Die nächsten Kreuzzüge
>Hier< zum Artikel "Religion und Macht" von Horst Hermann
mit anschließender vergleichenden Betrachtung
"Nationalsozialismus und Amerika (USA)" von Jochen Thies
>Hier< zum Artikel "Der menschenverachtende Kommunismus ist tot.
Willkommen im menschenverachtenden Kapitalismus!"
Auf getrennter Seite:
>Hier< ein kurzer Hinweis von Radio-Vatikan über das Grundschulsystem in Irland
Jedes menschliche
Wesen und jedes Volk hat ein Recht auf Freiheit. Viele von uns haben für dieses
Ziel ihr Blut vergossen. Demokratie ist ein Ideal, das jedes Volk für sich
selbst realisieren muss.
Die nächsten Kreuzzüge

Uri Avnery
Vor vielen Jahren las ich das Buch „Der stille Amerikaner“ von Graham Green.
Seine Hauptfigur ist ein hochgesinnter, naiver, junger amerikanischer
Geheimdienstler in Vietnam. Er hat von der Komplexität dieses Landes keine
Ahnung, will aber seine Missstände beseitigen und Ordnung schaffen. Die Folgen
sind verheerend.
Ich habe das Gefühl, dass genau dies jetzt im Libanon geschieht. Die Amerikaner
sind nicht so hochgesinnt und nicht so naiv. Weit davon entfernt. Aber sie sind
sehr bereit, in ein fremdes Land einzudringen, ohne seine Komplexität zu
berücksichtigen, und in ihm mit Gewalt Ordnung, Demokratie und Freiheit
herzustellen.
Bürgerkrieg: Libanon. Der Libanon ist ein Land mit einer besonderen Topographie:
es ist ein kleines Land mit hohen Bergketten und isolierten Tälern.
Deshalb
zog es Jahrhunderte lang Gemeinschaften verfolgter Minderheiten an, die hier ein
Refugium fanden. Heute leben dort neben- und gegeneinander vier ethno-religiöse
Gemeinschaften: Christen, Sunniten, Schiiten und Drusen. Innerhalb der
christlichen Gemeinschaft gibt es noch verschiedene Denominationen, wie die
Maroniten, Griechisch-Orthodoxen u.a., die einander oft feindlich gesinnt sind.
Die Geschichte des Libanon ist voll von gegenseitigen Massakern.
Solch eine Situation lädt Nachbarn und ausländische Mächte geradezu ein, sich
einzumischen. Jeder wünscht, zum eigenen Vorteil in diesem Topf herumzurühren.
Syrien, Israel, die USA und Frankreich, der frühere Kolonialherr – alle sind
daran beteiligt.
Genau vor 50 Jahren gab es zwischen den Führern Israels eine geheime, hitzige
Debatte. David Ben Gurion (damals Verteidigungsminister) und Moshe Dayan
(Generalstabschef) hatten eine brillante Idee: den Libanon zu überfallen, einen
„christlichen Major“ als Diktator einzusetzen und den Libanon in ein
israelisches Protektorat zu verwandeln. Moshe Sharett, der damalige
Ministerpräsident, lehnte diese Idee leidenschaftlich ab. In einem langen,
scharf argumentierenden Brief, der für die Geschichte bewahrt wurde, zieht er
angesichts der unglaublich zerbrechlichen Komplexität der libanesischen sozialen
Struktur die totale Unkenntnis der Befürworter dieser Idee ins Lächerliche.
Jedes Abenteuer würde in einer Katastrophe enden, warnte er.
Zu jener Zeit siegte Sharett. Aber 27 Jahre später taten Menachim Begin und
Ariel Sharon genau das, was Ben Gurion und Dayan vorgeschlagen hatten. Das
Ergebnis war genau so, wie Sharett es vorausgesehen hatte.
Jeder, der jetzt den amerikanischen und israelischen Medien folgt – es gibt
keinen Unterschied – gewinnt den Eindruck, dass die gegenwärtige Situation im
Libanon einfach sei: es gibt zwei Lager, „die Unterstützer Syriens“ auf der
einen Seite und die „Opposition“ auf der anderen. Da gibt es einen „Beiruter
Frühling“. Die Opposition ist eine Zwillingsschwester der gestrigen ukrainischen
Opposition, und loyal imitiert sie ihre Methoden: Demonstrationen gegenüber vom
Regierungsgebäude, ein Meer von geschwungenen Fahnen, farbige Schals und am
wichtigsten: hübsche Mädchen in der ersten Reihe.
Aber zwischen der Ukraine und dem Libanon gibt es nicht die geringste
Ähnlichkeit. Die Ukraine ist ein „einfach“ strukturiertes Land: der Osten
tendiert zu Russland, der Westen zu Europa. Mit amerikanischer Hilfe, gewann der
Westen.
Im Libanon sind alle verschiedenen Gemeinschaften in Aktion. Jede für ihre
eigenen Interessen, jede verschwört sich gegen die andere, trickst sie aus oder
greift sie bei einer günstigen Gelegenheit an. Einige der Führer sind mit den
Syrern verbunden, einige mit Israel, alle versuchen, die Amerikaner für ihre
Zwecke auszunützen. Die hübschen Bilder der in den Medien auffallenden jungen
Demonstranten haben keine Bedeutung, wenn man nicht weiß, welche Gruppierung
hinter ihnen steht.
Es sind
erst 30 Jahre her, dass all diese Gruppierungen einen schrecklichen Bürgerkrieg
begonnen hatten, und sie sich gegenseitig umbrachten. Die christlichen Maroniten
wollten das Land mit Hilfe Israels übernehmen, wurden aber von einer Koalition
der Sunniten und Drusen besiegt. (Die Schiiten spielten damals keine Rolle). Die
von der PLO geführten palästinensischen Flüchtlinge, die eine fünfte
Gemeinschaft bildeten, schlossen sich dem Kampf an. Als die Christen in Gefahr
waren, überrannt zu werden, riefen sie die Syrer zu Hilfe. Sechs Jahre später
fielen die Israelis mit dem Ziel ein, die Syrer und die Palästinenser gemeinsam
zu vertreiben und einen christlichen starken Mann (Basheer Jumal) einzusetzen.
Wir brauchten 18 Jahre, um aus dem Morast wieder herauszukommen. Unsere einzige
Errungenschaft war, die Schiiten in eine dominante Macht zu verwandeln. Als wir
in den Libanon einmarschierten, empfingen uns die Schiiten mit Reis und
Süßigkeiten, da sie hofften, wir würden die sie beherrschenden Palästinenser
hinaustreiben. Ein paar Monate später, als ihnen klar wurde, dass wir nicht die
Absicht hatten, sie zu verlassen, begannen sie, auf uns zu schießen. Sharon ist
der Geburtshelfer der schiitischen Hisbollah.
Es ist schwer vorauszusehen, was geschehen wird, wenn die Syrer in das
amerikanische Ultimatum einwilligen und den Libanon verlassen. Es gibt keine
Anzeichen, dass die Amerikaner sich mit der Schaffung neuer Lebensstrukturen für
die libanesischen Gemeinschaften befassen. Sie geben sich damit zufrieden, über
„Freiheit“ und „Demokratie“ zu faseln, als ob ein Mehrheitsvotum ein für alle
akzeptables Regime schaffen könnte. Sie verstehen nicht, dass der „Libanon“ ein
abstrakter Begriff ist, da für die meisten Libanesen die Zugehörigkeit zu ihrer
Gemeinschaft bei weitem wichtiger ist als Loyalität zum Staat. In solch einer
Situation bedeutet auch eine internationale Militärtruppe keine Hilfe.
Das Wiederaufflammen eines blutigen Bürgerkrieges ist leicht möglich.
Bürgerkrieg: Irak. Wenn im Libanon ein Bürgerkrieg ausbricht, wird er nicht der
einzige der Region sein. Im Irak ist solch ein Krieg – wenn auch fast im
Geheimen – bereits in vollem Gange.
Die einzige effektive Militärtruppe im Irak – abgesehen von der Besatzungsarmee
– sind die kurdischen „Peshmargas“, (jene, die dem Tode entgegensehen). Die
Amerikaner benutzen sie immer dann, wenn sie gegen die Sunniten kämpfen. Sie
spielten in der Schlacht von Falludja eine bedeutende Rolle. Die große Stadt
wurde total zerstört, die Bewohner getötet oder vertrieben.
Das kurdische Militär führt jetzt einen Krieg gegen die Sunniten und Turkmenen
im Norden des Landes, um die ölreichen Gebiete und die Stadt Kirkuk zu besetzen,
und um die Sunniten, die von Saddam Hussein dort angesiedelt worden waren, zu
vertreiben.
Wie kann solch ein Krieg von den Medien praktisch ignoriert werden? Ganz
einfach: alles wird unter den Teppich „des Krieges gegen den Terrorismus“
gekehrt.
Aber dieser kleine Krieg ist nichts, verglichen mit dem, der im Irak geschehen
kann, wenn die Zeit kommt, um die Zukunft des Landes zu entscheiden. Die Kurden
fordern völlige Autonomie, praktisch „Unabhängigkeit“ mit einem anderen Namen.
Die Sunniten denken nicht im Traume daran, die Herrschaft der von ihnen
verachtenden schiitischen Mehrheit, zu akzeptieren – auch dann nicht, wenn es im
Namen der „Demokratie“ geschieht. Der Ausbruch eines Bürgerkrieges mag nur eine
Frage der Zeit sein.
Bürgerkrieg: Syrien. Wenn es den Amerikanern (mit unserer diskreten Hilfe)
gelingt, die regierende syrische Diktatur zu stürzen, gibt es überhaupt keine
Sicherheit, dass sie durch „Freiheit“ und „Demokratie“ ersetzt wird.
Syrien ist fast so zersplittert wie der Libanon. Es gibt eine starke drusische
Gemeinschaft im Süden, eine rebellische kurdische Gemeinschaft im Norden, eine
alawitische (zu der die Assadfamilie gehört) im Westen. Die sunnitische Mehrheit
ist traditionell zwischen Damaskus im Süden und Aleppo im Norden geteilt. Das
Volk hat sich aus Furcht vor dem, was nach einem Regimekollaps geschehen könnte,
mit der Assad-Diktatur abgefunden.
Es ist unwahrscheinlich, dass ein wirklicher Bürgerkrieg hier ausbrechen wird.
Aber eine längere Phase von totalem Chaos ist ziemlich wahrscheinlich. Sharon
würde darüber glücklich sein, obgleich ich mir nicht sicher bin, ob dies für
Israel gut sein wird.
Religiöser Eifer: Iran. Das Hauptziel der Amerikaner ist natürlich, die
Ayatollahs im Iran zu stürzen. (Es ist schon etwas paradox, dass zur selben Zeit
die Amerikaner im benachbarten Irak den Schiiten zur Macht verhelfen, wobei
diese darauf bestehen, das islamische Recht einzuführen).
Der Iran ist eine viel schwerer zu knackende Nuss. Im Gegensatz zum Irak, Syrien
und dem Libanon ist hier eine homogene Gesellschaft.
Israel droht jetzt offen mit dem Bombardieren der iranischen Atomeinrichtungen.
Alle paar Tage sieht man auf unsern Fernsehschirmen die digital vertuschten
Gesichter der Piloten, die sich mit ihrer Bereitschaft rühmen, dies jederzeit zu
tun.
Der religiöse Eifer der Ayatollahs hat in letzter Zeit nachgelassen, wie dies
bei jeder siegreichen Revolution nach einiger Zeit geschieht. Aber ein
militärischer Angriff durch den „Großen Satan“ (die US) oder den „kleinen Satan“
(wir) kann den Eifer im schiitischen Halbmond, im Iran, Südirak und im
Südlibanon neu anfachen.
Ja, auch hier. Sogar Israel wurde kürzlich Zeuge eines winzigen Bürgerkrieges.
Im galiläischen Dorf Marrar, wo eine drusische und eine arabisch-christliche
Gemeinschaft seit Generationen neben einander leben, brach plötzlich eine
blutige Auseinandersetzung aus. Es war ein richtiges Pogrom: die Drusen fielen
über die Christen her, griffen sie an, setzten einiges in Brand und zerstörten.
Wie durch ein Wunder wurde niemand getötet. Die Christen sagten, dass die
israelische Polizei - viel von ihnen sind Drusen - daneben stand. Der Grund für
den Ausbruch: einige fabrizierte Nacktfotos im Internet.
Es ist leicht, einen Bürgerkrieg entweder aus Fanatismus oder unerträglicher
Naivität zu entfachen. George Bush, der (nicht-so-) stille Amerikaner, rennt in
der Welt herum, um mit seinem patentierten Medikament „Freiheit“ und
„Demokratie“ hausieren zu gehen und das mit einer totalen Ignoranz über Hunderte
von Jahren von Geschichte. Es ist kaum zu glauben, aber er zieht seine
Inspiration aus einem Buch unseres Nathan Sharansky, einem – gelinde gesagt -
sehr kleinen Geist.
Jedes menschliche Wesen und jedes Volk hat ein Recht auf Freiheit. Viele von uns
haben für dieses Ziel ihr Blut vergossen. Demokratie ist ein Ideal, das jedes
Volk für sich selbst realisieren muss. Aber wenn die Banner der „Freiheit“ und
„Demokratie“ über dem Kreuzzug einer habgierigen und unverantwortlichen
Supermacht flattern, können die Folgen katastrophal sein.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
http://www.uri-avnery.de
erstellt am 05.03.2005
Prof. Dr. Horst Hermann
Vortrag am Institut für
Religionsphilosophische Forschung
der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
am 16. Januar 2001
Das Verhältnis von Religion und Macht erscheint ambivalent. Handelt es sich um Wechselbegriffe oder um Gegensätze? Oder ist Religion immer beides: Ausdruck sowohl der Macht wie des Heils dessen, worauf sie sich bezieht. Ist dieses Etwas umgeben von einem mysterium tremendum und einem mysterium fascinans?
Religion ist ein vieldeutiger, Macht ein amorpher Begriff. Um beider Verhältnis besser untersuchen zu können, reduziere ich jeden Begriff auf zwei Bedeutungen. Religion sei einmal religio christiana im Sinne des Apostolicums und wird aus der theologischen Binnenperspektive dargestellt. Macht wird in diesem Zusammenhang als Herrschaft (Potestas) verstanden, die Fähigkeit, den eigenen gegen einen entgegenstehenden Willen durchzusetzen. Diesen christlichen Begriff von Religion konfrontiere ich sodann mit einem kosmologisch-ästhetischen Begriff, gewonnen aus der philosophischen Außenperspektive als Vision von etwas, das wirklich ist, doch seiner Verwirklichung harrt, allem Bedeutung verleihend. Hier bedeutet Macht die Potentia, die selbständige Kraft und die uranfängliche Möglichkeit Bewegungen und Wirkungen hervorzurufen.
Allmacht als ältestes Attribut Gottes strukturiert christliche Theologie bis in alle ihre Lehrstücke hinein, Im Verlauf der Christentumsgeschichte verlagert sich der Focus vom kosmologischen hin zum ethisch-politischen Aspekt, von der Potentia zur Potestas. Die politische Theologie rückt ins Zentrum des Glaubensverständnisses mit der Folge einer Sakrilisierung der politischen Macht und der Realisierung von Religion als politischer Nacht. Die Religionskritik auf dem Boden des Christentums wendet sich gegen diese enge Verbindung von Religion und politischer Macht. In dem Maße wie die Allmacht Gottes keine Größe des allgemeinen Bewußtseins mehr ist, gewinnen politische und wirtschaftliche Macht Aufmerksamkeit und Ansehen.
Die Religionsphilosophie Whiteheads hält an der Macht des Göttlichen fest, macht die Ethisierung ihres Verständnisses jedoch rückgängig zugunsten ihrer kosmologisch-metaphysischen Bedeutung. Das Göttliche liegt nicht länger außerhalb, sondern jetzt innerhalb des metaphysischen Schemas. Dieses befindet sich in Übereinstimmung mit dem heutigen natur-philosophischen Wirklichkeitsverständnis als Prozeß. Die ‘Primeordial Nature’ of God ist das Prinzip kreativen Fortschritts und sorgt in diesem Zusammenhang für die Identitätsvorgabe jedes Einzelwesens. Die ‘Consequent Natur4 of God garantiert die Transformation des Fließend-Vergänglichen ins ‘Immerwährende’ und die objektive Unsterblichkeit der Einzelwesen. Macht als Gewalt wird überführt in die Macht der Überredung zum Guten. Das Göttliche ist wie bei Platon Grund der Prinzipien der Natur wie der Moral.
Aus theologischer Sicht bleibt das Verhältnis von Religion und Macht ambivalent: Die starke Stellung der Kirche verkoppelt Herrschaft und Heil. Das findet eine Entsprechung im Wesen Gottes als mysterium tremendum und mysterium fascinans. Aus philosophischer Sicht sollte zum Vorteil von Religion diese Ambivalenz aufgelöst werden, dadurch daß die Macht Gottes geistig, nicht politisch interpretiert wird als Potentia nicht als Potestas, als persuasion nicht als power. Eine solche Entwicklung ist jedoch unwahrscheinlich wegen des Unterschieds zwischen Religion als real existierender Größe und als Vision.
George W. Bush wird vereidigt
(Bild: AP)
Anlässlich des Auftakts zur zweiten Amtszeit von
George Bush veröffentlicht die Frankfurter Allgemeine ein
Interview mit dem amerikanischen Historiker Fritz Stern, das
Jordan Mejias mit dem 1926 in Breslau geborenen Gelehrten
führte.
Angesprochen auf mögliche Parallelen zwischen dem Aufstieg des Nationalsozialismus und der gegenwärtigen politischen Lage Amerikas antwortet Stern: "Wissen Sie, aus der deutschen Geschichte kann man sehr viel lernen. Sie kann eine Warnung für jede Demokratie sein, aber dafür braucht man sie in Amerika eigentlich nicht zu bemühen, denn es gibt hier und gab hier im zwanzigsten Jahrhundert und schon vorher genügend warnende Stimmen. Es gibt eben keine hundertprozentige Garantie dafür, dass dieses Land nicht auch einmal autoritär werden könnte. Aber die deutsche Geschichte führt vor, wie eine Demokratie mit zum Teil demokratischen Mitteln untergraben und zerstört werden kann. Anderseits hat sie uns gezeigt, wie Demokratie wiederherzustellen ist".
Stern fährt fort: "Das gegenwärtige Amerika ist weiß Gott nicht
Weimar. Wir befinden uns hier in keiner Weise in einer
vergleichbaren Krise, aber es gibt eine gewisse politische Apathie
und eine Spaltung der Bevölkerung, die die liberale Opposition dazu
verführen könnte, die Zustände düsterer darzustellen, als sie sind,
und vom Faschismus zu reden - das liegt mir völlig fern. Es ist sehr
unwahrscheinlich, dass Geschichte sich wiederholt, es ist dagegen
viel wahrscheinlicher, dass wir mit der Gefahr einer völlig neuen
Art von Autoritarismus konfrontiert werden. Das Land nähert sich
einer christlich-fundamentalistisch verbrämten Plutokratie."
Mejias variiert seine Fragestellung zu denkbaren Parallelen zwischen
Nationalsozialismus und heutigem Amerika. Fritz Stern reagiert
darauf so: "Ein wichtiger Aspekt des Erfolgs von Hitler war, dass er
sich als Retter dargestellt hat. Eine Versuchung der Macht ist in
Amerika nun der Glaube an die militärische Überlegenheit, der uns in
die Irak-Krise gestürzt hat. Die Neokonservativen aber haben die
militärischen Mittel überschätzt. Historisch gesehen, ist es
interessant, dass jetzt das Militär weitaus vernünftiger
argumentiert als die vielen unwissenden Zivilisten in der Regierung.
Die Versuchung besteht darin, dass ein Teil der Bevölkerung sich der
Führung dankbar anvertraut, also der eigenen Verantwortung und dem
eigenen Nachdenken entsagt. Bush mit seiner Mischung von Religion
und Politik leistet dem Vorschub".
Viele Europäer stellen sich die Frage, ob Bush aus seiner ersten
Amtszeit gelernt hat, ob wir es mit einem Präsidenten zu tun haben
werden, der sich gemäßigter verhält. Stern antwortet darauf: "Es
gibt Beobachter, die das glauben; ich selber zweifle daran.
Wenn man so felsenfest davon überzeugt ist, nie einen
Fehler gemacht zu haben, warum sollte man sich dann ändern?
Bush hat jetzt mehr Macht als zuvor, und schaut man sich seine
Personalpolitik seit der Wahl an, so fällt auf, dass er sich
offenbar nur mit Jasagern umgeben will. In der Außenpolitik mag sich
in Nuancen und im Stil einiges ändern, aus dem einfachen Grunde,
weil selbst der Präsident in der Zwischenzeit erkannt hat, dass er
Alliierte braucht. Darum ist vorstellbar, dass er eine konziliantere
Außenpolitik betreiben und gerade auch das wirtschaftliche Umfeld
ihn zu einer gewissen Vorsicht zwingen könnte. Freiwillig würde er
von seinen radikalen Absichten wohl kaum abrücken".
Kurzmitteilung:
Navid Kermani befasst sich in der Neuen Zürcher
Zeitung mit der Rolle der schiitischen Geistlichkeit im Iran und
kommt zu der Einschätzung, dass von den rund 20 Großayatollahs nur
der mittlerweile 81-jährige Hossein Ali Montazeri als Kritiker der
herrschenden Theologen gesehen werden kann. Kermani zitiert einen
anderen Großayatollah, der die Situation so einschätzt: "Die
Geistlichkeit hat ihre Heiligkeit verloren, weil sie Teil der
Machtelite geworden ist... Ich habe erkannt, wie sehr Macht
korrumpiert. Das Einssein von Religion und Macht ist daher ein
großer Schaden. Immer ist Macht verbunden mit Lüge, Diebstahl,
Unterdrückung und Verrat. Eine religiöse Führung hingegen ist
heilig. Aber gerade deswegen kann sie nicht sagen, ich will die
Menschen zum Gebet anleiten, sie zum Guten weisen - und auch
regieren. Denn Regieren erfordert es, die Gegner übers Ohr zu hauen,
die Menschen hinters Licht zu führen. Die Welt des Regierens ist
eine Welt des Unterdrückens".
Kermani weist am Ende darauf hin, dass im staatlichen iranischen
Fernsehen die Selbstmordanschläge in Israel nicht als Terrorismus,
sondern als Widerstandsakte beschrieben werden. Gleichzeitig gibt es
im Iran in jedem Jahr einen Gedenktag, der an einen muslimischen
Führer erinnert, der einem heimtückischen Mordanschlag zum Opfer
fiel.
Die Menschen (und alle anderen 'Ressourcen' auf diesem Planeten) sind offenbar dazu da, die Bedürfnisse des Kapitals zu befriedigen (anstatt umgekehrt)... Es waren ja nicht die Unternehmer, die extra für die Arbeiter Gewerkschaften eingeführt haben, damit die Arbeiterfamilien es etwas besser haben sollen. Jede heutige Errungenschaft der Arbeiter musste tatsächlich den Unternehmern abgerungen werden. Erst 1886 z.B. wurde das Verbot der Sonntagsarbeit in Österreich eingeführt (wie lange war Österreich da wohl schon ein 'christliches' Land?). Es hat Kinderarbeit gegeben, den 12-Stunden-Tag und die ganzen anderen Schikanen, die einige wenige reich gemacht und den Großteil der Menschen arm gehalten haben.
Heute wird eben mit den Firmenstandorten gespielt. Wer 'Arbeitssklave' sein will, muss zu den billigsten Bedingungen arbeiten, damit die Firma nicht in ein Billiglohnland auswandert. Bei dieser Jagd nach dem Profit bleibt - wie schon zur Anfangszeit des Kapitalismus - die Menschlichkeit und die Moral auf der Strecke. Wozu leben wir in einem ausbeuterischen Feudalsystem, wenn dann schon Schüler irgendwelche 'Rechte' haben wollen? Die Schule hat schließlich den Zweck, die Kinder zu disziplinieren, ihre kindliche Leichtigkeit zu brechen, ihren Wissensdurst und ihre Neugier mit verstaubten Theorien und langweiligem Trichterwissen ruhig zu stellen und die Wünsche der Wirtschaft nach billigen Lohnsklaven zu erfüllen.
Die männlichen Jugendlichen werden extra noch beim Heer geschliffen, damit sie ein- für allemal lernen, dass sie zu kuschen und zu gehorchen haben. So 'vorbereitet' für das Berufsleben, fällt den Menschen dann auch gar nicht mehr auf, dass sie um ihr eigenes Leben betrogen werden und oft gezwungen sind, jahrzehntelang Tätigkeiten zum 'Broterwerb' auszuüben, die sie gar nicht mögen, wo das Arbeitsklima unterm Hund ist und wo sie von Jahr zu Jahr kranker werden. - Fällt aber nicht auf, weil es 'ja eh allen anderen auch so geht'... - schöne neue Welt... Es wird höchste Zeit für die Tobin-Steuer (?), bevor die multinationalen Konzerne diesen Planeten als ihr 'Privateigentum' betrachten (aber das tun sie wahrscheinlich schon längst - siehe Regenwälder). Die einzelnen Staaten sollen nur alles bereitstellen, damit die Konzerne abkassieren können. 'Weil der Mensch schlecht ist', hat der Kommunismus nicht funktioniert. Und aus dem gleichen Grund wird der menschenverachtende Kapitalismus, den wir jetzt erleben, ebenso scheitern.
Der 'Endsieg' des Kapitalismus: Eine arrogante, ignorante, mit allen Wassern gewaschene Bagage, die auf Kosten der Not leidenden Menschen auf diesem Planeten in unverdientem Luxus lebt ... Stichwort 'Steuer-Amnestie': Scheinheilige Doppelmoral... seit Jahr und Tag wird von gewissen 'Politikern' gewisser Parteien gegen Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger gehetzt und Stimmung gemacht. Und im gleichen Atemzug soll jenen Gaunern, die jedes Jahr Millionen verschieben und uns alle tatsächlich um dieses Geld prellen, - der rote Teppich ausgerollt werden - und das vom 'Finanzminister' persönlich...
Österreich - 'das 9.reichste Land der Welt'? -
kann schon stimmen, das bedeutet nur, dass ein paar
der Superreichen eben auch in Österreich leben und
es sich hier gut gehen lassen. Da können dann ruhig
auch 1 Million Leute arbeitslos sein - und die
Statistik 'stimmt noch immer'... Ich wehre mich auch
gegen dieses falsche 'Wir'-Gefühl. Es sind nicht
'wir', die irgendwelche 'Geister gerufen' haben, es
sind nicht 'wir', die 'den Gott Mammon' anbeten, es
sind nicht 'wir', die völlig auf den Materialismus
abfahren - und falls doch, dann in einem anderen
Maße als diejenigen, die die Bedingungen für das
Überleben und das Leben auf diesem Planeten vorgeben
- und das sind nun mal nicht 'wir', - denn 'wir'
haben diese Macht nicht...
'Wir' sind nicht diejenigen, die jedes Mal eine fette Dividende ausbezahlt bekommen, 'wir' besitzen nicht riesige Aktienpakte, 'wir' gehören meistens nicht zu denen, die überall 'Sonderkonditionen' erhalten und die etwas mehr Zinsen auf ihr Erspartes bekommen, 'wir' sind nicht diejenigen, für die es überall irgendwelche 'Sonderregelungen', ein paar extra Vergünstigungen und Privilegien gibt. 'Wir' sind nicht diejenigen, die die Gesetze 'für uns' machen, sonst würden diese Gesetze anders aussehen... 'Wir' sind diejenigen, die quer durch die Menschheitsgeschichte jahrtausendelang um unser Leben, unsere Rechte und unseren Lebensgenuss betrogen worden sind.
Warum gibt es z.B. 'Chefs'? Die ägyptischen Pharaonen gehörten zu den ersten 'Chefs', diese 'Chefs' konnten es sich noch leisten, sich als 'Götter' verehren zu lassen. Ungebildete, unterdrückte Menschen, die keine Vergleichsmöglichkeiten hatten, konnten so jahrtausendelang in Schach gehalten und übers Ohr gehauen werden. Kaiser, Könige, Adelige, die sich Leibeigene und Sklaven gehalten haben, waren 'Chefs'. Jeder Bauer, der 'Knechte und Mägde' am Hof hatte, war ein 'Chef'. Später dann die Fabrikbesitzer, die die Arbeiter 12 Stunden am Tag arbeiten haben lassen und Kinder in die Kohlengruben geschickt haben.
Es gibt für uns heute scheinbar überhaupt keine anderen Möglichkeiten, wie man ein menschliches Leben sonst sinnvoll verbringen kann, außer in dem Verhältnis 'Chef' und 'Mitarbeiter' - entweder 'selbstständig' und selber 'Chef' spielen oder 'unselbstständig' und für irgendeinen 'Chef' arbeiten. - Ist das 'die letzte Weisheit der Dinge'? Nur weil eine radikale Alternative wie der Kommunismus gescheitert ist, heißt das noch lange nicht, dass wir uns keine neuen Alternativen mehr überlegen sollten.
Es geht ja um 'Arbeitsfreude', - was immer das auch
ist. Heutzutage scheint diese ohnehin kaum oder nur
selten aufzukommen - am ehesten noch bei Leuten in
'künstlerischen Berufen', sofern sie nicht vorher
verhungern oder erfrieren. Wie soll auch jemand
'Arbeitsfreude' empfinden, wenn er von Kreditzinsen
gewürgt wird, in Bausparverträgen hängt, an
Ratenzahlungen erstickt? Wie soll jemand seinen Job
'lieben', wenn er jeden Tag damit rechnen muss,
diesen zu verlieren, einfach 'wegrationalisiert' zu
werden oder nach Erreichen eines bestimmten Alters
fürchten muss, entlassen zu werden?Da gibt es die einen, die 'zu alt' sind (oft schon mit 40!), dann als 'nur schwer vermittelbar' gehandelt und von einer 'Umschulung' zur nächsten geschickt werden, und dabei doch wieder nur die Arbeitsplätze von denen sichern, die das 'Umschulungs-Geschäft' betreiben. Dann gibt es solche, die mit 45 schon 'ausgebrannt', nervlich und energetisch am Ende sind und nicht mehr wissen, wie sie ihre 'Beitragsjahre' jemals erreichen sollen. Und was ist mit denjenigen, die sich ihr Leben lang den Buckel krumm geschuftet haben, nur um dann eine Woche nach Pensionsantritt an Herzinfarkt zu sterben? Was ist mit denen, die aufgrund irgendwelcher 'Schicksalsschläge' (soll's auch im 21. Jahrhundert noch geben!) plötzlich ins Out gedrängt werden? Ehescheidungen, Unfälle, geplatzte Bürgschaften, Alimentezahlungen, Privatkonkurse, Hochwasser, Lawinenabgänge - 'muss' man sich jetzt schon wirklich 'gegen alles' versichern lassen?
Früher - und wahrscheinlich in manchen 'Kulturen' auch heute noch, pflegte man Knechte und Mägde 'für Kost und Logis' auf den Bauernhöfen arbeiten zu lassen. Das heißt: Knochenarbeit vom ersten Hahnenschrei bis nach Sonnenuntergang, dazu keine Sozialversicherung, kein Weihnachts-, Urlaubs- oder sonstiges Geld. Bei Krankheit auf die Gnade des Dienstgebers angewiesen sein.
Möglicherweise erleben wir heute und in der Zukunft wieder einen 'Trend' in diese Richtung: wo 'Mitarbeiter' dann quasi nur mehr 'für die Firma' arbeiten dürfen, - dafür essen in der Firmenkantine, Kindergarten in der Firma, Urlaub in den firmeneigenen Ferienbetrieben, gekleidet in Firmentracht mit großem Firmenlogo am Rücken... Ja, vielleicht lösen die größten Multis auch schön langsam die Nationalstaaten ab und kümmern sich selber um die Leute. Kriege werden dann nicht mehr gegen andere Länder geführt, sondern gegen konkurrierende Firmen - alles schon gesehen in den guten amerikanischen Science fiction Filmen... Fehlt noch eine eigene 'Firmen-Religion', die Mitarbeiter beten und arbeiten dann für die 'Firmen-Gottheit', Meister X oder das Y-Männchen, je nachdem... - eigene Firmen-Hymnen wurden ja schon entwickelt. Wenn man es schafft, die Medien umfassend zu kontrollieren, kann man den Leuten vielleicht auch einen eigenen 'Firmen-Himmel' versprechen - wobei wir dann schon wieder fast bei den Pharaonen gelandet wären.
Eigenes Firmen-Geld, das nur in firmeneigenen Betrieben ausgegeben werden darf für die Produkte der eigenen Firma und die der kooperierenden Betriebe. Eigene Firmen-Krankenhäuser, Friedhöfe, Fernsehsender, Zeitungen, Zeitschriften, Sportzentren, - eigene Firmen-Städte, Urlaubs-Inseln, Schulen, Universitäten, Gerichte, eigene Firmenpolizei und -gefängnisse, Kirchen, Kasernen, Casinos ... - alles das gibt's zum Teil ja schon, - wir müssen es uns nur noch etwas 'globaler' vorstellen... 'Reisefreiheit' braucht es dann z.B. nicht mehr zu geben, - wozu soll ein Mitarbeiter irgendwo anders hinfahren sollen, wenn doch die eigene Firma großzügigerweise alles zur Verfügung stellt? - Auch die Sicherheit würde zunehmen - in einer Welt, wo alles lückenlos kontrolliert und überwacht werden kann, kann es sich keiner mehr leisten, 'kriminell' zu werden, d.h. den Firmenstatuten zuwider zu handeln. 'Kriminell' kann es dann schon sein, das Produkt einer Konkurrenzfirma erwerben zu wollen. 'Umschulungen', 'Nachkorrekturen', 'Bewusstseinsbildungen' können von der Firma verordnet werden, um vom Firmenkurs abgewichene Mitarbeiter wieder zu integrieren - vorzugsweise im firmeneigenen 'Konzentrationscamp', KC.
Tja, Visionen muss man haben... - und Kapitalismus kann so schön sein.