten globalen Finanzkrise seit 80 Jahren ist eine
Geschichte gescheiterter Versuche der Politik, gegen diese Märkte, gegen diese
Akteure zu regieren. Nichts von Substanz ist der Politik gelungen, um die
überlegene Macht der Märkte zu brechen, die Wiederholung derartiger Krisen zu
verhindern oder sie auch nur an der Finanzierung der verheerenden Schäden zu
beteiligen, die sie seit Herbst 2008 in den Volkswirtschaften und monströs
überschuldeten Staatshaushalten der Welt angerichtet haben.
Finanzderivate, die sich summieren auf geschätzte 600000 Milliarden (= 600
Billionen nach europäischer Zählweise) US-Dollar,
Kreditverbriefungen oder hochspekulative Kreditversicherungen, die der
Großinvestor Warren Buffett 1) „Massenvernichtungswaffen" nannte,
sind weder verboten noch wirkungsvoll reguliert. Es gibt keine
Finanztransaktionssteuer, international so wenig wie national, keine gesetzlichen Beschränkungen der schamlosen Boni von Investmentbankern, keine starke
Bankenaufsicht in Europa, keine einheitliche Bankenaufsicht in Deutschland und
erst recht keinen Eingriff in die exorbitanten Zinsspannen, mit denen die Banken
eigene Verluste aus Fehlspekulationen auf Kosten ihrer Kunden zu decken
versuchen.
Einzig schärfere Eigenkapitalvorschriften für die Banken hat die Politik
durchgesetzt – aber moderat und mit langer Schonfrist bis Ende dieses
Jahrzehnts. In Deutschland kamen zwei nationale Sonderregelungen hinzu: eine
mehr als bescheidene Abgabe
zur Beteiligung der Banken an den Schäden künftiger Finanzkrisen und ein Verbot
ungedeckter Leerverkäufe an den Börsen. Gewaltiges Geschrei erhob sich gegen
diesen Alleingang, doch die Kurskapriolen an den Aktienmärkten sind seither
gedämpft.
Nun geht es um die Beteiligung der Märkte an den Risiken europäischer
Staatsanleihen. Bei Griechenland konnten sich die Banken noch durchsetzen: Ein „Haircut"
(Haarschnitt), Teilverzicht auf ihre Forderungen, wurde ihnen nicht abverlangt.
Das war ein Fehler von dramatischer Tragweite;
denn als
(die derzeitige deutsche Bundeskanzlerin) Angela Merkel davon sprach, dass sich das nach 2013 ändern solle, „die
Märkte" bei Staatspleiten mithaften, Investoren ihre Forderungen also einem Haarschnitt unterwerfen sollten, war es wieder
vorbei mit der Ruhe in der Eurozone. Denn das wäre das Ende des lukrativen
Geschäfts, bei der Europäischen Zentralbank Geld zu einem Prozent zu leihen,
damit Staatsanleihen zu acht Prozent zu kaufen und im Krisenfall auf Haftung der
Steuerzahler Europas zu bestehen.
Seither steht die Kanzlerin im Zentrum einer gewaltigen Machtprobe. Seither wird
eine Sau nach der anderen durchs europäische Dorf getrieben, ein überschuldeter
Staat nach dem anderen herunterspekuliert. Europa wurde damit schon halb in die
Knie gezwungen: Die Märkte sollen nun nicht mehr automatisch mithaften – darüber
sei von Fall zu Fall zu entscheiden, ergänzend. Das aber genügt ihnen noch
nicht.
Wir sind Zeugen einer historischen Erpressung: Entweder werden Europas
Wackelstaaten vor 2013 umgeschuldet, ihre Staatsanleihen abgesichert – vor allem
auf Kosten des deutschen Steuerzahlers – oder der Euro wird in den Ruin
getrieben. Der Plan Jean-Claude Junckers2), stabile Euro-Bonds anzubieten, ist
Teil dieses Manövers. Nur 40 Prozent ihres Staatsdefizits sollten die
Krisenländer damit decken, lockt der Regierungschef der Bankenmetropole Luxemburg.
Ein fataler Irrweg: Aus 40 könnten rasch 60, 80 oder 100 Prozent werden.
Dennoch muss Deutschland einen Preis zahlen. Frontal zu besiegen sind die Märkte nicht. Merkel weiß das, und sie verdient
Unterstützung. Niemals, unter keinen Umständen, dürfen der Euro und Europa an
den Deutschen scheitern. Die politischen
Kosten wären so hoch wie die ökonomischen. Die Deutschen würden zu verhassten Außenseitern. Die Flucht zurück zur
D-Mark ist ihnen versperrt. Sie müssen nach
vorn und Europa aus der Krise führen.
Obiger Artikel aus dem Wochenmagazin "stern" Nr. 51 vom
16. Dezember 2010
1)
geboren 1930 in Omaha, USA-Nundestaat Nebraska ist ein Großinvestor und
Unternehmer. Mit einem geschätzten Privatvermögen von 47 Milliarden
US-Dollar (nach dem bedeutendsten Wirtschaftsmagazin Forbes, 2010) gilt
er als der drittreichste Mensch der Welt. Der Großteil seines Vermögens
ist in dem von ihm aufgebauten Investment-Unternehmen Berkshire Hathaway
(aus der Fusion der beiden Textilfirmen Berkshire Fine Spinning und
Hathaway Manufacturing entstanden) angelegt. Am 25. Juni 2006 kündigte
er an, 85 % seines Vermögens nach und nach an fünf Stiftungen
verschenken zu wollen. Der Großteil soll an die Bill & Melinda Gates
Foundation gehen, ein kleinerer Anteil soll auf die vier
Buffett-Familien-Stiftungen verteilt werden.
Im Juni 2010 startete
Buffet zusammen mit Bill Gates die Kampagne The Giving Pledge ("Das
Versprechen, etwas herzugeben"). Buffett kündigte an, dass er nach
seinem Tod 99 Prozent seines Vermögens für wohltätige Zwecke
hinterlassen wolle.
Die Bill & Melinda Gates Foundation ist an den Einlagen gemessen
die mit Abstand größte Privat-Stiftung der Welt. Bill Gates hat im Jahr
1994 erstmals eine Stiftung mit dem Namen „William H Gates Foundation“
gegründet, die zunächst von seinem Vater geführt wurde. Im Jahr 1999
entstand die „Bill & Melinda Gates Foundation“. Sie hat ihren Hauptsitz
in Seattle. William Gates sr. leitet die Bill & Melinda Gates Foundation
mit über 830 Mitarbeitern und einem Kapitalgrundstock von rund 35,2 Mrd.
US$ (Stand: März 2010). - William „Bill“ Henry Gates III, einer
der reichsten Männern der Welt, gründete 1975, gemeinsam mit Paul Allen,
die Microsoft Corporation (das bedeutendste
Computersoftware-Unternehmen).
Bisher ist nichts bekannt, wer von den Stiftungen profitiert!
Wahrscheinlich handelt es sich nur um Verschiebungen zum Profitieren der Stifter
durch Steuerersparnisse...
2) Jean-Claude Juncker, Jahrgang 1954, ein luxemburgischer Politiker, ist Mitglied der Christlich Sozialen Volkspartei (CSV/PCS)m war von 1989 bis Juli 2009 Finanzminister Luxemburgs, ist seit 1995 Premierminister und seit 2005 außerdem Vorsitzender der Euro-Gruppe (ein Gremium der Europäischen Union, in dem die Staaten der Eurozone ihre Steuer- und Wirtschaftspolitik koordinieren, um das Funktionieren der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion sicherzustellen). Die Amtszeit Junckers sollte 2008 ausgelaufen sein, da ein und dieselbe Person das Amt des Vorsitzenden nicht länger als zwei Mandatsperioden lang besetzen darf. In der Sitzung vom 12. September 2008, unter Leitung der französischen Finanzministerin Christine Lagarde, wurde seine Amtszeit jedoch einstimmig um weitere zwei Jahre, bis zum 31. Dezember 2010, verlängert.
19. Dezember 2010