Kollateralschäden* des Imperialismus

* Kollateralschaden, bei einer militärischen Aktion entstehender (schwerer) Schaden, der nicht beabsichtigt ist und nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ziel der Aktion steht, aber dennoch in Kauf genommen wird; von der NATO im Kosovokrieg 1999 gebrauchter Begriff vor allem für die bei den Luftangriffen getöteten Zivilisten. Definition: (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2003

Unwort des Jahres 1999: Kollateral [lateinisch], auf der gleichen Körperseite; seitlich, nebenher laufend.

>Hier< Widerstand gegen das Nazi-Regime: Kreisauer Kreis


Das Ende des "glücklichen Amerika"

Betrachtungen zu historischen Daten des 11. September 2001

von Rolf Vellay

Bekanntlich soll man ja mit den großen Worten vorsichtig sein- aber vielleicht werden künftige Historiker doch die Bedeutung des 11. September 2001 so einschätzen, wie J. W. Goethe den 20. September 1792, den Tag der "Kanonade von Valmy" (20.9.1792 zwischen der französischen Revolutionsarmee und den preußisch-österreichischen Verbündeten). Damals schlugen die im Gefolge der Revolution von 1789 aufgestellten republikanischen Freiwilligenheere die Truppen der monarchisch-reaktionären Mächte Preußen und Österreich, was Goethe mit seinem genialischen historischen Gespür für historische Veränderungen den zum geflügelten Wort gewordenen Ausspruch tun ließ: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen!"

Mit Goethe als "Schlachtenbummler" war sicher nur noch eine Handvoll Beobachter des Epochenwechsels dabei - im Zeitalter der Globalisierung wurde an diesem 11. September 2001 gewissermaßen die ganze Menschheit in Echtzeit über Fernsehen und Radio Augen- und Ohrenzeuge eines Geschehens, welches, wenn vielleicht doch keinen weltgeschichtlichen Epochenwechsel, so doch auf jeden Fall eine tiefe, tiefe Zäsur in der Geschichte der USA darstellt.

"Heute hat das glückliche Amerika aufgehört zu bestehen", wurde sicherlich zutreffend ein US-Bürger im DLP zitiert. In der Tat, auf den Gipfel ihrer Macht als der Staat mit dem weit überlegenen stärksten wissenschaftlichen, militärischen und ökonomischen Potential erfahren die Bürger in "Gottes eigenem Land" zum ersten Mal, was Krieg konkret auf heimischem Boden bedeutet. Das muss das gern und oft, teils naiv, teils provozierend zur Schau getragene Selbstbewusstsein der übergroßen Mehrzahl der US-Amerikaner im Kern treffen. Es ist eben ein Unterschied, ob man "chirurgische Schläge" ohne eigene Opfer im Krieg gegen den Irak oder gegen Jugoslawien patriotisch interessiert im Fernsehsessel bei Chips und Cola verfolgt, oder ob man selbst wehrlos Kriegshandlungen ausgeliefert ist. Es ist ein Unterschied, ob man weit vom Schuss nebenbei zur Kenntnis nimmt, "aus Versehen" sei die chinesische Botschaft in Belgrad bombardiert worden, gezielt die lebenswichtigen Donaubrücken in Novy Sad versenkt werden und man versucht, den Staatspräsidenten Milosevic "ferngelenkt" zu ermorden, oder ob ein nationales Wahrzeichen wie das World Trade Center in Trümmer sinkt, Zehntausende Mitbürger unter sich begräbt und das Pentagon als Zentrum der militärischen Macht des Landes schutzlos teilweiser Zerstörung ausgeliefert ist. Ungewollt enthüllend und entlarvend lieferte der ARD-Korrespondent Siegfried Buschschlüter quasi geradezu eine moralische Rechtfertigung des Angriffs gerade auf das Pentagon, als er am 11. September aus Washington über die hektischen Aktivitäten der Regierungsspitzen berichtete: "Natürlich wird im ,Situationroom' des Weissen Hauses beraten. Das ist der Raum, in dem normalerweise Kriege geplant werden". Ja, so ist das wohl. Und umgesetzt wurden die im Weißen Haus beschlossenen Kriegspläne dann im "Pentagon"!

Das Ausmaß des Geschehenen übertrifft bei weitem die Dimension dessen, was man bisher unter "Terror" verstand. Kanzler Schröder hat Recht, wenn er von einer "Kriegserklärung" spricht.  Mit dieser Aktion ist dem US-amerikanischen Imperialismus der Krieg erklärt worden, an einer Front, an der er offenbar verwundbar ist. Die Opfer der zivilen Bevölkerung New Yorks bezahlen mit ihren Leiden jetzt die Blutrechnung für die jahrzehntelangen internationalen Verbrechen des Schurkenregimes, das im Weissen Haus, im Pentagon und im CIA-Hauptquartier seine finsteren Pläne schmiedet. Unsere Oberen von Bundespräsident Rau bis Bundeskanzler Schröder wie auch all die anderen in- und ausländischen Repräsentanten der sogenannten "freien Welt" mögen sich ihre Trauertiraden und tränenumflorten Bekundungen der Anteilnahme mit den Opfern sparen - alles reine, pure Heuchelei! Wo war denn, um nur diese Beispiele des seitens der USA ausgeübten Staatsterrorismus zu nennen - ihre Anteilnahme, als die US-Marines 1990 Panama überfielen, die Armenviertel bombardierten, nur, um den einstigen CIA-Agenten, Manuel Antonio Noriega Morena** zu fangen! 3- bis 4000 Panamesen bezahlten diese Aktion mit ihrem Leben.

** 1934 in Panama geboren, Politiker und General, der seit 1983 diktatorisch regierende Machthaber in Panama bis zur amerikanischen Invasion im Dezember 1989, 1990 in den USA zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wegen Drogengeschäften.

Gerade jetzt ist das Buch des US-Journalisten Christopher Hitchins erschienen, in dem der einstmalige US-Außenminister Kissinger zum Kriegsverbrecher gestempelt wird. In der Rezension der FAZ von "Die Akte Kissinger" am 28. August 2001 heißt es: "Schließlich der Vietnam-Krieg: Hier besteht ein schwerwiegender Anfangsverdacht, dass Kissinger durch die vorsätzlich in Kauf genommene Tötung von Hunderttausenden von Zivilpersonen in Indochina - besonders durch das Bombardement der neutralen Staaten Laos und Kambodscha - zum Kriegsverbrecher geworden ist. Kissinger hat bei den - von ihm mit zu verantwortenden - Einsätzen für militärische Zwecke ,Kollateralschäden*' in einer Größenordnung hingenommen, die durch kein Völkerrecht (jus in bello) gedeckt ist." Wo war denn da die Anteilnahme der ‚freien Welt' am Schicksal dieser Menschen? Aber das war die Zeit, als der Kampf gegen den Kommunismus, gegen das "Reich des Bösen", jede Untat rechtfertigte!

In dem genannten Buch wird auch belegt, in welchem Masse Kissinger verantwortlich war für den Sturz Allendes und die Installierung des Pinochet-Regimes in Chile, dessen Terror über 3000 Menschen zum Opfer fielen. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher und Staatsterrorist aber ist nach wie vor ein international hochangesehener Mann, der sich gerade wieder in der BRD aufhielt. Zur Eröffnung der Ausstellung im "Liebeskind-Museum". Wer die Verbrechen des Herrn Kissinger nicht anklagt, braucht um die Opfer in New York nicht zu trauern!

Wer hat denn hier offiziell protestiert, als die serienweisen Mordanschläge des CIA gegen ein Staatsoberhaupt wie Fidel Castro bekannt wurden?

Wer hat sich denn hier empört angesichts des durch die USA praktizierten Staatsterrorismus durch Bombardierung Libyens und des Sudan? Schließlich: Dem Bombardement der in der NATO vereinigten Staatsterroristen "des Westens" fielen in Jugoslawien 1999 etwa 1500 Frauen und Männer aus der Zivilbevölkerung - Kinder und alte Menschen - zum Opfer. Kalt lächelnd und achselzuckend nannte das der berüchtigte Pressesprecher der NATO, Jamie Shea, "Kollateralschäden*"! Das war es denn - von wegen Anteilnahme und Trauer.

Wäre man eines gleichen Zynismus fähig wie Herr Shea, könnte man versucht sein, die Opfer in New York und Washington als "kollaterale Folgeschäden" der jahrzehntelangen staatsterroristischen Politik des US-Imperialismus im Dienste des großen Kapitals der USA zu sehen. Wer auch immer die Organisatoren dieser als "logistische Meisterleistung" (DLF, 11.9.01) bezeichneten Aktion sind - der durchschlagende Erfolg beweist, dass die USA in ihrem Weltbeherrschungswahn auf einem verderblichen Irrweg sind. Tausende Atomwaffen und Raketen, ausreichend als Vernichtungspotential für das Auslöschen der Menschheit, eine für Friedenszeiten weit überdimensionierte Armee, Flotte und. Luftwaffe mit Stützpunkten rund um den Erdball, den man durch Satelliten lückenlos bis in den letzten Winkel permanent überwachen kann, ein Netz von Geheimdiensten, dass sich die USA 30 (dreißig) Milliarden Dollar im Jahr kosten lassen - all das schützt die USA nicht davor, mit Reaktionen auf ihre zutiefst kriminelle Politik im eigenen Land konfrontiert zu werden.  Warum? Weil diese Art der Kriegführung, gestützt auf "logistische Meisterleistungen" in der Vorbereitung der Aktionen und als entscheidender Voraussetzung beruht auf der Bereitschaft von Menschen, bewusst das Opfer des eigenen Lebens darzubringen, um den Feind zu treffen. Ohne das gesamte öffentliche Leben stillzulegen, gibt es dagegen keinen Schutz.

Aber diese in höchstem Masse verzweifelte Form des Widerstands erwächst nur da, wo Unterdrückung unerträglich wird.  Die Geschichte kennt ja andere Beispiele des bewussten Opfertodes. Etwa das des Schweizer Freiheitshelden, des Bauern aus Stanz, Arnold Winkelried, der sich 1396 in der Schlacht bei Sempach in die Lanzen der Österreicher stürzte und damit den Weg frei machte für den eigenen Sieg (über Herzog Leopold III. von Österreich).

Unter jenen vielen Partisanengeschichten, die man mir bei meinen Aufenthalten in Sarajewo in den 80er Jahren berichtete, war auch diese: Ein Bosnier bekam den Auftrag, einen voll mit deutschen Soldaten besetzten LKW durch das Gebirge zu fahren. In einer scharfen Serpentine steuerte er den LKW mit Vollgas in den Abgrund. In der Gewissheit, das keiner überleben werde - auch er nicht!

Die bedingungslose Bereitschaft zur Selbstaufgabe aber zeigt auch: So überwältigend übermächtig in der modernen Welt die Technik uns auch zu beherrschen scheint - letztlich entscheidet der Mensch, wenn er zu allem entschlossen ist! Für die USA - und ganz allgemein für die imperialistischen Staaten - gibt es angesichts dessen nur einen Schutz: Zu brechen mit der bisherigen imperialistischen Politik der rücksichtslosen Durchsetzung von Profit- und Machtinteressen mit staatsterroristischen Mitteln und Methoden, siehe Panama, siebe Chile, siehe Indochina, siehe Kuba, siehe Irak und siehe Jugoslawien. In weniger direkter Form - aber es könnte sein, dass er aus seiner Perspektive betrachtet letztlich das Gleiche meint wie ich - brachte es der Chefredakteur des Deutschlandfunks, Prof. Dr. Rainer Burchardt, in einem Kommentar zu später Stunde am 11. September mit den Worten zum Ausdruck, angesichts des weltweiten Schocks über die Ereignisse "könnte dieser Tag vielleicht auch eine Wende zu größerer globaler Gerechtigkeit werden".


Der Kreisauer Kreis war eine bürgerlich-zivile Widerstandsgruppe, die sich während der Zeit des Nationalsozialismus mit Plänen zur politisch-gesellschaftlichen Neuordnung nach dem angenommenen Zusammenbruch der Hitler-Diktatur befasste.

Der Kreis, dessen Führungspersönlichkeiten Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg waren, bildete sich im Jahr 1940. Nach der Verhaftung Moltkes Anfang 1944 löste sich der Kreisauer Kreis de facto auf, einige Kreisauer schlossen sich der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an. Nach dessen Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 gelang es der Gestapo, die Arbeit des Kreises aufzudecken. Sie nannte die Widerstandsgruppe nach Moltkes Gut Kreisau in Schlesien „Kreisauer Kreis“ – vermutlich wurde der Begriff von Theodor Haubach während seiner Vernehmungen benutzt und prägte damit den Namen, der später Eingang in die Geschichtsschreibung fand.

Der Kreisauer Kreis bestand aus einem „inneren Kreis“ von etwa 20 Personen und ungefähr genauso vielen Mitwissern und Sympathisanten, welche – und dieser Aspekt hebt den Kreisauer Kreis von anderen antinationalsozialistischen Widerstandsgruppen ab – aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten stammten. Persönlichkeiten aus dem Bürgertum, dem Adel, der Arbeiterbewegung, dem Katholizismus und dem Protestantismus arbeiteten in diesem Kreis zusammen. Die Kreisauer Pläne zur Neuordnung gingen weit über eine bloße Restauration vergangener Zustände – also der Weimarer Republik oder der Monarchie – wie sie beispielsweise von der Goerdeler-Gruppe angestrebt wurde, hinaus. Auf der Basis der Auffassung, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft sei der Kulminationspunkt einer geschichtlichen Entwicklung weg vom christlichen Universalismus des Mittelalters hin zum säkularisierten, absoluten Staat, strebten die Kreisauer eine grundlegende geistige, gesellschaftliche und politische Reform an, die den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt aller Betrachtungen stellt. Vom Individuum ausgehend, wollten die Kreisauer eine Gesellschaftsordnung schaffen, die den Einzelnen zu Selbstbestimmung und Übernahme (politischer) Verantwortung befähigen sollte. Die sozialpolitische Komponente der Kreisauer Pläne war stark sozialistisch geprägt, außenpolitisch strebten sie eine gesamteuropäische Integration an. Hans Mommsen nannte das Kreisauer Programm einen „[…] umfassenden Zukunftsentwurf […], dessen Kühnheit und innere Stringenz von anderen politischen Reformkonzepten des deutschen Widerstandes gegen Hitler nicht übertroffen worden ist

http://de.wikipedia.org/wiki/Kreisauer_Kreis