Alfred Adler
und seine individualpsychologische Theorie
„Kein Mensch kann denken, fühlen, wollen, sogar träumen, ohne dass all dies
bestimmt, bedingt, eingeschränkt, gerichtet wäre durch ein ihm vorschwebendes
Ziel." (Alfred Adler, 1971)

Der österreichisch-jüdisch Arzt und Psychotherapeut, Alfred Adler, wurde am 7. Februar 1870 in Rudolfsheim bei Wien geboren und starb am 28. Mai 1937 während einer Vortragsreise in Aberdeen/Schottland.
1898 ließ er sich als Arzt in seiner Geburtsstadt nieder.
Um die Jahrhundertwende begegnet er Sigmund Freud (der gern als "Urvater" der Psychologie bezeichnet wird). Fast von Anfang an stimmte Adler in vielen Punkten nicht mit Freud überein (insbesondere mit dessen Sexualtheorie). Schließlich kam es im Jahre 1911 zum Bruch mit Sigmund Freud. Adler wurde dann der Begründer der Individualpsychologie mit Unterstützung von einigen weiteren "Dissidenten" (Abweichlern von der Freudschen Sexualtheorie des Seelenlebens). Im Lehrbuch "Pädagogik" (herausgegeben von Hermann Hobmair, Stam-Verlag, Köln-München) ist zu lesen: "Die Bezeichnung »Individualpsychologie«, die Alfred Adler seiner Schule gab, ist nicht sehr glücklich gewählt; sie läßt nämlich vermuten, daß seine Psychologie im Gegensatz zur Sozialpsychologie steht. Das Gegenteil aber ist der Fall: die Individualpsychologie sieht den Menschen nicht isoliert, sondern als Teil eines konkreten gesellschaftlichen Ganzen und betrachtet ihn als sozial eingeordnet."
(Mehr bei J. C. Rüegg: "Psychosomatik, Psychotherapie und Gehirn. Neuronale Plastizität als Grundlage einer biopsychosozialen Medizin". Stuttgart u.a. 2003.
Neben der Beschreibung der Normalpsyche
zum Verstehen der menschlichen Persönlichkeit - oder wie Adler es nannte, zum
Erwerb von Menschenkenntnis – untersuchte er als Arzt auch die
abweichenden und krankhaften psychischen Erscheinungen. Nach seinem Prinzip der
Einheit seelischer Vorgänge sah er diese als "irrtümliche Antworten auf die
Anforderungen des Lebens". Ein verstärkt erlebtes Minderwertigkeitsgefühl, dem
Adler den Begriff Minderwertigkeitskomplex gab, konnte zu einer
Überkompensation in Form eines überhöhten Geltungsstrebens oder zum so genannten
Willen zur Macht führen. Adler beschrieb den nervösen Charakter
als Übergang zwischen Normal- und Neurosenpsychologie. Die Psychose verstand er
als lediglich schärfere Ausprägung der Neurose, weshalb aus seiner Sicht beide
der psychologischen Analyse zugänglich waren.

Die Individualpsychologie vertritt die finale Betrachtungsweise ("Final" bedeutet: Auf ein Ziel gerichtet, während "kausal" mehr den Grund, die Begründung betrachtet).
Es sei wieder aus dem Lehrbuch "Pädagogik" (herausgegeben von Hermann Hobmair, Stam-Verlag, Köln-München) zitiert: Jeder Mensch strebt einem bestimmten Ziel zu, und das Verhalten eines Menschen kann nur vom Ziel her verstanden werden. Die Finalität drückt auch aus, daß der Ursprung des Zieles nicht auf objektive Ursachen zurückzuführen ist und die Zukunft, so wie sie in der Gegenwart erfahren wird, subjektiv ist. Ebenso stellt das Ziel eine Schöpfung des Individuums dar, ist ihm weitgehend unbewußt und wird als Basis für die Orientierung in der Welt genommen. Die Zielstrebigkeit beinhaltet auch die Einheit der Persönlichkeit. Die Meinung des Individuums von sich und der Welt und den damit verbundenen einzigartigen Weg, in seiner besonderen Situation nach einem Ziel zu streben, nennt die Adlerschule Lebensstil. Er formt sich weitgehend in der frühen Kindheit und stellt ein Produkt der schöpferischen Persönlichkeit dar.
Der Ursprung des Strebens nach einem Ziel liegt im Minderwertigkeitsgefühl,
welches als unangenehmes Erleben der eigenen Unzulänglichkeit und Unterlegenheit
definiert werden kann. Als Gefühl ist es immer subjektiv und von bestimmten
Wertauffassungen abhängig. Es handelt sich dabei um eine kultur- und
zivilisationsbedingte frühkindliche Entmutigung für den Menschen, die durch die
Aufgabe bedingt ist, das soziale Leben zu bewältigen. Das
Minderwertigkeitsgefühl stellt eine Gefühlslage dar, die entsteht, wo
Angestrebtes noch nicht mit eigenen Kräften erreichbar zu sein scheint (=
hoffnungsvolles Gefühl des „Noch-Nicht-Könnens").
Ungünstige Bedingungen, vor allem die Art und Weise, wie dem Kind die
Bewältigung der sozialen Wirklichkeit vermittelt wird, können das
Minderwertigkeitsgefühl verstärken. Dieses verstärkte Minderwertigkeitsgefühl - in
der Individualpsychologie des öfteren auch Minderwertigkeitskomplex genannt -
stellt eine Gefühlslage dar, die entsteht, wo Angestrebtes mit eigenen Kräften
erreicht werden muß, obwohl man es nicht kann, bzw. wo Angestrebtes nicht mit
eigenen Kräften erreicht werden darf (= Gefühl des grundsätzlichen
„Nicht-Könnens" bzw. „Nicht-Dürfens").
Das Minderwertigkeitsgefühl verhält sich nicht neutral, sondern strebt nach
einem Ausgleich, es wird kompensiert. Damit ist es der Ursprung für jegliches
Verhalten und Handeln und treibt den Menschen dazu an, das soziale Leben zu
bewältigen und seine Probleme zu lösen.
Das Kriterium, ob nun der Mensch das soziale Leben meistern kann oder nicht,
bildet das Gemeinschaftsgefühl, welches die entfaltete Fähigkeit und
Bereitschaft andeutet, den Anforderungen des Zusammenlebens zu entsprechen. Wird
nun das Kind in seinem hoffnungsvollen Streben, das soziale Leben zu meistern,
nicht behindert, sondern unterstützt und ermutigt, so wird sich die Bereitschaft
und die Fähigkeit, den Anforderungen des Zusammenlebens zu entsprechen,
entwickeln (= entfaltetes Gemeinschaftsgefühl). Es wird somit die Wirklichkeit,
die in erster Linie aus der sozialen Situation besteht, beantworten und die
Lösung für seine Probleme finden können. Das bedeutet: Das Kind wird sein Ziel
erreichen, Mut ausbilden und ein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen können.
Wird nun das Kind in seinem Streben, das soziale Leben zu bewältigen, behindert,
kann ein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl entstehen. Das führt dazu, dass es
seine sozialen Fähigkeiten nicht entfalten, damit aber die Realität, die sozial
ist, nicht beantworten und so auch nicht die Lösung für seine Probleme finden
kann. Damit kann der Mensch auch seine Ziele nicht erreichen und kein
Selbstwertgefühl aufbauen. Das Individuum baut sich seine eigene „Logik", ein
Phantasiegebilde auf, das nicht der Wirklichkeit entspricht, sondern von ihr
abweicht, und das ein Streben nach einem Ziel beinhaltet, das mehr den eigenen
Interessen und weniger denen des Allgemeinwohls entspricht (= „private Logik").
Es ist bestrebt, enorme Anstrengungen zu unternehmen, um sein Selbstwertgefühl
zu sichern; es baut Sicherungen auf, um das Ich vor Bedrohungen von außen zu
schützen und seine private Logik zu bewahren und durchzusetzen. Das Arrangieren
von Sicherungen ist ihm weitgehend unbewusst.
Der Aufbau und die Sicherung einer „privaten Logik" führen jedoch zur Leugnung
und Verfälschung der Realität, so dass es zu einem der Realität nicht angepassten
Verhalten kommt, was der Ausgangspunkt für seelische Fehlentwicklungen ist.