Jochen Hippler
(Lebenslauf >hier<):

Terrorismus und Islam -
Einordnung eines komplizierten Verhältnisses
Als Folge der Terroranschläge in New York
und Washington vom 11. September 2001 haben sich wieder zahlreiche Stimmen
erhoben, die „dem Islam“ oder dem „Islamismus“ ein ungeklärtes, ja
positives Verhältnis zur politischen Gewalt nachsagen. Mit besonderer
Deutlichkeit drückte dies ein französischer Islamwissenschaftler aus:
„Der Islam rechtfertigt Gewalt und kennt
Meinungs- und Religionsfreiheit nicht. Würde er seine kriegerische,
antiwestliche und reformfeindliche Seite offen enthüllen, die ihm seit dem
11. Jahrhundert eigen ist, dürften die europäischen Staaten, den
Menschenrechten und dem Gleichheitsprinzip treu, ihn auf ihrem Boden nicht
dulden. ... Wohin man im Orient und in Afrika schaut, die Religion
Mohammeds setzt sich heute mit Gewalt durch. Das gilt für Sudan und
Bangladesh, für Mindanao (zweitgrößte und südlichste Insel der Philippinen) und Kaschmir, für Aserbaidschan, Tschetschenien,
Afghanistan, Tadschikistan, Iran, Ägypten, Libanon, Palästina, Algerien und
Nigeria. So lehren die arabischen Gebote ‚Die Religion Mohammeds durch das
Schwert’. ... Da eine Reform am Anfang des 20. Jahrhunderts scheiterte, ist
der Islam bis heute eine eroberungslustige, kriegerische und theokratische
Religion.“
Von solchen Positionen aus liegt es nahe,
den islamisch inspirierten Terrorismus insgesamt oder die Terrorakte des
11. September 2001 als integralen Bestandteil islamischer Religiosität
aufzufassen. Der Islam sei letztlich eine Religion der Intoleranz und
Eroberung, bei dem der „Heilige Krieg“ (Jihad) im Zentrum stehe. Wenn dies
in solch grober Form von Samuel Huntington auch nicht geteilt würde, so
knüpft es doch direkt und indirekt an seine umstrittenen Thesen („Clash of
Civilizations“) an, etwa an Formulierungen, „Islam has bloody borders“.
Aber auch Positionen, die eigentlich die
Muslime vor einem Pauschalverdacht der Gewalttätigkeit in Schutz nehmen
wollen, landen nicht selten auf kurzem Wege beim Gegenteil: So konnte man
wenige Wochen nach den Terroranschlägen im Rheinischen Merkur die
tröstliche Formulierung lesen:
"Nicht jeder, der zu Allah betet,
ist ein ‚Gotteskrieger’ und bereit, zur Waffe zu greifen."
So unbestreitbar richtig solche Sätze
auch sind, so legen sie doch nahe, daß vielleicht jeder zweite oder jeder
dritte Muslim gern und schnell das Messer zückt. So wird nicht nur eine
direkte Verbindung vom Gebet zur Gewalt gezogen, die man für das
Christentum - trotz dessen gewalttätiger Geschichte - nie behaupten würde.
Und wenn zwar „nicht jeder“ Muslim gewalttätig sein mag, so scheint von
ihnen insgesamt doch eine beträchtliche Gefahr auszugehen. Wie würde man
bei uns Sätze in ausländischen Presseorganen empfinden, daß „nicht jeder
Deutsche ein Nazi ist und Türken umbringt“?
Solche Positionen unterstellen meist eine
globale Konfrontation zwischen dem (modernen, säkularen) Westen und dem
(rückschrittlichen, unaufgeklärten und gewaltbereitem) Islam. In einem
solchen Vergleich fiele dann dem Westen automatisch die Rolle der
Gewaltbekämpfung zu - eine zivilisatorische Mission, die nicht immer so
offen wie vom italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi formuliert wird:
„Der Westen ist dazu bestimmt, die Völker zu verwestlichen und für sich zu
erobern. Dies ist ihm schon mit der kommunistischen und mit einem Teil der
islamischen Welt gelungen. Aber es gibt einen anderen Teil dieser Welt, der
vor 1.400 Jahren stehen geblieben ist“.
Trotz des häufig rituellen Geredes von einem „interkulturellen Dialog“ sind die anti-islamischen Konnotationen* des vorgeblichen Dualismus zwischen dem Westen und dem Islam offensichtlich.
* die der begrifflichen Grundbedeutung eines Wortes überlagernde (subjektive,
emotionale, assoziative) Nebenbedeutung
Politische Gewalt und
Terrorismus.
Jenseits seiner politischen
Instrumentalisierung stellt der internationale Terrorismus ein ernstes und
gefährliches Problem der internationalen Beziehungen dar. Und tatsächlich
ist das Niveau politischer Gewalt - auch seiner terroristischen Spielart -
im Nahen und Mittleren Osten (neben einigen auch „christlichen“ Regionen,
etwa Kolumbien, manchen Teilen Afrikas, etwa Ruanda und Burundi)
gegenwärtig besonders hoch - und in vielen der betroffenen Ländern sind die
meisten Menschen Muslime.
Staatlicher und „privater“ Terrorismus
ist eine der gemeinsamen Erfahrungen, die praktisch alle Zivilisationen
teilen: der Begriff selbst entstammt der Französischen Revolution, also dem
„christlich“ geprägten Europa. Der Terror der ETA (Euzkadi
Ta Azkatasuna = das Baskenland und seine Freiheit), katholischer und
protestantischer Gruppen in Nordirland, der katholischen bzw. orthodoxen
Kroaten und Serben gegen die Muslime Bosniens und des Kosovo, die Gewalt
der deutschen RAF (Rote Armee-Fraktion) und der italienischen Roten Brigaden, der Terror des
Stalinismus des italienschen Faschismus und der Nazis sind nur beliebige
Beispiele. Darüber hinaus kennen wir Terrorismus in vielen
nicht-christlichen Gesellschaften, von Hindus und Sikhs, jüdischen
Terrorismus der Kolonialzeit in Palästina oder durch israelische Siedler
und Militär, den Terror der Aum-Sekte in Japan und den früheren Terror des
japanischen Kaiserreiches in China und Korea - die Liste ließe sich fast
beliebig fortsetzen. All dies bedeutet zweierlei nicht: einmal muß sich der
Terror der verschiedenen Gesellschaften nicht immer und überall „religiös“
begründen, und selbst wo er dies tut, muß er nicht wirklich religiöse
Wurzeln haben. Und zweitens bedeutet die Verbreitung und das Vorkommen von
Terrorismus in den unterschiedlichen Kulturkreisen nicht, daß dieser zu
allen Zeitpunkten und in allen Gesellschaften immer genauso bedrohlich sein
müsse. Dies ist sicher nicht der Fall - weder die Zyklen politischer Gewalt
noch ihre Ausdrucksformen verlaufen synchron: während sie sich in einem
Land oder einer Kultur möglicherweise durch Volksaufstände oder
Bürgerkrieg, in anderen durch Terrorismus äußern mögen, kann dies woanders
durch das konventionellere Mittel der Krieges oder brutale Repression
geschehen. Eine wissenschaftliche Analyse des Terrorismus kann diesen nicht
von seinen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abgetrennt
und isoliert untersuchen, sondern muß ihn als Teil des politischen
Gewaltspektrums insgesamt betrachten.
Sieht man auf die globalen Zahlen des
US-Außenministeriums, denn lassen sich zwei wichtige Punkte feststellen:
erstens sank die Zahl der Anschläge des internationalen Terrorismus während
der letzten zwanzig Jahre deutlich. Hatte es etwa in den Jahren 1985-88
jährlich jeweils mehr als 600 Anschläge weltweit gegeben (in den Jahren
davor zwischen etwa 490 und 565), lag die Zahl für die Jahre 1996-2000 bei
durchschnittlich nur noch 338.
Betrachtet man die Zahlen der Anschläge
für die Jahre 1995-2000 nach Region, fällt auf, daß der Nahe und Mittlere
Osten - also die Region mit dem höchsten Anteil an Muslimen - am unteren
Ende der Terrorhäufigkeit lag, von Nordamerika abgesehen. Im Nahen und
Mittleren Osten lagen die Anschlagszahlen des Internationalen Terrorismus
in diesem Zeitraum zwischen 16 und 45 (im Jahresdurchschnitt 33), während
sie in Westeuropa (Schwerpunkt: Balkan) zwischen 30 und 272
(durchschnittlich 101) und in Lateinamerika (Schwerpunkt auf Kolumbien)
zwischen 84 und 193 (im Durchschnitt 121) betrugen.
Der Schluß besonderer Virulenz
„islamischen“ Terrorismus läßt sich aus diesen Zahlen nicht ziehen. Sieht
man sich zusätzlich die in Westeuropa verübten Anschläge näher an, dann gab
es durchaus terroristische Akte durch Akteure aus dem Nahen und Mittleren
Osten, allerdings in vergleichsweise geringem Umfang und oft mit
nicht-religiösem Hintergrund (etwa durch Vertreter der kurdischen PKK gegen
eigene Mitglieder). Nüchtern betrachtet war der islamische Terrorismus
deshalb bis zum 11. September 2001 quantitativ und qualitativ international
nur von mäßiger Bedeutung - wichtig genug, um wie auf andere Formen des
Verbrechens ein strenges polizeiliches Auge zu halten, aber nach Art und
Umfang kein Grund zu besonderer Aufregung.
Diese Einschätzung ist allerdings durch
den Begriff des „Internationalen Terrorismus“ mit bedingt, der ja
nur grenzüberschreitende Formen politischer Gewalt einbezieht. Terrorakte
innerhalb eines Landes, die von eigenen Staatsbürgern gegen Ziele des
eigenen Landes (also z.B. nicht gegen Botschaftsgebäude oder Personal eines
Drittlandes) verübt werden, sind zwar ebenso brutal, aber eben keine
Anschläge des internationalen Terrorismus und kommen deshalb in den oben
angeführten Zahlen des US-Außenministeriums nicht zur Geltung. Der
allergrößte Teil politischer Gewalt in Nahen und Mittleren Osten und der
islamisch geprägten Welt insgesamt erfolgt aber nach innen, nicht gegen
Dritte. Und in einem beträchtlichen Teil dieser Fälle kann zusätzlich noch
darum gestritten werden, ob es sich tatsächlich um Terrorismus oder andere
Widerstands- und Gewaltformen handelt. Das US-Außenministerium definiert
„Terrorismus“ u.a. als „vorsätzliche politische Gewaltakte gegen
Nicht-Kämpfer („noncombatant“) durch nicht-staatliche Gruppen oder
Geheimagenten“. Gewaltsame Angriffe bewaffneter Einheiten auf militärische
Kräfte werden von den Angegriffenen oft und verständlicherweise als
„Terrorakte“ aufgefaßt, insbesondere, wenn sie mit unkonventionellen
Mitteln vorgetragen werden - während es sich doch um Formen
unkonventioneller Kriegführung im Kontext von Bürgerkriegen oder
Widerstandsaktionen handeln mag. In diesem doppelten Sinn ist der Nahe und
Mittlere Osten eine Region mit besonders ausgeprägter politischer Gewalt:
Ende der neunziger Jahre fanden 8 von 27 größeren Gewaltkonflikten auf der
Welt in der Region des islamisch geprägten Orients statt. Typisch für die
dortigen Konfliktverläufe sind Situationen, in denen im Kontext von
Aufständen, Bürgerkriegen oder organisiertem politischen Widerstand eine
breite Mischung von Aktions- und Operationsformen eingesetzt wird:
friedliche Demonstrationen und andere Protestformen, wenn möglich evtl.
sogar die Beteiligung an Wahlen, Sachbeschädigungen oder Gewaltakte mit
eher symbolischer Bedeutung, organisierter gewaltsamer Widerstand bis hin
zum Niveau des Krieges, Einschüchterungen des Gegners und potentieller
Abweichler der eigenen Seite, verschiedene Formen des Terrorismus. Nehmen
wir etwa die Gewaltkonflikte des letzten Jahrzehnts in Algerien, der Türkei
(Kurdistan), Palästina oder Kaschmir, dann zeigt sich in allen Fällen eine
enge Verknüpfung chronischer politischer Konflikte mit verschiedensten
Gewaltformen, zu denen auch terroristische Anschläge gehören können und oft
auch gehören.
Die Einschätzung der verschiedenen
Gewaltdimensionen ist nicht immer einfach. Man muß sich insbesondere meist
davor hüten, entweder bestimmte Mittel der Gewalt automatisch für
terroristisch oder nicht-terroristisch halten zu wollen, etwa Attentate
oder Autobomben immer für Akte des Terrorismus, Raketenangriffe und
Bombardierungen durch staatliche Streitkräfte aber für „militärisch“ (im
Gegensatz zu terroristisch) halten zu wollen. Das Bombenattentat auf Adolf
Hitler durch Graf Stauffenberg wird etwa kaum jemals als Terrorismus
bezeichnet (außer durch Nazis) obwohl es die „klassische“ Waffe von
Terroristen verwandte, während umgekehrt Luftangriffe gegen Zivilisten zu
deren Einschüchterung oder zum „Brechen der Moral“ terroristisch sein
können. Nicht an der Waffe erkennt man den Terroristen, sondern am
politischen und juristischen Kontext, und am Ziel: Angriffe auf
Besatzungstruppen sind tendenziell nicht, solche auf Schulkinder immer
terroristisch. Zweitens ist es ebenfalls nur mäßig hilfreich, zwischen
terroristischen und nicht-terroristischen Organisationen formal
unterscheiden zu wollen: meist ist es so, daß Organisationen nur punktuell
zur terroristischen Aktionsformen greifen, aber wesentlich mehr und
komplexer sind als bloße „Terrororganisationen“: die palästinensische Hamas
und die israelische Armee sind beide für Terrorakte (etwa politische Morde)
verantwortlich, es wäre aber in beiden Fällen falsch, sie schlicht als
Terrorbanden zu bezeichnen. Auch der südafrikanische ANC (African
National Congress) und die SWAPO (South West African
People's Organization = Südwestafrikanische Volksunion) Namibias haben in der Zeit ihrer Untergrundarbeit Akte des Terrors
begangen, der französische Auslandsgeheimdienst oder die
amerikanische CIA waren in solche Akte verwickelt oder haben sie selbst
unternommen - trotzdem waren oder sind diese Organisationen keine
Terrororganisationen, sondern Befreiungsbewegungen bzw. Behörden, die auch
vor terroristischen Verbrechen nicht zurückschreckten.
Einer der zahlreichen Gründe für die
Schwierigkeiten, den Terrorismus von anderen Gewaltformen abzugrenzen liegt
in der bekannten Tatsache, daß der Terrorismusbegriff bis heute nicht
befriedigend definiert werden konnte, daß es deutlich über 100
unterschiedliche Definitionen gibt, die miteinander konkurrieren und oft
unterschiedliche politische Intentionen reflektieren. Insbesondere die
Abgrenzung legitimen gewaltsamen Widerstandes zum Terrorismus ist kaum konsensual
zu erreichen, da die Opfer solchen Widerstandes sich immer als Opfer des
Terrorismus sehen, während sich die meisten Terroristen selbst als legitime
Widerstandsbewegung betrachten. Es gilt die alte Beobachtung, daß des einen
Terroristen des anderen Freiheitshelden sind. Dieses Grundproblem gilt
natürlich auch in Bezug auf die politische Gewalt von Muslimen.
Politische Gewalt im Nahen Osten.
Die Ursachen des Terrorismus und der
anderen Formen politischer Gewalt im Nahen und Mittleren Osten sind vielfältig.
Eine notwendige - aber nicht hinreichende - Grundvoraussetzung besteht in
einer allgemeinen Situation der wirtschaftlichen und politischen
Dauerkrise, die durch ökonomisch-soziale und politische Aspekte
gekennzeichnet ist. Ein wichtiges Element besteht im Auseinanderklaffen der
Erwartungen und Hoffnungen eines Großteils der Bevölkerung mit den
gesellschaftlichen Realitäten. Nicht die Armut der Bevölkerung oder der
Mangel an Demokratie an sich sind direkt und automatisch für politische
Gewalt verantwortlich - auch extrem arme Gesellschaften können
bemerkenswert friedfertig sein. Aber wenn diktatorische Verhältnisse oder
Armut von der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert werden, weil die Menschen
mehr Wohlstand und Freiheit für erstrebenswert und möglich halten -
und beides ihnen verweigert wird, dann entsteht ein Konfliktpotential mit
möglicher Gewaltkomponente. Ob und in welcher Form und in welchem Maße sich
die Gewalt tatsächlich äußern wird, hängt von vielen Faktoren ab, unter
anderem von den rechtlichen und politischen Möglichkeiten friedlicher
Opposition. Gewalt wird um so wahrscheinlicher, je stärker gewaltlose
Ausdruckformen von Opposition und gewaltlose Konfliktregelungsmechanismen
fehlen oder blockiert sind. In einer ganzen Reihe von Ländern des Nahen und
Mittleren Ostens bestehen chronische Krisen der Gesellschaften, die
zunehmend durch Hoffnungslosigkeit und Wut geprägt sind. Korrupte und
unfähige Regierungen verweigern der eigenen Bevölkerung grundlegende
politische Rechte und sind zugleich nicht in der Lage, eine wirtschaftliche
Zukunftsperspektive zu bieten. Massive Jugendarbeitslosigkeit, eine
schamlose Spaltung der Gesellschaften zwischen Arm und Reich (letztere oft
demonstrativ pro-westlich) und ein starkes Auseinanderklaffen der öffentlichen
Werte und Normen einer Gesellschaft und der sozialen Realität sind
Warnsignale. Als soziale Organisatoren eines resultierenden politischen
Radikalismus (und später möglicherweise dessen gewaltsamen Praktiken)
kommen häufig Sektoren der Mittelschichten in Betracht, etwa die Söhne
ländlicher Familien, die in großen Städten oder sogar im Ausland neue
Bildungselemente erwerben (vor allem an Universitäten) - und dann keine
oder keine angemessenen Arbeitsplätze finden, zugleich aber nicht zurück in
ihre Dörfer können oder wollen. Das politische Konfliktpotential speist
sich aus sozialer Not und Verzweifelung, aber seine Organisation wird meist
nicht von den Ärmsten, sondern von Vertretern der technischen Intelligenz,
Ärzten oder Rechtsanwälten getragen.
Meist spielt ein zweiter Faktor eine
zentrale Rolle, um bestehendes Konfliktpotential in politische Gewalt zu
transformieren: die Symbolik politischer Regionalkonflikte. Für den
islamischen Kulturkreis sind das vor allem Palästina, in geringerem Maße
Kaschmir (vor allem in Pakistan und Afghanistan) oder die immer noch
bestehenden Sanktionen gegen den Irak. Diese Konflikte haben einen starken
mobilisierenden Effekt, sie repräsentieren die Unterdrückung ganzer Völker.
Insbesondere im palästinensischen Fall kann die Mobilisierung auf
nationaler Grundlage (Palästinenser sind Araber) oder quasi-religiös
erfolgen (Palästinenser sind meist Muslime), ihre Grundlage ist die
Identifikation mit den Unterdrückten. Die Bedeutung dieses Mechanismus wird
beispielhaft deutlich in der Fatwa (ein islamisches
Rechtsgutachten), die Usama ibn Ladin mit anderen Extremisten im Februar
1998 veröffentlichte, um den USA und Israel den „Krieg“ zu erklären. Darin
erhebt er drei substantielle Vorwürfe:
Bestimmte Regionalkonflikte im Nahen und
Mittleren Osten können in Verbindung mit dem ohnehin innerhalb der
Gesellschaften bestehenden Konfliktpotential eine explosive Mischung
eingehen. Sie können politisch genutzt werden, um Konflikte und
Gewaltpotential zu bündeln und ihnen eine Richtung zu geben - potentiell
auch eine Richtung nach außen. Eine Vorbeugung gegen Gewaltkonflikte und
Terrorismus sollte in diesem Zusammenhang also zugleich die
innergesellschaftlichen Quellen und Ursachen der Gewaltpotentiale und die
wichtigen, symbolträchtigen Regionalkonflikte ins Zentrum rücken: solange
die Bevölkerungsmehrheiten über keine positive Lebensperspektiven verfügen
und solange etwa der Palästinakonflikt nicht gelöst wird - solange wird die
Gefahr bestehen, daß sich die Gewaltpotentiale reproduzieren. Sie können
sich dann weiter auf sehr unterschiedliche Art und gegen unterschiedliche
Ziele äußern, auch terroristisch.
Gewalt und Terrorismus sind auch im Nahen
und Mittlerer Osten nicht neu, sind auch nicht erst mit dem aufkommenden
Islamismus entstanden. So wie es auch in Europa immer wieder religiös
begründete, aber auch säkulare Gewalt gibt und gegeben hat, so auch in
muslimisch geprägten Gesellschaften. In den siebziger Jahren wurde etwa der
aus dem Palästinakonflikt resultierende Terrorismus (z.B.
Flugzeugentführungen) nicht religiös, sondern „national“ gerechtfertigt, im
Zusammenhang mit „nationaler Befreiung“ und dem Kampf einer
Befreiungsbewegung. Die Täter waren meist Muslime, aber ihre Religion und Religiosität
spielte für die Tatbegründungen praktisch keine Rolle. Heute würden die
gleichen Taten mit gewisser Sicherheit auch oder völlig mit religiösen
Argumenten untermauert - nicht, weil sie nunmehr aus der Religion
entsprängen, sondern weil sich der politische Diskurs verschoben hat. So wie
früher viele politische Probleme in der Sprache des Arabischen
Nationalismus oder des Marxismus-Leninismus ausgedrückt wurden, so werden
heute die gleichen Grundprobleme anders formuliert, in einen anderen
Begründungskontext eingebettet - ohne daß sie deswegen notwendigerweise
andere wären. Politische Bewegungen drücken ihre Forderungen, Erwartungen
und Programme fast immer in einem sinnstiftenden Legitimationszusammenhang
aus, der ihnen höhere Weihen etwa der „Geschichte“, der „Nation“, des
„Klassenkampfes“ oder eben „Gottes“ gewährt. Zum Teil nehmen sie damit
Stimmungen in der Gesellschaft auf, zum Teil prägen sie sie, aber auf jeden
Fall dient das der Stärkung der eigenen Position durch Inanspruchnahme
höherer Werte, die durchaus reale Aspekte und vernünftige Begründungen
enthalten können.
Der aktuelle islamisch geprägte
Terrorismus speist sich weiterhin aus säkularen Quellen: aus sozialen
Problemen und Konflikten, Unterdrückung, Hoffnungs- und
Perspektivlosigkeit. Ohne diese Quellen würde der islamistische Terrorismus
über kleine Grüppchen von Spinnern nicht hinausgelangen, er würde nicht
bedeutsamer sein, als es die deutsche RAF in den siebziger Jahren war:
geräuschvoll, großmäulig, aber politisch isoliert. Die Gefahr der
Überreaktion wäre noch gefährlicher als der Terrorismus selbst. Der
islamistische Terrorismus ist heute nicht bedeutsam, weil er islamistisch
ist, sondern weil er über eine Basis in einigen Ländern verfügt, die nicht
aus dem Koran, sondern den sozialen Realitäten entspringt. Auf dieser Basis
allerdings kann jede Form von Religion zu einer zusätzlichen, mächtigen
ideologischen Waffe werden, auch der Islam. Sein praktischer Nutzen besteht
darin, daß er nicht-westlich ist (im Gegensatz etwa zum Nationalismus, der
in gewissem Maße ein westliches Importprodukt war), daß er sich auf eine
ausgesprochen hohe moralische Instanz beruft (Gott), die zusätzlich
prinzipiell nicht widerlegt werden kann (Gott kann sich gegen seine
politische Instrumentalisierung offensichtlich nicht wehren) und daß
Religion eine besonders starke emotionale Komponente enthält, die manche
säkulare Ideologien nicht - oder nicht mehr - besitzen.
Der Islam - bzw. bestimmte, unorthodoxe
Interpretationen des Islam - können unter manchen Umständen also dazu
beitragen, terroristische Täter ideologisch zu stärken, ihre politischen
Motive durch spirituelle zu ergänzen und so ihre Motivation zu erhöhen. Der
Islam kann ebenfalls - wie nationalistische oder andere Ideologien - die
Funktion erfüllen, Gemeinsamkeit zu stiften und so politische
Koalitionsbildung erleichtern: etwa an die Gemeinschaft aller Muslime
appellieren, so wie früher, und zum Teil noch immer, die Gemeinsamkeiten
etwa der Araber politisch genutzt wird. Umgekehrt kann er natürlich zur
Ausgrenzung eingesetzt werden, etwa von Nicht-Muslimen. Er kann also
insbesondere bei der Stärkung der Gruppenidentität, der Motivierung, und
bei der Definition von In- und Outgroup eine wichtige Rolle spielen. Dabei
fällt auf, daß der politische Islam als Begründungskontext für Terrorismus
(was die seltene Ausnahme, nicht die Regel darstellt) zuerst im jeweiligen
Land, nicht international herangezogen wird: der jeweiligen Diktatur oder
Machtelite wird ihre islamischer Charakter bestritten, oft mit sehr
säkularen Argumenten wie Korruption oder außenpolitischen Vorwürfen, aber
auch dem sündigen Lebenswandel der Herrscher. Das Attentat auf den
ägyptischen Präsidenten Sadat war ein klassisches Beispiel. Einen
internationalen Charakter nehmen solche Formen des Terrorismus meist an,
wenn es etwa um die Verfolgung von Oppositionellen oder Diplomaten des
eigenen Landes im Ausland geht. In eher seltenen - aber potentiell
besonders gefährlichen oder blutigen Ausnahmen - sucht sich islamistischer
Terrorismus westliche Ziele im Ausland, wie die oben angeführten
Statistiken des US-Außenministeriums belegen und die Attentate des 11.
September dramatisch unterstrichen haben.
Eine Analyse des islamisch inspirierten Terrorismus sollte ihn nicht primär unter quasi-theologischen, sondern unter politischen und kriminalistischen Gesichtspunkten untersuchen. Die religiösen Begründungen der Terroristen zum Nennwert zu nehmen, geht ihnen auf den Leim und führt in die Irre. Das religiöse Bekenntnis der Täter ist deren Privatsache - aber ihre Verbrechen sind es nicht, und die Ursachen und Quellen politischer Gewalt und ihrer terroristischen Formen liegen nicht im Verhältnis des Individuums zu Gott, sondern in den sehr irdischen Fragen wie sozialer und politischer Gerechtigkeit, Entfremdung und kollektiver Perspektivlosigkeit. Hier muß die Analyse auch des religiösen Terrorismus, und hier müssen die Gegen- und Vorbeugungsmaßnahmen zuerst ansetzen. Wer demgegenüber den islamischen Terrorismus primär als ein Phänomen des Islam auffaßt und entsprechend handelt, spielt den Terroristen gerade in die Hände. Ihnen geht es ja unter anderem darum, eine Konfrontation zwischen „dem Islam“ und „dem Westen“ zu provozieren, und selbst zu den Exponenten der islamischen Seite zu werden. Genau dieses Kalkül gilt es aber zum Scheitern zu bringen, wenn man nicht noch Öl ins Feuer gießen will.
Gewerkschaftliche Monatshefte, Dezember 2001, S. 710-717
andere Texte zu Kriegen und Gewaltkonflikten
andere Texte zum Nahen und Mittleren Osten, islamischen Ländern
Dr. Jochen Hippler, Politikwissenschaftler.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institut für Entwicklung und Frieden
(INEF) an der Universität Duisburg.
Freiberufliche Nebentätigkeit als Politikberater und Consultant.
Arbeitsschwerpunkte: Politische Identitäten nationaler,
ethnischer und religiöser Art im Kontext von Konflikten und Kriegen sowie
bei der Demokratisierung von Gesellschaften; interkulturelle Dialoge; der
Nahe und Mittlere Osten; Strukturveränderungen der internationalen Politik.