Elternhaus und Jugend
Älteste Abbildung Martin Luthers als Augustinermönch
mit
Tonsur, Lucas Cranach der Ältere, 1520
Luthers Eltern waren der Bauer, Bergmann, Mineneigner und
spätere Ratsherr Hans Luder (1459–1530) und dessen Ehefrau
Margarethe, geb. Lindemann (1459–1531), die aus
Möhra
stammten.
Luther wurde als ihr erster oder zweiter Sohn in Eisleben
geboren. Am folgenden
Martinstag (11. November 1483) wurde er auf den Namen des
Tagesheiligen in der
St.-Petri-Pauli-Kirche getauft. Er wuchs im benachbarten
Mansfeld auf, wo der Vater als Hüttenmeister im
Kupferschieferbergbau bescheidenen Wohlstand erwarb. Beide „Lutherstädte“
liegen im
Mansfelder Land und heute im
Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt und hatten
damals einige tausend Einwohner.
Luther erfuhr eine damals normale, strenge väterliche, aber
auch liebevolle Erziehung. Seine Eltern waren kirchentreu, aber
nicht übermäßig fromm. Von 1488 bis 1497 besuchte er die
Mansfelder Stadtschule und danach für ein Jahr die
Magdeburger Domschule. Dort unterrichteten ihn die
Brüder vom gemeinsamen Leben, eine spätmittelalterliche
Erweckungsbewegung. 1498 schickten ihn die Eltern auf das
Franziskanerstift
Eisenach, wo er eine musikalisch-poetische Ausbildung
erhielt. Er galt als sehr guter Sänger.
Verwirrungen gab es um Luthers Geburts- und auch das
Sterbehaus in Eisleben. Das Geburtshaus ging 1689 in Flammen
auf, 1693 errichtete die Stadt auf dem Grundstück einen
würdevollen
Barockbau, der als eines der ersten deutschen Museen in
Deutschland gilt. An der Stelle des Sterbehauses am Markt 56
entstand Ende des 16. Jahrhunderts ein Neubau, heute ein Hotel.
Die ursprünglichen Eigentümer zogen in ein Haus am
Andreaskirchplatz, das seitdem als das Sterbehaus angesehen
wurde. Diese Verwechslung kam durch einen Irrtum in der
Erforschung der Baugeschichte zustande.
Studium
Von 1501 bis 1505 studierte Luther an der
Universität Erfurt in Thüringen und erlangte den Titel eines
„Magister
Artium“ der
Philosophischen
Fakultät: Zum Studium gehörte eine
lateinische Grundausbildung in den Fächern
Grammatik,
Rhetorik,
Dialektik,
Arithmetik,
Geometrie,
Musik
und
Astronomie. Hier erwarb er sich eine genaue Kenntnis der
Lehren des
Aristoteles, die seit
Thomas von Aquin die mittelalterliche
Scholastik beherrschten, aber in
Erfurt bereits in der
Kritik des
Nominalismus standen.
Auf väterlichen Wunsch begann Luther das Studium der
Rechtswissenschaften. Doch am 2. Juli 1505 wurde er nach dem
Besuch seiner Eltern in Mansfeld auf dem Rückweg nach Erfurt bei
Stotternheim von einem schweren Gewitter überrascht, hatte
Todesangst und rief zur Heiligen Anna, der Mutter Marias: „Heilige
Anna, hilf! Lässt Du mich leben, so will ich ein
Mönch werden.“ Weshalb der junge Luther gerade dieses
Gelübde ablegte und dann einen kirchlichen Lebensweg einschlug,
erklärt sich weder aus seiner Erziehung noch seiner Todesangst
ganz.
Jedenfalls trat er am 17. Juli 1505 gegen den Willen seines
Vaters in das
Kloster der Augustinereremiten in Erfurt ein.
Hier übte er die Ordensregeln in vorbildlicher Strenge, so
dass er schon am 27. Februar 1507 zum
Priester geweiht wurde. Trotz täglicher Bußübungen litt
Luther große Gewissensqualen. Seine Hauptfrage war: „Wie kriege
ich einen gnädigen Gott?“ Die Frage entzündete sich nicht an
Missständen der kirchlichen Praxis, sondern am Sakrament der
Buße, deren Vorbedingung die aufrichtige
Reue
aus Liebe zu Gott, nicht Angst vor Gottes Bestrafung, und die
Beichte aller, auch der heimlichsten, einem selbst
unbewussten Sünden war. Luther nahm diese Forderungen sehr ernst
und stürzte deshalb in verzweifelte Heilsungewissheit darüber,
ob er diese Voraussetzung erfüllen könne oder aber mit einer
ungültigen Absolution ewige Verdammnis auf sich ziehen würde. Er
erfuhr seine Unfähigkeit, aus Liebe, nicht Angst, Gottes
Forderungen zu erfüllen, so dass er auch an der zugesagten
Vergebung zweifelte.
Sein
Beichtvater
Johann von Staupitz, der Generalvikar der
Kongregation, empfahl Luther daraufhin für ein
Theologiestudium und versetzte ihn dazu 1508 nach
Wittenberg. In der dortigen Klosterschule lernte er die
Theologie
Wilhelm von Ockhams kennen, der Gottes Freiheit ebenso wie
die menschliche Willensfreiheit betonte, dazu die
Kirchenväter, vor allem – vermittelt durch die Sentenzen
des
Petrus Lombardus –
Augustin. Ein Jahr darauf promovierte er auch zum
baccalarius biblicus (Professor der
Bibel),
der
Griechisch und
Hebräisch beherrschte, und hatte nun neben Moralphilosophie
auch biblische Fächer zu lehren.
1510 reiste Luther nach
Rom,
um im Auftrag seines Erfurter
Konvents, in den er inzwischen zurückgekehrt war, gegen die
von oben befohlene Vereinigung der strengen
Observanten mit den liberaleren Augustinerklöstern zu
protestieren. Er nahm an einer Generalbeichte teil und rutschte
auf dem Bauch die
„Heilige Treppe“ am Lateran hinauf, um Sündenvergebung für
sich und seine Verwandten zu erlangen. Er zweifelte also damals
noch nicht an der römischen Bußpraxis, war aber schon entsetzt
über den Unernst und Sittenverfall, die ihm in Rom begegneten.
1511 holte Staupitz ihn erneut nach Wittenberg und machte ihn
1512 als Doktor der Theologie zu seinem Nachfolger. Mit dem
thomistischen Gedanken, dass sein Gewissensleiden von Gott
selbst hervorgerufen sei, um wahre Demut in ihm zu wecken,
konnte er Luthers Gewissensnot lindern, aber nicht lösen.
Dennoch hielt ihre Freundschaft bis zu Staupitz’ Tod 1524 an.
In den folgenden Jahren hielt Luther Vorlesungen über die
Psalmen und
Paulusbriefe. Davon sind einige Originalmanuskripte und
wörtliche Nachschriften erhalten. Sie erlauben es, Luthers
Entwicklung bis zum Bruch mit den römisch-katholischen Lehren im
Detail nachzuvollziehen. Er folgte anfangs noch dem Schema des
„vierfachen Schriftsinns“ und deutete das
Alte Testament
allegorisch auf Christus. Dabei hielt er sich an die
überlieferte Bibeldeutung des Ockhamismus,
Neuplatonismus, der
Mystik oder der „Devotio
moderna“, formte sie aber bereits ganz auf den Glauben des
Einzelnen hin um. Dessen auswegloser Verlorenheit stellte er
schon die unmittelbare Gnade Gottes gegenüber, noch ohne über
deren Vermittlung durch Kirche und
Sakramente nachzudenken. Themen wie das
Papsttum und die
Jungfrauengeburt spielten hier noch keine Rolle.
Reformatorische Wende
In der Lutherforschung ist umstritten, wann Luther die
Gerechtigkeit Gottes
sola gratia (allein aus Gnade) entdeckte. Von der
Datierung der Reformatorischen Entdeckung hängt ihre nähere
inhaltliche Bestimmung und Bedeutung für die beginnende
Reformation mit ab.
In einer späteren Eigenaussage beschrieb Luther diesen
Wendepunkt als unerwartete
Erleuchtung, die er in seinem Arbeitszimmer im Südturm des
Wittenberger Augustinerklosters erfahren habe. Manche datieren
dieses Turmerlebnis auf die Jahre 1511 bis 1513, andere
um 1515 oder um 1518, wieder andere nehmen eine allmähliche
Entwicklung der reformatorischen Wende an. Unstrittig ist, dass
Luther sein Erlebnis als große Befreiung empfand. In der
einsamen
Meditation über den Bibelvers
Röm 1,17
EU habe er plötzlich entdeckt, was er seit einem
Jahrzehnt vergeblich gesucht hatte:
„Denn darin wird offenbart die
Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben
kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht (Hab
2,4
EU): Der Gerechte wird aus dem Glauben leben.“
Dieser Bibelvers führte früher oder später zu seinem neuen
Schriftverständnis: Gottes ewige Gerechtigkeit sei ein reines
Gnadengeschenk, das dem Mensch nur durch den Glauben an Jesus
Christus gegeben werde. Keinerlei Eigenleistung könne dieses
Geschenk erzwingen. Auch der Glaube, das Annehmen der
zugeeigneten Gnade, sei kein menschenmögliches Werk. Damit war
für Luther die gesamte mittelalterliche Theologie mit ihrer
kunstvollen Balance zwischen menschlichen Fähigkeiten und
göttlicher Offenbarung (Synergismus)
zerbrochen. Von nun an nahm er die Kirche, die sich in all ihren
Formen und Inhalten als Vermittlungsanstalt der Gnade Gottes an
den Menschen sah, zunehmend kritischer in den Blick.
In der
Römerbrief-Vorlesung von 1515 liegt Luthers neues
Verständnis der Rechtfertigung allein aus Gnade Gottes bereits
ausformuliert vor, wenn auch noch vermischt mit Denkschemata
Augustins und der Mystik von
Johannes Tauler. 1516 veröffentlichte er zudem die
Theologia deutsch, das Werk eines unbekannten Mystikers
(genannt der „Frankfurter“), das ihn in seiner wachsenden
Ablehnung äußerlicher kirchlicher Riten bestärkte. Mit der
Änderung seines Nachnamens von Luder zu Luther –
nach dem griechischen Wort ελευθερός (eleutheros: „Befreiter“,
„frei“) – signalisierte er seit 1517 auch äußerlich seine innere
Verwandlung.
Ablass und 95 Thesen
Ablassbriefe sollten den Gläubigen einen dem Geldbetrag
entsprechenden Bußerlass für sie oder für bereits gestorbene
Angehörige bescheinigen, wurden aber als Sündenerlass gegen Geld
verkauft: Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem
Fegefeuer springt. Damit sollte der Bau des
Petersdoms in Rom finanziert werden.
Genau ein Jahr vor dem Thesenanschlag in Wittenberg predigte
Luther erstmals öffentlich gegen die Ablasspraxis. Im Sommer
1517 bekam er die vom Mainzer
Kardinal
Albrecht verfasste Instructio Summarium, eine
Anweisung für die im Land umherreisenden Ablassprediger, zu
Gesicht. Mit einem Teil dieser Einnahmen wollte der Erzbischof
seine Schulden bezahlen, die er bei den
Fuggern hatte. Diese hatten ihm sein
Kurfürstenamt finanziert. Dazu sandte er den Ablassprediger
Johann Tetzel auch nach
Sachsen.
Am 4. September 1517 gab Luther zunächst 97 Thesen nur für
seine Dozenten-Kollegen heraus, um einen
Disput über die gesamte scholastische Theologie unter ihnen
in Gang zu bringen. Eine wörtliche Kopie davon fand sich erst
kürzlich in der
Herzog August Bibliothek in
Wolfenbüttel wieder. Erst dann verfasste Luther jene Reihe
von
95 Thesen, die direkt auf den Ablass Bezug nahmen. Er soll
sie nach einer auf
Philipp Melanchthon zurückgehenden Überlieferung am 31.
Oktober am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg
angeschlagen haben; dies bezweifelt die Forschung.
Diese Thesen fanden den großen öffentlichen Widerhall, der
die Reformation auslöste. Darin protestierte Luther weniger
gegen die Finanzpraktiken der Katholischen Kirche als gegen die
darin zum Ausdruck kommende verkehrte Bußgesinnung. Der
Ablasshandel war für ihn nur der äußere Anlass, eine
grundlegende Reform der ganzen Kirche „an Haupt und Gliedern“ zu
fordern. Dabei griff er den Papst noch nicht direkt an, sah
dessen Aufgabe aber in der
Fürbitte für alle Gläubigen. Für die breitere Bevölkerung
verfasste er 1518 den in einfacher, verständlicher Weise
abgefassten Sermon von dem Ablass und Gnade.
Kardinal Albrecht zeigte Luther nun in Rom an; Tetzel
reagierte mit Gegenthesen auf die Disputationsreihe vom
September, bei der ihn der Ingolstädter Theologe
Johannes Eck unterstützte. Im April 1518 durfte Luther im
Auftrag von Staupitz vor der Augustinerkongregation in der
Heidelberger Disputation seine Theologie erläutern. Hier
grenzte er die exklusive Relation von Gnade zum Glauben scharf
gegen Aristoteles und die menschliche Willensfreiheit ab. Er
gewann eine Reihe von Anhängern, die später zu Reformatoren
wurden, darunter
Martin Bucer,
Johannes Bugenhagen,
Johannes Brenz,
Sebastian Franck. Im August berief die
Universität Wittenberg außerdem Philipp Melanchthon, der
bald Luthers engster Freund und Schüler wurde.
Der römische Prozess
Im Juni 1518 hatte die
Kurie
Luther nach Rom vorgeladen, um die Gefahr der
Ketzerei in einem Verfahren zu untersuchen. Noch vor dem
Termin wurde die Anklage auf
notorische Ketzerei geändert: Spitzel in Luthers
Wittenberger Vorlesungen hatten ihn mit gefälschten Thesen
denunziert. Er ersuchte aus gesundheitlichen Gründen um eine
Anhörung auf deutschem Gebiet, wobei er sich auf die
Gravamina* deutscher Nation berief. Der sächsische Kurfürst
Friedrich der Weise, der ihn ausliefern sollte, unterstützte
ihn dabei.
*
Beschwerden; im 15./16.Jahrhundert auf Reichstagen und Konzilien
als »Gravamina nationis germanicae« vorgetragene Beschwerden
über kirchliche Missstände.
Damit wurde Luthers Prozess in politische Interessen
verwickelt: Papst
Leo
X. brauchte den Kurfürsten für die anstehende Kaiserwahl und
gab seinem Einwand im August 1518 daher statt. Kardinal
Thomas Cajetan sollte Luther beim
Reichstag zu Augsburg verhören. Vom 12. bis 14. Oktober 1518
sprach Luther dort vor. Er weigerte sich, zu widerrufen, wenn er
nicht aus der Bibel heraus widerlegt würde. Für Cajetan war er
damit als Ketzer überführt und hätte ausgeliefert werden müssen.
Doch Friedrich lehnte dies weiterhin ab. Luther entzog sich der
drohenden Verhaftung in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober 1518
durch Flucht aus Augsburg.
Im Januar 1519 starb Kaiser
Maximilian I.: Er hatte den spanischen König
Karl I. als Nachfolger vorgesehen. Der Papst wollte diesen
verhindern, da er wegen Karls Besitztümern in Italien eine
Umklammerung des Kirchenstaats fürchtete. Deshalb ließ er
Luthers Prozess zunächst ruhen und beauftragte
Karl von Miltitz, den Kurfürsten für eine friedliche Lösung
zu gewinnen. Der römische Gesandte erreichte, dass Luther sich
zum Schweigen verpflichtete.
Während der Verfahrenspause stellte Eck Thesen für ein
Streitgespräch mit Luthers Wittenberger Dozentenkollegen
Andreas Bodenstein (genannt Karlstadt) auf. Diese richteten
sich so klar gegen Luther, dass dieser sein Schweigen brach und
vom 4. bis 14. Juli 1519 persönlich an der
Leipziger Disputation teilnahm. Dort spitzte Eck den
Konflikt auf die Frage der Papstautorität zu; Luther wagte nun
die These, der Papst sei de iure erst seit 400 Jahren –
dem
Decretum Gratiani, das päpstliches mit kanonischem Recht
gleichstellte – Führer der Christenheit.
Eck versuchte Luther dann als Anhänger des 100 Jahre zuvor
als Ketzer verbrannten
Jan Hus zu überführen; Luther warf Rom im Gegenzug die
Abspaltung der
Orthodoxie vor. Er ordnete nun auch das
Konzil von Konstanz der Autorität der Heiligen Schrift
unter. Dieses hatte das Nebeneinander von drei Päpsten zwar
beendet, aber die Autoritätsfrage – Konzil oder Papst – nicht
geklärt. In diesem Kontext fiel Luthers Satz: „Auch Konzile
können irren.“ Damit stellte er die individuelle
Gewissensfreiheit im Hören auf die Bibel auch über
autoritative Konsensentscheidungen der Bischöfe. Dies war der
Bruch mit der katholischen Kirche.
Nachdem Karl am 28. Juni 1519 doch zum Kaiser gewählt worden
war, nahm die Kurie Luthers Prozess wieder auf. Nach einem
weiteren ergebnislosen Verhör vor Cajetan erließ der Papst am
15. Juni 1520 die
Bannbulle
Exsurge Domine. Sie verdammte 41 aus dem Zusammenhang
gerissene und teilweise verdrehte Sätze Luthers ohne Begründung
und Widerlegung, setzte ihm eine Frist von 60 Tagen zur
Unterwerfung und drohte ihm den Kirchenbann (Ausschluss) an.
Reichstag zu Worms
Dennoch widmete Luther im Oktober 1520 Papst Leo seine
Schrift
Von der FreHiheit eines Christenmenschen und appellierte
an ein neues Konzil. Am 10. Dezember aber vollzog er den
endgültigen Bruch, indem er auf Verbrennungen seiner Bücher mit
der Verbrennung der Bulle sowie einiger Schriften der Scholastik
und des kanonischen Rechts vor dem Wittenberger
Elstertor antwortete. Daraufhin wurde er am 3. Januar 1521
mit der Bannbulle
Decet Romanum Pontificem exkommuniziert.
Dies und seine reformatorischen Hauptschriften machten Luther
nun im ganzen Reich bekannt. Der
Buchdruck, die allgemeine soziale Unzufriedenheit und
politische Reformbereitschaft verhalfen ihm zu einem
außergewöhnlichen publizistischen Erfolg: Bis zum Jahresende
waren bereits 81 Einzelschriften und Schriftsammlungen von ihm
erschienen, vielfach in andere Sprachen übersetzt, in insgesamt
653 Auflagen.
In vielen Ländern regten sich ähnliche Reformbestrebungen, die
nun sehr stark von den politischen Spannungen zwischen
Fürstentümern und Zentralmächten bestimmt wurden.
Kurfürst Friedrich der Weise erreichte durch zähes
Verhandeln, dass Luther seine Position vor dem nächsten
Reichstag nochmals erläutern und verteidigen durfte. Das zeigt
den Niedergang der mittelalterlichen Macht von Papst und Kaiser:
Karl V. war der letzte Kaiser, den ein Papst krönte. Am 17.
April 1521 stand Luther vor dem
Reichstag zu Worms, wurde vor den versammelten Fürsten und
Reichsständen verhört und letztmals zum Widerruf aufgefordert.
Nach einem Tag Bedenkzeit und im Wissen, dass dies sein Tod sein
konnte, lehnte er mit folgender Begründung ab:
„[Da] … mein Gewissen in den Worten Gottes
gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es
gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu
tun. Gott helfe mir. Amen.“
Die oft zitierte Version Hier stehe ich, ich kann nicht
anders, Gott helfe mir, Amen ist nicht belegt.
Darauf verhängte der Reichstag am 26. Mai 1521 das auf den 8.
Mai rückdatierte, vom Kaiser gezeichnete
Wormser Edikt über ihn:
Es verbot unter Berufung auf die Bannbulle des Papstes im
gesamten Reich, Luther zu unterstützen oder zu beherbergen,
seine Schriften zu lesen oder zu drucken, und gebot, ihn
festzusetzen und dem Kaiser zu überstellen. Die
Reichsacht wurde den Ständen jedoch erst nach dem
offiziellen Reichstag mitgeteilt, so dass ihre Rechtsgültigkeit
vielfach bestritten wurde. Auch so hätte jeder Luther töten
können, ohne dafür belangt zu werden: Er war nun „vogelfrei“.
Gemäß der Zusage an seinen Kurfürsten erhielt er aber freies
Geleit. Später bereute Karl V. diese Zusage, weil die folgende
Reformation die Einheit seines Reiches zerstörte.
Der Geächtete wurde am Abend des 4. Mai 1521 auf dem Heimweg
nahe
Schloss Altenstein bei
Bad Liebenstein von Friedrichs Soldaten heimlich entführt
und auf der Eisenacher
Wartburg festgesetzt, um ihn der Gefahr zu entziehen.
Bibelübersetzung
Lutherstube auf der Wartburg

Auf der Wartburg blieb Luther bis zum 1. März 1522
inkognito als „Junker Jörg“. Auf Anraten Melanchthons
übersetzte er im Herbst 1521 das
Neue Testament in nur elf Wochen ins Deutsche. Als Vorlage
diente ihm ein Exemplar der griechischen Bibel des
Erasmus von Rotterdam, zusammen mit dessen eigener
lateinischen Übersetzung sowie der
Vulgata. Luthers
Bibelübersetzung erschien ab September 1522. 1523 erschien
auch Luthers erste Teilübersetzung des Alten Testaments; beide
zusammen erlebten bis 1525 bereits 22 autorisierte Auflagen und
110 Nachdrucke, so dass bis zu einem Drittel aller lesekundigen
Deutschen dieses Buch besaßen.
1534 übersetzte Luther auch das übrige Alte Testament aus damals
wiederentdeckten Handschriften der
Masoreten; beide Testamente zusammen bilden die berühmte
Lutherbibel.
Damit machte Luther biblische Inhalte auch dem einfachen Volk
zugänglich. Zwar gab es vorher schon 14 hochdeutsche und vier
niederdeutsche gedruckte Bibelausgaben. Jedoch waren diese
Übersetzungen durch ihr „gestelztes“ Deutsch für das einfache
Volk schwer verständlich. Vor allem fußten sie auf der Vulgata,
der die griechische
Septuaginta zugrunde lag: Sie hatten also zuvor mindestens
zwei Übersetzungsschritte hinter sich. Luther dagegen bemühte
sich wie die
Humanisten um eine möglichst direkte Übersetzung der
hebräischen und
griechischen
Urtexte.
Er übersetzte weniger wörtlich, sondern versuchte, biblische
Aussagen nach ihrem Wortsinn (sensus literalis) ins
Deutsche zu übertragen. Er wollte „dem Volk aufs Maul schauen“
und verwendete daher eine kräftige, bilderreiche, volkstümliche
und allgemein verständliche Ausdrucksweise. Sein Schreibstil
wirkte stil- und sprachbildend für Jahrhunderte. So ersann er
Ausdrücke wie Feuertaufe, Bluthund, Selbstverleugnung,
Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Gewissensbisse, Lästermaul
und Lockvogel. Metaphern wie „Perlen vor die Säue werfen“, „ein
Buch mit sieben Siegeln“, „die Zähne zusammenbeißen“, etwas
ausposaunen, gehen ebenso auf ihn zurück wie „im Dunkeln
tappen“, „ein Herz und eine Seele“, „auf Sand bauen“ oder ein
„Wolf im Schafspelz“ und „der große Unbekannte“.
Bei seiner Übersetzung legte Martin Luther die Bibel gemäß
seiner Auffassung von dem, „was Christum treibet“ – Gottes Gnade
in Christus als Ziel und Mitte der ganzen Schrift – aus.
Die Sprachform war das
Ostmitteldeutsche seiner Heimat, in dem nord- und
süddeutsche Dialekte schon vor Luther verschmolzen waren. Aber
erst durch seine Bibelübersetzung entwickelte sich dieser
Dialekt zum gemeinsamen
Hochdeutsch. Sie gilt auch dichterisch als große Leistung,
da sie bis in den Silbenrhythmus hinein durchdacht war.
Protestanten verwenden die Lutherbibel nach mehreren
revidierten Neuauflagen bis heute, die bislang letzte Revision
stammt von 1984. Sie ist auch eine wichtige Basis der
Kirchenmusik, deren Texte für
Choräle,
Kantaten,
Motetten usw. verwendet werden.
Auch Luthers Predigten und Schriften waren in einer kräftigen
und volksnahen Sprache verfasst, wobei er vulgäre Ausdrücke
nicht verschmähte. Bekannt wurden viele deftige Zitate wie: „Aus
einem glücklichen Arsch kommt ein fröhlicher Furz.“
Reformation in Wittenberg
In Wittenberg predigte Karlstadt inzwischen für weitreichende
Gottesdienstreformen: u. a. gegen die Klöster, Opfergebete,
Bilder in Kirchen und für das
Abendmahl mit dem
Laienkelch. Ab 1522 setzte der Stadtrat die Neuerungen um
und beschloss auch Maßnahmen gegen
Armut
und
Unzucht, wie sie Luther in seinen Schriften von 1520
vorgeschlagen hatte. Doch die Tumulte ebbten nicht ab: Viele
Nonnen und Mönche verließen nun die Klöster in Sachsen. Die
Zwickauer Propheten, die unter dem Visionär
Nikolaus Storch und dem Lutherschüler
Thomas Müntzer gegen die
Kindertaufe vorgingen und deshalb aus
Zwickau ausgewiesen worden waren, verschärften die Unruhe.
Daraufhin folgte Luther dem Hilferuf der Stadtväter und
kehrte im März nach Wittenberg zurück. Mit den acht
Invokavitpredigten überzeugte er die Bürger binnen einer
Woche von maßvolleren Reformen. Die Liebe, nicht äußere Dinge
seien entscheidend; Bilderbeseitigung sei unnötig, da Bilder
nicht schadeten. Bis auf die Opfergebete ließ er die römische
Messordnung unverändert, führte aber daneben das evangelische
Abendmahl ein. Nachdem der alte Stadtpfarrer Simon Heins Anfang
September 1523 verstorben war, wurde
Johannes Bugenhagen auf Luthers Empfehlung um den 25.
Oktober 1523 vom Rat der Stadt und den Vertretern der Gemeinde
Wittenberg als Stadtpfarrer an der Stadtkirche gewählt [15].
Damit kehrte Ruhe ein, und Karlstadt verließ die Stadt. Am 9.
Oktober 1524 gab Luther sein Dasein als Mönch auf.
Mit Luthers Abgrenzung von den „Schwärmern“ fiel eine
Vorentscheidung für den Verlauf der Reformation: Der radikale
Bruch mit katholischen Gottesdienstformen blieb ebenso aus wie
gleichzeitige tiefgreifende
Sozialreformen. Dafür erfuhr Luther nun Unterstützung der
Böhmischen Brüder und der
Utraquisten (gemäßigte Hussiten). Am 29. Oktober 1525 hielt
er die erste
deutsche Messe ab. Ab Weihnachten wurde sie in Wittenberg
üblich. Im folgenden Jahr veröffentlichte Luther eine
Gottesdienstordnung.
Heirat und Familie
Katharina von Bora war gemeinsam mit weiteren acht
Nonnen zu Ostern im April 1523 aus dem
Kloster Nimbschen (Zisterzienserinnen)
geflohen und lebte seitdem in Wittenberg.
Luther verlobte sich mit ihr am 13. Juni und feierte Hochzeit am
27. Juni 1525. Die Eheschließung entsprach seinen Lehren, da er
sie nicht mehr als sakrales Sakrament verstand, den
Zölibat ablehnte und die Auflösung der Klöster verlangt
hatte.
Katharina war ihm in seinen persönlichen Problemen eine große
Hilfe. Durch Beherbergung von Studenten, die zahlreiche
Aussprüche Luthers aufschrieben, beugte sie wirtschaftlichen
Nöten vor. Luther hatte mit ihr sechs Kinder:
- Johannes, *7. Juni 1526 in Wittenberg, † 27. Oktober
1575 in Königsberg (Preußen),
- Elisabeth, * 10. Dezember 1527 in Wittenberg, † 3.
August 1528 in Wittenberg,
- Magdalena, * 4. Mai 1529 in Wittenberg, † 20. September
1542 in Wittenberg,
- Martin, * 7. November 1531 in Wittenberg, † 4. März 1565
in Wittenberg,
-
Paul, * 28. Januar 1533 in Wittenberg, † 8. März 1593 in
Leipzig,
- Margarethe, * 17. Dezember 1534 in Wittenberg, † 1570 in
Mühlhausen/Ostpreußen.
Derzeit leben rund 2.800 Nachkommen von Martin Luther und
Katharina von Bora..
Sie sind in der Lutheriden-Vereinigung organisiert.
Allerdings war der 1759 verstorbene Martin Gottlob Luther der
letzte unter ihnen, der den Nachnamen Luther trug.
Luthers Wappen war die „Lutherrose“,
deren Symbolik er in einem Brief vom 8. Juli 1530 beschrieb.
Diese weiße heraldische* Rose, belegt mit einem roten Herzen,
darin ein schwarzes Kreuz; von M.Luther zur Kennzeichnung seiner
Schriften und als Petschaft verwendet.
* "Heroldskunst" vom französischen "héraut" =
Herold. Da gibt es Regeln und Gesetze für die Wappenanfertigung
und Wappenführung, auch theoretische Heraldik genannt im Rahmen
der sogenannten Wappenkunst.